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Full text of "Geschichte der griechischen litteratur bis auf die zeit Justinians"

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University of Toronto 



http://www.archive.org/details/geschichtedergOOchri 



HANDBUCH 

DER 

KLASSISCHEN 



ALTERTUMS-WISSENSCHAFT 

in systematischer Darstellung 

mit besonderer Rücksicht auf Geschichte und Methodik der einzelnen 

Disziplinen. 



In Verbindung mit Gymn.-Rektor Dr. Autenrieth (Nürnberg), Prof. Dr. Ad. 
Bauer (Graz), Prof. Dr. Blass (Kiel), Prof. Dr. Brugmann (Leipzig), Prof. 
Dr. Busolt (Kiel), Prof. Dr. v. Christ (München), Prof. Dr. Flasch (Erlangen), 
Prof. Dr. Gleditsch (Berlin), Prof. Dr. Günther (München), Prof. Dr. Heer- 
deg-en (Erlangen), Oberl. Dr. Hinrichs f (Berlin), Prof. Dr. Hommel (Mün- 
chen), Prof. Dr. Hübner (Berlin), Prof. Dr. Jul. Jung" (Prag), Dr. Knaaek 
(Stettin), Priv.-Doz. Dr. Krumbacher (München), Dr. Larfeld (Remscheid), Dr. 
Lolling" (Athen), Prof. Dr. Niese (Marburg), Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Nissen 
(Bonn), Priv.-Doz. Dr. Öhmiehen (München), Prof. Dr. Pöhlmann (Erlangen), 
Prof. Dr. 0. Richter (Berlin), Prof. Dr. Schanz (Würzburg), Geh. Oberschulrat 
Prof. Dr. Schiller (Giessen), Gymn.-Dir. Schmalz (Tauberbischofsheim), Ober- 
lehrer Dr. F. Stengel (Berlin), Professor Dr. Stolz (Innsbruck), Prof. Dr. 
Unger (Würzburg), Geheimrat Dr. v. Urlichs f (Würzburg), Prof. Dr. Moritz 
Voig-t (Leipzig), Gymn.-Dir. Dr. Volkmann (Jauer), Dr. Weil (Berlin), Prof. 
Dr. Windelband (Strassburg), Prof. Dr. Wissowa (Marburg) 

herausgegeben von 

Dr. Iwan von Müller, 

ord. Prof. der klassischen Philologie in Erlangen. 



Siebenter Band. 
Geschichte der griechischen Litteratur. 



Zweite vermehrte Auflage. 

°000<^^>oS<«—>^<><^^>OOOc 

MÜNCHEN. 
C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG (OSKAR BECK). 

1890. 



GESCHICHTE 



DER 



GRIECHISCHEN LITTERATÜR 



BIS MF »IE im immm. 



Von 



Wilhelm Christ, 

ord. Professor au der Universität München. 



Zivelte vermehrte Auflage. 



Mit 24 Abbildungen. 




^-i^^^pjo"«' 



MÜNCHEN. 

C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG (OSKAR BECK). 

1890. 



THE INSTITUTE OT I^FOIAFVAl STÜOIES 
TORONTO g, Qß^HM^^ 

mn 3 '1932 



Alle Rechte vorbehalten. 



C. H. Becli'sche Buclulruckerei iu Nönlliugeii. 



Vorrede. 



Wenn man mit Eeclit von dem Verfasser eines Buclies zu liOren 
wünsclit, was ihn bestimmt liabe, den alten Darstellungen des gleichen 
Gegenstandes eine neue zur Seite zu stellen, so kann ich mich im 
vorliegenden Fall einfach auf das grosse Unternehmen, von dem dieses 
Buch nur einen Teil bildet, beziehen. Denn es ist ja selbstverständ- 
lich, dass in einem Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft 
die klassische Litteratur und diejenige, welche vor allen diesen Ehren- 
namen verdient, die griechische, nicht fehlen darf. Ich selbst wäre 
aus eigenem Antrieb schwerlich je dazu gekommen, eine griechische 
Litteraturgeschichte zu schreiben; es bedurfte der ehrenvollen Auf- 
forderung der Leiter jenes Unternehmens und der ermunternden Zu- 
rede lieber Freunde, um in mir den Entsi/hluss zu reifen und die 
eigenen Bedenken zurückzudrängen. Die Bedenken betrafen nur meine 
Person und das Missverhältnis der Schwierigkeit der Aufgabe zum 
Masse meiner Kräfte; dass an und für sich eine zusammenfassende 
Darstellung der griechischen Litteraturgeschichte, die den heutigen 
Anforderungen der kritischen Forschung entspreche, äusserst wünschens- 
wert sei, darüber besteht ja nirgends ein Zweifel, nachdem die ge- 
priesenen Werke von Bernhardy, Müller, Bergk unvollendet geblieben 
sind und auch das neueste Buch von Sittl nur bis Alexander reicht. 
Auch die Beschränktheit des Eaumes, der durch den Plan des Gesamt- 
unternehmens gegeben war, schreckte mich nicht ab. Zwar würde ich 
ja lieber eine Litteraturgeschichte in 4 Bänden geschrieben haben, 
um auf die Begründung meiner Ansichten tiefer eingehen und die 
litterarischen Hilfsmittel ausführlicher vorführen zu können. Aber 
ich habe frühe gelernt, meine Neigungen den gegebenen Verhältnissen 
unterzuordnen, und über einen umfangreichen Gegenstand ein Buch 
von kleinem Umfang zu schreiben ist auch eine Kunst, die ihren 



VI Vorrede. 

Mann fordert. So bin ich also naoli einigem Zögern auf das freund- 
liclie Anerbieten eingegangen und habe mich nacli Kräften bemüht, 
dem in mich gesetzten Vertrauen zu entspreclien. Freilich erst während 
der Arbeit lernte ich so recht die Schwierigkeiten der Aufgabe kennen, 
und mehr wie einmal drohten die Flügel mir zu erlalimen; aber die 
Liebe zur Sache und die Ermunterung der Freunde hoben mir immer 
wieder den Mut, so dass ich schliesslich doch mit Gottes Hilfe zur 
festgesetzten Zeit zum Ziele kam. 

AVas die Anlage des Buches anbelangt, so war mir schon durch 
den Plan des gesamten Handbuches die Auflage gemacht, mich nicht 
nach Art Ottfr. Müllers auf die Darlegung des Entwicklungsganges 
der griechischen Litteratur zu beschränken, sondern auch Nachweise 
über die gelehrten Hilfsmittel beizufügen. Mir selbst ward so in 
erwünschter Weise die Möglichkeit gegeben, den Urhebern derjenigen 
Auffassungen, denen ich mich in ineiner eigenen Darstellung anschloss, 
die Ehre der Erfindung zu wahren, wie es den Benutzern des Buches 
erwünscht sein wird, durch jene philologischen Schlussbemerkungen 
über die Handschriften, Ausgaben und den jetzigen Stand der For- 
schung in Kürze orientiert zu werden. Ausser am Schlüsse der 
einzelnen Absätze habe ich aber auch gleich unter dem Text zu den 
einzelnen Sätzen die litterarischen Belege und die Hauptzeugnisse 
aus dem Altertum angemerkt, die letzteren meist im vollen Wortlaut. 
Trotzdem, fürchte ich, Averden viele nicht alles finden, was sie von 
gelehrter Litteratur suchen und wünsclien; aber zugleich holfc ich, 
dass die Knappheit des zugemessenen liaumes mich entschuldigen Avird, 
wenn icli den Fortschritt in der Textesbearbeitung nicht historiscli 
verfolgt und bezüglicli der ins Unendliclie anwachsenden Programmen- 
und Aufsätzelitteratur auf EuG-elmann und andere Hilfsmittel im all- 
gemeinen verwiesen habe. Bei der Ausarbeitung im einzelnen kam 
es mir zunäclist darauf an, einen gedrängten Lebensabriss der Autoren 
und ein Verzeichnis ihrer Werke mit kurzer Bezeiclmung des Inhaltes 
und des ästhetisclien Wertes derselben zu liefern. Aber bei Ent- 
werfung dieses Grundgerüstes bin icli doch niclit stehen geblieben, 
ich liabe mich auch bemüht, die Stellung der Autoren in ilirer Zeit 
zu zeichnen, eine Charakteristik der einzelnen Perioden zu geben und 
die äusseren Bedingungen des litterarischen Lebens, die musischen 
Agone, die Organisation der Bühne, die Gunstbezeugungen der Könige 
und Musenfreunde zu scliildern. Ich gestehe, dass ich diese durch 
die Sache gebotene Gelegenheit gerne ergrifi', um hie und da aucli 
über d(ui engen Kreis der gelelirten Forschung hinauszugehen und 



Vorrede. VII 

meine Gedanken über die Weltstellung des Hellenismus und das Ge- 
heimnis seiner Macht anzudeuten. Nahe hätte es gelegen im Anschluss 
daran, auch öfters Exkurse in die vergleichende Litteraturgeschichti^ 
zu machen und das Fortleben der griechischen Litteratur in der 
modernen anzudeuten. Doch einer solchen Aufgabe fühlte ich mich 
nicht gewachsen; in diesen Fragen gehe ich lieber selbst bei meinen 
lieben Freunden Eernays und Carriere in die Lehre. 

Auch bezüglich der Ausdehnung der Litteraturgeschichte möchte 
ich mich gern in dieser Vorrede über einige Punkte mit meinen 
Lesern auseinandersetzen. Vor allem handelte es sich hier, wie weit 
soll herabgegangen werden? An und für sich schien mir der Vor- 
gang von Fabricius, Scholl, Nicolai, die aucli die byzantinische Zeit 
mit hereingezogen hatten, äussert nachahmenswert zu sein. Aber da 
ich selbst auf diesem schwierigen, erst allmälilich sicli aufhellenden 
Gebiete viel zu wenig bewandert bin, so musste auf anderem Wege 
Ersatz gesucht werden. Der fand sich in erwünschtester Weise da- 
durch, dass mein junger Freund Dr. Krumbacher sich bereit finden 
Hess, einen Abriss^ der byzantinischen Litteratur als Ergänzung dieser 
Geschichte der altgriechischen Litteratur auszuarbeiten. Derselbe ist 
bereits so weit gediehen, dass sein Erscheinen im Laufe des nächsten 
Jahres in Aussicht 2:estellt w^erden kann. Ich führte also mein Buch 
nur bis auf Justinian oder bis auf die Aufhebung der Philosophen- 
schule Athens herab. Innerhalb dieses Zeitraums mussten aber alle 
litterarisclien Grössen, also auch die Philosophen herangezogen werden. 
Zwar ist in diesem Handbuche ein eigener Abschnitt von Professor 
Windelband der Geschichte der alten Philosophie gewidmet worden, 
so dass einige Wiederholungen nicht vermieden werden konnten. 
Aber Piaton und Aristoteles haben nicht bloss für die Geschichte der 
Philosophie Bedeutung; wollte man ohne Piaton eine griechische Lit- 
teraturgeschichte schreiben, so hiesse dieses die Litteratur eines ihrer 
schönsten Juwele berauben; auf Aristoteles Schultern aber ruht so 
sehr die gelehrte Thätigkeit der Alexandriner, dass ohne jenen diese 
nicht begriffen werden kann. Ich persönlicli habe mit Eifer diese 
Seite des griechischen Geisteslebens aufgegriffen, da ich mich mit ihr 
seit meinen Studentenjahren mit Vorliebe beschäftigt hatte. Des Gleichen 
kann ich mich nicht bezüglich der Fachwissenschaften und der christ- 
lichen Schriftsteller rühmen; aber beide gehören, wenigstens in der 
ihnen von mir gegebenen Begrenzung, zur griechischen Litteratur, so 
dass ich mich entschliessen musste, in einem Anhang auch diese 
Partien in den allgemeinsten Umrissen zu behandeln. 

PA 
3057 



Vni Vorrede. 

Einen den bisherigen Handbücliern fremden Sclimuck liat dieses 
Encli nocli am Sclihisse durcli die Abbildung von 21 (24) Köpfen oder 
Statuen griecliisclier Autoren erlialten. In unserer Zeit, wo sich die 
litterarisolien und grapliisclien Darstellungen überall die Hand reichen, 
lag die Beigabe von solchen Abbildungen gewissermassen in der Luft, 
zumal durch den Kunstsinn der Griechen auch nach dieser Seite ihre 
Litteratur vor der anderer Yölker in entschiedenem Vorteile ist. Ich habe 
daher von vornherein diese artistische Beilage in den Plan meines Werkes 
2:ezo2:en und durfte deshalb im Text mir die Charakteristik der Ge- 
stalt der griechischen Geistesheroen erlassen. Für die Auswahl der 
Köpfe, wobei in erster Linie auf inschriftlich bezeugte Porträte Wert 
gelegt wurde, und für die sorgfältige Aufnahme der Originale oder 
Gypse bin ich meinen verehrten Kollegen Prof. Heinr. v. Brunn und 
Dr. Julius zu besonderem Danke verpflichtet. 

So möge denn das mit Liebe gepflegte Werk hinausgehen in die 
Welt, sich und seinem Verfasser Freunde werben, vor allem aber dazu 
beitragen, dass die Liebe und Begeisterung für die Werke des klassi- 
schen Ilellenentums, diese unersetzbare Grundlage jeder echten Bildung, 
lebendig erhalten werden. 

München, im Oktober 1888. 



Vorrede zur zweiten Auflage. 



Schneller als mir lieb war ist die Anforderung, eine neue Auf- 
lage vorzubereiten, an mich herangetreten. Denn ein längerer Ge- 
brauch des Buches hätte voraussichtlicli in mehr Fällen mich auf 
Mängel und Irrtümer desselben aufmerksam gemacht. Aber auch so 
habe ich mir angelegen sein lassen, nach Kräften das Werk zu ver- 
vollkommenen, und habe dabei die Urteile und Winke meiner Ee- 
zensenten, mochten dieselben in freundlichem Tone gegeben oder mit 
Wermut gemischt sein, gewissenhaft berücksichtigt. Zu einer tiefer- 
greifenden Änderung der ganzen Anlage, wie sie von Herrn Crusius 
und Dräseke gewünscht wurde, habe ich mich nicht entschliessen 
können. Namentlich musste ich, wollte ich nicht meiner ganzen Auf- 
flissung von der Stellung des Hellenismus zu den neuen Ideen des 
Christentums untreu werden, die Vervveisuno^ der christlichen Schrift- 



Vorrede. IX 

steller in den Anhang aufrecht erhalten. Doch habe ich mich be- 
müht, diesen am meisten verbesserungsbedürftigen Teil, auf dessen 
Boden ich mich am wenigsten heimisch fühle, so viel als möglich zu 
verbessern und zu erweitern. Im Ganzen ist auf solche Weise der 
Umfang der neuen Auflage um etwas über 6 Bogen gewachsen. Den- 
jenigen Herrn, welche mich auf einzelne Versehen privatim aufmerksam 
gemacht haben, fühle ich mich zu warmem Danke verpflichtet ; nament- 
lich sei meinen jüngeren Freunden Krumbacher, Eömer, Wey- 
man, Zoll mann für die vielen wertvollen Beiträge auch öffentlich 
hiemit mein Dank ausgesprochen. 



München, im Juni 1890. 



Wilh. Christ. 



Spezielles Inhaltsverzeichnis 

von Band VII: 

Geschichte der griechischen Litteratur. 



Einleitung. Begriff und Gliederung der Litteraturgescliiclite 



Ers te Abteilung. 



Klassische Periode der griechischen Litteratur. 



Seite 
1 



I. Poesie. 












A. Das Epos 10 


1. Vorstufe der griechischen Poesie 










10 


2. Homers Ilias und Odyssee ..... 










23 


3. Die homerischen Hymnen und Scherze 










61 


4. Der epische Kyklos 










66 


5. Hesiodos ......... 










74 


6. Die späteren Epiker ....... 










89 


B, Die Lyrik 










98 


1. Anfänge der Lyrik, Nomendichtung .... 










98 


2. Die Elegie 










107 


3. Die iambische Poesie und die Fabel .... 










116 


4. Arten der Lyrik im engeren Sinn 










123 


5. Liederdichter oder Meliker ..... 










127 


6. Chorische Lyriker ...... 










133 


7. Pindar . . . . . . . . 










141 


8. Die attischen Lyriker ...... 










156 


C. Das Drama 










160 


1. Anfänge und äussere Verhältnisse des Dramas 










160 


2. Die Tragödie 










173 


a. Die Anfänge der Tragödie bis auf Aischylos 










173 


b. Aischylos 










177 


c. Sophokles ....... 










191 


d. Euripides ....... 










213 


e. Die übrigen Tragiker .... 










234 


3. Die Komödie ....... 










239 


a. Die Anfänge der Komödie in Griechenland i 


md Sikilie 


ti 






239 


b. Die altattische Komödie 










242 


c. Aristophanes ..... 










248 


d. Mittlere und neue Komödie 










264 



Spezielles Inhaltsverzeichnis von Band VII. 



II. Prosa. 



1. 



Anfänge der Prosa 



2. Die Gescliiclitschreibimg 

a. Die Logographen 



b. Herodotos ....... 

c. Tliukydides ....... 

d. Xenophon . . . . . 

e. Die kleineren und verlorenen Geschichtswerke 
Die Beredsamkeit ....... 

a. Anfänge der Beredsamkeit .... 

b. Antiphon und Andokides .... 
Lysias und Isaios ..... 
Isokrates und die sophistische Beredsamkeit 
Demosthenes ...... 



Die Zeitgenossen des Demosthenes 



4. Die Philosophen ........... 

a. Anfänge der Pliilosophie ....... 

b. Die attische Periode der Philosophie ..... 

c. Piaton ........... 

d. Aristoteles .......... 

Zweite Abteilung. 

Nachklassische Litteratur des Hellenismus 

A. Alex.aii(lrinisclies Zeitalter 

1. Allgemeine Charakteristik .... 

2. Die Poesie 

a. Die Elegie und das Epigramm 

b. Die bukolische- Poesie . 

c. Das Kunstepos und das Lehrgedicht 

d. Dramatische und parodische Poesie 

3. Die Prosa ....... 

a. Die Geschichtschreibung 



Grammatische und gelehrte Litteratur 



b. Die Philosophie 
c 
B. Römische Periode von Aiij^ustiis bis Konstantin 

Allgemeine Charakteristik 
Die Poesie 
Die Prosa 

Historische Schriftsteller aus der Zeit vor 100 n 

Plutarch 



Die Historiker der griechischen Wieder 



ffeburt 



Chronographen und historische Sammler 
Die Geographen 
Die Philosophie 
g. Die Sophistik 
h. Lukianos .... 

i. Die Rhetorik 
k. Die Grammatik 
C. Kömische Periode von Konstantin bis Jnstinian 
Allgemeine Charakteristik 
Die Poesie ...... 

Die Prosa ...... 

a. Gcschichtschrcibcr und Geographen 

b. Die jüngere Sophistik 

c. Der Roman .... 

d. Die Philosophie 

e. Die Grammatik 



Chr. 



XI 

Seite 

273 
276 
276 
280 
289 
296 
307 
313 
313 
316 
319 
325 
332 
350 
357 
357 
360 
366 
397 



425 
425 

433 
433 
445 
454 
462 
468 
468 
488 
499 
523 
523 
525 
533 
533 
546 
557 
564 
567 
577 
590 
613 
623 
630 
648 
648 
652 
663 
663 
669 
679 
688 
697 



XII spezielles Inhaltsverzeichnis von Band VII. 

Seite 
Dritte Abbteilung. 

Anhang". 

A, Fachwisseiiscliaftliclie Litteratur 710 

1. Mediziner 711 

2. Mathematiker und Astronomen .......... 718 

B. Christliche Schriftsteller 726 

1 . Die Schriften der altchristlichen Kirche . . . . . . . . 726 

2. Die Kirchenväter 733 

3. Christliche Theosophen 743 

4. Kirchenhistoriker 751 

5. Christliche Dichtungen ........... 754 



Register 757 

Verzeichnis der Abbildungen ........... 770 



Einleitung. 



Begriff und Gliederung der Literaturgeschichte. 

1. Mit litterahira übersetzten die Lateiner wortgetreu das griechische 
YQccij.u(XTixrj 1) und verstanden darunter im allgemeinen Kenntnis der litterae 
oder YQdfifxaTa. Ward dabei litterae in dem ursprünglichen Sinne ge- 
nommen, so bezeichnete litteratura die niedere Stufe der Grammatik oder 
die Kenntnis der Buchstaben beim Lesen und Schreiben. Mit dieser niederen 
Grammatik, welche im Altertum die Aufgabe des yQafxfxaziaTrjg (nicht 
yQaiiaaxinoq) bildete, haben wir es hier nicht zu thun. Wir gebrauchen 
Litteratur in dem höheren Sinn von Inbegriff alles dessen, was in Schrift 
niedergeschrieben ist, im Gegensatz zu dem, was in Marmor oder Farbe 
seinen Ausdruck gefunden oder in den staatlichen Einrichtungen und im 
Leben des Volkes sich verkörpert hat. Alle Schriften in griechischer 
Sprache gehören daher zur griechischen Litteratur; eine eingehendere Be- 
trachtung aber fordern naturgemäss nur diejenigen, welche dem Kreise 
der allgemeinen Bildung angehören und bei welchen auf die Form oder 
den kunstvollen Ausdruck der Gedanken ein besonderer Nachdruck gelegt 
ist. Eine Litteraturgeschichte soll aber zugleich, wie der zweite Teil des 
Namens anzeigt, einen geschichtlichen Charakter haben; sie darf sich daher 
nicht mit einer blossen Aufzählung der litterarischen Denkmale eines Volkes 
begnügen, sie muss zugleich die Entwicklung nachweisen, welche bei einem 
Volk die geistigen Ideen und speziell die Kunst, geistige Ideen in der 
Sprache niederzulegen, im Laufe der Zeiten genommen haben. 

Damit sind die Hauptlinien der Aufgabe, die uns in diesem Buche 
gestellt ist, bezeichnet; an diese reihen sich noch mehrere andere Punkte 
an: Kunst ist von Künstler, nohi^a von noirjrrjg unzertrennbar, und so 
werden wir von selbst dazu geführt, neben den Schriften auch den Ver- 
fassern derselben und ihrem Leben unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. 
Die erhaltenen Schriftwerke stehen natürlich im Vordergrund der Betrach- 
tung, aber da uns verhältnismässig nur weniges erhalten ist und die er- 
haltenen Schriften nur einzelne Glieder in der grossen Kette der Entwick- 



^) Quint. II, 1. 4: grammatice, quam in latinum transferentes Utteraiuram vocaverunt. 

Handbucli der klass. Altertumswissenschaft, VII. 2. Auf], 1 



Griechische Litteraturgeschichte. Einleitung. 



lung bilden, so dürfen auch die Fragmente und diejenigen Autoren, von 
denen uns nur durch andere Kenntnis zugekommen ist, nicht ausser acht 
gelassen werden. Die einzelnen Autoren und Werke haben selbst wieder 
ihre Geschichte und auch diese erheischt Berücksichtigung. Der Leser 
will erfahren, welchen Einfluss die grossen Autoren auf die nachfolgenden 
Generationen geübt haben und durch welche Kanäle ihre Schriften auf 
uns gekommen sind. Die Scholien und Handschriften verlangen also ihren 
Platz in einer Litteraturgeschichte des Altertums, und wenn ich denselben 
in beschränktem Masse auch bibliographische Angaben über Hauptausgaben 
und wichtige Erläuterungsschriften beigefügt habe, so fürchte ich damit 
vielen des Guten eher zu wenig als zu viel gethan zu haben. 

2. Die Darstellung der Litteraturgeschichte kann sich entweder rein 
an dem Faden der zeitlichen Folge abspinnen (synchronistische Methode) 
oder von den verschiedenen Gattungen der Litteratur (si'drj twv av/yga^i- 
liarmv) ausgehen und nur innerhalb dieser die zeitliche Folge berücksich- 
tigen (eidologische Methode). Welche von diesen beiden Methoden den 
Vorzug verdiene, lässt sich nicht im allgemeinen festsetzen ; das richtet 
sich vielmehr nach dem jeweiligen Charakter der darzustellenden Litteratur. 
Ehe wir jedoch diese Frage bezüglich der griechischen Litteratur zur Ent- 
scheidung bringen, wollen wir zuerst die Grundlinien beider Methoden an 
und für sich betrachten. 

3. Die Gattungen der Litteratur. Die obersten Gattungen der 
Litteratur sind Poesie {7Toirj(^ig) und Prosa (^oyog, zd xazaXoydSrjv ysyqaix- 
lisva)^) Äusserlich sind dieselben so unterschieden, dass die Werke der 
Poesie durch das Versmass gebunden sind [oratio vlncta), die der Prosa 
einer solchen Fessel entbehren [oratio soluta), somit frei, ohne Rückkehr 
zum gleichen Gefüge vorwärts schreiten [prosa i. e. proversa oratio).^) Aber 
Versmass und Vortragsweise sind nur äussere Unterscheidungszeichen ; der 
Unterschied geht tiefer und berührt das innere Wesen der beiden Litteratur- 
gattungen: die Poesie wendet sich an die Phantasie oder die sinnliche Vor- 
stellungskraft, die Prosa an den Verstand und das abstrakte Denkvermögen.^) 
In der Poesie spielen daher die äusseren, in die Sinne fallenden Elemente der 
Darstellung, die Wortverbindung und der Rhythmus, eine grössere Rolle 
als in der Prosa. Da nun die Litteraturgeschichte nicht den Inhalt an 
sich, sondern den in kunstvolle Form gegossenen Inhalt betrachtet, so steht 
ihr die Poesie im Vordergrund des Interesses und widmet sie denjenigen 



') BöcKH, Enzyklopädie d. Philol. 615 ff., 
wo auch eine Gliederung der Litteratur nach 
si'ff] gegeben ist. 

-) In der römischen Zeit heisst Prosa 
auch neCo? 'Köyog = oratio j^edestris, worüber 
Strabon p. 18 : y.cu tat 6 (fe ro nsCoy lex^rj^ca 

TOV UVSV ZOV fXtTQOV '/Myov SfXCfiULl^Ei xov (cnd 

vxpovg Tivcg ytcactßdvra y.al 6/i]fuaTog €ig 
roi!(h((fog. Als Gegensatz mochte den Gram- 
matikern der Wagen des I'armenides im 
Eingang seines philosophischen Gedichtes 
vorgeschwebt haben. Danach sang auch 
Pindar I. 2, 1 ol fxtv näXai, tu Qqugv^ovXe, 



(fwxsg, oV ^Qvaa^nvxo)v ig ^icpQov Moiaäv 
eßaivop xXvT(c cpoQ^iyyi avvavr6fj.evaL. 

3) Donat. ad. Terent. Eun. II, 3. 14: 
prorsum est iiorro versiim . . . hinc et prorsa 
oratio, quam non inflexit cantilena. 

^) Oft angeführt wird dafür die Weise, 
womit Homer B 123 die Grösse des Heeres 
bezeichnet. Interessant und einer näheren 
Untersuchung wert ist die Umgestaltung der 
Sprache infolge des stärkeren Hervortretens 
der Prosa, namentlich die Vermehrung der 
Abstrakta auf oig, la, avvi]. 



Begriff und Gliederung der Litteraturgeschichte. (§ 2—5.) 



Werken in Prosa, die ihre Bedeutung lediglich im Inhalt haben, wie den Schriften 
über Mathematik, Mechanik etc., nur eine untergeordnete Aufmerksamkeit. 

4. Die Poesie pflegt man in Epos, Lyrik, Drama einzuteilen, und 
diese Einteilung werden auch wir unserer Darstellung zu grund legen, 
müssen aber gleich hier bemerken, dass die Terminologie nicht ganz auf 
die Arten der griechischen Poesie passt und dass die griechischen Gelehrten 
eine teilweise abweichende Einteilung aufgestellt haben. Dieselben unter- 
schieden nämlich, ausgehend von einer Stelle Platon's,^) zunächst zwischen 
dem yivog p^iiir^Tixör oder SQaixarixöv und dem ytvog SirjyijfxaTixo^' oder 
ccTTayYs^Tixov, und fügten denselben dann noch ein vermittelndes ytvog 
xoivöv oder fiixTov hinzu.-) Zu dem letzteren stellten sie Ilias und Odyssee, 
weil in diesen bald der Dichter erzählt, bald Agamemnon, Achill oder ein 
anderer in direkter Rede spricht, während ihnen die Erga des Hesiod, in 
denen nie eine Person redend eingeführt wird, das reine ye'vog dirjyrjinaTixov 
repräsentierten. Aber gerade diese Beispiele stellen die Mangelhaftigkeit 
der antiken Theorie in grelles Licht und empfehlen die heutzutag übliche 
Gliederung. In ihr hat das Epos seinen Namen von dem Gegensatz der 
gesprochenen (sTirj) und gesungenen Gedichte [aai^iara) und von dem für das 
Epos bei den Griechen typisch gewordenen Versmass, dem daktylischen 
Hexameter, der bei den Metrikern den Namen enog hatte. ^) Der Name 
Lyrik, d. i. „das von der Lyra begleitete Lied", ist insofern nicht ganz 
bezeichnend, als er nur auf einen Teil der lyrischen Poesie, die eigentlichen 
^ishj, passt, während wir unter derselben auch die iambische und elegische 
Poesie begreifen. 

Den drei Arten der Poesie stehen in der Prosa gegenüber Ge- 
schichtschreibung, Rhetorik, Philosophie. Von diesen entspricht in mehr- 
facher Beziehung die Geschichte dem Epos: beiden eignet die erzäh- 
lende Form der Darstellung, und beide sind von den loniern in Kleinasien 
ausgegangen. Insbesondere schliessen sich die Städtegründungen (xiiasig) 
der Logographen aufs engste an das genealogische Epos des Eumelos und 
Asios an. Auch das Drama und sein Gegenstück, die Redekunst, sind in 
derselben Stadt, in Athen, zur Blüte gelangt, und die Verteidigungs- und 
Anklagereden haben in dem Wortstreit und den langen Gegenreden {Qrjasig) 
des Dramas ihr Analogon. Weniger fallen die Berührungspunkte der Lyrik 
und Philosophie ins Auge. Doch kann auch hier geltend gemacht werden, 
dass beide in gleicher Weise bei allen Stämmen Griechenlands vertreten 
sind und beide von der Aussenwelt den Blick in das Innere lenken. 

5. Die Perioden der griech. Litteratur. Die chronologische 
Darstellung muss sich von selbst, will sie übersichtlich werden und sich 



^) Plato de rep. III p, 3941): rrjg non]- 
a6(jSg IE xal fxvd^o'koyiag iq fxei^ did ^i^tjGEiog 
oh] eoTiv . . TQCicyitxfia rt x(d xm/uio6U(, rj 
ö's ÖC dnayysXiag avrov tov noirjiov ' evQOig 
^^('.v avTiqv y,cihaTCi nov sv did^vQdfxßotg ' i] 
cT' av cTfc' dfxcpoTEQCoy tv is rfi tmp iTHJHv noirj- 
G€t noTiXa^ov cFc xcd dXXo&i. 

'^) Procl, ad Hes. p. 4 G. ; Procl. Chrest. 
p. 230 W.; Proleg. ad Theoer. VI M., Sehol. 
ad Hom. A IG, Z 46, Eur. Phocn. 1225; Sue- 



ton de poetis 3; Probus ad Verg. Bucol. 7, 
12 K. Vgl. Reiffeescheid, Suetoni rell. p. 4. 
Sehr mangelhaft ist die Einteilung in Arist. 
Poet. 1. 

^) Plat. rep. III p. 386 c und Arist. me: 
taph. N 6. Mitgewirkt haben bei Feststel- 
lung der Terminologie die homerischen Wen- 
dungen 87isa msQoei^TCi TiQoajjvda, ^sih/loiat 
sTieoai u. ä. 



Griechische Litteraturgeschichte. Einleitung. 



nicht mit einer kunstlosen Aneinanderreihung begnügen, nach grossen Wende- 
punkten umsehen. Einen solchen Hauptwendepunkt bezeichnet der Unter- 
gang der Freiheit und Selbständigkeit der griechischen Staaten durch Ale- 
xander d. Gr. Derselbe hat nicht bloss politische Bedeutung, er scheidet 
auch die Zeit des fröhlichen, produktiven Schaffens in Kunst und Wissen- 
schaft von der Periode mühsamen Sammeins und trockner Gelehrsamkeit. 
Innerhalb der ersten Periode bilden wieder die Perserkriege einen Haupt- 
markstein, weniger wegen der Besiegung des Nationalfeindes, als weil in- 
folge des hervorragenden Anteils der Athener an dem Siege nunmehr Athen 
in den Vordergrund des politischen und geistigen Lebens der Nation trat. 
Denn während zuvor die einzelnen Stämme, jeder für sich und in seiner 
Sprache, an der Entwicklung der Litteratur sich beteiligt hatten, reisst 
nun Athen die geistige Führung, ja das Monopol der Bildung an sich. 
Das bedeutete aber mehr als einen blossen Ortswechsel: die Litteratur 
gewinnt eine universellere Richtung ^) und nimmt das Gepräge des atheni- 
schen Volkes an, d. i. den Charakter geistiger Aufklärung, praktischer 
Verständigkeit, schwungvollen Freiheitssinnes. In der zweiten Hauptperiode 
bezeichnet der völlige Untergang der aus Alexanders Weltmonarchie hervor- 
gangen en hellenistischen Reiche einen wichtigen Abschnitt; er fällt zusammen 
mit der Schlacht von Aktium (31 v. Chr.) und dem Untergang des Ptole- 
mäerreiches. Denn von nun an bilden die Griechen nur dienende Glieder 
der grossen römischen Weltherrschaft. Wir lassen diese letzte Periode 
bis auf den Regierungsantritt Kaisers Justinian (527) oder bis zur völligen 
Aufhebung der altgriechischen, nunmehr heidnisch gescholtenen Philosophen- 
schulen reichen. Es Hessen sich innerhalb dieser 4 Perioden, namentlich 
innerhalb der letzteren, noch leicht mehrere Unterabteilungen gewinnen, 
aber es werden uns für unsere Darstellung jene grossen Scheidungen vor- 
erst genügen. 2) 

6. Kehren wir nun zur Frage zurück, ob die Darstellung nach Lit- 
teraturgattungen, oder die nach der zeitlichen Zusammengehörigkeit für eine 
griechische Litteraturgeschichte die angemessenere sei, so springt uns so- 
fort ein grosser Unterschied der griechischen Litteratur von der modernen, 
und innerhalb der griechischen Litteratur zwischen der Zeit vor und nach 
Alexander in die Augen. Unser Schiller und Göthe haben in Prosa und 
in Versen geschrieben, haben Lieder, Epen und Dramen gedichtet; eine 
Darstellung nach Litteraturgattungen würde daher dieselbe Persönlichkeit 
nach den verschiedensten Seiten auseinanderreissen. So etwas ist in der 



^) Über die universelle Natur Athens, 
das die Kultur loniens und Korinths in sich 
aufnahm, gute Gedanken bei Wilamowitz 
Hom. Unters. 256 ff. ; über die attische Sprache 
s. Isoer. 15, 295; über die Stämme der 
Griechen und ihre Stellung im Geistesleben 
der Nation überhaupt Beegk, Kl. Sehr. II, 
365 ff. 

'^] F. A. Wolf und nach ihm Bernhardy 
schicken diesen 4 Perioden eine Periode von 
den politischen Anfängen der griechischen 
Nation bis auf Homer voraus und lassen 



ihnen eine 6. Periode „von -Tustinian bis zur 
Einnahme von Konstantinopel " nachfolgen. 
Die letzte Periode, die byzantinische, wird 
in diesem Werke selbständig von meinem 
jüngeren Freunde Krumbacher behandelt; 
die erste erscheint bei uns als Vorhalle 
zum ersten Teil. Eine Zeit, aus der uns 
nichts erhalten ist, verdient es kaum eine 
eigene Periode der Litteratur zu bilden. 
Mehr Unterperioden stellt Bekgk, Gr. Litt 
I, 302 ff. auf. 



Begriff und Gliederung der Litteraturgeschichte. (§ 6.) 5 

griechischen Litteratur nicht zu besorgen, am wenigsten in der klassi- 
schen Zeit vor Alexander. Hier zerteilte sich die Kraft eines Mannes 
nicht nach verschiedenen Seiten, hier machte die Beschränkung den 
Meister. Ferner begegnen wir im Eingang unserer deutschen Litteratur 
einem Werk in Prosa, und tritt uns in der römischen Litteratur als erster 
Schriftsteller Livius Andronicus, ein Dichter von Tragödien und Komödien 
entgegen; das ist eine Verkehrung der natürlichen Ordnung, herbeigeführt 
durch die Einwirkung fremder Kultur. Bei den Griechen hat sich die 
Litteratur fast ohne jeden fremden Einfluss, lediglich aus sich entwickelt; 
es folgten sich daher auch die Litteraturgattungen in naturgemässer Reihe, i) 
Zuerst im Jugendalter der Nation, als es noch keine Schrift und keine 
Bücher gab, erblühte die heitere, leichtgeschürzte Poesie, die im Kreise 
jugendfroher Sinnlichkeit erwuchs und von der lebendigen Stimme des 
Volkes getragen, keiner schriftlichen Aufzeichnung bedurfte. Erst gegen 
die Zeit der Perserkriege, als die Nation den schönen Traum der Jugend 
schon hinter sich hatte und bereits in das denkende Mannesalter einge- 
treten war, entwickelten sich die Anfänge der Prosa, die, losgelöst von dem 
sinnlichen Reiz des Metrums und der Bildersprache, sich von vornherein 
an den Verstand wendete und zu ihrer Fortpflanzung die Fixierung durch 
die Schrift erheischte. Und von der Poesie selbst hinwiederum entwickelte 
sich zuerst das Epos, wie auch der Mensch in seiner Kindheit zuerst 
Märchen und Erzählungen liebt. Es folgten sodann die verschiedenen Arten 
der Lyrik, die von der reizvoll entfalteten Aussenwelt in die Tiefe der 
inneren Empfindungen und Betrachtungen hinabstieg und zum Ausdruck 
mannigfacher Gefühle auch einer kunstvoller verschlungenen Form bedurfte. 
Und erst als das Epos und die Lyrik ihren Höhepunkt bereits überstiegen 
hatten, folgte das Drama, das jene beiden Elemente in sich aufnahm und 
die alten Mythen in einer neuen, dem attischen Geiste mehr entspre- 
chenden Form gleichsam wiedergebar. Innerhalb der Prosa ist die Reihen- 
folge nicht eine gleich regelmässige; doch bleibt es immerhin bezeichnend, 
dass die ersten Denkmäler der Prosa der dem Epos entsprechenden Historie 
angehören, und dass die Rhetorik später als die Historie und Philosophie 
zur Entfaltung kam. So empfiehlt sich also für die klassische Periode 
der griechischen Litteratur unbedingt die Darstellung nach Litteratur- 
gattungen, die nach dem Gesagten ungesucht auch die richtige zeitliche 
Ordnung im Gefolge hat. Minder günstig stellen sich die Verhältnisse 
für die Zeit nach Alexander. Hier ist von jener natürlichen Folge ohnehin 
keine Rede mehr, da ja in Alexandria der Kreislauf der Litteratur nicht 
wieder von neuem begann. Aber auch die Arten scheiden sich nicht mehr 
in gleich scharfen Linien von einander. Apollonios und Kallimachos schreiben 
als Gelehrte in Prosa, verzichten aber dabei nicht auf den Ruhm als 
Dichter von Elegien und Epen zu glänzen; Plutarch zeigt zwar keine dich- 
terische Ader, aber in der Prosa tritt er zugleich als Historiker, Philosoph 
und Rhetor auf. Hier werden wir also Modifikationen anbringen und die 



^) In dieser Beziehung hat die griechi- 1 der indischen, deren Analogie Avir noch öfter 
sehe Litteratur die grösste Ähnlichkeit mit anziehen werden. 



6 



Griechische Litteraturgeschichte. Einleitung. 



Gleichzeitigkeit mehr berücksichtigen müssen. Wie? Das wird sich später 
passender erörtern lassen. Ohnehin werden wir nicht dem System zu lieb 
uns dem Vorwurfe praktischer Unzweckmässigkeit aussetzen. Wir werden 
also z. B. den Xenophon an nur einer Stelle behandeln, wiewohl er 
historische und philosophische Schriften geschrieben hat, und werden 
die Dichter der neueren Komödie nicht von einander trennen, wiewohl 
die Blüte mehrerer derselben, ja der meisten in die Zeit nach Alexanders 
Tod fällt. 

7. Die litterarhistorischen Studien im Altertum. Die Studien 
zur griechischen Litteraturgeschichte reichen bis in das Altertum selbst 
zurück.^) Sie waren zunächst biographischer Natur, indem man über die 
Abkunft (ye'vog) und das Leben (ßiog) der grossen Dichter und Autoren 
Bestimmteres zu ermitteln suchte. Schon aus dem 5. Jahrh. v. Chr. wird 
uns eine Schrift des Stesimbrotos über das yt'vog ^OinfjQov genannt und 
hören wir von den litterarhistorischen Versuchen des Glaukon von Rhegion 
tt^qI tmv ccQ'/^aicöv TioirjTMv xal fiovcrixcov und des Damastes ttsqI rronjTcov 
xal ao(fiaT(ov. Lebhafter ward das Interesse für biographische Unter- 
suchungen in der Zeit nach Alexander. Auch hier gab, wie auf so vielen 
anderen Gebieten Aristoteles die Anregung und ihm zur Seite der geistes- 
verwandte Schüler Piatons, Herakleides Pontikos. Die Peripatetiker De- 
metrios von Phaleron, Phanias, Praxiphanes, Chamaileon, Satyros traten 
in die Fusstapfen ihres grossen Meisters. Aus den Hallen der Philosophen- 
schulen verpflanzte sich dann die Neigung für derartige Studien auf die 
grammatischen Schulen in Alexandria und Pergamon: Antigonos der 
Karystier, die Kallimacheer Hermippos und Istros sind hier die Haupt- 
vertreter der biographischen Forschung geworden. Was von diesen Phi- 
losophen und Gelehrten über das Leben der hervorragenden Dichter und 
Philosophen erforscht oder erfabelt worden war, ging mit Neuem vermehrt 
teils in die den Ausgaben der Autoren vorausgeschickten Abrisse nsgl tov 
ytrovg xal ßfov, teils in die grossen zusammenfassenden Werke eines Deme- 
trios Magnes, Hermippos Berytios, Herennios Philon, Alius Dionysius, 
Hesychios Milesios über. Auf uns gekommen sind ausser den zerstreuten 
biographischen Notizen der Schollen und den Spezialwerken des Diogenes 
und Plutarch über die Philosophen und Redner das grosse Lexikon des 
Suidas (10. Jahrh.) 2) und die Chronika des Eusebius.^) Wir würden uns 
den Zugang zu unserer eigentlichen Aufgabe übermässig erschweren, 
wollten wir gleich hier auf die einzelnen Namen und Schriften so ein- 
gehen, wie es eine kritische Beleuchtung der biographischen Studien des 
Altertums verlangte. Daher genüge hier die allgemeine Bemerkung, dass 
schon von den Peripatetikern und Alexandrinern die wenigen sicheren 
Notizen über das Leben grosser Männer mit einer Fülle wunderreicher 
Fiktionen und Anekdoten versetzt wurden, und dass die chronologischen 



^) KoEPKE, Quid et qua ratione iam 
Graeci ad litterarum historiam condendam 
elaboraveHnt, Berol. 1845. 

^) Die litterarhistorischen Artikel des 
Suidas ausgezogen und bearbeitet von Flach, 
Hesychii Milesii Onomatologi reih, Lips. 



1882. 

^) Eusebii Chronica ed. Schöne, Berol. 
1875. Dazu aus älterer Zeit (Ol. 129) Chro- 
nicon Parium (parische Marmorchronik), 
neubearbeitet von Flach, Tüb. 1884. 



Begriff und Gliederung der Litteraturgeschichte. (§ 7—8.) 7 

Angaben aus der älteren Zeit meist auf fingierten Stammtafeln und syn- 
chronistischen Kombinationen beruhen, so dass viele der auf ein bestimmtes 
Jahr lautenden Angaben sich, auf ihre Quelle zurückgeführt, in eine vage 
Allgemeinheit verflüchtigen.^) 

Zu den biographischen Forschungen gesellten sich in der alexandri- 
nischen Periode repertorienmässige Aufzeichnungen {dvayQayjai) der Schriften 
der Autoren. Schon bald nach Gründung der Bibliothek in Alexandrien 
verfasste der gelehrte Bibliothekar Kallimachos Verzeichnisse [TJivccxsg) der 
Autoren und ihrer Schriften mit genauen Angaben des Titels und der 
Zeilenzahl der einzelnen Bücher. Später wurden ähnliche Kataloge auch 
von der Bibliothek in Pergamon angelegt und veröffentlicht. An die Pi- 
nakes des Kallimachos schlössen sich dann litterarhistorische Erläuterungen 
des Aristophanes von Byzanz und anderer Gelehrten an, welche zur Auf- 
stellung von Verzeichnissen der Schriften in den einzelnen Sparten und 
im weiteren Verlauf zur Festsetzung eines Kanon mustergiltiger Autoren 
führten. Die daher stammenden Charakteristiken der hauptsächlichsten 
Autoren sind durch Quintilian Inst. rhet. X auf uns gekommen. Tiefer ins 
einzelne gingen die Inhaltsangaben (vTto^sasiq) einzelner Werke, nament- 
lich der Tragiker und Komiker, mit deren Abfassung sich vornehmlich 
Dikäarch und Aristophanes von Byzanz beschäftigten. 2) Sind uns dieselben 
auch nur teilweise und in stark verstümmelter Form erhalten, so bilden 
sie doch mit ihren gelehrten Notizen über die Abfassungszeit und die be- 
nützten Mythen eine Hauptquelle unserer litterarhistorischen Kenntnisse. 
Endlich verdanken wir noch mannigfache Belehrung über Werke der grie- 
chischen Litteratur, die uns nicht vollständig erhalten sind, den Exzerpten, 
welche gegen Ende des Altertums und im byzantinischen Mittelalter ge- 
lehrte Männer veranstalteten. Dahin gehören die Chrestomathie des Pro- 
klos, die Anthologie des Stobaios, die Bibliothek des Patriarchen Photios 
und die historischen Exzerpte des Kaisers Konstantinos Porphyrogennetos. 

8. Die neueren Werke über griech. Litteratur. In der neuen 
Zeit nach dem Wiederaufleben des klassischen Altertums hatte man an- 
fangs die Hände so vollauf zu thun mit der Herausgabe, Verbesserung, 
Übersetzung der griechischen Schriftsteller, dass man zu einer systemati- 
schen Darstellung der griechischen Litteraturgeschichte wenig Zeit fand. 
Das oft aufgelegte Büchlein von Gyraldus, De historia poetarum tarn 
yraecoruni quam laUnorum dialogus (1545) ging nicht viel über eine Zu- 
sammenstellung der biographischen Überlieferungen des Altertums hinaus. 
Von selbständigerer Bedeutung waren die Einzeluntersuchungen von G. J. 
Voss, De Mstoricis graecis (1624)^) und von Ruhnken, Historia critica ora- 



^) Die richtige Schätzung der alten Nach- 
richten in unserer Zeit besonders klargestellt 
und zur Berichtigung der herkömmlichen 
Nachrichten verwertet von Erw. Rohde in 
verschiedenen, später anzuführenden Auf- 
sätzen des Rhein. Mus. ; schon zuvor wurden 
die Angaben der Alten auf ihren richtigen 
Wert zurückgeführt von Lehrs, Wahrheit und 



Dichtung in der griechischen Litteraturge- 
schichte, in Pop. Aufs. 2. Aufl. Leipz. 1875. 

'■^) ScHNEiDEWiN, De hypotkesibus trag, 
graec. Aristophani Byz. vindicandis, in Ab- 
hdl. d. Gott. Ges. VI, 3—37; vgl. Wilamo- 
wiTZ, Eur. Herakl. I, 145 f. 

^) Neubearbeitet von Westermann, Lips. 
1838, wornach wir eitleren. 



8 Griechische Litteratnrgeschichte. Einleitung. 

iorum graecorum (1768). i) Den Versuch, das weitschichtige Material zur 
griechischen Litteratnrgeschichte mit Einschluss der Kirchenväter und By- 
zantiner zu einem grossen Sammelwerk zu vereinigen, machte im vorigen 
Jahrhundert Fabricius in seiner Bibliotheca graeca,^) Wertvolle Beiträge 
lieferten um dieselbe Zeit die Zweibrücker Ausgaben [BiponUnae), indem 
in denselben den Texten der Autoren die Nachrichten {tesümonia) über 
die betreffenden Werke und eingehende Lebensbeschreibungen (vitae) voraus- 
geschickt wurden. Die methodische Behandlung der Litteratnrgeschichte 
datiert von Fr. A. Wolf, der hier wie in anderen Disziplinen der Philo- 
logie die bloss stoffliche Anhäufung verschmähend, auf systematische An- 
ordnung und organische Entwicklung drang. Seine in Halle gehaltenen 
Vorlesungen über die Geschichte der griechischen Litteratur wurden erst 
nach seinem Tod von Güetler (1831) herausgegeben. Auf seinen Schultern 
steht Bernhardy, der in seinem leider unvollendet gebliebenen Grundriss 
der griechischen Litteratur mit reicher Gelehrsamkeit die Fächer ausfüllte, 
zu denen Wolf die Lineamente gezogen hatte. Unvollendet blieben auch 
die Werke der beiden Männer, welche neben Bernhardy sich das meiste 
Verdienst um unsere Wissenschaft erworben haben und jenen an lebens- 
voller Frische der Auffassung weit übertreffen, Ottfr. Müller und Th. 
Bergk. Mehr aber noch zur Förderung der Sache trugen die Untersuchungen 
über einzelne Zweige der griechischen Litteratur bei. Allen voran leuchten 
in dieser Richtung drei Männer, Fr. Jakobs, der im 13. Bande seiner Aus- 
gabe der griechischen Anthologie und in den Nachträgen zu Sulzers Theorie 
der schönen Wissenschaften den Weg gelehrter und geschmackvoller Behand- 
lung litterarhistorischer Fragen wies, Aug. Meineke, dessen unvergleich- 
liche Sorgfalt in der Sammlung und Ordnung der Fragmente, namentlich der 
Komiker, die Lücken der erhaltenen Litteratur glücklich überbrückte, und 
Gottl. Welcker, der vornehmlich durch seine Werke über den epischen 
Cyclus und die griechischen Tragödien neue Bahnen unserer Wissen- 
schaft brach. 

Fabricii, Bibliotheca graeca sive notitia veterum scriptorum graecorum Hamburg 
1705-28, 14 Bde. 4., ed. IV von Harless, Hamb. 1790—1810, 12 Bde. 4. — Bernhardt, 
Grundriss der griech. Litt., 1. Teil Innere Gesch., 2. Teil in 2 Abteil. Gesch. der griech. 
Litt, (nur die Poesie enthaltend), Halle I^ 1876, IP 1880. — 0. Müller, Gesch. d. griech. 
Litt, bis auf das Zeitalter Alexanders, Breslau 1841, 2 Bände, neubearbeitet von Heitz mit 
Fortsetzung, 4. Aufl. 1882—4; in England wurde das Werk fortgeführt bis auf die Ein- 
nahme Konstantinopels durch die Türken von Donaldson, Lond. 1858, 2 Bde. — Fb. Scholl, 
Histoire de la litterature grecque, Paris 1813, deutsch bearbeitet von Schwarze und Pinder, 
Berlin 1828 — 30, 3 Bde. — Bergk, Griech. Litteraturgesch., 1. Band vom Verf. selbst be- 
sorgt, Berlin 1872, die 3 folgenden Bände aus den Papieren Bergk's herausgegeben von 
Hinbichs und Peppmüller 1883—7, umfasst nur Epos, Lyrik, Drama bis Euripides, Anfänge 
der Prosa. — Nicolai, Geschichte der griechischen Litteratur, neue Bearbeitung, Magde- 
burg 1873, 3 Bände mit Einschluss der byzantinischen Litt., Auszug in 1 Bd. 1883. — 
SiTTL, Geschichte der griechischen Litt, bis auf Alexander d. Gr., München 1884 — 7, 3 Bde. 
- Mure, History of lang, and litt, of ancient Greece, London 1850 — 7, 2, Aufl. 1854 — 60 
5 vol. nur bis Alexander ohne Drama und Redner. — Mahaffy, History of classical 
greek literature, London 1880, 2 vol. — E. Burnouf, Histoire de la litt, grecque, II ed. 
1885, 2 vol. — Croiset Alfr. et Maur., Histoire de la litt, grecque, Paris im Erscheinen. 

Kompendien: Passow, Grundzüge d. griech. u. röm. Litteraturgesch. u. Kunstgesch., 



^) Erschienen als Einleitung zur Ausgabe 
des lateinischen Rhetors Rutilius Lupus, auf- 
genommen in Ruhnkenii Opusc. I, 310—92. 



2) Fabricii Bihl. graeca seu notitia 
scriptorum graecorum, Hamburg 1705 — 28. 



Begriff und Gliederung der Litteraturgeschichte. (§8.) 9 

2. Aufl., Breslau 1829, — Munk, Gesch. d. griech. Litt, mit vielen Auszügen in Über- 
setzung, 3. Aufl. besorgt von Volkmann, Berlin 1880, 2 Bde. — Bergk, Griech. Litt., 
Abriss in Ersch u. Gruber's Enzykl. 1863. — Kopp, Gesch. der gr. Litt, (für Gymnasiasten), 
4. Aufl. besorgt von Hubert, Berlin 1886. — Mähly, Gesch. der antiken Litteratur, Leipz. 
1880, 2 Bde., für weitere Kreise der Gebildeten bestimmt. — Bender, Gesch. d. griech. 
Litt. 1886, in der bei Friedrich in Leipzig erscheinenden Gesch. d. Weltlitteratur, ohne 
gelehrtes Beiwerk. 

Hilfsmittel: Westermann, BiograpJii graeci seil vitarum scriptores graec. min., 
Brunsv. 1845. — Clinton, Fasti hellenici cwiles et Utterarias Graecorum res ah ol. 45 ad 

01. 124 explicantes, ex altera anglici exemplaris edit. conversi a Kruegero, Lips. 1830. — 
Engelmann, Bibliotheca scriptorum classicorum, 8. Aufl., Leipzig 1880, die in Deutschland 
seit 1700 erschienenen Bücher und Abhandlungen umfassend. — Hoffmann, Lexicon hihlio- 
grapliicum, Lips. 1832, 3 vol. umfasst auch die ältere und die ausserhalb Deutschlands 
erschienene Litteratur. — Hübner, Bibliographie der Gesch. u. Enzykl. d. klass. Phil., 

2, Aufl. Berl. 1889. — Bibliotheca philol. classica, in Jahrb f. Phil, und seit 1877 als 
Anhang zu Bursian-Müller, Jahresber. der Fortschritte der klass. Altertumswissenschaft; 
die Jahresberichte selbst bilden ein Haupthilfsmittel für unsere Aufgabe, citiert habe ich 
nach Jahrgängen. — Pauly, Realenzykiopädie der klass, Altertumswissensch., Stuttg. 
1839 — 52, 6 Bde.; 1. Bd. neubearbeitet unter der Redaktion von Teufpel. 

Ein Quellenbuch zur griech. Litteraturgeschichte, das ausser den in den Scholien 
erhaltenen ßtoL iindv^od^saeig die litterarischen Artikel des Suidas, Eusebiusund der parischen 
Chronik, ferner die Kanones der Alexandriner und die litterarischen Inschriften enthalte, 
gehört noch zu den frommen Wünschen der Philologen und Litteraturfreunde. 



Erste Abteilung. 

Klassische Periode der griechischen Litteratur. 

I. Poesie. 

A. Epos. 
1. Vorstufe der griechischen Poesie. 

9. Die griechische Sprache. Jeder Tempel erhebt sich auf der 
Grundlage eines Fundamentes. Auch der Tempel der Litteratur hat 
ein solches, Jahrhunderte vor seinem Aufbau gelegtes Fundament, das ist 
die Sprache. Wir müssen daher auch in der griechischen Litteraturgeschichte 
zuerst der griechischen Sprache oder der Form, in der die Dichter und Schrift- 
steller des Hellenenvolkes ihre Ideen niederlegten, unsereBetrachtung zuwenden. 

Altarische Elemente. Es gilt heutzutag als eine allgemein an- 
erkannte Wahrheit, dass die Griechen mit Unrecht sich Kinder ihres Lan- 
des (avTÖx^ovsg) nannten, dass sie vielmehr als Zweig des arischen Stam- 
mes in grauer Vorzeit aus Asien durch die nördliche Hämushalbinsel in 
ihre späteren Sitze eingewandert waren und aus ihrer alten Heimat eine 
reich ausgebildete Sprache und eine vielgegliederte, aus der Vergöttlichung 
der Naturkräfte entwickelte Religion mitgebracht hatten. Und da nun jede 
Poesie in der Sprache ihr sinnliches Organ und in dem religiösen Volks- 
glauben ihre kräftigste Wurzel hat, so werden wir auch die Anfänge der 
griechischen Poesie auf jenen arischen Stamm zurückzuführen berechtigt 
sein. Das ist aber nicht so zu nehmen, als ob die Griechen aus Asien 
vollständige Gesänge oder auch nur ganze Verse mitgebracht hätten. Wenig- 
stens fehlen uns zu einer solchen Annahme jedwede Belege. Wohl aber be- 
gegnen uns in der ältesten Poesie der Griechen poetische Worte und Wort- 
verbindungen, die in den ältesten Liedern der Inder, den Veden, wieder- 
kehren und die wir deshalb als ein altes, gemeinsames Erbe beider Völker 
betrachten dürfen. Dahin rechnen wir in erster Linie eine Reihe von Götter- 
namen, wie Zfv näxsQ =: skt. djaus pitar = lat. Jupjriter, Jicovtj = lat. 
Diana aus ursprünglichem diväna = die Leuchtende, OvQavog = skt. Va- 
runas, der Umfasser, ^Hmg = skt. ums =■ lat. Aurora, die Brennende oder 
Leuchtende, I^iqioc; = skt. sürjas (aus svarjas), der glänzende Stern, KQÖrog 



A. Epos. 1. Vorstufe der griechischen Poesie. (§ 9.) 



11 



= skt. hränas --= ital. Cerus, der Vollbringer, Xagirsg = skt. harifas, 
die strahlenden Sonnenrosse, ^) nQOfjir]&€vg == skt. pramanthajus, der feuer- 
bereitende Reiber, vielleicht auch ^sog, = skt. devas = lat. deus, der 
Leuchtende. In den gleichen Bereich religiöser Anschauungen gehören die 
hochpoetischen Wörter ap^ßQociia == skt. amrtam, Speise der Unsterblich- 
keit, nörvia = skt. patni, Herrin, ayiog = skt. jagjas, der zu verehrende, 
sQsßog = skt. ragas = got. riquis, Finsternis, Stog = lat. dius = skt. 
divjas, himmlisch, xvQiog u. xoiqavog = skt. güras, stark, Held. Dazu 
kommen dann Wörter, welche von der Anrufung der Götter zur Verkün- 
digung des Ruhmes der Helden hinüberführen. In diesem Sinne sind 
namentlich mehrere Bildungen der sonst auf griechischem Boden fast ganz 
abgestorbenen Wurzel Jim „hören" zu fassen, wie xXvd^i = skt. grudhi, 
xXvTog = skt. grutäs = lat. inclutus^ xlepog = skt. gravas,^) xXtog acfd^itov 
= gravas alcsitam. Andere den Griechen selbst nicht mehr recht ver- 
ständliche Wörter Homers erhalten Licht aus Namen und Wortverbindungen 
der verwandten Sprachen: zum homerischen SoTvJQsg säwv stellt sich das 
vedische dataras vasünäm „Geber von Schätzen", das Beiwort TQiroyeveia 
enthält als erstes Element den Gott Tritas der Inder und Thraetaonö der 
alten Baktrer, Mxsavcg ist nach Ad. Kuhn's geistvoller Deutung (K. Z. IX 
240) ursprünglich der die Erde gleich einer Schlange umgebende Strom. 
Endlich weisen auch einige direkt die Poesie berührende Wörter auf alta- 
rischen Ursprung hin: nachdem es geglückt ist, für das lat. Carmen und 
Casmena das Urbild im vedischen gasman „Anruf, Lob" zu finden, wird es 
auch nicht zu gewagt sein, den Sängernamen 'OQ(fsvg mit den Ribhus, den 
göttlichen Künstlern der Veden, zu identifizieren, vfjivog zu vedisch suninam 
„freudevolle Götteranrufung" zu stellen, 3), und fidvTig, sowie das verwandte 
Molaa (aus montja) mit skt. mantram „Spruch" in Verbindung zu bringen.*) 
Aus derFremde hat die Sprache der Griechen nur ausserordentlich 
wenig aufgenommen; haben sich die Hellenen schon in der Entwicklung 
ihrer Kultur rasch von den Einflüssen der älteren Kulturvölker Asiens und 
Ägyptens emanzipiert, so haben sie noch mehr darauf gesehen, ihre schöne 
Sprache von dem Misslaut fremder, barbarischer Wörter rein zu erhalten,^) 



M Diese von Max Müller herrührende 
Gleichstellung kann als vollkommen gesichert 
gelten, nur muss man dabei beachten, dass 
haritas nicht zunächst Sonnenrosse, sondern 
Glänzende bezeichnet; die Bedeutung „Dank" 
von /agig und gratia ist natürlich eine ab- 
geleitete und somit spätere. 

^) Zum Heldengesang führt hinüber der 
Ausdruck ciei^e &\<Qa xXsa dv^Qwv [1 189), 
vgl. ^ 73 u. Hes. Theog. 99. 

^) Von den einheimischen Gelehrten 
wird das vedische sumnam (wahrscheinlich 
aus sumanam) als Wort für Glück erklärt; 
Benfey im Glossar zum Sama-Veda gibt ihm 
die Bedeutung Hymnus, Roth im Peters- 
burger Wörterbuch die von Andacht, Gebet. 
FicK, Wörterb. der indogerm, Sprachen I ^ 
230 gibt die Zusammenstellung von skt. 
sumnam u. griech. t\uvoq. aber mit dem Zu- 
satz „zweifelhaft". 



■*) Vielleicht hängt auch vedisch Stomas 
(Loblied) und stötä (Lobsänger) mit dem 
homerischen arsvrca zusammen, so dass sich 
die Proportion ergibt: griech. axoficc : skt. 
Stomas = lat, vox : gr, enog (Epos). Wahr- 
scheinlich ist auch x6f]g (altgr. xoff]g) und 
x9voax6og mit skt. kai:is (Seher, weiser Sänger) 
verwandt. Zweifelhafter ist es, ob man das 
griechische oder richtiger gesagt, äolische 
fj,vd^og mit skt. mantlias, in Verbindung 
bringen darf, da wohl die Form stimmt, 
aber das vedische manthas noch die ur- 
sprüngliche Bedeutung „Umrühren" hat; s. 
CuRTius, Gr. Et. ^ 335 flf. 

'') Der ßaQßaQiOfxög oder der anstössige 
Laut lallender Barbaren, im Gegensatz zu 
tXh]viofx6g, galt in der Sprachlehre der Grie- 
chen als Fehler, vor dem zu allen Zeiten die 
Grammatiker eindringend warnten. 



12 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Was sie von den Karern und Lykiern entlehnten, lässt sich bei der mangel- 
haften Kenntnis, die wir von der Sprache jener Völker haben, nicht mehr 
festsetzen; über einige Götternamen, wie Ayjiw^ Avfia^ ^AttoXXmv, wird die 
Entlehnung kaum viel hinausgegangen sein. Mehr entnahmen sie der Sprache 
jenes Volkes, das ihnen vorzugsweise die Kultur Innerasiens vermittelte, 
der der seefahrenden Phönikier. Nicht bloss die Eigennamen MeXixe'Qrrjg, 
^dßog, Maga^wv stammen aus Phönikien, auch die Appellativnamen ag- 
Qaßo'}}', ßvßAioi', öi-Xroc, xädog, iiccxaiQa^ /LisyaQOV, o^övr], yiTMv^ ^^«Z/^^? l^vä^ 
TTaXXaxLQ, xivvqa waren zugleich mit der Sache durch die Phönikier den 
Griechen übermittelt worden.^) Aber auch diese fremden Sprachelemente 
mussten es sich ebenso wie die aus der Fremde überkommenen Kunstfor- 
men gefallen lassen, mit griechischem Stempel versehen und nach der 
Analogie vaterländischer Wörter umgemodelt zu werden. Bedeutsamer 
war die Entlehnung der Schrift von den Phönikiern. Die Griechen waren 
sich des fremden Ursprungs dieses wichtigsten litterarischen Hilfsmittels 
wohl bewusst, indem sie die Buchstaben geradezu ^oivixrjia yQccfiißaTa 
nannten. Aber diese Anleihe aus der Fremde geht nicht der ersten Regung 
des poetischen Geistes der Griechen voraus; die Griechen hatten bereits 
herrliche Denkmale der erzählenden Dichtung, ehe sie zur Verbreitung der- 
selben von der Schrift Gebrauch machten. 

10. Dialekte des Griechischen. Jener Zw^eig des arischen Volks- 
stammes, der sich später den gemeinsamen Namen Hellenen gab, 2) setzte 
sich, in verschiedene Stämme geteilt, viele Jahrhunderte vor dem troischen 
Kriege in seinen europäischen Sitzen fest. Hauptstammesunterschiede, die 
zwar gewiss infolge der lokalen Trennung im Laufe der Zeit stärker her- 
vortraten, aber doch schon bei der ersten Niederlassung in Europa vor- 
handen waren, bildeten die Achäer, Aoler, Dorier, lonier. In verschiedenen 
Verstössen nach Süden und Westen verbreiteten sich dieselben von Thes- 
salien und Mittelgriechenland aus über ganz Hellas, von der älteren Be- 
völkerung die fremden Bestandteile aufsaugend, die verwandten sich an- 
gliedernd. So gingen die älteren Bewohner des Landes, die Pelasger, Karer 
und Leleger,^) von denen sich ausser einer neuerdings aufgefundenen 
Inschrift noch Erinnerungen in alten Berg- und Ortsnamen erhielten, 
fast spurlos in der neuen Bevölkerung der Hellenen auf.*) Von diesen 



^) A. Müller, Semitische Lehnwörter 
des Griech., in Bezzenbergers Beitr. I, 273 ff. 
Über die aus der Fremde kommenden Tiere 
und Pflanzen, wie xcmv, ikecpag Qodoy, y.dp- 
vaßig EQeßiPx^og, oipog, s. ViCT. Hehn, Kultur- 
pflanzen u. Hausthiere in ihrem Übergang 
aus Asien nach Griechenland und Italien, 
3. Aufl., Berl. 1877. 

2) JIuviX'krivEg kommt zuerst im SchifF- 
katalog B 530 und bei Hesiod Op. 528 vor. 
Über die spätere Ausdehnung des Namens 
"^'FJ/Ätjyeg, der anfangs nur einem kleinen 
Stamm Thessaliens zukam, ist die Haupt- 
stelle Thuk. I, 3, wozu Homerscholien bei 
Lehrs, Aristarch p. 233 kommen. Vgl. Wila- 
MowiTz,, Hellas vor der Völkerwanderung, 
in Euripides Herakles I, 258 fi". 



^) Strab. p. 661 : ol Kägeg vno Mipb) 
irdtrovTo, rore Aaksyeg xaXovfxei'Oi, xcd rag 
vTjöovg (oxovy ' eix^ rjneiQMxai yspojusvoi noX- 
Xiji^ rrjg naQaXiag xal rijg jusdoyaiag xarea/oi^, 
xovg TTQOxars/opTag dcpsXöfXSvoi' xal ovtoi 
6^iqaav ol nXsLovg Asleyeg xal JleXccayoi, 
ndXiv (fe rovxovg dcpslXoyxo fXEQog ol 'EXlrjveg, 
"Iiopsg xs xal JojQieTg. Vgl. Strab. p. 221 u. 
321 f. 

■*) Das in unserer Zeit hinzugekommene 
inschriftliche Denkmal wurde auf der ehe- 
dem von Pelasgern (s. Strab. p. 221) be- 
wohnten Insel Lemnos gefunden und ge- 
hört, nach dem Schriftcharakter zu schlies- 
sen, dem 7. Jahrh. an. Die Sprache der 
Inschjift ist nicht griechisch und zeigt oö'en- 
bare Verwandtschaft mit der Sprache der 



A. Epos. 1. Vorstufe der griechischen Poesie. (§ 10.) 



13 



gelangte der Stamm der Dorier, welcher zuletzt die Wanderung nach 
Süden antrat, in den dauernden Besitz des grössten Teils der Pelops- 
insel. Die früher südwärts vorgedrungenen Stämme der Achäer und 
lonier mussten, so weit sie sich nicht den neuen Herren unterwarfen, 
teils neue Wohnsitze auf den Inseln und in Kleinasien aufsuchen, teils 
sich zu den alten Sitzen ihrer Stammesgenossen zurückziehen. Denn 
die lonier und Achäer waren nicht insgesamt nach dem Peloponnes aus- 
gewandert, vielmehr war ein grosser Teil derselben in den früher von 
ihnen okkupierten Ländern Mittel- und Nordgriechenlands zurückgeblieben, i) 
Die Sonderung des Volkes der Hellenen in verschiedene Stämme ist 
am deutlichsten in den Dialekten ihrer Sprache ausgeprägt. Die alten 
Grammatiker unterschieden, indem sie wesentlich nur die litterarischen 
Denkmale in Betracht zogen, 4 Dialekte, den äolischen, dorischen, ionischen, 
attischen. Die neueren Forscher sind, indem sie von den sprachlichen, 
am deutlichsten in den Inschriften ausgeprägten Unterschieden ausgingen, 
zu wesentlich anderer Einteilung gekommen. 2) Danach sind zunächst zwei 
Gruppen zu unterscheiden,-^) das Ionische und das Nichtionische. ^) Von 
dem Ionischen zweigte sich infolge lokaler Trennung das Attische als eine 
besondere Mundart ab.^) In der nichtionischen Gruppe reichen die Unter- 
schiede des Dorischen (in Lakonien, Argos, Kreta) und Äolischen (in Nord- 
thessalien, Böotien, Lesbos) in die älteste Zeit hinauf ß); dieselben haben zugleich 
im Laufe der Zeit hohe Bedeutung für das litterarische Leben Griechen- 
lands gewonnen. Ausserdem aber lassen uns die Inschriften innerhalb der 



Etrurier, welche ja gleichfalls für Pelasger 
galten; s. Pauli, Eine vorgriechische In- 
schrift von Lemnos, 1886; Deecke, Die tyr- 
rhenischen Inschriften von Lemnos, Rh. M. 
41, 460 ff. Nach Pauli war das Pelasgische 
eine nichtarische Sprache, ebenso wie die ver- 
wandte Sprache der Karer und der älteren 
Bewohner Vorderkleinasiens überhaupt ; arisch 
oder iranisch hingegen war die Sprache der 
Phrygier, schwankender sind die Urteile be= 
züglich des Lykischen. 

^) In Mittelgriechenland war Attika seit 
alters von loniern, die mit Pelasgern zusam- 
mensassen, bewohnt, ebenso ein Teil der 
Insel Euböa. Auch die Graoi im Asoposthal 
sind als lonier durch eine Inschrift aus dem 
Amphiaraosheiligtum von Oropos erwiesen 
(s. Wilamowitz Herm. 21, 98). Für das Ge- 
biet um lolkos in Thessalien ist eine ältere, 
voräolische Bevölkerung bezeugt durch Pin- 
dar N. IV, 54 naUov de nuQ noöl Icagelay 
Icio'ky.ov Tiol£y.la /sql ngoarganaji' nrjXevg 
iaQ8(f(ox€y Jlfioi^eooi. Ob das aber laoner 
waren, wie E. Cuetius, Die lonier vor der 
ion. Wanderung, An. 33 annimmt, oder Pe- 
lasger, die in Thessalien wie in Attika den 
jugendkräftigeren Stämmen der Hellenen 
weichen mussten, steht dahin. 

'^) Aheeks, JDe graecae linguae dialec- 
tis, Gott. 1839 — 43; vollständig neubearbeitet 
von Meister, Die griech. Dialekte, noch un- 
vollendet; Gu. Meyer, Griech. Gramm. ^ p. 



XIX ff. ; CoLLiTZ, Die Verwandtschaft der 
griech. Dialekte, Gott. 1885. — Dialektische 
Inschriftensammlungen von Cauer, Dialectus 
inscriptionum graecarum propter dialectum 
memorahüium, ed. II, Lips. 1883; Collitz, 
Sammlung der griech. Dialektinschriften, 
Gott., noch unvollendet. 

^) Schon im Altertum hat Strabon p. 333 
die 4 Dialekte auf 2 reduziert, indem er die 
Atthis zur las, und die Doris zur Aiolis 
stellte. 

^) Hauptunterschiede sind, dass das Io- 
nische massenhaft altes ü in t] verwandelte, 
das Digamma frühzeitig, sicher schon im 7. 
Jahrh. aufgab, zum Ausdruck des dubitativen 
Verhältnisses «V statt xs verwandte. 

^) Hauptzeugnis für die Stammesver- 
wandtschaft ist Thukyd. II, 15: t« aQ/aio- 
z€()f( JiovvGia rfj ö(od'exdrrj noieLzai ep fxrjvl 
^Jvx^EöTr]Qiu}vi, woneQ xcd ol an' 'A&rjva'ioip 
'Iwrsg eti xmI rvp vofil^ovGiv. 

^) Hauptunterschiede sind, dass das Äo- 
lische durchweg baryton ist und den weichen 
Hauch [xpiXwGtg) liebt, den alten Laut des v 
[= u) wenigstens teilweise, namentlich im 
Böotischen, bewahrte und häufig ein o in f 
(ähnlich wie die Lateiner) verwandelte. Dazu 
kamen später die Unterschiede der Ersatz- 
dehnung und Kontraktion, vermöge derer 
äol. Moiaa, dor. Mwaa, ion. Movoa aus altem 
Movxiu, äol. Tfa'c, dor.-ion. rüg aus altem 
TCivg sich gegenübertraten. 



u 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



zweiten Gruppe noch mehrere lokale Schattierungen unterscheiden, insbe- 
sondere das Nordwestgriechische (in Südthessalien, Lokris, Phokis, Akar- 
nanien, Epirus), das Eleische, das Arkadisch-Kyprische, das Pamphylische. ^) 

Die Dialekte spielten in der griechischen Litteratur eine grössere Rolle 
wie in irgend einer andern der alten oder neuen Zeit. Die scharfe Son- 
derung der hellenischen Stämme und die Eifersucht der einzelnen Staaten 
auf ihre Selbständigkeit brachten es mit sich, dass bis über die Zeit des 
peloponnesischen Krieges hinaus nicht bloss die Privaten und Behörden 
sich in den öffentlichen Urkunden und Inschriften des einheimischen Dia- 
lektes bedienten, sondern auch die Dichter und prosaischen Schriftsteller 
die Sprache ihres speziellen Stammes redeten. So sind in allen Litteratur- 
gattungen die ältesten Denkmale nicht in der gemeingriechischen Sprache, 
sondern in irgend einem Dialekte geschrieben. Auch als die Autoren 
von der Mundart ihrer Landsleute abzuweichen begannen, gingen sie nicht 
gleich zu einer gemeinsamen Sprache über, sondern hielten sich zunächst 
an die Sprache und den Dialekt ihres Vorbildes. So entstand in Griechen- 
land eine neue Art von Dialekten, die man die litterarischen im Gegensatz 
zu den lokalen oder Stammesdialekten zu nennen pflegt. Schon die Sprache 
Homers gibt nicht rein die Formen und Wörter eines einzelnen epichori- 
schen Dialektes wieder, verdient vielmehr bereits den Namen eines Kunst- 
dialektes, des sogenannten epischen Dialektes. Schwer aber ist es bei 
ihm und fast noch mehr bei den späteren Dichtern, wie Pindar, zu unter- 
scheiden, wie viel sie aus der Mundart ihrer Stammesgenossen, wie viel 
aus der Sprache ihres Vorbildes herübergenommen haben. Doch auf diese 
Punkte werden wir erst weiter unten bei den einzelnen Autoren näher 
einzugehen Veranlassung haben ; hier möge nur noch eine Bemerkung all- 
gemeinerer Natur am Platze sein. 

Die Grundlage der griechischen Litteratur, die griechische Sprache, hatte 
von vornherein aussergewöhnliche Vorzüge : der Wohllaut ihrer Vokale und 
die Weichheit ihrer Konsonantenverbindungen machten sie zu einem vorzüglichen 
Instrument des musikalischen Vortrags ; der Reichtum ihrer Flexionsformen 
führte von selbst zum klaren, die verschiedenen Beziehungen scharf schei- 
denden Gedankenausdruck; die Mannigfaltigkeit ihrer Mundarten ermöglichte 
eine den Stilarten sich anschmiegende Modifizierung der allgemeinen 
Sprachmittel. ^) Kurzum in der griechischen Sprache war den Dichtern 
und Rednern von vornherein ein ausgezeichnetes Gefäss für den Ausdruck 
ihrer Gedanken und zugleich ein fruchtbarer Samen zur Entwicklung my- 
thologischer Ideen und phantasievoller Sagen gegeben. 

11. Vorhomerische Poesie. An der Schwelle der griechischen Lit- 
teratur stehen zwei Dichtungen unerreichter Grösse und Vollendung, die Ilias 



^) Dereleischeüialektiststammverwandt 
dem von Nordwestgriechenland, aus welcher 
Gegend die Atoler und Epeer in Elis eingewan- 
dert waren. Das Arkadische repräsentiert die 
Sprache der alten Bew^ohner des Peloponnes, 
der Achäer; seine Verwandtschaft mit dem 
Kyprischen beruht auf der ältesten Koloni- 
sation Kyperns durch peloponnesische Achäer. 



Das Pamphylische erinnert durch den Namen 
an die dorische Tribus der Uuucpvloi. deren 
Grundstock wohl die alten Bewohner der von 
den Doriern okkupierten Länder bildeten. 

''^) Jacobs, Über einen Vorzug der grie- 
chischen Sprache in dem Gebrauche ihrer 
Mundarten; Vermischte Schriften III, 375 ff. 



A. Epos. 1. Vorstufe der griechischen Poesie. (§ 11 — 12.) 



15 



und Odyssee des Homer. Der Dichter, der so grosses und vollendetes schuf, der 
mit solcher Leichtigkeit und Meisterschaft die Sprache handhabte, kann nicht 
der erste gewesen sein ; er muss, auch wenn er nicht die ganze Ilias und Odys- 
see, sondern nur einzelne Gesänge derselben gedichtet hat, eine ganze Reihe 
von Vorgängern gehabt haben, durch die erst der sprachliche Stoff geformt 
und der Boden geebnet wurde, auf dem sich der stolze Bau der grossen 
homerischen Dichtungen erheben "konnte. Zunächst leuchtet ein, dass die 
Litteratur nicht mit grossartig angelegten, in behaglicher Breite sich er- 
gehenden Werken begann, dass denselben vielmehr eine Periode kurzer 
Erzählungen und kleiner Heldenlieder vorausging. Die homerischen Ge- 
dichte tragen noch die deutlichsten Spuren jener älteren Sangesübung an 
sich, ja sie haben zweifellos viele jener älteren kleinen Lieder in ihren 
neuen Rahmen aufgenommen. Sodann sind dem altionischen Grundton des 
homerischen Dialektes viele ältere Formen, wie Genetive auf oio und aon', 
Instrumentale auf cpi, Infinitive auf jusvai, beigemischt, die nach Aolien 
und zum Teil über das äolische Kleinasien hinaus weisen und in die 
homerischen Gedichte nur aus älteren, nichtionischen Dichtungen gekommen 
sein können. Ebenso macht es die Form des heroischen Hexameters wahr- 
scheinlich, dass er nicht das älteste und ursprüngliche Versmass der Griechen 
war, sondern erst aus anderen Formen hervorgegangen ist. Die Zusammen- 
fassung von 6 Füssen zu einem Vers ist für einfache Zeiten und volks- 
tümliche Lieder zu gross, und die bei Homer vorherrschende Cäsur nach 
dem 3. Trochäus in Verbindung mit Resten asynartetischer Zusammenfügung 
der beiden Elemente, wie in 

aXX' axeovaa xd^r^ao, | sf^io) S'stvittsi^so fjiv^o) (A 565), 
vm> ays vrja fieXairav \ psQvaao^xsv slg aXa dlov (A 141) 
lässt uns vermuten, dass der Hexameter erst aus der Vereinigung zweier 
kleineren, ehedem selbständigen Tripodien entstanden ist, dass also der 
epischen Poesie mit ihren langen Zeilen eine andere vorausging, die kür- 
zere Verse liebte und sich demnach mehr dem Charakter der lyrischen 
Poesie näherte. Der Annahme von dreifüssigen Grundversen ist aber nebst 
dem deutschen Nibelungenvers insbesondere die Analogie des lateinischen 
Nationalverses günstig, da auch der Saturnius sich in 2 Tripodien zerlegt 
und, vom Umfang der Senkungen abgesehen, sich nur dadurch vom grie- 
chischen Hexameter unterscheidet, dass in ihm die Glieder mit und ohne 
Auftakt in umgekehrter Reihe aufeinander folgen: 



nialum dahunt MetelU \ Naevio podac 



v-/ JL 



Tov d'itiq ovv h'ör^öev \ ^AXt'^avSQoq üeo8idi^g. 
12. Zu der an die Form der ältesten Poesie anknüpfenden Erwägung ^) 
kommt noch eine andere aus dem Inhalt geschöpfte hinzu. Die homerische 
Poesie entstand in Kleinasien, in den vom europäischen Festland aus- 



') Bergk, Über das älteste Versmass der 
Griechen, Kl. Sehr. II, 392 ff.; üsener, Alt- 
griechischer Versbau, Bonn 1887, der über- 
dies den Versuch wagt die Tripodien auf 



ursprüngliche Tetrapodien zurückzuführen; 
Allen, Über den Ursprung des hom. Vers- 
masses, in K. Z. XXIV, 550 ff. 



16 



Griechische Litteraturgeschichie. I. Klassische Periode. 



gegangenen Kolonien. Die Verhältnisse des wohlhabenden, mit der reichen 
Küstenentwicklung in den Weltverkehr hinausreichenden Landes und die 
befruchtende Nachbarschaft der älteren Kulturvölker Phrygiens und Lykiens 
mochten hier der aufstrebenden Entwicklung besonders günstig gewesen sein ; 2) 
aber soll das Mutterland den Auswanderern nur den kräftigen Arm und 
die nautische Geschicklichkeit, nicht auch den Samen höherer Kultur 
und mit den religiösen Ideen und Bräuchen nicht auch einen Schatz heiliger 
Gesänge und volkstümlicher Lieder mitgegeben haben? Das werden wir 
von vornherein nicht leicht bezweifeln wollen; aber wir brauchen uns nicht 
mit blossen Wahrscheinlichkeiten zu begnügen; wir haben bestimmte Zeugen 
einer aus der europäischen Heimat mitgenommenen Poesie. Die Thaten 
der Ilias spielen sich wohl auf asiatischem Boden ab; aber daneben klingt 
durch Ilias und Odyssee ein reicher Nachhall von thebanischen, thessalischen, 
argivischen Sagen, und diese haben alle einen solchen Zauberklang, dass 
man auch für sie nicht die trockene Fortpflanzung durch Erzählungen von 
Bauern, sondern die Verklärung durch den Zaubermund der Poesie voraus- 
setzen darf. Und wo thronen die Götter, wo singen die Musen zur Phor- 
minx des Apoll? auf dem Olymp, ^) dem hochragenden Berge Thessaliens. 
Hier, in Thessalien, an den Abhängen des Olympos, im romantischen Thale 
des silbersprudelnden Peneios werden wir auch mit Zuversicht die Wurzeln 
der griechischen Poesie suchen dürfen. Wir dürfen also nicht mit Homer 
die griechische Litteraturgeschichte beginnen, wir müssen weiter hinauf- 
steigen zu ihren Anfängen in dem europäischen Festland. 

13. Hieratische Anfänge der Poesie. Die ersten Anfänge der 
griechischen Poesie erblühten also in dem Mutterland der Hellenen, in 
Thessalien. Dieselben gingen aus dem Dienste der Musen hervor und 
standen mit dem Stamme der Thraker in Verbindung. Die Musen, anfangs 
ohne bestimmte Zahl, später als 3 und 9 gedacht,^) die wie alle Götter 
der alten Zeit in quellreichen Hainen verehrt wurden,^) hatten ihre ältesten 
Sitze am Olymp in Thessalien und am Helikon in Böotien.^) Vom Olymp, 
wo sie an der Quelle Pimpleia und in der Grotte von Leibethron wohnten, 
hatten sie den Beinamen Movaai 'Olvp^niäSsg^ und dass hier ihr ältester 



^) Die bekannte Hypothese von E. Cur- 
tius, dass Kleinasien der ursprüngliche Sitz 
der lonier gewesen und später durch Kolo- 
nieen nur wieder verstärkt worden sei, lasse 
ich als unerweisbar ausser Betracht. 

-) Olympos der halbmythische Flöten- 
spieler, war ein Phrygier: Haupttonarten der 
Griechen waren die phrygische und lydische; 
lykische Baumeister bauten die alten Burgen 
der Achäer. 

^) Allerdings heissen erst im jungen 
Schiffkatalog die Musen ^OXv^xmäöeg Movoai 
(B 491), aber auf dem Olymp, im Hause 
des Zeus, singen sie schon A 604 und Movocci 
^OXvfxnia diu^ucn^ s/ovaat heissen sie schon 
A21S,SbOS, JI 112. Dass aber 'oXvfxnog 
im echten Homer nicht die verblasste Be- 
deutung ^Himmel, Götterwolmung", sondern 
die konkrete eines Berges in Thessalien hatte, 



bemerkte bereits Aristarch; die Echtheit der 
Verse Od. C 42 — 7, in denen eine verwa- 
schenere Bedeutung hervortritt, ist zweifel- 
haft. 

*) Über die Zahl der Musen Hauptstelle 
Paus. IX, 29. 2; nach ihr hiessen die 3 alten 
Musen MeXsirj, Myij^ut], Uoid^, was auf die 
Zeit hinweist, wo Ijei dem Mangel schrift- 
licher Aufzeichnung die Gedächtnisübungen 
eine Hauptsache waren; die Zahl von 9 Mu- 
sen zuerst Od. (o 60. 

^) Bekgk, Gr. Litt. I, 320 will geradezu 
die Musen mit den Nymphen identifizieren 
und ihren Namen auf lydisch /uaiv • ro vdioQ 
(Hesych.) zurückführen. Eher Hesse ich es 
mir gefallen, zu dem partizipialen fxovaca das 
Nomen vvfxcpm in dem Sinne „sinnende 
Mädchen" zu ergänzen, 

'') Paus. IX, 29; Strab. p. 410 u. 471. 



A. Epos. 1. Vorstufe der griechischen Poesie. (§ 13.) 



17 



Sitz war, zeigt sich auch darin, dass Hesiod, der böotische Sänger, neben 
dem neuen Beinamen ^EhxMviädsg noch den alten 'Olvi^iTriäSsg beibehielt, i) 
Diener der Musen waren die halbmythischen Thraker, 2) eine unter sich 
stammverwandte, halbpriesterliche Genossenschaft, welche den Kult der 
Musen und des Dionysos über Thessalien, Phokis, Böotien, Attika ver- 
breitete.^) Mit den bekannten, barbarischen Thrakern am Hellespont und 
Flusse Axios hat man sie frühzeitig identifiziert.^) Vielleicht hatten sie 
mit denselben nur den Namen gemein; möglich aber auch, dass sie wirklich 
aus Thrakien stammten und den Kult des Gottes Zagreus oder Dionysos 
von den Bergen des Hämus nach Thessalien und Mittelgriechenland trugen. 5) 
Namen solcher heiligen Sänger der Vorzeit sind uns viele über- 
liefert. Zählen wir sie auf, ohne von vornherein durch kritische Zweifel 
uns den Weg zu verlegen! Der gefeierteste derselben war Orpheus. 
Als seine Heimat galt Pieria am Olympos ; ^) dort an alten Sitzen orphischer 
Verehrung, in Pimpleia, Leibethron, Dion zeigte man sein Grab.'^) Die 
Sagen, dass er, ein Sohn der Muse Kalliope, mit seinem Saitenspiel die 
Bäume und Felsen nach sich gezogen habe, dass er in die Unterwelt hinab- 
gestiegen sei, um seine Gemahlin Eurydike zurückzuholen, dass er als 
Sänger an der Argonautenfahrt teilgenommen habe und schliesslich von 
ekstatischen Frauen zerrissen worden sei, haben seine Person so in mythi- 
sches Dunkel gehüllt, dass Aristoteles nach Cicero de nat. deor. I, 38 seine 
Existenz förmlich leugnete, ^) und dass in kritischen Kreisen frühzeitig die 
Echtheit der unter seinem Namen umlaufenden Gedichte bestritten wurde. ^) 
Wahrscheinlich war Orpheus nur Repräsentant des thrakischen Dionysos- 
kultus und rühren die ihm beigelegten Verse von jüngeren Anhängern jenes 



^) Vgl. Hes. Op. 1 : Movaai JIiSQirj^ev 
aoidfjai xleiovaai, devxe z/t' evviners. 

'^) Die Zusammengehörigkeit beider er- 
kannt von Strabon a. 0. 

-') Thraker in Phokis bei Thuc. II, 29, 
im böotischen Anthedon bei Lycophron 754 
und Steph. Byz., in Delphi bei Diodor XVI, 
24; im übrigen s. 0. Müllee, Orchomenos 
379 ff.; BoDE, Hell. Dichtk. I, 99 ff. 

*) feo schon Herakleides im Schol. ad 
Eur. Ale. 968 und Strabon p. 471. Umge- 
kehrt machte auf den Unterschied der bei- 
den Thraker aufmerksam Thuc. II, 29, und 
stellte Polygnot den Orpheus in helleni- 
schem Anzüge dar (Paus. X, 30 6). Die 
Späteren folgten der älteren Anschauung 
von der Identität der thrakischen Sänger 
und des barbarischen Volkes der Thraker; 
daher die Sage, dass seine Leier von der 
thrakischen Küste nach Antissa auf Lesbos, 
der Vaterstadt des Terpander, geschwommen 
sei; s. Stob. Flor. 64, 14 und Bode, Hell. 
Dicht. I, 143 ff. Aus 11. 1 5 suchte man, 
wie Strabon p. 28 lehrt, abzunehmen, dass 
Homer Thrakien vom Hellespont bis nach 
Thessalien reichen liess. 

^) Diese Ansicht neuerdings begründet 
von TöPFFER, Attische Genealogie. Berl. 
1889 S. 34 ff. Die Wanderung eines ähn- 

Handbuch der klass. Altertumswissenschaft. VII. 2 



liehen Kultes ist veranschaulicht im Hymnus 
auf den pythischen Apoll 38 ff. 

"•) Eur. Bacch. 561 ff.; Apoll. Arg. I, 
23 ff.; Paus. IX, 30. 3. 

^) Paus. IX, 30; nach Dion liess man 
die Gebeine des Orpheus gebracht sein, nach- 
dem dort zur Zeit des makedonischen Kö- 
nigs Archelaos musische Agone eingerichtet 
waren. 

^) Vgl. Suidas: ^Ogcpsvg 'O^qvGrjg ino- 
noiög ' JiovvCLog Se xoviov ov&e yeyovevca 
Xeyst. 

^) Piaton als ältester Zeuge führt Prot. 
316 d TfAer«? y^cil xQrjGfLKxxfiag, Grat. 402 b 
(vgl Legg. IV p. 715d und dazu die Sche- 
uen ) zwei kosmogonische Verse von Or- 
pheus an; s. Lobeck, Aglaoph. 529 ft\ Die 
unter Orpheus Namen auf uns gekommenen 
Gedichte ^jQyoi'ccviixa, Atx9(,y.d, i\uvoi sind 
Fälschungen aus der Zeit n. Chr. Über die 
Unechtheit der übrigen Orphika und über 
Orpheus selbst brachte Licht Lobeck, Ag- 
laoph. (Regim. 1829) lib. II p. 233 ff. Der 
Name 'Ogcfsvq stimmt, wie schon Lassen» 
Ztschr. für Kunde des Morgenlandes III 487 
bemerkt hat, lautlich genau zu vedisch 
Ribhus, welche als die göttlichen Künstler 
im Veda erscheinen. 

Aufl. 2 



18 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



im 6. Jahrhundert zum Geheimdienst umgestalteten Kultes her. — Als 
Schüler des Orpheus galt Musaios;^) er war von Pierien am Olymp mit 
den Thrakern nach Böotien an den Helikon gewandert (Strab. 471) und 
hatte in Athen sein Grab gefunden (Paus. I, 25. 7); sein und seines Sohnes 
Eumolpos Namen blieben mit dem eleusinischen Geheimdienst der Demeter 
verknüpft. Die von den Musen und dem Gesang gebildeten Namen der 
beiden Sänger erwecken wenig Vertrauen auf die persönliche Existenz ihrer 
Träger. Pausanias I, 22. 7 verwirft alle damals umlaufenden Gedichte des 
Musaios mit Ausnahme eines einzigen auf die Demeter für die Lykamiden 
gedichteten Hymnus.^') — Der jüngste der thrakischen Dichter war Tha- 
myris (oder Thamyras), dessen Blendung durch die Musen, die er zum 
Wettgesang herausgefordert hatte, der Dichter des Schiffkataloges (IL B. 
595) erwähnt.^) Er wird von dem Scholiasten und Suidas ein Sohn des 
Philammon genannt, dem die Tradition für den Tempeldienst in Delphi 
eine ähnliche Bedeutung wie dem Musaios für den in Eleusis beilegte.^) 
Am ehesten ist noch bei ihm an eine bestimmte Dichterpersönlichkeit zu 
denken, mit der man dann jedenfalls über die Zeit des Schiffkataloges oder 
über den Schluss des 8. Jahrhunderts hinaufgehen muss. 

Nach einer anderen Richtung weist uns Ölen aus Lykien, dem 
Pausanias a. 0. die ältesten Hymnen, darunter einen an die Eileithyia zu- 
schreibt, und auf den Herodot IV, 35 die alten in Delos gesungenen Hymnen 
zurückführt.^) Pausanias X, 5. 7 macht den Ölen zu einem Hyperboreer 
und berichtet, dass nach den einen dieser Ölen, nach andern die Prophetin 
in Delphi den Hexameter erfunden habe.^) Sehen wir von dem Ursprung 
aus dem Lande der Hyperboreer ab, der ohnehin erst nach Aristeas auf- 
gebracht sein kann, so erscheint uns Ölen als Vertreter des aus Lykien 
stammenden Apollodienstes und auf einer Linie stehend mit den Baumeistern, 
w^elche die alten Herrscher von Argos zur Erbauung ihrer Königsburgen 
aus Lykien kommen Hessen. Seine Zeit aber kann kaum über die Ein- 
führung des Apollokultes in Delos oder das 8. Jahrh. hinaufgerückt werden.'^) 

Linos war nachweislich keine individuelle Person, sondern nur Re- 
präsentant einer alten Liedweise. Denselben machten zwar der Historiker 



^) Suidas: Movacdog fnxdrjirjg 'OQ^piayg, 
fjLä%Xov de TJQsaßvTSQog ' rjxficiCs y(<Q xccrd 
xdv dsvrsQov KexQona. 

2) Aristoteles Polit. VIII, 5 p. 1339'^ 22 
führt aus Musaios den Halbvers ßgozoTg rjdta- 
Tov deideiv an. Noch im 3. Jahrh. n. Chr. 
treffen wir auf einer eleusinischen Inschrift 
CTG. 401 einen Hiorophanten og reXerdg 
ät'scffji^s y.cd ooyici ndpvv/a ^voraig Evfxok- 
nov TTQo/EMv IjueQÖsGGay ona. 

3) Die Blendung lässt Homer bei dem 
Städtchen Dorion in Elis geschehen; wahr- 
scheinlich aber nannte die alte Sage Dotion 
in Thessalien, wohin die Verbindung mit 
Oichalia weist; s. Steph Byz. u. Jwxiov, und 
Kiese, Der hom. Schiffskatalog 22. Verse 
des Thamyris erwähnt Piaton, Ion 533 b und 
Legg. 829 e. 

^) Eusebius setzt den Philammon 1292 
V. Chr. ; nach Pausanias X, 7. 2 folgte Phi- 



lammon selbst auf Chrysothemis aus Kreta. 
Erwähnt ist Philammon zuerst in einem neu- 
aufgedeckten Vers des Hesiod: ij (seil, ^i- 
Xioylg) xsxEv JvtoXvxop rs 4>LAdfijuoyd ts 
xAüToV «ydV/V. Vgl. Schol. ad Od. r 432. 

'") Nach Kallimachos hymn. IV, 304 
scheint man damals noch in Delos einen 
Nomos des Ölen unter Tanzbegleitung ge- 
sungen zu haben. 

t>) Nach andern galt Orpheus als Er- 
finder des Hexameters; s. Lobeck, Aglaoph. 
233. 

^) Auch von Melanopus in Kyme, den 
die Logographen in das Ahnenstemma des 
Homer und Hesiod aufnahmen, hatte man 
nach Paus. V, 7. 8 Hymnen. Im übrigen 
lese man die Hauptstelle für diese alten 
hieratischen Dichter aus Heraklides Pontikos 
bei Plut. de mus. 3. 



A. Epos. 1. Vorstufe der griechischen Poesie. (§ 14.) 



19 



Charax bei Suidas und der Verfasser des Agon zu einem Ahnen des Orpheus 
und somit auch des Homer ;^) aber trotzdem uns auch noch Verse unter 
dem Namen des Linos durch Stobaios aufbewahrt sind und man sein Bild in 
einer Grotte am Helikon zeigte, 2) kann es doch nicht zweifelhaft sein, dass 
es nie einen Dichter Linos gegeben hat, und dass ihn nur die Mythen- 
bildner aus dem Verse der Ilias .^570 ifjiSQosv xid^ägi^s Xivov S^ vjid xaXdv 
aeids seil, naig herauslasen, indem sie das Wort Xivov in dem Sinne eines 
Eigennamen fassten.^) Angeblicher Schüler dieses Linos war Pamphos, der 
nach Paus. IX, 27. 2 Hymnen auf den Eros für die Lykamiden in Eleusis 
dichtete. 

14-. Bei dem heutigen Stand der kritischen Forschung bedarf es nicht 
erst langen Nachweises, dass nicht bloss sämtliche Verse, die unter den 
Namen jener hieratischen Dichter auf uns gekommen sind, sondern auch 
alle diejenigen, welche die Alten kannten, von jüngeren Fälschern her- 
rühren. Das Richtige sah bereits der Vater der Geschichte, der sonst so 
leichtgläubige, in litterarischen Fragen aber sehr richtig urteilende Herodot, 
indem er II, 53 sagt: 01 ttqötsqov rcoirjTal Xsyo^svoi tovtcov t(üv ccvSqmv 
{^OfxrjQov xal '^Haioöov) y€V6(f^ai, vcTtsqov s^oiys doxbsiv iyevovroA) Später 
hat dann ein sonst nicht näher bekannter Gelehrter Epigenes, der nach 
Harpokration u. 'icov vor Kallimachos gelebt haben muss, in einer Schrift 
718qI Tr^g dg ^ÖQCfta ava(f8Q0i.itvrjg TToirjaecog^) den Knäuel entwirrt und den 
grösseren Teil jener Gedichte dem Schwindler Onomakritos zugeschrieben, 
der nach Herodot VII, 6 von dem Musiker Lasos aus Hermione über der 
Fälschung von Orakelsprüchen des Musaios ertappt worden war. Es drücken 
sich daher auch die guten Autoren, wo sie von Gedichten des Orpheus 
und jener alten Sänger sprechen, mit zweifelnder Vorsicht aus, wenn sie 
nicht geradezu den Namen des Orpheus durch den des Onomakritos er- 
setzen. 0) Aber wenn wir uns auch bezüglich der apokryphen Litteratur 



^ j Die Stammtafel gibt Sengebüsch, Diss. 
Hom. iirior p. 159. 

2j Paus. IX, 29. 6; nach Paus. II, 19. 8 
befand sich in Argos sein Grab; bei Suidas 
heisst er Xa'kxLÖEvg. Vgl. Flach, Gr. Lyr. 
I, 5 ff. 

^) Der Vers steht in der jungen Schild- 
beschreibung im Abschnitt von der Wein- 
lese. Linos als personifizierter Klagegesang er- 
scheint schon bei Hesiod fr, 132; s. Carm. 
pop. 2. Es war aber die Linosmelodie orien- 
talischen Ursprungs und nach Herodot II, 
79 (vgl. Paus. IX, 29. 7) über Phönikien, 
Kypros, Ägypten verbreitet; s. Brugsch, 
Die Adonisklage und das Linoslied, Berlin 
1852; 0. Gruppe, Die griech. Kulte und 
Mythen I, 543 ff. 

■*} Ebenso Joseph, c, Ap. I, 2: olojg 
Ticcgd Toi'g "^'EXXrjaiv ov^ev o^oXoyov^evov 
€VQLGxexciL rfjg O^rjqov noiijaecog nQsaßv- 
TEQOP, Sext. Emp. adv. gramm. I, 20. 3: 
«pjjfKtoTKT?; eailp ri 'OfuTJQov noifjoig ' nolrjfxa 
yciQ ovdey TxqsoßvTEQov rjxEV sig rjfxäg 
rrjg iy.eivov noujasMg, Schol. Dionys. Thrac. 
p. 785 Bekk. : ei xal Igtoqovgl riveg noitjrug 



TiQoysyePTJaS^at'OfirJQov Movaalov ZB xaVöQcpea 
xal Aivov, «AA' b'^w? ov^ev nQsaßvTSQoy rrjg 
'ihdöog xal ^O^vGoeiag GcüCsG&ai, noirjfxa . dX'/J 
SQSt xig, Tnog ; snEiyQafXfxaza GujCoi^iai ngeG- 
ßvTEQa; xal (fafiEP ort rd ^ev xovküi/ iipEv- 
Gfxeyovg e/ovgl rovg ^Qovovg, rd ds pecjteqcjp 
Tiviov i/övTOjy 6fX(ovv^iag xmp nalaiiov xdg 
E-niyqacpdg ej(ovgi. Das war eben die Mei- 
nung Aristarchs und der alexandrinischen 
Kritiker. 

s) Clem. Alex, ström. I, 333 u. V, 571; 
vgl Lobeck, Aglaophamos p. 340 f. 

6) Aristot. de an. gen. II, 1 p. 734, 19: 
iy xoTg xaXovfxspoig 'OgcpEcog etteglv, ebenso 
de an. I, 5 p. 410^ 28, und dazu Philopo- 
nos : ETTELdij fxrj doxEi "O^cpEcog Eipai xd etit], 
tJc: xal avxog ev loTg tieqI cfi'koGocpiag XeyEt ' 
avxov fXEP ydq elgi xd doy/xaxa, xavra ds 
cpf]GLj/ Ovo^dxQixop EV ETTEGL xaxaxETvai. Sext. 
Empir. p. 126. 15 und 462, 2 B. sagt schlecht- 
weg Ovo^udxQiTog EV xoTg 'OQcpixoTg. Weder 
Zweifel noch Zustimmung enthält der Aus- 
druck Piatons de rep. II p. 364 e: ßlßXcov 
ofiadov TiaQt/ovxai MovGalov xal ÜQcpEujg. 
Der Sophist Ilippias scheint nach Clemens 

2* 



20 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

ganz dem ablehnenden Urteil der alten und neuen Kritiker anschliessen, 
so muss doch daran festgehalten werden, dass es vor Homer eine ältere 
Periode hieratischer Poesie gegeben hat, deren Andenken in Thessalien, 
Böotien und Attika fortlebte und an die jene Fälschungen der seit dem 
6. Jahrhundert auftauchenden Sekte der Orphiker anknüpften. Homer und 
Hesiod schweigen allerdings, wenn wir von der Stelle des jungen Schiff- 
kataloges B 595 und den zweifelhaften Versen des Hesiod fr. 132 absehen, 
von jenen älteren Dichtern, aber das darf nicht allzuhoch angeschlagen 
werden; die neue Richtung des epischen Heldengesangs stand so hoch über 
jenen hieratischen Anfängen und war von ihnen so grundverschieden, dass 
ihre Vertreter leicht jene älteren Sänger völlig ignorieren konnten. Aber 
auf der anderen Seite gab es, wie wir oben sahen, vor Homer eine mit 
dem Musendienst verbundene Poesie am thessalischen Olymp, und erheben 
es allgemeine Erwägungen zu einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit, 
dass jene ältere Poesie einen hieratischen Charakter trug: auch in Indien 
gingen dem Mahabharata die Veden voraus; auch in historischer Zeit noch 
war Thessalien Hauptsitz der religiösen Zaubersprüche; der daktylische 
Hexameter eignete sich wegen seiner gravitätischen Länge und seines 
feierlichen Rhythmus vorzüglich zum heiligen Lied und kitharodischen Nomos, ^) 
während derselbe für die erzählende Poesie des Heldenepos zwar nicht un- 
passend, aber doch keineswegs ausschliesslich geeignet war; vollends die 
Begleitung einfacher Erzählungen mit dem Saitenspiel der Phorminx war 
eine fast unbequeme und deshalb früh aufgegebene Erbschaft aus der 
älteren Poesie, in der, wie in den Götterhymnen, das lyrische Element vor- 
herrschte. Wenn sich endlich die Götter mit ihren Beinamen so ganz un- 
gezwungen dem daktylischen Rhythmus fügen, wie fPotßog \47t6XX(ov, Movaa 
Xiysia^ (fiXo^xueiÖLg ^A(fQo6hrj, yairjoxog ^Evvoaiyaiog^ Zsv t€ ndreg xai "Ad-r^ 
vaiTj xal UttöXXcov, und wenn sich gerade unter den heiligen Formeln so 
viele Spuren älteren Sprachtums, wie irÖTvia ^'Hqtj, vscpsXrjysQe'Ta Zsvg, STa 
^€cco)V, 6oTrJQ€g sdwv, '^EQjiisiag dxdxrjTa, SidxTOQog 'AQy8i(p6vT7jg, xvSi(STrj 
TQiToytveia, x^öva ßcoTidvsiQav, rjegocpoiTig 'Eqivvg finden, so dient auch 
dieses zur Bestätigung dessen, worauf uns die alte Überlieferung mit 
Fingern hinweist. Es bewahrte aber auch in der Folgezeit die griechische 
Poesie etwas von jenem heiligen Charakter ihrer Anfänge. Auch Homer 
und Hesiod betrachteten sich als Priester der Musen und in dem religiösen 
Kult wurzelte wie die chorische Lyrik so die ganze dramatische Poesie. 
Insbesondere verschmähten zu aller Zeit gerade die besten der griechischen 
Dichter den blossen Sinnenkitzel, sie wollten den Lesern und Hörern nicht 
bloss einen vorübergehenden ästhetischen Genuss bereiten (ipvxccyooysiv), 
sondern auch sittigend und belehrend auf ihr Volk einwirken. 

15. Sagenpoesie. 2) Über jenen beschränkten Kreis von religiösen 
Anrufungen und Gesängen traten die Dichter hinaus, als sich im heroischen 

Alex ström. VI, 745 die Echtheit der Ge- ; xL^agtaral. 

dichte des Orpheus und Musaios nicht be- | ^) G. W. Nitzsch, Sagenpoesie der Grie- 

zweifelt zu haben; s. Lobeck a. 0. :336 f. i chen, Braunschweig 1852; Müllenhoff, Deut- 

') Orpheus ward mit der Leier darge- sehe Altertumskunde I, 8 — 73, wo indes 

stellt; ebenso spielt Thamyris die Kithara, allzusehr die phönizische Sage als Grundlage 

und heisst es bei Hesiod fr. 132 «otcTot xal der griechischen betont ist. 



A. Epos. 1. Vorstufe der griechischen Poesie. (§ 15 — 16.) 



21 



Zeitalter ein lebhafter Thatendrang der Nation bemächtigte und die Wan- 
derungen der Stämme zu heftigen Kämpfen und mutigen Wagnissen führten. 
Die Kämpfe jener ritterlichen Helden, die Ruhmesthaten der Einzelnen, wie 
die gemeinsamen Unternehmungen zu Land und zu See boten der Sage 
reiche Nahrung. Schon auf dem Festland hatte sich auf solche Weise 
ein Hort von Mythen gebildet; er ward wesentlich bereichert, als im 11. 
und 10. Jahrb.- vor unserer Zeitrechnung^) infolge des Vordringens thes- 
salischer Völkerschaften nach Böotien und der Wanderung der Dorier nach 
dem Peloponnes die alten Bewohner der bedrängten Länder nach Klein- 
asien auswanderten und dort unter mannigfachen Kämpfen neue Reiche 
und Niederlassungen gründeten. Solche Sagen gestalteten sich von selbst 
bei einem begabten Volke, das an Saitenspiel und poetische Sprache ge- 
wöhnt war, zum Gesang, und der Gesang selbst hinwiederum verklärte die 
Sage und gab ihr reichere Gestalt und festere Dauer. Das ganze Volk 
zwar dichtete nicht, immer nur ein einzelner gottbegnadeter Sänger schuf 
den Heldengesang; aber indem jener einzelne Dichter nur die im ganzen 
Volke lebende Sage wiedergab und sich in seinem Singen und Dichten mit 
dem Volke selbst eins fühlte, ward sein Gesang zum Volksgesang und trat 
seine Person ganz hinter dem volkstümlichen Inhalt seiner Dichtung zurück. 
In solchem Sinne reden wir von einem Volksepos und verzichten auf scharfe 
Scheidung von Heldensage und heroischem Epos. Bei den Griechen aber 
kam so gut wie bei den Germanen, Indern und Spaniern jenes Heldenepos 
in der Zeit zur Blüte, wo das Volk aus ruhmloser Vergangenheit unter 
Kämpfen und Ruhmesthaten in das Halbdunkel seiner ersten Geschichte 
einzutreten und seiner nationalen Stellung sich bewusst zu werden begann. 
16. Das heroische Epos ging naturgemäss von der Dichtung kleinerer, 
balladenartiger Lieder aus, von denen wir Deutsche in unserem Hilde- 
brandslied noch ein hübsches Beispiel haben. Dichter solcher Lieder, die wie 
vordem sich als Diener der Musen ausgaben, 2) gab es natürlich viele vor 
Homer; ja es hat grosse Wahrscheinlichkeit, dass die Aolier und Achäer 
schon aus ihrer europäischen Heimat derartige Heldenlieder mit nach 
Asien brachten. Die Namen jener älteren Dichter sind uns unbekannt; 
selbst der Phemios und Demodokos der Odyssee können, wenn sie über- 
haupt historische Namen sind,^) nach den Gesängen, die sie vortrugen, 
nur als Repräsentanten der jüngeren Entwicklung des epischen Gesanges 



^) Die alten Chronologen Eratosthenes 
und Apollodor setzten die Eroberung Troias 
1183, die dorische Wanderung 1104, die 
Auswanderung der lonier aus Attika 140 
post Tr. oder 1043 v. Chr., was wir einfach 
annehmen, wiewohl der Ansatz zu hoch ge- 
griffen zu sein scheint. Über den verschie- 
denen Ansatz der Troika selbst s. Flach, 
Chron. Par. p. X f. 

2) Daher riefen sie die Musen im Ein- 
gange an; der formelhafte Vers eansTs vvv 
fxoi Movatti ^OXv^TTia dcSficr' e/ovaat stammt, 
wie das vorionische eonere und die Erwäh- 
nung des Olymp zeigt, aus alter, vorhome- 
rischer Zeit. Ihr Gesang gilt so als Einge- 



bung der Gottheit; vgl. Od. q 518, x 347. 

^) Demodokos, derblinde, gottbegeisterte 
Sänger {^eiog doiö'og Od. d- 44, p 28) der 
Phäaken scheint eine historische Persön- 
lichkeit gewesen zu sein, da der Name 
nichts fingiertes an sich hat. Misstrauen hin- 
gegen erregt der Name des Sängers inlthaka, 
Phemios Terpiades, d er, wie eine Abstraktion 
\on cft]fj7] „erfreuende Sage" aussieht. Jeden- 
falls geht es nicht an, den Phemios zu einem 
Ithakesier und zum Verfasser eines 'J/auof 
vocTog zu machen, wie z. B. Bode, Hell. 
Dichtk. I, 207 that. In der Ilias übt den 
Gesang auch einer der Helden, Achill II. I 
186 ff. 



9") 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



gelten. Aber die Sagenkreise kennen wir durch die Epen, welche aus ihnen 
den Stoff nahmen, und durch die Andeutungen, welche Homer über sie 
uns aufbewahrt hat. Sie waren geteilt nach den Landschaften, da fast 
jede Landschaft ihre Stammeshelden und ihre sagenhafte Geschichte hatte, 
so dass man von einem argi vischen, elischen, attischen, ätolischen, thebani- 
schen, thessalischen, kephallenischen, kretischen Sagenkreis spricht. Die 
Sagen der meisten Landschaften und Städte gingen auf einen Stammes- 
gründer zurück, wie die der Athener auf Kekrops, der Thebaner auf Kadmos, 
der Argiver auf Danaos, der Peloponnesier auf Pelops, der Kreter auf Minos. 
Diese Stammesgründer traten aber allmählich zurück, da ihnen meistens 
etwas fremdes, die Herkunft aus Phönikien, Ägypten, Phrygien, anklebte, 
und an ihrer Stelle traten in den Vordergrund des allgemeinen Interesses 
und der volkstümlichen Erzählung die nationalen Helden und die mächtigen 
Stammeskönige der Vorzeit, wie Theseus bei den loniern, Herakles bei 
den Doriern, die Atriden und Peliden bei den Achäern, die Labdakiden 
bei den Thebanern.^) Gelegenheit, die Helden und Könige verschiedener 
Stämme zusammenzuführen, boten die gemeinsamen Unternehmungen. Diese 
wurden recht eigentlich der Punkt, an welchem das griechische Epos an- 
setzte, das griechische, dem von vornherein ein starker Zug zur nationalen 
Gesamtheit eigen war. So wurden Lieblingsgegenstände der Sage und des 
Heldengesangs die Kämpfe der Sieben gegen Theben und die Einnahme 
der Stadt durch die Epigonen, 2) die Fahrt der Argo vom Hafen lolkos 
am pagasäischen Meerbusen nach dem Hellespont und dem fernen Kolchis,^) 
der zehnjährige Kampf um Ilios, die Veste des Königs Priamos. Diese 
grossen gemeinsamen Sagenkreise nahmen die einzelnen Stammessagen in 
ihren Rahmen auf und führten von selbst über den Horizont kleiner Einzel- 
lieder hinaus zu grossen Epen oder Liederzyklen. Von ihnen erhielt im 
Verlaufe der Zeit der jüngste, erst in Asien infolge der Kolonisation aus- 
gebildete, der troianische, die grösste Beliebtheit. Er war nicht bloss der 
neueste, "^j er hatte zugleich das meiste Interesse für die Abkömmlinge der 
Helden vor Troia, da er die Niederlassung der Griechen in Kleinasien zum 
Ausgangspunkt hatte und mit den neuen Ruhmesthaten die Erinnerung an 
die alten Geschlechter der europäischen Heimat verband; er trat überdies 
früh mit seiner Verbreitung über die ionischen Kolonien aus dem Rahmen 
einer äolischen Lokalsage heraus, indem er auch die Helden der Achäer 
des Peloponnes, der lonier Attikas und zuletzt selbst den dorischen Herakles- 
sohn Tlepolemos an dem Kampfe gegen Troia sich beteiligen Hess. 



^) Das Fremde und Einheimische ist 
dabei cum grano salis zu verstehen, da auf 
der einen Seite Minos durch die Verwandt- 
schaft mit skt. Manus, ahd. manisco sich 
als altarisch erweist (er gehörte wohl zu den 
'Ez£6KQr]Teg im Gegensatz zu den später ein- 
gewanderten \4/atoL und JiüQiseg Od. r 175) 
und auf der anderen Herakles viele Züge des 
phönikischen Melkart angenommen hat. 

2) Erwähnt II. J 378, 405 ff.; E 801 ff.; 
Z 222 ff'. 

^) Od. fi 09 an einer jungen Stelle: 



^jQyoj ndoL fis'Xovaa. Die Ausdehnung der 
Fahrt bis nach Kolchis stammt natürlich 
aus späterer Zeit. Auf die Argonautensage 
geht auch die Stelle H 467 — 75 von Euenos, 
dem Sohne des Jason und der Hypsipyle, 
ferner x 187—9, /u 61—72, k 14—19, welche 
Stellen jedoch zum Teil der Interpolation 
verdächtig sind. 

■*) Was die Neuheit des Gesangs aus- 
macht, deutet Homer Od. « 351 an: ujy 
yuQ doi^rjv fÄCcXXop enix'keiovG^ dv&QiaTioi, 
rj Zig dxovövieaai VEUixäxt] ccf^<pi7i€^7]rat. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 17.) 



23 



2. Homers Ilias und Odyssee. 

17. Ilias. Aus dem troischen Sagenkreis sind die zwei grossen, welt- 
berühmten Dichtungen Homers hervorgegangen, die Ilias und Odyssee, von 
denen die eine kriegerische Scenen aus den Kämpfen vor Ilios, die andere 
friedliche Bilder der Seefahrt und des Lebens an den Fürstenhöfen im An- 
schluss an die Heimkehr der Helden enthält. Der Name Ilias der ersten 
Dichtung ist nicht ganz passend und stammt gewiss nicht von dem Dichter 
selbst her. Die kleine Ilias begann mit' Ihov asiSco xal JaQSavhjv svncoXov, 
und sie wird zuerst von jenem Vers den Namen Ilias erhalten haben. Aber 
der Ruhm der Helden vor Ilios knüpfte sich an das ältere, grössere und 
berühmtere Werk, und so werden die Homeriden das kleine Gedicht 'Ihdg 
ßixQa, das grosse des Homer hingegen 'Ihäg schlechthin genannt haben. 
In der That erzählt die Ilias nicht den ganzen zehnjährigen Krieg um die 
Veste Ilios, sondern nur einen Teil aus dem letzten der 10 Jahre, der sich 
um die Entzweiung des Oberkönigs Agamemnon und des tapfersten Recken 
der Achäer, des Achill, gruppiert. Mit fxfjviv asiös ^ed Ilrj^rjiädeM 'AxiXrjog 
hebt das Proömium der Ilias an, und Mrjvig ^Ay^iXXrjog oder ^Axillriig wäre 
wohl auch das Gedicht überschrieben worden, wenn es nicht in seinen 
Rahmen Gesänge aufgenommen hätte, welche zwar auch den Zorn des 
Achill zur Voraussetzung haben, aber ganz dem Preise anderer Helden 
gewidmet sind. Mit glänzender Meisterschaft aber hat der Dichter nicht 
den ganzen Krieg zu besingen sich vorgenommen, sondern nur eine Hand- 
lung desselben herausgegriffen, i) die sich in wenigen Tagen (51)^) abspinnt 
und dem Ganzen einen einheitlichen Mittelpunkt gibt. Diese eine Hand- 
lung ist aber dann auch, wie es Aristoteles verlangt, vollständig besungen, 
so dass das Ganze Anfang, Mitte und Ende hat. Ohne langweilige Orien- 
tierung über den Stand des Krieges und die Kämpfe, die vorausgegangen, 
werden wir mitten in die Sache, ^) in den Ausbruch des Streites zwischen 
Achill und Agamemnon, hineingeführt. Mit der Beilegung des Zwistes 
und dem, was davon untrennbar war, der Rache, die Achill an Hektor, 
dem Überwinder seines Freundes Patroklos nimmt, schliesst das alte Ge- 
dicht. Die Mitte umfasst die Leiden, welche der verderbliche Hader den 
Achäern gebracht hat. Da aber der Nationalstolz einem griechischen Sänger 
verbot, auch nur in einer Phase des Krieges die Barbaren stets siegreich 
sein zu lassen, so werden der schweren Niederlage der Achäer und dem 
Sturm auf das Schiffslager glänzende Siegesthaten des Agamemnon, Dio- 
medes, Aias gegenübergestellt, und um die Handlung nicht allzu einfach 
verlaufen zu lassen und die Aussöhnung des Achill zugleich aufzuhalten 
und zu motivieren, kommt zuerst Patroklos mit den Myrmidonen des Achill 
den bedrängten Achäern zu Hilfe und überwindet in der Brust des edlen 



') Arist. Poet. 23: Seaneaiog «V cpaveiri 
"0^f]Qog Tiagd roi>g cikXovg to3 jLirjds xov no- 
ksjLioy xainsQ e/oyra dg/rju y.al reXog ini- 
XEiQrjaab noiEiy oXoy ' Xiay yuQ dv fxeya xal 
ovx 8vavvomov e^ellsp taeod^ai rj reo fxeyi\)si 
y.erQiäl^ov xaxansn'keyfXEvov rfj noixiXia ' vvv 
^6 Bv fxsQog dnoXaßcoy ineiao&loig xe/Qt]rai 
lokXoig. 



^) Zenodot rechnete 1 Tag weniger als 
Aristarch, worauf mehrere Schollen gehen, 
worüber Lachmakn, Betrachtungen über Ho- 
mers Ilias S. 90 ff.; Bergk, Kl. Sehr. II, 
409 ff. 

^) Trefflich erkannt von Horaz a. p. 148: 
in medias res non secus ac notas auditoreni 
rapit. 



24 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode, 



Helden der Schmerz über den Fall des Freundes den Groll über die schmäh- 
liche Zurücksetzung. Das sind die Hauptzüge der Handlung, die dem 
Geiste des Dichters von Anfang an vorschwebten; denn gewiss nicht ohne 
Vorbedacht lässt derselbe den Achill schon im ersten Gesang A 240 drohen: 

(yvfxnavTag • t6t£ 6' ov ri Svvrjasai axvvjusvog ttsq 
XQccKTfJisTv, €vt' av noXXol v(p' ^'ExroQog avSQO(f6voio 

^vfjaXOVTSg TriTCTOXTl.^) 

Aber jene Hauptzüge sind nur die Angelpunkte der Handlung; reichere 
Ausschmückung und Erweiterung brachte die Ausführung des Planes. Da 
sind teils Episoden eingewoben, wie das nächtliche Kriegsbild der Doloneia, 
der Tod des Lykierfürsten Sarpedon, der Abschied Hektors von Andro- 
mache, die Bethörung des Zeus, der Flusskampf, teils ist für einen weicheren 
Ausklang des wilden Kampfgetümmels durch die Leichenspiele des Fatro- 
klos und die Lösung Hektors gesorgt, teils endlich ist die Haupthandlung 
selbst durch die Einlage einer Gesandtschaft an den hartherzigen Achill 
komplizierter gestaltet.^) 

Nach der heutigen, von den alexandrinischen Gelehrten herrührenden 
Einteilung zerfällt das Ganze in 24 Bücher oder Rhapsodien. Dieser Ein- 
teilung liegt ein ganz äusserliches, von der Zahl der Buchstaben herge- 
nommenes Motiv zu gründe, wodurch teils ganz Verschiedenartiges, wie 
die Volksversammlung und der Scbiffkatalog, in einen Gesang zusammen- 
geworfen, teils Zusammengehöriges, wie die Bethörung des Zeus {Jiog 
drcccTTj) und ihre Folgen, in zwei Gesänge auseinander gerissen wurde. Dem 
Plane des Homer und der Vortragsweise der Rhapsoden führen uns die 
alten Namen der Ilias näher, von denen mehrere Älian V. H. 13, 14 er- 
halten hat: Tcc '^OfiTjQOV snrj ttqotsqov öirjQTi^bva rjSov ol naXaioi ' oior sXe- 
yov Tijv inl vaval fJiccxrjv (M) xal JoXMVsiav riva (Ä) xal ^Agiüxeiav ^Aya- 
fisfxvovog [A) xal Nsmv xaxäXoyov [B 484 ff.) xal JJarQOxXsiav [11 P) xal 
AvTQa (i3) xal 'Eni IlaTQoxXoi a&Xa (^^ 262 — 897) xal ^Oqxiodv acfdviaiv 
(J 1—222). 3) 

18. Odyssee. Der Name der Odyssee (O^vaaeia) kommt von Odys- 
seus, dem Träger der Handlung her und ist wahrscheinlich durch den 
ersten Vers des Proömiums 'Avdga fjioi 8vvstis Movaa ttoXvtqotiov veran- 
lasst. Aber eine Odyssee im vollen Sinne ist auch dieses Gedicht nicht. 
Manches ist zwar aus dem früheren und späteren Leben des Helden ver- 
mittelst der Kunst episodischer Einlage herangezogen, wie seine Verwun- 
dung auf der Jagd bei seinem Grossvater Autolykos {t 392 — 466), die List 
des hölzernen Pferdes (^ 491—520, S 271 — 289), der Streit um die Waffen 
des Achill (X 545 — 567), die Ausspionierung Troias (J 242 — 264), der 
friedliche Tod des Helden in hohem Alter (.1 119—137), aber die Haupt- 
erzählung dreht sich doch um nur eine Handlung, die Heimkehr des Odys- 



^j Die merkwürdige Bezeichnung des 
Pafcroklos durch den blossen Gentilnaraen 
MsyoiTiadrjg A 307 führe ich nicht an, da 
dieselbe wahrscheinlich erst nachträglich 
durch Interpolation in den 1. Gesang ge- 
kommen ist. 



-) Die Gesandtschaft des Buches / machte 
wiederum die Einlage eines dritten unglück- 
lich verlaufenden Schlachttages, die xo7o? 
j««/?y des Buches 0, notwendig. 

^) Näheres im 1. Kapitel meiner Prole- 
gomena zur Ilias. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 18.) 



25 



seus.^) Indes so einfach und kurz war an sich diese eine Handlung nicht, 
da Odysseus 10 Jahre umhergeirrt war und bei der Heimkehr an den 
übermütigen Freiern der Penelope neue Feinde in seinem Hause gefunden 
hatte. Aber der Kunst des Dichters gelang es, die Handlung trotzdem auf 
die kurze Zeit von 41 Tage zusammenzudrängen, indem er uns gleich im 
Eingang, ähnlich wie in der Ilias, in das letzte Jahr der Irrfahrten ver- 
setzt und den Odysseus seine früheren Erlebnisse in dem Hause des Alki- 
noos nacherzählen lässt. Er erlangte damit zugleich den Vorteil, länger bei 
der Schilderung des Königshofes im Lande der Phäaken verweilen zu können 
und die lieblichen Scenen von der Königstochter Nausikaa, den Gärten des 
Alkinoos, dem blinden Sänger Demodokos, den ritterlichen Spielen am Hofe 
des Alkinoos, der Erzählung von Odysseus Abenteuern in sein Gedicht einzu- 
legen. Weniger wahrte er die Einheit des Ortes. Denn nicht bloss treffen wir 
Odysseus anfangs bei der Kalypso, dann bei den Phäaken, dann bei dem Sau- 
hirten Eumaios und schliesslich in seinem eigenen Hause, sondern es gehen 
auch bis zur Hälfte des Epos zwei Fahrten nebeneinander her, die des Haupt- 
helden und die seines Sohnes Telemachos, indem kurz vor der Rückkehr 
des Odysseus Telemachos auf die Spähe nach seinem Vater auszieht und 
beide auf ihrer Rückkehr bei dem Sauhirten Eumaios zusammentreffen. 
Dies hatte das Gute, dass so der Dichter uns gleich in den ersten Gesängen 
über die Zustände im Hause des Odysseus orientieren und über die Ge- 
schicke auch der übrigen Führer, namentlich des Nestor, Menelaos, Aga- 
memnon, aufklären konnte. Aber durch alles dies wurde die Erzählung 
der Odyssee bunter und verflochtener, was nicht ganz ohne Unzukömm- 
lichkeiten abging, indem Telemachos zwischen dem 4. und 15. Gesang aus 
den Augen verloren wird und weit länger als er wollte und sollte (s. c^ 594 
bis 599) bei Menelaos zu verweilen in die Lage kommt. ^) Aber diese Un- 
zukömmlichkeiten werden durch die grössere Spannung der Erzählung und 
die Überraschung der Erkennungsscenen wieder reichlich aufgewogen,^) zu- 
mal der Dichter gerade diese Scenen, wie die von der Fusswaschung des 
verkleideten Odysseus durch die alte Amme Eurykleia {t 357 — 504), mit 
unvergleichlicher Zartheit zu behandeln verstand >) 

Der Held, von dem das ganze Epos den Namen hat, Odysseus, steht 
im Gegensatz zu Achill, dem Helden der Ilias: in ihm war die Klugheit 
und verschlagene List verkörpert wie in jenem der Heldenmut und die 
jugendliche Kühnheit; beide zusammen repräsentierten den Griechen das 
Ideal eines hellenischen Mannes. Die Klugheit wiegt auch im Kriege etwas, 
und schön hat uns der Dichter der Doloneia an Diomedes und Odysseus 
gezeigt, wie kühne Beherztheit und schlaue Klugheit zum Gelingen einer 



') Dabei beachte, dass all die aufge- 
zählten Odysseusepisoden jüngeren Partien 
der Odyssee angehören und zum Teil sicher 
erst nachträglich eingelegt sind. 

'^) Störender noch ist die Wiederkehr 
der Scene des Anfangs der Odyssee im Ein- 
gang des 5. Gesangs, aber die Partie e 1 — 27 
ist elendes Flickwerk, das in dieser Gestalt 
nicht von dem alten Dichter herrührt. 



^) Treffend urteilt auch über diesen Punkt 
Aristoteles, Poet. 24: ?y fiey'lXiag ccnXovv xal 
TTccd^tjTixop. ri de 'Oövaosia nsnXsy^eyoy [dyti- 
yytüQLffEig ydg dp oXov) xcd ijd^txrj. 

^) Auch die Kunst hat sich dieses herr- 
lichen Motives bemächtigt, wie wir noch aus 
einem Relief der Sammlung Campana t. 71 
sehen. 



26 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



kriegerischen Unternehmung zusammenwirken müssen. Aber mehr kommt 
doch dieselbe in den Fahrten zur See, in dem Kampf mit den Gewalten 
der Natur, in den Schicksalen des privaten Lebens zur Geltung. Es 
war daher ein guter Griff des Dichters der Odyssee, dass er den Stoff 
zu seinem Epos aus dem Sagenkreis von der Heimkehr der ilischen Helden 
nahm und in denselben die wundervollen Mären von den Bewohnern fer- 
ner Länder und den Abenteuern kühner Seefahrer verflocht. Er hat so zu 
dem Heldengedicht der Ilias eine vortreffliche Ergänzung geschaffen, die 
um so mehr Anziehungskraft üben und andächtig lauschende Zuhörer finden 
musste, als inzwischen auch die Bestrebungen der Nation sich mehr der 
Schiffahrt und den friedlichen Beschäftigungen zuzuwenden begonnen hatten. 

Die Einteilung der Odyssee in 24 Bücher, die man jetzt mit den Buch- 
staben des kleinen Alphabets zu bezeichnen pflegt, rührt gleichfalls aus 
der alexandrinischen Zeit her. Auch hat der gleiche Älian V. H. 13, 14 
mehrere ältere Namen einzelner Teile uns erhalten, wie Ta iv Ilvhn (y), 
Td SV AaxsSa(}.iovi (J), KaXvipovg avTQOv [e 1 — 281), Td ttsqI ttjv axsSiav 
(s 282 — 493), 'äXkivov dnöXoyog (i-^),i) KvxXomsia (S-), Nsxvicc (^), Td Trjg 
KiQxj^g (x), NiTTTQa (t), Mvr^aTr^Qcov (povog (/), Td iv dygo) xal rd iv AatQxov 
{m 205 — 548). Aber weit mehr als die kleinen Gesänge treten in der 
Odyssee die grösseren Abschnitte hervor, wie die Irrfahrten des Odysseus 
{i — ii), die Reise des Telemachos (a—ö), die Heimkehr des Odysseus und 
der Freiermord (v—ip), so dass innerhalb dieser Gruppen die einzelnen Ge- 
sänge sich nicht mehr gleich gut wie in der Ilias zum Einzelvortrag eig- 
neten und die selbständigen, breit ausgeführten Episoden fast ganz fehlen. 2) 

19. Die Person des Homer, dem die beiden Dichtungen beigelegt 
werden, verflüchtigt sich um so mehr, je näher man derselben zu treten 
sucht. Wir haben 9 teils längere, teils kürzere Lebensbeschreibungen 
Homers; aber diese sind nur späte, zum Teil geradezu erlogene Fabrikate 
von Grammatikern, welche örtliche Fabeleien für alte Überlieferungen aus- 
gaben oder das, was ursprünglich nur Vermutung und Schlussfolge war, 
als feste Thatsache hinstellten. 2) Wir besitzen mehrere Büsten des Homer 



' I SP 'Ah/.iyov anoXoyoj kommt ebenso 
wie eV roTg NinxQOig schon bei Aristoteles 
in der Poetik c. 16 vor. Wie ich in den 
Proleg. Uiadis p. 4 nachwies, ist der Aus- 
druck verkürzt aus unöXoyog iv ^JXxlpov sc. 
(fö/uo) „Erzählung im Hause des Alkinoos" 
im Gegensatz zur „Erzählung beim Sauhirten". 

'^) Kleinere Episoden innerhalb eines Ge- 
sanges finden sich öfter, wie das Liebes- 
abenteuer des Ares und der Aphrodite {x^- 266 
bis 366), die Handelslist der phönikischen 
Seefahrer (0 403 — 484), die Verwundung des 
Odysseus auf der Jagd (r 399 — 466). 

^) Auf uns gekommen sind 9 Vitae, ab- 
gedruckt in Westermann's Biographi gr. 
und besprochen von Sengebusch Diss. hom.; 
die Vit. 6 ist jetzt vollständiger aus Cod. gr, 
6 der Vittorio-Emanuelebibl. mitgeteilt von 
SiTTL, Stzb. d. b. Ak. 1888. II, 274 f. Von 
diesen reicht keine über die Zeit des Augustus 



hinauf. Die erste ist in ionischem Dialekt 
geschrieben und trägt den Namen des Hero- 
dot, ist aber eine plumpe Fälschung, aus 
der Zeit nach Strabon, wie aus dem Ver- 
gleich von c. 20 mit Strabon p. 596 hervor- 
geht; sie setzt nämlich den Homer in die 
nächsten Jahre nach der dorischen Wanderung, 
während ihn der echte Herodot II, 53 in der 
Mitte des 9. Jahrhunderts leben lässt. Die 
Schrift nXovTaQ/ov 718qI rov ßlov xal jTJg 
noirjosiog 'O^yjqov ist aus zwei Schriften zu- 
sammengesetzt und rührt nicht von Plutarch 
her, da die von Gellius II, 8 u. 9; IV, 11 
(vgl. Schol. II. 625) aus Plutarchs echter 
Schrift angeführten Stellen in unserer Schrift 
nicht stehen; sie ward von R. Schmidt dem 
Porphyrios zugeschrieben. Am wertvollsten 
sind die aus Proklos Chrestomathie gezogene 
Vita und das Certamen Hesiodi et Homeri, 
beide aus Hadrians Zeit. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 19.) 



27 



aus dem Altertum, i) aber diese sind Idealschöpfungen, hervorgegangen aus 
der Vorstellung von einem blinden Sänger, Vielehe Vorstellung selbst wieder 
auf der irrigen Voraussetzung, dass der Dichter der Ilias und Odyssee mit 
dem Verfasser des Hymnus auf den delischen Apoll identisch sei, beruht.^) 
Wir hören von einem Vater unseres Dichters, Maion aus Smyrna, und 
einem Geschlecht der Homeriden in Chios; aber der Smyrnäer Maion muss 
sich mit dem Flussgott Meles in die Ehre der Vaterschaft teilen,^) und 
der sorgfältige Artikel des Harpokration über die Homeriden^) belehrt uns, 
dass die Zurückführung jenes Geschlechtes auf den Dichter Homer als 
Ahnherrn desselben bestritten und zweifelhaft war. Wir sehen seit Piaton 
und Aristarch den Homer als Verfasser der Ilias und Odyssee an, aber in 
der Zeit vor Herodot galt Homer vielen als Kollektivname für den Dichter 
aller alten Heldengesänge. ^) Wir haben bestimmte Angaben über das 
Vaterland und die Lebenszeit des Homer, aber ihr Ansehen wird durch 
den Widerspruch der Überlieferung geschwächt und zum grossen Teil auf 
die Bedeutung von blossen Kombinationen herabgedrückt: 7 Städte, Kyme, 
Smyrna, Chios, Kolophon, Pylos, Argos, Athen, und noch andere mehr 
stritten sich um die Ehre, Homers Heimat zu sein ; ^) nicht weniger 
gehen die Angaben über die Zeit des Dichters auseinander. Hellanikos 
setzte ihn in die Zeit des troischen Krieges (1193 — 1183), Krates zwischen 
die Einwanderung der Böotier und den Auszug der Herakliden (1130 — 1103), 
Aristarch in die Zeit des ionischen Auszugs (1043), Apollodor 100 Jahre 
nach der ionischen Wanderung (943), Ephoros und Sosibios in die Zeit 



^) Siehe die beigegebene Tafel. Vergl. 
Baumeister, Denk. d. kl. Alt. I, 698. 

'^) Hymn. Apoll. Del. 172 sagt vom Dich- 
ter des Hymnus rvcpXog dprJQ oiy.sT de XUo 
EVI TiainaXoioari. Damit kombinierte man 
den blinden Sänger Demodokos in Od. ^ 64 
und den geblendeten Kitharisten Thamyiis 
in II. B 599. Dagegen gut Proklos p. 232 
W. : rvcf^-df de ogol xovtov anecprjvavro, av- 
roi fnoc doxovGi xrjp diuvoiav rerv(pX(oad^ai,, 
ähnlich Vell. I, 5. wahrscheinlich nach einem 
Epigramm. 

^) Als MelrjOiyevr'ig wird Homer gedacht 
von dem alten samischen Dichter Samios bei 
Ath. 125 d. Daneben ist Phemios als Nähr- 
vater genannt von Ephoros in Ps. Plutarch 
vita Hom. 2. 

"*) 'OfirjQldai • yevog ep X/w, ottsq ^Jxovgl- 
Xaog iv y , 'EXXdpiy.og ep rfj 'ArXciPzldi and 
rov noi7]rov cfrjaip wpofxccGO^ac, 2!eXevxog de 
ep ß' neQi ßlcop d/naQTccpeiP cfrjolp KQchrjra 
pofxiCopTa rovg ^ sp rcdg hoonouaig 'Ofj.7]Qi- 
dctg dnoyöpovg eivai rov noirjxov ' (OPOf^dax^t]- 
oap ydg dnö liop ofxrjQCDP, enel al yvpcaxeg 
TTore tiop Xio)p ep Jtopvaioig naQacpQOPTJoaaat 
eig judj(7]p rj'kd-op roTg dpdqdai xal döpreg 
aA}.7]Xoig ofxtjQa pvfxcpiovg xal pvfxcpag enav- 
acipio, ix)P rovg dnoyopovg 'OfxrjQidag "keyovaip, 
Vgl. Strab. p. 645. 

^) Proclus p. 233 W, : yeyqacpe de notrj- 
oeig dt'o, 'iXtdda xal ^Odvaaeiccp, rjp Sepcop 
xccl ^EXXdrixog drfaiQovprai avroi, ol fieprot, 



y dQ)(a?oi xccl rop xvxlop dpcccpegovGip eig 
avrop. Vergl. indes über die Kontroverse 
unten § 46. 

ß) Anth. Plan. 297, wozu Anth. Plan. 295. 
296. 298. 299; Gellius III, 11; Epiphan. adv. 
haer. I, 326; Tzetzes, Chil. XIII, 621-646. 
Nach ihnen erhoben auch los, Kypern, Ithaka, 
selbst Phrygien und Ägypten Ansprüche, so 
dass Antipater (Anth. Plan. 296, ähnlich 
GIG. 6092) witzig von Uranos und der Muse 
Kalliope den Homer entsprossen sein liess. 
Für Smyrna erklärten sich die meisten der 
alten Gewährsmänner, Pindar, Stesimbrotos, 
Ephoros, Hellanikos, Charax (siehe Rohde, 
Rh. M. 36, 388), für Athen Aristarch, indem 
er von der Kolonisation Smyrnas durch At- 
tika ausging und diese durch die Attikismen 
Homers bestätigt fand (s. Aristides I, 317 
Dind.). Chios wird sich auf das Geschlecht 
der Homeriden und den Hymn. Ap. Del. 172, 
später auch auf den ehrwürdigen Steinsitz 
Homers gestützt haben (s. E. Hoffmann, 
Homeros und die Homeridensage von Chios 
1856). Kolophon berief sich auf den für 
homerisch gehaltenen Margites; für Kolophon 
war der Kolophonier Nikander in dem Buch 
über die Dichter von Kolophon eingetreten. 
In los opferte man nach Aristoteles bei Gel- 
lius HI, 11 am angeblichen Grab des Homer, 
was jedenfalls auf eine Sänger- oder Rhap- 
sodenschule in los hinweist. 



28 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



des Lykurg (866), Theopomp in die des Einfalls der KimmerierJ) Löst 
sich so schon angesichts der Unsicherheit der Überlieferung die Gestalt 
des Homer in Nebel auf, so sind neuere Gelehrten noch weiter gegangen, 
indem sie sogar dem Namen Homers die Bedeutung eines Individualnamens 
absprachen, da mit demselben nicht eine bestimmte historische Person be- 
nannt, sondern nur in genereller Weise der Zusammenordner älterer Ge- 
sänge oder der Genosse einer Sängerzunft bezeichnet worden sei. 2) Das 
letzte ist nun zwar eine entschiedene Verirrung der Zweifelsucht. EvfjioX- 
Ttog 'der schön Singende' und Movaatoq 'der Musensohn' sind fingierte 
poetische Namen, aber wer hätte den Mann, der eine Ilias und Odyssee 
schuf und an dessen Vorbild sich eine ganze Generation von Dichtern bil- 
dete, mit einem so niederen Namen wie Ordner oder Zunftsänger zu be- 
zeichnen wagen dürfen? Auch sollte sich die Kritik nicht erlauben, dem 
göttlichen Sänger Homeros deshalb, weil ihm später allerlei Fabeln anga- 
dichtet worden, nun gewissermassen zur Sühne auch noch das Leben ab- 
zusprechen. Aber immerhin ist durch die wissenschaftliche Kritik der 
Glaube an den historischen Homer stark erschüttert, und wäre namentlich 
der nicht so leicht zu widerlegen, der den Namen Homer nicht von dem 
Schöpfer des alten Kerns der Ilias, sondern von einem jüngeren, die älteren 
Epen zum Abschluss bringenden Dichter getragen sein Hesse. 

20. Homerische Frage. ^) Die Zweifel sind bei der Person und 
dem Namen des Homer nicht stehen geblieben; die Kritik ist auf die 
dem Homer beigelegten Werke selbst übergegangen. Diese Kritik begann 
bereits im Altertum in der Zeit des Herodot ; sie sprach zunächst dem Schöpfer 
der Ilias und Odyssee die Gedichte des epischen Kyklos ab. Wie man 
dabei verfuhr, ersieht man aus Herodot II, 117, wo zum Beweise dafür, dass 
die Kyprien nicht von Homer herrühren, auf den Widerspruch zwischen 
den Kyprien und der Ilias hingewiesen wird, indem Paris in dem ersteren 
Gedicht in 3 Tagen direkt von Sparta nach Ilios heimfuhr, nach der Ilias 22^1 
hingegen lange umherirrte und bis nach Sidon verschlagen wurde. Weitergingen 
in der alexandrinischen Zeit die sogenannten Chorizonten, Xenon und 
Hellanikos, welche dem Homer auch die Odyssee absprachen. Sie befolgten 
dabei die gleiche Methode, indem auch sie von den Widersprüchen zwischen 
Odyssee und Ilias ausgingen. So betonten sie, dass als Frau des Hephai- 



^) Die Zeitangaben verdanken wir ausser 
den Vitae zumeist den christlichen Schrift- 
stellern Clemens Alex, ström. I, 21 und Ta- 
tian ad Graec. 31 (abgedruckt bei Senge- 
busch, Hom. diss. I, 14 ff.). Unsere nächste 
Aufgabe, die Gründe der verschiedenen An- 
gaben zu ermitteln, behandelt Rohde, Studien 
zur Chronologie d. gr. Litt, im Rh. M. 36, 
380 ff. Vgl. aus älterer Zeit Bernh. Thieksch, 
Zeitalter und Vaterland des Homer, Halberst. 
1832 ; Lauer, Gesch. d. hom. Poesie, Berl. 
1851 S. 69. 

2) Die erste Deutung vorgeschlagen und 
durch die Analogie des Vyäsa, Sammler des 
Mahabharata, gestützt von Holtzmann, die 
zweite begründet von G. Curtius, De no- 



mine Homeri, Kiel 1855. Die ganze Frage 
von neuem einer umsichtigen Kritik unter- 
zogen von DÜNTZER, Die homerischen Fragen, 
Leipz. 1874 S. 13-33. 

^) Zusammenfassende Schriften von W. 
Müller, Homerische Vorschule, Leipzig 1836, 
jetzt veraltet; Minckwitz, Vorschule Homers, 
Leipzig 1863; Bonitz, Über den Ursprung 
der hom. Gedichte, ursprünglich ein Vortrag, 
5. Aufl. von Neubauer besorgt, 1881; Niese, 
Die Entwicklung der hom. Poesie. Berlin 
1882; Christ, Homer oder Homeriden, 2. 
Aufl., München 1885. Vieles einschlägige in 
Düntzer, Hom. Abhandlungen, Leipz. 1872; 
WiLAMOWiTZ. Hom. Untersuchungen = Philol. 
Unters. 11. Heft. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 20—21.) 



29 



stos in der Ilias 2 382 Charis, in der Odyssee ^ 267 Aphrodite genannt 
ist, dass Nestor in der Ilias yi 692 eilf Brüder, in der Odyssee 2 286 nur 
zwei hat, dass die Ilias den Aiolos als Herrscher der Winde noch nicht 
kennt und ebenso wenig davon etwas weiss, dass Hebe, die jungfräuliche 
Dienerin der Götter, dem dorischen Nationalhelden Herakles angetraut ist. ^) 
Aber die Ansicht der Chorizonten drang nicht durch: Aristarch, dem die 
Übereinstimmungen der beiden Gedichte im grossen Ganzen, namentlich 
gegenüber dem epischen Kyklos und den Neueren {ol vsmtsqoi), mehr be- 
deuteten als die paar nebensächlichen, obendrein zum Teil leicht zu be- 
seitigenden Unebenheiten, 2) hielt an der Einheit fest, und seine Autorität 
behauptete im Altertum die Oberhand, so dass man an Homer als Dichter 
der Ilias und Odyssee festhielt und sich höchstens dazu verstand, die Ilias 
dem jugendlichen, die Odyssee dem gealterten Homer zuzuschreiben.^) 

21. Einen stärkeren Ansturm unternahm F. A. Wolf mit den Pro- 
legomena ad Ilomerum 1795, 4) worin der bahnbrechende Gelehrte aus den 
Widersprüchen und den Mängeln der Komposition zu erweisen suchte, dass 
auch jedes der beiden grossen Epen nicht das Werk eines einzigen Dich- 
ters, sondern mehrerer Sänger sei, und dass die Zusammenfügung der alten 
Gesänge zu einem einheitlichen Ganzen erst viele Jahrhunderte später von 
unbedeutenden Geistern, im wesentlichen von den Redaktoren des Peisistratos 
vollzogen worden sei. Die kühne Hypothese stützt sich auf die grossen 
Anstände, zu denen die Komposition der Ilias und Odyssee als Ganzes An- 
lass gibt, und die um so auffälliger erscheinen, je weniger die Vollendung 
der beiden Werke im Einzelnen bestritten werden kann.^) Aufgebaut aber ist 
dieselbe weniger auf einer sorgsamen Analyse der beiden Dichtungen, als 
auf dem Boden der Zeugnisse des Altertums von der V ereinigung der zuvor 
zerstreuten Gesänge durch Peisistratos und auf dem Grunde zweier äusserer 
Momente. Denn einmal sei zur Zeit Homers die Schrift noch nicht bekannt 
gewesen, sei aber ohne Schrift die Dichtung so umfangreicher Werke nicht 
denkbar, und dann habe in jener Zeit zur Abfassung so grosser Epen kein 
Anlass bestanden, da damals die Sänger nur kleine Gesänge vorzutragen 
pflegten. Der von dem grossen Philologen angeregte Streit, der die Geister 
nicht bloss der zünftigen Gelehrten, sondern aller Gebildeten und nicht zum 
wenigsten unserer grossen Dichterfürsten Goethe^) und Schiller mächtig 
ergriff*, hat im Laufe der Zeit wesentlich zur Klärung der Sache und zum 
richtigeren Verständnis des Volksepos beigetragen, hat aber noch nicht 
seinen Abschluss in einer allseitigen Verständigung gefunden."^) Einesteils 



') Geppert, Ursprung der hom. Ge- 
dichte, Berlin 1840, I, 1 — 62, und Cdbist, 
Homer oder Homeriden''^ 8-15, besprechen 
die Divergenzen im einzelnen. 

^) Ein Hauptanstoss A 603 gegenüber 
E905 ward durch Athetese von A 565- -627 
glücklich gehoben. 

^) Ps. Longin. de sublim. 9. Spöttelnd 
bemerkt Seneca de hrev. vitae 13: Grae- 
corum iste morbus futt quuerere, quem nu- 
merum TJlixes remigum habuisset, prior 
scripta esset Ilias an Odyssea, praeter ea 
an eiusdem esset auctoris. 



■*) Ed. III curavit Peppmüller, Halle 
1884 mit dem Briefwechsel zwischen Heyne 
und Wolf. 

^) So erscheint Pylaimenes, nachdem er 
E 576 gefallen ist, IS 656 wieder unter den 
Lebenden und wird es an dem 3. Schlacht- 
tag 2 Mal [A 83 u. J7 777) Mittag; anderes 
mehr s. § 23 u. 25. 

^) Vgl. M. Beknays. Goethe's Briefe 
an Fr, A. Wolf, 1868; Christ, Homer und 
Homeriden S. 84. 

'') Volkmann, Geschichte und Kritik der 
Wolf sehen Prolegomena, Leipzig 1874, wo 



30 



Griechische Litter aturgeschichte. I. Klassische Periode, 



haben die Unitarier, auf deren Seite sich gleich anfangs Schiller und Voss 
stellten und deren Sache in gelehrter Ausführung besonders Nitzsch^) ver- 
focht, die Hauptvoraussetzung der Wolf 'sehen Hypothese, den Nichtgebrauch 
der Schrift, bestritten und den ganzen Gedanken von einem Flickhomer 
als barbarisch verschrieen. Anderseits haben sich die Wolfianer nicht dabei 
beruhigt, nur im allgemeinen die Existenz des einen Homer zu leugnen, 
sind aber, indem sie den von Wolf aufgeworfenen Gedanken zu Faden 
schlugen, auf verschiedene Wege gekommen, welche sie teils den Unitariern 
näherten, teils zu dem Extrem einer unbestimmten Menge von Homeriden 
führten. Am konsequentesten hat die Liedertheorie Wolfs K. Lachmann 
verfolgt.-) Er war durch Untersuchung der epischen Poesie unserer Vor- 
fahren zur Überzeugung gekommen, dass bei allen Völkern die Zeit des 
Volksepos nur einzelne kleinere Lieder hervorgebracht habe, und hat dem- 
nach an der Hand innerer Kriterien wie aus dem Nibelungenlied 20, so 
aus der Ilias 15 oder 16^) Einzellieder herausgeschält.^) Er wollte damit 
nur den alten volkstümlichen Liederschatz wieder gewinnen, aus dem erst 
mehrere Jahrhunderte nachher die grossen Epen entstanden seien ; die Frage, 
wer und wie viele Sänger jene 16 Lieder gedichtet, Hess er ganz bei Seite. 
Erst spätere Anhänger der Lachmann'schen Liedertheorie, wie Benicken, 
haben geradezu für jedes der 16 Lieder einen besonderen Dichter in An- 
spruch genommen. Nur eine Konsequenz dieser Anschauung war es, dass 
andere in Homeros gar nicht mehr den Individualnamen eines gottbe- 
gnadeten Dichters, sondern nur den Repräsentanten der Flickarbeit eines 
Zusammenordners erblicken wollten. Einen anderen Weg schlug G. Her- 
mann in der klassischen Abhandlung de interpolationihus Homeri (1832) ^) 
ein. Er ging davon aus, dass sich die Gegensätze einer unleugbaren Ein- 
heit des Gesamtplanes und der Widersprüche und Abweichungen im Ein- 
zelnen nur erklären Hessen, wenn man eine Urilias und eine Urodyssee 
von massigem Umfang in den Anfang setze und diese erst allgemach durch 
Zu- und Eindichtungen zu den grossen Epen des Peisistratos anwachsen 
lasse. ^) Aber jene Urilias und Urodyssee hat Hermann nicht selbst wieder 
herzustellen versucht; er schien sogar zu glauben, dass dieselben später 
durch jüngere Überarbeitungen und Erweiterungen vollständig überwuchert 
und verschüttet worden seien. Darüber sind die neueren Forscher hinaus- 



zugleich über die Vorgeschiclite der Pro- 
legomena gehandelt ist, d. i. über die Män- 
ner, welche schon vor Wolf ähnliche Ge- 
danken ausgesprochen haben, wie Vico 
(1686-1744) und Wood, Über das Original- 
genie Homers (1769). 

') G. W. NiTzscH, Meletemata de histo- 
ria Homeri 1830, Sagenpoesie der Griechen 
1852, Beiträge zur Geschichte der epischen 
Poesie 1862. Einen ähnlichen Standpunkt 
vertreten Bäumlein, Comment. de Homero 
in Tauchn. Ausg. 1854; Nutzhorn, Ent- 
stehungsweise der hom. Gedichte, Leipz. 1869. 

^) Lachmann, Betrachtungen über Ho- 
mers Ilias (1846) 2. Aufl. mit Zusätzen von 
Moritz Haupt, Berlin 1865. 

^) Die Diskrepanz entsteht dadurch, dass 



Lachmann wohl einmal S. 84 von einem 
grossen 16. Liede spricht, thatsächlich aber 
nur 15 kleinere Lieder gewinnt und schon 
mit dem 17. Buch seine alte Ilias schliesst. 

"*) Lachmanns Lehre brachte mit kleinen 
Modifikationen zum Ausdruck imTextKöcHLY, 
Iliadis carmina XVI, Lips. 1861, wozu die 
trefi'lichen Dissertationes de Iliadis carmi- 
nibus und de Odysseae carminibus im 1. 
Band von Köchly's Opusc. kommen. 

•>) Jetzt in Opusc. V, 52—77. 

^) p. 15: Homeruvi duo non magni am- 
bitus carmina de ira Achillis Ulixisque re- 
ditu comj)OSuisse, quae deinceps a multis 
cantata paullativique aucta atque eocpolita 
Homeri nomen ad posteros tit poetae vetus- 
tissimi propagaverint. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 22.) 



31 



gegangen; sie hielten die Homeriden für zu treue Bewahrer des alten Schatzes 
ihres Stammeshauptes, als dass sie denselben irgendwelche Unterschlagung 
des kostbaren Vermächtnisses zutrauten ; ^) sie suchten daher nach Mitteln 
und Wegen, um die verschiedenen Schichten der homerischen Poesie von 
einander zu scheiden. Auf solche Weise ist die homerische Frage allmäh- 
lich der Sphäre allgemeiner Erwägungen entrückt worden und hat, wenn 
auch bis jetzt noch vieles zweifelhaft geblieben ist und wohl auch in Zu- 
kunft bleiben wird,-) doch immerhin eine fassbarere Gestalt angenommen. 
22. Die Probleme der homerischen Frage können natürlich nicht 
hier in diesem kurzen Abriss gelöst oder auch nur diskutiert werden. Gleich- 
wohl werden einige resultierende Schlusssätze am Platze sein. Kein ver- 
nünftiger Mensch ist heutzutage noch reiner Unitarier oder reiner Wolfianer. 
Die Verfechter des einen Homer und unter ihnen nicht bloss die Königs- 
berger, 3) sondern selbst Nitzsch haben nach und nach zugegeben, dass unsere 
Ilias und Odyssee viele jüngere, nicht von Homer herrührende Bestandteile 
enthalten, und zwar nicht bloss kleine, aus wenigen Versen bestehende Inter- 
polationen,'^) sondern auch grössere Erweiterungen-^) und selbst ganze Ge- 
sänge, wie den Schluss der Odyssee von tp 297 an, den schon der Gram- 
matiker Aristophanes als unecht verwarf, die Doloneia, welche nach einem 
alten Scholion erst Peisistratos in die Ilias einlegte, den läppischen aus Reminis- 
zenzen zusammengestoppelten Zweikampf des Aeneas und Achill (F 75— 352), 
den Schiff katalog (ß 484— 779) und die Ergänzung desselben 77 168 — 199. 
Ebensowenig wird es heute noch jemand Wolf oder Lachmann nachreden, 
dass Peisistratos erst die Ilias und Odyssee als Ganzes geschaffen habe. Um- 
gekehrt hat der grosse Historiker Englands, Grote, der im 2. Bande seiner 
Geschichte Griechenlands der homerischen Poesie einen trefflichen Abschnitt 
gewidmet hat,^) allgemeinen Beifall mit der Bemerkung gefunden, dass 
unmöglich ein Werk mit faktisch bestehender Einheit aus Atomen von 
nicht auf einander berechneten Liedern entstanden sein könne. Noch hand- 
greiflicher beweist die Sprache, deren Entwicklungsstadien man seit Wolf 
viel schärfer zu unterscheiden gelernt hat, dass alle Gesänge Homers in 
derselben Sprachperiode entstanden sind und nicht um zwei Jahrhunderte 
auseinander liegen können. Über 150 Jahre vor Peisistratos war Ilias und 
Odyssee fertig, die Redaktoren Attikas haben zu den alten Gedichten nicht 



^) Ich will damit nicht gesagt haben, 
dass die alten Lieder, als sie durch jüngere 
Dichtungen erweitert wurden, nicht kleinere 
Änderungen am Anfang und Schluss erlitten 
haben. Aber wie sorgsam man das alte Gut 
wahrte, ersieht man namentlich aus * 227 ff., 
i2 723, 77 23 — 29, wo sich, nachdem eine Er- 
weiterung aufgenommen war, eine kleine Um- 
wandelung des alten Textes empfohlen hätte, 
aber aus heiliger Scheu vor der alten Über- 
lieferung nicht vorgenommen wurde. 

'^) Als Motto für jede Forschung auf 
diesem Gebiet passt der schöne Ausspruch des 
geistvollen Emperius, Rh. M. T, 447: Homeri 
carminum quciUs fuerit antiquissima forma, 
quaeritur et quaeretur quousque ])hilologia 



erit inter aequales. 

^) Das Verdienst, die Einheit des Planes 
energisch vertreten zu haben, gebührt dem 
Haupte der Königsberger, Lehrs; aber da- 
neben nahm doch auch er oft den Namen 
Interpolation in den Mund; weiter gingen 
auf dem letzteren Weg Friedländer und 
besonders Kammer, Einheit der Odyssee, 
Leipz. 1873. 

^) Verschiedene Arten solcher Interpo- 
lationen von mir nachgewiesen in Proleg 
§§ 12-18. 

") S. meine Proleg. § 19 u. 20. 

6) Vergl. Friedländer, Die homerische 
Kritik von Wolf bis Grote, Berlin 1853. 



32 



Oriechische Litteraturgeschichte. 1. Klassische Periode. 



100 Verse liinzugethan oder weggenommen. So oder noch ungünstiger für die 
Wolf 'sehe Theorie lautet jetzt das allgemeine Urteil der Sachverständigen, i) 

Es hat ferner der Grundgedanke Lachmanns, dass auch bei den 
Griechen der Zeit grosser Epen eine Periode kleiner balladenartiger Hel- 
denlieder vorausgegangen sei, und dass sich in den ältesten Bestand- 
teilen der Ilias noch viele Anklänge, selbst Reste jener alten Lieder finden, 
bei Freunden und Gegnern Lachmanns immer mehr Boden gewonnen. Jeder 
wird es Lachmann und seinen Anhängern Dank wissen, dass sie die will- 
kürlichen Schranken der späteren Einteilung in 24 Bücher niederrissen und 
die alten Lieder, wie sie Homer und die Homeriden in dem Männersaal 
und der Festversammlung sangen, wieder zu gewinnen und abzugrenzen 
suchten. Das Verständnis der kunstvollen Komposition der alten Gesänge 
hat dadurch wesentlich gewonnen, 2) und es ist damit zugleich den ver- 
ständigen unter unsern Schulmännern ein bedeutsamer Fingerzeig für die 
richtige Auswahl bei der Homerlektüre gegeben worden. Aber an allem, 
was darüber hinausgeht, halten heutzutage nur eingefleischte Lachmannia- 
ner, und selbst diese nur mit gewissen Einschränkungen fest. Wenn Homer 
vom Sänger Demodokos ^ 499 sagt (paTvs S'ccoiSrjv, svd^ev ilcov wg ot ^tv 
£vaa&Xfi(i)v im vrjwv ßdvTsg ccttsttXsiov, so hat er damit selbst ein Zeugnis 
dafür abgelegt, dass die Praxis des Vortrags einzelner Lieder nicht die 
Dichtung mehrerer, zu Gliedern eines grösseren Ganzen bestimmter Gesänge 
ausschliesst. Der 3. Gesang der Ilias vom Zweikampf des Paris und Mene- 
laos ist zwar sehr hübsch in sich abgerundet und eignet sich vortrefflich 
zum Einzelvortrag, aber derselbe kündigt sich doch zugleich als Vorläufer 
einer Reihe grösserer Kampfesszenen an, und der 4. Gesang bildet dazu 
den natürlichen Schluss (die oqxicov avyyvaig zu den oqMo)^ nicht eine für 
sich bestehende Dichtung. Und wollten wir auch das Proömium der Ilias 
als nachträglichen Zusatz preisgeben, so ist doch der ganze erste Gesang, 
und selbst schon der erste Teil des ersten Gesangs [A 1 —305), so breit 
angelegt, dass man ihn nicht als Eingang einer kurzgefassten Erzählung, 
sondern als Ankündigung eines grossen, weit ausgesponnenen Epos ansehen 
muss. Wenn daher auch noch so sehr Einzellieder, die für sich singbar 
waren, der Ilias zu gründe liegen, so muss man doch daran festhalten, 
dass jene Einzellieder zu einander vom Dichter selbst in Beziehung gesetzt 
und auf ein grosses gemeinsames Ziel gerichtet waren. Also auch über 
die Bedeutung des Liedes im alten Epos lässt sich eine Verständigung finden. 

Auf der anderen Seite hat die Lehre Hermanns von einem ur- 



^) Paley, Homeri quae nunc extant 
an reliquis cycli car^ninibus antiquiora iure 
liahita sint, London, lässt freilich noch im 
J. 1878 die Ilias in der Zeit des Antimachos 
und Piaton entstanden sein. 

'^) So begreift man bei der Annahme 
von Einzelliedern leicht den heitern Abschluss 
des Gesangs vom Zweikampf des Paris und 
Menelaos durch die ergötzliche Gardinen- 
scene zwischen Paris und Helena; so ver- 
steht man es auch, wie der Gesang von den 
Grossthaten des Agamemnon [A 1 — 595) im 



entscheidenden Wendepunkt der Handlung 
mit grossartiger Perspektive abbricht und 
der folgende Gesang (M) mit Übergehung 
der wenig anziehenden Zwischenfälle gleich 
mit einem neuen Knotenpunkt der Handlung, 
dem Kampf um die Schiffe, anhebt. Die 
Zwischenverse und Zwischenscenen sind alle 
erst später eingelegt und ich hätte hier in 
meiner Ausgabe weiter gehen und z. B. 
J 306—317 und X 385-390 nicht mit 
grosser Schrift drucken sollen. 



A. Epos. Ö. Homers Ilias und Odyssee. (§ 23.) 33 

sprünglichen kleineren Kern, der sich allmählich durch Einschaltungen zu 
einem grossen Epos entwickelt habe, im Laufe der Diskussion solche Ge- 
stalt angenommen, dass sie mit der Liedertheorie leicht in Einklang ge- 
bracht werden kann. Alle nämlich, welche den Gedanken Hermanns weiter 
verfolgt und aus unserer Ilias den ursprünglichen Kern wieder herauszu- 
schälen versucht haben, kamen auf eine ürilias nicht von einigen Hun- 
derten, sondern von vielen Tausenden von Versen. Ein so umfangreiches 
Gedicht eignete sich aber nicht mehr zum Vortrage auf einmal, sondern 
musste notwendig in mehrere Teile oder Lieder zerfallen, so dass wir also 
auch auf diesem Wege in den Anfang einen Zyklus von mehreren zusam- 
menhängenden Liedern setzen müssen, wie wenn wir den Kern der Ilias, 
die Achilleis, aus Mrjvig, ^Agiatsia 'Ayaj.iefivovog, IlaTQoxXsia, ^'Extoqoq avm- 
Qsaig, und die erste grosse Einlage, den Kampf um Ilios, aus ^Ayogä, ''Oq- 
xia, MevsXäov xccl ^AXs'^dvdQOV i^iovofÄaxicc, TfixoaxoTiia, '^Oqximv avy%vaig^ 
^ETriTTMXrjaic, JiofjLYjdovg dgiazsia, "ExxoQog xal 'AvSQoaccxrjg ofiiXia, Ai'avTog 
xal ^'ExTOQog ^ovofjiaxioc bestehen lassen. 

23. Auf solche Weise kann man nicht sagen, dass die homerische 
Frage, wie so manche andere, vollständig im Sand verlaufen sei; vielmehr 
hat man sich von verschiedenen Seiten die Hände gereicht und ist über 
mehrere Hauptpunkte zu einer gegenseitigen Verständigung gekommen. 
Aber freilich gehen innerhalb dieser Grenzen, wenn es zur Entscheidung 
im einzelnen kommen soll, die Meinungen noch stark auseinander. Es sind 
hauptsächlich 3 Punkte, in denen weniger infolge prinzipieller Meinungs- 
verschiedenheit als infolge verschiedener Beurteilung des einzelnen Falles 
die Stimmen der Forscher sich scheiden. Es handelt sich erstens um solche 
Partien, von denen zugegeben wird, dass sie nicht von vornherein in dem 
ursprünglichen Liederzyklus standen. Hier fragt es sich, wer hat dieselben 
zugedichtet, derselbe Dichter oder ein anderer? Nichts nämlich nötigt uns 
zur Annahme, dass Homer die Gesänge der Ilias und Odyssee so nachein- 
ander dichtete, wie sie jetzt hintereinander stehen. Jeder moderne Schrift- 
steller erlaubt sich, nachdem er den Plan seines Werkes im Geiste ent- 
worfen hat, je nach Stimmung und äusserem Anlass bald eine vordere, bald 
eine spätere Partie herauszugreifen und zur Ausarbeitung vorzunehmen. 
Weit mehr noch wird dieses der Dichter in jener Zeit der Volkspoesie 
gethan haben, wo ein grösseres Epos nie als Ganzes zum Vortrag kam, 
wo immer nur einzelne Lieder verlangt und gesungen wurden. Wenn nun 
z. B. in der Patrokleia JI 366 nur von einem Graben um die Schiffe der 
Achäer, nicht auch von einer Mauer die Rede ist, die Gesänge M N S O 
aber sich um die Mauer als Mittelpunkt des ganzen Kampfes drehen, so 
muss man daraus allerdings schliessen, dass die letztgenannten Gesänge, 
auch wenn sie vor der Patrokleia stehen, doch erst nach derselben gedichtet 
wurden.^) Aber konnte nicht derselbe Dichter mit der Zeit sein Werk 

^) Die Chronologie der homerischen Ge- j gelegt und an den Hauptsätzen auch heute 

sänge, wie ich sie für die Ilias in meinen t noch unverbrüchlich festhalte, so nehme ich 

Proleg. p. 55—78 und 731- 733 festgestellt 1 doch im einzelnen manches zurück. So ver- 

habe, wird den Angelpunkt der weiteren 1 binde ich jetzt J 306 611 mit ß 1 — 52 und 

Untersuchungen über die homerische Frage lasse diese Fortsetzung von J 1 — 305 nicht 

bilden müssen. Wenn ich dazu den Boden \ unmittelbar nach dem 1. Lied gedichtet 
Handbuch der klass. Altertumswis.senschaft VII. 2. Aufl. 3 



34 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

selbst erweitern und nachträglich auch eine Mauer in den Plan seiner 
Dichtung aufnehmen? Dieselbe Frage wiederholt sich bezüglich der Lykier 
Sarpedon und Glaukos, bezüglich der Kämpfe des ersten Schlachttages, 
bezüglich der Unterweltsscene in der Odyssee, bezüglich der Telemachie 
und vieler anderer Partien. Mit allgemeinen Prinzipien ist aber da nicht 
viel anzufangen, sondern es wird die Entscheidung der Frage, ob die be- 
treffende Partie vom Originaldichter selbst oder von einem fremden Nach- 
dichter herrühre, immer von einer sorgfältigen Untersuchung des einzelnen 
Falles abhängen. So füllt z. B. die Episode vom Zusammentreffen des 
Diomedes und Glaukos, Z 119 — 236, vortrefflich die Zeit zwischen dem 
Weggehen des Hektor (Z 116) und seiner Ankunft am skäischen Thore 
(Z 237) aus, und da dieselbe gar nichts enthält, was gegen die Sprache 
und den Mythus der alten Partien der Ilias Verstösse, so nehme ich trotz 
der zweifelweckenden Bemerkung des Scholiasten A iisTaxtihi-aaC riveg aX- 
Xa^öas ramrjv tyjV avaraaiv, unbedenklich an, dass Homer selbst diese 
Episode später eingelegt habe, um den Lykierfürsten Glaukos, dem er im 
2. Teil seines Epos eine so grosse Rolle zuwies, doch auch einmal in den 
Kämpfen des ersten Schlachttages auftreten zu lassen. Die gleiche Ent- 
schuldigung kann ich aber für die ähnliche Episode vom Kampfe des Sar- 
pedon und Tlepolemos, £^628—698, nicht gelten lassen, und zwar aus drei 
Gründen nicht, einmal weil der Gang der Erzählung keine gleich passende 
Zwischenzeit lässt, dann weil die dorische Sage von dem Herakliden Tle- 
polemos dem ionischen Sänger fremd war, und endlich weil von der in dieser 
Episode geschilderten schweren Verwundung des Sarpedon im folgenden 
{M 101 ff.) gar keine Notiz genommen ist. Auch bin ich nicht so peinlich, 
von kleinen sprachlichen Unebenheiten, die sich durch Erweiterung der alten 
Gesänge ergaben, allzu viel Aufhebens zu machen; aber schwerlich würde 
der Dichter der Presbeia, wenn er selbst den beiden Abgesandten der 
Achäer, Odysseus und Aias, als dritten den greisen Phönix beigegeben hätte, 
es unterlassen haben, die Duale ßccTrjv, sixo^xtva^ sctöv (/182. 183. 192. 198) 
der alten Erzählung zu tilgen.^) 

Ein zweiter Streitpunkt dreht sich um die Widersprüche innerhalb 
der beiden grossen Dichtungen. Viele derselben, welche schon die alten 
Grammatiker beschäftigten, sind unbestreitbar; aber wie gross ist die Trag- 
weite derselben? muss man immer zum Aussersten, zur Annahme ver- 
schiedener Verfasser schreiten? Ich bin nicht so leicht geneigt, zu dem 
horazischen quandoque honus dormitat Homerus meine Zuflucht zu nehmen;'^) 
aber doch glaube ich, dass, wenn Diomedes im 5. Gesang verwegen auf 
die Aphrodite eindringt, im 6. dagegen in heiliger Scheu sagt ovo' av syo) 
fxaxciQtaai deolo^ iO^tloi^i /näx^c^ca [Z 141), dieses nicht zur Annahme 



sein. Ferner gebe icli die Wahrscheinlich- 
keit zu, dass U 8 — 312 unmittelbar nach 
Z5- Hl und dass M -0 vor 2-243-335, 
Tl — 139. 357-424, Y 375-* 227 gedichtet 
seien. Auch mag Fick Recht haben, wenn 
er, woran ich ja auch selber schon dachte, 
Hektors Tod oder den Kern von *526 — X 394 
zum Bestände der ältesten Achilleis rechnet, 



an dem dann später Homer selbst die nötigen 
Umgestaltungen, nicht Flickereien, vornahm. 

^) Vergleiche meine Proleg. p, 29 und 
Note zu J 168. 

2) Gute Gedanken entwickelt bezüglich 
der Widersprüche Frey, Zur Poetik Homers, 
Bern. Progr. 1881 S. 23 ff.; doch geht er 
mir in der Nachsicht zu weit. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 23.) 



35 



verschiedener Dichter nötigt, sondern an der Verschiedenheit der Situation 
und dem Vorkommen in verschiedenen, nicht notwendig hintereinander zu 
singenden Gesängen seine ausreichende Entschuldigung hat. Und selbst 
wenn in dem 1. Teile des 1. Gesangs die Athene von dem Olymp zum 
Lager der Achäer herabsteigt (A 195), im 2. Teile hingegen {Ä 424) mit 
allen Olympiern tagszuvor zu den Äthiopiern abgereist ist, so durfte, denke 
ich, sich der Dichter auch dieses in der Voraussetzung erlauben, dass seine 
andachtsvoll lauschenden Zuhörer den Widerspruch nicht merken, und 
wenn sie ihn merkten, keinen Anstoss an demselben nehmen würden. Aber 
wenn Pylaimenes, nicht ein gemeiner Soldat, sondern ein König der Paph- 
lagonier im 5. Gesang (E 576) im Kampfe mit Menelaos fällt, im 13. hin- 
gegen {N 656) die Leiche seines Sohnes begleitet, so erregt dieses schon 
schwerer zu beseitigende Zweifel an der Einheit der Verfasser. Doch ist 
auch hier noch zuversichtliches Absprechen wenig am Platz, da auch bei 
anderen Dichtern ähnliche üngenauigkeiten vorkommen und z. B. selbst 
der sorgsame Ariosto im Orlando furioso 18, 45 den Balustrio fallen, 40, 73 
aber und 41, 6 wieder unter den Lebenden weilen lässt. i) Aber wenn selbst 
auch in diesem Punkte noch das operi longo fas est obrepere somnuni seine 
Geltung hat, so darf doch unter keinen Umständen der Widerspruch auf die 
leichte Achsel genommen werden, wenn er auf einem Missverständnis der 
Situation oder des sprachlichen Ausdrucks beruht. Ein solcher liegt in dem 
Gesang von der Mdxrj naganoxäiiiog (cP) vor, wo sich der ältere Dichter 
den Achill von der rechten, der Fortsetzer von der linken Seite des Ska- 
mander kommend (cP 245) dachte, und noch offenkundiger im Eingang des 
12. Gesanges der Odyssee, wo wir plötzlich vom westlichen Meer in das 
östliche versetzt werden. 2) 

Einen dritten Streitpunkt bildet die Frage nach dem Umfang der 
Thätigkeit des Zusammenordners oder Diaskeuasten. Derselbe spielt nament- 
lich bei Bergk, aber auch bei Kirchhoff, Fick und Wilamowitz^) eine sehr 
grosse Rolle, indem diese Gelehrten von der Voraussetzung ausgehen, dass 
die alten Bestandteile der Ilias und Odyssee eine ganz selbständige Stellung 
zu einander behaupteten und dass erst in viel jüngerer Zeit ein Diaskeuast 
durch Schneiden, Zudichten, Umdichten die uns vorliegende Einheit zu stände 
brachte. Einen entgegengesetzten Standpunkt vertritt Bened. Niese, indem 



^) Darauf machte mich M. Bernays 
aufmerksam. Noch ärger steht die Sache, 
wie mich Max Koch lehrte, bei dem Eng- 
länder Thakeray, der sich in dem Roman 
New comes am Schlüsse selbst entschul- 
digt, dass er die Mutter des Bräutigams 
Mlled at one x>age and braught to life at 
an other. 

'^) Zu den Stellen, in denen vom Nach- 
dichter ein sprachlicher Ausdruck seines 
Vorgängers missverstanden wurde, gehört 
vor allem I 234 gegenüber 3/125; ob das 
gleiche auch bezüglich 196 gegenüber ß 190 
Oll ae £0LX6 xay.dv wg tfeidioGEOr^at anzuneh- 
men sei, ist eine wichtige aber schwer zu 
entscheidende Frage. Die Wiederholung for- 



melhafter Ausdrücke führte zu Missverständ- 
nissen cc 424 cf»; TOTE xaxy.eiovTsg sßai' oixov^e 
exaarog (sc. ^vrjGjijQS? und ähnlich a 428), 
da die Freier aus Dulichion, Same, Zakyn- 
thos doch nicht zum Schlafen in ihr Haus 
gehen konnten; s. Mähly, Bay. Gymn. Bl. 
25 (1889), 266. 

^) Bergk, Griech. Litt, an zahlreichen 
Stellen; Kirchhoff in Ausg. der Odyssee, und 
in Abhängigkeit von diesem P^'ick in Ausg. 
der Odyssee und Ilias, wo die ganze Auf- 
fassung vom Ursprung der homerischen Dich- 
tungen in jenem Diaskeuasten ihren Angel- 
punkt hat; WiLAMOWiTz, Hom. Unters., be- 
sonders S. 228. 



36 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



er die Erweiterer und Fortsetzer immer selbst die Verbindung mit den 
älteren Gesängen herstellen lässt, so dass für den Zusammenordner weniges 
mehr zu thun übrig blieb. Ich neige mich entschieden auf die letztere 
Seite,') muss aber doch zugeben, dass der Gedanke Kirchhoffs, der alte 
Nostos sei ursprünglich in der 3. Person geschrieben gewesen und erst 
später in die 1. umgesetzt worden, 2) etwas bestechendes hat, und dass vor- 
erst noch keine Sicherheit darüber erzielt worden ist, ob in der Odyssee 
die Gesänge « und von dem Dichter der Telemachie selbst herrühren, 
oder ob a 88—444 und 1 — 300 erst von einem Diaskeuasten, der die 
Telemachie mit der alten Odyssee zu einem Ganzen verband, zum behufe 
des besseren Zusammenschlusses zugefügt wurden. •'^) 

24. Vorstehende Grundanschauungen haben sich als Resultat aus der 
geschäftigen Diskussion der homerischen Frage herausgestellt. Viele For- 
scher, wie z. B. Cobet, bleiben bei diesen allgemeinen Sätzen stehen und 
halten die Versuche, die ursprünglichen Bestandteile der homerischen Dich- 
tungen herauszufinden, für eine Danaidenarbeit, von der sich ein besonnener, 
der Grenzen seiner Kunst bewusster Kritiker fernhalten solle. ^) Andere 
hingegen gehen von der Überzeugung aus, dass der Prüfstein für die Rich- 
tigkeit der allgemeinen Sätze in ihrer Durchführbarkeit im einzelnen zu 
suchen sei, und wagen daher eine Zerlegung der Gedichte in ihre Elemente, 
eine Rekonstruktion der alten Ilias und Odyssee und eine Scheidung der 
verschiedenen, der älteren und jüngeren Zusätze. Ausgeführt ist dieses 
Wagnis in der Art, dass auch durch den Druck die verschiedenen Bestand- 
teile bemerkbar gemacht sind, von Kirchhoff in seiner Homerischen 
Odyssee (2. Aufl. 1879)^) und von mir in der Ausgabe Ilonieri Iliadis 



^) Dabei nehme ich aber doch auch ein- 
zelne Zusätze von der Hand der späteren Re- 
daktoren an. Auch mögen später einzelne Par- 
tien versetzt worden sein; so zweifle ich 
nicht, dass die Proömien 1—27 und a 1 
bis 87 in der Hauptsache altes Gut sind, 
aber erst von den jüngeren Erweiterern an 
ihre heutige Stelle gesetzt wurden. 

2) Kirchhoff im 2. Exkurs, hauptsäch- 
lich gestützt auf ^ 374 — 390. Ist es aber 
nicht denkbar, dass der Dichter unwillkürlich 
in den ihm geläufigen Ton des Erzählens in 
8. Person hineingeriet und damit auch Dinge 
den Odysseus erzählen liess, die zu wissen 
nur dem d-tanig uoiö'og zukam? Mähly in 
der Rezension der ersten Auflage dieses 
Werkes in Bay. Gymn. Bl. 25 (1889), 267 f. 
weist dieses höhere Wissen des Dichters 
durch weitere Beispiele nach, indem er zu- 
gleich die jenes unmittelbare Wissen be- 
schränkenden oder dem Nichtgläubigen er- 
klärenden Verse /n 389 f. als Interpolation 
verdächtigt. 

^) Die Entscheidung wird schliesslich 
von sprachlichen, metrischen und stilistischen 
Erwägungen abhängen, und die scheinen 
mir vorerst der Ansicht von Kirchhoff, dem 
Jiier Hennings, Über die Telemachie, Jahrb. 



für Phil. Suppl. III, 135 ff. vorangegangen 
ist, nicht günstig zu sein. 

^) CoBET, Miscell. crit. p. 402: quo sae- 
pius carmina lonica, quae Hörnen nomine 
feruntur, relego et dilig enter omnia con- 
sidero, eo magis magisque mihi conßrmatur 
senientia eo7'ui7i, qui haec non unius aoidov 
carmina esse arbitrantiir, sed a compluribu.^ 
cantoribus neque aetatis eiusdem neque 
patriae sk rrjy avrijy imoii^eGLv olim com- 
posita et cantata fuisse, deinde in unum 
collecta et ordine disposita, ut eig eV atofxä- 
Tiov coalescerent . . . plura non addo, quia 
talia omnia sentiri possunt, sed demonstrari 
non possimt, et nolo videri ultra Lycurgi 
aetatem indagando j)rocedere i''elle. Ahnlich 
ist der Standpunkt, den Mähly, Bay. Gymn. 
25 (1889), 263 einnimmt. 

^) Vielfach weicht von Kirchhoff die 
neuere Rekonstruktion von Wilamowitz, 
Homer. Unters, ab, namentlich in der An- 
nahme, dass von den 3 Epen, die dem Konta- 
minator vorgelegen haben sollen, das dritte, 
vom Sieg des Odysseus über die Freier, 
jünger als die Telemachie gewesen sei. Den 
Boden unter den Füssen verliert bei dem 
Mangel exakter Beweisführung Seeck, Die 
Quellen der Odyssee, Berl. 1887, indem er 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 24—25.) 



37 



carmina, Lips. 1884.^) Auf das ähnliche Unternehmen Ficks werde ich, 
da er von einem ganz speziellen, erst später zu besprechenden sprachlichen 
Gesichtspunkt ausgeht, weiter unten zurückkommen. Ausserdem ist aber 
die Stellung einzelner Gesänge und Gesangspartien in zahlreichen Abhand- 
lungen diskutiert worden; die Hauptgedanken derselben sind durch die 
sorgfältigen Referate in dem Anhang von Hentze's Ausgabe auch dem 
Fernerstehenden jetzt leicht zugänglich gemacht. 2) 

25. Suchen wir schliesslich unsere Gesamtauffassung in ihren Kern- 
punkten darzulegen, so stellen wir folgende, hoffentlich mit der Zeit zur 
allgemeinen Geltung kommende Sätze auf: 

1) Ilias und Odyssee beruhen auf nationalen, bereits von älteren äoli- 
schen Sängern poetisch gestalteten Sagen, die durch die Kämpfe der Hellenen 
in Asien mit den ehemaligen Herren des Landes und durch die kühnen 
Wagnisse der Äolier und lonier zur See ihre Hauptnahrung empfangen 
hatten.^) Durch die Sage und die älteren Sänger waren dem neuen Dichter 
Homer die Gestalten der Haupthelden, des Agamemnon, Achill, Aias, Nestor, 
Odysseus, bereits vorgezeichnet. 

2) An den neuen grossen Schöpfungen der Ilias und Odyssee haben 
sicher mehrere Dichter gewoben, aber der Gedanke, den Streit zwischen 
Achill und Agamemnon in seinem ganzen Verlauf zum Mittelpunkt der 
Dichtung zu machen, ist sicher nur in dem Kopfe eines einzigen reich- 
begabten Sängers entstanden, ebenso wie der Plan, den Odysseus in dem 
Phäakenland seine früheren Irrfahrten erzählen, und dann nach seiner Heim- 
kehr die übermütigen Freier seiner treuen Gattin erschlagen zu lassen, nur 
von einem Manne ausgegangen ist. 

3) Die Odyssee ist eine jüngere Schöpfung als die Ilias, erst ent- 
standen, als die Ilias weit über ihre ersten Lineamente hinausgewachsen 
war. Das beweisen zur Gewissheit die Nachahmungen.^) Zur Annahme, 
dass beide Epen denselben Dichter zum Verfasser haben, reichen die Tra- 
dition und die allgemeine Übereinstimmung in Sprache und Kunst nicht 
aus; ihnen stehen der Unterschied im Charakter und der Zeit mit aus- 
schlaggebendem Gewichte entgegen. 

4) Der Dichter der Ilias hat seinen ursprünglichen Plan im Laufe der 
Arbeit selbst erweitert; namentlich hat er nachträglich neue Völkerschaften, 
wie insbesondere die südlichen Lykier mit ihren Führern Sarpedon und 



die Quelienforschiing der Historiker auch 
auf die Dichtung der Odyssee zu übertragen 
wagt. 

^) Lineamente zur Scheidung zog schon 
zuvor Naber, Qiiaestiones Homericae, Amstel. 
1877; ein neuer Versuch ohne strenge Be- 
weisführung von E. H. Meyer, Indogerm. 
Mythen, 2. Bd. Achilleis, Berlin 1887. Be- 
achtenswerteres bietet K, Brandt, Zur Ge- 
schichte und Komposition der Ilias, Jahrb. 
f. Phil. 1885/89. 

'^) Statt die Litteratur im einzelnen an- 
zugeben, begnüge ich mich auf Hentze zu 
verweisen. 



^) Mythologische Niederschläge in der 
troischen Sage sucht im Übermass Osk. 
Meyer, Quaestiones Homericae, Bonn 1846, 
und E. H, Meyer, Indogerm. Mythen Bd! II. 
Zu weit in der Annahme ethischer Ideen in 
der Achill- und Odysseussage geht Carriere, 
Die Kunst im Zusammenhang der Kulturent- 
wicklung II, 49 ff. Über die Odysseussage 
siehe Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 
I, 30-58. 

'*) SiTTL, Die Wiederholungen in der 
Odyssee, München 1882; Gemoll, Hermes 
18, 34 — 96; Christ, Homer oder Homeriden 
57 ff. 



38 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Glaukos hereingezogen und der Erzählung von den Niederlagen der Achäer 
{M — P) in der Zufügung eines neuen für die Achäer siegreich verlaufenden 
Schlachttages {B — H) ein grossartiges Gegengewicht gegeben. Dadurch 
ist die Einheit und Durchsichtigkeit des ursprünglichen Planes gestört 
worden, indem die Zusage des Zeus, den Achill zu rächen, 6 Gesänge hin- 
durch ganz vergessen zu sein scheint und auf den Nachmittag des dritten 
Schlachttages (^ 83 — JI 777) zu viele Ereignisse sich zusammendrängen. 
Diese Störungen kümmerten aber wenig den Dichter, da ja derselbe doch 
immer nur einzelne Gesänge vorzutragen in die Lage kam. Dadurch, dass 
in den Gesängen B — H die Fortdauer des Grolls des Achill vorausgesetzt 
wird, ist der Gedanke an ein selbständiges Epos vom ohog Javacov r^J' 
'iXiov [d- 578) ausgeschlossen. Denn wenn dieser Teil der Ilias auch einen 
noch so altertümlichen, an den Einzelgesang sich anschmiegenden Cha- 
rakter hat, so kann es doch nicht Zufall sein, dass Achill an den schweren 
und vielen Kämpfen des Tages absolut keinen Anteil nimmt. 

5) Hinzugekommen sind zu der von Homer selbst erweiterten Ilias 
nicht bloss viele kleinere, teils den Übergang vermittelnde, teils die Sagen- 
varianten der kyklischen Epen berücksichtigende Interpolationen, ^ sondern 
auch ganze Gesänge, wie die kurze Schlacht {xoXog i^äx^ &), die Gesandt- 
schaft [nQsaßsia /), die Doloneia (Ä'), die Waffenschmiedung {2 369 ff.), die 
Leichenspiele (^ 257 ff.), der Schiffkatalog {B 484 ff.). Zur Einlage sol- 
cher neuen Lieder lud der episoden- oder zyklusartige Charakter des ganzen 
Werkes ein, das einem aus einzelnen Perlen zusammengesetzten Halsbande 
glich, welches leicht noch einige neue Perlen zwischen den alten aufnahm. 
Die Zudichtungen rühren nicht von einem Nachdichter, sondern von mehreren 
Genossen der homerischen Sängerzunft her. Darauf weist die grosse Ver- 
schiedenheit des Tones derselben hin; denn himmelweit z. B. ist die trockene 
Aufzählung des Schiffkataloges von der künstlerischen Meisterschaft der 
Schildbeschreibung verschieden. 

6) Die Odyssee war von vornherein in sich geschlossener angelegt 
und erfuhr daher weniger Ein- und Zudichtungen; doch fehlen dieselben 
auch hier nicht. Insbesondere scheint die Telemachie von fremder Hand 
herzurühren; 2) denn sie ist nicht bloss ärmer an poetischen Schönheiten, 
sondern ist auch zu schlecht in das alte Gedicht von der Heimkehr des 
Odysseus eingefügt. Ausserdem haben spätere Dichter dem alten Nostos 
einen jüngeren angehängt, alte Motive, wie das vom Wurf nach Odysseus, 
in neuen Variationen wiederholt, der älteren Nekyia eine zweite im letzten 
Gesang (o; 1 — 202) nachgedichtet. Dazu kamen endlich Spätlinge, welche 
alte Schilderungen, wie die der Gärten des Alkinoos (t;- 103 — 131), erweiter- 
ten, in die Irrfahrten des Odysseus Reminiszenzen aus der Argonautensage 
(/i 3 — 4. 61 — 72) und in den Freiermord Visionen des Sehers Theoklymenos 
(o 256-86, 508—49, q 151—67, v 347—85) einlegten. 

7) In Sprache und Versbau stimmen ebenso wie im Mythus^) Ilias 



') Darüber meine Prolegomena p. 16 ff. 

2) Hennings, Über die Telemachie, in 
Jahrb. f. Ph. Suppl. III, 135- 232; dagegen 
Kammee. Die Einheit der Odyssee 143 ff. 

^) So ist Herakles durchweg gedacht 



^lä ysysfj tcop Tqwlxujv nQoyeveajSQog (s. 
638, (p 21) und findet sich nicht bloss von 
den Söhnen des Priamos, sondern auch von 
denen des Laomedon und Antenor überall die 
gleiche Anschauung. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 26.) 39 

und Odyssee und die einzelnen Teile beider Dichtungen wesentlich überein; 
namentlich behauptet in beiden Dichtungen das Digamma, welches früh- 
zeitig bei den loniern zu schwinden begann, noch seine Kraft, und stehen 
die ehedem durch s vj getrennten Vokale, wie in 8(o JlrjX&og reXsofisv, unkon- 
trahiert nebeneinander.^) Doch sind daneben kleine Unterschiede nicht zu 
verkennen; so findet sich von oivog das Digamma in der Odyssee und in 
den jüngeren Gesängen der Ilias öfters vernachlässigt, 2) und hat die Cae- 
sura hephthemimeres ohne einen Einschnitt im 3. Fuss geringere Verbrei- 
tung in der Odyssee als in der Ilias. ^) 

26. Die dichterische Kunst des Homer*) verlangt ihre Betrach- 
tung für sich, sie hängt aber auch mit der eben behandelten homerischen 
Frage zusammen. Genies wie Homer, hat man gesagt, sieht die Welt alle 
tausend Jahre einmal, und das kleine lonien soll auf einmal ein Dutzend 
solcher Genies hervorgebracht haben? Worin besteht denn aber, von der 
Sprache vorerst abgesehen, das Genie und die Kunst Homers? Vor allem 
in dem genialen Gedanken, uns mitten in die Sache zu versetzen und um 
eine Handlung voll spannender Kraft alle Erzählungen zu gruppieren. Die- 
ser grosse Wurf ist nach unserer Darlegung nur einmal mit voller Origi- 
nalität gemacht worden; schon die Komposition der Odyssee verrät in 
diesem Punkt, wie oben angedeutet, eine bewusste, wenn auch in selb- 
ständiger Weise durchgeführte Nachahmung der Ilias. In zweiter Linie 
steht unter den Schönheiten Homers die jugendliche Kraft und erfinderische 
Klugheit der Helden, die heitere, menschlich fassbare Vorstellung vom 
Walten der Götter, der Adel und die Tiefe der Empfindungen in ihrer 
ganzen Skala vom zarten Liebestraum der Königstochter bis zum rührenden 
Abschied der Gattin, von der zornigen Aufwallung ob erlittener Schmach 
bis zum wehmutsvollen Mitleid mit dem greisen Vater des erschlagenen 
Feindes. Das sind die Saiten, die an jedes fühlende Herz anschlagen, das 
sind die Schwungfedern, die heute noch bei der Lektüre Homers unsere 
Seele über die gemeine Wirklichkeit erheben. Aber diese Vorzüge sind 
nicht speziell dem Homer eigen; sie gehören dem hellenischen Volke in 
jener Zeit jugendfrischer Entfaltung an. Homer bewährt sich hierin als 
echter Volksdichter, der aus dem Herzen und in dem Sinne seines Volkes 
spricht und in seinen Dichtungen gleichsam seine Zeit und die Art seines 
Volkes widerspiegelt. Das thut der Bedeutung und dem Zauber seiner 
Poesie keinen Abbruch, lässt uns aber einen Hauptvorzug derselben auf 
Rechnung nicht seiner Person, sondern seines Volkes und seiner Zeit setzen. 
Auch der melodische Fluss dei- Verse und die biegsame Schönheit der 
Sprache darf nicht als spezielles Eigentum eines einzigen Dichters ange- 
sehen werden. Diese herrlichen Mittel der Darstellung waren durch lange 



^) Das Nähere lehren insbesondere Knös, 
De digammo Homerico, Ups. 1872, und 
Menrad, De contractionis et symzeseos usu 
Homer ico, Monachii 1886. So gebraucht 
Homer noch nicht das später und schon bei 
Hesiod oft vorkommende loyog, sagt durch- 
weg ficiQTVQog, nicht wie die Späteren /uctQ- 
rvQ, wendet Tiqocpvyelv im Sinne von vtiex- 



q)vy€iy an. 

'^) Belege geben die Proleg. meiner Tlias- 
ausgabe p. 163. Über das allmähliche Über- 
handnehmen der Kontraktion in den jüngeren 
Partien der Odyssee siehe mein Buch, Homer 
u. Homeriden S. 60. 

3) Lehrs, Aristarch.2 p. 394—419. 

^) Bergk, Gr. Litt. 1, 780-873. 



40 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

Übung und durch das Zusammenwirken vieler Dichter gereift worden; sie 
anzuwenden stand allen offen, und die Kunst leichter Versifikation wird 
damals ebenso verbreitet gewesen sein, wie heutzutage das Vermögen, eine 
gute Prosa zu schreiben. 

Es bleiben noch als Vorzüge, welche wir speziell dem Dichtergenie 
Homers zuschreiben, die ruhige Objektivität der Erzählung, die des Dich- 
ters Person ganz in den Hintergrund drängt und nur die Sage reden lässt, 
die klare Anschaulichkeit {svaQyeia) der Schilderung, i) durch die wir alles 
mit eigenen Augen zu schauen und das Erzählte mitzuerleben vermeinen, 
der dem beflügelten Charakter der Sprache entsprechende Fluss der Er- 
zählung, der alles im Werden und Fortschreiten erfasst und auch die Bilder 
auf dem Schilde des Achill vor unseren Augen entstehen lässt, nicht als 
bereits fertig beschreibt, die Fülle und Schönheit der Bilder und Vergleiche, 
die einschmeichelnde Wahrheit der erdichteten Mären, die Kunst der dem 
Charakter der Sprechenden angepassten Rede, die Ebenmässigkeit und das 
schickliche Mass in allem. Das sind allerdings individuelle Vorzüge, die 
aus dem allgemeinen Wesen der Volkspoesie nicht abgeleitet werden kön- 
nen. Denn die Volksepen anderer Völker, selbst unsere Nibelungen und 
der Mahabharata der Inder halten darin keinen Vergleich mit Homer aus. 
Aber nach dieser Seite zeigt sich auch ein erheblicher Unterschied zwischen 
Ilias und Odyssee, indem die Ilias wohl die grössere Zahl ausgeführter 
Gleichnisse'^) und den Glanz heldenmässiger Schlachtenbilder voraus hat, 
der Dichter der Odyssee aber in Erfindung wundervoller Mären und in 
gemütvoller Erfassung des Menschen- und Tierlebens überlegen ist. Wohl 
entlockt auch in der Ilias uns Thränen der Rührung die herrliche Scene, 
wo Hektor beim Abschied von Andromache den kleinen Astyanax, der sich 
vor dem Helmbusch und der ehernen Rüstung des Vaters fürchtet, nach 
Herabnahme des Helmes herzt und küsst, {Z 466 — 496), aber noch einen 
tieferen Blick in das Seelenleben selbst der Tiere lässt uns der 17. Ge- 
sang der Odyssee an jener Stelle (290—327) thun, wo dem Odysseus 
beim Eintritt in das Heimathaus sein Hund Argos, der dem Verenden nahe 
auf dem Misthaufen liegt, allein, vor Frau und Dienern, wiedererkennt und 
sterbend mit dem Schweife wedelt, sein Herr aber sich die Thräne der 
Rührung abwischt.^) Aber auch zwischen dem alten Kern der beiden 



^) Sehr hübsch hat mehrere dieser Vor- 
züge Aristot. Poet. 24 verzeichnet: '^'O^rjQog 
cc'k'Aa TS TioXXd ä'^Log inaivelod^ai xccl d^ xal 
oTL fyiopog Tiov noirjXMv ovy. äyposT o det 
TioieTv civröp • avxöv yaq &et rov noirjjrjv 
iAä/LOTcc XhyEiv • ov^ yi'nQ ioxi xard xavra 
fxi/urjxijg ' ol ^ev ovv cllXot avxol fiey Jt' 
öXov dyixiVL^ovxca, fiifzovpxat de oXiya xal 
oXtydxig, 6 de (V/dya cfQoifXLaod^uepog svx^t^g 
EiGÜysL dpdga rj yvpcaxa rj ccXko Xi xca ovdev^ 
drjdr] . . . dedlda/s ds ^u'kioxu "^'OfxrjQog xal 
tovg dVkovg xpsvdi] Xiysiv Mg de? . . . inel 
xal TU ev ^Odvaaela äXoya . . xoTg dXXoLg 
dya(^o7g 6 nocrjxijg dcpavi^ei rjdvvmv xo dXoyov. 
In diesem Urteil war dem Philosophen der 
Dichter Pindar Nem VII, 20 ff. vorange- 



gangen. 

2) Die Ilias hat 182, die Odyssee 39 
ausgeführte Gleichnisse; meist begnügt sich 
der Dichter der Odyssee mit einem ein- 
fachen Hinweis auf den zur Vergleichung 
herangezogenen Gegenstand. Indes auch die 
einzelnen Gesänge der Ilias und selbst die 
inhaltlich auf einer Stufe stehenden weichen 
hierin je nach der Situation stark von ein- 
ander ab; an jugendlichem Bilderreichtum 
zeichnet sich vor allen die Aristeia Aga- 
memnonos [A) aus. Vgl. Arn. Passow, De 
comparationihus Homericis, Diss. Berl. 1852. 

^) Dargestellt ist diese Scene auf einer 
Gemme bei Overbeck, Gal. her. Bild. 7. 33, 10. 



A. Epos. 3. Homers Ilias und Odyssee. (§ 27.) 



41 



Dichtungen und ihren jüngeren Erweiterungen zeigen sich grosse Unter- 
schiede in der Kunst der Darstellung. Wohl zeichnen sich mehrere der 
Gesänge, welche wir für jüngere Einlagen halten, wie die Gesandtschaft, 
die Lösung Hektors, der Schild des Achill, durch grosse poetische Schön- 
heiten aus, und wir müssen schon zugehen, dass auch noch manchem der 
Homeriden ein glücklicher Wurf gelang.^) Aber die meisten der Zudich- 
tungen erkennt man als solche eben auch aus dem geringeren Vermögen des 
Dichters und der Ungeschicklichkeit der Nachahmung. Die Verse von Achill 
und Aeneas, die vor dem Kampfe lange und langweilige Reden halten (Y 
75 _ 380), sind nicht carmina Homeri semper ad eventum festinantis, die 
unruhige Hast der Kölog ft«x^ (^) verrät nichts vom Dichter der alten 
Ilias, der, wenn alles Eile hat, ruhig seiner Wege geht, die trockene Auf- 
zählung der Schiffe der Achäer und der Namen ihrer Führer hat nichts 
von dem belebenden Wechsel in Situation und Ausdruck, der in den an- 
deren Gesängen uns ununterbrochen gefesselt hält. 

Von besonderer Bedeutung sind in dieser Beziehung die Nachahmungen 
und Wiederholungen. Die öftere, oft drei- und viermalige Wiederkehr der 
gleichen Verse ist eine Eigentümlichkeit der homerischen Poesie; sie ist 
nicht an sich ein Anzeichen verschiedenen Ursprungs, sie hängt vielmehr 
mit der Objektivität der Erzählung und den stehenden Epitheton zusammen. 
Wenn die Sonne von neuem in der Natur aufzugehen beginnt, so singt auch 
der Dichter von neuem ohne Variation rj/aog d'rjQiyi-vsia (pccvr] Qodo6dxTvXog 
Tjwg, wie er immer von neuem das Bild des Schiffes durch das Epitheton 
ivaösX^iog oder f.isXaiva uns anschaulich vor die Seele führt. Aber das 
Epitheton kann nicht bloss unnötig, es kann auch unpassend werden; der 
Vers oder die Verse können in unpassendem Zusammenhang und in miss- 
verstandenem Sinne wiederholt sein; eine ganze Stelle kann aus zusammen- 
gestoppelten Versen und Halbversen bestehen. Solche Centonen kommen 
auch schon in unserem Homer vor, wie in der Chryseisepisode {A 430 — 492) 
und in dem Füllstück zwischen dem ersten und zweiten Schlachttag (H313 
bis 482), rühren aber gewiss nicht von dem göttlichen Homer, sondern 
von einem Spätling unter den Homeriden her. 2) 

27. Zeit des Homer. Erst jetzt können wir auf mehrere Fragen 
zurückkommen, die wir oben nur gestreift haben, so zuerst auf die Ent- 
stehungszeit der homerischen Dichtungen. Da offenbar die Alten von der 
Zeit, in der Homer lebte und Ilias und Odyssee entstanden sind, keine 
bestimmte Überlieferung hatten, so sind auch wir wesentlich auf Kombi- 
nationen angewiesen. Diese müssen von dem zeitlichen Verhältnis der alt- 
griechischen Epen zu einander ausgehen.^) Nun gilt es jetzt als ausge- 



^) Otfr. Müller, Gesch. d. gr. Lit. I, 
84 urteilt von der Scene der Zusammenkunft 
des Achilleus undPriamos im letzten Gesang 
der Ilias, dass sie mit keiner andern in der 
ganzen alten Poesie verglichen werden könne, 
und Schiller sprach einmal: „wenn man 
auch nur gelebt hätte, um den 23. Gesang 
der Ilias zu lesen, so könnte man sich über 
sein Dasein nicht beschweren." Von den 
Dichtern jener Gesänge galt eben auch schon 



im Altertum der Goethe'sche Spruch „denn 
Homeride zu sein, auch nur als letzter ist 
schön". 

2) Diesei Punkt, schon von Köchly und 
Kirchhoff beachtet, ist von mir besprochen 
in dem Aufsatz, Die Wiederholungen glei- 
cher und ähnlicher Verse in der Ilias, in 
Sitzb d. b. Ak. 1880, S. 221—271. 

^) Davon aus habe ich die Frage be- 
handelt in dem Aufsatz, Zur Chronologie des 



42 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



machte, durch Anzeichen der Nachahmung erwiesene Thatsache, dass Hesiod 
jünger als Homer war und nicht bloss die Ilias, sondern auch schon die 
Odyssee, wenigstens in ihren älteren Bestandteilen, vor Augen hatte; mit 
Hesiod dürfen wir aber nicht, wenigstens nicht viel unter 700 herabgehen. 
Ferner liegt es in der Natur der Sache und lässt sich aus Sprache und 
Mythus erweisen, dass die Gedichte des epischen Kyklos erst zur Zeit, als 
die zwei grossen homerischen Epen bereits fertig waren, entstanden sind.') 
Nun wird Arktinos, der Dichter der Aithiopis, in die 1. Olympiade gesetzt, 
und wenn dieser Ansatz auch nicht ganz ausser Zweifel steht und ver- 
mutlich etwas zu hoch gegriffen ist, so dürfen wir doch mit Zuversicht 
den Beginn des kyklischen Epos noch in das 8. Jahrhundert setzen. 

Auf dem amykläischen Throne waren bereits Scenen der Ilias und 
Odyssee, wie der singende Demodokos, Menelaos in Ägypten, Proteus, 
dargestellt. 2) Damals waren also schon die jüngsten Gesänge der Odyssee 
allgemein bekannt; schade nur, dass sich die Zeit jenes Thrones selbst 
nicht genau fixieren lässt, und dass die Angabe, der Thron sei aus dem 
Zehnten des messenischen Krieges gestiftet worden, nicht als zuverlässig 
gelten kann. 3) Zu der durch Vergleichung gewonnenen Zeitgrenze stellen sich 
mehrere äussere Zeugnisse und bestimmte Anzeichen im Homer selbst. Im 
Schiffkatalog, der die Ilias mit Einschluss der Leichenspiele zur Voraus- 
setzung hat, aber der Telemachie und den jüngsten Partien der Odyssee 
voranzugehen scheint,') wird die Blüte Megaras,^) die mit der Befreiung 
der Stadt (Ol. 10) begann, völlig ignoriert; ja selbst der Name Megara ist 
noch unbekannt, und Nisa erscheint noch als Teil Böotiens (B 508), ge- 
radeso wie Korinth noch als Teil von Argos {B 570). Auf der anderen 



altgriechischen Epos, im Sitzb. d. b. Ak. 
1884 S. 1 — 60, wo auch die auf ägyptischen 
Korabinationen beruhende Datierung Glad- 
stone's zurückgewiesen ist. Vgl. Lüntzer, 
Die homerischen Fragen, Leipzig 1874. 

^) Im einzelnen erwiesen von Welcker, 
Der epische Cyklus; vgl. Niese, Entwicklung 
d. hom. Poesie 27 ff. und 225 ff. Anspielungen 
auf die entwickelten Mythen des Kyklos 
finden sich allerdings auch in der IJias, 
aber nur an inteipolierten Stellen r326 — 337, 
Sl 28 30, 230-2, B 699-709. 721-8. 
Die in der Odyssee, in der Telemachie und 
Nekyia, vorausgesetzten Gesänge vom Falle 
Ilions durch das hölzerne Pferd, vom Streit 
um die Waffen des Achill, von der Heran- 
ziehung des Philoktetes, Neoptolemos, Eurya- 
los, von der Heimkehr der Könige und der 
Rache des Orestes berühren sich mit den Dich- 
tungen des Arktinos, Lesches,Hagias, brauchen 
aber nicht notwendig aus denselben geflossen 
zu sein, da auch deren Epen Einzellieder 
vorausgegangen waren. Dass indes Ark- 
tinos vor dem Dichter der jüngsten Partien 
der Odyssee lebte, scheint mir auch heute 
noch Avahrscheinlich zu sein. 

^) Paus. III, 18; es fanden sich auf 
demselben auch schon Scenen aus den Ky- 
prien und der Aithiopis, wie das Parisurteil 



und der Kampf des Achill und Memnon. 

^) Brunn, Gesch. d. griech. Künstler I, 
52 f. macht seine Verfertigung um Ol. 60 
wahrscheinlich. 

^) Es passen eben die Epitheta xo'Llr]v 
Aaxsifaifxopa y.rjTtöeoGav gut zum Land (ß581), 
schlecht zur Stadt (cf 1). Dass der Schiff- 
katalog, auch der alte Kern desselben, nach 
Hesiod gedichtet sei, möchte man annehmen, 
steht aber nicht fest; zu beachten ist, dass 
in demselben unter den böotischen Städten 
Askra, die Heimat Hesiods, nicht vorkommt, 
was sich aber auch aus der Unbedeutendheit 
des Ortes erklärt. Auch der 11. B 780—83 
(aber nicht im Schiffkatalog) angedeutete 
Typhoeusmythus, der aus der Beobachtung 
vulkanischer Erscheinungen und feuerspeien- 
der Berge entstanden ist, weist auf den 
Vulkan Argaios in Kappadokien hin, wie 
Bartsch, Geologie und Mythologie in Klein- 
asien fPhilol. Abh. zu Ehren von Hertz 
S. 105- 122) erwiesen hat. Im allgemeinen 
bemerkt sehr gut Strabon p. 149 bezüglich 
des historischen Hintergrundes homerischer 
Mythen : Ofxr]Qog dsl rovg fxv&ovg dno xiviov 
iGTOQiaiy evdyuiv. 

^) Schon zu Ol. 15 wird ein Sieger 
"Ogamnog MsyccQSvg angeführt. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 27.) 



43 



Seite iimfasst im Schiff katalog die Landschaft Lakedämon bereits die Städte 
Pharos, Amyklai, Helos {B 582—4), die erst durch die Könige Teleklos 
und Alkaraenes im 8. Jahrhundert unterworfen worden waren, i) Wenn 
wir demnach den Schiffkatalog in seiner ursprünglichen, noch nicht inter- 
polierten Gestalt'^) in die nächste Zeit nach dem Beginn der Olympiaden, 
noch vor 700 setzen dürfen, so müssen wir zugleich annehmen, dass da- 
mals bereits die ganze Ilias in allen ihren wesentlichen Teilen fertig war. 
Dazu kommt, dass die Ilias und insbesondere der Eingang des 13. Gesangs 
noch gar keine Kenntnis von dem schwarzen Meere und der an seinen 
Gestaden im 8. Jahrhundert von den Milesiern gegründeten Kolonien ver- 
rät; ihre Entstehung muss also über die Zeit der Gründung von Trapezunt 
(gegründet 756) und Sinope (gegründet 770) hinaufgerückt werden. 

Für die Abfassung des letzten Gesangs der Odyssee, also eines der 
allerjüngsten, gibt der Vers w 88 ^covvvrrai ts vsol xal snsvTvvovTai asd^ka 
einen Terminus ante quem an die Hand. Denn da in der 15. Olympiade 
die Wettkämpfer, wenigstens die Läufer in Olympia, den Gurt ablegten 
und die Einführung der nackten Ringkämpfe so ziemlich gleichzeitig in 
allen Teilen Griechenlands erfolgt sein wird, so muss jener Vers vor, kann 
sicher nicht lange nach 715 gedichtet sein. 3) In ähnlicher Weise führt die 
Erwähnung der sizilischen Dienerin in den jüngeren Partien der Odyssee 
(v 383, cö 210. 365. 383) auf die Zeit nach dem Beginn der Kolonisation 
Siziliens (Ol. 9), und scheint die Erwähnung der Quelle Artakie Od. x 108 
mit der Gründung von Kyzikus in der 7. oder 24. Olympiade zusammen- 
zuhängen.^) Damit bleiben wir also in der Zeit vor Schluss des 8. Jahr- 
hunderts; nur mit den kleinen Interpolationen der Ilias und Odyssee wer- 
den wir noch weiter herabgehen müssen. Die Verse A 699 ff. gehen auf 
die in der 25. Olympiade in Elis eingeführten Wettkämpfe mit Vierge- 
spannen;^) die Stelle in der Odyssee (f 15 — 41 geht von der Unterwer- 
fung Messeniens unter Lakedämon aus,*^) kann also erst nach dem Aus- 
gang des ersten messenischen Krieges (715) gedichtet sein. In der ganzen 
Frage aber müssen wir uns gegenwärtig halten, dass einzelne Gesänge, 
wie die Doloneia, der Schiffkatalog, die zweite Nekyia, insbesondere aber 



^) Im Gegensatz zum Schiffkatalog setzt 
die Ilias 1 149—156 noch die Selbständig- 
keit der Seestädte, wenigstens der messeni- 
schen voraus. 

^) In meiner Ausg. der Ilias sind die 
alten Teile von den neuen durch den Druck 
geschieden. 

^) Kirchhoff, Hom. Od. 288 ff.; Ein- 
wendungen von Niese, Entwicklung der 
homerischen Poesie 223 ff. Über die Zeit 
(Ol. 15, nicht 32) handelt Böckh, Ges. Sehr. 
IV, 137 ff. Noch weiter geht Kirchhoff 
S. 340, indem er aus co 417 schliesst, dass 
Eugammon, der Dichter dei Telegonie (um 
Ol. 53), den Schluss der Odyssee noch nicht 
gekannt habe, und so ähnlich auch Wila- 
MowiTz, Hom. Unt. 185. Aber einfacher ist 
die Lösung, dass entweder Proklos oder der 
Exzerptor bei oi fxytjaroQsg vno rcoy nqoai]- 



x6vT(x)p d^uTiTovrciL dic Freier mit den am 
Schlüsse (w 523) gefallenen Ithakesiern ver- 
wechselt habe, oder dass die Worte unseres 
Odysseetextes dtovreg ecpoitiov (w 415) bis 
TiS^evTEg {(X) 419) einer jungen Interpolation 
entstammen. 

^) Ich habe mich etwas zurückhaltender 
gefasst mit Rücksicht auf die Einwände von 
Rothe in Jahrber. d. Alt. XIII, 1. 182. Noch 
weiter zu gehen und die Hälfte der Odyssee 
mit WiLAMOwiTZ dem 7. Jahrh. zuzuweisen, 
verbietet schon die Sprache, namentlich das 
Digamma. 

5) Vgl. AüG. MoMMSEN, Phil. 8, 721 ff. 

^) Dafür sprechen die Verse 13 — 15 

dioQa Tci Ob ^eTvog Aaxs&cdfxoyi dojxs rv/fjffccg 

'Icfixog EvQvxl&rjg iniSLxeXog a&ctvdxoiaiv ' tio 

d' ev MeaoTjvri 'ivfxßX-^axo dXXtjXouv, aber mit 

15 beginnt die Interpolation. 



44 



Griechische Literaturgeschichte. I. Klassische Periode. 



kleinere, ausschmückende Interpolationen, wie die Erweiterungen in der 
Schildbeschreibung (^ 590 — 606), den Leichenspielen {W 788—897), der 
Beschreibung der Gärten des Alkinoos [r] 103—113) leicht noch von Hörne- 
nden und Rhapsoden zugefügt werden konnten, nachdem die Ilias und 
Odyssee in ihrem Grundgerüste längst fertig waren, dass aber die Aus- 
führung des Grundplanes der beiden Dichtungen sich kaum durch mehr 
als 2 bis 3 Generationen hingezogen haben wird, i) 

Sollen wir zum Schluss bestimmte Zahlen geben, so scheint uns aus 
den angedeuteten Kombinationen zu folgen, dass die Ilias um 850—800, 
die Odyssee um 820 — 770 entstanden ist, dass die erstere in allen ihren 
wesentlichen Bestandteilen um 750, die letztere um 720 zum Abschluss 
gelangte, und dass nach dieser Zeit nur noch kleine Interpolationen, keine 
ganzen Gesänge mehr hinzukamen. Im allgemeinen pflichten wir so Hero- 
dot bei, wenn er den Homer 400 Jahre vor seiner Zeit, also um 840, ge- 
lebt haben lässt.^) Nur müssen wir dem noch hinzufügen, dass der Ur- 
sprung der Sagen, welche in Homer widerklingen, und teilweise auch die 
Anschauung, welche Homer von der aussergriechischen Welt hatte, in 
frühere Vergangenheit zurückreichen. Merkwürdig ist in letzterer Beziehung 
namentlich, dass der Dichter noch Sidon, nicht schon Tyrus die Meere be- 
herrschen, und noch nicht Memphis, sondern das ältere Theben Hauptstadt 
Ägyptens sein lässt.^) 

28. Sprache und Heimat des Homer. Die Frage über die Heimat 
des Homer und seines Geschlechtes hängt eng mit seiner Sprache zusammen. 
Die Sprache, in der uns die homerischen Gedichte durch die Alexandriner 
überliefert sind, hat das Gepräge des ionischen Dialektes, geradeso wie 
sich auch in dem ganzen Ton der Dichtung loniens heiteres Leben wider- 
spiegelt.^) Wenn jenes Gepräge vielfach von dem der Sprache des Herodot 
abweicht, so fand man dieses ehedem durch die Grösse des zeitlichen Ab- 
standes sattsam erklärt. Aber so leicht darf man sich mit jenem Unter- 
schied nicht mehr abfinden, nachdem wir, durch Bentley belehrt, wissen, 



^) Weiter zu gehen, missrät schon der 
geringe Unterschied der Sprache namentlich 
im Gebrauch des Digamma und in der Ab- 
neigung gegen Kontiaktion. Die historischen 
Kimmerier, welche um 660 in Lydien und 
lonien einbrachen, beweisen nichts für die 
Zeit Homers, da es umgekehrt grössere 
Wahrscheinlichkeit hat, dass diese räuberi- 
schen, aus dem dunklen Norden kommenden 
Horden von den Zeitgenossen mit den home- 
rischen Kimmeriern (Od. A 14) verglichen 
und nach ihnen Ki/ufusQioi benannt wurden, 
ähnlich wie später die germanischen Völker 
des Nordens den Namen Cimbri, das ist eben 
KvfxixsQioi, erhielten. Übrigens stammt der 
Name Ki^ufxt'Qioi aus Innerasien, da in assy- 
rischen Keilinschriften die nordischen Sky- 
then Gimirai heissen, so dass sowohl die 
KLfj.fX6Qio(, (A 14) als die Kijrsioi (X 520), d, i. 
Hethiter der Odyssee ein Beweis sind, wie 
die Griechen Kleinasiens allmählich mit den 
grossen Reichen am Orontes und Euphrat 



Fühlung bekamen. 

'^) Herod H, 53: 'Hoioöov ydq xaVOfJ,r)Qov 
i^Xiy.irjv rsTQaxoaloiac exsai doxsu) fxev tiqso- 
ßvTSQOvg ysvioxhai xal ov nXeloaiv. 

^) II. 1381: orcf' Off' ig 'Oq^o^ubvop nori- 
ylaffEzai, ovd^ 6a a. @7]ßag Jtyvnrtag, ox^inXeiffta 
dofioig £V xrrjfxara xsTrat, nl' t9^' exarofxrrvXol 
sioi, difjxÖGioi (f' «V exdarag ciysQsg e^oL^vsvat 
ovv iTinoiaiy xal o/eacpiv. Kral, Diodor u. Ma- 
netho, Stzb. d. östr. Ak. 1880 (B. 96) S. 381 
sieht darin eine dunkle, im Lied fortlebende 
Erinnerung an die Zeit der Ramessiden, wo 
griechische Stämme (eherKarier) mit Ägypten 
und seiner damaligen Hauptstadt Theben in 
Konflikt kamen. Es kann aber auch in spä- 
terer Zeit noch Theben, ähnlich wie heut- 
zutage Moskau, als die Hauptstadt des Reiches 
gegolten haben. 

^) Die anderen Züge der homerischen 
Poesie, welche auf lonien hinweisen, hat 
gut MüLLEK, Gr. Litt. I"^, 72 ff. besprochen, 
ohne von Neueren widerlegt worden zu sein. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 28.) 



45 



dass der Dichter der Ilias und Odyssee noch das Digamma gesprochen und 
in einigen Wörtern, wie im Pronomen der 3. Person ov ol e og ferner in 
ara'^, 8&vog, srog regelmässig zur Geltung gebracht hat. ^ Denn diesen 
Laut hatten im 7. Jahrh. die ionischen Landsleute der Elegiker und lambo- 
graphen schon vollständig abgeworfen, so dass sie ihn schwerlich im 9. 
und 8. Jahrh. noch in dem Umfange gesprochen haben werden, den wir 
für die Landsleute und Zeitgenossen des Homer voraussetzen müssen. 
Auch mit der Annahme, dass Homer vieles aus der Sprache seiner Vor- 
gänger könne herübergenommen haben, ^) reichen wir zur Erklärung jenes 
sprachlichen Unterschiedes nicht aus. Denn aus älteren Dichtungen können 
wohl einzelne formelhafte Ausdrücke, wie vsifsXriysQkza Zsvg^ inTiÖTa iVt- 
aTMQ, noTVia 'Hq}], tiqoö^sv ^aXdfxoio ^VQacov, fxävTig dfxvf^icov, herüberge- 
nommen sein, aber in dem Gebrauch eines ganzen Lautes, wie es das Di- 
gamma ist, in der Diärese oder Synizese der Vokale, 3) in den Formen der 
Pronomina "*) und der Worte des Alltagslebens richtet sich jeder Volks- 
und Naturdichter^) nicht nach der Sprache früherer Jahrhunderte, sondern 
nach der seiner Zeit und seiner Umgebung. Die Sprache der Ilias und 
Odyssee führt uns daher mit Notwendigkeit dahin, die Landsleute Homers 
nicht in dem Lande des Archilochos oder Kallinos zu suchen, sondern ent- 
weder geradezu in Aolien oder doch in einem anderen Teile loniens; denn 
nicht alle Bewohner loniens redeten die gleiche Sprache, vielmehr unter- 
scheidet Herodot I, 142 ausdrücklich vier verschiedene Dialekte der lonier.^) 
Die erste der beiden Annahmen stellte in unserer Zeit Aug. Fick auf, in- 
dem er die ganze ältere Ilias und Odyssee ursprünglich in äolischer Sprache 
gedichtet und erst später in den Mischdialekt der jüngsten Zusätze umge- 
setzt sein lässt.'') Aber die geniale Hypothese hat einesteils kein Analogen 
in der griechischen Litteratur, da umgekehrt jüngere Dichter, auch wenn 



^) Auf die durchwegige Geltung des 
Digamma gewisser Wörter ist ein Haupt- 
gewicht zu legen, da damit die Erklärung 
des Gebrauchs jenes Lautes infolge konven- 
tioneller Vererbung wegfällt. Zur Sache 
Knös, De digammo Homerico, Ups. 1872, 
und meine Proleg. Iliadis carm. p. 150 sqq. 

'^) Diesen Standpunkt vertritt Hinrichs, 
De Homericae elocutionis vestigiis Aeolicis, 
Jenae 1875. 

^) Menrad, De contractionis et synize- 
seos usu Homerico, Monachii 1886. 

'^} In unseren Texten stehen von den 
Pronomina äolische und ionische Formen; 
die äolischen überwiegen und lassen sich 
mit Sicherheit noch weitej- ausdehnen; aber 
auch die ionischen lassen sich nicht ohne 
Gewaltsamkeit ganz austreiben. 

^) Ich betone „Naturdichter", da die 
nachahmenden Dichter der späteren Zeit einer 
anderen Übung folgten. 

'') F]s hängt diese Verschiedenheit der 
Sprache mit der Verschiedenheit der Ein- 
wanderer zusammen; so hatten sich in Priene 
Thebaner unter Philotas (Strab. 633), in 
Theos Minyer unter Athamas (Anakr. fr. 114, 



Paus, VII, 2 6, Steph. Byz.) angesiedelt, nach 
Kolophon waren ausser Kretern Manto u. Mop- 
sos (Paus. VII, 3. 1 u. Schol. Apoll. Rhod. III, 
74) gewandert, in Milet waren die Theliden 
phönikischen oder kadmeischen Ursprungs 
(Herod. I, 170); s. 0. Immisch, Klaros, in 
Jahrb. f. Phil. Suppl. XVII, 129 ff. 

^) Fick, Die homerische Odyssee 1883 
(Supplementband von Bezzenberger's Bei- 
trägen zur Kunde der indogerm. Sprachen), 
Die homerische Ilias 1886; vorausgegangen 
war ihm teilweise schon, aber ohne die nö- 
tigen sprachlichen Kenntnisse und ohne Klar- 
heit des Standpunktes der Engländer Payne- 
Kmight in seiner Ausg. von 1820. Schon im 
Altertum verlangten einige Grammatiker 
einen äolischen Homer, worüber Anecd. Rom. 
von Osann p. 5: T?yV de nolyjoir upayivtoG- 
xsaß^ca d^ioi YMTivQog 6 Mdyprjc JioXidi dm- 
XexTio, To <f\ith() JixcüciQ/og. Nicht entschei- 
dend für die Heimat des Dichters ist der 
äolische Ursprung der troischen Sage, gegen 
den indes Sittl, Die Griechen im Troerland 
und das homerische Epos, Philol. 44, 201 ff. 
Zweifel erhebt. 



46 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periodä« 



sie einem anderen Stamme angehörten, den Dialekt des älteren Vorbildes 
beizubehalten pflegten, und sie lässt sich andrerseits nur mit grossen Willkür- 
lichkeiten und gewaltsamen Änderungen durchführen, i) Ich halte daher 
nach wie vor an dem anderen Ausweg fest, dass Homer und seine Schule 
nicht in Südionien blühte, sondern dort, wohin auch die besten Zeugnisse 
des Altertums uns führen,^) auf dem Grenzgebiet von lonien und Aolis. 
Dabei möchte man zunächst an Smyrna denken, was ehedem von Aoliern 
besiedelt worden war, später aber dem ionischen Städtebund sich anschloss. 
Aber auf einen anderen Punkt führen uns 2 Stellen der Ilias <Z^ 227 und 
Si IS, welche die Sonne über dem Meere aufgehen lassen.^) Der Dichter 
dieser Stellen lebte also nicht auf dem Festlande Asiens, sondern auf einer 
der Inseln, welche im Westen der kleinasiatischen Küste lagen. Als solche 
bietet sich im nördlichen lonien einzig Chios,"^) auf welcher Insel obendrein 
nach dem Geographen Stephanos von Byzanz ein Städtchen Bolissos lag, 
welches eine äolische Kolonie war und wo Ephoros den Homer verweilen 
liess.^) Wer sein Gefallen an Kombinationen der Phantasie hat, mag es 
den Alten glauben, dass Homer im äolischen Smyrna geboren,^) frühe aber 
nach Chios ausgewandert sei, auf welcher Insel sich neben einer nord- 
ionischen Grundbevölkerung auch äolische Siedelungen befanden. 

29. Orts- und Sagenkunde. Dass Homer von seiner Heimat 
aus als wandernder Sänger viel im Lande herumgekommen sei, ver- 
steht sich bei den damaligen Verhältnissen der Gesellschaft und Dicht- 
kunst von selbst. Die Orte lassen sich zum Teil noch aus den Umhüllungen 
der Dichtersage herausfinden; sie sind Phokäa, wo er bei Thestorides Auf- 
nahme fand,^) Neonteichos bei Kyme, wo er um des lieben Brotes willen 
seine Gedichte vorlas,^) Kolophon, wo er den Margites dichtete,^) Samos, 
wo er von Kreophylos gastlich aufgenommen wurde, ^^) los, wo man sein 



^) Meine Einwände habe ich entwickelt 
in der Besprechung von Fick's Odyssee in 
Phil. Anz. XIV, 90 ff., worauf Fick in der 
Einleit. seiner Ilias p. III sqq. mit nicht be- 
weiskräftigen Analogien antwortete. Dass 
indes im Laufe der Zeit, namentlich durch 
den Einfluss der alexandrinischen Gramma- 
tiker manche nichtionische Form getilgt 
w^orden sei und von uns wieder zurückge- 
führt werden dürfe, gebe ich gern zu. Zu 
den sprachlichen Einwänden kommen aber 
noch die aus den sachlichen Verhältnissen 
genommenen hinzu, w^elche im nächsten 
Paragraphen ihre Besprechung finden. 

'•^j Diese führen eben nach Smyrna zu- 
meist und dann nach Chios; vgl. Düntzee, 
Hom. Fragen 33 ff. 

•^) ¥•227: xQoxoTTsnXog vns'iQ cila xiö'- 
vaxcii Tyw'c, ^ 13: ?fa»V cpcavofxivr] 'Aij&EOxev 
vneiQ (cXa 7Ji6yag re. Die Verse stehen aller- 
dings nicht in den allerältesten Partien der 
Ilias ; das thut aber ihrer Bedeutung wenig 
Eintrag, da die alte homerische Schule 
schwerlich an einem anderen Orte sich be- 
fand als Homer selbst. Die Bedeutung dieser 
Stellen für unsere Frage wurde erkannt von 



Bergk, Gr. Litt. I, 451 ; leichthin wider- 
spricht DüNTZER, Hom. Frag. 81. 

^) An Lesbos, das keine der alten Über- 
lieferungen für die Heimat Homers ausgab, 
wollte Fick, Ilias S. 108 denken. 

^) Steph. B^^z. : BoXhaaog ' nöXig AloXixi) 
in äxQov Xlov n'krjaiov . . . xal (paaiv ort 
'OfMf^Qog SV rovro) rag dtarQißccg inoisiro, a5f 
^E(poQog. 

^) Vgl. BöcKH zu Find. fr. ine. 86 und 
den Rhetor Alkidamas bei Arist. rhet. II, 
23 p. 1398^, 2. 

') Fs. Herod. vit. Hom. 15. Usener, De 
Iliadis carmine quodam Phocaico, Bonn 1875 
sucht nachzuweisen, dass II. XI mit der Be- 
schreibung der Waffen des Agamemnon {A 15 
bis 42) und dem Vergleich des den Hirsch 
zerreissenden Löwen {A 474 — 82) auf die 
Stadt Phokäa hinweist, welche lebhafte Ver- 
bindung mit den Phönikiern unterhielt und 
deren Kolonie Velia als Stadtwappen auf ihren 
Münzen eben jene Bewältigung eines Hir- 
sches durch einen Löwen zeigt. 

8) Ps. Herod. vit. Hom. 9. 

9) Gert. Hes. et Hom. p. 313 G. 

10) Strab. p. 638 nach Kallimachos. Ein 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 29.) 



47 



Grabmal zeigte. 9 Ähnliches lehren uns die Ilias und Odyssee selbst. Ihr 
Dichter feiert, indem er die Kämpfe besingt, welche die achäischen An- 
siedler mit den alten Heroen des Landes zu bestehen hatten, zugleich die 
Stammesheroen der äolischen Kolonien Kleinasiens; 2) er schmeichelt daneben 
mit dem Preise des Nestor und der Lykierfürsten Sarpedon und Glaukos 
den ionischen Königen, welche von jenen Heroen ihr Geschlecht ableiteten, 3) 
und flicht mit der Verherrlichung der Heldenthaten des Idomeneus die 
Sagen der kretischen Ansiedler Kleinasiens in den Kranz der äolischen 
Stammessage. ^) Seine Gleichnisse nimmt er mit Vorliebe von den Natur- 
und Kulturverhältnissen der mittleren Küstenlandschaft Kleinasiens, von dem 
Geschnatter der Gänse in der asischen Wiese am Kaystros {B 459),'^) von 
dem Wirbelsturm der aus Thrakien her wehenden Winde Boreas und Ze- 
phyros (/ 4), von dem Stier, der dem Poseidon im Panionion geopfert wird 
(F404). Er zeigt sich wohl bewandert in den Küsten des adramytteni- 
schen Meerbusens und kennt die hochragenden Grabhügel, die man beim 
Vorbeifahren am weiten Gestade des Hellespont gewahrte (H 86).^) Seine 
Schilderungen von dem Berge Ida, der Ebene des Skamander (E 773), der 
hohen Warte Samothrakiens {N 10) zeigen so viel Naturwahrheit, dass man 
zuversichtlich annehmen darf, er habe den Schauplatz der Thaten seiner Helden, 
den Schliemanns Ausgrabungen jetzt wieder der gebildeten Welt erschlossen 
haben, mit eigenen Augen geschaut.'^) Wenn er daneben, entgegen der 
Wirklichkeit, die Priamosveste auf einem ringsumlaufbaren Hügel gelegen 
und vor ihren Mauern 2 Quellen, eine warme und eine kalte, emporspru- 
deln lässt (X 143), so sind das Freiheiten, die sich Homer, so gut wie 
jeder andere Dichter, erlauben durfte, zumal in der Schilderung einer Stadt, 
die inzwischen vom Erdboden verschwunden war und deren Lage nur 
wenige seiner Zuhörer aus eigener Anschauung kannten. 



Nachkomme des Kreophylos war Hermo- 
damas, den nach Diog. 8, 2 Pythagoras 
hörte, 

') Aristoteles bei Gellius III, 11. 

''') In Lesbos herrschten die Nachkommen 
desPenthelos, desEnkels Agamemnons (Arist. 
Pol. V, 8. 13), in Tenedos die des Peisan- 
dros aus Amyklä (Pind. N. 11, 34), das 
Gros der äolischen Bevölkerung war aus 
Böotien eingewandert und hatte die Sage 
der IVlyrmidonen und ihres Königs Achill 
mitgebracht. 

^) Herod. 1,147. Auf den Pylier Nestor 
führten ihr Geschlecht zurück die alten Kö- 
nige von Kolophon (Mimnermos fr. 9) und 
Milet (Strab. G83); vgl. Töpffer, Att. Genea- 
logie 235 ff. Die dorischen Sagen hingegen 
sind dem Homer fremd; die Episode vom 
Zweikampf des Sarpedon und des Herakliden 
Tlepolemos (E 628— 98) sieht ganz wie ein 
auf einen fremden Baum gepfropftes Reis 
aus und kann glatt ausgeschnitten werden; 
die übrigen Stellen an denen des dorischen 
Nationalheros Herakles Erwähnung geschieht, 
T 95- 136, 639-44, 363, A 601 --27, sind 
teils interpoliert, teils gehören sie den jüng- 
sten Partien der homerischen Gesänge an. 



*) Die Kreter als ältere Bewohner der 
Gegend von Milet und Kolophon bezeugen 
Herodot I, 173; VII, 171 und Pausanias VII, 
2. 5; VII, 3. 1. 

^) Einen Kaystrios gibt es nicht, sondern 
nur einen Kaystros, weshalb B 461 KavatQoo 
(nicht KavGTQLOv) aficpl Qte&Qa zu lesen ist. 

^) Offenbar weil er wohl noch Trümmer 
von Troia, aber nichts mehr vom achäischen 
Lager am Hellespont sah, erdichtete er die 
vollständige Zerstörung des Lagers durch 
Poseidon 11459 63 u. Ml— 34. 

^) Die Kenntnis aus Autopsie stellt mit 
übertriebener Skepsis in Abrede Herchek, 
Über die homerische Ebene von Troia, AbhdJ. 
d. Berl Ak. 1876. Für die ganze Frage 
wurde erst ein sicherer Grund geschaffen 
durch die weltberühmten Ausgrabungen 
Schliemann's, dargelegt in dessen Werken: 
Ilios, Stadt und Land der Troianer 1881; 
Troia 1884; Mykenä 1878. Schon vor Schlie- 
mann hatte das Richtige getroffen G. v. 
Eckekbrecher, Die Lage des hom. Troia, 
Düsseldorf 1837. Auf die Wahrheit der 
Naturschilderungen Homers hatte zuerst auf- 
merksam gemacht Wood, On tlie original 
genius of Homer, Lond. 1769 



48 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Nach einer anderen Richtung führen uns die Irrfahrten des Odysseus 
und die Lokalitäten der Odyssee. Die Person des Königs von Ithaka und 
die Kunde vom alten Reiche der Kephallenier waren dem Dichter wohl aus 
der alten Sage der Pylier und Achäer überkommen; aber Farben und 
Leben erhielt das Bild erst durch die Fährnisse, welchen die ionischen 
Landsleute des Dichters auf ihren Fahrten nach dem fernen Westen be- 
gegneten. Er selbst indes scheint nicht weit nach Westen gekommen zu 
sein: er hatte von Sikilien und dem Westmeer, wohin er die Irrfahrten 
des Odysseus in märchenhafter Ausschmückung verlegt, nicht aus eigener 
Anschauung, sondern nur aus den fabelhaften Erzählungen aufschneidender 
Landsleute und phönizischer Seefahrer Kenntnis. ^ Selbst Ithaka hatte 
höchstens den Dichter der jungen Telemachie, nicht auch der des alten 
Nostos mit eigenen Augen gesehen. 2) Daraus erklärt sich, dass das Bild, 
welches wir uns nach den Schilderungen der Odyssee von der Heimat ihres 
Helden machen, ungleich weniger als das der troischen Ebene zur Wirk- 
lichkeit stimmt. Selbst das griechische Festland kannte Homer schwerlich aus 
Autopsie; dieses hatte auch inzwischen so gewaltige Umänderungen er- 
fahren, dass dem Dichter die alte Sage bessere Kunde von den Königs- 
burgen in Mykenä, Tiryns, Orchomenos brachte, als ein eigener Besuch 
jener Gegenden. 

So treffen wir also auch die Sage in den homeriscben Dichtungen im 
allgemeinen auf der Stufe, die sie auf ihrer Wanderung von den äolischen 
Kolonien des nördlichen Kleinasiens nach Süden, in den ionischen Nieder- 
lassungen des mittleren Küstenlandes eingenommen hatte, bevor sie noch 
weiter nach Süden gedrungen und auch von dort durch Einmischung dori- 
scher Elemente bereichert worden war. All das Gesagte gilt indes nur 
bezüglich des eigentlichen Kerns der homerischen Dichtungen. Die Ein- 
dichtungen, Zusätze und Überarbeitungen sind vermutlich nicht bloss in 
späterer Zeit, sondern auch an verschiedenen Orten entstanden;^) aber über 
das ionische Kleinasien hinaus zum griechischen Mutterland führt nur der 



^) Der Streit über die Lokalität der Irr- 
fahrten des Odysseus ward schon im Alter- 
tum mit Heftigkeit geführt, wie man beson- 
ders aus dem 1, Buch des Strabon sieht. 
Die einen suchten die Irrfahrten um Sizilien 
u. Italien (Polybios), andere fanden Plätze 
der hom. Schilderung am Pontus und selbst 
im nördlichen Ozean, andere hinwiederum, 
wie Eratosthenes, zogen sich auf den vor- 
sichtigen Standpunkt der poetischen Fiktion 
zurück und warnten nur vor einem Hinaus- 
gehen über das Mittelmeer. In neuerer Zeit 
verirrten sich wieder E. v. Baer, Die hom. 
Lokalitäten in der Odyssee (1878) nach dem 
schwarzen Meer, Jaez in Ztschr, für wiss. 
Geogr. II, 10 ff. und Fr. Soltau, Die Mythen 
und Sagenkreise in Homer, Berl. 1887, nach 
Tenariffa. Den vorsichtigen Standpunkt des 
Eratosthenes nimmt auf Hergt, Quam vere 
de Ulixis errorihiis Eratosthenes iudicaverit, 
Landshut 1887. Zu beachten ist, dass die 



Meeresströmung vom Hellespont um den 
Peloponnes herum nach dem westlichen 
Griechenland (Ithaka, Korfu) und von da 
nach Süditalien und Sizilien führt. 

^) Gegen Autopsie spricht deutlich die 
verkehrte Ansicht von Ithakas Lage Od. i 
25 f. Der von früheren Gelehrten zur de- 
taillierten Ausmalung des homerischen Ithaka 
missbrauchte Glaube an die Autopsie Homers 
wurde mit nüchternem Urteil zerstört von 
Hercher, Über Ithaka in Herm. I, 265 ff. 
Ob die Sage von der Versteinerung des 
heimkehrenden Schiffes der Phäaken (^ 156 ff.) 
wirklich durch den Felsriff vor dem Hafen 
von Korfu veranlasst sei, lasse ich dahinge- 
stellt. 

^) FicK in seiner Ilias und in Hesiods 
Gedichte S. 124 f. sucht zu erweisen, dass 
speziell in Kreta die Telemachie und Tisis, 
und von der Ilias die Gesänge X 3 ent- 
standen seien. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 30.) 



49 



Schiffkatalog, der den Charakter der böotischen Dichterschule an sich trägt 
und wohl auch in Böotien entstanden ist.^) 

30. Mündliche Fortpflanzung. Wenn Homer die Sänger Demo- 
dokos und Phemios ihre Lieder vom Ruhm der Helden zur Phorminx vor- 
tragen lässt, so dürfen wir uns unter diesen den göttlichen Homer selbst 
vorstellen. Homer also hatte seine Lieder im Kopf und sang sie in der 
Versammlung des Volks oder beim Mahl der Fürsten, ohne beim Vortrag 
eines Blattes oder einer schriftlichen Aufzeichnung zu bedürfen. Aber wir 
müssen weiter gehen und dem Homer überhaupt den Gebrauch der Schrift 
absprechen. Dieser Ansicht waren bereits die alexandrinischen Gelehrten;''^) 
in neuerer Zeit ist, wie wir oben sahen, F. A. Wolf von diesem Satz in 
seiner ganzen Anschauung vom Wesen der homerischen Poesie ausgegangen. 
Auch hat er damit bei den meisten Homerforschern Beifall gefunden;^) 
doch fehlte es auch nicht an Widersachern. Nicht bloss Nitzsch in seiner 
Historia Homeri, sondern neuerdings auch Bergk^) nahmen an, dass wohl 
die homerischen Gedichte für den mündlichen Vortrag bestimmt waren, 
dass sie aber gleichwohl der Dichter selbst niedergeschrieben habe. Die 
Frage muss zunächst aus Homer selbst beantwortet werden. Nun kann 
an der Stelle IL H 175 ff. allerdings keine Rede davon sein, dass die Hel- 
den, welche sich zum Zweikampfe mit Hektor erboten, ihren Namen mit 
Buchstaben auf das Täf eichen schrieben; sonst hätte es ja des Herum- 
reichens des herausgesprungenen Loses nicht bedurft, sondern hätte einfach 
Nestor oder der Herold den Namen verlesen und ausgerufen. Aber jene 
Stelle beweist nur, dass Homer seinen Helden, den Heroen, die Kenntnis 
der Schrift abgesprochen wissen wollte.^) Dass ihm selbst der Gebrauch 
derselben nicht ganz unbekannt war, bezeugen in der Episode vom Zu- 
sammentreffen des Diomedes und Glaukos die Worte tvs^tcs de fuv AvxirjvSe, 
TioQSv 6'oy€ arjfxara XvyQCc, yqüipag sv rtivaxi tttvxto^i ^viiocf&öqa TtoXXd 
(Z 168 f.). Denn danach musste der Dichter schon etwas von einem brief- 
lichen Verkehr mit abwesenden Personen gehört haben, wenn er sich auch 
unter den Zeichen (arniaxa) keine Buchstaben, sondern symbolische Zeichen, 
wie Chimäre, Amazone etc. gedacht haben mochte. Auf der anderen Seite 
ist beachtenswert, dass Homer, der uns doch von der Kultur seines Zeit- 
alters das anschaulichste Bild entwirft und uns von Schmieden, Zimmer- 



^) Der Schiffkatalog hatte den Titel 
BoLMiLCiy weil er von Böotien ausgeht, was 
mit dem Sammelplatz der Schiffe in Aulis, 
vielleicht aber auch mit der Heimat des 
Dichters zusammenhängt. 

^) Joseph c. Ap. I, 2 : xai cpaaiv ovds 
Ofj,7]Qou iy yQc'(fÄ^aOL ttqp avxov nolrjGiv x«- 
xcilmeiv, «AA« 6iafj,vt]y.ovevofX£vr])/ ix tmv 
ua^dxctiy vaxsQov avpxe^ijvm xccl &i(c xovxo 
TioX^dg iy avxf, g/sTp xdg dia(poQccg. Ari- 
starch setzte eine Diple zu H 175 ol de 
xXrJQOP ia^^^dvavxo exaaxog und P 599 ygtixpEv 
ö's ol oaxeov ocXQtg (>cl/^u7] JIovXv&ccfÄayxog, 
um anzudeuten, dass an der zweiten Stelle 
yQdq)siy im Sinne von „ritzen" nicht „schrei- 
ben" zu nehmen sei, und an der ersten 



ea7]fj,tjpayxo auf eingeritzte Zeichen, nicht 
auf Buchstaben hinweise; s. Lehks, De Arist. 
stud. Hom.^ p. 95; vergleiche An. 5. 

^) WoLFProleg. p. 73sqq. ; Sengebüsch, 
Hom. diss. post. 27 ff.; Düntzer, Die hom. 
Fragen S. 175 ff.; Friedländer, Schicksale 
der homerischen Poesie S. 9. 

'') Bergk, Gr. Litt. I, 526—31. Auch 
WiLAMOwiTZ, Hom. Unt. S. 293 nimmt für 
die Odyssee den Gebrauch der Schrift in 
Anspruch, 

^) Dass in diesem Sinne Aristarch seine 
Zeichen setzte, beweist namentlich das Scho- 
lion zu ^ 163, wie Römer, Bay. Gymn. Bl. 
XXI (1885), 289 ff. dargethan hat. 



Handbuch der klass. Altertumswissenschaft. VII, 2. AuH, 



50 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



leuten, Schilderern, Goldarbeitern u. a. zu erzählen weiss, nirgends, auch 
nicht in den jüngsten Büchern der Odyssee, von Schreibern und Büchern 
Erwähnung thut. Von grösserer Bedeutung für unsere Frage sind die 
sprachlichen Erscheinungen der Verkürzung von Vokalen, der Verdoppelung 
von Konsonanten {'AnolXco^' und 'AnnöXlMvog^ ^AxiXXsvg und ^AxiXrjoq) und 
des völligen Verschwindens des Digamma aus dem Texte der homerischen 
Gedichte. Denn allerdings bezeichnete auch die ältere Schrift der Griechen 
weder die Quantität der Vokale noch die Verdoppelung der Liquida, und 
konnte zur Not das Digamma, auch wenn es ursprünglich im Texte stund, 
später wieder spurlos verschwinden; i) aber die Flüssigkeit der homerischen 
Sprache und die grosse Umgestaltung des Textes infolge des Verschwin- 
dens des Digamma erklärt sich doch ungleich leichter, wenn der Text 
nicht gleich von vornherein durch die Schrift fixiert war. Endlich lässt 
die ganze Geschichte des griechischen Schriftgebrauches eine so frühe 
Niederschreibung umfangreicher Gedichte als durchaus unwahrscheinlich 
erscheinen. Mag immerhin schon vor der Zeit der Siegestafel des Moabiter- 
königs Mesas (um 850) die Schrift von den Phöniziern nach Griechenland 
gebracht worden sein, 2) ein ausgedehnter Gebrauch von derselben wurde in 
Griechenland erst nach dem Beginn der Olympiaden gemacht: erst im 
7. Jahrhundert begann man Gesetze schriftlich aufzuzeichnen, und doch, er- 
heischten diese viel eher als Gedichte eine Fixierung durch die Schrift. 
Der griechische Name für Buch, ßißXog und ßißXiov, hängt mit der Papyrus- 
staude (ßi'ßXog) zusammen und ist daher erst aufgekommen, als unter 
Psammetich das Nilland den Griechen erschlossen worden war. Freilich 
existierte nach Herodot V, 58 ein älterer Name ^Kf^sga (Haut) für Buch, 
aber wenn daraus auch folgt, dass schon vor Psammetich die lonier Bücher 
kannten, so schliesst doch die Unhandsamkeit des aus Fellen bereiteten 
Materials die Abfassung grosser und zahlreicher Bücher aus; auch wäre 
schwerlich ein neuer Name aufgekommen, wenn der Gebrauch von Büchern 
aus Fell bereits eine allgemeine, oder auch nur grosse Verbreitung gehabt 
hätte. -^j Kurzum, für das 9. und 8. Jahrhundert ist eine andere als bloss 
mündliche Fortpflanzung der homerischen Gedichte durchaus unwahrscheinlich. 
31. Die Rhapsoden. Vermittler der homerischen Gesänge waren 
bis zu ihrer schriftlichen Abfassung und teilweise noch Jahrhunderte 
darüber hinaus die Rhapsoden [Qa^xoSoi).^) Dieselben trugen mit einem 
Stab (gaßdog, ai'aaxog) in der Hand und geschmückt mit einem Kranz die 
Verse Homers in Festversammlungen {sv ayiiöai) vor.-'') Homer kennt weder 



^) Beegk, Gr. Litt. I, 529 hat besonders 
auf Pindar hingewiesen, aus dessen Gedichten 
infolge ihrer Verbreitung in Attika das Di- 
gamma verschwand. 

2) Was HiNRicHS, Handb. d. klass. Alt. 
I, 369, von der Rezeption der griech. Schrift 
in der Zeit vom 16. — 12. Jahrh. spricht^ läuft 
auf ein blosses Meinen hinaus; wer dafür 
^um 1000 V. Chr." setzen würde, könnte 
«ebensowenig widerlegt werden. Beachtens- 
wert ist die Annahme Meister's, Griech. 
Pial. II, 130, dass die Achäer ihre syllabare 



Schrift schon nach Kypern (vielleicht aus 
Kleinasien) mitbrachten, da sie in Kypern 
selbst von den Phöniziern die Buchstaben- 
schrift, nicht die syllabare, angenommen 
hätten. 

^) Dass zu Archilochos Zeit im 7. Jahrh. 
die Schrift bekannt war, geht aus dessen 
Worten fr. 89 igeo) tlv^ v^lv aivov., lo Kj]qv- 
xld't], u^vv^xiv^] GxvTdkf] hervor. 

4) Welcker, Ep. Cycl. I, 335 ff. 

^) Über die Tracht der Rhapsoden Haupt- 
stelle Plato, Ion in. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 31—32.) 



51 



das Wort noch die Sache; diejenigen, welche bei ihm in den Hallen der 
Königsbiirgen beim Mahle von den Ruhmesthaten der Helden singen, heissen 
aoiSoi und führen die Phorminx,i) nicht den Stab. Es war also inzwischen 
eine Wandlung in der Vortragsweise eingetreten: das Saitenspiel, das nie 
eine grosse Rolle bei den epischen Sängern gespielt hatte,-) war gänzlich 
weggefallen, und an die Stelle der Laute war der Stab getreten, der den 
Vortragenden nur als Sprecher in der Versammlung kennzeichnete.^) Mit 
der Zeit knüpfte sich an die Namen auch noch ein tieferer Unterschied: 
während die Aöden Sänger und Dichter zugleich waren, setzte sich der 
Stand der Rhapsoden aus solchen zusammen, welche, ohne selbst die gött- 
liche Gabe der Dichtkunst zu haben, nur als gedächtnisstarke Deklamatoren 
die Gesänge anderer vortrugen. Der Name Rhapsode geht indes ziemlich 
weit, bis in die Zeit des Hesiod hinauf. Denn dieser erwähnt ausdrücklich 
den Stab im Eingang der Theogonie: 

wg ecfaaav xovQcci ^eyccXov Jiog ccQTibTisiai 

xai ßoi (TxrjTTTQOV sSov 6d(fvrjg SQi^riXsog ot,ov.'^) 

Den Stab, gäßSog, darf man aber nicht in dem Namen qaipo^Sög 
selber finden wollen, vielmehr enthält nach der Analogie von iysqaiixaxog, 
^AyrjaiXaog, oQaivsiprjg u. a. der erste Teil des Kompositums einen verbalen 
Begriff, so dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes genau wieder- 
gegeben wird durch Hesiod fr. 227: ixbXno^sv iv vsaqolg v^voig qäipavTsg 
doiSr'iV.^) 

32. Da die Rhapsoden verschiedener Dichter Werke vortrugen^ so 
hiessen diejenigen, welche speziell den Homer zum Vortrag sich erkoren, 
'OfJtrjQiSai, so bei Pindar Nem. H, 1 : od^sv tvsq xal ^OfxriQiSai gauTcov stvscov 
TanöXX doiSol aQxovzai, wobei jedoch die Möglichkeit, ja Wahrscheinlich- 
keit offen bleibt, dass der Name ursprünglich nur denen zustand, welche, 
von Homer abstammend, sich die Aufgabe stellten die Gedichte des Ahn- 
herrn ihres Geschlechtes fortzupflanzen.^) Durch diese Homeriden also 
wurden die Werke Homers fortgepflanzt und rasch über Hellas verbreitet. 
In den vielgestaltigen Überlieferungen von der Heimat des Homer hat man 
mit Recht Anzeichen von den Sitzen solcher Rhapsodenschulen erkannt, 
obgleich Sengebusch zu weit ging, wenn er in den betreffenden Zeitangaben 



') Die zum Eingang [civaßolrj) des Vor- 
trags angeschlagene Phorminx des Homer 
vergleicht sich der Gusle, zu der die alten 
Serben ihre Volkslieder vortrugen. Den 
Vorhag im hohen Saale des Königspalastes 
hat auch Uhland vor Augen in seiner Bal- 
lade vom blinden Sänger. 

^) Erst später komponierten kunstvollere 
Melodien zu den Versen Homers Terpander 
(Plut. de mus. 3) und Stesander (Ath. 638a, 
620 cd). Die Späteren vermengen die Zeiten 
und Vortragsweisen, wenn sie, wie Hera- 
kleides Pontikos (Ath. 632 d und Plut. de 
mus. 3) den Homer selbst das Melos zu 
seinen Gedichten erfinden lassen. 

•^) Der Sprechende in der Versammlung 
erhält bei Homer T 218, '4> 568, ß 37 den 



Stab oder das oxtjtttqov. Welcker, Ep, 
Cycl. I, 337 erinnert an den Stab, den auch 
die französischen Nouvellistes führten. 

■*) Auf Homer selbst ist die Sitte der 
Rhapsoden übertragen von Pindar Isth HI, 
bh'/'OfxrjQoq y.azd Qf'tßdoy ecpQaoei^. Ebenso 
gab der Künstler Archelaos in der Apotheose 
Homers dem Homer einen Zweig in die Rechte. 

^) Auffällig ist nur die Betonung, die 
eher auf den Begriff QCinrd (isii^iov führen 
würde; indes kann hier die vermeintliche 
Gleichheit von avho(^6q, y.if^aQwö'og etc. zur 
Betonung der Schlusssilbe geführt haben. 

^) Ein verwandter Name, der aber keine 
Geschlechtszugehörigkeit mehr bezeichnete, 
war nach Aristoteles bei Ath. 620^'Of^'r]Qi<yTccL. 



4* 



52 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Zeugnisse über die Zeit der Einführung der homerischen Lieder in den 
einzelnen Städten finden wollte.^) So wurden die Dichtungen Homers im 
Laufe des 8. und 7. Jahrh. über ihre Heimat im ionischen Kleinasien hinaus 
nach den Inseln los, Rhodos, Kypern, Kreta, nach Prokonnesos in der Pro- 
pontis, Kenchreä in der Troas, und des weitern von Kyme nach Böotien, 
von Samos nach Sparta, von Smyrna nach Attika getragen/-) Denn wenn 
die späteren Schriftsteller die Sache so darstellen, als ob Lykurg, sei es 
von Samos, sei es von Chios, sei es von Kreta den Homer ^) nach Sparta 
gebracht habe, so machen es schon die von Maximus Tyrius XXHI, 5 
erwähnten Rhapsodenwettkämpfe Spartas wahrscheinlich, dass man dabei 
nicht an ein geschriebenes Homerexemplar zu denken hat, sondern an die 
öffentliche Einrichtung von Homerrecitationen, wozu man Rhapsoden von 
den alten Sitzen des homerischen Gesanges, zunächst von dem befreundeten 
Samos, hatte kommen lassen.^) Genaueres erfahren wir über die Verpflan- 
zung des homerischen Gesanges nach Sizilien durch ein altes Scholion zu 
Pindar Nem. H, 1,''') wonach der Rhapsode Kynaithos aus Chios, dem 
man auch den Hymnus auf Apoll beilegte, in der 69. Olympiade oder um 
500 v. Chr. den homerischen Gesang nach Syrakus brachte. Leider aber 
ist die Zeitangabe unsicher, da es wenig glaublich ist, dass Homer so spät 
erst bei den poesie- und kunstliebenden Syrakusanern sich eingebürgert 
halben soll. Bestimmte Nachrichten über rhapsodische Vorträge und Wett- 
kämpfe haben wir überdies von Salamis in Kypern,^) von Sparta, Sikyon,') 
Epidauros,^) Brauron in Attika,^) Athen. ^ö) Am berühmtesten wurden die 
Vorträge in letztgenannter Stadt an dem alle 4 Jahre wiederkehrenden 
Feste der Panathenäen. Dieselben waren nach dem Zeugnis des Redners 
Lykurg durch ein Gesetz angeordnet, i^) welches aller Wahrscheinlichkeit 
nach auf Selon selber zurückging. Ungewiss ist es, ob die weitere Anord- 
nung, dass bei dem Vortrag die einzelnen Gesänge in richtiger Ordnung 



^) Die diesbezügliche Tabelle bei Senge- 
busch, Hom, diss. post. p. 85 f. 

2) Aelian V. H. XIII, 14. 

^) Diese Nachrichten bei Plut. Lykurg 
4, Ephoros bei Strab. p. 482 und Dio Chrys. 
II, 45 betrachtet Wilamowitz, Hom. Unt. 
271 als erdichtete Dubletten der Solon- 
legende. 

■*) Flach, Peisistratos S. 17 nimmt ein 
geschriebenes Exemplar an, ohne irgendwie 
zwingende Beweise zu erbringen. 

5) 'OfxrjQL^ug tXeyoy tö fj.6y ciQ/cdov rovg 
((710 rov 0^u7]Qov ysvovg, ot xal rrjv nolrjaLP 
avzov iy. ^lu&o^rjg rj^ov • fxeru 68 ravra x(d 
OL ()(4xp(oö'ol ovy.sTL To ysvog EigOfxrjQov dvcl- 
yovTsg ' inicpavsTg 6t eysvovro oi ttsqI Kv- 
vuiS^ov, ovg (p(«Ji noXXd t(op stujUp TTOirjacivrag 
ifxßaleJv sig Trjv 'Ofj.rjQnv nolr]Oiv • tjy de 6 
KvvdL&og Xiog, ög y.cd rdyp ETiiygacfo^tvioy 
'Ofxr,Qov Tioirj^tatxiv toV elg ^inolloiva ys- 
yQfcfx^ivov vfxvop ItysTui nenoirixspca ' ovtog 
ovv 6 Kvyfuf^og nQMXog eV ^ivQuyovacug eq- 
Qccxpo)67](T€ rä OfxrjQov int] xatd xfjv i^tjxo- 
crrjy epvuxrjV O'/A'/uniddu, ujg InTioGTQarog 
ipriaiv. Die wahrscheinlich verderbte Oljm- 



piadenzahl wollte Welcker, wenig glaublich, 
in eyxTiv rj rrju svvdTrjp, Düntzer in sixoGttjv 
svvdxr]v ändern. Vielleicht aber ist die Zahl 
richtig und bloss das n^iorog übertrieben. 
Ausserdem erwähnt Suidas einen Parthe- 
nios, Sohn des Thestor und Abkömmling 
des Homer aus Chios. 

^) Hom. hymn. VI, 19 u. X, 4 

') Herodot V, 67: KXeiax)^evt]g 'J^yeioig 
TioXs^t^aag ^aipojdovg enavaEv sv Ziyviofi 
dyixjp'i^sa&cii tmp ^Ofxr]Qiy.(ji}v sneuip sl'yexa. 

^) An den Asklepien nach Plat. Ion in. 

^) Hesychios u. BQavQMvloig u. Athen, 
p. 275 b. 

^'^) Nachdem musische Agone hinzuge- 
kommen waren, behielten doch die rhap- 
sodischen die erste Stelle, was die Inschrif- 
ten von Oropus Eph. arch. III, 128. 5, von Or- 
chomenos CIG. 1583 u. 1584 und Ath. 538 
bezeugen. 

^') Lykurg in Leoer. 102: vofxov eS^ev- 
to (sc. i\ucoy ol nateQEg) xccS^^ ixdaz7]t^ nsv- 
xuexYiQiSa xmv Tlava&'i]valoiv fxovov (Ofiijgov) 
X(x}v dX'kwv 7joi,7]xcoy ()a}pio6siffi9cii xd sttij. 



A. Epos. 3. Homers Ilias und Odyssee. (§ 33.) 



53 



aufeinander folgen sollten, gleichfalls schon von Selon ausging oder erst 
unter Peisistratos durch dessen Sohn Hipparch getroffen wurde. ^) 

33. Niederschrift Homers. Die erste schriftliche Aufzeichnung und 
Zusammenordnung der Ilias und Odyssee soll von Peisistratos (560—527) 
veranstaltet worden sein. Die Hauptnachricht darüber steht bei Cicero de 
erat. HI, 34. 137: primus Ilomeri libros confusos antea sie disposuisse dicitur, 
ut nunc hahemus^) Damit stimmen im wesentlichen das Epigramm in Anth. 
XI, 442 und die schon oben angeführte Stelle des Aelian V. H. 13, 14 
überein. In neuerer Zeit haben wir auch durch ein Scholion des Byzan- 
tiners Tzetzes^) Kenntnis von den 4 Gelehrten bekommen, deren Beihilfe 
sich Peisistratos bei jenem Unternehmen bediente. Drei derselben waren 
Onomakritos aus Athen, den wir als Fälscher von Gedichten des Musaios 
schon früher kennen gelernt haben, Zopyros aus Heraklea und Orpheus 
aus Kroton; der Name des vierten ist verderbt und scheint überhaupt auf 
einem Missverständnis zu beruhen.^) Das ganze Unternehmen des Peisistratos 
hängt offenbar mit der ersten Anlage einer Bibliothek durch den kunst- 
liebenden Fürsten, wahrscheinlich auch mit der durch seinen Sohn Hipparch 
getroffenen Anordnung des vollständigen und geordneten Vortrags der ho- 
merischen Gedichte an den Panathenäen zusammen. Schwerlich aber wird 
Peisistratos der erste gewesen sein, der etwas von Homer niederschrieb 
oder niederschreiben Hess. Schon 100 Jahre vor dem athenischen Tyrannen 
gab es bei den loniern Bücher, und es wäre sonderbar, wenn die Ehre der 
schriftlichen Aufzeichnung einem lambographen oder Elegiker früher als 
dem grossen Nationaldichter zu Teil geworden wäre. Auch besagen die 
Zeugnisse nur, dass erst unter Peisistratos eine Gesamtilias und eine Gesamt- 
odyssee hergestellt wurde. Damit ist es aber wohl verträglich, dass schon 
zuvor von Rhapsoden einzelne Gesänge, wie insbesondere der Schiffkatalog '^j 



^) Dem Solen wird die Anordnung zu- 
geschrieben von Diog. I, 57 auf Grund der 
Angabe des Historikers Dieuchidas, der in 
der Zeit Alexanders lebte: rd rs 'Ofitjgov i^ 
vnoßoXrjg ysygacpE ^axpiüöeio&ca, olov onov 
6 TTQujtog £Xr]^EP, ixel^i^sv (<Q/S(Jx^ai jov i/o- 
fXEvoy, dem Hipparch, welcher überhaupt 
nach Herodot VII, 6 seinen Vater Peisistra- 
tos in seinen wissenschaftlichen Unterneh- 
mungen wesentlich unterstützte, von Ps. 
Plato Hipp. p. 228 B: xd 'OjutJQot^ enr} nquixog 
ixofiiaey €ig rrjv y^t^ tavTfjpi, xccl i^yäyxaos 
xovg ^axpM^ovg TIciva&i]vaioig f| vnoXrjxpEiog 
(füspai, dianeQ vvp oWs noLovai. Zwischen 
s'i vTioßolrlg „nach Anleitung" und f| vno- 
l^xpEMg „nach der Reihe" mag ursprünglich 
ein Unterschied bestanden haben, hier aber 
sind die beiden Ausdrücke offenbar gleich- 
bedeutend gebraucht. Die Bedeutung f| vno- 
ßo^g „nach Vorschrift oder Anleitung" steht 
fest durch eine Inschrift der Insel Teos CIG. 
3088, wo der Gegensatz ist e| dpxanodoaEcog • 
s. NiTzscH, Sagenpoesie 413 ff. 

^) DüNTZEK, Peisistratos und Homeros, 
in Jahrb. f. Phil. 1865 S. 729 ff. sucht zu er- 
weisen, dass Dikäarch der Gewährsmann des 



Cicero gewesen sei. Dagegen erhebt Ein- 
wendungen Volkmann, Wolfs Proleg. 348 f. 
^) Proleg. in Aristoph. (s. La Roche, Hom. 
Textkr. p. 10): eItiop avpd^sipai xdp^'OfxrjQOP inl 
RELOioxQfhov EßdofXTJxopxa dvo aocpovg, wp Eß- 
dofxrjxopxa dvo eIpm xal xop Zrjpö^oxop xal 

XOP UQlGXaQ/OP, XCCLXOL XEaCTCCQCJP OPXCÜP ETll 

HEiOioxQaxov avp^hEPXtop xop OfxrjQOP, otxipsg 
EiGiP ovxoi: 'EnixoyxvXog (verderbt aus f.nixog 
xvx'kog), 'OpofxäxQixog ^A&yjpaiog, ZuinvQog 
'HQaxlEi6xt]g xal OqtfEvg KqoxMPidxrjg. Die 
72 Gelehrten sind natürlich eine konfuse 
Reminiszenz an die Übersetzer des alten 
Testamentes. Auch die 4 Redaktoren gibt 
für eine späte Ausmalung aus Wilamowitz, 
Hom, Unt. 254. Flach, Peisistr. S. 12 führt 
sie nach einer Beischrift der Pariser Hdschr. 
auf den pergamenischen Gelehrten Atheno- 
doros Kordylion zurück. 

■^) Bei den vielen Eigennamen des Schiff- 
kataloges wird zuerst das Bedürfnis einer 
Gedächtnisstütze fühlbar geworden sein; das 
Fehlen von Messenieu scheint auf ein erstes 
Aufschreiben in Sparta hinzuweisen, da man 
dort ein Interesse hatte, die politische Un- 
selbständigkeit der Landschaft, aus der doch 



54 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



oder die Initien der einzelnen Rhapsodien und Absätze zur UnterstiJtzung des 
Gedächtnisses waren niedergeschrieben worden. Noch weniger natürlich durfte 
aus den angeführten Zeugnissen geschlossen werden, dass erst Peisistratos 
die Ilias und Odyssee geschaffen habe. ^) In dieser Annahme sind Wolf 
und Lachmann entschieden zu weit gegangen; darüber sind heutzutage alle 
einig. Aber zu skeptisch sind auch nach der anderen Seite neuere Gelehrte, 
wie namentlich Lehrs gewesen, wenn sie deshalb, weil Aristarch von Pei- 
sistratos schweigt, nun gleich der ganzen Überlieferung den Glauben ab- 
sprachen, 2) Auch ist es nur natürlich, wenn bei dieser ersten Herstellung 
einer Gesamtausgabe des Homer die Redaktoren teils einigen Episoden, wie 
Z 119 — 236, die richtige, das ist vom Dichter beabsichtigte Stelle wieder 
anwiesen, teils jüngere Rhapsodien, wie die Doloneia, welche nicht alle 
Homeriden als echt anerkannten, in die Reihe der Gesänge aufnahmen, 
teils einzelne Verse, wie A 265, l 631, B 558, T 144, M 372 zusetzten 
oder zu Gunsten attischen Ruhmes umgestalteten.^) 

34. Anfänge der homerischen Studien. Nachdem einmal unter 
Peisistratos die homerischen Gedichte durch die Schrift fixiert waren, hat 
die darauf folgende Zeit bis zu den Alexandrinern weder in der Gestaltung 
des Textes wesentliche Änderungen, noch bedeutende Leistungen für das 
Verständnis und die Erklärung des Dichters gebracht. Das Exemplar des 
Peisistratos selbst ist im Laufe der Zeiten untergegangen; ob es mit der 
übrigen Bibliothek durch Xerxes weggeführt wurde, darüber lässt sich bei 
der Fadenscheinigkeit der Überlieferung^) nichts sicheres aufstellen. Nicht 
unbedeutend muss hingegen die Thätigkeit derjenigen gewesen sein, welche 
nach den Perserkriegen den in alter Schrift abgefassten Text in die neue 
umschrieben (ot iisTaxccQccTiTriQiaavzeg). Manche bis auf unsere Zeit fort- 
vererbte Fehler des Textes sind auf den Irrtum und die Unsicherheit jener 
Männer zurückzuführen.^) Den Homer zu kommentieren fand man in dieser 
Zeit noch nicht für notwendig; man stand noch dem Dichter zu nahe und 
lebte noch zu sehr in der Periode des frohen Schaffens, als dass man schon 
an die Peinlichkeit der Textesverbessernng und fortlaufenden Kommen- 
tierung gedacht hätte. Doch geschah schon etwas nach dieser Richtung 
hin; teils suchte man Näheres über die Person des Homer, sein Geschlecht 
und das Schicksal seiner Werke zu ermitteln, teils versuchte man seinen 
Witz an der Beanstandung eines und des andern Ausdrucks, teils endlich 



der König Diokles (E 542, y 488, o 186) 
stammte, durch Homer besiegeln zu lassen. 

') Allerdings heisst es schon bei Älian 
V. H XIII, 14: lOisQov cTe TIeioioTQCiTog ov- 
vayuyojv aTiFCfrjvF. ttji' ^Ihäda ymi OSvGOBiav. 

^) Lehrs, Zur homerischen Interpolation, 
in Arist.'^ 430—54; dagegen Düntzbr a. 0. 
und WiLAMOwiTz, Hom. Unt. 235 ff. Dagegen 
überbieten Lehrs noch Flach a. 0. u. Lud- 
wich, Arist. hom. Textkr. II, 390 ff., welch 
letzterer nur mehr von einer Peisistratos- 
legende spricht. 

^) Vgl. meine Proleg. p. 17 f. 

^) Gellius VII. 17: Libros Athenis dis- 
ciplinarum liberalium i)uhlice ad legendum 
praebendos jorimus posuisse dicitur Pisi- 



stratus tyrannus. Deinceps studiosius ac- 
curatiusque ipsi Athenienses auxerunt; sed 
omnem illam postea librorum copiam Xerxes 
Athenarum potitus, urbe ipsa praeter arcem 
incensa, abstulit asportavitque in Persas. 
Eos porro libros universos multis p)OSt tem- 
jjestatibus Seleucus rex, qui Nicanor appel- 
latus est, referendos Athenas curavit. 

^) So r 201 TQÜcpT] für ToäcpBv, H 434 
eygsro für rjyQSTo, ^a/rjao^ca neben ^a^^o- 
00/uai, TS&vr}(6g neben Tsd^ysicjg. Siehe meine 
Proleg. p. 104 — 115. Jene Umschreibung 
wird in Abrede gestellt von Wilamow^itz, 
Hom. Unters. 286 ff. und Ludwich, Arist. 
hom. Textkr. II, 420 ff. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 34 — 35.) 



55 



bekämpfte man dessen Ansichten über die Götter oder legte den diesbezüg- 
lichen Worten einen geheimnisvollen Sinn unter. Dahin gehörten im all- 
gemeinen die Arbeiten der alten Homeriker, von denen Aristoteles ^) den 
bekannten Ausspruch that, dass sie die kleinen Ähnlichkeiten sehen, die 
grossen übersehen. Namen gibt Piaton im Eingang des Ion; 2) zu den dort 
genannten, Metrodoros, Stesimbrotos, Glaukon,^) kommt noch Theagenes 
von Rhegion aus der Zeit des Kambyses, der zuerst über Homer geschrieben 
haben soll und deshalb auch der erste Grammatiker genannt wird."^) Etwas 
verschiedener Art waren die Bemerkungen der Philosophen und Sophisten, 
die zieh zwar zum Teil auch an einzelne Worte hielten, hauptsächlich aber 
Widersprüche und Schwierigkeiten im Homer aufstöberten und dieselben 
in ihrer Weise zu lösen suchten {^rjTrjfxara xal Xvasig). Von den älteren, 
Demokritos, Anaxagoras, Hippias,^) ist uns nichts erhalten, hingegen liegen 
uns noch viele derartige Streitfragen oder Spielereien bei Aristoteles, Poet. 
25 vor. Grossen Respekt flösst uns die Interpretationskunst jener Männer 
nicht ein, wie wenn der Widerspruch im Eingang der Doloneia zwischen 
TiccvTsc, jii6V qa d^eoi ts xal aveqeg ircTVOxoQVcfTai evöov Tcavvvxioi {K 1) und 
ij TOI 6t' €g TTsSiov To Tqcoixov ad-QY^asisv, avlo)}' avQiyycov S^'6p.a6ov [K 11) 
mit der Annahme gelöst wird, dass rcävTsg metaphorisch für rtoXXoC stehe. ^) 
Einige gingen dabei bis zur Feindseligkeit gegen Homer, wie Xenophanes 
aus Kolophon, der dem Homer und Hesiod vorwarf, den Göttern alle Gott- 
losigkeiten angedichtet zu haben, und der Sophist Zoilos, der von seiner 
Polemik den Beinamen ^OpbriQOfjiccaTi^ erhielt.') 

35. Einfluss der homerischen Studien. In derselben Zeit äus- 
serte Homer den entschiedensten Einfluss auf das ganze hellenische Geistes- 
leben. Seine Anschauungen von den Göttern blieben neben denen des 
Hesiod massgebend für den Volksglauben der Griechen, so dass auf sie 
Herodot II, 53 die ganze griechische Götterlehre zurückführen konnte.^) 
Aus seinen Mythen sog die chorische Lyrik, insbesondere aber die Tragödie 
ihre beste Nahrung, wie denn Aischylos seine Dichtungen Brosamen von 
der reichbesetzten Tafel des Homer nannte. Die von ihm in Worten ge- 



^) Metaph. iV 6 p, 1093a: ofiotot dt} xal 
ovroi ro?g (XQ^^aloig 'OfxrjQixoTqy oi fÄixqdg 
ofxoiorrjzag oQcoai, fÄSyuXag (fs TiaqoQiooiv. 

2) Vergl. Sengebusch, Hom. diss. prior 
133 f. 

^) Für Glaukon ist im Schol. zu A 636 
Glaukos verschrieben. 

'')^ Schol. ad II. y 67 p. 533a 30: olxo? 
fj-ey ovv TQÖnog anoXoyiag dg^cciog wV näw 
xal «710 Gsayevovg rov 'Vrjylvov, 6g ngcoiog 
ByQufpB nsQL 'OjUTJQov, Tatian adv. Graecos 
c. 31: nsQi yccQ zrjg noirjosoig rov 'OfxiJQov, 
ysvovg re avjov xal ^q6i ov xaS^^ 6V rjx^uaaev, 
TiQorjQEvvrjaav ol TiQsaßiharoL &saysv7]g re 6 
'Prjyiog xazd Kafxßvorjt/ ysyovojg, ^zrjüi^ßQO- 
Tog xs 6 0daiog xal ^Avtl^a^og 6 KoXoq^ojviog, 
'Hgo&oTog xs 6 '^AlixagvaaoEvg xal Jiovvaiog 
6 'OXvv&Log, fxex^ exeivovg ^EcpoQog 6 Kv^aTog. 
Vgl. Sengebusch a. 0. p. 210 ff. In weiterem 
Umfang gehören hieher auch noch die Lo- 
gographen Hellanikos, Charax, Damastes. 



^) Unter den Werken des Demokritos 
erwähnt Diogenes IX, 48: neql "^O/urJQov ij 
oQxhosneirjg xal ylioaaeayv. Vgl. Sengebusch 
a. 0. p. 185. Anaxagoras war der Lehrer 
des oben genannten Metrodoros und ver- 
trat schon die allegorische Erklärung. 

6) Arist. Poet. 25 p. 146 P^ 16. Die 
Schwierigkeit ist in unseren Texten gelöst 
durch die Lesart «A/lot fxev Tiagd vyjvoIv dgi- 
axijsg üapa/aicDy ' s. Römer, Die Homerzitate 
und die hom. Fragen des Aristoteles, Sitzb. 
d. b Ak. 1884 S. 264—314. 

^) Über diesen Zoilos, einen Zeitgenossen 
des Isokrates, ein Artikel bei Suidas, wo er 
QTjxioQ xal (fikoaocpog heisst und von ihm 
angeführt wird xaid zrjg OfXTJQov noirjastog 
"köyoi d- . Bei Heraklit Alleg. Hom. c. 14 
heisst er von seiner Heimat Amphipolis 0^«- 
xixop dv^Qu-nodoy. 

^) Vergl. den zu § 59 zitierten Ausspruch 
des Simonides. 



56 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

zeichneten Typen der Götter und Heroen schwebten den Künstlern bei 
ihren Schöpfungen als Norm vor, wie Pheidias, um die Majestät des olym- 
pischen Zeus auszudrücken, sich die Verse des ersten Gesangs der Ilias 
A 528 ff. vorhielt: 

/] xal xvav&rjcfiv stt' 6(fQV(fi vsvas Kqovicov 
ccfißqöciai ö'aqa xairat in€QQW(Savro ccvaxTog 
xQazog «tt' a^avciTOio, (Jisyav 6'sXsh^sv 'OXv^inov. 
Dem Schulunterricht und den Übungen im Lesen, Memorieren und 
Erklären wurden homerische Verse zu Grunde gelegt, so dass es nicht 
wenige gab, welche die ganze Ilias auswendig wussten. Kurz nach allen 
Seiten drang Homer, der Dichter xa^' s'^oxrv, in das Nationalbewusstsein 
der Griechen ein, so dass selbst Piaton, der sonst den Dichtern wenig hold 
war, unumwunden den Homer Griechenlands Erzieher nannte.^) 

36. Homer bei den Alexandrinern. 2) Das schulmässige Studium 
Homers beginnt mit dem alexandrinischen Zeitalter. Auch hier hat sich 
die Bedeutung Homers darin gezeigt, dass von ihm die gelehrten Studien 
Alexandriens überhaupt ausgingen und an ihm die philologische und kri- 
tische Kunst gewissermassen sich emporrankten. Die drei hervorragendsten 
Grammatiker Alexandriens, Zenodot, Aristophanes und Aristarch, 
haben nach einander kritische Ausgaben (SioQ^oiasig) Homers, der letzte 
sogar zwei besorgt. Zu dem Zweck der Herausgabe notierten sich die- 
selben als Grundlage ihrer eigenen kritischen Thätigkeit die Lesarten alter 
Exemplare («xJocrag). Wir hören von zwei Arten von Handschriften, von 
solchen, die im Besitze von Städten gewesen waren {xcczd noXstg), und 
von solchen, die einzelne Männer besessen und beim Gebrauch verbessert 
hatten (xard arSgag). Zur ersten Klasse gehörten die Ausgaben von 
Massilia, Chios, Sinope, Kypern, Kreta, Aiolis, Argolis, zur zweiten die von 
Antimachos, Euripides (dem Jüngeren nach Suidas), Aristoteles.^) Von 
hohem Alter und besonderer Güte waren jene Handschriften nicht. ^) Das 
Beste thaten die Grammatiker selbst durch Festsetzung der Bedeutung ver- 
schollener Wörter und Aussonderung des Unechten (d^sTsTv). Weit über- 
ragte hierin seine Vorgänger Aristarch,^') der mit unerreichtem Scharfblick 
und feinstem Verständnis der poetischen Kunst das Wahre vom Falschen 
zu scheiden und die Eigentümlichkeiten des Homer im Gegensatz zu den 
späteren Dichtern herauszufinden verstand. Seine Ausgabe versah er am 
Rand mit kritischen Zeichen (crrj^jisTa),^) unter denen besonders der Obelos 



*) De rep. X p. 606 : rrjp 'EXXddix nsnai- 
^evxep ovrog 6 TioirjTrjg. Protag. p. 339: 
Tiai^eiag fj.eyiGxov fxtQog tjsqI iniop äsivov 
slvca. 

^) La Roche, Die homerische Textkritik 
m Altertum, Leipzig 1866. 

^) Vielleicht identisch mit der berühmten 
von Aristoteles revidierten 'ihdg rj ix rov 
vclQd^t]xog, welche Alexander in einer kost- 
baren Kapsel {vüqSi-j'^) aufbewahrte; s. Plut. 
Alex. 8 und Strab. p. 594. 

^) Römer, Homerrezension des Zenodot, 
Abh. d. b. Ak. XVII, 662 (24) ff. Über 
Aristarchs handschriftlichen Apparat handelt 



LuDVsricH, Aristarchs hom. Textkr., Kap. 1. 

'") Lehes, De Äristarchi studiis Jiome- 
ricis, 2. Aufl. 1865, 3. unveränderte Aufl. 
1886; Ludwich, Aristarchs hom. Textkritik, 
Leipzig 1884, 2 Bde. 

^) Die Zeichen stehen noch heutzutag 
im cod. Ven. A, wovon zuerst La Roche, 
Text, Zeichen und Scholien des berühmten 
Cod. Venetus der Ilias, Wiesbaden 1862, Mit- 
teilungen machte. Über die kritischen Zei- 
chen überhaupt siehe Reifferscheid, Suet. 
rell. p. 137 ff. und Osann, Anecdotum JRo- 
maniwi de notis veteriim criticis, wprimis 
Äristarchi Homericis, Gissae 1851. 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee. (§ 36-37.) 



57 



und die Diple viel genannt sind.^) Ausserdem hinterliess er Kommentare 
{vTvo}.ivrjfiaTa) zur Ilias und Odyssee in 48 B. und besondere Abhandlungen 
über einzelne Punkte, wie über das Schiffslager {neql vav(rTaS^fxov). Dass 
von ihm auch die Einteilung der Ilias und Odyssee in je 24 Gesänge her- 
rühre, ist eine unbeweisbare und nicht sehr wahrscheinliche Behauptung. 
Beweisen lässt sich nur, dass er dieselbe kannte; vermutlich aber war sie 
schon von Zenodot eingeführt worden; Aristoteles scheint sie noch nicht 
gekannt zu haben. 2) Die 3 berühmten Rezensionen von Zenodot, Aristo- 
phanes und Aristarch waren nicht die einzigen; es gab noch welche von 
Aratos (nur Odyssee), Rhianos, Philemon, Sosigenes und von Kallistratos 
dem Aristophaneer.3) 

37. Was in den nächsten Jahrhunderten auf dem Gebiet der Homer- 
kritik geleistet wurde, geht fast alles von Aristarch aus und bedeutet keinen 
nennenswerten Fortschritt. Zunächst gehen direkt auf Aristarch die Schriften 
zweier Grammatiker aus der Zeit des Cicero und Augustus zurück, denen 
wir zumeist unsere Kenntnis der aristarchischen Kritik verdanken, nämlich 
des Didymos nsgl Trjg ^ÄQKrraoxsiov SiOQd^wasatCj^) und des Aristonikos 
Ttsgl (frjfÄsiMv Trjg 'iXtdöog xal 'Oövaasiag.^) In dem ersten Buche war über die 
bereits damals schon vielfach verdunkelten Lesarten des Aristarch auf 
Grund seiner zwei Ausgaben und seiner Kommentare mit wenig Witz und 
viel Behagen gehandelt, in dem zweiten waren die Gründe der von Ari- 
starch gesetzten kritischen Zeichen kurz und bündig entwickelt.^) Selbst- 
ständiger, aber nicht bedeutender waren die Arbeiten derjenigen, welche 
zu den Lesarten und Erklärungen Aristarchs Stellung nahmen, teils ab- 
wehrend, teils verteidigend. Hauptgegner des Aristarch war der Perga- 
mener K rat es, der in 9 Büchern eine SioQ&Mt^ig ^iXiäöog xal ^Oövaasiag 
schrieb; daneben unterhielten die Polemik Kallistratos, der sich gegen die 
Athetesen Aristarchs wandte, und Ptolemaios, ein Schüler des Hellanikos, 
der von seinen Angriffen auf Aristarch den Beinamen sni&tTrig erhielt. 
Für Aristarch, das gefeierte Schulhaupt, traten besonders ein die Aristar- 
cheer Dionysios Thrax, Ammonios, Parmeniskos, Dionysios Sidonios, Chai- 
ris, Seleukos und Apollodor. Alle diese lebten und schrieben vor Didy- 
mos ; nach ihm spannen die alten Fragen Tyrannion der Jüngere, Herakleon 
der Ägyptier, Alexion, Philoxenos, Apion, Epaphroditos fort. Mehr eigene 
Wege gingen Nikanor unter Hadrian, der die Fälle strittiger Interpunk- 
tion bei Homer besprach,') und der berühmteste Grammatiker der römi- 



^) Mit dem Obelos ( — ) wurde ein Vers 
als unecht bezeichnet [oßsUt^Eip, ccd^Eieip); 
mit der Diple (» wurde angedeutet, dass 
die betreffende Stelle für Lösung einer kri- 
tischen Frage oder zur Erkenntnis einer 
homerischen Eigentümlichkeit von Bedeu- 
tung sei. 

'^) Jedenfalls datiert die Einteilung in 
24 Gesänge aus der Zeit nach Einführung 
des ionischen Alphabets, da die 24 Gesänge 
nach den 24 Buchstaben des neuen ionischen 
Alphabetes benannt sind; von der älteren 
Einteilung in eine kleinere Zahl von Rhap- 
sodien ist oben § 17 u. 18 gesprochen. 



^) Aus unbestimmter Zeit sind die noXv- 
ori^og, rj y.vxXtX7] und ry sx Movasiov. 

'^) LuDWiGH, Aristarchs hom. Textkritik 
nach den Fragmenten des Didymos, Leipzig 
1884, 2 Bde., dazu die Einwände von Maass, 
Herm. 19, 565 ff'. 

■^) Aristonici ttsql ai]iLiSLo)u 'Ihccdog rell. 
ed. Friedländer, Götting. 1853, zur Odyssee 
von Carnuth, Leipz. 1870. 

^) Daher hat man das Eigentum des 
Aristonikos an dem Kennzeichen oti aus der 
Masse der homerischen Scholien heraus- 
gefunden. 

^) Nicanoris nsQi ^Ihaxrjg orty^ui]g rell. 



58 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



sehen Periode, Herodian, der im Anschlüsse an Aristarch über die Pro- 
sodie (Accent, Hauch, Quantität) bei Homer handelteJ) 

38. LexikaHsche und erklärende Arbeiten zu Homer. Erklä- 
rungsbedürftige Wörter des Homer bildeten schon bei Zenodot einen 
Gegenstand der Untersuchung. Auf uns gekommen ist neben unbedeuten- 
den Exzerpten aus Apion^) und Zenodoros^) ein homerisches Speziallexikon 
von dem Aristarcheer Apollonios Sophistes (um 100 n. Chr.), in welchem 
die Kommentare des Aristarch und die Lexeis des Apion benützt sind.*) 
In Gegensatz zur grammatischen Erklärung trat schon seit alter Zeit die 
allegorische. Sie fand auch bei Grammatikern Eingang, wie insbesondere 
bei Krates von Mallos, galt aber immer als eine spezielle Domäne der 
Philosophen. Namentlich hatten die Stoiker sich auf dieses Gebiet gewor- 
fen, und in der Zeit des Augustus ward die allegorische Deutung in ein 
förmliches System gebracht.^) Daraus ist das uns erhaltene Buch 'AlXriyo- 
qiai ^Ofi7jQixai von Heraklei tos (nicht Herakleides) hervorgegangen, ß) wo- 
rin vermittelst der Philosophie Homer gegen den Vorwurf der Gottlosigkeit 
in Schutz genommen wird. Manches darin ist zutreffend, wie wenn c. 14 
der Vers: ov^fjag fx&v jiqmtov stkÖi^to xal xvvag aQyovg {A 50) auf den 
natürlichen Verlauf der Seuchen zurückgeführt wird. Das Meiste aber ist 
verkehrt, wie dass die ßesiegung der Aphrodite durch Diomedes in der 
Inferiorität der aXoyia%ia ßaqßäQwv gegenüber der kriegerischen Tüchtig- 
keit der Griechen ihren Grund haben soll (c. 30). Daneben wandte man 
in den schreibseligen Kreisen der Grammatiker und Philosophen auch der 
antiquarischen Seite der homerischen Gedichte seine Aufmerksamkeit zu. 
Besonderes Ansehen erlangte das Buch eines gewissen Dioskorides „Über 
die Sitten bei Homer", welches fleissig von Athenaios, daneben aber auch 
von Plutarch und dem Rhetor Dion Chrysostomos benützt wurde. ^) Noch 
später, im 3. Jahrh. kehrte die Homererklärung teilweise wieder zu ihrem 
Ausgangspunkt zurück. Es geschah dieses durch die Neuplatoniker, bei 
denen die Philosophie Homers ein stehendes Thema bildete,^) und aus deren 



ed. Friedländer, Regiom. 1850; nsQL '06va- 
(jsicix^g oxiyfxijg ed. Caenuth. Berl. 1875. 

^j Das Buch Herodians hatte den Titel 
'O^TjQixr] ngoGM^ia und war geteilt nach IlJas 
und Odyssee; es verfolgte die kontroversen 
Stellen Buch für Buch. Hauptausgabe von 
Lektz, Herodiuni teclmici relL, Lips. 1867. 

''^) Apions T'Amooui 'Ofxt]QiyMi, von Sturz 
im Anhang des Et. Gud. p. 601 publiziert, 
sind ein elendes Exzerpt; dass dasselbe aber 
doch auf Apion zurückgeht, beweist Kopp, 
Herrn. 20, 161 tt". Ein Exzerpt Ex xov ^Jttlü)- 
voq im Cod. Vind. 169 veröffentlichte Kopp, 
Rh. Mus. 42, 118- 121. 

^) Von diesem Zenodoros, der nach Diony- 
sios Halic. den er zitiert, lebte^ und den Por- 
phyrios und Eustathios öfters anführen, gibt 
Miller, Mel. 407 — 411, eine 'Entiofxf] roJv 
71 (Qi avprj&siag (in 10 B.), worin die Abwei- 
chungen Homers vom gewöhnlichen Sprach- 
gebrauch behandelt sind. 

'^) \47io'k'kb}viov aocfioTov },e'^ix6v (erhal- 



ten in einem cod. Sangermanensis) rec. 
Imm. Bekker, Berol. 1833. Dass das Lexi- 
kon in verdünnter Gestalt auf uns gekommen 
ist, weist Leyde, De Ajjollonii sophistae lex. 
Homerico, Leipz. 1855 nach; vgl. Kopp a. 0. 

^) Diels, Dox. gr. p. 88 ff. 

^) Heracliti Allegoriae Homericae ed. 
Mehler, LB. 1851; es sind in dieser Ausg. 
vollständigere Handschriften als in den frühe- 
ren benützt; neue kritische Beiträge gibt 
Ludwich, Arist. Textkr. II, 642 ff. 

'') R. Th. Weber, De Dioscuridis ttsql 
xwv TiKQ^ 'Oy.rjQia vof^wv, Lips. Disis. 1888. 
Ehedem identifizierte man, durch Suidas irre- 
geführt, unseren stoischen Grammatiker mit 
dem Isokrateer Dioskurides. In Wahrheit 
lebte derselbe, der auch dno[xv7]^ovevfxcaa 
und über den lakonischen Staat schrieb, nach 
Aristarch, dein er folgte, und vor Dion 
Chrysostomos, der ihn exzerpierte; Weber 
setzt ihn 160-60 v. Chr. 

^) Schon der Epikureer Phil ödem 



A. Epos. 2. Homers Ilias und Odyssee, (§ 38—39.) 



59 



Betrachtungen uns die ^OiiriQixd ^rjTrjiiiaTa des Porphyrios erhalten sind. i) 
Dort werden nach alter Weise Fragen, oft recht läppische, aufgeworfen 
und in der Art klügelnder Grammatiker und Sophisten gelöst. 2) 

39. Die Arbeiten der alten Grammatiker sind nicht im Original auf 
uns gekommen, sondern nur in Auszügen. Der hauptsächlichste Auszug 
eines anonymen Grammatikers aus den Viermännern Aristonikos, Didymos, 
Herodian, Nikanor ist uns bezeugt durch die Unterschriften des Cod. 
Ven. A: na^dx^icai td 'AqkStovikov arjfjieta xal zd Jidv^xov ttsqI Tjjg ^Aqi- 
(TTCiQ)[€tov dioQ&cöascog, Tivd 6^ xal ix rrjg ^Ihaxrjg nQO(J(o6iag '^Hqoo6i(xvoi> 
xal ix TMv NixdvoQog ttsqI aTiyixi]g.^) Dazu waren in der nachfolgenden 
Zeit noch Schollen aus anderen Grammatikern, besonders aus den ZrjTyj- 
fnaza des Porphyrios gekommen. Auf diese Auszüge gehen die Schollen 
unserer Handschriften zurück ; dieselben sind uns am besten in dem Venet. 
454 (A) erhalten und zwar in doppelter Fassung als ausführlichere Rand- 
oder Hauptscholien, und als kürzere Zwischen- oder Textscholien.^) Aus 
derselben Quelle stammen die Schollen des Townleianus, mit dem der jün- 
gere Victorianus übereinstimmt,^) und die des Ven. 453 {B).^) Mehr die Er- 
klärung berücksichtigten die fälschlich dem Didymus zugeschriebenen, schon 
von Aldus herausgegebenen Scholia minora."^) Dürftiger sind die Schollen, 
namentlich die kritischen, zur Odyssee, vornehmlich erhalten durch den 
Harleianus 5674 des britischen Museums (H) und den Ven. 613 {M).^) 
Ausser den Auszügen der Viermänner und den Abschnitten aus Herakleitos 
und Porphyrios enthalten diese Schollen manche zum Teil sehr beachtens- 
werte exegetische Bemerkungen^) und viele Notizen aus dem, was man 
Mstoria fabularis nennt. 1^) 



schrieb über das Fürstenideal bei Homer 
(s. BücHELEK, Rh. M. 42, 198-208), Lon- 
ginos Ei (filöoocpog "Ofxrjqog, Porphyrios tieql 
irjg OfxtJQov cpiXoaocflag. 

') Porphyrii Quaestionum Homericarum 
ad Ih'adem pertinentium rell. ed. Herm. 
ScHRADER, Lips. 1882, mit Nachträgen im 
Herrn. 20 (1885), 380 ff.; Porphyrii Quaest. 
Hom. ad Odysseam pertinentium, ed. H. 
ScHRADER, Lips. 1890. Erhalten ist der 1. 
Teil des Buches mit dem Widmungsbrief im 
\^at. 305, das Ganze exzerpiert in den Homer- 
scholien, Eustathios und Tzetzes. 

'^) So zu J 298: dt« ri 6 A/ikXevg xrjv 
fxkv B(iLGf]'l(fa (ffjal dcoasty, tmv cT' cHXniv ovdep 
7TQo'i€(ji9ca cft^alv civev noXifiov ; Qrjzsov ovv, 
oTc 071 cog fxrj dxQaxrjg elvai (foxfj. Einen spe- 
ziellen Versuch allegorischer Deutung lie- 
ferte derselbe Porphyrios in dem Büchlein 
ne^l Tov ep 'O^vaaelu xwv Nvf^cpcoy civtqov. 

^) Beccard, De scholiis in Hom. Iliadem 
Venetis, Berlin 1850. 

^) Römer, Die Werke der Aristarcheer 
im Cod. Ven. A, in Stzb. d. b. Ak. 1875, 
und Ludwich, Arist. I, 83 ff. 

^) Dass der Victorianus in München 
direkt aus dem Townl. abgeschrieben sei, 
bezweifelt Sittl, N. Phil. Rundschau 1889 
S. 194; vgl. auch Römer, De schol. Victö- 
rianis, Münch. 1874 S. 24 f. 



^) Die Schollen zuerst bekannt gemacht 
durch ViLLOisoN, Ven. 1788 fol. Neuere 
Ausgaben: Scholia in Homeri Iliadem ex 
reo. Bekkeri, Berol. 1827, 2 tom.; Scholia 
graeca in Homeri Iliadem ex codicibus 
aucta et emendata ed. Gu. Dindorf, t. I — IV 
Ox. 1875; t. V —VI die Scholia Townleyana 
enthaltend, besorgt von Maass, Ox. 1888. 
Die Scholia cod. Lipsiensis, welche Bach- 
mann, Lips. 1835—8 herausgegeben hat, 
haben keinen selbständigen Wert, da sie, 
wie Maass, Herm, 19, 264 ff. nachgewiesen 
hat, aus Ven. B. u. Townl. genommen sind. 
Über den Cod. Laur. 32, 3 s. Schrader, Herm. 
22, 282 ff. 

') Ein alter Cod. Mureti in der Bibl. 
Vitt. Eman., nachgewiesen von Maass, Herm. 
19, 559. 

^) Scholia antiqiia in Homeri Odysseam 
ed. Ph. Buttmann, Berol. 1821. Scholia 
graeca in Homeri Odysseam ex codicibus 
aucta et emendata ed. Gu. Dindorf, 2 vol. 
Ox. 1855. Über die Ambrosianischen Odyssee- 
scholien Schrader, Herm. 22, 337 ff. 

^) Römer, Die exegetischen Scholien 
der Ilias, München 1879. Dieselben stehen 
fast alle in Cod. B. 

^*^) Ed. ScHWARTz, De scholiis Homericis 
ad historiam fahularem pertinentihus, in 
Jahrb. f. Phil. Suppl. Xn, 405-463. 



60 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



40. Das Mittelalter hat nichts Neues und Standhaltendes in der Kritik 
und Exegese Homers geleistet; die Eustathios und Tzetzes haben wesent- 
lich nur breitgetreten, manchmal auch entstellt, was sie aus dem Altertum 
überkommen hatten. Der früher überschätzte Kommentar des Eustathios 
(12. Jahrb.), ^) IlaQexßoXal dg Tr^v^OfJirjQov 'OSvcrasiav xaVlhdda,^) findet jetzt, 
nachdem uns durch Villoison die alten Scholien selbst zugänglich gemacht 
worden sind, wenig Beachtung mehr. Sein Wert besteht wesentlich nur 
in dem, was Eustathios aus alten Quellen, 2) einem Auszug des Kommen- 
tars der Viermänner, den Lexeis des Aristophanes, den rhetorischen Wör- 
terbüchern des Dionysios und Pausanias, dem enkyklopädischen Lexikon 
des Apion und Herodoros^) aufgenommen hat. Noch unbedeutender ist die 
von Tzetzes in seiner Jugend (1143) verfasste Exegesis Iliados.^) Neben 
den Kommentaren spielten in den Studien der Byzantiner die Paraphrasen 
eine Rolle, von denen uns mehrere in Handschriften, teilweise auch in 
Drucken vorliegen.^) 

4:1. Homer, der schon von Alexandria aus zu fremden Völkern bis 
nach Indien gedrungen war und in Rom gleich beim ersten Erwachen des 
litterarischen Lebens an Livius Andronicus (Odyssee) und Matius (Ilias) 
Übersetzer gefunden hatte, im Mittelalter aber den Völkern des Abendlandes 
nur durch eine metrische Epitome der Ilias, den sogenannten Homerus 
latinus, bekannt war, erblühte zu neuem Leben in der Zeit der Wieder- 
geburt der Wissenschaften.^) Im Jahre 1488 erschien zu Florenz die erste 
Ausgabe; zuvor schon hatte für Boccaccio der Calabrese Pilato eine latei- 
nische Übersetzung der Ilias angefertigt. Aber wiewohl auch schon 1542 
der weitläufige Kommentar des Eustathios gedruckt wurde, so dauerte es 
doch noch Jahrhunderte, bis Homer volles Verständnis und gerechte Wür- 
digung fand. Es überwog eben infolge des romanischen Einflusses die von 
Jul. Cäs. Scaliger in seiner Poetik vertretene Anschauung, dass nur dem 
Vergil die Palme des klassischen Dichters gebühre, dem gegenüber die 
homerische Poesie die Rolle einer pleheia meptaque mulier cula spiele. Die 
richtige Auffassung ging von England aus, wo Pope (1715) seine berühmte 
Homerübersetzung dichtete und der in Griechenland selbst vielgewanderte 
Wood mit seinem Buche, On the orkjinal genius of Homer (1719), das Ver- 
ständnis der Natur- und Volkspoesie erschloss. In Deutschland fanden 
die Anschauungen der Engländer bei Gottsched, Lessing, Winckelmann, 



^) Eustathios, der anfangs Diakon und 
Maistor rhetoron zu Konstantinopel und seit 
1175 Erzbischof von Thessalonike war, hat 
den Kommentar zu Homer vor seiner Er- 
nennung zum Erzbischof veröffentlicht; dass 
er den zur Ilias vor dem zur Odyssee be- 
arbeitete, wiewohl er sich wechselweise in 
dem einen auf den andern bezieht, macht 
wahrscheinlich Fr. Kuhn, Quo ordine et 
quibus temi)orHjus Eustathius commentarios 
siios composuerit, in Comment. in hon. Stu- 
demundi p. 249 — 57. 

"') Die älteste Ausgabe zu Rom 1542; 
die neueste Lips. 1825 — 30. 2 vol. 

2) La Roche, Hom. Textkritik S. 151 ff.: 



CoHN, De Aristophane Byzantio et Suetonio 
Tranquillo Eustathi auctoribus, in Jahrb. f. 
Phil. Suppl. XII, 285 ff. 

■*) Neben Herodoros kommt auch die 
Variante Heliodoros vor, der Naber ad Phot. 
lex. I, 119 den Vorzug gibt. 

^) Zu A 1 — 102 gedruckt in Hermann's 
Ausg. des Drako. 

^) Eine Paraphrase veröffentlichte Bek- 
KEK, Scliolia in Homeri Iliadem am Schluss. 
Neue Mitteilungen über Homerparaphrasen 
gibt Ludwich, Arist. hom. Textkr. II, 486 ft'. 

^) Feiedländer, Schicksale der homeri- 
schen Poesie, in der Deutschen Rundschau, 
Februarheft 1886. 



A. Epos. 3. Die homerischen Hymnen und Scherze. (§ 42.) ß\ 

Heyne lebhaften Anklang. Mit der Übersetzung von Voss ^) ist dann bei 
uns Homer in den weitesten Schichten des Volkes populär geworden, wie 
sonst es nur Werke nationaler Dichter zu werden pflegen, und mit den 
Prolegomena von Fr. A. Wolf (1795) begann für die Homerforschung eine 

neue Epoche kritischer Studien und tieferer Erkenntnis. 

Codd. und Scholia s. § 39. Zu den bereits genannten Handschriften kommen noch 
zu einzelnen Büchern: ein syrischer Pahmpsest (ed. Cureton 1851), mehrere Papyri (s. 
Landwehr, Philol, 44), ein cod. Mediol. mit Miniaturen {Iliadis antiqiiissima fragm, cum 
picturis ed. Ang. Mai, Medio]. 1819, Rom. 1835), zur Odyssee: Laur. 54 u. 32, 24 s. X. 
Kritischer Apparat zuerst beschafft von La Roche, vervollständigt von Ludwich. 

Ausgaben: ed jwinc. ex reo. Demetkii Chalcondylae, Flor. 1488; mit gelehrtem 
Kommentar von Clarke-Ernesti, 1779, 4 vol.; Ilias cum. vers. lat. et annot. cur. Heyne, 
Lips. 1802, 9 vol.; berichtigter Text mit epochemachenden Proleg. von F. A. Wolf, Hai. 
1795. — Tumultuarischer Versuch der Herstellung eines Urhomer von Payne-Knight, 
Lond. 1820. — Ilias rec. Spitzner, 1835, 4 vol. mit kritischen Noten und Exkursen. — 
Kritische Hauptausgabe mit Digamma im Text und dem Anfang eines kritischen, wesent- 
lich auf den Scholien basierten Kommentars von Imm. Bekker, Bonnae 1858; dazu dessen 
Homerische Blätter, Berl. 1863, 2 Bde. — Homeri Odyssea ad fidem librorum optimorum 
ed. La Roche, Lips. 1867, Ilias 1873, mit einem reichen, aus Scholien und Handschriften 
geschöpften kritischen Apparat — ed. A. Nauck. Ber. 1877 mit kritischem Apparat und 
einschneidender, die von Bekker eingeschlagenen Wege weiter verfolgenden Recensio — 
ed. RzACH (IL) u. Cauer (Od.) in Bibl. Schenk.; Ilias rec. Leeuwen et Mendes da Costa. 
LB. 1887. — Homeri carmina rec. et selecta lectionis varietate instr. Arth. Ludwich, Lips. 
im Erscheinen. — Ausgaben, welche die homerische Frage berücksichtigen: Iliadis carm. 
XVI ed. KöcHLY, Lipsiae 1861; Die homerische Odyssee von Kirchhofe, 2. ed. Berlin 1879; 
Iliadis carmina seiuncta emendata ed. Christ, Lipsiae 1884; Die homerische Odyssee, Die 
homerische Ilias, in der ursprünglichen Sprachform hergestellt von Fick, Göttingen 1883 
u. 1886. — Schulausgaben mit erklärenden Anmerk. von Ameis-Hentze mit gelehrtem, unent- 
behrlichem Anhang; von Fäsi-Francke; von La-Roche; von Düntzer. — Einzelausgaben: 
Erklärende Anmerkungen zu Homers Odyssee, von Nitzsch, Hann. 1826, 3 vol.; Ilias 1. XX 
et XXI ed. Hoffmann, Clausthal 1864; Anmerkungen zu II. ABT von Nägelsbach, neu- 
bearbeitet von Autenrieth, Nürnberg 1864; Benicken, Der 12. u. 13. Gesang vom Zorn 
des Achilleus, Innsbruck 1884. 

Hilfsmittel lexikalische und sachliche: Index Hom^ericus studio Seberi, ed IL Oxon. 
1780 (verdiente eine Neubearbeitung). — Lexicon Homericum ed. Ebeling, Lips. 1885, 
3 vol. — Parallelhomer von C. Ed. Schmidt, Gott. 1885. — Friedreich (Mediziner), Die 
Realien in der Iliade und Odyssee, Erl. 1851. — Buchholz, Die homerischen Realien, 
Leipz 1871 — 85, 3 Bde. — Helbig, Das homerische Epos aus den Denkmälern erläutert, 
2. Aufl., Leipzig 1887. — Overbeck, Gallerie heroischer Bildwerke der alten Kunst, Braun- 
schw. 1853. — Brunn, Troische Miszellen in Sitzb. d. b. Ak. 1868 u. 1880. - Wörmann, 
Die antiken Odysseelandschaften vom Esquilin, München 1876. — R. Engelmann, Bilder- 
Atlas zum Homer, Leipz. 1889. — Völker, Hom. Geographie, Hann. 1830 (bedarf einer 
Neubearbeitung); Kophiniotes, 'Ofxrjqixrj yeioyQcicpia, Athen 1884. — Nägelsbach, Home- 
rische Theologie, 3. Aufl. von Autenrieth, Nürnberg 1884. — Zur Sprache Homers: 
Buttmann, Lexilogus, 4. Aufl., Berlin 1865, 2 Bände. — Hoffmann, Quaest. Hom., Claus- 
thal 1842. — Knös, De digammo ho7)ierico, Ups. 1872. — Classen, Beobachtungen über 
hom. Sprachgebrauch, Frankf. 1867. - Hartel, Hom. Studien, aus Sitzb. d. Wien. Ak. 
1871 — 4. — Menbad, De contractionis et synizeseos usu Homerico, Münch. 1886. — Monro, 
Grammar of tlie hom. dialect, Oxf. 1882. — Mehler, Der Dialekt d. hom. Gedichte, ^us 
dem holländischen Werke von Leeuwen u. Mendes da Costa. - Vogeinz, Grammatik des 
homerischen Dialektes, Paderborn 1889; W. Ribbeck, Hom. Formenlehre, 2. Aufl., Berlin 
1880; Hartel, Abriss der Grammatik des homerischen und herodotischen Dialekts, Wien- 
Prag 1887. 

3. Die homerischen Hymnen und Scherze. 

42. Unter Homers Namen ist ausser Ilias und Odyssee eine Samm- 
lung von Hymnen und scherzhaften Kleinigkeiten {Traiyvia) auf uns ge- 



^) Die Odyssee erschien 1781 in erster 
Gestalt, die Ilias folgte 1793. Vgl. M. Ber- 
NAYs, Einleitung zu Voss Homers Odyssee. 
Stuttg. 1881. Die erste deutsche Übersetzung 



der Odyssee lieferte im J. 1537 ein Mün- 
chener Beamte Schaidenreisser, worüber 
ReinhardstÖttner, Jahrb. f. Münch. Gesch. 
I, 511 ff. 



62 



Grriecliisclie Littteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



kommen. Der homerischen Hymnen sind es 34, darunter 5 grössere. 
Mit ihrem eigentlichen, noch von Thukydides III, 104 und Pindar Nem.II, 2 
gebrauchten Namen hiessen sie 7TQooi\ma, so genannt, weil sie bestimmt 
waren, dem Vortrage homerischer Heldengesänge {olfioi Od. ^481, x 347) 
voranzugehen.') Es schliesst demnach der 31. Hymnus auf Helios mit ex 
aäo d' aq'^cciievoc. xXfjda) fjfQoiioov yt'vog dvSQMv, und mehrere andere mit 
avTccQ syco xal asTo xal aXXrjg i^injaof^i' doiSrjg. Durchweg aber stehen sie 
mit Götterfesten in Verbindung und hängen mit der nachhomerischen Sitte 
zusammen, die Heldenlieder nicht mehr in den Männersälen der Königsburgen 
vorzutragen, sondern in den öffentlichen Versammlungen bei den Festen 
der Götter, =^) an welchen selbstverständlicher Weise der Gottheit, welcher 
das Fest galt, auch die erste Gesangesspende dargebracht wurde. ^) So 
waren die Hymnen auf Apollo bestimmt in Dolos und Delphi, der auf 
Demeter an den Panathenäen in Athen, der 9. bei dem Artemistempel in 
Klares bei Kolophon, der 6. und 10. beim Aphroditefest im kyprischen 
Salamis vorgetragen zu werden. Wie auf solche Weise die Hymnen an 
sehr verschiedenen Orten, wohin nur immer Homeriden den homerischen 
Gesang trugen, gesungen wurden, so. sind sie auch in sehr verschiedenen 
Zeiten entstanden. Während die älteren in das 7. Jahrh. hinaufreichen, 
ist der 19. auf Pan erst nach der Schlacht von Marathon entstanden,^) und 
weisen andere, wie insbesondere der auf Ares (8), in den Kreis der jüngeren 
Orphiker. ^) 

Der älteste und schönste der Hymnen ist der auf den delischen Apoll, 
der ehedem, in den Handschriften und Ausgaben, mit dem auf den pythi- 
schen Apoll zu einem Hymnus vereint war.*^) Aber beide Hymnen sind 
für verschiedene Kultstätten bestimmt und tragen ganz verschiedenen Cha- 
rakter. Der zweite stammt aus der hesiodischen Schule,^) der Dichter des 
ersten bezeichnet sich selbst (V. 172) als blinden Sänger von Chios, der 
Heimstätte des homerischen Gesangs. Den alten Homer nahmen ohne Be- 
denken Thukydides III, 104 und Aristophanes, Vögel 575, als Dichter des 



^) Dieses gilt jedoch nur von den klei- 
neren Hymnen ; die grossen scheinen selbst 
die Stelle von Rhapsodien eingenommen zu 
haben ; dann müssen jedoch die Schlussverse 
jener grösseren Hymnen (H, 367 — 8; HI, 
579-80; IV, 292-3; V, 495) als spätere 
Interpolationen gestrichen werden. Auffällig 
ist, dass wir in unserer Sammlung nur 1 
Proömium (23) auf Zeus haben, während nach 
Pind. N. 2, 1 die Homeriden in der Regel 
mit Zeus angehoben haben sollen. 

^) Auf dem Markte wird schon bei Ho- 
mer die junge Eindichtung von der Liebe 
des Ares und der Aphrodite, -5- 266 - 366, 
vorgetragen An die Gottheit wendet sich 
auch beim Anheben des Gesangs, ähnlich wie 
Homer selbst im Anfang der Ilias und Odyssee, 
Demodokos der Sänger in Od. i9- 499: dig 
cpa(h\ G J' 6QjU7]x^€lg x)^£ov rJQ/^To, (pmve cT' 

^) Flut, de mus. 6: r« yuQ nQog rovg 
S^eovg dcpoGiiüad^avoi i^eßuipoy svd^vg im rrjy 



'OfirjQov y.al rujy dXXü)u 7ioh]GLv. Vergleiche 
auch Pind. Ol. 3, wo von der kurzen Erwäh- 
nung der Tyndariden, denen das Fest galt, 
zum Preise des Siegers übergegangen ist. 

^) Der Hymnus ist nämlich für Attika 
bestimmt, dort aber wurde nach der Erzäh- 
lung des Herodot VI, 105 erst in den Perser- 
kriegen die Einführimg des Pankultus ver- 
anlasst. 

^) Baumeister in der Ausgabe schreibt 
geradezu den Vers 15, 8, der nach dem 
unechten Vers der Od. A 603 gedichtet ist, 
dem Onomakritos zu; aber dazu fehlen be- 
stimmte Zeugnisse. 

^) Die Scheidung wurde vorgenommen 
von RuHNKEN in ep. crit. ;Ath. 22'' ev roig 
€ig 'A-nöXliava vuvoig hatte noch in seinem 
Exemplar 2 Hymnen. Vergl. Lehrs, Pop. 
Aufs.-^ 423 ff. 

"') Auch das Haften des Digamma weist 
auf nichtionischen Ursprung. 



A. Epos. 3. Die homerischen Hymnen und Scherze. (§ 42.) 



63 



Hymnus an. Dagegen ward nach dem Scholion zu Pindar Nem. II, 1 be- 
reits von einigen Alexandrinern der Homeride Kynaithos, welcher die 
homerische Poesie in Syrakus eingeführt hatte, als Verfasser ausgegeben. ^) 
Diese Meinung gründete sich offenbar auf die Verse 14 — 18, in denen der 
Artemis in Ortygia gedacht ist ; aber diese sind unecht, wie G. Hermann 
erkannt hat, und der Rhapsode Kynaithos kann daher nur als Interpolator, 
nicht als Verfasser des Hymnus gelten.^) — Umfangreich und alt ist, von 
dem jüngeren Schluss 507 — 580 abgesehen, auch der Hymnus auf Hermes, 
in dem die Geburt und die ergötzlichen Schelmereien des Gottes hübsch in 
der Art der ionischen Sänger erzählt sind, jedoch so, dass die physikalische 
Natur des Hermes als Regengott noch durchleuchtet.^) — Der Dichter des 
Hymnus auf Aphrodite hing ganz von Homer ab, aus dem er eine Masse 
von Versen, Halbversen und Wendungen genommen hat,*) verstand es aber 
im übrigen das Liebesabenteuer der Göttin mit Anchises recht anmutig zu 
erzählen. — Der grosse Hymnus auf Demeter ward erst im vorigen Jahrh. 
aus einer Moskauer Handschrift ans Licht gezogen. Derselbe hat offenbar 
auf die Einführung der eleusinischen Mysterien Bezug und ist, wie Voss 
in seiner trefflichen Ausgabe (1826) aus sprachlichen Indicien nachwies, in 
Attika um Ol. 30 entstanden.^) — Wahrscheinlich stammt aus Attika auch 
der 7. Hymnus auf Dionysos,^) in dem das bekanntlich auch am cho- 
ragischen Denkmal des Lysikrates dargestellte Abenteuer des von tyrseni- 
schen Seeräubern gefangen genommenen Gottes und die Verwandlung der 
Seeräuber in Delphine hübsch und anschaulich erzählt ist.'^) Wann und 
von wem die Sammlung unserer Hymnen veranstaltet wurde, wissen wir 
nicht. Der Redaktor ging offenbar von den grossen Hymnen aus und Hess 
denselben die kleineren nachfolgen; aber auffällig ist, dass Hymnen auf 
dieselbe Gottheit auseinander gerissen sind, ohne dass immer der später 
gestellte kleiner sei oder jüngeren Ursprung verrate,^) etwas was zur Ver- 



1) Für die Stellung des Aristarch zur Frage 
ist beachtenswert, worauf mich mein Freund 
Römer aufmerksam machte, dass in den 
Scholien kein einziger Vers der sogenannten 
homerischen Hymnen als homerisch an- 
geführt ist. 

2) Über Kynaithos siehe oben § 32. 
FiCK, Hom. Odyssee S. 280 widmet dem 
Hymnus eine eingehende Besprechung, indem, 
er die fraglichen Verse aus einem doppelten 
Schluss des Hymnus herleitet. Sittl. Phil. 
Anz. 1887 S. 346 will aus Strabon p. 23, wo 
für die Erwähnung von Ortygia als ältester 
Gewährsmann Hesiod angeführt ist, schliessen, 
dass derselbe unsere Verse 14 — 18 noch 
nicht kannte. 

^) Auch der Hymnus auf Hermes wird 
dem Homer von einem der ältesten Gram- 
matiker, von Antigenes Caryst. Parad. c. 7 
beigelegt. In der That aber stammt der 
Hymnus aus der Zeit nach Terpander, da 
in V. 51 die siebensaitige Kithara erwähnt ist. 

^) Dieses Verhältnis anschaulich ge- 
macht in der x\usgabe von Stekrett, Bosto- 
niae 1881. Thiele, Froleg. ad hymn. in 



Vener em Homericum, Halle 1872. 

^) Voss pflichtet bei K. Franke, De 
hymni in Cererem Homerici compositione, 
Kiel 1881: vt posse Carmen compositum esse 
post Hesiodum, ita non jiosse post Solonem. 

^) Beziehungen zu Attika und zu den 
religiösen Bräuchen und Agonen von Brauron 
vermutete schon Welcker, Ep. Cycl. I, 391. 
Gegen Ludwich, der den Hymnus gar in 
die Zeit der Orphiker herabrücken wollte, 
wendet sich Crusius, Philol. N. F. H, 193 ff. 
Ein Zeugnis über den alten Ursprung des 
Hjaunus enthält nach wahrscheinlicher Er- 
gänzung Philodemos 7rf()t svasßslug 4:8: <Ji6- 
vvaop d's 'O^rjQog iv zoTg vfxpoi.g v7t6> XyjOKop 
{'<X<(opai> yqücpsi, xai n<LP&a>Qog tff ^Uq^STcci 
716qI Trjg T.rjGTELag. 

"') Eine bildliche, eng an unseren Hym- 
nus sich anschliessende Darstellung bei 
Philostr. Imag. I, 19. Auf eine altattische 
Amphora mit Dionysos und Satyrgefolg iu 
einem Zweiruderer macht aufmerksam Maass, 
Ind. Gryph. 1889 p. 9. 

^) Jünger sind wohl 2. 3. 10 gegenüber 1. 
6. 18, kaum aber 28 u. 29 gegenüber 24 u. 11. 



64 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



mutung führt, dass unsere Sammlung erst allmählich durch Vereinigung 

mehrerer älterer Sammlungen entstanden ist. 

ÜberUeferung: Im Certamen Hesiodi ist vom Hymnus auf den deliscben Apoll er- 
zählt, dass ihn die Delier auf einer Tafel im Tempel der Artemis aufbewahrten, wie die 
Rhodier das Siegeslied Pindars auf Diagoras. Unsere Überlieferung geht auf 2 Quellen 
zurück, von denen die eine durch den Mosquensis s. XIV repräsentiert wird (ein Facsimile 
in Bücheler's Ausgabe des Hymn. Cer., Lips. 1869), die andere auf einen von Aurispa 
1423 in Konstantinopel gefundenen Codex zurückgeht, von dem selbst nur Abschriften von 
Abschriften auf uns gekommen sind. — Ausgaben: Homeri hymn. et epigr. ed. G. Hermann, 
Lips. 1806; Hymn. Homer, rec. Baumeister, mit kritischem und erklärendem Kommentar, 
Lips. 1860; Die homer. Hymn. herausgeg. von Gemoll, Leipz. 1886; Homeri hymn. epigr. 
Batrachom. ed. Abel in Bibl. Schenk. 1886. — Eberhard . Die Sprache der hom. Hymnen 
verglichen mit derjenigen der Ilias und Odyssee, Husum Progr. 1873 und 1874. — Gutt- 
MANN, De hymn. Homer, historia eritica, Greifsw. Diss. 1869. 

43. In der fälschlich den Namen des Herodot tragenden Vita des 
Homer sind uns noch ein paar poetische Kleinigkeiten überliefert, die hinter 
den Hymnen als ^ETiiyQäjLif^iaTa ^Ofxr^qov den älteren Ausgaben der Odyssee 
angehängt sind; darunter ein Abschiedsgedicht an die undankbare Vater- 
stadt Smyrna, eine Bitte an die Kymäer um freundliche Aufnahme, ein 
Gebet an Poseidon um günstige Fahrt von Chios zum Fusse des Wald- 
gebirges Mimas, eine Anrede an die reiche Stadt der Erythräer, ein Epi- 
gramm für die eherne Jungfrau auf dem Grabe des phrygischen Königs 
Midas (gest. Ol. 21), ein anmutiges Bettlerlied [elgsamwl) i) für samische 
Singknaben, welche am Feste des Apoll von Haus zu Haus zogen um 
Gaben einzusammeln, ein scherzhaftes Bittgedicht für das Geraten des 
Töpferbrandes, das bekannte Rätsel oaa' sloinsv XiTc6pi8ad^\ oaa 6'ovx ^^^o^isv 
(fSQoiisad^a^ welches heimkehrende Fischer, die keine Fische gefangen, aber von 
Läusen sich bestmöglich gereinigt hatten, dem Homer aufgaben. Dass von 
diesen Spielereien, die zum Teil gute volkstümliche Poesie, meistens aber elen- 
des Machwerk sind,''^) nichts auf Homer zurückgeht, ist selbstverständlich. Be- 
achtenswert ist, dass das Epigramm auf Midas, welches die Biographen dem 
Homer beilegen, bei Piaton noch anonym geht.^) 

44. Auch Spottgedichte wurden dem Homer beigelegt. Das berühm- 
teste und älteste war der Margites, so benannt nach dem Held des Stückes, 
einem linkischen Tölpel, der trefflich durch den Vers gezeichnet wird noXX' 
rini(i%aTo 8Qya, xaxwg SWjm'aTaTo ttccvtcc. Das Gedicht spielte nach dem er- 
haltenen Eingang in Kolophon und gab Anlass den Homer selbst zu einem 
Kolophonier zu machen. Denn dem Homer schrieb dasselbe schon Archi- 
lochos^) zu, und an dieser Überlieferung hielten ohne Bedenken Piaton und 
Aristoteles fest. Der letztere stellt dasselbe sogar neben Ilias und Odyssee, 
indem er von ihm die Komödie, wie von jenen die Tragödie ableitet.^) 
Erst später kamen Zweifel ; man half sich aber mit Ausflüchten, indem man 



^) Benannt von dem mit Wolle umwun- 
denen Ölzweig, den die unter den Schutz 
des Gottes sich stellenden Knaben trugen. 

''^) Das meiste ist von dem Fälscher, der 
in der Vita die Maske des Herodot annahm, 
selbst gedichtet. Sonderbarer Weise will 
Bergk, Gr. Litt. I, 77 auch in diesen Knittel- 
versen Reste echter Poesie finden. 

^) Plato Phaedr. p. 264 d: EmyQufxfxaTog, 
o Mlda TüJ ^Qvyi cpuoi riveg €TityeyQ('iCp&ai. 
Diog. I, 89 führt Verse des Simonides dafür 



an, dass das Epigramm nicht von Homer, 
sondern von Kleobulos aus Lindos herrühre. 

'') Nach Eustratios zu Arist. Eth. Nie. 
VI, 7. 

^) Arist. Poet. 4: 6 yaQ MaQyLT}]g dvd- 
Xoyop s/st (xjansQ 'Ihdg xca ij ^Odvaasici TiQog 
rag rgaycodlag, ovro) xccl ovtog ngog rag xcofuco- 
öiag. Für die Komödie passten allerdings 
viele Stellen des Gedichtes, wie wenn Mar- 
gites heiraten soll und nicht weiss, wie er 
es anfangen soll. 



A..Epos. S. Die homerischen Hymnen und Scherze. (§43—45.) 65 

den Margites, wie die Odyssee, von Homer im gereiften Alter gedichtet sein 
Hess. 1) Nur der Gewährsmann des Suidas macht den Karer Pigres aus Hali- 
karnass, den Bruder der Artemisia, zum Verfasser. Das ist aber wahr- 
scheinlich so zu deuten, dass Pigres nur die iambischen Epoden einlegte, 
wie er sich in ähnlicher Weise den Spass machte, den Homer durch ein- 
gelegte Pentameter zu interpolieren. 2) So lautete bei ihm der Eingang 
der Ilias: 

Mrjviv asids d^sd Ui^lrjidSsco 'AxiXrjoq 

Movaa • av yccQ Trdaijg nslqav exsig <TO(pCrjg' 
und der des Margites: 

^Hkx^s Tig ig Kokocpoova yaQcov xal d^stog doiSögy 
Movadcov ^sqdTtcov xal ixrjßöXov 'dTTÖXXcovog, 
(fi^j]g €/wr €v x^Qölv svcp^oyyov Xvqi]v. 
Ein anderes durch die Metopen von Selinunt berühmt gewordenes Ge- 
dicht waren die KägxcoTisg, worin die Schelmereien der bübischen Brüder 
und ihre Bezwingung durch Herakles im Anschluss an das dem Homer 
zugeschriebene Epos Ol^aXiag dXwaig erzählt waren. ^) 

45. Erhalten hat sich das scherzhafte Gedicht BazQaxofivofiaxicc, 
Froschmäuslerkrieg, wie wir im Deutschen nach der Übersetzung von Stol- 
berg sagen. Sie ist eine Parodie, angelehnt an die Tierfabel, mit heiterem 
Scherz ohne bissige Seitenhiebe, wenn auch ohne jenes feine Verständnis 
des Tierlebens, das uns in unserem Reineke Fuchs entzückt. Die Maus 
Psicharpax wird von dem Froschkönig Physignathos, dem Sohne des Peleus, 
eingeladen, sich von ihm auf dem Rücken zu seinem gastlichen Hause tra- 
gen zu lassen. Anfangs geht die Fahrt ganz gut von statten ; da lässt 
sich plötzlich eine Wasserschlange blicken; darob grosser Schrecken bei 
den beiden; der Frosch taucht unter, die Maus ertrinkt. Infolge dessen 
grimmer Krieg zwischen den Mäusen und Fröschen, dem schliesslich der 
Kronide Zeus ein Ende macht, indem er mit dem Blitzstrahl dreinfahrend 
die Streitenden von einander trennt, und als auch dieses noch nicht fruchten 
will, das Heer der Krebse mit ihren Scheren über die Mäuse schickt. Er- 
götzlich sind die Namen gebildet, der Lecker, der Brotnager, der Käse- 
fresser, der Lochschlüpfer unter den Mäusen, der Lautschreier, der Wasser- 
freund, der Kotwater unter den Fröschen. In witziger Parodie ist auch 
die Rüstung der beiden Heere geschildert, und wenn gleich die Kämpfe 
nach Art der K6?.og ^d%r^ der Ilias rasch und ohne viele Episoden verlau- 
fen, so begreift man doch, dass das Gedicht viele Leser und im Altertum 
wie im Mittelalter viele Nachahmer fand. Vom alten Homer rührt aber 
diese Parodie sicher nicht her, vielmehr ist sie das Werk des Pigres aus 
Halikarnass, eines Bruders der karischen Königin Artemisia, dem sie Sui- 
das und Plutarch de Herodoü malign. 43 zuschreiben, und auf den, wie wir 



^) Dio Chrys. or. 53 p. 275 R. 

2) Welcher, Kl. Sehr. IV, 27 ff.; Hiller, 
Jahrb. f. Phil. 135 (1887), 13 fF. verwirft den 
Zusatz der iambischen Trimeter durch Pigres 
und bezweifelt überhaupt die Echtheit des 
Proömiums. Von anderen metrischen Inter- 
polationen des Homer durch Idaios und 

Haudbuch der klass. Altertuuiswisseuscliaft. VII, 2. Aufl. 



Timolaos berichtet Suidas. 

2) Vgl. Lobeck, Aglaoph. 1296 ff. Ausser- 
dem nennen Suidas und Proklos noch die 
Scherze 'EnzsTiaxiioi^ (fort. 'Emixtiop), \4Qax- 
pof^a/ia, TsQapofia/ia, Kegafilg, von denen 
die KsQccfiig mit dem schon erwähnten Töpfer- 
lied identisch zu sein scheint. 



66 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



oben § 44 sahen, auch andere Spielereien der Art zurückgeführt wurden. 
Auf die Zeit der Perserkriege passt auch gut die Bezugnahme auf den 
Schriftgebrauch (sv ösXtoiq Y. 3) und die Erwähnung des Hahns (V. 193), 
der erst zur Zeit des Theognis von Persien nach Griechenland kam.i) 

Beste ÜberHeferung in Cod. Laur. 32. 3, s. XL — Ausgabe mit den Hymnen von 
Ilgen, Hai. 1796; von Abel in Bibl. Schenk. — Kritische Bearbeitung von Baumeister, 
Gott. 1852; besser von Brandt, Corpusculwn poesis epicae gr. ludihundae, fasc. I Bib]. 
Teubn. 1888. 



4. Der epische Kyklos. 

46. Auch die Werke des epischen Kyklos wurden in alter Zeit dem 
Homer zugeschrieben ; 2) später, seit der Zeit der Perserkriege, setzte sie 
eine bessere Einsicht geradezu in Gegensatz zu den Schöpfungen Homers 
und nannte als Verfasser der einzelnen Gedichte andere, freilich vielfach 
zweifelhafte Namen. Ilias und Odyssee waren eben die beiden mächtigsten 
Aste an dem kräftigen Baum der epischen Poesie, der daneben noch viele 
kleinere Zweige trieb, die alle als Schösslinge desselben Stammes angesehen 
wurden. Der Name inixog xvxXog für die ganze Sammlung lässt sich erst 
aus der Zeit nach Christi Geburt nachweisen, 2) reicht aber wahrscheinlich 
in viel frühere Zeit zurück. Kallimachos gebrauchte den Ausdruck xvxXi- 
xov noCijfia, aber noch nicht in einem Sinne, der die Vereinigung der epi- 
schen Gedichte zu einem Corpus notwendig voraussetzte. '^) Denn wenn der- 
selbe sich unter einem xvxlixov TTOirjßa ein triviales Gedicht vorstellte, und 
wenn danach Horaz a. p. 136 „nee sie incijnes ut seriptor eyelieus olim'^ mit 
dem Namen eyelkus seriptor den Nebenbegriff des Geringschätzigen ver- 
bindet, so ist dabei von der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes iyxvxXiog 



^) Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere 
S. 282 ff. Herwerden, Mnem. X, 163 nimmt 
einen Fälscher aus Alexanders Zeit als Ver- 
fasser an. 

'-*) Procl. ehrest. 233 W.: oi fieptoc y 
uQ/tiXoi xal Tov y.vxlov dvacpigovoiv sig 
"O^rjQov, ebenso Philoponos ad Arist. An. post. 
I, 9 und ähnlich Suidas u. "O^urjQog und Ps. 
Herodot vit, Hom. 9. Speziell erzählte Pin- 
dar nach Älian V. H. IX, 15, dass Homer 
die Kypria seiner Tochter als Mitgift gegeben 
habe (die Stelle Isth. Hl, 55 braucht nicht 
auf die Aithiopis oder kleine Ilias bezogen 
zu werden). Ausserdem legte Kallinos nach 
Paus. IX, 9. 5 dem Homer die Thebais bei, 
und bezeugt Herodot II, 117 u. IV, 32 (V. 
67 beweist nichts), dass einige für die Ky- 
pria und Epigonoi Homer als Verfasser aus- 
gaben. Auch Aischylos muss in dem be- 
kannten Ausspruch, dass seine Dramen ts- 
fjidxv ^'^'t-TJyoiu 'OfxrjQov seien, den Homer als 
Dichter des ganzen Kyklos angesehen haben. 
In Ps. Demosth. epitaph. 29 wird Homer als 
Dichter der Kyprien und der kleinen Ilias 
gedacht, und von Antigonos Caryst. Parad. 
25 wird ein Vers des Homer zitiert, der 
nicht in Ilias und Odyssee steht. Die Be- 
weisstellen werden von R. Volkmann, Über 
Homer als Dichter des epischen Kyklos (Jauer 



1884) und Hiller, Homer als KoHektivname 
(Rh. M. 42, 321-361) sorgfältig geprüft 
und gegen die Annahme, dass Homer ehe- 
dem allgemein als Dichter des epischen Ky- 
klos gegolten habe, gedeutet. Im übrigen ist 
das Verhältnis ähnlich wie bei den orphi- 
sclien Gedichten, die von dem Volk alle dem 
Orpheus beigelegt, von den Einsichtsvolleren 
auf bestimmte Persönlichkeiten zurückgeführt 
wurden. Auch das Corpus der Schriften des 
Hippokrates bietet Analogien. 

^) Philostr. ep. 73: tmv stiotiokop xv- 
xXog, und Proklos a. 0. 

') Kallimachos in Anth. XII, 43: 
i/x9alQ(o t6 Tiolfjfxa ro xvxXixop ov&s xeXsvd^iü 

/a'iQO), rj no'klovg iv&s xal (jüds cpsQst. 
Vgl. Merkel, Apoll. Argon, prol. 1. 1 c, 2. 
Ähnlich ist von der Schule des Aristarch 
xvxhxüjg „trivial" in den Scholien zu II. 
Z325, 1222, Od. tf 248, // 115 gebraucht. 
Direkt an den Vers des Kallimachos schliesst 
sich an Pollianos (aus Hadrians Zeit) in Anth. 
XI, 130: 

rovg xvxklovg rovzovg rovg ccvtccq eneircc 

Xsyovrag 

/uiacü Xomodvrag dXkoiQicjy insioy. 
Ähnlich sagt Statins Silv. II, 7, 51: trita 
,vatibus orhita sequantur. 



A. Epos. 4. Ber epische Kyklos. {§ 46.) 



67 



„dem allgemeinen Kreis der Bildung angehörig" ausgegangen. i) Im spe- 
ziellen Sinne finden wir das Wort xixkog zuerst von dem Kreis der 
in den alten epischen Gedichten niedergelegten Mythen und nachher 
erst von jenen Gedichten selbst gebraucht. Wenigstens wurde noch ehe 
wir den Ausdruck iuixog xvxXog in dem besagten Sinne nachweisen können, 
der Name xvxXoygdcfog von denjenigen Grammatikern gebraucht, welche 
solche Mythensammlungen zum Zwecke des Unterrichtes ^) veranstalteten. 
Der berühmteste unter diesen war der Kyklograph Dionysios, welcher 
um 100 V. Chr. einen xvxXog i(ST0Qix6g in 7. B. herstellte, der die Mythen 
oder alten Geschichten in geordneter Folge umfasste und in welchem bei 
jedem einzelnen Mythus auf die Stellen und Verse der alten Dichter und 
Mythologen verwiesen war.^) In diesem Mythenkyklos hatten auch, wie 
im epischen Kyklos des Proklos, die Erzählungen des Homer ihre Stelle, 
wie denn Athen, p. 481 e aus dem 6. Buch desselben das Kyklopenaben- 
teuer anführt.^) Aber auch jüngere, von den älteren ionischen Epikern 
nicht behandelte Mythen, wie von den Argonauten, von Herakles, von 
Dionysos, hatten in demselben Aufnahme gefunden. Derartiger Kykloi gab 
es gewiss mehrere; der des Dionysios war nur der gelehrteste und um- 
fangreichste. Ein anderer war der des Lysimachos, ein dritter der des 
Theodoros, welch' letzterer den Bildiern der bei Bovillae aufgefundenen, 
nachher ins kapitolinische Museum verbrachten Tabula Iliaca zu gründe 
lag.^) Vermutlich aber waren doch die Kykloi der Mythen aus denen der Ge- 
dichte hervorgegangen, und bestand schon vor dem Kyklographen Diony- 
sios eine Sammlung epischer Gedichte («Trr^), die ehedem zum Repertoir der 
Homeriden und ionischen Rhapsoden gehörten.^) 



^) Arist. Eth. Nie. I, 3: Ixapwg yaQ y.cd 
ev xoig iyxvxXtoig eXQrjTui tisqI rovroop, wo- 
mit Aristoteles auf die populäre Darstellung 
der Sache in seinen Dialogen hinweist. Arist. 
de caelo I, 9 p. 279 a 30: xccx^cinsQ ip roTg 
iyxvxUoig cpiloaocf^fiaai ttsqI td ^£t« ttoA- 
Xdxig TiQocpcäpsrca, wozu Simplicius: iyxvxXia 
cFf xaXsi cpiXoaocpijfXKTa rd xccrd Trjr rd^iv 
i^ uQ/yg roTg 7To)J.oig nQOTi^Ef^svci, dnsQ xal 
iiiüTEQixd xciXety s'iio^ey. Hängt wirklich 
rait dieser Bedeutung von iyxvxhcc der Name 
inixog xvxkog oder xvxXog laroQtxog zusammen, 
so wären die bekannten Mythen der älteren 
Dichter den ausgesuchteren der alexandri- 
nischen Elegiker entgegengestellt. Verkehrt 
ist die Deutung in den Scholien zu Clem. 
Alex, protr. II, 30: xvxhxol de xccXovyrai 
noirjrai oi rd xvxXm rrjg ^Ihd^og ij rd TJQWTa 
rj xd fxsrayspeGTSQcc e| avxwv xtop 'Ofxrjqixiüv 
ovyygdxpavxsg. 

''j Mit dem Schulzwecke hängt es zu- 
sammen, dass man nun auch, wie in der 
Tabula Iliaca, Illustrationen zu den Mythen 
gab, wiewohl diese selbst wegen ihrer Klein- 
heit sich wenig zur Schultafel eignete. 

^) Diodor III, QQ: Jioi'valco xco avi^xa- 
^afj,EVio X(cg naXcadg fxv&OTioiLag' ovxog ydq 
xd xe tieqI xov Aiovvgov xcd xdg 'Afxci^ovag, 
tu de xovg 'jQyovuvxccg xcd xd xctxd xöv 



^Ihccxoy noXsjuoy ngccxS^e^xci xcd noXX^ exsQcc 
avvxExaxxai, naQaxi^elg xd noi^fuccxcc xwv 
ctQ^aLvov X(Sy xe fxvS^oXöywy xal xcoy tiolt]- 
xüjv. Vgl. Ed. Schwaktz, De Dionysio Scy- 
thohrachione, Bonn 1880. Suidas schreibt 
den KvxXog laxogixcg in 7 B. dem Dionysios 
aus Milet zu; das muss ein Irrtum sein, da 
dieser unter Darius lebte, dessen Geschichte 
er schrieb. Ath. 477 d u. 481 e nennt den 
Dionysios, dessen 6. Buch über den Kyklos 
er citiert, Samier. Welcker, Ep. Cycl. I, 
76 entschied sich für den Mytileneer. 

^) Ausdrücklich ist eine kyklische Aus- 
gabe des Homer erwähnt in Schol. zu Od. 
71 195 u. () 25. Spuren derselben im Schlüsse 
der Ilias wies 0. Müller, Gr. Litt. I* 106 
nach; ebenso sollte, wie Heitz S. 113 An. 2 
gut bemerkt, das aus Aristoxenos im Anecd. 
rom. erwähnte, von unserem Text abweichende 
Proömium die Ilias mit den Kyprien ver- 
knüpfen. 

'") Die Tafel trägt die Inschrift w cplkE 
naT 0so&](6Qt]ot/ /ndi^e xd^iv O^rjQov ocpqa 
daelg ndffrjg fxexQoy E/fig oocpiag. Über die 
SEodioQEiog cuQEGig s. Strab. 625. 

^) Ausgemacht indes ist es nicht, dass 
schon Zenodot, der Ordner des epischen 
Teiles der alexandrinischen Bibliothek, jene 
enr} der Homeriden zusammengestellt hat. 



68 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



47. Die Gedichte des epischen Kyklos sind bis auf wenige Bruch- 
stücke verloren gegangen : aber über ihren Inhalt sind wir noch ziemlich 
genau durch die erhaltenen Exzerpte aus der grammatischen Chrestomathie 
des Proklos unterrichtet.') Im Eingang dieser durch den Patriarchen 
Photios, Bibl. cod. 239 uns erhaltenen Schrift heisst es : .der sogenannte epische 
Kyklos beginnt mit der Heirat des Uranos und der Ge, aus der die Dichter 
ihm die 3 Hunderthänder und die 3 Kyklopen geboren sein lassen; als- 
dann geht er alles durch, was sonst Fabelhaftes die Hellenen von ihren 
Göttern erzählen und was in alter Zeit sich ereignet hat, bis zur Landung 
des Odysseus in Ithaka." Es ging also in dem epischen Kyklos eine Göt- 
tergeschichte voraus und folgten dann die nach alter Tradition dem Homer 
zugeschriebenen Epen der Heroensage, vornehmlich die des trojanischen Sagen- 
kreises. Von letzteren sind Inhaltsangaben in den Iliasscholien -) auf uns 
gekommen, die durch bildliche Darstellungen insbesondere auf der Tah. 
Iliaca und Borgina, sowie durch die entsprechenden Mythen der LjTiker 
und Tragiker illustriert und bereichert werden. 

Die einzelnen Gedichte des epischen Kyklos waren folgende: 08oyo- 
ria,^) TiTCiionayia, Ol6in:o6eiu. Orßäi'g. 'Erciyoroi, Kvrroia, lÄidg, Ai^i- 
onic, 'I'/Aug üixoä. Imov rre'oaig, Xöarot. 'Odiaaeia, Tr/.eydieia. Wir be- 
sprechen von ihnen zuerst die auf den troischen Sagenkreis bezüglichen, 
da sich diese am meisten an Ilias und Odyssee anschliessen und auch der 
Zeit nach jenen Dichtungen am nächsten stehen. Auch ihnen war so gut 
wie der Ilias die Ausbildung der Sage durch Einzellieder vorausgegangen, 
da bereits die Blas Achills Fall (X 359), die Fahrt des Paris [Z 290), die 
Versammlung der Schiffe in Aulis [B 303) u. a. an Stellen erwähnt, welche 
den Verdacht nachträglicher Interpolation ausschliessen. 

48. Die Kvrroia (sc enr) in 11 B, umfassten die der Ilias voraus- 
gehenden Ereignisse. Sie begannen unter offenbarer Anspielung an das 
Proömium der Ilias^j mit dem Entschlüsse des Zeus, die übervölkerte Erde 
durch Erreo-unsr des ilischen Krieofes zu erleichtern. Sie erzählten dann 
das Parisurteil, den Raub der Helena, die Versammlung der Heerführer 
in Aulis, den ersten irrtümlichen Feldzug nach Teuthrania, dem Reiche 
des Telephos,^) die Zerstreuung der absegelnden Schiffe durch einen Sturm. 
Hiemit endete der erste, 6 Gesänge umfassende Teil des Gedichtes,*^) der 



^) Welcher, Ep. Cyd. T. 3 ff. unter- 
scheidet entgegen der Überlieferung der 
Alten diesen Grammatiker Proklos von dem 
Neuplatoniker Proklos und Aveist ihn den: 
2. Jahrb. n. Chr. zu. In der Tbat weicht 
die präzise Sprache unserer Chrestomathie 
stark von der breiten, verwaschenen Dik- 
tion des Philosophen ab. 

"-) Im Ven. 454 (A); die Inhaltsangabe 
der Kyprien fehlt in demselben (s. Wissowa. 
Herm. 19, 198 ff.) und ist uns in einem 
Codex des Eskiirial erhalten, in den sie zur 
Zeit, als das fehlende Blatt in A noch vor- 
handen war. gekommen ist. Leider ist die 
Yerlässigkeit der Exzerpte durch Interpola- 
tionen aus Homer und anderen Dichtern ge- 
stört, wie z. B, aus Herodot II, 117 fest- 



steht, dass der Satz ysiuojva . . . nöhy, 
p. 235. 21 — 3 nicht aus den Kj-prien gezogen 
sein kann. 

^) Ath. 277 d nennt als Verfasser der 
kyklischen Theogonie den Eumelos oder 
Arktinos, wahrscheinlich den einen so wenig 
mit Recht wie den andern. 

"') Dabei ward von dem jüngeren Dichter 
der Halbvers Ji6g d'eTS/.SLsro ßovhj falsch 
verstanden oder doch falsch gewendet. 

'") Auch dieser Erzählung lag, wie bereits 
Aristarch erkannte, ein Missverständnis des 
Verses -J 59 yvvuuus na).ip rT)M)'/S-ti^Tcig (statt 
rra/.iunX.) 6i(o c'ixp dnoi'oan'jastv zu gründe. 

^) Die einzelnen Gesänge lassen sich, 
zum Teil nach sprachlichen Anzeichen, noch 
sicher abteilen. 



A. Epos. 4. Der epische Kyklos. (§ 47-49.) 60 

ehedem ein Ganzes für sich gebildet zu haben scheint.^) Daran schloss 
sich eine Fortsetzung in 5 Gesängen, welche die zweite Unternehmung 
gegen Ilios, die Zurücklassung des von einer Schlange gebissenen Philoktet 
in Lemnos,2) die Landung der Achäer und die ersten Kämpfe vor Troja 
enthielt. Mit einem Katalog der Bundesgenossen der Troer schloss das 
Gedicht. Die Kyprien setzten also die Bekanntschaft mit der ganzen Ilias, 
einschliesslich des Schiff kataloges*^) voraus. Das Werk ward nach Herodot 
II, 117 von einigen dem Homer beigelegt, aber derselbe Herodot erkannte 
richtig aus sachlichen Gründen die Verschiedenheit der Verfasser der Ilias 
und der Kypria.'^) Andere schrieben das Gedicht teils dem Stasinos aus 
Kypern, teils dem Hegesias oder Hegesinos aus Salamis oder Halikar- 
nass zu. Soviel scheint schon aus dem Namen Kimqia und dem erotischen 
Charakter der Mythen hervorzugehen, dass das Gedicht auf Kypern entstan- 
den ist und dort an dem Feste der kyprischen Göttin zum Vortrag kam. 
49. Ai^ 10 TV ig in 5 B. von Arktinos aus Milet, wohl das älteste 
kyklische Epos, hat von dem Äthiopier Memnon seinen Namen. Dasselbe 
begann mit 

'S2g oT Y ccfxcfisTtov rdcpov "ExtOQoq^ rjX^s 6' 'Jfxa^Mv, 
schloss sich also ganz eng an den letzten Gesang der Ilias an. Die 5 Bü- 
cher hatten noch durchweg den Charakter geschlossener Einzellieder, die 
nach der Inhaltsangabe des Proklos sich noch mit Sicherheit rekonstruieren 
lassen. Der 1. Gesang enthielt die Ruhmesthaten der Amazone Penthesi- 
leia und ihren Fall durch Achill; er endete mit der Bestattung der Toten 
und erhielt ein Nachspiel im 2. Gesang, worin Achill, von Thersites ob 
der Liebe zur gefallenen Heldin beschimpft, den Lästerer tötet und dann 
nach Lesbos segelt, um sich von der Blutschuld entsühnen zu lassen. Im 
3. Gesang trat Memnon, der Sohn der Eos, als Bundesgenosse der Troer 
auf die Bühne und tötete bei erneutem Zusammenstoss der Heere den An- 
tilochos, den jugendlichen Freund des Achill. Der 4. Gesang Hess dann 
den Achill in ungestümem Zorn auf die Feinde eindringen, den Memnon 
erschlagen und die Troer zu Paaren treiben; er endete mit dem Tod des 
Achill, der, als er schon in die Stadt eindrang, vom Pfeile des Paris ge- 
troffen, nur mit Mühe von Aias und Odysseus ins Lager zurückgebracht 
wurde. Den Schluss des Ganzen bildete die Bestattung des Achill mit den 
der Ilias nachgebildeten Leichenspielen und der Streit des Aias und Odysseus 
um die Waffen des Helden. Als Verfasser des spannenden, durch ritter- 
liche Romantik ausgezeichneten Epos galt Arktinos, Sohn des Teles, aus 

) Bei selbständiger Stellung des ersten I Fehlen des Asteropaios in jenem Verzeichnis 

spricht; s. Müller, Gr. Litt. P, 91, Leider 
lassen uns über diesen Punkt die Schollen 
im Stich. 

^) Die Kyprien liessen nämlich den 
Paris nicht nach Sidon kommen, sondern in 
3 Tagen nach Troja zurücksegeln; bei Pro- 
klos steht allerdings /sijUMpa cTe avroTg 
ifpirjaiv Uga, xal TiQoasvs/xhslg ^YcTwm 6 'Ali- 
^avSqoq cciQsT rrjv nöXiv, aber diese Stelle 



Teils erklärt sich leichter der grosse Zwi- 
schenraum zwischen dem ersten und zweiten 
Feldzug, der notwendig ist, um den Neop- 
tolemos heranwachsen zu lassen und die 20 
Jahre in II. i2 765 zu gewinnen. 

'^) Auffällig ist die Angabe des Aristo- 
nikos zu II. B 722: oti eV Arifxvu) sfxeye 
y.aTalelsi[Ä^8vog 6 4>(XoxTiJTf]g, ol (fe rsiotSQOi 
(?) ip vrjai^ito SQrjfuio. 

^) Aus den Kyprien ist wahrscheinlich ; ist zweifellos interpoliert. Bei dem Gramma- 
der Anhang zum Schiff katalog der Ilias \ tiker Glaukos in Schol, I]ur. Hec. 41 läuft 
B 816 876 ausgezogen, wofür auch das | das Gedicht anonym. 



70 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Milet, ^) der von Eusebios, wir wissen nicht mit welcher Berechtigung, in 
die 1., von Suidas in die 9. Olympiade gesetzt wird, 2) und sicher noch 
im 8. Jahrh. gelebt hat. Der hochpoetische Stoff hat in unserer Zeit Goethe 
angezogen, um als letzter der Homeriden das leider unvollendete Epos 
Achilleis zu dichten. 

50. ^iXiov nsQdig in 2 B. von dem gleichen Arktinos, stand im 
epischen Kyklos erst hinter der kleinen Ilias. Im 1. Gesang behandelte 
das Gedicht die Vorbereitungen zur Eroberung Trojas, die List des höl- 
zernen Pferdes mit den aus Vergil bekannten Geschichten von Laokoon und 
Sinon. Der 2. Gesang enthielt das düstere Gemälde von der Einnahme der 
Stadt mit all' ihren Greueln und schloss effektvoll mit der drohenden Ge- 
stalt der zürnenden Göttin Athene.^) Wahrscheinlich ging den von Proklos 
exzerpierten 2 Büchern noch ein anderes Buch, wenn nicht mehrere Bücher, 
voraus, worin die Zimmerung des hölzernen Pferdes, der verstellte Abzug 
der Achäer, die Abholung des Neoptolemos und die Entwendung des Pal- 
ladiums geschildert war. 4) Robert, Phil. Unt. V 223, nimmt geradezu an, 
dass die Iliupersis mit der Aithiopis ursprünglich ein einziges zusammen- 
hängendes Epos gebildet habe.^) 

51. 7At«g {.iixQa in 4 B. war die inhaltreichste der troischen Dich- 
tungen. Nach dem Auszug des Proklos begann sie mit dem Streit um die 
Waffen des Achill und endete mit der Aufnahme des hölzernen Pferdes 
in die Stadt. In der That aber war sie umfangreicher und enthielt nicht 
bloss auch die Einnahme der Stadt, welche Proklos lieber nach Arktinos 
erzählte, sondern holte auch im Anfang etwas weiter aus, wie uns schon 
der erhaltene Eingang lehrt: 

Ihov deiÖM xal Jaqöavh^v ivn(x)Xov^ 
Tjg TTSQt TtoXXa nad^ov Javaol d-eQanovreq ÄQTjog. 
Das ganze Werk wird also mindestens 5 Bücher umfasst haben, von denen 
aber Proklos nur 4 zu exzerpieren seinen Zwecken angemessen fand.^) Die- 



^) Dass Arktinos Verfasser der Aithiopis 
sei, scheint nie bestritten worden zu sein. 
Dem Homer ward das Gedicht nur von denen 
zugeschrieben, welche, weil einzelne Gedichte 
des epischen Kyklos auf Homer zurückgeführt 
wurden, nun den ganzen Kyklos in Bausch 
und Bogen dem Homer zuschrieben. 

2) Die 2. Angabe des Eusebios, die ihn 
in die 4. Ol. setzt, scheint aus der Ver- 
wechselung von ^ und J herzurühren. Bei 
8uidas 'AQXxiPog yeyoyujg xaru rt^y ^' oA. 
fisru TSZQay.oaia ert] tajv Tqwixvov ist ent- 
weder xaxd rov a 6X. oder fxetd vy,' srrj 
herzustellen. Weiter herab würde uns der 
angebliche Wettstreit mit Lesches führen, 
wenn demselben Glauben beizumessen wäre. 
Von Wichtigkeit für die Chronologie und 
das hohe Alter des Arktinos ist der Umstand, 
dass er den Achill zwar nach der Insel Leuke 
im schwarzen Meer entrückt werden, aber 
die Amazonen aus Thrakien, noch nicht aus 
dem Kaukasus kommen lässt. Die Milesier 
hatten also damals schon ihre Seefahrten 



nach dem Pontus ausgedehnt, waren aber 
noch nicht bis nach Kolchis gekommen. Da 
auf die durch Arktinos verbreiteten Sagen 
in der Odyssee Rücksicht genommen ist, so 
lebte Arktinos wahrscheinlich vor Abschluss 
der Odyssee, d. i. vor dem Dichter der Tele- 
machie und der Nekyia; siehe indes S. 42 
An. 2. 

^) Wir folgen der von Lehrs vorgeschla- 
genen Umstellung der Schlussätze des Ex- 
zerptes. 

■*) Die Entwendung des Palladiums fand 
noch in dem vollständigen Exemplar des 
Arktinos der Fhetor Dionys. Hai. Ant. I, 69. 

^) Auf beide Gedichte zusammen geht 
die Angabe der Tab. Borg., dass das Gedicht 
des Arktinos 9500 Verse gehabt habe ; auch 
diese Zahl weist auf mehr als 7 (5 -^- 2) 
Bücher. 

^) Aristot. Poet. 23 las in seiner kleinen 
Tlias noch die Zerstörung der Stadt, woraus 
or die Erzählung von den gefangenen Tro- 
janerinnen anführt. Das Gleiche gilt von 



A. Epos. 4. Der epische Kyklos. (§ 50—52.) 



71 



selben enthielten den Streit des Aias und Odysseus um die Waffen 
des Achill, die Herbeiholung neuer Streitkräfte von selten der Achäer 
und Troer, den Tod des Paris durch den Pfeil des Philoktet und den 
Fall des Eurypylos durch Neoptoleinos, den Führer im neuen Kriege. 
Das Gedicht setzte die Aithiopis, wie diese die Ilias, voraus; ob das- 
selbe nach den Kyprien, oder umgekehrt vor denselben gedichtet sei, 
lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Als Verfasser des Epos ward so 
ziemlich allgemein Losch es, der Sohn des Aischylinos aus Pyrrha in Lesbos 
angegeben,^) den zu einem blossen Repräsentanten der Erzählung in der 
Halle {le'axYj) zu verflüchtigen der mythenbildenden Scheinkritik unserer 
Zeit vorbehalten war. 2) Nach Eusebios lebte derselbe in der 30. Olympiade; 
der Peripatetiker Phanias bei Clemens Alex, ström. I p. 144 setzt ihn in 
die Zeit des Archilochos, lässt ihn aber zugleich einen Wettkampf mit dem 
Dichter Arktinos bestehen. Die letztere Angabe macht Schwierigkeit und würde 
uns nötigen, entweder den Lesches weiter hinauf oder den Arktinos weiter 
herabzurücken. Wahrscheinlich aber ist jener Wettkampf nur eine Fiktion, 3) 
hervorgegangen aus der richtigen Beobachtung, dass der jüngere Lesches mit 
dem älteren Arktinos in der Behandlung des gleichen Stoff'es rivalisieren wollte.^) 
52. N6a%oi in 5 B., von Hagias aus Trözen,^) schlössen sich an 
den Ausgang der Iliupersis des Arktinos oder an den durch den Frevel 
der Sieger hervorgerufenen Zorn der Göttin Athene an.^) Sie enthielten die 
Geschicke des heimkehrenden Heeres der Achäer: des Kalchas, Leonteus 
und Polypoites, welche über Kolophon längs der kleinasiatischen Küste 
zogen, der Hauptmacht der Achäer, welche den Seeweg einschlug, aber 
an den kaphereischen Felsen Euböas Schiffbruch litt, des Neoptolemos, der 
zu Land quer durch Thrakien und Makedonien in das Gebiet der Molosser 
gelangte. Um die Teile des Gedichtes nicht ganz auseinanderfallen zu 
lassen, kehrte der Verfasser im letzten Buch wieder zu Agamemnon und 



Pausanias, wenn er (X, 25) den Polygnot 
in seinem Gemälde vom Untergang Trojas 
dem Lesches folgen lässt. Selbst die Ex- 
zerpte des Proklos führen eher auf 5 Ge- 
sänge. 

^) Ps. Herodot vit. Hom. tischt uns die 
Märe auf, Homer habe die kleine Ilias in 
Phokäa gedichtet und dem Schulmeister 
Thestorides, der ihm gastliche Aufnahme 
gewährte, zum Abschreiben überlassen. Das 
Scholion zu Eur. Troad. 821 nennt neben 
diesem Thestorides den Lakedämonier Kinai- 
thon oder den Erythräer Diodoros als mut- 
massliche Verfasser, und stützt sich, was 
beachtenswert, für Kinaithon auf das Zeugnis 
des Hellanikos; s. Robekt, Phil. Unt. V, 
326 f., der die These aufstellt, dass der 
Kyklograph Lysimachos den Lesches als 
Verfasser nicht anerkannt habe. 

^) Die Deutung aufgestellt von Welcker, 
Ep. Cycl. I, 254, und von andern nach- 
gebetet. Bei Plut. Conv. sept. sap. 10 wird 
auch das Certamen Hesiodi et Homeri dem 
Lesches zugeschrieben; aber dieses ist ein 
offenbarer Irrtum, wahrscheinlich aus einer 



interpolierenden Randbemerkung hervorge- 
gangen (s. Rh. M. 25, 535 f.), da ein Ho- 
meride sicher nicht den Homer von Hesiod 
hätte besiegt werden lassen. 

^) Zu derselben mögen die Dichterwett- 
kämpfe in Mytilene Anlass gegeben haben, 
die noch Pompeius dort sah, wie zu lesen 
bei Plut. Pomp. 42: roy dyiopa tov ndxQiov 
iO^sdffato Tiop Tioirjraiu. 

^) So Hess nach Paus. X, 27 Arktinos 
den Priamos von Neoptolemos auf dem Altar 
des Zeus ermordet werden, während Lesches 
einen solchen Frevel von dem griechischen 
Helden fern hielt. 

^) Eustathios zu Od. 71 118 nennt den- 
selben einen Kolophonier, was vielleicht da- 
von herkommt, dass in dem Gedichte Kolo- 
phon und sein Orakel eine grosse Rolle 
spielte. In den Schol. Pind. Ol. XIH, 13 
ist ein Nöorog tmv 'ElXrjvoiv des Eumolpos 
(corrige: Eumelos) erwähnt. 

•"'j Unklar ist das Verhältnis des letzten 
Buches zu dem von Ath. 281b und 395 d 
erwähnten Epos Jr^sidiuy x«i9^o(foc. worüber 
WiLAMOwiTz, Hom. Unt. 157. 



72 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

Menelaos zurück und erzählte die Rache, welche Orestes an den Mördern 
seines Vaters nahm, und die gleichzeitige Rückkehr des Menelaos. Das 
Gedicht sollte somit den Raum zwischen Iliupersis und Odyssee ausfüllen; 
sein Verfasser hat ausdrücklich auf die Odyssee und den Aufenthalt des 
Odysseus bei dem Priester Maron im Lande der Kikonen (Od. t 197) Be- 
zug genommen, aber gewiss nicht eine Ilias post Homerum geschrieben 
und nicht die Heimkehr des Odysseus von neuem erzählt, i) 

53. TrjXsyovia in 2 B., von Eugammon aus Kyrene (nach Eusebius 
in Ol. 53), war das jüngste und schlechteste der kyklischen Gedichte, das 
in loser Gestalt gewissermassen zur Ergänzung der Odyssee die letzten 
Geschicke des Odysseus und seines Hauses erzählte; den Namen hatte das- 
selbe von dem zweiten Teil, welcher den tragischen Zusammenstoss des 
Odysseus mit seinem Sohne Telegonos enthielt und in romanhafter Weise 
mit der Heirat des Telegonos und der Penelope einerseits und des Tele- 
machos und der Kirke andrerseits schloss. Im ersten Teil benützte der 
Erzähler vornehmlich die heimischen Sagen des Thesproterlandes, die er 
nach Clemens Alex, ström. VI, 266 aus der Thesprotis eines sonst nicht 
näher bekannten Dichters Musaios schöpfte. 

54. Ausserdem gehörten zum epischen Kyklos noch folgende, dem 
thebanischen Sagenkreis angehörende Dichtungen: 

Orjßatg in 7000 Versen, 2) auch kyklische Thebais im Gegensatz zu 
der Thebais des Antimachos genannt,^) mit der sich ein anderes Epos, die 
sl^sXaaig UfiqjiaQaov, im Inhalt berührte.^) Von Pausanias IX, 9. 5 wird 
dieselbe hoch geschätzt und neben Ilias und Odyssee gestellt. Nach dem- 
selben Gewährsmann hat der Elegiker Kallinos das Gedicht als homerisch 
anerkannt. Suidas und Ps. Herodot im Leben Homers lassen dasselbe von 
Homer nach seiner Vertreibung aus Smyrna in Neonteichos bei Kyme ge- 
dichtet sein; aber schon gleich der erste Vers 

^ÄQyog asids, ^sd, noXvSiipiov, sv&sv avaxrsg 
weist mit der Vernachlässigung des Digamma von ava^ auf spätere 
Zeit hin. 5) 

'ETifyovoL, gleichfalls in 7000 Versen; ihr Inhalt bestimmt sich aus 
dem Titel. Dass Homer dieselben gedichtet habe, bezweifelt bereits Herodot 
IV, 32; der Scholiast zu Aristoph. Pac. 1269 schreibt das Gedicht einem 
gewissen Antimachos zu. 



^) Das umgekehrte behauptet Kirchhoff 
im Exkurs seines Buches über die Odyssee ; 

ihm tritt Wilamowitz, Hom. Unt. 176 f. | Ol. VI, 17, Schol. Sopk O^d. Co]. 1375 
bei, indem er zugleich die Nostoi für ein 
Konglomerat von Versen der verschiedensten 
Dichter und Zeiten ansieht. 

2) Gert. Hes.: de 'OfxrjQog unoTv/ajp 
Trjg vly.tjg neQieg^ofjievog eXsys rct noi^fxarct, 
TTQvitov juey rtjp 9r]ßaTda, Int], ,C • • • f'^a 
Eniyöyovg, tTirj ,C. Nach der Tab. Borg, ist 
die Zahl 7000 abgerundet für 6600. Auch 
Properz I, 7. o schreibt das Gedicht dem 
Homer zu; hingegen stimmt die Darstellung 
in der Odysse o 244 ff. nicht mit der der 



Thebais überein. 

•') Ath. 465 e, Asklepiades in Schol. Find. 

n ' ' ' ' ' ' 

"*) Immisch, Jahrb. für Phil. Suppl. XVII, 
171 f., sucht nachzuweisen, dass die i^sXaatg 
'A^cpiaQtlov ein eigenes Gedicht neben der 
Thebais, nicht bloss ein Gesang derselben, 
wie Welcker annahm, gewesen ist. 

5) Bergk, Gr. Litt. II 40 setzt die The- 
bais vor den Anfang der Olympiaden, da 
dieselbe in der 6. Ol. von dem Teier Anti- 
machos fortgesetzt worden sei; aber diese 
letzte Kombination ist ganz unsicher. 



A. Epos. 4. Der epische Kyklos. (§ 53-56.) 73 

OlSiTioSeia in 6000 Versen; sie wird auf der borgiaschen Tafel dem 
Lakedäraonier Kinaithon zugeschrieben, den Eusebios, man weiss nicht 
mit welchem Recht, in Ol. 5 setzt. 

55. Andere aus der alten Zeit des Heldenepos stammende, aber nicht 
mit Sicherheit dem epischen Kyklos zuzuweisende Epen waren: 

Olxaliaq alwaig. Das Gedicht behandelte die Einnahme von Oicha- 
lia durch Herakles und stand mit dem troischen Sagenkreis insofern in 
Verbindung, als Odysseus seinen Bogen von Iphitos, dem Sohne des Königs 
Eurytos von Oichalia, erhalten hatte (Od. (f 37). Nach einem Epigramm 
des Kallimachos ') war dasselbe ein Werk des Homeriden Kreophylos. 
Da eine andere Überlieferung dasselbe dem Homer zuschrieb, so haben 
ausgleichende Litterarhistoriker beide Angaben in der Art vereinigt, dass 
sie den Homer das Gedicht dem Kreophylos als Lohn für die gastliche 
Aufnahme schenken Hessen. 

(t)(joxatg hatte nach Pseudo-Herodot im Leben Homers den Namen 
davon, dass Homer das Epos in Phokäa gedichtet hatte. Nach Welckers 
feiner Kombination (Ep. Cycl. I, 237) war dasselbe identisch mit der 
Mivvccg^ welche nach Pausanias IV, 33. 7 den Phokäer Prodikos zum Ver- 
fasser hatte. Diese Minyas behandelte den Fall des minyschen Orchomenos 
durch Herakles; in ihr kam auch eine Unterweltsscene vor, aus der 
Polygnot die Figur des Fährmanns Charon entnahm (Paus. X, 28. 2). 

Javcctg, in 5500 Versen nach der borgiaschen Tafel, handelte von 
den Geschicken des Danaos und seiner Töchter. Da der Dichter der Nostoi 
Hagias aus Trözen stammte, so werden wir auch den Verfasser dieses 
argivischen Epos in Argos suchen dürfen. 

56. Über den inneren Wert und den Kunstcharakter der kyklischen 
Epen lässt sich bei der Spärlichkeit der Fragmente nicht sicher urteilen. 
Einige von ihnen scheinen an Anschaulichkeit der Schilderung und Helden- 
haftigkeit der Charakterzeichnung den homerischen Gedichten nicht viel 
nachgestanden zu sein; doch überwog im allgemeinen in ihnen das stoff- 
liche Interesse, dem gegenüber die künstlerische Anordnung und die aus 
der Konzentration der Handlung entspringende Spannung zurücktraten. In 
der Vorliebe für erotische Motive und schwärmerische Romantik erkennt 
man das nahende Wehen der lyrischen Dichtung und das Absterben der 
naturwüchsigen Kraft des alten Heldengesangs. Auch in den religiösen 
Vorstellungen macht sich der wachsende Einfluss des Orakelwesens und der 
Priesterlehren geltend. Von den Namen und den Persönlichkeiten der Verfasser 
der einzelnen Epen hatte man offenbar schon zur Zeit der Perserkriege keine 
genaue Kenntnis mehr, woraus es sich erklärt, dass in Volkskreisen der 
ganze Kyklos dem Repräsentanten der alten epischen Poesie, dem Homer, 
zugeschrieben wurde. Doch kann man immerhin aus den spärlichen Frag- 
menten und den dürftigen Nachrichten über die Dichter des Kyklos ent- 
nehmen, dass zur Zeit der Kykliker im 8. und 7. Jahrhundert der epische 
Gesang sich über die Gegend von Smyrna und Chios hinaus nicht bloss 

') Strabon XIV, G38, Suidas u. Kqsm- \ der gemeinsamen Quelle des Hesychios Mi- 
(fvXog, Schol. Fiat, de rep. p. GOOb nach | lesios. 



74 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



nach den übrigen Städten des ionischen und äolischen Kleinasiens, wie 
Kolophon, Milet, Lesbos, sondern auch weiter bis nach Kypern, Argos, 
Lakedämon, Kyrene verbreitete. Aber das Interesse für epische Dich- 
tung nahm im 7. Jahrhundert bei dem raschen Aufblühen der iambi- 
schen und lyrischen Poesie immer mehr ab, so dass kein Gedicht des 
Kyklos gleich der Ilias und Odyssee eine nationale Bedeutung erlangte. 
Gleichwohl wurden von den Künstlern und den späteren Dichtern die kyk- 
lischen Gedichte wegen des Reichtums ihres Inhaltes viel mehr als selbst 
die Ilias und Odyssee benützt, in welchem Sinne schon Aristoteles Poet. 23 
bemerkt, dass die Ilias nur zu 1 oder 2, die kleine Ilias aber allein zu 
8 Tragödien den Stoff hergegeben habe. 

C. W. Müller, De cyclo Graecorum epico, Lips. 1829. — Welcker, Der epische 
Cyclus, Bonn 1835 (1864), 2 Bde. — 0. Jahn, Griechische Bilderchroniken, nach des 
Verf. Tod herausgegeben von Michaelis, Bonn 1878. — Kinkel, Epicorum graecorum 
fragm., Lips. 1877. — Wilamowitz, Der epische Cyclus, in Hom. Unt. 328—380. — Robert, 
Bild u. Lied, in Phil. Unt. Heft 5. - Luckenbach, Das Verhältnis der griech. Vaseubilder 
zu den Gedichten des epischen Kyklos, in Jahrb. f. Phil. Suppl. XI, 491 — 637, wo nament- 
lich das freie Schalten der Künstler mit den Überlieferungen der Dichter hervorgehoben 
wird. — Seit Welcker und Jahn sind neu hinzugekommen die Reliefdarstellungen des 
Heroons von Gjölbaschi in Lykien (jetzt in Wien) aus dem 5. Jhrh. v. Chr., welche einen 
ganzen Cyklus von Darstellungen des thebanischen und troischen Krieges und überdies 
von Perseus- und Theseusthaten enthielten; s. Benndorf-Niemann, Das Heroon von Gjöl- 
baschi-Trysa, Wien 1889. 



5. Hesiodos. 

57. Die Person Hesiods. Der epische Gesang, dessen Samen der- 
einst die Ansiedler aus Europa nach Asien mitgenommen hatten, wurde 
noch ehe er in der neuen Heimat verblühte, von dort infolge des lebhaften 
Verkehrs mit dem Mutterland wieder nach dem Festland und speziell nach 
Böotien zurückgebracht, um hier in neuer Eigentümlichkeit sich zu ent- 
wickeln. Die neue Richtung lehrhafter Poesie ward von Hesiod inauguriert, 
an den sich dann ähnlich wie an Homer eine ganze Schule von Dichtern 
gleicher Richtung anschloss. Auch vom Leben des Hesiod haben wir keine 
ausführlichen Nachrichten, aber seine Person ist doch weit davon entfernt 
in Nebel zu zerfliessen. Dafür hat er selbst gesorgt, indem er, durch den 
Charakter des didaktischen Epos veranlasst, öfters seiner Lebensverhältnisse 
gedenkt. Das was er selbst sagt und die erhaltenen Werke uns lehren, 
ist aber auch so ziemlich das einzige, was wir von ihm wissen.^) Denn 
nicht bloss ist das uns erhaltene Leben Hesiods (Hoiödov ytvog) von Tzetzes 
eine geringwertige Kompilation des Mittelalters, 2) sondern auch Proklos 
und Plutarch und selbst die alexandrinischen Gelehrten^) ermangelten bes- 
seren Wissens. Die wertvollste Überlieferung enthält, von den eigenen 



•) Die Nachrichten zu einer Vita zu- 
sammengestellt von Robinson und von Gött- 
ling-Flach in ihren Ausgaben. 

'-) Das Ttvog, ehedem fälschlich dem 
Proklos zugeschrieben, trägt in mehreren 
Handschriften den Namen des Tzetzes; siehe 
Flach, p. LVIIL 

^) Proklos berührt manches aus dem 
Leben des Dichters in dem uns erhaltenen 



Kommentar; Plutarch hatte einen uns ver- 
loren gegangenen Kommentar in 4 B. zu 
den Werken seines Landsmannes geschrieben, 
den Proklos und überdies Gellius XX, 8 
bezeugen. Von älteren Grammatikern hatten 
über Hesiod geschrieben Herakleides Pont. 
(Diog. V, 92), Kleomenes (Clem. Alex, ström, 
p. 300), Autodoros aus Kyme (Cramer, An. 
Ox. IV, 310). 



A. Epos. 5. Hesiodos. (§57-58.) 



75 



Dichtungen des Hesiod abgesehen, der 'Aycov 'HaioSov xal '^OfxrjQov, der zwar 
erst aus der Zeit des Hadrian stammt, aber in seinen Elementen auf den 
Rhetor Alkidamas, einen Schüler des Gorgias, zurückgeht.^) 

58. Die Familie des Hesiod stammte aus dem äolischen K3^me, wo 
Strabon p. 622 denselben auch geboren sein lässt.^) Der Vater des Dich- 
ters ^) hatte aus Not die Heimat verlassen und sich am Fusse des Helikon 
in dem elenden Dorfe Askra, nahe bei dem musenfreundlichen Städtchen 
Thespiä niedergelassen.^) Dort ward Hesiod geboren und weidete als Knabe 
auf den waldigen Triften des Helikon die Herde. ^) Nebst dem Vater und 
Heimatort ist es der Bruder des Dichters, Ferses, der durch seine Gedichte 
bekannt geworden ist. Derselbe hatte nach dem Tode des Vaters in einem 
Rechtsstreit über das hinterlassene Vermögen den Hesiod durch Bestechung 
der Richter um sein Erbteil gebracht,^) war aber dann selbst durch Arbeits- 
scheu in Not gekommen, so dass er hintendrein wieder seinen Bruder um 
Hilfe angehen musste. Hatte Hesiod durch die Ungerechtigkeit der Richter 
Haus und Hof verloren, so hatten ihm die Musen dafür eine andere Gabe, 
den herzgewinnenden Gesang, verliehen. Seine glänz- und farblose Poesie 
war zwar weniger geeignet, ihn zum gesuchten Sänger an den Fürsten- 
höfen zu machen; aber nicht bloss haben seine hausbackenen Wirtschafts- 
regeln bei den Bauern und Schiffern offenes Ohr gefunden,^) auch für die 
Kreise religiöser Festgenossen eigneten sich trefflich seine Hymnen und 
mythologischen Dichtungen,^) die jetzt seinen grösseren Werken so ein- 
verleibt sind, dass man ihre ehemalige selbständige Stellung noch unschwer 
erkennen kann. Dass diese Gedichte nicht alle für das armselige Dorf 
Askra bestimmt waren, versteht sich von selbst; vielmehr wird Hesiod 
ähnlich w^ie Homer als fahrender Sänger in dem Lande umhergezogen sein. 
Und nicht bloss in den Städten Böotiens, wie Thespiä und Orchomenos,^) 



^) Das Certamen neu bearbeitet von 
Fr. Nietzsche, Acta Lips. T, 1 — 23; derselbe 
Gelehrte handelt Rh. M. 25, 528 ff. von den 
Quellen des Certamen. 

^) Vgl. Ephoros in Ps. Plut., vit Hom. 2, 
und Steph. Byz. u. Kvfirj. Auf Lokalsagen 
von Kyme geht es auch zurück, wenn Me- 
lanopos aus Kyme (Paus. V, 7. 8) bei Suidas 
u. Ps. Plutarch zum Ahnen des Hesiod und 
Homer gemacht wird. 

") Der Name des Vaters war nach der 
Überlieferung Dios, aber dieser ist wahrschein- 
lich nur erschlossen aus Op. 299 EQyd^sv 
TliQOf] 6iov ys'yog, wo Ruhnken geradezu 
Jlov yeyog nach Analogie von Laevinum 
Valeri genus bei Hör. Sat. I, 6. 12 her- 
stellte; aber das ^Tov yepog des Hesiod 
scheint aus Homer II. I 538 herübergenommen 
zu sein. Noch weniger Verlass ist auf den 
Namen der Mutter des Dichters, Pykimede, 
da derselbe sich auf keine Stelle des Hesiod 
stützt und ganz wie eine etymologische 
Fiktion aussieht. Auch den Namen Hesiod 
haben Neuere, wie Welcker, Hes. Theog. 5 
im generellen Sinn = leig M^r]v „Sänger" ge- 
deutet; aber dagegen erhebt die Grammatik 



Einsprache, da zu Hesiods Zeit der Gesang 
aot&7], nicht o)d}j hiess, also ein "Hatdotd'og 
zu erwarten gewesen wäre. 

^) Hes. Op. 633 ff. Den Namen ^'AaxQrj 
statt des überlieferten ^Aqvr] hatte Zenodot 
in den homerischen Text B 507 bringen 
wollen. 

5) Hes. Theog. 22 f. 

6) Hes. Op. 27-39; 213ff.; 248 ff.; 274 ff. 
') So eignete sich für Schiffer Op. 

618-94, für Bauern Op. 383—617, für 
Richter Op. 213 — 69, als guter Rat beim 
Heiraten Op. 695-705. 

^) So die Erzählung vom Titanenkampf 
Th. 617 - 819, die Prometheussage Th. 535- 
610, der Pandoramythus Op. 42—^89, die 5 
Weltalter Op. 109—201, die Hymnen auf die 
Musen und Hekate Th. 36—104 u. 413—49. 

^) In Orchomenos zeigte man das Grab 
des Hesiod auf dem Marktplatz der Stadt; 
s. Gert. Hes., Paus. IX, 38, Vit. Hes. Die 
Nachricht geht auf Aristoteles eV rri Oq/o- 
IxevLMu TTohxeici zurück (s. Vit. Hes. und 
Proklos zu Op. 631); vgl. Rose, Arist. pseudep. 
p. 505 ff. 



76 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



fand er Anklang, auch über die Grenzen seiner engeren Heimat hinaus 
drang der Ruhm seiner Muse. In den Werken 650 ff. lesen wir, dass der 
Dichter einst von Aulis nach Chalkis in Euböa zu den Leichenspielen des 
Amphidamas gefahren sei,^) bei diesen im Hymnus gesiegt und den Drei- 
fuss, den er als Siegespreis errungen, den Musen des Helikon geweiht habe. 
Doch auf diese Nachricht ist nicht viel Verlass, da die ganze Stelle (Op. 
646 — 662) mit Recht schon von den alexandrinischen Grammatikern bean- 
standet wurde,") so dass sie eher die Erinnerung aus dem Leben eines 
Rhapsoden der hesiodischen Schule, als aus dem Leben des Meisters selbst 
enthalten wird. Bestimmter weisen die Nachrichten von dem Tode des 
Dichters^) darauf hin, dass er von seiner böotischen Heimat nach Westen 
über Delphi hinaus nach Naupaktos ins Land der ozolischen Lokrer ge- 
kommen war. Vom Orakel in Delphi, so erzählten die Alten, gewarnt den 
Hain des nemeischen Zeus zu betreten, da dort ihm zu sterben bestimmt 
sei, hatte er sich nach Oineon in Lokris gewandt, ohne eine Ahnung zu 
haben, dass auch dort ein dem nemeischen Zeus geheiligter Ort war.^) In 
Oineon also kehrte er bei den Söhnen des Phegeus, Amphiphanes und Ga- 
nyktor,^) ein, geriet aber in den Verdacht, die Schwester seiner Gastfreunde, 
Klymene, verführt zu haben. Die Brüder, darüber ergrimmt, erschlugen 
ihn und warfen seinen Leichnam in das Meer. Delphine brachten den Toten 
ans Land, wo er in einem Felsengrab bestattet wurde. Die Sage ist natür- 
lich poetisch ausgeschmückt; aber ein historischer Kern wird ihr zu gründe 
liegen, wenn auch nur der, dass Hesiod im Lande der Lokrer gestorben ist. 
Denn dort in Naupaktos erbte sich auch die hesiodische Sangesart fort, 
wie schon der Name NavnäxTia f'tttj bezeugt. Auf der anderen Seite 
zeigte aber auch Orchomenos auf dem Markt das Grab des Hesiod, was 
früh so gedeutet wurde, dass die Orchomenier, einem Orakelspruch zu- 
folge, die Gebeine des Dichters aus dem Lande der Lokrer nach ihrer Stadt 
übergeführt hätten. <^) Später errichteten auch die Thespier dem Hesiod 



^) Von jenem Amphidamas lesen wir bei 
Plutarch Conv. sept. sap. c. 10, wahrschein- 
lich nach Aristoteles: iji' de ^Jfxcpi^äfxag dj/tJQ 
noliTiy.og y.ul noXXd nQayficna nagaa/Mt^ 
'EQsrQievGiv ev raig ttsqI ArjXdyiov ^d^aig 
871SOEV, woran Bekgk, Gr. Litt. I, 930 die 
von RoHDE, Rh. M. 36, 421 ff. bekämpfte 
Vermutung knüpfte, dass derselbe nicht vor 
Ol. 29, 1 gestorben sei. Nach Rohde's Be- 
rechnungen hätten die Alten vielmehr den 
Amphidamas 160 nach den Troika leben 
lassen. 

2) Proklos fand zu V. 649 ein kritisches 
Zeichen: arj^siovrai 6 ari/og ovxog ' stnoyp 
yuQ elvai dnerQog vavTiliag ndjg vnoTid^srcii 
avirjy; der Athetese war nach Proklos z. St. 
auch Plutarch beigetreten, ebenso der Ge- 
währsmann des Pausanias IX, 31. 3. Vgl. 
Procl. ehrest, p. 232, 20 W.: dnioi de ol 
ro cdyiyfj.cc (corr. iniyQafjfxa) Tjldaavrsg rovro 
'HoLOcfog MovGcag 'Eliy.oiriai xovd^ dve^iqyev, 
vfxi'M pixijaag eV XccXxiifi diop OfxrjQov. 
dXXd ydQ inXc(vriS^t]aciv ix raiv "^HaioösLcoj' 
rjfXEQior ' ersQov yd.Q ti (coir. Jira) ctj/ualpsi. 



Neuerdings schreibt Kirchhoff in seiner Ausg. 
S. 72 ff. die Stelle wieder dem alten Hesiod zu. 

^) Friedel, Die Sage von Hesiods Tod, 
Jhrb. f. Phil. Suppl. X, 235 ff. 

*) Thucyd. 111, 96 : if tm rov Jiög rov 
NsfÄsacov lsQ(o 'Hacodog 6 noi^jTrjg Xsysrcct 
V7i6 Tiop rcithrj dnod^apsTy, /QijaS^ep avrif sv 
Nsfxiu rovro naS^eiy. Damit stimmen überein 
Gert. Hes., Plut. Conv. sept. sap. 19, Paus. 
IX, 31. 5 u. 38. 3, Vit. Hes., Anth. VII, 55. 

^) So nannte sie Alkidamas; Antiphos 
und Ktimenos hingegen hiessen sie bei Era- 
tosthenes (und Suidas) nach dem Zeugnis 
des Certamen. 

^) Die Deutung wäre sehr alt, wenn 
auf die Angabe Verlass wäre, dass Pindar 
mit Bezug auf jenes Doppelbegräbnis das 
Epigramm gedichtet habe: 
XaiQ€ dlg Tjßrjoag xal &ig rd(pov dprtßoXtjaag, 

Halod\ dvS^QOjnoig fxsxQov e/w/^ oocpirjg. 
Das darauf bezügliche Sprichwort Haiodeioy 
y~'Qag erwähnte nach den Parömiographen 
I, 456 schon Aristoteles ev 'OQxofxeyuoy 
nohrelu. 



A. Epos. 5. Hesiodos. (§ 59.) 



77 



auf dem Markt ein ehernes Standbild,^) und zeigte man auf dem Helikon 
einen sitzenden Hesiod mit der Kithara auf den Knieen, welche Darstellung 
schon Tansanias tadelte, da dem Hesiod nach seinen eigenen Worten im 
Eingang der Theogonie der Lorbeerstab, nicht die Kithara zukomme. 2) 

59. Lebenszeit des Hesiod. Verwickelt ist die Frage nach der 
Lebenszeit des Hesiod, in der schon die Alten zwiespältiger Meinung waren. 
Es handelt sich hiebei zunächst um das Verhältnis des Hesiod zu Homer. 
Herodot H, 53 nahm beide als gleichzeitig an und Hess sie 400 Jahre vor 
seiner Zeit gelebt haben. Ephoros nach Ps. Plutarch vit. Hom. 2, hielt 
den Hesiod für etwas älter, indem er dessen Vater zum Grossonkel Homers 
machte, 3) welches Verhältnis das Marmor Parium derart in Zahlen umsetzte, 
dass es den Hesiod 30 Jahre älter als Homer sein liess.^) Dem entgegen 
schlössen die alexandrinischen Kritiker, Eratosthenes und Aristarch, aus 
der Erweiterung der geographischen Kenntnisse^) und Mythen bei Hesiod,^) 
dass derselbe nach Homer gelebt haben müsse.'') Die Beweiskraft der in 
diesem Sinne verwerteten Stellen steht zwar nicht ganz ausser Zweifel, 
da dabei nicht allein das älteste und zweifellos echte Werk des Hesiod, 
die Erga, sondern auch jüngere Gedichte und Verse von zweifelhafter Echt- 
heit in Betracht gezogen wurden. So kann z. B. die Fortbildung des My- 
thus nicht leicht besser illustriert werden, als durch Vergleichung der 
Stelle der Odyssee y 464, wo die jüngste Tochter des Nestor, die schöne 
Polykaste, dem Gaste Telemachos die Füsse wäscht, mit den Versen des 
Hesiod bei Eustathios zu Od. n 118, welche aus jenem harmlosen Brauch 
der alten Gastfreundschaft eine geschlechtliche Verbindung des Telemachos 
und der Polykaste ableiten, deren Frucht der Heros Persepolis gewesen 
sei.^) Aber die Verse stehen nicht in dem echten Hesiod, sondern gehörten 
den aus der Schule des Hesiod stammenden Eöen an. Ebenso finden sich 
die meisten der geographischen Namen an Stellen, deren Echtheit von der 
modernen Kritik in Zweifel gezogen wurde. Indes wenn auf solche Weise 
auch viele Belegstellen wegfallen, so bleiben doch noch genug zum Beweise, 



1) Paus. IX, 27. 4. 

2) Paus. IX, 30. 2. 

^) Vgl. Sengebusch, Hom. diss. I, 160; 
dass vor Ephoros schon Simonides Ceus die 
gleiche Meinung geäussert, erweist Stern- 
bach, Comm. Ribbeck. 358 aus dem Gno- 
mologium Vaticanum: iLfxdDv'L^rjg rov 'Raio- 
ö'oy y.i]novQÖv eXeys, toV deOfxrjQOp aTecpavrj- 
TTXoxoy, TÖv fxey Mg (pviEvanvia rag tteqI 
iheaiv xal rjQ(6(au juvx^oXoyiag, top de (^g e| 
ca'Kxiv Gvfj.Ti'ke^avicc löv iXiddog -/.cd Odva- 
aeiag oxEXfavov. 

'^) Ähnlich Tzetzes in Vit, Hes., wenn 
er den Hesiod in den Anfang und den Homer 
an das Ende des 35 Jahre dauernden Archon- 
tats des Archippos setzt. Dem Ephoros 
folgten Accius bei Gellius III, 11 und Philo- 
stratos Heroic. p. 162, 5. Nach Vit. Hom. 6 
hielt schon Herakleides den Homer für älter 
als Hesiod. 

•''') Strab. p. 23 u. 29, wo richtig hervor- 
gehoben ist, dass Hesiod bereits den Nil 



(Th. 388), den Ätna (Th. 860), die Thyrsener 
(Th. 1016) und Ortygia kenne, die bei Homer 
noch nicht vorkommen. Man kann diesen 
Namen noch hinzufügen den Latinos, den 
Sohn der Kirke {Th. 1013), den Eridanos 
und Istros (Th. 338 f.), die Insel Erytheia 
mit den Hesperiden (Th. 290 u. 518). 

^) Aristarch setzte in diesem Sinn seine 
Zeichen K 431 ngog rd nsQt tjhxlag 'Hoio&ov, 
I 246 Oll Ttju oXrjp UskonöwriGov ovx oldsy 
6 TioLf]i:t]g, 'Holoöog de, A 750 ort evxev^bv 
Haiodog 'JxroQog x«t' enixXrjaiv xal Moliovog 
avxovg yEyspsaXoyt^xev, ferner zu M 22, H 119, 
¥' 683, i2 527. 

"') An Aristarch schloss sich sein Schüler 
Apollodoros an bei Strabon p. 299 und 370. 
Übertrieben drückt sich Cicero de senect. XV, 
54 aus: Homerus qui multis iit mihi videtiir 
ante Hesiodum saeculis fuit. Schon vor 
den Alexandrinern hatte Xenophanes nach 
Gellius III, 11 die gleiche Meinung vertreten. 

^) KiKCHHOFF, Die hom. Odyssee 315 ff. 



78 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Penode. 



dass zur Zeit Hesiods die geographische Kenntnis des Westens infolge der 
fortgeschrittenen Seefahrt weit ausgebreiteter war, und dass Hesiod nicht 
bloss die Färbung des Dialektes aus Homer entlehnt, sondern auch in 
zahlreichen Versen Stellen des Homer nachgeahmt hat.^) Den Werken 
des Hesiod also ging die Dichtung der ganzen Ilias mit Einschluss des 
letzten Gesangs und ebenso der Odyssee, wenigstens der älteren Teile der- 
selben voraus. Auf der anderen Seite steht ebenso fest, dass Hesiod den 
lambographen Simonides und Archilochos bereits bekannt war. Denn ge- 
wiss waltet nicht blinder Zufall im Zusammentreffen von Hes. Op. 702 
ov ijih' yccQ TL yvvaixog dvrjQ Xrji'^ST' ccfxeivov 
Trjg dya^rjg, zrg 6'avTS xaxrjg ov Qiyiov akXo 
und Simonides fr. 6 

yvvaixdg ovStv XQVf^' ccvrjQ Xr'ii'^srai 
€(^^Xrjg dfjisivov ovd^ Qiyiov xccxrjg.^) 
Demnach lässt sich für die Zeit des Hesiod sowohl ein terminus post quem als einer 
ante quem mit Sicherheit feststellen. Die Versuche darüber hinaus zu einer en- 
geren Abgrenzung zu kommen, schlugen mehr oder minder fehl. Die astrono- 
mischen Berechnungen aus den Sterndeklinationen sind in Seifenblasen aufge- 
gangen;^) die Angabe, dass Stesichoros ein Sohn des Hesiod und der Klymene 
gewesen sei,^) sieht ganz wie eine leere, aus der Mythen Verwandtschaft ab- 
geleitete Fiktion aus; der Ansatz des Zeitalters des Amphidamas auf 1020 
bis 980 V. Chr. 5) stützt sich auf die schlechten Hilfsmittel der alten Chro- 
nologen, bei denen man auf einen Irrtum von ein paar hundert Jahren 
gefasst sein muss. Die Erwähnung eines nackten Ringkampfes, der uns 
in die Zeit nach Ol. 15 führen würde, findet sich nicht in den erhaltenen 
echten Werken, sondern stand in irgend einem der untergeschobenen Epen.^) 
Es bleibt nur das eine äussere Anzeichen, das in der Schilderung vom 



^) Eine Ausgabe mit genauem Nachweis 
der parallelen Stellen Homers haben wir 
noch nicht; gute Vorarbeiten dazu lieferte 
Ed. Kausch, Quatenus Hesiodi elocutio ah 
exemplo Homeri pendeat, Regiom. 1876 und 
Elbing 1878, Maktin, De Odyssea et Theo- 
gonia, Speier Progr. 1889, Die Nachahmung 
selbst steht ausser Zweifel, und es fragt sich 
nur, inwieweit auch Stellen der jüngsten 
Partien homerischer Gesänge nachgeahmt 
sind. In dieser Beziehung ist von Wichtig- 
keit die Vergleichung von Op. 403 ineoyv 
vou6g und Y 249; Op. 721 und Y250; Op. 
299 STov ytvog und I 538 ; Op. 648 ixexQa 
xicduaarjg und fxeiQa xskev&ov (f 389, x 539, 
ferner von Op. 318 und i2 45; Th. 128—9 
(mit kontrahiertem vv^cfdiv) und i2 615 — 6; 
Th. 341-2 und iy 20—1. In die Telemachie 
« 56 kam cdfAvUoioi Xoyoiai aus Theog. 890, 
wahrscheinlich auch in w 12 ^ij/uot^ ovs'iqmv 
aus Theog. 212 (pvlop opsIqwv. Auch die 
häufigere Vernachlässigung des Digamma 
bei Hesiod beweist die spätere Zeit der Ab- 
fassung, zumal bei ihm ausser Zweifel steht, 
dass seine Landsleute noch das Digamma 
sprachen. 



2) Ähnlich Archil. fr, 88 nach Op. 202 ff, 
und 213; Alcaeus fr. 39 nach Op. 584 ff,; 
Alkman fr. 106 nach Th. 961. Vgl. Steitz 
in seiner Ausgabe der Erga S. 3. 

^j Wichtig scheint besonders zu sein 
Op. 566 f. u. 610 über den Aufgang des 
Arkturus; s. Roboson, vit. Hes. p. LIX ff.; 
Idelek, Handb. d. Chronologie I 246; Gal- 
lenmüller, Progr. d. alt. Gymn. in Regens- 
burg 1885. 

'^) Schol. ad. Op. 271: Iotsov de on vlog 
'^Haiodov Mvaoiag iari, 4>iX6/oQog de Irtjai- 
XOQoy (ff]ai rov und Kkv/ueprjg, ciXXog de \4q- 
/iinrjg. Ebenso Vit. Hes. 

°) Nach der Ansicht von Rohde, Rh. M. 
36, 421 ff.; siehe indes S. 76 Anm. 1. 

6) Schol. ad II. ¥• 683 = Hes. fr. 127. 
Bereits die alten Kritiker knüpften an diese 
Erzählung von dem nackten Ringkampf des 
Hippomenes mit Atalante die Bemerkung 
rewrsQog ovv 'Haiodog yvfxvovg iadyoyv dyw- 
viOTug, s. oben § 27. Unter den Neueren 
hat darauf Voss, Mythol, Briefe 2 seine 
Ansicht von dem jungen Alter des Hesiod 
gestützt. 



A. Epos. 5. Hesiodos. (§ 60.) 



79 



Ausbruch des Ätna (Th. 820 — 80) liegt i) und das uns in die Zeit nach 
Gründung der Kolonien Sikiliens durch Chalkis, die Mutterstadt von Naxos, 
Leontinoi und Katane, führt. Davon ausgehend hat denn auch ein neuerer 
Forscher, 2) indem er auch noch die Fabel, dass Stesichoros ein Sohn des 
Hesiod und der Klymene gewesen sei, zur Zeitbestimmung heranzog, die 
Blüte unseres Dichters auf 675 angesetzt. Aber einmal nötigt uns jene 
Schilderung des feuerspeienden Berges nicht, mit der Lebenszeit des Dich- 
ters derselben so weit, unter 700 v. Chr., herabzugehen, und dann ist die 
Stelle selbst von den berufensten Kritikern als eine jüngere Interpolation 
verdächtigt worden, so dass wir aus derselben kein zuverlässiges Kenn- 
zeichen der Lebenszeit des Hesiod selbst entnehmen können.-^) Bedenken wir 
nämlich, dass der korinthische Epiker Eumelos, der von den Alten in Ol. 
5 — 9 gesetzt wird,-^) doch jedenfalls erst nach Hesiod lebte, und dass auch 
der homerische Schiffkatalog, die Boio)ticc, bereits die Anfänge einer böoti- 
schen, in der Weise des Hesiod sich bewegenden Dichterschule voraussetzt, 
so werden wir uns scheuen, mit der Blüte Hesiods viel unter den Beginn 
der Olympiadenrechnung herabzugehen. Will man Zahlen, so setze man 
die Dichtungen des Hesiod in die Zeit von 750 bis 700 v. Chr. 

60. Charakter der liesiodischen Poesie. Hesiod galt als Vater 
und Haupt Vertreter des didaktischen Epos, wie Homer des heroischen. 
Diese neue Richtung der Poesie hing zunächst mit der individuellen An- 
lage unseres Dichters zusammen : Hesiod war eine hausbackene, verständig 
beobachtende, des kühnen Fluges der Phantasie wie der tieferen Erregtheit 
des Gemüts entbehrende Natur. Es hatte aber auch die neue Richtung 
ihre Wurzeln in dem Naturell seiner Landsleute und dem Zustand seines 
Heimatlandes : dort in Asien eine frisch aufblühende Entwicklung auf dem 
Boden älterer, vorgeschrittener Kultur, ein leicht bewegliches, durch die 
See in die Ferne gewiesenes Volk, Hörer voll Lust und Freude an Mären 
und Abenteuern; hier in Böotien ärmliche, im Rückgang befindliche Ver- 
hältnisse, eine wesentlich auf Ackerbau und Viehzucht angewiesene Bevöl- 
kerung, wenn auch nicht gerade stumpfsinnig, so doch ohne Schwung und 
geistige Beweglichkeit. Dem Inhalt nach enthält also die hesiodische Poesie 
verständige Belehrung über Hauswesen und Ackerbau, zusammenfassende 
Unterweisung über alte Sagentraditionen, fromme Einführung in den Götter- 
glauben, doch alles dieses so, dass die eigentliche Grundlage des Epos, 
der Mythus, nie ganz verleugnet wird, vielmehr öfters in ausgesponnenen, 
lebhafteren Pulsschlag verratenden Episoden die lehrhafte Darstellung durch- 



^) Th. 860 ovQSog iv ßi]oGriaip ^Jlrvrjq 
TicunaXotaatjg, wo Schömann mit glücklichem 
Scharfblick 'AiTvrjq für das überlieferte cadyrjg 
herstellte. Homer selbst (nicht der Verfasser 
des Schiff kataloges, wie gewöhnlich an- 
genommen wird) hatte bereits in dem 2 Ge- 
sang der Ilias ß 783 den Typhoeiis, den 
Repräsentanten feuerspeiender Berge, im Land 
der Arimer erwähnt. Er hatte aber dabei 
nicht an den Ätna, sondern an den Vulkan 
Argaios in Kappadokien gedacht, wie Paktsch, 
Geologie u. Mythologie in Kleinasien, Philol. 



Abh. zu Ehren von Hertz S. 105 122 nach- 
gewiesen hat» 

■') FicK, Hesiods Ged. S. 4. 

^) Hat indes auch die Stelle das ver- 
dächtige Merkmal, dass sie glatt ausge- 
schnitten werden kann, so bleibt doch die 
Möglichkeit, dass sie Hesiod selbst später, 
als die Nachricht vom Ausbruch des Ätna 
nach Chalkis und Böotien kam, zur alten 
Theogonie zugedichtet hat. 

■*) Siehe unten § G7. 



80 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



bricht. Der Form nach knüpfte die Poesie des Hesiod teils an das home- 
rische Epos an, dem sie in Versmass,^) Dialekt, 2) und sprachlichem Aus- 
druck folgte, teils trat sie in Gegensatz zu ihm durch den Charakter ein- 
facher Aufzählung und lockerer Aneinanderreihung, verbunden mit der 
Neigung zur strophischen Gliederung.^) Von den alten Kunstkritikern 
wurde diese Stilform HaioSsiog xaqaxTrjQ genannt und daher z. B. das 
trockene Verzeichnis des Nereidenchors in der Ilias 2 39 — 49 verworfen 
wg ^HaiöSaiov s^ov xaQaxTTjQaA) Damit verband sich die gleichfalls von 
den Alten schon erkannte Neigung zur gnomischen und allegorischen Dar- 
stellung, •'^) welche den Gegensatz zur heiteren Phantasie und plastischen 
Naturwahrheit Homers bildete. Wird man in allem dem einen starken 
Abfall von der Herrlichkeit homerischer Poesie finden müssen, so darf man 
doch nicht den grossen und wohlthätigen Einfluss verkennen, den der sitt- 
liche Gehalt der hesiodischen Poesie und die Mahnung zu rühriger Thätig- 
keit auf die Entwicklung des griechischen Volkes übte. Der geistige Ge- 
nuss an Meisterwerken der Schönheit übt zwar auch an und für sich einen 
veredelnden Einfluss auf Sitten und Anschauungen eines Volkes aus; aber 
zur Erziehung der Jugend und Durchsittigung der Massen bedarf es di- 
rekter ethischer Nahrung, und glücklich ein Volk, dem dieselbe gleich in 
seinen Anfängen durch den Honigmund eines Dichters gereicht wird. 

61. Mit den Werken des Hesiod ist es ähnlich gegangen wie mit 
denen Homers; auch dem Hesiod ist vieles zugeschrieben worden, was von 
seiner Schule ausging, und auch seine echten Werke haben viele Inter- 
polationen erfahren, die um so eher Eingang finden konnten, je lockerer 
das umschlingende Band war. 



') Vom daktylischen Hexameter haben 
auch die Gedichte des Hesiod den Namen 
tnrj erhalten. 

2) Dem homerischen Grundton der Spra- 
che, wie sie uns überliefert ist, sind nur einige 
lokale Eigentümlichkeiten, wie die Acc. plur. 
auf äg (delphisch und thessalisch), die 3. 
Pers. plur. auf ov [eSi^op Op. 139, söov 
Th. 30), ^Txcc statt Itfiyya (böotisch) bei- 
gemischt; s. FöRSTEMANN, De diolecto He- 
sioclea, Hai. 1863; Rzach, Der Dialekt des 
Hesiod in Jhrb. f. Ph. Suppl. 8. Dem Über- 
gang des homerischen Dialektes in die he- 
siodische Poesie steht der Gebrauch des 
gleichen Dialektes in den delphischen Orakel- 
sprüchen zur Seite. Fick nimmt auch für 
Hesiod spätere Umdichtung an und gibt in 
seiner Odyssee S. 397 ff. eine Probe seines 
ursprünglichen Hesiod in altthessalischem, 
in Bezzenbekger's Beitr. XH (1886), 1-37 
eine solche in delphischem Dialekt. Diese 
seine Anschauungen hat jetzt der ingeniöse 
Gelehrte in dem Buche, Hesiods Gedichte 
(1887), dahin ausgeführt und modifiziert, dass 
er die Theogonie im delphischen, die Erga 
im altäoiischen, die Zusätze beider Dichtun- 
gen zum grösseren Teil im ionischen Misch- 
dialekt verfasst sein lässt. Von der Zu- 
stimmung hält mich nicht bloss die über- 



lieferte Form des Textes, sondern auch die 
geringe Wahrscheinlichkeit einer späteren 
Umschrift ab. Vgl. Menrad, Philol. Anz. 
1887 n. 8. 

^) Solche Gruppen von meistens 3, mit- 
unter auch 5 Versen sind unverkennbar in 
den aufzählenden Partien, namentlich der 
Theogonie, wenn man auch eine strenge 
Durchführung des strophischen Prinzips ver- 
misst. Aufgesucht sind sie von Gruppe, 
Über die Theog. des Hes. 1841 und G. Her- 
mann, De Theog. forma antiquissima 1844 
(Op. VIII, 47 ff.), im Texte angezeigt von 
KöcHLY in seiner Ausgabe (vgl. dessen Akad. 
Vortr. I, 387 ff.); neuerdings stellte Fick 
sechszeilige Strophen her. Leichter erklär- 
lich sind die gleichen strophenartigen Ab- 
sätze in der lyrischen Totenklage an der 
Bahre des Hektor IL i2 725-75, worüber 
zuletzt Seibel. Die Klage um Hektor, Progr. 
München 1881 gehandelt hat. 

4) Schol. A zu J 39, i2 614. 

■>) Scholien zu II. 21 p. 410, 12 B. 
u. Od. 74. Mit dem Mangel an plastischer 
Darstellung hängt es auch zusammen, dass 
Hesiod der Kunst, namentlich der älteren 
Vasenmalerei, sehr wenig Anregung bot, 
worüber Brunn, Stzb. d. b. Ak. 1889, II, 73. 



« 



A. Epos. 5. Hesiodos. (§61.) 



81 



Die "Egycc waren nach der Tradition der Böotier am Helikon das ein- 
zige echte Werk des Hesiod ; ^) jedenfalls sind sie dasjenige, in welchem 
eine bestimmt ausgeprägte Dichterpersönlichkeit uns entgegentritt. Das 
ganze Gedicht in 828 Versen hat den Doppeltitel ^ Eqya xai rinsqai, weil 
es eine Anweisung zur Verrichtung der Arbeiten und im Anhang dazu 
einen Arbeitskalender nach den Tagen des Monats enthält. Eine geschlos- 
sene Einheit bilden die 828 Verse in keinem Fall; es fragt sich nur, hier 
ähnlich wie bei Homer, ob der Dichter selbst gar nicht ein Ganzes beab- 
sichtigt habe, so dass die Verbindung der verschiedenen Teile von einem 
späten Ordner herrühre, oder ob die gestörte Ordnung erst durch Einlage 
von fremden Zusätzen in ein ursprünglich einheitliches Werk entstanden 
sei. Die auflösende Kritik hat auch hier in unserer Zeit ihre geschäftige 
Thätigkeit entfaltet; 2) aber so anregend und fruchtbar auch die Nachweise 
mangelnden Zusammenhanges einzelner Teile gewesen sind, so überwiegen 
doch auch hier die Anzeichen der Zusammengehörigkeit der Hauptteile. 
Die Anrede an Perses rührt unzweifelhaft nicht von einem späten Dias- 
keuasten, sondern von Hesiod selbst her, diese aber findet sich in den ver- 
schiedensten Teilen des Werks und beweist, dass dieselben von vornherein 
zu einander in Beziehung gesetzt waren. Nur diejenigen Teile, in denen 
der Name Perses gar nicht vorkommt, sind der nachträglichen Eindichtung 
verdächtig; als solche erweisen sich das Anhängsel der Tage (765 — 828), 
die beiden Sentenzensammlungen 317 — 382 und 695 — 764, die Schilderung 
der 5 W^eltalter (109 — 201), der Pandoramythus (49—104). Von diesen 
Partien sind die Tage fremden Ursprungs; die anderen scheinen ehedem 
für sich bestanden und erst später den Erga einverleibt worden zu sein. 3) 



^) Paus. IX, 31. 4: Boioutmp oi ttsqI top 
'Ehxctjycc oixovvxsg ■nuQei'krjy.^iva do^rj Xtyov- 
aiv log cDiXo Halodog nou^aia cvdev rj xd'^qya. 
Ob aber diese Leute am Helikon nicht die 
Meinungen der gelehrten Chorizonten wieder- 
gaben, wie Pausanias VI, 22. 6 auch den 
Eleern Dinge in den Mund legt, welche die 
Gelehrten ermittelt hatten? Der Vers Op. 11 
ovx (iQci (ehedem vielleicht ov roi) fxovrov 
8f]v ^EQLÖ'iJüy yivoq scheint auf Theog. 225 
zurückzuweisen, die Theogonie also als das 
ältere Gedicht erscheinen zu lassen; aber 
das 'f^^a gehört wahrscheinlich dem Inter- 
polator, w^elcher das Proömium (1 — 9) zu- 
setzte. Noch bestimmter weist der Vers 
659 auf die Theogonie als das ältere Gedicht 
zurück; aber die Echtheit dieses Verses ist 
bestritten. Nach Lucian, de salt. 24 stand 
in den Handschriften des Hesiod die Theo- 
gonie voran. Den alten Grammatikern fol- 
gend setzen auch Kirchhotf und Fick die 
Theogonie als das ältere Epos vor die Erga. 

^) TwESTEN, Comment. crit. de Hesiodi 
carmine qiiod inscribitur Opera, Kiel 1815; 
Lehrs, Quaest. ep. 179—252, wo die Anord- 
nung der Sprüche nach dem Alphabet er- 
wiesen wird; Thieesch, De gnomicis carmi- 
nibus Graecorvm, Ada pJäl Man. III, 402 ff. 
Dagegen Rakke, De Hesiodi oiierilius et 
Handbuch der klass. Altertumswissenschaft. YII. 



diehus, Gott. 1838; Vollbehr, Hesiodi Opera 
et dies, Kiel 1844. Vermittelnd Steitz, De 
Operum et dierum compositione, forma pri- 
stina et interpolationibus, Gott. 1856; Hetzel, 
De carminis quod 0. et D. inscribitur com- 
positione et interpolationibus, Weilburg 1860. 
Vgl. SusEMiHL, Zur Litteratur des Hesiod, in 
Jahrb. f. Ph. 89, 1 ff. Eine Zerlegung in 
die einzelnen Teile stellt Fick in seiner Aus- 
gabe auf. Kirchhoff in seiner Ausg. macht 
den Versuch, den alten, dem Hesiod zuzu- 
schreibenden Grundbestandteil von den spä- 
teren Zusätzen durch verschiedene Schrift 
zu scheiden und das alte Gedicht in einzelne 
(8), sehr ungleiche Lieder zu zerlegen. 

^) Am meisten noch hängt der Pandora- 
mythus mit dem Grundstock des Gedichtes 
zusammen und ist im engen Anschluss an 
dessen Grundgedanken gedichtet, da ja die 
Sendung der Pandora, wie die Sünde der Eva 
im alten Testament, die Nötigung zur Arbeit 
gebracht hat. Auch die Kernsprüche und 
die Dichtung von den Weltaltern, deren An- 
klänge an altindische Poesie Roth, Der My- 
thus von den 5 Menschenaltern bei Hesiod 
und die indische Lehre von den 4 Welt- 
altern, Tüb. 1880, nachgewiesen hat, machen 
den Eindruck echter hesiodischer Poesie. 
Spätere werden sie den Erga eingelegt haben, 

Aufl. 



82 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Von dem Proömium an die Musen (1 — 10) ist ohnehin die spätere Zudich- 
tung durch Pausanias IX, 31. 4 bezeugt.^) Was übrig bleibt, besteht aus 
zwei gleichmässig an Perses gerichteten Teilen, einem Rügegedicht (11 — 48, 
203 — 316), worin Hesiod seinem Bruder und den bestochenen Richterköni- 
gen ihr Unrecht vorhält, und einem Lehrgedicht, das in leidenschaftslosem 
Tone Anleitung zum Ackerbau und zur Schiffahrt gibt (383 — 616 u. 618 
bis 694). Die beiden Teile sind nicht zur gleichen Zeit entstanden,'^) aber 
sie sind doch zu einem Ganzen bestimmt: es findet sich nur ein abrun- 
dender Schluss (V. 694 xaiQog S'stiI näaiv ccQiaTog), und die Aneiferung 
zur Arbeit zieht sich als roter Faden durch beide Teile hindurch; denn 
auf sie zielt gleich das Proömium von der doppelten Eris ab, deren eine, 
die gute, auch den Indolenten zur Thätigkeit aneifert (V. 20), und sie 
schlägt die Brücke vom ersten zum zweiten Teil, indem Perses ermahnt 
wird, statt durch ungerechte Rechtshändel, durch redliche Arbeit sein Aus- 
kommen zu suchen (286 — 302, 315 f.). 

62. Die Oeoyovia in 1022 Versen ist ein ehrwürdiger Versuch, die 
bunten Gestalten der hellenischen Götterwelt in ein System zu bringen, 
wobei die alten und heimischen Götter mit neuen und fremdländischen zu- 
sammengebracht^) und die in religiösen Kulten und alten Hymnen über- 
lieferten Mythen mit Sätzen theosophischer und kosmogonischer Spekulation 
zu einem halb poetischen, halb philosophischen Lehrgedicht vereinigt sind.^) 
Mit gutem Griff hat der Dichter seinen Plan so durchgeführt, dass er treu 
dem Wesen epischer Poesie die Dinge im Werden erfasste und so eine 
Geschichte der Weltschöpfung und der Göttergenerationen dichtete. Unter- 
stützt ward er in der Ausführung dieses Planes durch den Charakter des 
griechischen Mythus, der überall von Vater und Sohn oder Tochter sprach 
und auch schon bei dem ionischen Sänger zur Einkleidung kosmischer Vor- 
gänge in poetische Umhüllung geführt hatte.'*) Auch mochten die Legenden 



damit sie nicht in ihrer Vereinzelung zu 
gründe gingen. 

') Vereinzelte Interpolationen enthält 
der Rest noch viele, wie die Verse 646 — 662 
von den Leiehenspielen des Amphidamas, 
504- -536 von den Leiden des Winters, in 
denen der ionische Monatsname Ai]v(ii(6r 
(504) und der Name Jlai'e/ihji'sg auf späten, 
nichtböotischen Ursprung hinweisen, die Pa- 
rallelrezension 60 — 68, und zahlreiche, lose an- 
gefügte Spruchverse. Sehr weit geht in der 
Annahme von Zusätzen Fick S. 43 fF., so 
dass ihm für die echten Werke nur 144 Verse 
übrig bleiben. 

■') Vgl. V. 35 ff. mit 396. 

^) Manche Gottheiten bei Hesiod, die Ho- 
mer noch nicht kennt, erweisen sich durch die 
vergleichende Mythologie als uralt, wie 'Eßtia 
= Tat. Vesta, 'üQx^^Qog = skt. VrtraS; 'PeTa 
■= skt. urvi (breite Erde), K&'QßtQog = skt. 
rarvaras, woraus rahalas, der scheckige 
Hund Yamas, nach Benfey, Vedica 149 ff'. 
Auf Kleinasien weist die XljucciQa und der Tv- 
(fio£vg. auf Ägypten die ^cfly'^. auf die Se- 



miten 'lunerog und fid^^og. Diese fremden 
Bestandteile der Theogonie dürfen uns an- 
gesichts des ägyptischen Namens 9i]ßai und 
der ägyptischen Ornamentmuster in der Schatz- 
kammer von Orchomenos nicht auffallen. 
Aber von orientalischen Namen finden sich 
einige auch schon bei Homer, wie Tvcpcosvg. 
Ki/LtfxsQioi, ^J^EQOiv, andere, wie KdßsiQoi. 
^AÖMvig. MsXixeQTijg, yQvneg, auch bei He- 
siod noch nicht. 

'^) Hesiod heisst ^eolöyog und 6 ttqmtov 
S^eoXoy^actg bei Aristoteles Met. p. 983'^ 29 
u. 1000'^ 9. Dass es vor Hesiod schon Theo- 
gonien gegeben habe, ist sehr unwahrschein- 
lich, wenn auch einzelne Stellen des Homer, 
namentlich die Jiog arKh)], zeigen, dass 
schon vor Homer theogonische Anschauungen 
und Hymnen in Umlauf waren; s. Schümann, 
Coviparatio tlieogoniae Hesiodeae cum Ho- 
merica, Opiisc. II, 25 — 29. 

^) So sind zu fassen die Fesselung des 
Zeus in der Luft und seine Befreiung durch 
die Wassergottheiten Thetis und Briareos 
in ./ 397 ff., die 350 schwarzen Rinder (Nächte) 



A. Epos. 5. Hesiodos. (§ 62.) 



83 



der Tempelpriester dem Dichter noch manche andere allegorische und phi- 
losophische Idee an die Hand gegeben haben, wie insbesondere die hohe 
Stellung, die Hesiod in seiner Theogonie dem Eros anweist (V. 120 ff.), 
mit dem Kultus dieses Gottes in Thespiä zusammenzuhängen scheint, i) 
Durchgeführt ist der Plan in folgender Weise: in der Einleitung (1 — 115), 
welche aus der Verschmelzung von 2 Rhapsodenproömien, einem an die 
helikonischen und einem an die olympischen Musen, entstanden ist, 2) wird 
die Anrufung der Musen mit der Dichterweihe des Sängers sinnig in der 
Art verbunden, dass die nachfolgenden Verse nur als Nachklänge des 
Musengesangs erscheinen. Mit Vers 116 beginnt das alte Gedicht, die 
Kosmogonie, welche anfangs lediglich mit gestaltlosen Abstraktionen von 
Naturkräften operiert, aber im weiteren Verlauf auch altertümliche Ge- 
stalten der Mythenwelt, wie Rheia, Kronos, Briareos, und Personifikationen 
ethischer Begriffe, wie Themis, Momos, Ate, hereinzieht (116 — 153, 211 — 276, 
337 — 370, 371—410). Der trockne Ton dieser Partien, der durch die 
parallele Anordnung der Sätze mehr an Durchsichtigkeit als eigentlicher 
Schönheit gewinnt, wird angenehm unterbrochen durch die breiter ausge- 
führten Erzählungen von der Entmannung des Uranos und von den Helden- 
thaten des Perseus, Herakles, Bellerophon. ^) Von Vers 453 an treten wir 
in den Olymp der lichten Gottheiten ein: wir hören zuerst von der Geburt 
des Allvaters Zeus (453—500), im Anschluss daran von der gegenseitigen 
Befehdung des mächtigen Kroniden und des listigen Prometheus (501 — 612), 
von den gewaltigen Kämpfen des Zeus mit den Titanen und deren Ver- 
stossung in den Tartarus (617 — 819), von den Frauen und Kindern des 
Zeus und der übrigen Kroniden (886—962). In diesem Teile des Gedichtes 
erhebt der reiche Stoff den Dichter von selbst über die sterile Form lang- 
weiliger Aufzählung und Belehrung. Namentlich in dem Titanenkampf 
wetteifert er nicht ohne Glück mit Homer, freilich mehr in grossartigen 
Entwürfen und gigantischen Ausdrücken als in anschaulicher, farbenreicher 
Schilderung. Den Schluss des Gedichtes bildet ein locker angereihter An- 
hang von den Töchtern des Zeus, welche mit sterblichen Männern Heroen 



und die 350 weissen Schafe (Tage) des 



Sonnengottes ,u 128 ff. 



Diese kosmogoni- 



schen Ideen des Mytlius gehen in die arische 
Vorzeit zurück: der in den Veden geschil- 
derte K'arapf des Vrtras und die Erbeutung 
der Rinder beziehen sich auf die Gewitterwolke 
und die von ihr verdeckten Sonnenstrahlen; 
die Giganten und Titanenkämpfe der Grie- 
chen berühren sich mit dem Kampf des 
Tndras und der Rakshasas bei den Indern 
und des Donar mit den Riesen bei unsern 
Altvordern. 

^) Die theosophische Allegorie ist älter 
als Hesiod. Die XaQireg oder Huldgottheiten 
sind aus den sinnlichen Gestalten der falben 
Sonnenpferde (liaritas) entstanden (s. G, Cur- 
Tius, Etym.^ p. 121), und der menschenfreund- 
liche Feuergott Prometheus hat sich aus der 
Anschauung eines Werkzeugs der Feuerbe- 
reitung entwickelt (s. Kuhn, Herabkunft des 
Feuers). Nach Müller's Vermutung bedeutete 



auch der thespische Eros ursprünglich den 
Sonnenstrahl, skt. arusha. 

''^) Dass das 1. Proömium in seiner ur- 
sprünglichen Gestalt (1-4. 9-12. 22-24. 
2(3 — 34) nachhesiodisch sei, wage ich nicht 
mit der Zuversicht der neueren Kritiker zu 
behaupten; bekannt war dasselbe schon dem 
Interpolator der Erga V. 659. Nach Plutarch, 
Quaest. conv. 9, 14 wurde ein Teil des Pro- 
ömiums, V. 36—67, als besonderer Hymnus 
gesungen. Drei Proömien und drei Theo- 
gonien will 0. Gruppe, Die griech. Kulte I, 
597 ff. herausfinden, deren Zusammenstellung 
in Korintli unter dem Tyrannen Periander 
erfolgt sein soll. 

■^) Wenn bei der Sphinx V. 326 Oedi- 
pus nicht genannt wird, so muss man wohl 
schliessen, dass die ausgebildete Mythe von 
Oedipus dem Hesiod noch nicht bekannt 
war, wozu auch Op. 163 stimmt. 



84 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



und Heroinnen geboren haben (963 — 1022); derselbe sollte den Übergang 
der Theogonie zu dem Katalog der Frauen anbahnen. 

Ein einheitlicher Faden zieht sich auf solche Weise wohl durch das 
ganze Gedicht, aber deshalb ist dasselbe doch noch weit entfernt von einem 
kunstvollen Ganzen mit einheitlichem Ton. Die Vereinigung von trockenen J 
Aufzählungen und breitausgeführten Kampfesscenen ist störend,') und von " 
den 1022 Versen ist ein guter Teil auf späte Interpolation zurückzuführen. 2) 
Von später Hand rührt vor allem der Anhang (963 — 1022) her, der sich 
schon durch die Namen der Tyrrhener (1016) und des Latinus (1013) und 
die Anspielung auf die Aithiopis (984) und die Kypria (1008 — 1010) als 
eine jüngere Dichtung kund gibt.-^) Sodann unterbricht die Typhonsage 
(820—880) in störender Weise den Zusammenhang und war daher, wenn 
sie auch von Hesiod herrührt und durch einen Ausbruch des Ätna zur Zeit 
des Dichters veranlasst war, nicht für diese Stelle und schwerlich für die 
Theogonie überhaupt bestimmt. Des weiteren ist entschieden jüngeren 
Ursprungs die zu weit ausgedehnte Stelle über Hekate (411 — 452), die 
wahrscheinlich aus einem nichthesiodischen Hymnus auf diese Göttin her- 
stammt. Zweifelsohne ist endlich, um kleinere Interpolationen nicht weiter 
zu berühren, das Proömium durch Einschiebung von Hymnenresten auf die 
olympischen Musen erweitert.*) Was den Verfasser der Theogonie anbe- 
langt, so hat dieselbe das ganze Altertum, mit Ausnahme der Gewährsleute 
des Tansanias IX, 31. 4 5), für ein Werk des Hesiod angesehen, insbeson- 
dere der Geschichtschreiber Herodot, wenn er II, 53 sagt: ^HaioSog xal 
'Ol^ir^Qoc, Hdiv Ol noit'jCTavTeg ^soyovirjv '^'EXXr,(Si xal toiCi deoioi rag 6n(x)VV{.iiag 
öövteg xal xif^iag T€ xal Tt^vag Siskovreg xal d'osa avzcov (TrjfirjvavTsg.^) In 
unserer Zeit hat Schömann die Zweifel des Pausanias wieder aufgenommen 
und die Theogonie für eine Komposition aus dem pisistratischen Zeitalter 
erklärt."^) Von einer so späten Zeit kann nun gar keine Rede sein; da- 
gegen spricht schon ein untrügliches Zeugnis, die Sprache und das Digamma. 
Aber überhaupt die Theogonie dem Hesiod abzusprechen, ist übertriebener 



^) Ein Mangel ist es auch, dass V. 935 
(s. V. 121) plötzlich Menschen auf der Bild- 
fiäche erscheinen, ohne dass zuvor von ihrer 
Erschaffung die Rede gewesen, und dass man 
nicht begreift, wie die Sterblichen sich fort- 
pflanzten, ehe Zeus die Frau zum Unheil der 
Menschen schuf. 

'^) A. Meyer, De comioositione Theo- 
goniae, Berl. 1887, 

^) Der fehlerhafte Vers 1014 Ti]kiyovöv 
TB tiiyas did ^QVGti]y 'A(fQo^iTt]P fehlt in 
dem massgebenden Cod. Mecliceus, kann also 
nicht verwendet werden, um den Anhang 
unter die Tclegonie herabzudrücken. Natür- 
lich ist mit Anfügung des Anhanges zugleich 
der alte Schluss der Theogonie nach 902 
oder, wie andere annehmen, nach 955 weg- 
gefallen. 

^) Die alte Theogonie lässt auf einen 
oder vielmehr zwei kleine strophisch kom- 
ponierte Teile zusammenschrumpfen Köchly, 
JJe diversis Hesiodeae Tlieogoniae jjcirtibus 



(1860), in Opusc. p. 244-288. Fick nimmt 
3 ältere Gesänge der Theogonie von je 144 
Versen an. 

5) An einer anderen Stelle VlII, 18. 1 
unterdrückt Pausanias selbst den Zweifel. 

^) Das älteste Zeugnis für den gleichen 
Verfasser der Werke und der Theogonie 
liegt in dem Vers Op. 659 fV^« ,wf ro ngto- 
Tov hyvQfjg eneßrjoav uoiö'rjg, der offenbar 
auf den Eingang der Theogonie hinweist, 
und, wenn auch unecht, doch jedenfalls aus 
alter Zeit stammt. Einen verschiedenen 
Verfasser hat für die Theogonie unter den 
Neueren Welcker, Hes. Theog. 57 ange- 
nommen. 

^) Schömann, De compositione Tlieogo- 
niae, in Opusc. II, 475 ff., und in seiner 
Ausgabe der Theogonie S. 20 ff. Redaktion 
althesiodischer und sonstiger in die Theogo- 
nie einschlägiger Bruchstücke durch Onoma- 
kritos nimmt an Gerhard, Über die hesiodi- 
sche Theogonie, in Abhdl. d. Berl. Ak. 1850. 



A. Epos. 5. Hesiodos. (§ 63.) 



85 



Skeptizismus. Für die Gleichheit des Dichters der Theogonie und der Werke 
sprechen die wesentlich gleiche Sprache und der Hinweis auf die gleiche 
Heimat am Helikon (Th. 2, Op. 639) in der Nähe von Thespiä (Th. 120 ff.). 
Die Abweichung des Mythus von der Erschaffung des Weibes, indem in 
der Theogonie 570 — 612 das Weib im allgemeinen, in den Werken 47 — 104 
das bestimmte Weib Pandora geschaffen wird, ist an und für sich nicht 
relevant und kann überdies deshalb keinen Ausschlag geben, weil die be- 
treffende Partie der Werke der Interpolation verdächtig ist. ^) 

63. rvvaixoov xaTccXoyog hiess das dritte der dem Hesiod beige- 
legten Werke; es bestand aus 5 Büchern, von denen die beiden letzten 
den Spezialtitel 'Holm hatten, und war gewissermassen eine versifizierte 
Heroengeschichte in kleinen, locker aneinandergereihten Absätzen. Der 
Titel 'Hoim,-) der sicher dem 4. Buch des Werkes, wahrscheinlich den 
beiden letzten zukam, ^) hatte seinen Grund darin, dass die einzelnen Ab- 
sätze mit rj ol'rj anfingen, wie 

rj otrjv "Yqiti BoKaTirj sTQscps xovgrjv. 
Da die Angaben des Katalogs und der Eöen nach dem Zeugnis der gut- 
unterrichteten Scholiasten zu Apollonios II, 181 und IV, 57 öfter sich 
widersprachen,^) so ist es wahrscheinlich, dass es ursprünglich 2 verschie- 
dene Werke gab, rvvaixoov xaräXoyog und 'Hotai, und dass dieselben erst 
später, wahrscheinlich erst in Alexandria, des verwandten Inhaltes wegen 
zu einem Gesamtwerk mit dem Titel KaräXoyog oder 'Holm ^syälai ver- 
einigt wurden.-'^) Der Plan der beiden Werke, an dem Faden berühmter 
Frauen eine Heroengeschichte zusammenzuweben, hängt mit der besonderen 
Verehrung der Frauen bei den Lokrern zusammen, da bei diesen die Ge- 
rechtsamen des Adels von der mütterlichen, nicht der väterlichen Abstam- 
mung abhingen; ^) im Lande der Lokrer aber starb Hesiod, wie wir oben 
sahen, und dort hat sich auch seine Schule am kräftigsten entwickelt. Der 
Mythenschatz der beiden Dichtungen, der für die Lyriker und Tragiker der 
nachfolgenden Zeiten eine unerschöpfliche Fundgrube bildete, reichte weit 
über den Horizont der äolischen und ionischen Epiker Kleinasiens hinaus, 
er umfasste die Sagen aller Stämme, der lonier nicht minder als der Achäer 
und Äolier. An der Echtheit des Katalogs haben selbst die besten Kritiker 
Alexandriens nicht gezweifelt. Philochoros (Strab. p. 328) und Apollodoros 



^) Die Unechtheit von V. 69 — 82 ist nach- 
gewiesen von R. Scholl, Satura crit. Sauppio 
ohlata p. 133 --47. 

2) MeyiiXca 'Hoiai bei Paus. 11, 2. 3 u. 
IX, 31. 7 und Schol. Apoll. 11, 181 und IV, 
57 war nach Kalkraanns Vermutung (Rh. M. 
39, 563) Titel des Gesamtwerkes; anders 
Bergk, Gr. Litt. I, 1003 u. 1011. 

^) Arg. Scuti III: rijg 'Aonidog rj c(Q/t] 
iv TW tf' yMiaXoyo) cpSQtKa, der Anfang des 
Schildes beginnt aber mit »y olt]. Daher 
verdiente sicher das 4. Buch des Katalogs 
den Spezialtitel 'EoTm. Da ferner das 3. Buch 
des Katalogs den Eöen vom Scholiasten zu 
Apoll. IT, 181 entgegengesetzt wird, so nahm 
Marckscheffel, Hes. Eum. fragm. c. II an. 



dass ursprünglich der Tvv. xat. die 3 ersten, 
die 'HoTat die 2 letzten Bücher des später 
vereinigten Gesamtwerkes gebildet haben. 

^) Marckscheffel p. 106 ff. 

■'') Hesychios 'HoTat " 6 yatüloyog tlaio- 
(fov, und Et. Gud. HoTcci • ean xcaccXoyog 
'Hatödov. 

^) Polyb. XII, 5 nach Aristoteles: ort 
Tjdvia Tcl diu TiQoyovoiv evdo^a tiuq^ avToTg 
(hio rtop yvviaxMi^, ovx dno tmp di'^QMr 
loToQovv, oiov svd^eiog evyevelg nagd ag)iaL 
rofAiCeOx^ca. toj;? dno tmv txaxov oi'y.Koi^ Xe- 
yofihvovg xrX. Vgl. Find. Ol. IX und Lübbekt, 
De Findaro Locrorum Opuntioruiu amico 
et patrono, Bonn, Ind. schol. 1883. 



das Werk unter dem Titel yvvcaxMv dgeral 
als echt an. 

^) Von interpolierten Versen spricht 



Nichterwähnung der Arimaspen, Greifen und 
Hyperboreer auf die Zeit vor Aristeas aus 
Prokonnesos. 



Plut. Thes. 20 und Paus. II, 26. 6. ^) Dabei ist aber zu beachten, dass das 



'') Fr. 80, 6, wo die gleiche Vernach- 
lässigung begegnet, ist korrupt; hingegen ist 
in der Eöe der Alkmene das Digamma be- 



Digamma in der Heimat der hesiodischen 
Schule noch weit länger als in lonien ge- 
sprochen wurde, was sich auch in dem 2. 



wahrt (s. Scut. 11. 15. 20. 22. 34. 38. 40. 45). Hymnus auf Apoll geltend macht. 

^) Kirchhoff, Odyssee 315 ff. u. Niese, | ^) Vielleicht ist der Anhang der Theo- 

gonie V. 963-1022 vom Verfasser des Ka- 
talogs selber gedichtet. Darauf führt die 



Entw. d. hom. Poesie 223 setzen den Kata 
log zwischen Ol. 40 u 50. 

^) In beachtenswerter Weise stimmen 
bezüglich der Zwölfzahl der Kinder des Ne- 

leus die junge Homerstelle A 692 und Hes. Mutter, ^ilvQiöijg, in Th. 1002 
fr. 45 überein. Die Erwähnung der Pyg 



gß Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

(Strab. p. 39U) führen unbedenklich Stellen daraus als hesiodisch an;i) 
demnach scheint auch Aristarch, der Lehrer des Apollodor, keinen Zweifel 
an der Echtheit gehegt zu haben. 2) Nur Pausanias IX, 31. 4 spricht den- 
selben auf Grund der Aussagen seiner Führer am Helikon dem Hesiod ab. 
Gegen die Echtheit der Eöen haben eher die Grammatiker Bedenken er- 
hoben, wie man aus der zweifelnden Wendung des alten Scholiasten zu 
Find. P. III, 14 er xoTq eig ^Haiodov aiacpsQOf^u'voig srcsaiv ersieht. Jeden- 
falls aber macht die Vertrauensseligkeit des Philochoros und Apollodor 
ihrem kritischen Scharfblick wenig Ehre, da viele der erhaltenen Fragmente 
nicht von Hesiod herrühren können und einer jüngeren Periode angehören 
müssen. Uns selbst ist ein festes Urteil erschwert, da wir nur Bruchstücke 
haben und weder wissen, in welchem Verhältnis die 5 Bücher zu einander 
stunden, noch inwieweit ihr ursprünglicher Bestand durch Interpolationen 
alteriert war. Denn dass Interpolatoren auch hier ihr Unwesen trieben, 
lässt sich bei der Anlage des Werkes von vornherein vermuten ^) und wird 
durch sprachliche Unterschiede zur Gewissheit erhoben. Während z. B. in 
anderen Fragmenten das Digamma des Pronomens der 3. Person noch fest 
haftet, ist dasselbe Fr. 82, 2 ganz vernachlässigt.'*) Stand Fr. 81, welches 
sich auf die Gründungsgeschichte von Kyrene in Afrika bezieht und mit 
dem schon Markscheffel das Scholion zu Apollonios IV, 109 zusammenge- 
stellt hat, im alten Katalog, so muss man mit der Abfassungszeit desselben 
bis unter das Gründungsjahr von Kyrene Ol. 37, 2 herabgehen. 5) Übrigens 
führt auch ein anderes Anzeichen, das Fehlen des Gürtels im Ringkampf 
der Atalante, den die Schollen zu Hom. ^^ 683 bezeugen, auf die Zeit nach 
Ol. 15. Und da auch die geographischen Notizen und die Weiterbildung 
der Mythen ^^) auf verhältnismässig späte Zeit hinweisen, so werden wir 
trotz des altertümlichen Charakters der Sprache ') nicht an eine Abfassung 
vor der Mitte des 7. Jahrhunderts denken dürfen. Von den beiden Ge- 
dichten pflegt man die Eöen für jünger als den eigentlichen Katalog zu 
halten; wir können nur so viel mit Bestimmtheit sagen, dass zunächst nur 
der letztere bestimmt war, an die erweiterte Theogonie angeschlossen 
zu werden.^) Auch verdient es Beachtung, dass die Stelle, welche auf 

^) S. Makckscheffel p. 132 f. Asklepia- ] mäen, Makrokephaloi und anderer Wunder- 

des in Anth, IX, 64 schreibt dem Hesiod zu | menschen führt mit Recht Makckscheffel 

fxaxiXQMv yevog (Theog.), egya (Erga) und I p, 137 auf die von Herodot IV, 152 erwähn- 

yevog aQ/aLMt/ rjQMMu (Katalogos). ten Fahrten des Samiers Korobios (OJ. 30) 

'^) Auch Lukian 7T()6g Hoio^op 1 erkennt \ zurück. Auf der anderen Seite weist die 



erweiterte Kenntnis von Italien (Th. 1014--6) 
imd die Benennung des Cheiron nach der 



A. Das Epos. 5. Hesiodos. (§ 64—65.) 



87 



das jüngste Datiini, die Gründung von Kyrene, hinweist, in den Eöen 
stund. ^) 

64. 'AfTTiig 'HQaxXtovg in 480 Versen trägt den Namen des Hesiod, 
wiewohl schon der Grammatiker Aristophanes die Unechtheit erkannte.^) 
Das Proömium (1 — 56) ist, wie uns die alte Hypothesis lehrt, aus dem 
4. Buch des Frauenkatalogs herübergenommen. An dasselbe schliesst sich 
in ganz äusserlicher Weise die Erzählung vom Kampfe des Herakles mit 
dem Unhold Kyknos im pagasäischen Hain des Apoll an, bei welchem 
Kyknos unterliegt und Ares selbst, während er seinen Sohn beschützt, ver- 
wundet wird. Den grössten Teil des Gedichtes aber nimmt die Beschrei- 
bung des Schildes des Herakles ein, wovon dasselbe auch seinen Namen 
hat. Dass damit der Autor ein Seitenstück zum Schild des Achill liefern 
wollte, liegt auf der Hand, aber ebenso auch, dass er damit weit hinter 
Homer zurückgeblieben ist. Ein Hauptfehler besteht, wie Lessing im Lao- 
koon uns gelehrt hat, darin, dass, während Homer den Schild vor unseren 
Augen entstehen lässt, hier die fertigen Bilder des Schildes in ermüdender 
Beschreibung uns vorgeführt werden. Ein Fortschritt der Kunst liegt in 
der Art der Schildverzierung: bei Homer sind es Bilder des Lebens, genre- 
mässige Scenen des Krieges, der Weinlese, der Hochzeit, bei Hesiod mytho- 
logische Gestalten, Herakles im Kampf mit den Schlangen, Streit der La- 
pithen und Kentauren, Apoll inmitten der Musen, der beflügelte Perseus 
verfolgt von den Gorgonen u. a. Dieselbe Stufe der Kunst treffen wir auf dem 
Kypseloskasten (Paus. V, 17 — 19) aus der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts, 
so dass eine Wechselbeziehung beider unbestreitbar ist.^) Auf der anderen 
Seite lebte der Dichter des Schildes vor Stesichoros und Pisander, von denen 
der erste nach der Hypothesis irgendwo des hesiodischen Schildes gedacht 
hat,*) der zweite den Herakles nicht mehr wie unser Dichter mit Schild 
und Speer, sondern wie die ganze Folgezeit mit Keule und Löwenfell dar- 
stellte. Wir setzen daher das Gedicht um 630 und nehmen des weiteren 
an, dass erst ein späterer Herausgeber demselben das Proömium aus den 
Eöen vorgesetzt hat. 

65. Ausserdem wurden dem Hesiod noch mehrere andere, aus seiner 
Schule hervorgegangene Werke zugeschrieben, von denen uns nur spärliche 
Reste erhalten sind, nämlich: 

Ki'ivxog yäfiog, Hochzeit des Herrschers von Trachys, welcher auch 
Herakles beiwohnte.-^) Die Echtheit wurde schon von Athen. 49b und Plut. 
Symp. VIII, 8 angezweifelt. 



^) Aus der alexandrinischen Zeit werden 
von Ath. 590 b erwähnt 'HoTot von Sosikrates 
und ein Tvvaixiov xarüXoyog von Nikainetos. 

^) Argum. III: vTTconrsvys de 'Jqlgto- 
(pdprjg 6 yQafXfxarixog log ovx ovaav canrjv 
'Haiödov, «PlA' £TeQoi> xivog Trjy Vfx)j(}ixiji/ 
uanlö'tx fxifxtjaccaS^cct TTQocuQovfusi'ov. Die 
Echtheit verfocht dagegen mit 13erufung auf 
den Katalog der Grammatiker Apollonios. 
Zweifel an der Echtheit hegen auch Ps. 
LoNGTN de suhl. 9, 5, der anonyme Gram- 
matiker in Bekker An. gr. 1105 u. Crami-;k 
An. Ox. IV, 315. 



^) Brunn, Die Kunst bei Homer und 
ihr Verhältnis zu den Anfängen der griech. 
Kunstgeschichte, Abh. d. b. Ak. XI, 17 ff.; 
LöscHKE, Arch. Zeit 1882, S. 46 ff.; Sittl 
ebenda 1887, S. 182 ff. 

^) Argum. III: toaccvrcog dt xcd Itviai- 
/oQog cptjGir 'Haiodov sipca ro nohj/ja. Der 
Name Stesichoros ist allerdings in dem Satz 
nicht ohne Anstoss und vielleicht aus dem 
Namen eines Grammatikers verderbt; s. in- 
des Marckscheffel p. 149 f. 

•0 Vgl. Scut. 355 f. 



88 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



^EniOaXdfiioi' sie ITrjXsa xal Gäziv. 

Grjcfk'Mg slg "AiSov xaraßacfig, erwähnt unter den unechten Werken von 
Pausanias IX, 31. 5. 

Alyiiiuog, von anderen dem Milesier Kerkops beigelegt,^) der in der 
Zeit des Onomakritos lebte und dem Fick auch die jetzige Fassung der 
Theogonie und der Erga zuschreibt. Das Gedicht behandelte den Kampf 
des Aigimios mit den Lapithen. 

MeXaiinodia in mehreren Büchern, benannt von dem pylischen Seher 
Melampus, dessen Geschlecht wie in die Telemachie und Thebais so auch 
in die Gründungssage von Kolophon verflochten war. Unter anderem war 
in dem Epos ähnlich wie in dem 'Ayoov ^Haiödov xal ^OfirjQov ein Wettstreit 
der Seher Kalchas und Mopsos vorgeführt. 2) 

XsiQcovog vTco&rjxai^ ein griechischer Ritterspiegel, der im Unterricht 
der Knaben eine grosse Rolle spielte, so dass ihn Isokrates ad Nicocl. 43 
mit Theognis und Phokylides zusammenstellt. Auch Pindar P. 6, 21 fif. 
spielt auf ihn an, indem er aus ihm den an die Zehngebote erinnernden 
Spruch anführt: „Nebst dem Herrscher Zeus ehre zumeist die Eltern." 
Nach Quintil. I, 1. 15 hat Aristophanes Byz. das Gedicht dem Hesiod ab- 
gesprochen. 

'OQvi^onavTfia, dem Schluss der Erga nach dem Zeugnis der Schollen 
angefügt, von Apollonios Rhodios aber verworfen. 3) 

MeyäXa eqya^ ^A(ftQOVO^atx(x, JdxivXoi 'löatoi, rrjg ttsqioSoc, lauter 
apokryphe Schriften. 

60. Die Gedichte des Hesiod wurden gewiss ebenso wie die des Homer 
anfangs mündlich fortgepflanzt; nur so ist die Überwucherung des Ur- 
sprünglichen durch fremdartige Zusätze erklärlich. Früh verbreitete sich 
die Kenntnis derselben auch über das griechische Festland hinaus nach dem 
ionischen Kleinasien, wie die Einreihung des Milesiers Kerkops unter den 
Kreis der hesiodischen Dichterschule und der Einfluss der Erga auf die 
Entwicklung der iambischen Poesie entnehmen lassen. Dass die schrift- 
liche Redaktion von Peisistratos ausging und dabei auch Onomakritos be- 
teiligt war, ist eine blosse Vermutung, die sich hauptsächlich auf die 
Nachricht des Plutarch Thes. 20 von der Tilgung eines Verses durch Pei- 
sistratos stützt und an der Konformität des homerischen und hesiodischen 
Textes einen Anhalt hat. Gewiss aber werden schon zuvor von Hesiod, 
noch mehr als von Homer, Aufzeichnungen einzelner Partien bestanden haben. 
Die Leute am Helikon zeigten dem Pausanias IX, 31. 4 eine Bleitafel, auf 
welcher die Erga ohne das Proömium geschrieben waren. In der Zeit nach 
Peisistratos wurden die Werke des Hesiod, die echten wie unechten, als 
eine Fundgrube für Fabelgeschichten und als ein Schatz von Lebensweis- 
heit^) in Schule und Haus fleissigst gelesen und auswendig gelernt. Von 
einer kritischen oder kommentierenden Behandlung des Dichters aus jener 
Zeit hören wir nichts; nur dass der Philosoph Xenophanes ihn als den 



1) Ath. p. 503d; Diog. II, 46 fiHirt aus 
Aristoteles an : KeQxwxp Ilaiodo) CojfiL, rslev- 
TTjaarri (^s Bsvocpilpr^g iq:iXoi'eiy.6t. 

'') Vgl. Strab. p. 642. 



■') So Proklos zu Hes. Erga 824. 
■*) Der Elegiker Hermesianax V. 22 
nennt den Hesiod nüatjg iJQuvov laroQiijg. 



A. Epos. 5. Hesiodos. (§ G6.) — 6. Die späteren Epiker. (§ 67.) 



89 



Begründer der falschen Vorstellungen von den Göttern heftig befehdete, ^ 
und der Logograph Akusilaos ihn in Prosa umsetzte und berichtigte. 2) In 
der alexandrinischen Zeit ward neben Homer auch der Text des Hesiod 
von den hervorragendsten Kritikern, Zenodot, Apollonios Ehodios, Ari- 
stophanes, Aristarch, Krates, Seleukos, bearbeitet. Aristophanes und Aristarch 
setzten auch bei ihm ihre kritischen Zeichen, die dann in ähnlicher Weise 
wie bei Homer den Ausgangspunkt für die Kommentare des Didymos und 
Aristonikos bildeten.^) Natürlich bot sodann die Götterlehre des Hesiod 
den Stoikern und Neuplatonikern willkommene Gelegenheit zu allegorischen 
Erklärungsversuchen. Plutarch, der Landsmann und Verehrer Hesiods, 
schrieb 4 Bücher Kommentare zu den Werken, welche die Grundlage der 
erhaltenen Schollen des Neuplatonikers Proklos (5. Jahrh.) bildeten. Im 
byzantinischen Mittelalter fehlte es nicht an Erklärern der Erga und der 
Theogonie, aber die Kommentare des Tzetzes, Moschopulos, Triklinios und 
die ^A'klrffoqiai de, zrjv tov ^HaiöSov Qeoyoviav des lo. Diakonos Galenos 
(11. Jahrh.) verarbeiteten nur den überkommenen Stock alter Schollen, so 
dass es die Aufgabe der modernen Philologie war, wieder den Kern alter 
Gelehrsamkeit aus der Umhüllung byzantinischer Geschwätzigkeit heraus- 
zuschälen. 

Codd.: Der älteste und beste Codex ist ein Mediceus 31, 39 s. XII (enthält Hesiodi 
Op. u. Oppiani Halieut.); ihm stehen zunächst ein zweiter Mediceus 32, 16 s. XIII (enthält 
Theog. Scut. Op., Nonnos etc.), Ambros. C 222 s. XIII (Op. und Scut.) und Messanius 
s. XIV (Op,); für Theog. u. Scut. 2 Pariser Codd. vom Athos, N. 6C3 u. 679, besprochen von 
SiTTL, Stzb. d. b. Ak. 1889, S. 351 ff. Kritischer Apparat in den Ausgaben von Köchly- 
KiNKEL, Lips. 1870, RzACH in Bibl. Schenk. 1884, Sittl, Athen 1890. 

Scholien, über deren Bestandteile bereits § Qß gehandelt ist, herausgegeben in Gais- 
ford's Poetae graec. min. vol. II des Leipziger Druckes 1823. — Glossen und Scholien 
zur hesiodischen Theogonie von Flach, Leipz. 1876. 

Ausgaben: ed princ. Mediolani 1493; cuni. notis variorum cur. Lösner, Lips, 1778, 
enthält auch die Vita von Robinson; rec. et commentariis instruxit Göttling, ed. III cur. 
Flach, Lips. 1878; ed. Sittl, Athen 1890; Textausg. mit Comment. er it. von Schömann, 
Berol. 1869. — Zerlegung der Gedichte in ihre Teile und Zurückführung auf ihre ursprüng- 
liche Form versucht von Fick, Hesiods Gedichte, Gott. 1887; die Erga zerlegt von Kikch- 
hoff, Hesiodos' Mahnlieder an Perses, Berl. 1889. — Separatausgaben; 'EQya comment. instr. 
VAN Lennep, Amstel. 1843; Die Werke u. Tage des Hesiod von Steitz, Leipzig 1869; von 
Kirchhoff, Berl. 1889. — Die hesiodische Theogonie von Welcker, Elberfeld 1865; Schö- 
mann, Berl. 1868 — Hesiodi quod fertur Scutum ed. Ranke, Quedlinb. 1840; Deiters, De 
Hes. scuti descriptione, Bonn 1858; dazu Lehrs, Pop. Aufs.- 427 ff. — Hesiodi EumeVi 
Cinaethonis Asii et carminis Naupactii fragm. coli. Marckscheffel, Lips. 1840. — Er- 
läuterungsschriften: Schömann's Abhandlungen zu Hesiod, im 2. Bde. seiner Opusc. acad., 
Berl. 1857; Muetzell, De emendatione Theogoniae Hesiodeae, Lips. 1833; Welcker, Die 
hesiodische Theogonie, Elberfeld 1865; A. Meyer, De compositione Theog. Hes., Berl. 1887; 
0. Gruppe, Die griech. Kulte u. Mythen I, 567—612. 



6.":Die späteren Epiker. 

67. Genealogisches Epos. Mit dem Hingang Homers und Hesiods 
ging die Blüte des griechischen Epos zur Neige; im 7. und 6. Jahrhundert 

1) Sext. Emp. I, 289 u. IX, 19.3; Athen, 
462 f. ; Diog. TT, 46 : Ke^xonp Haio&co i^Mvii 
(sc. i(piXoveixEi), xslsvz^öavii ^k 6 ttqoeiqt]- 
fiEvog 'Eevocpdv7]g, 

''^) Clem. Alex, ström. VI, p. 629: t« 
Hacodov ^sx^Xhc^sv eig nsCoy löyov. Joseph, 
c. Ap. I, 3: Off« 6h diioQ&ovio töu 'Halodoy 
'AxovGihiog. 



•^) Suidas erwähnt von Aristonikos eine 
Schrift -negl rcov at]fxel(tiv tmu ev r^ &soyoina 
'llai66ov. Die Fragmente zusammengestellt 
von Flach, Glossen und Scholien zur hesiod. 
Theog. S. 100 ff. Didymos benützte beson- 
ders noch die ausführlichen Kommentare des 
Seleukos, worüber ebenda S. 112 ff. 



90 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

drängte die frisch aufblühende Gattung der elegischen und lyrischen Poesie 
das Epos in den Hintergrund. Doch fehlte es auch in dieser Zeit nicht 
ganz an Versuchen im epischen Versmass, ') insbesondere war es das 
genealogische Epos, das sich auch noch im 7. Jahrhundert mannigfacher 
Pflege erfreute. Zugleich ersehen wir aus den Namen der Dichter und den 
trümmerhaften Resten ihrer Poesien, dass in jener Zeit das Epos die Grenzen 
seiner alten Heimat zu überschreiten und auch im Peloponnes Wurzel zu 
schlagen begann. Insbesondere war es Korinth, das damals wie in der 
politischen Stellung, so auch auf geistigem Gebiete den Wettkampf mit den 
übrigen Staaten Griechenlands aufnahm. Es war eben die Zeit, in der die Stadt 
des Isthmus unter der kräftigen Führung des adeligen Geschlechtes der Bak- 
chiaden und der volkstümlichen Tyrannen Kypselos (657—627) und Periander 
(627 — 587) zu ungewöhnlicher Macht emporstieg. Die Blüte der epischen 
Poesie ging dort Hand in Hand mit dem Aufschwung der Toreutik 
und Vasenmalerei; kann man doch geradezu die berühmten, mit me- 
trischen Beischriften versehenen Darstellungen der Kypseloslade '^) die äl- 
teste Bilderchronik der Griechen nennen. Der berühmteste der korinthischen 
Epiker war 

Eumelos,^) Sohn des Amphilytos aus dem Geschlechte der Bakchia- 
den. Die Blüte desselben wird von den Alten in die Zeit des Archias, des 
Gründers von Syrakus, also um 740 gesetzt,'^) wird aber kaum vor Mitte des 
7. Jahrhunderts gefallen sein, da doch nach dem ganzen Gang der Dinge die 
korinthische Dichterschule erst nach der hesiodischen oder böotischen zur Ent- 
wicklung gekommen sein kann. Sein Hauptwerk waren die KoQiv&iaxd, worin 
die sagenhafte Vorgeschichte Korinths behandelt war, darunter auch die Ver- 
stossung der Medea und die Heirat des lason mit der Kreusa, der Tochter 
des Königs Kreon von Korinth.-^) Dies Gedicht wurde später in einen pro- 
saischen, von Pausanias II, 1. 1 erwähnten Auszug gebracht. Ausserdem 
dichtete Eumelos eine EvQcoTria, in der die Fabel von der Europe, der 
Tochter des phönikischen Königs Agenor, vorkam, und ein ländliches Ge- 
dicht Bovyovia. Auch ein Prosodion, also ein lyrisches Gedicht, in Hexa- 
metern, das er für die Messenier auf den Gott in Delos dichtete, erwähnt 
Paus. IV, 4. 1 u. 33. 3. Aber die Vermutung des Periegeten V, 19. 10, dass 



^) Marckscheffel, Hesiodi Eumeli Ci- | nis zu den homerischen Dichtungen ist 

naethonis Äsii fragni , Lips. 1840; Duentzer. | wichtig, dass er schon die milesischenPontos- 

Die Fragmente der epischen Poesie der ! fahrten bis an den Borysthenes (fr. 17) kennt 

Griechen, Cöln 1840, 2 Teile; Kinkel, Epi- und das Diganima geradeso wie der i)ichter 

corum graec. fragmenta, in Bibl. Teubn. 1877. ^ der Verse desKypseloskastens vernachlässigt. 

'^) Wir kennen dieselben bekanntlich •") Die Medeasage war Avohl von Nau- 



aus der Beschreibung des Pausanias V, 17 — 19. 
^) WiLiscH, Die Fragmente des Epikers 
Eumolos, Zittauer Progr. 1875, Spuren alt- 
korinthischer Dichtung ausser Eumelos, Jahrb. 
f. Phil. 123, 161 ff. 



paktus, von welcher Stadt die NavndxTUi 
eni] benannt sind, nach Korinth gebracht 
worden. Zur Verknüpfung derselben mit der 
heimischen Sage von Korinth scheint die 
Überlieferung von einer korinthischen Heroin 



^) So Clemens Alex, ström. I, p. 144; i Medeia (s. Schol. Eur. Med. 10) und die 

Eusebios setzt ihn Ol, 5 u. 9. Zu diesen i Totenfeier an zwei Kindergräbern im Haine 

Angaben stimmt im allgemeinen die Über- j der 'Uqa dy.Qcdc. zu Korinth (s. Eur. iSIed. 

lieferung (Paus. IV, 4. 1), dass er für den 1379 und Paus. 11, 3. (i) Anstoss gegeben 

König von Messenien Phintas ein Prosodion | zu haben, 

gedichtet habe. Für sein zeitliches Verhält- j 



A. Epos. 6. Die späteren Epiker, (§ 68.) 91 

er auch die Verse auf dem Kypseloskasten verfasst habe, ist mit den son- 
stigen Angaben über die Zeit unseres Dichters nicht wohl vereinbar. 

68. Dem argivischen Sagenkreis gehörte die Alkmaionis an, deren 
Verfasser nicht vor dem Schluss des 7. Jahrhunderts lebte, da derselbe als 
Schwester der Penelope den Leukadios anführt (Strabon p. 452), der von 
der unter Kypselos oder Periander gegründeten korinthischen Kolonie Leukas 
seinen Namen hat. ^) Das Epos ist auf dem Boden Korinths entstanden 
und behandelte im Anschluss an den Zug der Epigonen gegen Theben die 
Schicksale des heimkehrenden Alkmaion und die Gründung des amphilochi- 
schen Argos. Da in diese Gründungssage auch die Geschicke des Tydeus 
und Diomedes verflochten waren, so diente die Alkmaionis zugleich dazu, 
den thebanischen Sagenkreis an den troischen anzuschliessen.^) Die Mythen 
des Epos boten später den Tragikern reichen Stoff für ihre Dramen. 

Die NavTtäxTia sirrj waren ein genealogisches Epos auf berühmte 
Frauen nach Art der Eöen; als Verfasser derselben ward nach Paus. X, 
38. 11 von den einen ein Milesier (Kerkops?), nach anderen Karkinos 
aus Naupaktos genannt. Es war in dem Gedicht namentlich auch, im An- 
schluss an Medea, die Argonautensage behandelt, weshalb dasselbe öfters 
in den Scholien zu Apollonios Rhodios angeführt wird. 

Kinaithon aus Lakedämon, nicht zu verwechseln mit dem chiischen 
Rhapsoden Ky naithos ,.3) wird von Pausanias II, 3. 7 als genealogischer 
Dichter bezeichnet. Auf ein genealogisches Gedicht weisen auch die dem 
Kinaithon zugeschriebenen Nachrichten über Medea, Helena, Orestes, 
Talos. Ausserdem wird derselbe von den Alten vermutungsweise für den 
Verfasser der OldiTtööeia, der ^Ihccg jj^ixgcc und einer ^HQccxlsia ausgegeben. 
Seine Zeit steht nicht fest; denn der Ansatz des Eusebios auf Ol. 5 ist 
zweifelsohne zu hoch gegriffen; die Nachrichten desselben über Medea bei 
Paus. II, 3. 9 rücken ihn unter Eumelos herab. 

Chersias aus Orchomenos lebte um Ol. 40 zur Zeit des Periander. ^) 
Seine stiti konnte schon Pausanias (s. IX, 38. 9) nicht mehr auftreiben. In dev 
Vita des Hesiod wird ihm auch das Epigramm auf dem Grabdenkmal des 
Hesiod in Orchomenos zugeschrieben. 

Asios, der Sohn des Amphiptolemos aus Samos, hatte gleichfalls 
Genealogien gedichtet, die noch Pausanias häufig benützte. Dem Athenaios 
p. 525 e verdanken wir die Erhaltung mehrerer Verse auf den Luxus der 
Samier, wie sie in langen, bis auf die Erde herabwallenden Röcken und 
mit goldenen Zikaden im Haar-^) zum Tempel der Hera zogen. Dieselben 
gehören aber schwerlich dem genealogischen Epos des Asios an, sondern 
einem anderen Gedichte von satirischem Charakter. Auch Verse einer 
Spottelegie auf die Hochzeit des vom Flusschlamm aufsteigenden Gottes 
Meles werden von Ath. p. 125 b angeführt. Schon diese dienen zum Be- 



^) Obekhummer, Akarnanien S. 74. { ■') Einen ähnlichen Haarschmuck trugen 



^) Siehe hierüber Immisch, Klaros, Jahrb 
f. Phil. Suppl. XVII, 182-193. 

^) Verwechselt von Welcker, Ep. Cycl. 
I, 227. Die Etymologie der beiden Namen 
ist dunkel. 

*) Nach Plut. Conv. sept. sap. p. 156 e. 



41 



die alten Athener nach Thuc. I, 6, Aristoph. 
Equ. 1328, Schol. Arist. Nub. 980. Ein 
Terrakottenköpfchen mit solchen Haarver- 
zierungen aus Kleinasien besitzt das Anti- 
quarium in München n. 35. 



92 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



weis, dass man den Ausdruck "A(tiov rdv naXmov sxeTvov bei Ath. 125b 
nicht streng nehmen darf und lassen uns Urlichs (Rh. M. 10, 3) beistimmen, 
wenn er unsern Dichter auf Ol. 35 — 40 herabrückt. 

Speziellen Sagenkreisen galten folgende Epen: 

'ÄT&i'g des Hegesinos, aus welcher 4 Verse Paus. IX, 29. 1 anführt, 
ohne das Buch selbst mehr zur Hand zu haben. 

WoQonig von einem unbekannten Verfasser; das Epos benützten als 
Quelle die Logographen Hellanikos und Akusilaos. 

OsffTTQcoTig, angeführt von Paus. VIII, 12. 5 und wohl identisch mit 
des Musaios sTirj tvsqI QsaTVQonm", vgl. § 54. 

^HQccxXeiai,^) von denen eine bald dem Kinaithon,^) bald einem gewissen 
Konon zugeschrieben wird. 

0/yö'r//c von Diphilos aus unbekannter Zeit.^) 

Die ^ÄQii^iaansia sttyj des Aristeas aus Prokonnesos in 3. B. berei- 
cherten die Mythen weit der Griechen mit neuen Fabeln. 4) Über den Ver- 
fasser und den Inhalt dieser k'rrrj ist Hauptquelle Herodot IV, 13 — 16. 
Danach stammte Aristeas aus einer angesehenen Familie von Prokonnesos, 
einer Kolonie der Milesier an der Propontis, und stand in dem Rufe eines 
Wundermannes {(poißoXa/inrog). Von seiner Heimat aus machte er aus- 
gedehnte Reisen nach dem Norden bis zu den Issedonen und erzählte in 
seinen em] fabelhafte Dinge von den Völkern jener fernen Länder, von den 
einäugigen Arimaspen, den goldhütenden Greifen, den Hyperboreern, Kim- 
meriern, Skythen u. a.^) Seine Blüte setzt Suidas Ol. 50 (58?) in die 
Regierung des Kyros und Kroisos;^) Herodot IV, 15 lässt ihn 240 Jahre 
vor seiner Zeit, also schier 100 Jahre früher leben. '^) 

69. Das Kunstepos. Das eigentliche Epos, das Heldengedicht, war 
mit den letzten Homeriden so gut wie verklungen. Homer und seine Nach- 
folger hatten aus dem Jungbrunnen der epischen Poesie, der volkstümlichen 
Sage, geschöpft ; sie waren dadurch Volksdichter im edelsten Sinne des 
Wortes geworden und stunden mit ihren Dichtungen mitten in ihrem Volke 
und ihrem Stamme. Das hatte jetzt aufgehört : es gab zwar noch Dichter, 
welche immer von neuem sich an der poetischen Gestaltung der alten Sagen 
versuchten, aber das thaten sie für sich ohne Zusammenhang mit dem Volk. 



^) Arist. Poet. 8: (fid Tfävxsg solxaaiy 
o.fxaQXÜvEiv oooi xdüv 7J0L7]iMv JlQaxXtflö'a 
'/.cd QrjGrji^cc xal zd roiccvTCi noirjfxcaa nsnoit]- 
YMGLv ' oXovrai yctq inel sig iqp 6 '^HgaxXijg^ 
epcc -/.cd xov fiv&op elvca TXQoayjy.eiv. 

2) Kivai&og lieisst der Verfasser in Schol. 
zu Apoll. I, 1357, XoVwr zu I, 1165. Wila- 
MowiTZj Eur. Herakles I, 311 hat die Kühn- 
heit, auch einen dorischen, vor Hesiod leben- 
den Dichter der zwölf Thaten des Herakles 
anzunehmen. 

^) Einer späteren Zeit gehörte Zoj^yros 
an, der nach Stob. Flor. 64, 38 im 3. Buch 
seiner in Prosa geschriebenen Theseis den 
Medeamythus erzählte. Die der Theseis des 
Diphilos vom Scholiasten zu Pind. Ol. X, 83 
zugewiesenen choliambischen Trimeter ge- 
hören vielleicht dem Theseus des Komikers 
Diphilos an. 



^) Suidas führt von ihm auch eine 
Theogonie und Schriften in Prosa an; die 
Echtheit aller Schriften bezweifelt Dionys 
de Thuc. 23; s. Touknier, De Aristea Pro- 
connesio et Arimaspeo jjoetnate, Par. 1863. 

^) Aristeas beschrieb Land und Leute 
vom schwarzen Meer bis zur Ostsee; dass 
in der That griechische Handelswege so 
weit hinaufreichten, bezeugen die Funde von 
39 altgriechischen Autonommünzen an der 
Netze und von grossen Goldgeräten bei 
Vettersfelde, worüber Furtwängler in dem 
43. Winckelmannsprogr., Berl. 1883 handelt. 

^) Suidas: yeyops de xaxd Kqoioov y.cd 
KvQov SXvfjTiic'i^i v {pT] em. Flach nach 
Rohde). 

') Dort liest jetzt Stein nach den besten 
Handschriften xsoGeodxovxa xcd dii]xoaioiGi 
statt des früheren TQirjxooloiaiv. 



A. £pos. 6. Die späteren Epiker (§ 69—71.) 



93 



Dass immerhin auch so noch Gutes geleistet wurde, zeigt die Aufnahme 
dreier dieser Epiker in den Kanon der alexandrinischen Kunstrichter. ^) 
Unter diesen ist der älteste 

Peisandros, Sohn des Peison und der Aristaichme aus Kameiros 
in Rhodos,'^) Verfasser einer Herakleia in 2 (wahrscheinlich 12) B. Die 
Zwölfzahl der Arbeiten, das Löwenfell und die Keule des Heros gingen von 
Peisander in die Fabelgeschichte über. 3) Die Kraft der Darstellung und die 
Konzentrierung der Erzählung auf eine Person verschafften dem Gedicht sein 
hohes Ansehen;"^) erhalten sind uns nur einige wenige Verse. Die Zeit des 
Dichters wird von Suidas Ol. 33 (um 645) gesetzt; nach den Resten seines 
Gedichtes kann er nicht älter als das 6. Jahrh. gewesen sein."'^) Wohl zu 
unterscheiden von ihm ist ein jüngerer Peisander, der unter Alexander 
Severus eine ^loTOQia jioixiAtj 6i' inöov schrieb. 

70. Panyassis aus Halikarnass,*^) Oheim oder Vetter des Historikers 
Herodot, der in den Freiheitskämpfen seiner Vaterstadt durch den Tyrannen 
Lygdamis den Tod fand,") erweckte die epische Poesie wieder zu neuem 
Leben. Seine Berühmtheit verdankte er der Herakleia in 14 B., in welche 
er des Kreophylos Ol^aXiag aXcocrig verflocht.'^) Ausserdem dichtete er in 
elegischem Versmass %)vixä, in denen er die Gründungsgeschichte der ioni- 
schen Kolonien Kleinasiens erzählte. Einen fröhlichen Sinn voll Weines- 
lust atmen die schönen Fragmente, die sich uns erhalten haben. 

71. Chol ri los aus Samos,^) jüngerer Zeitgenosse und Verehrer des 
Herodot, dem wir gegen Ende des peloponnesischen Krieges zuerst als 
Begleiter des Feldherrn Lysander^) und dann neben dem Tragiker Agathen, 
dem Komiker Piaton u. a. an dem Hofe des Königs Archelaos von Make- 
donien begegnen, 10) wählte nach dem Vorbild des Aischylos zu seinem Epos 
Jl8Q(Trjig {nsQcnxä bei Herodian) den Stoff aus der Zeitgeschichte. Schön 
begründet er in dem erhaltenen Proömium diesen seinen Plan damit, dass dem 
Diener der Musen, nachdem alles verteilt sei, nichts übrig bleibe, als einen 
neuen Weg zu suchen. Die Perseis hatte ihren Mittelpunkt in dem Sieg 
der Athener über den Perserkönig Xerxes ; durch Volksbeschluss der Athe- 
ner erhielt sie die Ehre mit den Gedichten des Homer öffentlich, vermut- 
lich an den Panathenäen, vorgelesen zu werden (Suidas). Ein zweites Ge- 
dicht des Choirilos JSaj.uaxä ist frühzeitig verschollen. Verschieden von 
dem Verfasser der Perseis ist der Epiker Choirilos aus lasos in Karlen, 
der Herold der Ruhmesthaten Alexanders, welcher durch Horaz Ep. II, 1. 
232 u. 3. 357 f. eine traurige Berühmtheit erlangt hat. 



^) Procl. ehrest, p. 230 W. : ysyovaai 
&8 rov enovg novrjral XQc'ntaroi ^usy 'Of^ijQog, 
'^Haiocfog, lleiTap^Qoc. Uuvvtcaig, ^Jvxi^u^og, 

'^) Das unter seiner Statue stehende, dem 
Theokrit zugeschriebene Gedicht steht in 
Anth. Pal. 9, 598. 

3) 0. MüLLEE, Dorier II, 475 fF. 

■*) Quint. X, 1. 56: Quid? Herculis acta 
non hene Fisandros? 

^) WiLAMowiTz, Euripides Herakles I, 
309. 

^) Der Historiker Duris bei Suidas nennt 



ihn Sohn des Diokles (andere des Polyarchos) 
und macht ihn aus Lokalpatriotismus zu 
einem Samier, weil er, wie Herodot, zur 
Zeit seiner Verbannung in Samos lebte. Auf 
Inschriften wird der Name TIavvaxig ge- 
schrieben. 

') Clem. Alex, ström. VI, p. 266. 

^) Choerili Samii quae supersunt coli. 
Naeke, Lips. 1817. 

«) Plut. Lysand. 18. 

^") Marcellinus vit. Thuc. 29. 



94 Grieciiisciio Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

72. Antimachos aus Kolophon,i) der Dichter der Thebais, lebte zur 
Zeit des peloponnesischen Krieges bis in die liegierungszeit des Artaxerxes 
hinein.-) Bekannt ist die Anekdote von der Anerkennung, die Piaton 
seinen Dichtungen schenkte, womit sich derselbe über seine sonstigen 
Misserfolge tröstete: Flato mihi unus instar est milium.^) Sein Hauptwerk 
war das weit ausgesponnene Epos Oijßätg. Aber mehr Ansehen bei den 
Späteren verschaffte ihm das grosse, mindestens 2 B. umfassende elegische 
Gedicht yivSr^, in welchem er sich über den Tod seiner Geliebten Lyde 
durch Erzählung unglücklicher Liebesverhältnisse der mythischen Vorzeit 
wegzudichten suchte.'*) Die Grammatiker, die ihn als Hauptvertreter des 
kraftvollen, rauhen Stils {ccvazrjQd aQßovia) betrachteten, •'') gaben ihm die 
nächste Stelle nach Homer, wozu Quintilian X, 1. 53 die feine Bemerkung 
macht: ut plane manifesto apxKoreat, quanto sit aliud proximum esse., aliud 
secundum. 

73. Die religiösen sirtj. Den epischen Hexameter und den home- 
rischen Dialekt eigneten sich die Orakel und Priester um so eher an, als 
sich schon die hieratische Poesie vor Homer des Hexameters bedient hatte. 
Das Orakelwesen und der Geheimkult der Sühnungen kam erst nach dem 
8. Jahrhundert auf ;'^) in der Ilias wird nur einmal und zwar in dem jungen 
Gesang der Presbeia / 404 der Schätze gedacht, welche die eherne Schwelle 
des pfeilentsendenden Gottes einschliesse, und erst in der Erweiterung des 
Nostos, Od. ü- 79 f., hören wir von einem Orakel, das Apoll in der heiligen 
Pytho den Achäern gab. Hesiod selbst spricht in seinen echten Werken 
wohl von jener heiligen Stätte, ^) aber erst die späteren Fälscher legten ihm 
auch eTTij i^iaviixa bei. In den nachfolgenden Zeiten entwickelte sich unter 
dem Einfluss der Priesterschaft von Delphi und des im 6. Jahrh. um sich 
greifenden Geheimkultus der Orphiker eine erhebliche Litteratur von mysti- 
schen Gedichten in epischem Versmass. 

Dahin gehören vor allem die Orakelsprüche (/^^yc/io/) von Delphi, 
die seit dem 6. Jahrh. mit dem steigenden politischen Einfluss der delphi- 
schen Priesterschaft zahlreicher und kunstvoller wurden ; erhalten sind 
uns solche nur durch gelegentliche Anführungen bei Historikern und Gram- 
matikern.^) 

Von dem Hyperboreer Abaris, der nach Herodot IV, 36 mit einem 



^) Clarius lieisst er bei Ovid. Trist. I, | "*) Asklepiades in Antli. IX, G3 preist 

0. 1 nach dem benachbarten Klares. — Übej- überschwenglich das Gedicht: xd iivpdv Mov- 



einen angeblich älteren Epiker Antimachos 
aus Teos s. Immlsch, Jahrb. f. Phil. Suppl. 
XVII, 129 f. 

'^) Unter Artaxerxes setzt seine Blüte 
Diodor XIII, 108 nach dem Chronographen 
Apollodor. 

') Cic. Brut. 51; Plut. Lys. 18. Dass 
dagegen andere chronologische Bedenken 
erhoben, ersieht man aus der Bemerkung 
des Suidas: ytyoi/e (^e ttqo IlXäioji^og. Hera- 
kleides Pont, in Schol. Plat. Tim. I p. 28e 
erzählt von einer Sammlung der Gedichte 
des Antimachos, die sein Bewunderer Piaton 



•') Dionys. Halic. cens. vett. Script. II, '1 
und de comp. verb. 22. 

c) Lobeck. Aglaoph. 304-317. 

") nvi^oL fV ijyai^trj Theog. 499 an der- 
selben Versstelle, wie Od. f^ 80, was auf 
gegenseitige Abhängigkeit der beiden Stellen 
hinweist. 

^) Hendess, Oracula qraeca in Diss. 
Hai. IV (1877). Viele der angeführten Orakel 
sind erst später erdichtet oder interpoliert 
worden; namentlich gilt dieses von den 
Orakeln in iambischen Trimetern und ini 



veranlasst habe. \ nichtepischen Dialekt, 



A. JEpos. 6. Die späteren Epiker. (§ 72—74.) 



95 



von Apoll ihm geschenkten Pfeil umherzog, 9 erwähnt Suidas skythische 
Orakelsprüche, ein Gedicht von der Reise des Apoll zu den Hyperboreern, 
Reinigungen und eine Theogonie in Prosa. Offenbar lebte der Schwindler 
nach Aristeas; Suidas setzt ihn Ol. 53. 

Von Epimenides dem Kreter, einem halbmythischen Hellseher, welcher 
nach Diogenes und Suidas in der 46. Olympiade Athen vom kylonischen Frevel 
reinigte,^) nach Piaton aber erst 10 Jahre vor den Perserkriegen in ähn- 
licher Eigenschaft nach Athen kam,^) zirkulierten eine Orakelsammlung,*) 
eine Theogonie, ein Epos vom Argonautenzuge, überdies Schriften über 
Opfer und Reinigungen in Prosa ;^) auch eine Geschichte der fabelhaften 
Teichinen wurde von einigen unserem Epimenides zugeschrieben/') 

Onomakritos,') der von Hipparch aus Athen verjagt wurde, weil 
er von Lasos aus Hermione der Fälschung von Orakeln überführt worden 
war, der uns aber später wieder bei dem Perserkönig als Freund des Peisi- 
stratos begegnet,^) Hess sich nicht bloss von dem kunstsinnigen Tyrannen 
Athens zu seinen litterarischen Unternehmungen benützen, sondern dichtete 
auch selbst ^'/r/y, welche nach den Citaten des Pausanias VHI, 31 u. 37 und 
IX, 35 in das Gebiet der Theogonie einschlugen. Am meisten aber scheint 
er sein versifikatorisches Geschick dazu verwendet zu haben, um Gedichte 
des Musaios und Orpheus in die Litteratur einzuschwärzen.^) Aber zu weit 
ging man ehedem, wenn man auch die uns erhaltenen orphischen Hymnen 
dem Onomakritos beilegen wollte. 

Neben Onomakritos werden noch Zopyros aus Heraklea, Nikias 
von Elea und die Pythagoreer Brontinos und Kerkops als Verfasser 
solch mystischer Dichtungen genannt, - auf die wir unten bei den Orphika 
nochmals zurückkommen werden. Wohl zahlreicher noch als die auf einen 
bestimmten Namen zurückgeführten hieratischen Gedichte waren die ano- 
nymen, an den verschiedenen Mysterien- und Orakelplätzen (Eleusis. An- 
dania, Samothrake, Delphi, Dodona) bei den Weihen, Sühnungen und son- 
stigen religiösen Übungen gesungenen Verse. 

74. Die philosophischen Lehrgedichte {cpiXocroc/a emj) waren 
Ausläufer des didaktischen Epos. Die Theogonie des Hesiod galt und gilt 



^) Nach Ps. Plat., Axioch. p. 371 haben 
die mystischen Lehren von der Unterwelt 
Opis u. Hekaergos aus dem Hyberboreerland 
auf eherner Tafel nach Delos gebracht. 

'') Diog. I, 110; bei Suidas ist 6X. fx&' 
überliefert. Xenophanes gab ihm nach Dio- 
genes ein Leben von 154, die Kreter gar 
von 299 Jahren, was mit dem weiten Ab- 
stand der ihm zugeschriebenen Wiederaufer- 
stehungen zusammenhängt. 

^) Plat. legg. I p. G42d; danach fiele 
seine Blüte 500 v. Chr.; siehe 
TöPFFER, Att. Geneal. 140 ff. 

'') Arist. Rhet. III, 17 p. 1418a 24; 
Plut. de orac. def. 1, 

■"') Suidas: tyQucps cTf noXld enLxdÜg xal 
y.c(T(doyd(^i]t/. Diog. 1,111: snoitjae (fe Kov- 
QriTOiv xcd KoQvßt'ivTMv y^vsaiv xmI ^soXoyiav 
t7T7j 71 evrcixia/iha, ^Jqyovg rav7ir]yiciv le xal 
Jüaofog €i^g KoX/ovg unönXovv tn^j tiuxia- 



dagegen 



/Ihcc nsvxccxöoia ' avi'syQaipe Je xcd xcaaloyd- 
JVy^ tisqI x^vguov xcdi Tfjg kv Kg/jirj nohrslag 
xcd 7TS(jI M'ivoi xcdi 'Vci(^cifA.dv\^vog sig sni] ts- 
XQaxiGxihcc. Über die geringe Verlässigkoit 
der Angaben vgl. Hiller, Rh. M. 37, 525 f. 
Die Reste der Theogonien besprochen von 
Kern, De Orpliei, Epimenidis, Phcreci/clis 
tlieogoniis, Berol. 1888. 

^) Ath. 282 e: 6 jiqy TeX/tyiccxyi/ laro- 
Qiav avy^eig, €it€ 'Enifxevi^ijg eotIv 6 KQt]g 
ij T)]'kexXEL&t]g ftr' ciXlog zig. 

^) RiTSCHL, Onomakritos von Athen, 
Opusc. I, 238 ff. 

«) Herod. VII, 6. 

'-•) Clemens Alex, ström, I, p. 143: ov 
rd eig \)QCfEa dvacpSQo^eva noi7]^ciTci 'Atye- 
rni Eivai . . . xal rovg fusy c<ycccpsQo/ut'i'ovg 
slg Movacdov /Q7]afxovg ^OvofxaxQLXov €h^c<t 
Xiyovaiv. 



96 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



auch jetzt noch als die Vorhalle der philosophischen Spekulation. Was 
war da natürlicher, als dass auch die ersten Philosophen zur Zeit, als es 
noch keine Prosa gab und die Philosophie noch nicht in der Dürre ab- 
strakter Darstellung ihr Ideal suchte, sich der poetischen Form und des 
epischen Hexameters bedienten? Die ersten Philosophen indes, die Phy- 
siker im ionischen Kleinasien, und der Begründer der ethisch-mathematischen 
Richtung der Philosophie, Pythagoras in Unteritalien, schrieben überhaupt 
nichts, sondern beschränkten sich auf mündliche Unterweisung ihrer Schüler 
und Anhänger, weshalb die spätere Veröffentlichung der Lehre durch Schriften 
als ein Hinausgeben {sxdovvai, edere) bezeichnet wurde. Der Brauch, die 
Lehre zu veröffentlichen und in der einschmeichelnden Form poetischer 
Einkleidung hinauszugeben, kam durch die Eleaten im 6. Jahrli. auf. Voll- 
ständig ist uns von solchen philosophischen Gedichten nichts erhalten, wohl 
aber sind zahlreiche Fragmente auf uns gekommen, die sich durch poetische 
Schönheit fast mehr noch als durch gedankenreichen Inhalt empfehlen, i) 

Xenophanes aus Kolophon, Gründer der eleatischen Schule, blühte 
in der 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts 2) und brachte aus seiner Heimat, die seit 
alters Sitz einer Homeridenschule war, die Übung des rhapsodischen Vor- 
trags mit.-^) Er dichtete selbst in der Manier der Genealogen die Epen 
KoXo(fMvog xTidig und 'AjToixKf^aog slq 'Eltav Trjg ^ItaXiag. Aber grössere 
Berühmtheit brachten ihm das philosophische Lehrgedicht ttsqI (fvas^g und 
die gegen Philosophen und Dichter gerichteten Spottverse (Silloi).^) Als 
Vertreter des Monotheismus'*) eiferte er leidenschaftlich gegen Homer und 
Hesiod, welche bei den Menschen die unwürdigen Vorstellungen von den 
Göttern verbreitet hätten; berühmt sind die Verse: 

TCccvTct O^soTg dväx^^rjxav ^'OfxrjQog ^' '^Haioöög ts^ 

odüa naq drO^QcoTTOKnv ovsiöea xal ifioyog iaziv . . . 

o;g nXeiax' icfd^ey'^avro d^scov d&siiiaTia eqya, 

xXsTTTSiv i^ioiyi8V8iv TS xal dXXijXovg ccTtaTSvinv.^) 
Hohen Ansehens erfreuten sich auch seine, zum Teil uns noch erhaltenen 
Elegien, in denen er in edler Sprache den Vorzug der Lehren der Weisheit 
vor den thörichten Anschauungen des grossen Haufens pries. 

Parmenides, der angesehenste unter den eleatischen Philosophen, I 
der ausser seinem Lehrer Xenophanes auch die Pythagoreer Ameinias und 
Diochaites hörte, blühte nach Diog. IX, 23 in der 69. (wahrscheinlich 79.) 
Olympiade.') Sokrates hat als ganz junger Mann (Plat. Parm. 127a) den- 



') Die Reste gedruckt in den Samm- 
lungen der Fragmente der griechischen Philo- 
sophen von Ritter-Preller, Karsten, Mullach. 

'^) Zeller, Die Philosophie der Griechen 
I^, 486; die Angaben der Alten gehen weit 
auseinander: Diog. IX, 20 setzt seine Blüte 
Ol. GO, ApoUodor bei Clem. Alex, ström. I, 
301 lässt ihn von Ol. 40 bis zu den Zeiten 
des Kyrus und Darius leben (s, Unger im 
Philol. 43, 209 fif.); Timaios macht ihn zum 
Zeitgenossen des älteren Hieron und Epi- 
charmos (s. Plut. apophth. reg. p. 175 c). 
Das P]ntscheidende ist, dass er den Pytha- 
goras und ihn Heraklit erwähnt. 



^) Diog. IX, 18 e: avjog iQQccipiodsi tu 

iciVTOV. 

^) Dass er solche Sillen geschrieben, 
wenn der Titel otlloi auch erst später der 
Dichtung gegeben sein sollte, erweist neuer- 
dings Wachsmuth, Sillogr. gr. 55 ff. 

5) Vgl. unten § 274. 

^) Darauf geht die Anekdote bei Plut. 
apophth. reg. p. 175c: tiqo? (fe Sevocpdvr,i^ 
ZOP KuXocfüjyiop eiTiöyrci fxohg oixsiag &vo 

nXELOvag rj fivQiovg TQBCpSi tsd^vrjxojg. 

^) 6ßö'oiuf]xoaT7]i' statt thjy.oGTrju (460 statt 
492) vermutete schon Scaliger, wahrscheinlich 



A. Epos. 6. Die späteren Epiker. (§ 74.) 



97 



selben gehört, als er beiläufig 65 Jahre alt von Italien nach Athen ge- 
kommen war. Nach dem Vorbild des Xenophanes philosophierte auch er 
in Versen. Im Eingang seines Werkes ttsqI (fvaswg schilderte er mit 
grossartiger Phantasie, wie er, von den Sonnentöchtern geführt, zu dem 
Heiligtum der Weisheit aufgefahren sei und dort aus dem Munde der 
Göttin die Lehren der ewigen Wahrheit und die trügerischen Meinungen 
der Sterblichen erfahren habe. 

Empedokles (geb. um 492) leistete im philosophischen Lehrgedichte 
das Höchste unter den Griechen, so dass Lucrez voll Bewunderung zu ihm 
aufschaute und hauptsächlich an ihm sich bildete.-) Geboren war er in 
Agrigent aus vornehmem Hause und wirkte für das Wohl seiner Vater- 
stadt in einflussreicher Stellung. Zugleich ragte er durch reiches Wissen 
in der Heilkunde, Rhetorik^) und Philosophie hervor, endigte aber infolge 
der Missgunst seiner politischen Gegner fern von seiner Vaterstadt im 
Peloponnes.'^) Schon im Leben nicht frei von pathetischer Überhebung •^) 
und geheimnisvoller Wichtigthuerei,^) ward er vollends nach seinem Tod 
zu einem Wundermann gestempelt. Nachdem er einst, so erzählten die 
einen, ^) eine tote Frau zum Leben wieder erweckt hatte, veranstaltete er 
ein grosses Opfermahl, und wurde dann in der Nacht, während die an- 
deren schliefen, von einer geheimnisvollen Stimme ins Jenseits abgerufen. 
Die anderen fabelten, er sei auf den Ätna gestiegen und habe sich selbst 
in den Krater gestürzt, um seine Gottähnlichkeit zu besiegeln. 8) Seine 
Blüte wird Ol. 84, d. i. gleichzeitig mit der Gründung der athenischen 
Kolonie Thurii (444) gesetzt. Hinterlassen hat er 2 philosophische Ge- 
dichte, ein theoretisches tisqI ^vascog, an seinen Freund Pausanias ge- 
richtet, worin er seine im Äther der Poesie geborene Lehre vom Streit 
{NsTxog) und der Liebe {(I^dovr^g) entwickelte, und ein ethisches, Kad^aquoC 
betitelt, worin er, ausgehend von der Lehre der Seelenwanderung, seine 
Mitbürger zur sittlichen Reinigung aufforderte. Von beiden haben wir 
leider nur Fragmente, aber ziemlich zahlreiche und solche von grösserem 
Umfang. Poetisch schön ist besonders die Schilderung von dem goldenen 
Zeitalter, wo statt dem Kriegsgott der mildherrschenden Kypris Unblutige 
Opfer dargebracht werden (fr. 142). 



richtig, so dass damit das Jahr bezeichnet 
wäre; an dem Parmenides nach Athen kam. 
Sokrates, geb. Ol. 77, 4, war damals aller- 
dings erst 8 Jahre alt, aber Parmenides 
wird doch einige Jahre in Athen geblieben 
sein, so dass Piaton schon eine Zusammen- 
kunft des ganz jungen {Gcpo^Qcc viog) Sokra- 
tes mit dem bereits grau gewordenen Par- 
menides annehmen konnte. 

') H. Stein, Die Fragmente des Par- 
menides neQi (fvO80}g, in Symb. philol. Bonn, 
p. 755 ff. 

^) Lucr. I, 716: Quae {Sicilia) cum 
magna modis multis miranda videtur, Nil 
tarnen hoc hdbuisse viro praeclarius in se, 
Nee sanctum mayis et mirum carumque 
indetur ; Carmina quin etinm divini pectoris 
eins Vociferantur et exponunt praeclara 

Handbuch der klass. Altertumswissenschaft. VU. i 



reperta, Ut vix humana videatur stirpe 
creatus. Vgl. das Urteil des Aristoteles bei 
Diog. VIII, 57. 

^) Satyros nach Diog. VIII, 58 macht 
den Gorgias zu seinem Schüler. 

'^} Diog. VIII, 67 nach den Angaben des 
Timaios. 

^) Diog. VIII, 66 führt zum Belege die 
Worte an: XciiQ€i\ eyoj cT' vfxfxiv &€dg ciu- 
ßQOTog, ovxeiL d^vijxdg TnoXevjuai. 

«) Ebenda 59. 

') Diog VIII, 67 f. nach Herakleides 
Pontikos. 

8) piog. VIII, 69, Horaz a. p. 464. Schon 
Timon in seinen Sillen hatte die Grossthuerei 
des Empedokles zur Zielscheibe seines Spottes 
gemacht. 

Aull. 7 



98 



Griechische Litleraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



B. Lyrik.^) 

1. Anfänge der Lyrik, Nomendichtung. 

75. Die verschiedenen Arten der lyrischen Poesie wurden von den 
Alten noch nicht als Ganzes mit einem gemeinsamen Namen der epischen 
und dramatischen Poesie gegenübergestellt. 2) Daran war hauptsächlich der 
Umstand schuld, dass das unterscheidende Merkmal der Lyrik, der singende 
Vortrag, einerseits auch dem Epos in ältester Zeit eigen war, andererseits 
frühzeitig von einigen Arten der lyrischen Poesie, wie dem Spottgedicht 
und der Elegie, aufgegeben wurde. Gleichwohl war bei den Griechen die 
Ausbildung der Lyrik in noch höherem Grade als bei uns mit der Geschichte 
der Musik verknüpft. Ausserlich hat diese Verbindung ihren Ausdruck 
darin gefunden, dass nicht bloss die Thätigkeit des Musikers und Dichters 
mit demselben Worte noieiv bezeichnet,^) sondern auch dem Texte des 
Liedes und der Melodie die gleiche Gliederung [ix^log) zu gründe gelegt 
wurde. Die Entwicklung der lyrischen Poesie hing daher mit der Ausbil- 
dung einer kunstvolleren Gliederung zusammen, die sich erst ergab, als 
man von der einförmigen Wiederholung des gleichen Verses zum Wechsel 
erst von verschiedenen Formen des daktylischen Rhythmus (Tetrapodien 
Tripodien, Dipodien, mit und ohne Katalexe) und dann von verschiedenen 
Rhythmusgeschlechtern (Daktylus, Anapäst, lambus, Trochäus, Päon) über- 
ging. Bis zum 8. Jahrhundert aber herrschte in der griechischen Poesie einzig 
der daktylische Hexameter, erst vom 7. Jahrhundert an begegnen uns neue 
und wechselnde Formen des Metrums. 

Aber schon Homer und vor Homer die thrakischen Sänger Orpheus 
und Thamyris spielten die Phorminx, und so reichen auch die Anfänge 
der Lyrik über den Beginn der Olympiadenrechnung hinauf. Nicht bloss 
gab es schon zu Homers Zeiten Hymnen, welche von den Sängern oder 
Kitharisten an den Götterfesten vorgetragen wurden,'^) Homer kennt auch 
schon die Vereinigung von Tanz und Musik, oder Tanz, Musik und Gesang 
und erwähnt neben dem geistlichen Päan auch schon das weltliche Lied 
bei der Hochzeit und der Weinlese:^) ein Knabe in der Mitte des Zuges 
der Winzer spielt die hellklingende Phorminx und singt dazu mit zarter 
Stimme den Linosgesang, die anderen folgen unter Scherz und Jauchzen 
die Erde stampfend ; bei der Hochzeit ertönen zum Hymenaios Flöten und 



^) Welcker, Kleine Schriften, Bonn 1844, 
3 Bände, von denen die 2 ersten wesentlich 
den Lyrikern gewidmet sind. — Flach, Ge- 
schichte der griech, Lyrik, Tüb. 1884, 2 Bde. 
ohne Pindar. — Nageotte, hist. de la poesie 
hjrique grecque, Par. 18S9, 2 Bde. bis Pindar 
incl. — Poetae lijrici ffraeci, rec. Bergk, 4. 
Aufl., Leipz. 1878, 3 Teile. - Anthologie aus 
den Lyrikern der Griechen, erklärt von E. 
Buchholz, 4. Aufl., Leipz. 1887. 

^) Arist. Poet. 1 : rj inonoua xcd tj xqa- 
yoi^Lug noirjGig xcd tj ^L&vQcc^ußixii] xal rj 
civXf]Tixt] xcd xid^uQiGTixt]. Procl. ehrest, p. 
230, W. : To ^i/r]y7]^cmx6v ixcpbQExca cTt' enovg, 
ictfußov TS xcd iXeyeiov xcd fxiXovg. Die 3 



Arten Xafxßog, eXsy8Lov, fzeXog zusammen bil- 
den dasjenige, was wir mit dem Gattungs- 
begriff Lyrik bezeichnen. 

2) Attilius Fort. 1, 9. 25: Graeci erant 
non tantum poetae 'perfectissimi sed etiam 
musici. Dasselbe Wort fxih] bezeichnet 
Liedertexte und Melodien; aber daneben sind 
auch beide unterschieden von Alkman fr. 17: 
tnf] xc'i^e xcd ^ueXog ^JXxfxcly F.vQey. 

■*) 11. J 472 f. Aristarch bemerkte da- 
zu, dass fieXna) bei Homer nicht auf den 
blossen Gesang beschränkt sei; vgl. zu Od. 
C 101. Mit jener Stelle des Homer verbinde 
man Hymn. Apoll. II, 10 u. 336. 

^) 11. 2- 493 u. 569, Od. t^ 261—5. 



B. Lyrik. 1. Anfänge der Lyrik, Nomendichtung. (§ 75 - 77.) 



99 



Zithern zugleich, während Jünglinge im Tanze sich drehen und Yortänzer 
ein mimisches Spiel aufführen.^) Freilich stehen die betreffenden Stellen 
in jungen Gesängen Homers, zum Teil sogar in Interpolationen junger Ge- 
sänge, aber immerhin bezeugen sie für eine den ältesten Lyrikern voraus- 
gehende Zeit die Übung des Gesanges und Tanzes bei den Götterfesten, 
der Hochzeit und der Weinlese. 

76. Text und Melodie gehen in der griechischen Poesie bis zur Zeit 
des peloponnesischen Krieges Hand in Hand, so dass in der Regel derselbe, 
der den Text dichtete, auch die Melodie dazu erfand. Aber in dem ge- 
schichtlichen Verlauf ging die Ausbildung der Musik der der Poesie voraus 
und fanden Melodien für Zither und namentlich für Flöte in dem Volke 
Verbreitung, ehe zu denselben poetische Texte gedichtet wurden. Ja auch 
noch in späterer Zeit gab es zwar keine Liedertexte, zu denen nicht auch 
Melodien existierten, wohl aber Musikstücke genug, welche lediglich zum 
Spielen mit Instrumenten bestimmt waren. So stehen im Eingang der 
griechischen Lyrik die Nomoi, bei denen die Melodien die Hauptsache 
ausmachten, so dass zu denselben teils gar keine Texte existierten, teils 
nur solche von untergeordneter Bedeutung. Der Ausdruck Nomos, der in 
diesem Sinn bei Homer noch nicht vorkommt, 2) weist auf die gleichmässige 
Taktordnung hin ^) und hat dem Gott, unter dessen Schutz die Musik stund, 
den Namen ^AjiöXXmv vofxiog eingetragen. Unterschieden wurden Weisen 
für Zither (xi^ccga) und Flöte {avXoi), und bei beiden für einfaches Instru- 
mentalspiel [ipih] fxovaixrj)^ voi^ioi xidagiaiixüi und avlrjTixot, und für Spiel 
mit Gesang, vöi^oi xid^aQO)6ixoi und avXo^öixoi. Die aulodischen Nomen 
setzen natürlich zwei Personen, einen Flötenspieler und einen Sänger vor- 
aus; bei den kitharodischen, welche bei ihrer grösseren Einfachheit in ein 
höheres Alter hinaufreichen, war Sänger und Spieler in einer Person ver- 
einigt.^) Ehe wir uns aber zu den Nomendichtern selbst wenden, müssen 
wir zuvor noch einiges von den Instrumenten und dem Einfluss der Fremde 
auf die Entwicklung der griechischen Musik vorausschicken. 

77. Das alte Saiteninstrument der homerischen Zeit heisst (p6Qf.uy'^. 
Daneben kommt schon bei Homer der Name xid^dqa oder xid^aqig vor;^) 
im Hymnus auf Hermes tritt dazu das später meistverbreitete Wort Xvqa^ 
aber ohne dass mit den drei verschiedenen Namen auch ein nachweisbarer 



1) II. Z 494 ff. u. 604 ff., Od. (f 18-20. 
Als Vortänzer treten im Hymnus des pythi- 
schen Apoll V. 22 Ares und Hermes auf. 

-) pofxog bedeutet bei Homer in der 
Regel Weideplatz ; die Bedeutung Gesetz findet 
sich nur in dem Kompositum svvo^h] Od. 
Q 487; bei Hesiod Op. 276 u. Th. 417 kommt 
auch das einfache v6fj,og in dieser Bedeutung 
vor. In übertragener Bedeutung findet sich 
die Verbindung ineiou yojuog in einem jungen 
Vers der Ilias Y 249 und in Hes. Op. 403. 
Von dem Gesang ist das Wort gebraucht im 
Hymn. Apoll. Del. 20: ndyit] ydg xoi, ^oiße, 
vofxög ߀ß}.7JaT' doi&ijg. 

^) Plut. de mus, 6 : yofj.oi, ngoarjyogev- 
O^riGap, eneidrj ovx e^fjv naQaßrjvca xad-' txaa- 
xov vevo^LG^ivov sidog xijg zdasiog. 



■*) Dass die Nomoi von einem Einzelnen, 
nicht einem Chor vorgetragen wurden, be- 
zeugt Arist. Probl. 19, 15. In den hesiodi- 
schen Versen Theog. 94 f.: ix ydq MovadiDv 
xal ixf]ß6Xov 'AnoXliDvog dv^Qsg doitfol eaaiv 
inl x^opa xal xtd^agiarccl hat man in doidog 
und xid^aQLOTijg nur zwei Bezeichnungen 
derselben Person zu suchen, wie der Ver- 
fasser des Schifl:kataloges B 600 von dem- 
selben Thamyris sagt: ccvrdQ doi^rju &eG- 
neoi7]v dcpeXovxo xcd ixXeXad^ou xix^ciQiGrvy. 

^) Arist. Polit. VIII. 6 p. 1341 '^ 17 ff. 
handelt von dem Unterschied des einfachen, 
für die Übung der Freien allein geeigneten 
Saiteninstrumentes auf der einen, und den 
kunstreicheren Instrumenten der Virtuosen 
auf der anderen Seite. 

7* 



100 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Unterschied der Gestalt des Instrumentes verbunden gewesen wäre.^) Als 
Resonanzboden diente in der Regel die Schale einer Schildkröte, wovon 
auch das ganze Instrument den Namen x^^^^ (testudo) erhielt. Bespannt 
war dasselbe mit Darmsaiten, anfangs mit 4, seit Terpander mit 7, wovon 
die Namen rsTQaxoQ^og und inrdxoQSog seil. Xvqa herkommen. Die Erfin- 
dung des Instrumentes schrieb die Sage dem Gotte Hermes zu,^) und da 
sich auch das Wort (foQf^uy^ aus der heimischen Sprache {a fremendo) er- 
klären lässt, so haben wir keinen Grund den Gebrauch desselben aus der 
Fremde herzuleiten. Wohl aber kamen später infolge der grossen Ver- 
breitung ausländischer Harfenspielerinnen mehrere fremde Saitenintrumente 
hinzu, so die Pektis^) und Magadis ^) aus Lydien, die dreisaitige Harfe 
(TQiycovog) -') aus Syrien, die Nebel ^) und Kinyra'') aus Phönikien, endlich 
die asische Zither,^) die Sambyke^) und das Barbiton.i^^) — Die Flöten, die 
wir richtiger unseren Klarinetten vergleichen, kommen bei den Griechen 
gewöhnlich nur im Plural vor, weil in der Regel ihrer zwei zugleich ge- 
blasen wurden. Der Name stammt von griechischer Wurzel, ^^ aber das 
Instrument kam nicht bloss später als die Phorminx in Brauch, sondern 
scheint auch aus der Fremde, und zwar aus Phrygien, nach Griechenland 
gekommen zu sein. Denn während die homerischen Sänger und Helden 
zur Phorminx singen, hören wir den Lärm der Flöten und Pfeifen nur im 
Lager der Troer (II. K 13).^^) Auch die Sage von Marsyas und die Über- 
lieferungen von Olympos führen nach Phrygien als ursprünglichen Sitz des 
Flötenspiels, für das die Gegend von Kelainai ein treffliches Rohr und das 
berekynthische Gebirg das treffliche Holz des Buchsbaums lieferte. ^^) Ausser- 
dem kommen von ausländischen Blasinstrumenten bei den Griechen vor: 
die ßöfißvHsg, welche bei dem Kulte der thrakischen Göttin Kotyto gespielt 
wurden, 1*) der ägyptische Monaulos,'"*) die karischen, bei den Adonisfesten 
gebrauchten yiyyqoi avloiA^) — Verraten so schon die meisten Instrumente 



^) Im Hymnus auf Hermes werden Ivqt] 
und xix^((Qig ganz synonym gebraucht. 

•') Hymn. Merc. 30 ff. 

^) Phot, nrjy.jig ' naydovQtoy rjzoL Avdiov 
oQyavov /(OQig nhjxTQov xpaXlöfj.evov. Herod. 
I, 17 von dem Lyderkönig Alyattes: eazQci- 
Tsvouxo vno GVQLyywp ts xal m]XTidcof xal 
avXov. 

*) Magadis, eine Harfe mit 20 Saiten 
bei Anacr. fr. 18, schon erwähnt bei Alk- 
man fr. 91. 

5) Erwähnt bei Sophocl. fr. 219. 375 
u. a. ; die syrische Herkunft bezeugt durch 
Ath. 175 d. 

^) Nebel, Hauptinstrument der .luden, 
kommt zuerst bei Sophocl, fr. 764 vor. 

^) Dem hebräischen Kinnor entspricht 
das griech. xlvvqu; davon scheint das seit 
Aischylos in Griechenland verbreitete Verbum 
xivvQO(xca herzukommen. 

») Bekkle, An. gr. 451 u. Et. M. 153, 32. 

^) Sambyke, vielleicht aramäisch, ward 
von Ibykos nach Ath. 175 e erwähnt. 

^'^) Das ßÜQßiTov soll nach Ath. a. 0. 
Anakreon erfunden, d. i. in Gebrauch ge- 



bracht haben. 

^^) Die ursprüngliche Bedeutung warge» 
höhlte Röhre, in welchem Sinn das Wort 
noch bei Homer vorkommt. 

'''^) Dieses bemerkte bereits Aristarch zu 
X 13 u. ^ 495; dazu stimmt Aristot. Polit. 
VIII, 7 p. 1342 1> 5; vgl An. 3. 

^^) Über das für die Flötenzungen {ykola- 
Gca) geeignete Rohr von Kelainai s. Strab. 
p. 578; dorthin verlegte auch die Sage den 
Streit des Marsyas und Apoll. Über den 
Buchsbaum vgl. Hehn, Kulturpflanzen 202 ff., 
und Ath. 176 f.: xovg yccQ iXv/novg av/iovg, 
(i)v ^v7]^ovevei ^locpoxXrjg eu Nioßrj rs xcn' 
TvfxnciviaTaTg, ovx aXkovg iivdg Bivai ctxov- I 
ofxei^ rj Tot'? 4>Qvyiovg. 

^*) Erwähnt von Aischylos nach Strabon 
p. 470. 

'^) Ath. 175 f., Pollux IV, 75; nach der 
ersten Stelle kam er schon bei Sophokles 
vor. Damit in Zusammenhang steht, dass 
man das Flötenspiel auch für eine Erfindung 
der Libyer ausgab; s. Ath. 618c und Nonnos 
Dion. 23, 622; 40, 227. 

''') Äth. 174e u. 618c, Pollux IV, 102. 



B. Lyrik. 1. Anfänge der Lyrik, Nomendichtung. (§ 78.) 



101 



orientalischen Ursprung, so weisen noch viele andere Momente darauf hin, 
dass auf keinem Gebiete mehr als auf dem der Musik die Griechen An- 
regung von aussen empfangen haben. Von den hauptsächlichsten Tonarten 
der Griechen SMQiaTi\ (fQvyiaTi, XvSi(fTi, aloXicTTi, iaari haben zwei von 
fremden Ländern, Phrygien und Lydien, ihren Namen ; das älteste Lied, 
dessen Namen uns überliefert ist, das Linoslied, stammt aus dem Orient;^) 
die Totenklage, welche von jeher mit Musik, Gesang und ekstatischen Ge- 
stikulationen verbunden war, trägt orientalisches Gepräge; 2) die orgiasti- 
schen, mit Pauken und Flöten gefeierten Kulte der berekyntischen Kybele 
und thrakischen Bendis kamen von den Barbaren zu den Griechen. 

Der Gegensatz zwischen Flöte und Lyra spielte nicht bloss in 
den Götterkulten und Landschaften, sondern auch in dem ganzen Verlauf 
der griechischen Musik eine grosse Rolle; er fand seinen symbolischen 
Ausdruck in dem Mythus vom Streit des Marsyas und Apoll. ^) In der 
Vorzeit der thrakischen Sänger, aus der keine Melodie sich in die historische 
Zeit rettete, herrschte einzig die Phorminx. Der erste Aufschwung der 
Musik ward der Flöte und dem Meister des Flötenspiels, dem phrygischen 
Olympos, verdankt.*) Bald folgte ihr die Vervollkommnung des alten 
Saiteninstrumentes und die Dichtung neuer Weisen für die Lyra durch 
Terpander. Alsdann hielten sich beide Musikarten die Wage, so aber, dass 
stets der saitenlose Klagegesang (idXsfxog aXvqog) im Gegensatz blieb zu den 
hehren, geistbefreienden Zitherweisen des Lichtgottes Apoll. •'») Im allge- 
meinen aber gehörte die Pflege und Kenntnis der Musik bei den Hellenen 
zu dem Wesen des freien Mannes, so dass auch in dem Unterricht der 
Knaben die Musik einen Hauptgegenstand bildete, ohne den man sich eine 
liberalis educatio nicht denken konnte;^) durch die Musik erhielten dann 
auch die verschwisterten Künste des Tanzes und des Gesangs ihre Weihe 
und ihre Ausbildung. 

78. Olympos, im Gegensatz zu dem fabelhaften älteren Olympos der 
jüngere Olympos genannt, lebte gegen Ende des 8. Jahrhunderts unter dem 
phrygischen König Midas II. (734—695)'). Er heisst der Begründer der 
hellenischen Musik und galt als Dichter einer Anzahl von auletischen 
Nomen. ^) Von Worten, die er zu seinen Melodien gedichtet, erfährt man 



^) Vgl. § 13; dazu stelle die f.isXr] ToQQ7]ßia 
von der lydischen Stadt Torrebos bei 
Steph. Byz. 

^) Maqiavövvdg x^QrjvrjxriQ bei Aesch. 
Pers. 992; vgl. Kaqixfi fxovarj bei Fiat. legg. 
VIT p. 800 e und Kccqixov ^iXog bei dem 
Komiker Piaton in den Adxiovsg 1, 12. 

^) Vgl. Baumeister, Denkmäler S. 886 
u. 1002. 

^) Marsyas und Hyagnis, die angeb- 
lichen Eltern des Olympos, sind die mythi- 
schen Erfinder des Flötenspiels. Olympos 
ward als jugendlicher Knabe neben Marsyas 
dargestellt von Polygnot; s. Paus. X, 30. 9. 

^) Im 4. Jahrhundert thaten sich be- 
sonders die Thebaner im Flötenspiel hervor: 
aus Theben stammton die berühmten Flöten- 
virtuosen Pronomos, Diodoros, Antigenidas, 



Timotheos, Theon, Dorotheos. 

^) Darüber belehrt insbesondere Aristo- 
teles im letzten Buch der Politik. Bildlich 
ist dieser edle Zweig der Jugendbildung dar- 
gestellt auf der Schale des Malers Duris (um 
450); s. Michaelis, Attischer Schulunterricht 
auf einer Schale des Duris, Arch. Zeit. N. F. 
6 (1873)., 

^) Über beide je ein Artikel des Suidas, 
wo es von unserem Olympos, dem histori- 
schen, heisst: 'OXvf.inog 4>qv^ vsoiTSQog ccvXt]- 
Tfjg yeyoviog enl Miöov xov FoQ^iov. Den 
älteren mythischen Olympos setzt Suidas 
7Tq6 Tiov jQoyixaiv; s. RiTSCHL, Olvmpus der 
Aulete, Opusc. I, 258—270. 

^) Plut. de mus. 11 (u. 29) nennt ihn 
('<QX^])'oi' frjg tlhii'ixijg xui xcckijg ^ovoixijg. 



102 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



nichts. 1) Natürlich hat er seine Melodien nicht niedergeschrieben, sondern 
durch Vorspielen auf seine Schüler verpflanzt. Um so leichter konnte sich 
ein Streit über die Autorschaft der ihm zugeschriebenen Nomen erheben. 
Zugeschrieben aber wurden ihm mit mehr oder minder Recht der vof^wg 
7ioXvxe'(pakog auf Apoll, wohl von den vielen Absätzen {xscpaXai) des Nomos so 
benannt, 2) der vojjiog aQ^aareiog, dem Namen nach für den ritterlichen Wagen- 
wettstreit bestimmt,^) ferner Nomoi auf Athene, Ares und die grosse Götter- 
mutter.^) Er galt ferner als Erfinder des enharmonischen Musikgeschlechtes, ^) 
und mehrerer neuen Rhythmen, wie des TTQoaoSiaxog (- -v^_v^_ _), 
XOQsTog (_w_w_^^_. .)^ ßaxxsiog ( - ^^ _ _ v^ _ ).6) Schüler des Olym- 
pos war Hierax aus Argos, von dessen Erfindungen Pollux IV, 79 und 
Plutarch de mus. 26 berichten. 

79. Terpandros aus Antissa in Lesbos, dessen Zeit sich dadurch 
bestimmt, dass er Ol. 26 = 676/2 v. Chr. an den Karneen in Sparta siegte,') 
hat das Verdienst die kitharodische Musik vervollkommnet zu haben, in- 
dem er zu den 4 alten Saiten 3 neue hinzufügte und neben dem daktyli- 
schen Rhythmus auch mehrere neue Rhythmen gebrauchte. Er knüpfte 
also an die Weise der thrakischen und delphischen Sänger und Kitharisten 
an, weshalb die Sage das Haupt und die Leier des erschlagenen Orpheus 
durch das Meer nach dem lesbischen Antissa schwimmen liess,^) und der 
Grammatiker Proklos den Kreter Chrysothemis zum Vorgänger unsers Ter- 
pander in der Nomenpoesie macht. ^) Epochemachend für die Entwicklung 
der griechischen Musik war die Berufung des Terpander nach Sparta, das 
im 7. Jahrhundert nach der Bezwingung Messeniens eine Hauptpflegestätte 



^) Nichts beweist das Scholion zu Ari- 
stoph. Equ. 10: ^'Olvfxnog eyQaxps avh]Xixovg 
xcu d^QrivrjTi,y.ovg vo^ovg. 

2) Die Erfindung des Polykephalos wird 
der Athene selbst zugeschrieben von Pindar 
P. XII, nach andern dem Krates, einem 
Schüler des Olympos, von Plut. de mus 7. 
Pindar leitet den Namen von den vielen 
Schlangenköpfen des Gorgonenhauptes her, 
deren Klageton der Nomos nachgeahmt habe. 

^) Plut. de mus. 7; auffälliger Weise 
wird derselbe Nomos als Klageweise bezeich- 
net von Eur. Or. 13P5. 

^) Plut. de mus. 29; vgl. Aristoph. Equ. 9. 

^) Plut. de mus. 11; danach bestand 
das Wesen der enharmonischen Musik darin, 
dass bestimmte Töne der diatonischen Skala 
für die Melodie unbenutzt blieben; s. West- 
PHAL, Metrik der Griechen im Verein mit 
den übrigen musischen Künsten I'^ 265 u. 
413. 

^) Über diese Rhythmen siehe meine 
Metrik ^ 253 u. 478. Ritschl, Opusc. 1. 260 hat 
aus der Notiz des Alexander Polyhistor bei Plut. 
de mus. 5, XQOVfiara "OXvfinoy txqiotov sig Tovg 
'^'EXkfjyccg xo/uiaai, geschlossen, dass Olympos 
ausser auletischen auch kitharistische Melo- 
dien gedichtet habe.^ Aber dagegen spricht 
die ganze übrige Überlieferung; vielmehr 
scheint das Wort xQovfAcaa hier in dem all- 
gemeinen Sinn von Tonweisen, nicht in dem 



speziellen von Zithermelodien gebraucht zu 
sein, wie Suidas sagt: "Olvfxnog rjysfxdyp rrjg 
xQovfxarixrjg fxovGixrjg rrjg did tdüv xqov- 
fxdxoyy. 

^) Ath. 635 e: rd Kkqpslcc nqiaxog ndv- 
T(x)v TegnavÖQog PLxa, ujg '^Elldrixog laxoQsl 
ev xe xoTg EfXfxixQoig xctQveovixcag xdv xoTg 
xaxaXoyddt]^ ' eyevsxo de ri ^iaig rwv Kctq- 
veloiv xaxd xrjv exxr^v xal slxoaxrjv ^OXvfi- 
nidda. Danach war Terpander um etwas 
geringes älter als Archilochos, wie auch 
Glaukos bei Plut. de mus. 4 bezeugt und 
Westphal, Vhdl. d. 17. Vers. d. Phil. S. 
51 — QQ aus der Geschichte der Musik nach- 
weist. Umgekehrt setzen den Terpander 
später als Archilochos an der Peripatetiker 
Phanias bei Clemens Alex, ström. I, 308 u. 
333, das Marm. Parium zu Ol. 33, 4 = 645 
V. Chr., und Eusebios zu Ol. 36, 2 = 635. 

«} Phanokles bei Stob. Flor. 64, 14; 
Antig. bist. mir. 5; Ovid. met. XI, 50; Lucian 
adv. ind. 11. 

9) Procl. ehrest, p. 245, 2 W.: Xqvgo- 
x^Sfj.ig 6 Kqrjg nqcoxog axoXfj /Qr]adfxsvog ix- 
TTQETiSi xal xiyhdQCiv dvaXaßoji' sig fulfirjaiy 
xov 'AnoXlMvog ^ovog rjas . . . doxel de Teg- 
navdQog fxev TiQioxog xsXsimgki, xov vojxov 
oJQüJM fus'xQo) xQrjadfxeuog. Bis auf den my- 
thischen Amphion geht zurück Herakleides 
bei Plut. de mus. 3. 



B. Lyrik. 1. Anfänge der Lyrik, Nomendichtung. (§ 79—80.) 



103 



der Musik und der Götterfeste war. Spätere sagenhafte Ausschmückung hat 
dieser Berufung die politische Absicht einer Beschwichtigung der Parteien 
untergelegt.^) Sicher ist, dass der äolische Musiker in Sparta mit grosser 
Auszeichnung aufgenommen wurde, woher der sprichwörtliche Ausdruck 
entstand: fisTa Aeaßiov (o^or, d. i. zuerst der lesbische Sänger und dann 
die andern. 2) Die Namen der kitharodischen Nomen Terpanders waren: 
Boio)Ttog, Alohog, xQoxcctog^ o§vg, Ktjtticov, TeQTCccv^Qiog, Tsr^aoiSiog; ausser- 
dem hatte er kitharodische Prooimia, d. i. Melodien zu Hymnen gedichtet.^) 
Allen diesen Kompositionen lagen Texte zu grund; i) als Text benützte 
er teils Dichtungen Homers, vermutlich auch homerische Hymnen, teils 
dichtete er selbst eigene Verse in langgedehnten Rhythmen, wovon uns 
ein paar dürftige Reste erhalten sind, wie: 

Zsv ndvTMV ciQ'/^d^ 

udvTMV dyrjTO)Q, 

Zsv Zsv, aol (f/TsvSa) 

Tamav v{-Ivmv dq%dvJ') 
Die grösseren Nomen waren selbst wieder, ähnlich wie unsere Symphonien 
und Kantaten, in mehrere Sätze gegliedert. Nach Pollux IV, 'oQ hatten 
die terpandrischen Nomen 7 Teile: «(>/«, i.isTccQ%d, xaTaTQond, iisraxara- 
TQOTidj ofKfakog (transp. Westph.: oficpaXögj iLiSTaxarargoTta), c^cfQayig^ ini- 
Xoyog.^) Schliesslich sei noch erwähnt, dass Terpander von Plut. de mus. 
28 auch als Dichter von Trinkliedern {anoXid) gepriesen wird. 

80. Klonas, Polymnastos, Sakadas, Echembrotos waren die 
Hauptvertreter der erst nach Terpander aufgekommenen aulodischen Nomen. 
Von diesen hat Klonas, den die einen zu einem Tegeaten, die anderen zu 
einem Thebaner machten,'^) die aulodische Nomenpoesie begründet und zu 
seinen Melodien Elegien und Hexameter gedichtet.^) Wenn demselben auch 
Prosodien beigelegt werden, so sieht man daraus, dass schon damals aulo- 
dische Kompositionen vorzugsweise zum Vortrag bei Prozessionen bestimmt 
waren. ^) Sakadas aus Argos, der Verfasser von /ii'Aiy und iXsysla ij^s/xe- 
lononqixsva,^^) war der Dichter des berühmten auletischen vöaog JIvdiKog, 
der den Kampf des Gottes Apoll mit dem Drachen Python darstellte.!^) 
Seine Zeit wird dadurch genau bestimmt, dass er nach Paus. X, 7. 4 in 
den Jahren 586, 582 und 578 bei den pythischen Wettkämpfen siegte. 



1) Plut. de mus. 42; Aelian V. H. XII, 
50; Zenob. 5, 9. 

^) Alistot. fr. 497, wo von Rose die 
ganze Litteratur zusammengetragen ist. Die 
4 Siege des Terpander in Delphoi scheinen 
spätere Erfindungen zu sein, da wir aus so 
früher Zeit nichts von Wettkämpfen in Delphi 
wissen. 

2) Plut. de mus, 4; Schol. Arist. Nub. 595. 
'^) Die \pih] xixhaQiacg wurde nach Ath. 

637 f. erst durch den Argiver Aristonikos, 
Zeitgenossen des Archilochos, eingeführt. 

^) Das Fragment wird nur vermutungs- 
v/eise dem Terpander zugeschrieben. 

6) Nach Poil. IV, 84 und Strab. p. 421 
hatte der berühmte ilvx^iy.dg vöfxog des Sa- 
kadas 5 Teile, worüber Lübbert, De Fiii- 



clari carminum comj^ositione. Plut. de mus. 
33 erwähnt auch Kompositionen von 3 Teilen 
{ccQ/tj, jue'aoy, axßaaig). Auf die Bedeutung 
dieser Teile für die spätere Poesie werden 
wir bei Pindar zurückkommen. 

^) Plut. de mus. 35. 

®) Plut. de mus. 3. 

'•^) Da Polymnastos auch von Alkman 
fr. 114 erwähnt ward, so wird er in der 
2. Hälfte, Klonas in der Mitte des 7. Jahrh. 
geblüht haben. 

'") Plut. de mus. 8. 

^ ') GuHRAUEK, Der pythische Nomos, eine 
Studie zur griech. Musikgeschichte, Jahrb. 
f. Phil. Suppl. 8. Ath. GlOc führt von Sa- 
kadas auch eine U^iov nsQaig an. 



104 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Von ihm oder Polymnastos rührte auch der voiiog TQipsQrjg (oder TQifiieXr^g) 
her, von dessen 3 Strophen jede in einer anderen Tonart (Swqktti, (fqvyiaxi, 
Ivöiati) gesetzt war. Gleichzeitig mit Sakadas war der Arkadier Echem- 
brotos, der bei den ersten pythischen Spielen (586 oder 591) mit einem 
aulodischen Nomos siegte, aber durch den traurigen Charakter seiner Dich- 
tung Anlass gab, dass die Gattung der aulodischen Nomen wieder aus der 
Liste der zulässigen Dichtungen gestrichen wurde.') 

81. Kreta war neben Pierien, Phrygien, Lydien, Lesbos ein Haupt- 
ausgangspunkt der griechischen Musik, speziell der Orchestik. Schon Homer 
schildert den Tanzplatz {xoQog) der Ariadne im kretischen Knossos (.^590 ff.) 
unb nennt den Kreter Meriones einen Tänzer {oQxrjarrig TL 6 17). 2) Wie 
die übrigen Künste, so war auch der Tanz in Kreta in den Dienst der 
Gottheit gestellt; so galten die Päane den Festen des Heilgottes Apoll und 
die Waffentänze denen des Kriegsgottes Ares. 3) Schwerlich indes waren 
dies alte nationale Tänze; vielmehr scheinen dieselben unter orientalischen 
Einflüssen entstanden zu sein. Dahin weist die Verwandtschaft der kreti- 
schen Kureten mit den phrygischen Korybanten und die Verbindung der 
idäischen Daktylen und Kureten mit dem Kultus der grossen Göttermutter.*) 
Wir werden daher wie die Götterkulte so auch die Ausbildung des Tanzes 
und der Musik bei den Kretern auf phrygischen Einfluss zurückführen und 
diesen mit der phrygischen Thalassokratie •^) in Verbindung bringen dürfen. 
Von Kreta verbreitete sich dann der religiöse Tanz und Gesang nach Delphi 
und Sparta; nach Delphi brachte ihn in alter Zeit der kretische Sänger 
Chrysothemis,^) nach Sparta Thaletas aus Gortyn. Der letztere ward 
zur Zeit einer Pest von den Lakedämoniern berufen, um durch religiöse 
Zeremonien (sTicodai) den Zorn der Götter zu beschwichtigen.') Bei dieser 
Gelegenheit, wahrscheinlich im Jahre 665, in welches Jahr Eusebios die 
Einführung der Gymnopaideia in Sparta setzt, führte er die in feierlichem 
Tanze aufgeführten Heillieder an Apoll, die Päane und die in raschem 
Takte sich bewegenden kriegerischen Tänze der Pyrrhiche (vTroQxrjl^aTa) in 
Sparta ein.^) Deshalb wird er von Plut. de mus. 9 zusammen mit Xeno- 



1) Paus. X, 7. 86 hat die Aufschrift des 
ehernen Dreifusses erhalten, den Echem- 
brotos ob eines Sieges nach Theben stiftete : 
'E/B/LißQOTog ^jQxdg eS^rjxsu tm 'Hqax'ksL vixrjüccq 
roc)" äyciXfxic, Jfiq)ixTv6p(t)v ev ded^Xoig,'EX'kr]aiv 
liei&ioy fxsXsa xciXsyovg. 

2) Auch Sappho fr. 54 besingt den Tanz 
der Kreterinnen um den reizenden Altar. 
Über die Tänze der Kreter im allgemeinen 
Aristoxenos bei Ath. 630 b und Sosibios in 
Schol. Find. F. II, 127. Von Kreta benannt 
ist der Qv&fxSg KQtjiiKog -i w _ z w _ 

^) Das waren die evonhog oQX7]aig bei 
Strabon p. 480 und die evönhu Tndyvia des 
Piaton Legg. VII, p. 796 b. 

4) Diodor XVII, 7; Strabon p. 473. An 
die Waffentänze der Kreter erinnern die 
Tänze und Lieder der römischen Salier; ob 
aber dabei an griechischen Einfluss zu denken 
sei, ist problematisch. 

^) Euseb. zu 904 a. Chr.: 4>^vysg7ie^nToi 



E^alctaGoxQttrrjGca' EXt] xe (904 — 879). Spe- 
ziell an Olympos knüpfte Thaletas an nach 
Plut. de mus. 10. 

*^) Mythisch ist die Verbindung von 
Kreta und Delphi dargestellt im Hymnus 
auf den pythischen Apoll 218 ff. u. 336 ff. 
Das Verhältnis kehrt um Wilamowitz, Eur. 
Herakl. I, 265: wenn der homerische Hym- 
nus an Apollon, der in diesen Teilen dem 
Ende des 7. Jahrh. angehört, die del- 
phischen Priester aus Kreta holt, so zeigt 
sich darin die später so häufige Vorstellung, 
dass Kreta der Sitz der reinen Derer ist, 
in naiver Umkehrung des Verhältnisses, in 
Wahrheit waren die Derer vom Parnass nach 
Kreta gezogen. 

^) So sagte Pratinas in irgend einem 
Lied nach Plut. de mus. 42. 

^) Plut. de mus, 9 und Schol. Pind. 
P. II, 127. 



B. Lyrik. 1. Anfänge der Lyrik, Nomendichtung. (81—82.) 



105 



damos von Kytliera und Xenokritos aus dem unteritalischen Lokris 9 Be- 
gründer der zweiten Musikperiode in Sparta {dsvrsqac xarccaiccaeMg tmv 
tcsqI tyjv fjiov(Tixrjv iv rrj ^nagTi]) genannt. Der Einführung der Karneen 
und Gymnopädien in Sparta folgten bald ähnliche mit Musik und Tanz be- 
gangene Feste bei den übrigen Griechen, die Apodeixeis (inidsC^sig em. 
Hiller) in Arkadien, die Apodymatia in Argos,^) die Festspiele des Apoll 
in Delphi (seit 591 oder 586) und Delos,^) die Pythien in Sikyon,^) die 
Panathenäen in Athen, 5) die Hyakinthien in Samos,^) die Museia und Ero- 
tidia in Thespiä.^) 

82. Blicken wir zum Schluss nochmals zurück auf jene älteste, text- 
arme Periode der griechischen Lyrik und Musik, so sehen wir, dass sich im 
Laufe des 7. Jahrhunderts all jene Elemente entwickelt haben, die wir später 
in der Glanzperiode der griechischen Lyrik vereinigt sehen. In typischen 
Gegensätzen bildeten sich die Hauptarten der Musik aus, gebunden an den 
Unterschied des scharfen Flötentones und des weichen Saitenklanges, der 
ernsten Totenklage und des apollinischen Bittgesanges. Zu dem eintöni- 
gen, feierlich ernsten Rhythmus des daktylischen Taktgeschlechtes gesellten 
sich der rasche Gang des spitzigen Jambus und rollenden Trochäus sowie 
der energische Schritt des anapästischen Marschgesangs {nQoaoSiaxog), Neben 
dem Dreitakter (Tripodie) und dem aus dessen Wiederholung entstandenen 
Hexameter kamen die ebenmässigeren, in geraden Zahlenverhältnissen sich 
aufbauenden Sätze, die Tetrapodien, Dimeter und Tetrameter, wieder zur Gel- 
tung;^) ja es begannen sich bereits die verschiedenen Rhythmen und Takt- 
grössen zu mischen, wie in der Weihinschrift des Arkadiers Echembrotos'^) 

'Ex^fJ^ßQOTog 'AQxdg k'd^r^xsv ~ 

TO) '^HqaxXei 

vixrjcTag rod' ayccX^xa^ 

'A{.i(pixTi6v(jov iv aeMoig ^ j^^,^ _ ^^^ 

'EkXrjcXiv dsiScov — j. <.^ - 

fXsXsa xdXeyovg. ^ v^ _ ^^ _ 



Auf die Bedeutung dieses Xenokritos 
in der Musik weist der Umstand hin, dass 
die Griechen auch eine lokrische Harmonie 
aufstellten. 

2) Plut. de mus. 9; Ath. 626 b: Polyb. 
IV, 20. 8. 

^) Hymn. Ap. I, 150; Paus. X, 7. 4. 

^) Allmählich erweitert aus gymnischen 
Wettkämpfen zu rhapsodischen dann lyri- 
schen, s. Bergk, Gr. Litt. IT, 149. 

^) Sicher seit Perikles nach Plut. Per. 13. 

«) Ath. 139 e. 

^) Paus. IX, 31. 3; von diesen freilich 
und den Hyakinthien ist die Zeit der Ein- 
führung nicht bestimmbar. Vgl. Reisch, De 
musicis Graecorum certaniinibus, Vind. 1885. 

^) Ich sagte „wieder zur Geltung", da 
die Zusammenfügung von 2 Füssen zu einer 
Dipodie und von 2 Dipodien zu einem Di- 
meter von Natur einfacher ist und sich 
auch durch ihr Vorkommen bei anderen Völ- 
kern als verbreiteter und älter erweist. 



Diesem Grundgedanken von Usener's Buch 
über den altgriechischen Versbau stimme 
ich vollständig bei; aber den Versuch, die 
Hälften des Hexameters nun auch zu solchen 
Viertaktern zu machen, halte ich für eitle 
Liebesmühe: im Anfang steht eben die 
Messung nach der Zahl der Ikten, nicht nach 
der der Sylben; die beiden Teile des Hexa- 
meters aber haben nur je 3 Ikten, und die 
wiederholte Erhöhung der 3 Ikten auf 4 durch 
die an und für sich nicht unmögliche rhyth- 
mische Messung -^ <^<^ -^ ^-^ - -i 
würde eine unsägliche Langweile in diese 
herrlichste Schöpfung der griechischen Poesie 
bringen. 

^) Die Aufschrift ist uns erhalten durch 
Paus. X, 7. Si); einen Versuch, den Schluss- 
teil in Distichen zu zwängen, gebe ich auf, 
da er auf einfache Weise nicht gelingt und 
da auch andere Weihinschriften, wie die zu 
Dodona gefundenen, in Prosodiacis und Ado- 
niis abgefasst sind. 



106 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

Die Ausbildung der Rhythmengeschlechter hatte zwar auch auf die Musik 
Bezug und wirkte bereichernd und belebend auf sie zurück, sie hing aber 
doch hauptsächlich mit der Entwicklung des dritten Hauptfaktors der griechi- 
schen Lyrik, des Tanzes, zusammen. Denn beide, Rhythmus und Tanz, gingen 
derart Hand in Hand bei den Griechen, dass dieselben zur Bezeichnung der 
rhythmischen Begriffe Takt, Doppeltakt, Auftakt lauter von dem Tanz und dem 
Schreiten hergeholte Ausdrücke {ttovq, ßdaig, uQocrodiaxdg, jisQiodog, (TTQ0(f7], 
ccvTiaTQO(frj) gebrauchten. Die Liebe zu dem Tanz, nicht dem einförmigen Rasen 
unserer Walzer, sondern den eurythmischen Bewegungen religiöser Fest- 
feier, war den Griechen schon zu Homers Zeiten in Fleisch und Blut über- 
gegangen; nicht bloss tanzen bei ihm die Jünglinge bei der Hochzeit und 
Weinlese,^) auch zur Versöhnung des Apoll führen die Söhne der Achäer 
Reigen auf, zum Tanze den Päan singend {A 472). 2) Glänzendere Entfal- 
tung fand dann aber in unserer Periode die Orchestik auf der Lisel Kreta; 
von dort verbreitete sie sich über die verwandten Staaten der Dorier auf 
dem Festland, später auch über das übrige Griechenland, so dass bald 
kein Götterfest, keine militärische Parade ohne Tanz und rhythmischen 
Aufzug begangen wurde. 

Zu dem Aufschwung der drei verschwisterten Künste Musik, Rhyth- 
mik, Orchestik, hatten verschiedene Stämme Griechenlands mitgewirkt, zu- 
meist die Aeolier Kleinasiens und die Dorier in Kreta, Delphi, Sparta; 
neben den Griechen hatten aber auch die Barbaren Phrygiens und Lydiens 
ihren guten Anteil an der neuen Kunstblüte, indem teils Musiker jener 
Nachbarländer mit ihren heimatlichen Instrumenten und Sangweisen nach 
den griechischen Kolonien Kleinasiens kamen, teils leichtfassende Griechen 
den Fremden ihre Melodien ablauschten und zu ihnen griechische Text- 
worte dichteten. Das Zusammenwirken dieser verschiedenen Kräfte drückt 
sich in den Namen der hauptsächlichsten griechischen Tonarten aus, der 
dorischen, äolischen, phrygischen, lydischen.^) Diese Tonarten oder Har- 
monien sind ihrer technischen Bedeutung nach nur verschiedene Oktaven- 
gattungen und Transpositionsskalen, ^) aber mit der verschiedenen Skala 
und dem verschiedenen Schlusston hatte sich auch ein verschiedenes Ethos 
verbunden, so dass die dorischen Melodien würdevolle Ruhe, die phrygi- 
schen orgiastische Begeisterung, die lydischen zarte Weich eit, die äolischen 
ritterlichen Stolz atmeten. ^^) Diese Unterschiede des Ethos erklären sich 



^) Siehe oben § 75. 

2) In Attika existierte ein Geschlecht 
Evi^sTöca, das Hesychios als yevog 6Q)[7]ai(dv 
y.al xi^ccQiarioy bezeichnet, und das bei Staats- 
festen {ieQovQyUa) den Dienst von Tänzern, 
Kitharaspielern und Sängern versah. 

■^) Ptolemaios Harm. 2, G und Bakcheios c. 
12 unterscheiden nur -3 Haupttonarten : JcoQioy, 
'pQvyiov^ Av^iov. Weniger Beachtung ver- 
dient Herakleides Pontikos bei Ath. 624 c, 
(vgl . Pollux IV, 65), der unter einseitiger 
Betonung des Reinhellenischen 3, den 3 Volks- 
stämmen der Dorier, Aolier, lonier entspre- 
chende Tonarten annimmt. Zu den 3 Grund- 
tonarten des Ptolemaios kamen das Ilypodo- 



rische oder Äolische, das Hypophrygische 
oder Ionische, das Mixolydische. Das Ioni- 
sche, dem Herakleides a. 0. etwas Herbes 
und Stolzes, Plato de rep. 398 richtiger (vgl. 
Aesch. Suppl. 69), etwas Weiches und Trun- 
kenes beimass, kam erst durch Pythermos 
auf, der nach Ath. 625 c vor Ananios und 
Hipponax gelebt haben soll; das Mixolydische 
hat nach Plut. de mus. 28 zuerst Sappho 
und dann die Tragödie gebraucht. 

^) Das Nähere lehrt mit Sachkenntnis 
und genialer Kombinationsgabe Westphal 
in dem der Rhythmik und Harmonik ge- 
widmeten Bande seiner Metrik der Griechen. 

"') Über das Ethos der Tonarten, das 



B. Lyrik. 2. Die Elegie. (§ 83.) 



107 



kaum zur Genüge aus der Natur der Skalen ; sie hatten wohl ihren Haupt- 
grund darin, dass von vornherein die in den betreffenden Tonarten gesetzten 
Lieder einen bestimmten Charakter in Stimmung und Rhythmus^) hatten, 
und dass dieser auch in der Folgezeit in den neuen Melodien und Ge- 
sängen beibehalten wurde. 

Auf solche Weise hatte die griechische Lyrik aus der älteren Zeit 
einen reichen Fond von Melodien, Rhythmen und Tanzbewegungen ererbt; 
die Dichter der nachfolgenden Periode, zu der wir uns jetzt wenden, haben 
dafür gesorgt, dass es nun auch nicht an Versen und Texten für diesen 
musikalischen Formenreichtum fehlte. Es fiel aber die Blüte der neuen 
Gattung der lyrischen Poesie in eine Zeit, in der die alte Ordnung des 
patriarchalischen Königtums in die Brüche ging und unter Kämpfen und 
Parteiungen eine neue Zeit republikanischer Staatsverfassung und freierer 
Bewegung allwärts in Griechenland heranbrach. Zum Ausdruck der sub- 
jektiven Gefühle und Empfindungen, die durch den Umschwung der politi- 
schen Verhältnisse geweckt und genährt wurden, eignete sich aber die 
lyrische Poesie ungleich besser als die epische. Kein Wunder also, dass im 
7. und 6. Jahrhundert die lyrischen Dichtungen sich des grösseren Anklangs 
erfreuten und die litterarische Produktion beherrschten. 



2. Die Elegie.') 

83. Am wenigsten entfernte sich von der alten Sangweise der epischen 
Poesie die Elegie. Im elegischen Distichon wurden nur 2 Verse zur Einheit 
einer Periode verbunden, und der 2. Vers gehörte der gleichen Gattung des 
daktylischen Rhythmengeschlechtes wie der erste an. Diesem 2. Vers, der 
aus 2 katalektischen Tripodien bestand, gebührte speziell der Name slsyog. 
Denn sXsyog bedeutete ursprünglich ein Klagelied,^) zur Klage aber eignete 
sich vortrefflich jener Vers, mochte man nun durch Pausen die Unter- 
brechungen des geraden Ganges ausfüllen oder die Schlusslängen zu lang- 
angehaltenen Klagetönen*) anschwellen lassen: 



>^.-^^ _ '^^^^ 



— ^-.A_/ _ \..,A_y I I oder — ""-^-^ — 



7\ _ ^.-v>' — V>^^ — 7^ 



Von dem einfachen elsyog ist das abgeleitete sXsysiov sc. sTtog^) oder 
ilsysia sc. oiöri abgeleitet, um die aus den 2 Versen, dem daktylischen 



auch für die Erziehung der Jugend von Be- 
deutung war, handeln Piaton de rep. p. 398, 
Aristoteles Polit. VIII 5-7 u. Probl. 19,48, 
Herakleides Pontikos bei Ath. 624 ff. 

^) So passten die schweren Daktylo-Epi- 
triten zur dorischen Tonart, die Choriamben 
und Päone zur äolischen, die Bacchiaci und 
Prosodiaci zur phrygischen, die Logaöden zur 
lydischen und mixolydischen, die lambo- 
Trochäen und loniker zur ionischen. 

^) Haetung, Die griech. Elegiker, griech. 
mit metr. übersetz., Leipz. 1859, 2 Bde. — 
Francke, Callinus sive quaestiones de ori- 
gine carminis elegiaci, Altena 1816. — Cae- 
sar, De carminis Graecorum elegiaci ori- 
gine et notione, Lips. 1837. 

^) Eur. Troad. 119: roi^g ((e( (yuxQvujy 



eXeyovg. Iph. Taur. 1091 : eXeyop otxxQov. 
Hei. 85 und Iph. Taur. 146: cHvqov eleyop. 
Schol. Arist. Av. 217: eXeyoi ol ngcg ccvXo^' 
^^ofxevoi &Qr}voL. Procl. 242, 15 W. : ro 
yag d^Qrjvog sXsyou sxdXovp ol naXaioi. 
Et. M. 326, 49: sXsyog ' d^Qrjpog 6 xoTg ts- 
yi^vEMöLu eniXsyo^svog. Zuerst kommt das 
Wort in der Inschrift des Echembrotos (§ 80 
An.) vor. 

^) Die Elegoi an den angeführten Stellen 
sind im anapästischen Versmass, nicht in 
daktylischen Pentametern geschrieben, teilen 
aber mit diesen die häufigen Katalexen, 
welche ihnen den Namen Klaganapäste ein- 
trugen. 

■') iXsysToy zuerst bei Thuc. I, 132 und 
Critias fr. 3. 



108 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Hexameter und dem elegischen Pentameter gebildete Periode zu bezeichnen. 
Der Ursprung des Namens Elegos ist dunkel; an die von den Alten ver- 
suchte Herleitung von ev Xeysiv, die der Bedeutung des lateinischen elogium 
zu gründe liegt, 2) ist nicht zu denken. Nicht viel besser ist die von Suidas 
und Et. M. 326, 57 vertretene Ableitung aus dem fingierten Schlussvers s Xsyf 
€ keys €, auf den der Refrain mXivov al'hvov eine bei Aischylos Agam. 121 
geführt zu haben scheint. Wahrscheinlich stammt das Wort aus der Fremde 
und kam aus Armenien über Phrygien zu den loniern Kleinasiens. ^) 

Der Dichtung von Texten im elegischen Versmass ging die Anwen- 
dung und Ausbildung des elegischen Rhythmus in der Musik voraus, und 
da das spezifische Instrument der Klage die Flöte war, so dürfen wir in 
der Überlieferung des Suidas, dass schon Olympos Elegien dichtete, einen 
Kern von Wahrheit finden.^) Die Melodie gefiel, und bald dichtete man 
zu ihr auch Texte, die nicht direkt zur Totenklage bestimmt waren ;^) all- 
gemach gewöhnte man sich auch daran, Dichtungen im elegischen Vers- 
mass nicht mehr nach jener Melodie zu singen, sondern frei in der Weise 
epischer Gedichte zu deklamieren. Die Vortragsweise mit und ohne Gesang 
mochte sich lange nebeneinander erhalten haben : von den Elegien des Selon 
gebraucht Piaton, Tim. 21c bald den Ausdruck aSeiv, bald den QocipfoSetv; 
die Elegien des Phokylides wurden nach Chamaileon bei Athen. 620c ge- 
sungen, nach einem anonymen Metriker bei Ath.[632d aber gehörte Pho- 
kylides mit Xenophanes, Selon, Theognis, Periander zu denjenigen, die zu 
ihren Gedichten keine Melodie mehr fügten.^) 

Die Elegie als Dichtung fand ihre erste Ausbildung im asiatischen 
lonien, mag man nun, worüber die Alten stritten,') Archilochos oder Kal- 
linos oder Mimnermos für Erfinder dieser Dichtgattung halten. Sie ent- 
stand also in demselben Land, in welchem das Epos seine Blüte erreicht 
hatte; daraus erklärt es sich, dass die Elegiker im grossen Ganzen der 
Sprache Homers folgten, und dass auch der Dorier Theognis in seinen 
Elegien die ionische Sprache redete.^) Ihren Platz hatte die Elegie an- 



^) Der Gebrauch des Femininums kam 
in der Zeit des Dionysios Hai. auf und er- 
zeugte das lateinische elegia. Die Versuche, 
einen tieferen Unterschied zwischen eXsyog 
und iXsyerov zu statuieren, werden zurück- 
gewiesen von Welckgr, Kl. Sehr. T, 65 ff. 

2) Procl. 242, 17; Et. M. 326, 52; Orion 
p. 58, 7 ff. Die verschiedenen Etymologien 
gehen auf Didymos nsQl -noirjnav zurück; s. 
])idymos bei Orion. Eine neue Herleitung 
bei UsENER, Altgr. Versbau S. 113. 

^) BöTTiCHER, Arica S. 34 geht auf arm. 
eUgn = Rohr, und arm. eiern = Unglück 
zurück, hat aber als de Lagarde, Armen. 
Stud. p. 8, worauf mich mein Freund E. 
Kuhn aufmerksam machte, jene Ableitung 
selbst wieder zurückgenommen. Auf Karien 
weist die Glosse des Photios KccQLxrj ^ovari • 
jji ^o7]VM(hi. Phönizischen Ursprung sucht 
zu erweisen Tmmisch, Verh. d. 40 Vers. d. 
Phil, in Görlitz. 

"*) Einer der aulodischen Nomen des 



Klonas hiess tXsyoi nach Plut. de mus. 4. 
Das Singen dazu heisst cI^elv vn' avXrjirjQog 
bei Archil. fr. 122 u. Theognis 533. Von 
iXsysTa nQOGa^ofAEva xoTg avAor? spricht Paus. 
X, 7. 5. 

^) Richtig im übrigen Horaz a. p. 75 : 
versibus impariter iunctis querimonia pn- t 
imim, post etiam inclusa est voti sententia 
compos. 

^) Rohde, Griech. Roman 140 f. ver- 
wirft die Glaubwürdigkeit des letzten Zeug- 
nisses. 

') Horaz a. p. 77: quis tarnen exiguos 
elegos emiserit anctor, Grammatici certant 
et adhuc suh iudice lis est. Vgl. Didymos 
p. 387 Schm. 

^) Kleine Abweichungen von Homer im 
Anschluss an den Dialekt seiner Heimat, 
wie xiog statt niug, erlaubte sich schon Kal- 
linos; ausserdem gestatteten sich die Ele- 
giker nicht mehr die altertümlichen oder äoli- 
schen Formen Homers, wie die Instrumentale 



II 



B. Lyrik. 2. Die Elegie. (§ 84—85.) 



109 



fänglich, ebenso wie die Flöte, bei den Klagen der Totenfeier und bei den Ge- 
sängen der Festgelage. Aus der threnodischen Elegie hat sich im weiteren 
Verlauf das Grab epigram m entwickelt ;i) die sympotische Elegie nahm frühe 
einen teils erotischen, teils paränetischen oder politischen Ton an. Durch 
Antimachos, den Verfasser der Lyde, erhielt die Elegie den bei den Ale- 
xandrinern weiter entwickelten Charakter romantischer Erotik und senti- 
mentaler Gefühlsschwärmerei. Wir folgen ohne Unterabteilung der zeit- 
lichen Ordnung, indem wir nur noch im allgemeinen bemerken, dass, wer 
von dem lyrischen Dichter edle, hohe Gedanken und erhebende Lebens- 
weisheit in schöner, gewählter Form sucht, dieses Ideal in keiner Dich- 
tungsart besser als in der Elegie der Griechen verkörpert finden kann. 

84. Kallin OS aus Ephesos, älterer Zeitgenosse des Archilochos,^) 
lebte in der 1. Hälfte des 7. Jahrhunderts^ als die Kimmerier von Norden 
her in das Land der Phrygier, Lydier und der griechischen Kolonien ein- 
brachen. Auf diesen Einfall und den Krieg seiner Vaterstadt mit Magnesia 
am Mäander beziehen sich die wenigen Fragmente unseres Dichters, in 
denen er seine Mitbürger zum ruhmvollen Kampf für das Vaterland anfeuert. 

85. Tyrtaios, Sohn des Echembrotos, trat ganz in die Fusstapfen 
des Kallinos. Er blühte zur Zeit des 2. messenischen Krieges, mit dessen 
Geschichte seine eigenen Geschicke eng verbunden waren. Nach der Er- 
zählung der Athener hatten die Lakedämonier, als sie durch den lang sich 
hinziehenden Krieg in Bedrängnis gekommen waren, sich Hilfe von den 
Athenern erbeten, und hatten diese ihnen einen lahmen Schulmeister, unsern 
Tyrtaios, geschickt, der sie mit seinen Kriegsliedern so begeisterte, dass 
sie über ihre Feinde Herr wurden. 3) Aber das war wahrscheinlich nur 
eine der Eitelkeit der Athener zulieb erfundene Fabel, zu der vielleicht die 
Überlieferung, dass Tyrtaios aus Aphidna, dem lakonischen nämlich, nicht 
attischen, stamme, die Handhabe geboten hatte.^) Denn wenn Tyrtaios 



fr. 2 singt 



aviog ydg Kqoviwv, xaXXi(TTa'(favog noüig ^'Hqt^q, 
Zevg '^HQaxXeiSjjg TijvSs S&Sojxs rcöXiv^ 

oiaiv afiia nQoXiTiövTsg ^EQirtor rjrsfioavTa 
evQeiav HtXonog vrj(^ov a(fix6fi€0^a, 



auf cpi und die Infinitive auf /uspca; vergl. 
Renner, Quaestiones de dialecto antiquioris 
Graecorum poesis elegiacae et iamhicae, in 
Curtius Stud. 1, 134 ff. 

^) Hesych. ; eleyeut • tu ennäcpia noirj- 

fXdCTCi. 

^) Nach Strabon p. 647 sah Kallinos Mag- 
nesia noch in Blüte und sprach Archilochos 
schon von dessen Fall; ähnlich Clem. Alex, 
ström. I, 333. Die Eroberung von Sardes 
durch die Kimmerier geschah unter Ardys, 
dem Nachfolger des Gyges (687—652), wie 
Herodot I, 15 angibt; über den Anfang des 
Einfalls unter Gyges unterrichten uns die 
Keilinschriften, worüber Geigek, De Callini 
aetate, Erlangen 1877, der die Blüte des 
Kallinos auf 652 setzt; vgl. Caesae, De Ccd- 
lini aetate, Marburg 1837, mit einem Nach- 
trag 1876. 



2) Die ältesten Gewährsmänner sind 
Lykurg in Leoer. 28 und Piaton Legg. I 
p. 269"^. Wiederholt ist die Fabel von Dio- 
dor XV, 67; Paus. IV, 15; lustin. III, 6; 
Themist. or. XV p. 197; Schol.Plat. a. 0. Die 
Opposition des Strabon p. 362 scheint auf den 
lakonischen Lokalforscher Sosibios zurückzu- 
gehen. Die Unrichtigkeit der Überlieferung 
erwiesen von Fe. Thieesch, De gnomicis 
carmimbus Graecorum, in Acta phil. Mon. 
III, 587 fl. Eine ähnliche Anekdote bei Valer. 
Max. I, 5 p. 20 Halm.: Samii Frienensihus 
auxilium adversiis Cares 'petentibus in de- 
risum sibyllatn miserunt, hanc pro exercitu 
ac classe afferentes; qua duce usi Prienenses 
bellum consummaverunt. Widerspruch von 
Beegk, Gr. Litt. II, 244. 

^) Beide Aphidna unterschieden von 
Steph. Byz. in 'Acpidya. 



110 



Griechische Litteraturgeschichte. 1. Klassische Periode. 



so bekennt er sich damit deutlich als einen der Lakedämonier, und wenn 
er gar in einer anderen Elegie nach Strabon p. 362 von sich als Führer 
im Kriege sprach, so passte dieses doch nicht auf einen fremden lahmen 
Schulmeister. Dunkel ist die weitere Angabe des Suidas TvQTatog' yidxwv 
r] Mih-jöiog ; vielleicht hatte Tyrtaeus in seiner Jugend Milet besucht 
und dort die Art der ionischen Elegie kennen gelernt. Die Gedichte 
desselben brachten die Alexandriner in 5 Bücher; am gefeiertsten war 
unter ihnen die Evrofiia, mit welcher er die Zwietracht der Lakedämonier 
beschwichtigte; berühmt ist aus ihr der Vers 

d (filoxQrjficcTir: 2ndQTav oket, aXko St ovSiv.'^) 

Aus einem anderen Teil, viro^^xai, überschrieben, sind uns 3 voll- 
ständige Elegien erhalten, welche ganz im Geiste des Kallinos zur Tapfer- 
keit mahnen und vor der Schande der Feigheit warnen. 2) Von den 
Elegien unterschieden waren die 'EinßaTt]Qia, Marschlieder im anapä- 
stischen Rhythmus, voll kriegerischen Feuers, von denen uns einige Verse 
erhalten sind.^) Auch nach des Dichters Tod blieben seine Werke bei 
den kriegerischen Doriern in hoher Ehre : sie wurden nicht bloss nach 
Kreta gebracht,*) sondern auch von den Lakedämoniern regelmässig im 
Lager nach dem Tischgebet oder Päan gesungen, wobei der Polemarch 
nach alter Sitte dem, der am besten gesungen, ein Stück Fleisch als 
Preis gab.ö) 

86. Mimnermos aus Kolophon^) blühte gegen Ende des 7. Jahrb., ^) 
als die ionischen Städte Kleinasiens, insbesondere auch Smyrna und Kolo- 
phon, den Angriffen der Lyderkönige unterlegen waren und infolgedessen 
in weichlichen Luxus verfielen. In einer Elegie, fr. 14, knüpfte er noch 
an den Charakter der älteren Elegie an, indem er den Heldenmut der 
Smyrnäer in der Schlacht gegen den König Gyges besang, vermutlich in 
der Absicht, dieselben zu gleich mutiger Ausdauer gegen den erneuerten 
Ansturm des Königs Sadyattes anzufeuern. Aber in seinen anderen Elegien 
schlägt er einen ganz verschiedenen Ton an, indem er in schwärmerischer 
Sentimentalität seine Liebe zur schönen Nanno besingt und in wehmütigen 
Weisen das rasche Hinwelken der Jugend und des Liebesglücks beklagt. 
Dieser erotische Charakter seiner Elegien machte ihn zum Liebling der 
alexandrinischen und römischen Elegiker.^) Übrigens war Mimnermos nicht 
bloss Dichter, sondern auch Flötenspieler und Erfinder auletischer Nomen, 
unter denen der KQudiag vofxog einen besonderen Klang hatte. ^) 



^) Lykurg in Leoer. 28; Arist. Polit. Y, 
6. 2. 

^) Daher Horaz a. p. 402: Tyrtaeusque 
mares animos in Martia hella versibus exa- 
cuit. Es wird sogar vermutet, dass bei Stob. 
Flor. 51, 19 in der Lücke der Name Tvq- 
Tcuog ausgefallen sei und so auch die ein- 
zige längere Elegie des Kallinos dem Tyr- 
taios angehöre. 

^) Cic.Tusc.disp.il, 16; Ammian. Marc. 
XXIV, 6. 

4) Plat. Legg. I p. 629 b. 

^) Philochoros bei Ath. 630 f.; vergl. 
Lykurg c. Leoer. 107. 



^) Suidas: MlfxysQfxog AiyvQXia^ov, Ko- 
Xocpojyiog rj IfxvQvcdog ij 'AarvTjaXaiEvg. unter 
dem Namen Aiyvaojiüör] redet ihn Solon 
fr. 20 an. Er selbst besingt fr. 9 die Ein- 
nahme von Smyrna durch die Kolophonier. 

^) Suidas setzt ihn Ol. 37, was Rohde, 
Rh. M. 33, 201 aufklärt. 

^) Propertius I, 9. 11: plus m amore 
valet Mimnermi versus Homero. Charakte- 
ristisch für ihn ist der Vers rig de ßiog, rl 
de TEQTivov (ivEv /Qvaetjg 'Jq:Qodiji]g; 

°) Plut. de mus 8: x«t liXlog d'eoTii' 
cfQ^aTog pojLiog yaXovfuerog K^adiag, oV q:i]Oiv 
'Innwva^ MifxyeQfxoi^ ccvXrjacci ' ev f^QXU T^^^Q 



B, Lyrik. 2. Die Elegie. (86-87.) 



111 



87. Solon (um 639 — 559), i) der weise Gesetzgeber und grosse Patriot 
Athens, ist zugleich der erste Athener, der seine Vaterstadt auf die Bahn 
poetischen und litterarischen Ruhmes wies. Von dem 7. Jahrhundert an zog 
sich überhaupt das geistige Leben Griechenlands von Kleinasien, wo es 
unter günstigen Anregungen zuerst erblüht war, dann aber dem Vordringen 
barbarischer Despotien erlag, allgemach wieder nach dem griechischen 
Festland zurück. Athen insbesondere begann damals sich als See- und 
Handelsmacht zu heben und hatte das Glück aus der Krisis innerer Par- 
teiungen mit gesteigerter Kraft hervorzugehen. Solon, der selbst von dem 
Geschlechte der Kodriden abstammte, aber einen besseren Adelsbrief sich 
durch edle Gesinnung und reiche, auf Reisen in Ägypten und Asien ''^) ver- 
mehrte Erfahrungen erworben hatte, war berufen in jenem politischen 
Gährungsprozess seiner Vaterstadt eine hervorragende Rolle zu spielen. 
In dem Streit der Megarer und Athener um den Besitz von Salamis rief er 
seine Mitbürger zu einer letzten Kraftanstrengung und zur Wiedereroberung 
der schönen Insel auf (604). Als Archon im Jahre 594/3 beruhigte er 
den Groll der verschuldeten Kleinbürger durch die von den Reichen leichter 
ertragene Massregel der Herabsetzung des Münzfusses ^) und unternahm 
das grosse Gesetzgebungswerk, das in der Sanktionierung und Aufstellung 
der hölzernen Gesetzestafeln (xvQßsig oder a^ovsg) auf der Akropolis seinen 
Abschluss fand. Eine dauernde Beilegung des Parteihaders gelang ihm 
freilich nicht; er musste es noch erleben, dass Peisistratos, gestützt auf 
die demokratische Gebirgsbevölkerung, die Macht der Optimaten brach und 
sich der Tyrannis bemächtigte (561); den Beginn der Tyrannis überlebte 
er nur 2 Jahre; 80 Jahre alt starb er in Kypern.'*) Zur Weisheit und 
Thatkraft eines Staatsmannes war dem Solon auch die schöne Gabe der 
Poesie von der Mutter Natur verliehen. In jungen Jahren sang er wohl 
auch von sorgenloser Lebensfreude und ausgelassener Liebeslust (fr. 23 
bis 26) ;5) in reiferen Jahren aber stellte er die Poesie in den Dienst der 
Politik, indem er durch Verse, wie Spätere durch Reden, ^) auf das Volk 
einzuwirken suchte und dasselbe in seinen Elegien bald zu mutigen Unter- 



iXsysTa ^sfj.slonoirjfxeva oi cwXiodol fiauv. 
Vgl. Strabon p. 643. Das Wort bedeutet 
Feigenastweise, worüber Müller, Gr. Litt. 
l\ 175. 

') Plutarch, Leben Solons; seine Haupt- 
quelle war Hermippos, der aber schon von 
dem Leben des weisen Mannes, von dem er 
wenig zuverlässiges wusste, eine lialbroman- 
hafte Darstellung gegeben hatte. 

■'^) Die Reisen des Solon sind besonders 
in Fabeln gehüllt worden. Die Angaben 
über die Veranlassung derselben durch die 
Tyrannis des Peisistratos und über die Grün- 
dung von Soloi in Kilikien (bei Hesych.) 
sind ganz unhaltbar; aber selbst die Unter- 
redung mit Kroisos, von der schon Herodot 
I, 29 berichtet, erregt Bedenken, da zur Zeit, 
wo Solon in Asien war, Kroisos noch nicht 
zur Herrschaft gelangt sein konnte. Die 
Bedenken sucht zu zerstreuen Ungek, Jahrb. 
f. Phil. 1883 S. 383 ff. Gut bezeugt ist die 



Reise nach Ägypten durch Herodot I, 29, 
Piaton Krit. 108 d, Plut. Sol. 2 und Solon selbst 
fr. 28, ebenso durch Solon fr. 19 die Reise 
nach Kypern. Nach Herodot machte er die 
Reisen nach seiner Gesetzgebung, die Neu- 
eren denken eher an Handelsreisen des 
jungen Solon. 

^) HuLTSCH, Griech. u. röm. Metrologie, 
2. Aufl. S. 200 ff. 

') Diog. I, 62; ebenso Schol. Plat. de 
rep. X p. 599, wo der Artikel des Hesychios 
Mil. etwas vollständiger wie von Suidas 
wiedergegeben ist. Das Todesjahr icp' 'Hye- 
GTQc'aov ciQxovjog gibt Phanias bei Plut. Sol. 
32. Nach Herakleides bei Plut. Sol. 31 blieb 
Solon in Athen und lebte noch längere Zeit 
in gutem Einvernehmen mit Peisistratos. 

5) Plut. Sol. 3. 

^) Diog. I, 61 schreibt ihm geradezu 
Demegorien zu. 



112 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



nehmungen, bald zur Eintracht und Gesetzlichkeit aulforderte. Nach Diog. 
1,61 hatte man von ihm in 5000 Versen Elegien, lamben und Epoden. Die 
einzelnen Abteilungen hatten besondere Titel, wie ^aXafxig, vrrod^rjxai slg 
'A^rjvaiovg, VTTO&fjxai slg iavrov, nqog KgiTiar, Jiqog (J>iX6xvTiqov. Erhalten 
haben sich von ihm ausser kleineren Bruchstücken von lamben, trochäischen 
Tetrametern und Skolien mehrere Elegien, welche die schönsten Seiten der 
attischen Denkweise, heitere Lebensfreude, Mass im Genuss, besonnenes 
Handeln, thatkräftiges Eintreten für den Staat und das Gemeinwohl, in 
einschmeichelnden Versen^) zum Ausdruck bringen. Nach Verdienst haben 
daher die Athener die Gedichte des Solon, wie die Spartaner die des Tyr- 
taios, in dankbarem Andenken behalten. Am Feste der Apaturien sangen 
die Kinder dieselben im Wettgesang, indem die Eltern dazu Preise gaben, 2) 
und nicht bloss preist Piaton den durch Kritias ihm verwandten Dichter 
in überschwenglichen Worten,^) sondern auch Demosthenes fand aufmerk- 
sames Ohr bei den Richtern, als er ihnen in der Rede über die falsche 
Gesandtschaft § 255 eine ganze Elegie des grossen Volksfreundes vorlas. 

88. Solon galt zugleich als einer der Sieben Weisen; daher mögen 
auch über diese einige Worte hier eingeflochten werden, wenn dieselben 
auch mehr Männer der praktischen Lebensweisheit als der Theorie und 
Litter atur waren. Die Namen derselben sind bei dem ältesten Gewährs- 
mann, Piaton Protag. p. 343a, Thaies aus Milet, Pittakos aus Mytilene, 
Blas aus Prione, Solon aus Athen, Kleobulos aus Lindos,^) Myson aus 
Chen, Chile n aus Lakedämon. Spätere setzten an die Stelle des Myson 
den Periander aus Korinth.^) Seit alters kursierten von diesen kurze 
Kernsprüche, wie yrco^i (XsavTov, ixrjSh' ayav, {xstqov aQWTOv, syyva TiaQu 
dUrcc.^) Vermutlich rührt sogar die Zusammenstellung der 7 Weisen von 
einem alten Weisheitsspiegel her, in dem zu ünterrichtszwecken derartige 
Sprüche unter Beifügung des Autornamens zusammengestellt waren. Später 
wurden denselben nicht nur immer mehr Sprüche und Sentenzen, sondern 
einigen von ihnen, wie dem Chilon, Pittakos, Periander, auch Elegien, 
Rätsel {yQi(foi) und Skolien untergeschoben; gegen die Echtheit der letzteren 
spricht schon das Versmass, das uns in die Zeit nach Euripides weist. ^) 
Auch von der Kleobulina, der Tochter des Kleobulos, sind uns einige 
Rätsel erhalten. 

89. Phokylides aus Milet und Demodokos von der Insel Leros 



'} Strophische Gliederung weist nach 
Weil, Rh. M. 17, 1 ff. 

2) Plat. Tim. p. 21b. 

^) Ibid.: r« re üXka aoipcüTaroy yeyo- 
vivai IoXmpcc xcd xard rijy noirjaip av twp 
7ioLr}T(üv nuvTiDr e'kev&SQUoxcaov ' xara yifxiqv 
do^ay 0VZ6 Haloö'og ovre Ofxt]Qog ovie ccXkog 
ovdsig noirjTrjq svdoxif^ujTSQog iyiysro liv 

TTOr' UVTOV. 

^) Diesem Kleobulos wurde auch das 
Epigramm auf der Grabsäule des Midas zu- 
geschrieben, wie Simonides bei Diog. Laert. 
1, 89 bezeugt. 

^) Eine Herme des Periander findet sich 
in der Villa Borghese. 



^) Diese Sprüche {dnocpyi^EyfxaTa) wuiden 
gesammelt von Demetrios aus Phaleron, wo- 
raus Stobäus Floril. 3, 79 und spätere grie- 
chische und lateinische Spruchsammlungen 
schöpften. Eine griechische in lamben pub- 
lizierte WöLFFLiN in Sitzb. d. b, Ak. 188G 
S. 287 ff., zwei lateinische Brunco, Bayreuther 
Progr. 1885. Über die Unechtheit der den 
7 Weisen zugeschriebenen, durch Diogenes 
zum Teil noch erhaltenen Skolien vergl. 
Müller, Gr. Litt. I, 343. 

') Freigebig in Erdichtung von Werken 
war besonders der Grammatiker Lobon; s. 
Hiller, Die lit. Thätigkeit der 7 Weisen, 
Rh. M. 33, 518 ff. 



B. Lyrik. 2. Die Elegie. (§ 88 -90.) 



113 



waren gleichzeitige gnomische Dichter, die in ihren Versen sich gegenseitig 
neckten. Die Blüte des berühmteren von ihnen, des Phokylides, wird von 
Suidas auf 537 v. Chr. gesetzt; er hatte Sittenregeln in Hexametern und 
Distichen geschrieben, die durch den einförmig wiederholten Anfang xal 
TÖde (DwxvXiöüü) in Absätze von wenigen Versen zerfielen.^) Von ihnen sind 
nur wenige, gelegentlich zitierte Verse auf uns gekommen. Dagegen sind 
vollständig erhalten die sogenannten Phokylidea, ein ehemals vielgelese- 
nes, den zehn Geboten gleichgestelltes Lehrgedicht in 230 Hexametern,^) 
das schon gleich im Anfang durch den Vers rcgcoTa d^sdv TifÄU, iisr^itEiTa 
dt aeio yovrag an die Gesetze der Juden erinnert. Zweifel an der Echtheit des 
Gedichtes dämmerten zuerst dem Heidelberger Gelehrten Sylburg auf; Jos. 
Scaliger wies dann bestimmter auf die Übereinstimmung einzelner Sätze, 
wie von der Auferstehung des Fleisches (V. 103) und der Aushebung der 
Vogelnester (V. 84 f. = Deut. 22,6), mit der Lehre der Bibel hin und Hess 
die Wahl zwischen einem jüdischen oder christlichen Fälscher. Zum Ab- 
schluss brachte die Frage Jak. Bernays in der klassischen Abhandlung, 
Über das phokylideische Gedicht (Ges. Abb. I, 192 — 266), indem er nach- 
wies, dass der Fälscher zu den alexandrinischen Juden gehörte, und in 
der Zeit zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem Kaiser Nero gelebt 
haben muss.^) 

90. Theognis ist der einzige Spruchdichter, dessen Elegien in einiger 
Vollständigkeit auf uns gekommen sind. Seine Abkunft und seine Lebens- 
zeit war bestritten: der älteste Zeuge, Piaton in den Gesetzen I p. 630a 
nennt ihn einen Bürger des hybläischen Megara in Sikilien.^) Das muss 
aber ein Irrtum sein; Theognis war wohl nach Sikilien gekommen und 
hatte in einem Gedicht der rühmlichen Thaten der hybläischen Megarenser 
gedacht;^) aber er bezeugt selbst V. 782 ff., dass seine Wiege nicht in 
Sikilien, sondern in dem nisäischen Megara, der Stadt des Alkathoos, stund. 
Nicht minder waren bezüglich seiner Lebenszeit schon im Altertum falsche 
Meinungen verbreitet. Eusebios und Suidas setzen ihn Ol. 58, 3 ; nun spricht 
aber Theognis selbst an 2 Stellen V. 764 und 775 von der Gefahr, die 
seiner Heimatstadt von den Medern drohe. Das kann man mit jener Über- 
lieferung nur vereinigen, wenn man den Mederkrieg auf die Unterneh- 
mungen des persischen Heerführers Harpagos gegen die ionischen Staaten 
Kleinasiens deutet. ^) Aber die Gefahr für Megara lag damals noch in sehr 
weiter Ferne ; die ward erst greifbar mit dem Zug des Mardonios gegen das 



') Dio Chrys. or. 36, 12. 
''^) Von Suidas genannt naQcupsaeic, ypM- 
fxai, x£(puXai(i, in der ed. princ. 7ioi?]fut< vov- 

'') Nur der eine Vers 129 Ttjg Je x^eo- 
nvEVGXov oocpb]g Xoyog iarly aQioxog scheint 
die christliche Logoslehre vorauszusetzen; 
Bernays hat denselben als Interpolation ge- 
strichen. 

"*) Nach Piaton auch Suidas; dem ent- 
gegen trat Didymos in den Schollen zu Pia- 
ton 1. 1. für das nisäische Megara ein, ebenso 
Harpokration u, Geoyvig. Beloch, Jhrb. f. 
Phil. 137 (1888) S. 729 nimmt seine Zuflucht 
Handbuch der klass. AlterUimswissenschaft. VII. 2, 



zur zweifelhaften Annahme, dass Theognis 
in dem sikilischen Megara geboren und von 
dort um 490 vertrieben, in dem nisäischen 
Megara Aufnahme gefunden habe. 

'"") Vermutlich in der von Suidas ange- 
führten E^eysici eig rovg GM^heviag xwp Iv- 
Qaxovoioiu iy zfj rfoXioQxUt. Piaton wird den 
Gelehrten von Syrakus, die sich auf diese 
Elegie stützten, gefolgt sein. Sitzler in der 
Ausg. p. 52 und Flach, Griech. Lyr. p. 412 
wollen jene Elegie unserem Theognis ab- 
sprechen. 

«) So RoHDE, Rh. M. 33, 170, der jene 
Verse um 540 gedichtet sein lässt. 

Autl. 8 



114 



Griechische Litteraturgeschichte. 1. Klassische Periode. 



griechische Mutterland (492). Auf diesen also deuten wir jene Verse, und 
dieses um so unbedenklicher, als auch eine andere Stelle, V. 891 — 4 von 
der Verheerung der lelantischen Ebene durch die Kypseliden, d. i. die 
Athener unter dem Kypseliden Miltiades, uns bis auf 506 herabführt. Da- 
nach blühte Theognis in der 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts und erlebte noch 
die Gefahr eines nahenden Kriegszugs der Perser. Sein Leben war ein 
ausserordentlich bewegtes und fiel in die Zeit heftigster, innerer Parteikämpfe. 
Es befehdeten sich nämlich im 6. Jahrhundert in Megara wie in anderen 
Staaten Griechenlands aufs grimmigste der alte Adel und der mit Hilfe von 
Tyrannen oder demagogischen Parteichefs zur Macht anstrebende Demos. 
Theognis selbst war ein entschiedener Anhänger der Adelspartei und schaute 
mit dem ganzen Hochmut eines eingefleischten Junkers auf die Gemeinen 
(xaxoi) herab. ^) Aber er hatte, als die Volkspartei zur Herrschaft gelangt 
war, seinen Hochmut schwer büssen müssen. Seiner Güter beraubt, musste 
er lange das Brot der Verbannung essen und kam bei dieser Gelegenheit 
nach Sikilien, Böotien, Euböa, Sparta.^) Später kehrte er wieder in seine 
Vaterstadt zurück und schickte sich in die veränderte Staatsordnung,'') 
doch ohne den Verlust seiner Güter zu verschmerzen und ohne seiner 
aristokratischen Gesinnung untreu zu werden. 

Geschrieben hat Theognis ausser der Elegie auf die gefallenen Syra- 
kusaner ein Spruchgedicht an seinen geliebten Kyrnos und mehrere Unter- 
weisungen an andere Genossen. 4) Auf uns gekommen ist eine Sentenzen- 
sammlung von 694 Distichen in 2 Büchern, von denen das erste (1 — 1230) 
politisch-moralische Sprüche, das zweite, das nur in dem Cod. Mutinensis 
und in diesem nicht vollständig erhalten ist, erotische Verse auf die Liebe 
zu schönen Knaben (jicuSiTtä) enthält. •"•) Den Grundstock der Sammlung<^) 
bildet das Gedicht an Kyrnos, den Sohn des Polypais, einen edlen Jüng- 
ling, den der Dichter mit väterlicher, aber doch der Sinnlichkeit nicht 
ganz entbehrender Zuneigung^) in die Lebensweisheit und die Grundsätze 
des aristokratischen Regimentes einführen will. Eingelegt sind Stücke aus 
den übrigen vnoO^ijxai des Theognis, namentlich aus den Elegien an seine 
Freunde und Zechgenossen Simonides, Klearistos, Onomakritos, Demokies, 
die alle, ebenso wie Kyrnos, wiederholt in den Elegien angeredet sind. 



') Siehe besonders V. 846 ff. 

2) V. 783 ff., 879, 891, 1209. Die Nach- 
richten über Kyme, Kolophon, Magnesia 
(1103 f. u. 1024) entnahm er wohl dem Kal- 
linos. 

3) V. 945 ff. u. 331 f.^ 

^1 Suidas: tyQaxpev iXsysiay sig rovg 
Güid^Evxac Tiüv ZvQay,oai(jDV ev rfj nokioQxUc, 
yyo)fiag cTt' iXsyeiag eig 67T7] ,ßc6, [xcd] nQog 
KvQvov xöv civrov eqm^svov yvMfj.o'koyiuv dt 
iXeye'iiov xal sreQag vnodijy.ag naQaLysrixcig, 
rd näfXK inixojg. Dass er ausser Elegien 
auch Gedichte in anderen Versmassen dich- 
tete, schliesst Bergk, Gr. Litt. II, 309 aus 
Plat. Men. 95 d. Wahrscheinlich hatte die 
ganze Sammlung die 2800 Verse, welche 
Suidas erwähnt. 

°) Die Echtheit des 2. Buches bestreiten 



Hiller, Jahrb. f. Phil. 1881, p. 471 f., 
CouAT, Le second livre d'elegies attrihue a 
Theognis, Bordeaux 1883, Akth. Coesekn, 
Quaestiones TJieognideae, Geestemünde, 
Progr. 1887. 

*^) Das 1. wie das 2. Buch, da in beiden 
sich Kyrnos angeredet findet; die anzüglichen, 
auf Knabenliebe bezüglichen Verse wollte 
offenbar der Anordner aus dem ersten, für 
die Jugendunterweisung bestimmten Buche 
weglassen. 

^) V. 1049: (Jol (f' iyuj otä ts Ticdöl 
■narrjQ vnoSi^Go^uM ccviog Das sinnliche Ver- 
hältnis erkennbar aus V. 253 f. Gegen den 
Vorwurf der Knabenliebe den Theognis ver- 
teidigen, hiesse einen Mohren weiss waschen. 
Über die Knabenliebe der Megarenser vgl. 
Theokrit. XII, 27 ff. 



I 



B. Lyrik. 3. Die iambische Poesie. (§ 91.) 115 



o 



Aber es finden sich auch Verse von anderen Dichtern (von Solon 227 — 232. 
1231 f., Mimnermos 795 f., Tyrtaios 935 — 8, Buenos 472) eingemischt, 
zunächst wohl als Parallelen zu Sprüchen des Theognis. Aber auch damit 
nicht genug, begegnen uns an verschiedenen Stellen zwei Fassungen der- 
selben Sentenz, eine getreuere, ursprüngliche, und eine gekürzte, der 
gangbaren Sprache näher gerückte, wofür das einleuchtendste Beispiel die 
Vergleichung von V. 213 — 8 und 1071 — 4 bietet, sei es nun, dass gleich 
der Anordner der Sammlung echtes mit interpoliertem und fremdem 
mischte, sei es, dass erst Spätere die alte reinere Sammlung interpolierten. 
Wir haben also offenbar eine Blütenlese vor uns; von wem und wann 
dieselbe veranstaltet wurde, wissen wir nicht. Isokrates an Nikokles c. 43 
kannte noch keine derartige.') Offenbar aber hat der Anordner, wenn er 
sich auch im allgemeinen an die Ordnung des Originalwerkes hielt, manches 
aus dem einen Buch in das andere versetzt und vieles andere verkürzt 
und des individuellen Charakters entkleidet. Doch tritt auch so noch die 
Persönlichkeit des Dichters und der Ton seiner Poesie deutlich uns entgegen. 
Theognis war ein verbissener und verbitterter Aristokrat, aber dabei eine 
originelle Dichternatur, voll Lust an Wein und Gesang, dazu von leiden- 
schaftlicher Liebe zu seinem Liebling. Seine Elegien sollten nur indirekt 
zur sittlichen und politischen Unterweisung dienen ; zunächst waren sie zum 
Gesang bei den Gastgelagen bestimmt, 2) wie besonders aus V. 241 hervorgeht: 
xai (fe avr avXiaxoiai hyvcpS^öyyoig vtoi avSqsg 
evxöüiiMg eqaTol xaXd zs xal Xiyt'u adovrai. 
Erst später wurden sie ohne Flötenbegleitung vorgetragen 3) und unter 
dem Einfluss der Sokratiker, des Piaton, Xenophon und Isokrates in die 
attischen Schulen als Tugendspiegel eingeführt. Ihrer bis gegen Ende des 
Altertums andauernden Beliebtheit verdanken wir die Erhaltung unserer 
Sammlung, durch die indes frühzeitig die ursprünglichen Ausgaben ver- 
drängt wurden. 

Haupthandschrift: Cod. Miitinensis s. X (A) jetzt in Paris; ihr zunächst Vatic, 915 
s, XIII (neue Mitteilungen von Jordan, Quaest. Theognideae, Regiom. 1885). — Ausgaben 
mit krit. Apparat von I. Bekker, ßerol. 1815 u. 1827. — Ziegler ed. II, Tub. 1880. — 
Sitzler, Heidelb. 1880. ~ Daneben die einschneidende Bearbeitung von Bergk in FLG. 
Der Eiklärung und Anordnung gewidmet ist die Ausgabe von Welcker, Francof. 1826, — 
Guter Jahresbericht von Leutsch, Phil. 29, 636—90. 

91. Elegien haben ausserdem in der älteren Periode die von uns an 
anderer Stelle behandelten Dichter Archilochos, Asios, Xenophanes, Parme- 
nides gedichtet, denen ich ehrenhalber die epigrammatischen Spruch verse des 
Hipparch auf den von ihm an den Landstrassen gesetzten Hermen an- 
füge (Plat. Hipp. 228 c). In der attischen Periode nach den Perserkriegen 
fand das Epigramm und die Elegie, namentlich die sympotische, eifrige 



^j Nach NiETSCHE, Zur Geschichte der 
Theogn. Spruchsammlung, Rh. M. 22, 181 iF. 
ist die Sammlung zwischen Piaton und Ptole- 
maios Philadelphos entstanden, aber später er- 
weitert worden. Vermittelst subtiler metri- 
scher und prosodischer Beobachtungen sucht 
die späteren Bestandteile aus der attischen 
und alexandrinischen Zeit von den alten des 



Theognis zu sondern Sitzler im Tauber- ; Zeit entnommen. 



bischofsheimer Progr. 1885. 

'') Der Anfang eines Distichons V. 1365 
CO naidcüi/ xdlXioxe, auf einer Trinkschale 
von Tanagra in Mit. d. arch. Inst, zu Athen 
IX, 1 ff. 

^) Die Angabe des Ath. 632 d, wonach 
Theognis keine Melodien für seine Elegien 
gedichtet habe, ist der Übung der späteren 



115 Griechische Litteraturgeschichte. 1. Klassische Periode. 

Pflege, so dass fast alle grossen Dichter, wie Simonides, Aischylos, Ion, 
Antimachos, überdies Piaton und Aristoteles nebenbei auch Elegien dich- 
teten. Speziell als Elegiker machten sich einen Namen Dionysios, der 
von dem Vorschlag, kupferne Münzen zu schlagen, den Beinamen Chalkus 
erhalten hatte und in einigen seiner Elegien die Abgeschmacktheit beging den 
Pentameter dem Hexameter vorauszuschicken, die beiden Euenoi aus Paros, 
von denen der jüngere, Zeitgenosse des Sokrates, wegen seiner weisen Sinn- 
sprüche bei den Philosophen in besonderer Ehre stund, Kritias, einer der 
dreissig Tyrannen, der ausser sophistischen Reden und Tragödien auch 
Elegien unter mannigfachen Titeln schrieb.^) Einer jüngeren Periode ge- 
hören die weisen Scherze (Tiaiyvia) des Philosophen Krates aus Theben an, 
der ein Schüler des Kynikers Diogenes war und in geistreichen Versen und 
Reden die Moral der Einfachheit {svtsXho) verkündete. 

3. Die iambische Poesie und die Fabel. 

92. Die iambische Poesie (// tmv iap.ßonoio)v noir^aig) hat ihren Namen 
von dem iambischen Rhythmus. Dieser Rhythmus, den wir bereits in den 
Melodien des Terpander vertreten fanden, hat etwas erregtes, unruhiges, 
das schon in der rascheren Aufeinanderfolge der Hebungen des ^k Taktes 
(y£voQ dinXciaiov) gelegen war, noch mehr aber durch den Auftakt iam- 
bischer Reihen zum Ausdruck kam. Dadurch entfernte sich die iambische 
Poesie von der Feierlichkeit daktylischer Hymnen und näherte sich dem 
raschen Ton der Umgangssprache. Wie aber überall in der griechischen 
Litteratur, so hatte auch hier die Eigenartigkeit der metrischen Form 
einen ähnlichen Inhalt zum Begleiter: aus den iambischen Versen tönte 
der Streit des Lebens und der Lärm des Marktes. Wohl kam dieser 
Rhythmus auch bei gottesdienstlichen Festen vor, aber nicht in den 
ernsten Weisen der Priester des Zeus und Apoll, sondern in der aus- 
gelassenen Festfeier der neuen Gottheiten, des lakchos und der Demeter. ^j 
Der Kult dieser Götter war bei den loniern in Naxos, Paros und Attika 
zu Haus; dem ionischen Stamme gehörte auch recht eigentlich die iam- 
bische Poesie an. Dem ionischen Kleinasien entstammten ihre Erfinder, 
und in dem stammverwandten Attika hat sich aus ihr die schönste Blüte 
der Poesie, die Komödie und Tragödie, entwickelt. Ihre Anfänge fallen 
fast gleichzeitig mit dem ersten Auftauchen der Elegie; ihre Blüte hat 
aber weniger lang angehalten, da ihre Formen, der iambische Trimeter 
und trochäische Tetrameter, zu einfach waren, als dass die stete Wieder- 
holung derselben lange der rasch vorwärts drängenden Entwicklung der 
griechischen Musik und Rhythmik hätte genügen können. Nachdem sie ' 
ihren Hauptdienst geleistet und ein frischeres Blut in die Adern der grie- 
chischen Litteratur gebracht hatte, machte sie melodischeren Formen der 

') In einer der erhaltenen Elegien zählt ' tias über Staatsverfassungen, s. Müllek, FHG. 

er die Erfindungen der einzelnen Völker- | II, G8 — 71. 

schaffen und Städte auf; in einem hexaraet- ! -) Vgl. Aristoph. Ran. 384 — 444, Die 

rischen Gedicht (fr. 7) preist er den Anakreon; j Fabel machte die Dienerin lambe, die mit 

ob er auch über Homer und Archilochos in ihren Spässen die um ihre Tochter trauernde 

Versen oder sophistischen löyoi gehandelt, Demeter zum Lachen brachte, zur Erfinderin 

bleibt ungewiss. Auch in Prosa schrieb Kri- j des lambus; s. Procl. ehrest, p. 242, 28 W. 



1 



i 



B. Lyrik. 3. Die iambische Poesie. (§ 92-9S.) 



117 



Lyrik Platz oder ward als belebendes Salz in andere Litteraturgattungen 
aufgenommen. In den Kanon der Alexandriner erhielten nur 3 lambographen 
Aufnahme: Archilochos, Simonides, Hipponax. 

93. Archilochos aus Faros, jüngerer Zeitgenosse des Kallinos.O 
blute um 650, ''^) jedenfalls nicht vor dem Lyderkönig Gyges (687—652), 
dessen Reichtums er in dem Verse (fr. 25) ov ixoi td Fvyeo) rov nolvxqvaov 
lislsi gedenkt. Sein Vater Telesikles hatte von Faros eine Kolonie nach 
der Insel Thasos geführt; seinen Ahnherrn Tellis brachte der Maler Fo- 
lygnot, der selbst aus Faros stammte, in der Unterweltscene neben der 
Kleoboia, der Stifterin des Demeterkultus von Thasos, an (Faus. X, 28. 3). 
Dem Archilochos selbst war ein wechselvolles, an Kämpfen und Drangsalen 
reiches Leben beschieden. In einem Distichon (fr. 1) drückt er schön 
seine doppelte Stellung als Bürgersoldat und Dichter aus: 
sip} 6' €y(o ^fQccTVoov fJisv ^Evvakioio avaxTog 
xal MovasMv sqaTov Swqov smaTccpisvog. 
Aus Not verliess er seine Heimat Faros und brachte seine Jugendjahre 
auf der rauhen und unwirtlichen Insel Thasos ^u,^) auf der aller Jammer 
Griechenlands zusammengeflossen war (fr. 54). In den Kämpfen gegen 
die thrakischen Saier verlor er seinen Schild, über welchen Verlust er sich 
leichten Sinnes hinwegsetzte, da er das Leben gerettet habe und einen an- 
deren Schild leicht erwerben könne. Zu Hause in Thasos und Faros 
erlebte er manche Kränkung und Zurücksetzung: ein parischer Bürger 
Lykambes hatte ihm seine Tochter Neobule verlobt, dann aber ihre Hand 
einem anderen gegeben, wofür sich der Dichter in beissenden lamben an sei- 
nem erhofften Schwiegervater und dessen ganzer Sippe rächte.'^) Dann führte 
er als Kriegsknecht ein abenteuerliches Leben, ^) nahm an den Kämpfen in 
Euböa teil und fand schliesslich in einem Krieg mit Naxos den Tod.') 

Als Dichter wiesen die Alten dem Archilochos die nächste Stelle nach 
Homer an: wie jener das Epos geschaffen und zur Vollendung gebracht, 
so er die Foesie der subjektiven Empfindung und des beissenden Spottes.^) 



1) S. § 84. 

2) Die Stelle bei Herodot I, 12 rvysM 
xcd jQ/iXo/og 6 JIccQiog y.axd xov avxov /Qo- 
vov ysvöixsvog iv id^ßia TQCfusTQU) eiisfxvrj- 
oSrj ist interpoliert. Oppolzer, Sitzb. der 
Wien. Ak. 1882 S. 1 hat die von Archilo- 
chos fr. 76 geschilderte Sonnenfinsternis auf 
648 V. Chr. berechnet. Dazu stimmen im 
wesentlichen Eusebios, der ihn Ol. 28, 4 
ansetzt, das Marm. Parium, nach dem er 
Ol. 24, 4 die Kolonie nach Faros führte, 
und Cornelius Nepos, der ihn nach dem 
Chronographen Apollodor (Gellius XVIl, 21. 
8) unter Tullus Hostilius (670- 638) leben 
lässt. Vgl. Gelzek, Zeitalter des Gyges, 
Rh. M. 35, 230 ff., RoHDE, Rh. M. 36, 557 f., 
und oben S. 108 An. 7. Bei Suidas ist der 
aus Hesychius Milesius zu entnehmende Ar- 
tikel Archilochos ausgefallen. 

^) Allan V. H. X, 13 referiert aus dem 
Elegiker Kritias, dass Arch. selbst bezeuge. 
ori, xarahnoju TlciQor fl/r? nevlav y.cd uno- 
Qiav riXd^Bv ig 9c'(aoi\ 



7. 10. 



Fr. 6; nachgeahmt von Horaz Od. II, 



5) Fr. 27 u. 34, worauf Horaz Ep. I, 19. 
25 anspielt. 

^) Fr. 23: xcd &r] ^nixovQog üore Kdo 
xsxXrjffofxM. Des Kampfes in Euböa gedenkt 
er fr. 4. 

') Heracl. Pont, in Müller's FHG. II, 
210. Den Naxier Kallondas wies die del- 
phische Pythia mit den Worten ab: Movadoyv 
xhegduopia xaxixxavsg ' 6iix% pr]ov : s. Suidas 
u. ^4q/(X. nach Aelian; vgl. Arist. rhet. II, 23, 
vielleicht nach dem Museion des Alkidamas. 

^) VelleiusI, 5: neqite quemquam alium, 
(rmus operis primus fuerit auctor. in eo 
perfectissimiim praeter Homeram et Arclii- 
lochum reperiemus. Schon Herakleides Pont, 
hatte nach Diog. V, 87 tisql 'Aq/iIö/ov x(d 
'Ofx^Qov geschrieben. Beide sind zusammen- 
gestellt von Antipater Anth. XI, 20 u. Dio 
Chrys. 33, 11; vereint stellte sie die Kunst 
dar, wie diu Doppelherme des Vatikan; dor 
gestrenge, bärtige Kopf mit einem bitterci 



118 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Als ein Hauptverdienst rechneten sie ihm die Erfindung neuer metrischer 
Formen an : ^) ausser Elegien dichtete er lamben und trochäische Tetra- 
meter; aber auch die Verbindung verschiedener Rhythmen, des gleichen 
und ungleichen Geschlechtes, zu einer Periode brachte er in seinen Epoden 
auf und wurde so Begründer der eigentlichen Lyrik. ''^) Auch eine neue 
Vortragsweise, die Parakataloge, erfand er, die zwischen dem vollen Gesang 
und der einfachen Rezitation die Mitte hielt, indem der Vortragende 
(o Qaij.io)Sdg ö xaTalaycov) nur an den Hauptstellen durch ein begleitendes 
Instrument, die lambyke, unterstützt wurde. ^) Aber der Reichtum und 
die Vollendung der metrischen Form war es nicht allein, welche dem Archi- 
lochos eine so hervorragende Stelle in der griechischen Litteratur verschaffte; 
er war auch ein gottbegnadeter Dichter, voll Glut der Leidenschaft und 
Klarheit des Blickes, der mit den Spottiamben sich energisch gegen die 
Unbill und Gemeinheit seiner Feinde zur Wehr setzte,*) daneben aber 
auch in lieblichen Bildern sein Liebchen besang (fr. 7. 13). Mit Geschick 
flocht er das populäre Element der Fabel {aivog) in seine Lieder,^) erfand 
die schöne Kunst mit reizender Aufschrift den Wert des Weihgeschenks 
zu erhöhen (fr. 17), und stellte die leichtbeschwingten Weisen seiner Poesie 
auch in den Dienst der Siegesfeier^) und des volkstümlichen Kultus des 
Dionysos. Schade, dass von einem im Altertum so hochgefeierten Dichter, 
welcher der alten Komödie ') und später in Rom dem venusinischen Dichter 
zum Vorbild diente, nur spärliche Bruchstücke auf uns gekommen sind. 
94. Simonides (Semonides),^) der Amorginer genannt im Gegensatz 
zu dem Lyriker Simonides aus Keos, hat diesen Zunamen von der kleinen 
Insel Amorgos, nach der er selbst von Samos aus eine Kolonie führte. 
Seine Blüte fiel um 625.^) Nach Suidas hatten die Alten von ihm Elegien, 
von denen eine die Geschichte von Samos (aq^iaioXoyia tmv ^a^iwv) be- 
handelte,^^) und 2 Bücher lamben. Erhalten ist uns ausser losgerissenen 
Kleinigkeiten durch Stobaios ein pessimistisches Gedicht auf das schlimme 



Zug in den Mundwinkeln bei Visconti Icon. 
gr. pl. 2, 6 und Baumeistek, Denkm. d. klass. 
Alt. p. 116. 

^) Marius Vict. III. 2. 

2) Theocrit epigr. 19. 

^J Plut. de mus. 28 ; über den Vortrag 
der Verse des Archilochos durch Rhapsoden 
s. Fiat. Ion. p. 531a und 620 b. 

^) Quintil. X, 1. 60 rühmt an Archi- 
lochos : vdlidae, tum hreves vibrantesque 
sententiae, plurimum sanguinis atque ner- 
vorum, adeo ut videatur quibusdam quod 
quoquam minor est, materiae esse, non in- 
genii vitium. 

5) Fr. 86 und 88 ; vgl. Julien or. VII, p. 207. 

^) Noch in Pindars Zeit wurde den 
Siegern zu Ehren in Olympia ein Siegeslied 
des Archilochos auf Herakles gesungen; s. 
Find. Ol. IX, 1 und Sybel, Herrn. V, 192 ff. 

') Kratinos schrieb ^jQ/iXo/oi, Alexis 
einen ^jQ/i^oxog, Aristophanes entlehnte ihm 
die schönsten Versmasse; nur Pindar F. II, 
55 spricht tadelnd von dem ipoyeQog Aq/'i- 
'Ao/og, und in Sparta, wo man keinen Spass 



verstund, waren seine Gedichte verpönt; s. 
Plut. Inst. Lac. 34; Val. Max. VI, 3 extr. 

^) Marm. Parium und Suidas setzen ihn 
gleichzeitig mit Archilochos. das erstere 
Ol. 28, 4, der zweite 490 post Troika. 
Wenn die Gründung von Thasos Ol. 15 
oder 18, die von Amorgos Ol. 22 angesetzt 
wurde, so spiegelt sich darin der Zeitunter- 
schied zwischen Archilochos und Simoni- 
des wieder. Proklos ehrest, p. 243. 21 W. 
setzt den Archilochos unter Gyges, den Si- 
monides unter die Regierung des makedoni- 
schen Königs 'JvavLov, was aus 'jQyaiov 
korrumpiert scheint und auf 640—610 führt. 

^) Der Unterscheidung halber, aber ohne 
genügende Berechtigung ward schon von alten 
Grammatikern der lambograph Semonides 
mit e, im Gegensatz zu Simonides dem Lyri- 
ker, geschrieben. 

^'^) Unserem lambographenSimonides ge- 
hört wohl auch die unter den Fragmenten 
des Simonides Ceus fr. 88 stehende Elegie, 
deren pessimistische Anschaung ganz zu 
unserem Dichter passt. 



B.Lyrik. 3, Die iambische Poesie. (§ 94— 95.) 119 

Los der Menschen und ein grosses Spottgedicht auf die Weiber. Im letz- 
teren führt er den auf Hesiod Op. 700 zurückgehenden Gedanken 

yvvaixdg ovS^v XQ^jf^^ ccvrJQ Xriit^sTai 

€(y&Xfjg a/Lisirov ovd^ giyiov xaxrjg 
näher aus, indem er das Weib der Reihe nach mit dem Schwein, dem 
Fuchs, dem Hund, der Erde, dem Meere, dem Esel, Wiesel, Pferd, Affen 
vergleicht und nur die einen, welche von der Biene abstammen, in Ehren 
bestehen lässt. ^) Im ganzen sind seine lamben weit zahmer als die des 
Archilochos, indem sie die allgemeine Reflexion an die Stelle des persön- 
lichen Spottes setzen.-) Doch hatten die Alten auch giftigere Verse von 
ihm, in denen er einen gewissen Orodoikides verfolgte.^) 

95. Hipponax von Ephesos lebte zur Zeit des Vordringens der 
Perser nach der griechischen Küste und musste um 542 dem unter persi- 
schem Schutz in seiner Vaterstadt eingesetzten Tyrannen Athenagoras 
weichen.^) Er wandte sich nach Klazomenä, wo er sein übriges Leben 
in Dürftigkeit als halber Bettler (fr. 16 — 19) verbrachte. In seinen Dich- 
tungen verfiel er wieder ganz in den Lästerton des Archilochos, nur dass er 
diesen durch das Pöbelhafte seiner von der Gasse geholten Sprache noch 
übertrumpfte. Mit grimmem Spott verfolgte er namentlich die Bildhauer 
Bupalos und Athenis, welche die hagere und hässliche Gestalt des Dichters 
karikiert hatten. Er wird Erfinder der Parodie und der Choliamben genannt.^) 
In hinkenden lamben ist kein ganzes Gedicht auf uns gekommen, wohl aber 
haben wir einzelne hinkende Trimeter und Tetrameter, wie die famosen 

6v' TjjxsQcci yvraixog siaiv rj6i(TTai, 

oxav yccp^fj Tig xdxcp&Qij Tsd^vrjxvtav. 
Man fühlt die Geschicklichkeit des Griffes, mit der Brechung des Rhyth- 
mus das Lahme und Hässliche nachzuahmen. 

Grosse Vertreter des Spottgedichtes hat es ausser diesen dreien nicht 
gegeben. Kleine Spielereien gab es von Ananios, der mit Hipponax 
gleichalterig war, Hermippos, einem Zeitgenossen des Perikles, der Ko- 
mödien und lamben schrieb, Her o das, der auch Mimiamben dichtete, Ker- 
kidas aus Megaiopolis, der zur Zeit des Philipp lyrische Spottgedichte 
(Meliamboi) erfand, Aischrion aus Mytilene, einem Freund des Aristoteles, 
von dem uns durch Ath. 335b eine witzige Ehrenrettung der Hetäre Phi- 
lainis erhalten ist,^) Hermeias aus Kurion in Kypern, von dem Hephästion 
p. 67, 11 auch einen kretischen Vers aufgezeichnet hat, Phoinix aus Ko- 
lophon, der um Ol. 118 Choliamben und ein Gedicht auf die Einnahme seiner 
Vaterstadt dichtete. 



) Man erwartet in dem grossen Gedicht '^) Ich beziehe darauf den Ansatz des 



von 118 Versen Gleichheit der einzelnen 
Abschnitte; diese suchten durch kühne Kon- 
jekturen herzustellen Kiessling u. Ribbeck, 
Rh. M. 19, 136 ff. u. 20, 74 ff. 

'^) Dahin gehört wahrscheinlich auch 
Ztfxioyldov fxaxQog '/.oyog (Arist. Met. p. 
1091 a 7), der nach Alexander Aphrod. z. 
St. die Entschuldigungsreden von Sklaven 
enthielt. 

•') Luc. Pseudol. 2. 



Hipponax in Marm. Par. auf Ol. 59, 3: Pli- 
nius N. H. 36, 5 setzt ihn Ol. 60.* 

■') Die hinkenden lamben haben nach 
ihm den Namen Hipponactei versus erhalten ; 
Erfinder der Parodie nennt ihn Polemon bei 
Athen. 698b, indem er zugleich 4 parodische 
Hexameter von ihm anführt. 

^) Aischrion schrieb auch ein episches 
Gedicht 'EcprjfAs^iösg ; s. Suidas nnd Tzetzes, 
Chil. VIII, 405. 



120 



Griochische Litteratiirgescliichte. I. Klassische Periode, 



96. Die Fabe] {alrog, ixv&og, ^oyog, «/roAoyog) i) ist ihrem ältesten 
Namen {a?vog) nach eine Erzählung von lehrhaftem Charakter; speziell 
verstanden schon Hesiod und Archilochos darunter eine Erzählung aus 
der Tierwelt.^) Als Erzählung fällt sie in die Sphäre der epischen Poesie; 
sie aber hier zu behandeln, mahnt ihre häufige Anwendung bei den 
iambischen Dichtern und ihre Einkleidung in iambisches Versmass bei 
den erhaltenen Fabeldichtern Phädrus und Babrios. Märchen und Tier- 
fabeln pflegen wie keine andere Gattung der Litteratur von Volk zu Volk 
zu wandern, und so haben nicht bloss die griechischen Fabeln zu den 
Lateinern, Deutschen, Indern ihren Weg gefunden, sondern sind umgekehrt 
auch nach Griechenland aus fremden Ländern viele sinnige Beobachtungen 
vom Leben der Tiere gekommen.^) Ist es auch sehr fragwürdig, ob schon 
die Indogermanen, wie Jak. Grimm in der Einleitung zum Reinhart Fuchs 
annahm, einen Schatz von Tierfabeln in ihre späteren Wohnsitze mitbrachten, 
so stammen doch unzweifelhaft viele Fabeln der Griechen aus der Fremde, 
aus Ägypten, Indien, Phrygien, Karlen. Es waren wohl zumeist die fremd- 
ländischen Sklaven, die solche Erzählungen aus ihrer Heimat mitbrachten 
und damit bei den Griechen, die selber schon von Hause aus an scharfe 
Naturbeobachtung gewöhnt waren, Beifall fanden. Mit der Zeit wurden auch 
Sammlungen von Freunden dieser volkstümlichen Poesie veranstaltet. Neben 
den äsopischen Fabeln kennt schon Aischylos Fr. 135 und Aristoteles Rhet. 
II, 20 die libyschen Erzählungen;^) dazu kamen später die sybaritischen 
Witzfabeln aus dem Kreise der menschlichen Gesellschaft,'') und die Auf- 
zeichnungen von phrygischen, karischen, kilikischen, ägyptischen, kyprischen 
Tier- und Pflanzenfabeln. ^) Leicht erklärlich ist es ausserdem bei dem 
dehn- und wendbaren Stoff der Fabel, dass teils die Tiernamen je nach 
dem Orte wechselten,^) teils dieselbe Fabel anfangs im politischen, später 
im ethischen Sinne gedeutet wurde. *^) Den Grundstock der griechischen 



1) ctlpog = Erzählung in Od, 14, 508, 
= Tierfabel in Hes. Op. 202, Archil. fr. 86; 
juvS^og, wovon fahula die lat. Übersetzung 
ist, findet sich zuerst bei Aeschyl. fr. 135 u. 
Plato Phaedr. 61b, Rep. 350 e; Xoyog bei 
Herod. I, 141 u. II, 134; apologus in der 
Bedeutung einer Erzählung aus der Tierwelt 
steht bei Quintil. VI, 3. 44 und Gellius II, 
29. 1 ; enifxv&ia und entloyoL hiessen die 
Nutzanwendungen am Schluss, die erst in 
den Schulen der Grammatiker und Pädagogen 
hinzukamen. 

2) Hes. Op. 198-208; Arch. fr. 86. 

■^) Näheres darüber in der inhaltreichen 
Abhandlung von 0. Keller, Geschichte der 
griechischen Fabel, in Jahrb. f. Phil. Suppl. 
IV, 309 — 418, worauf ich bezüglich der vielen 
hiebei in Frage kommenden Kontroversen 
verweise. Die Wanderung der Fabeln lehrt 
im einzelnen Benfey in der berühmten Be- 
arbeitung des indischen Fabelbuches Pantscha- 
tantram, Leipz. 1859, 2 Bde. Vgl. Lessing, 
Über die äsopischen Fabeln, Gesamtausg. 
von Lachmann V, 395 ff. ; Prantl, Über das 
Tierepos bei den Schriftstellern des spä- 



teren Altertums, in Philol. VII (1852) 61-76. 

^) Babrios im 2. Proömium V. 5 nennt als 
Verfasser der libyschen Fabeln den Kibysses. 

^) Arist. Vesp. 1259: AlaaSnEiov yi'koiov 
7] ^vßccQirixöy. Schol. Arist. Av. 471 : tmi^ 
de fxv^Mv ol fjLev dlöycov ^iO(x)u eialv Jiaoinov, 
ol de nsQt dv^qo'moyv IvßaQiiixoi. Gegen 
diese Sonderung polemisiert Theon in Rhet. 
gr. III, 73. 9 Sp. 

^) Theon Progymn. c. 3: ol Xoyoi xa- 
'Aovviai JiaojTisioL xcd Aißvarixol rj Ivßa- 
qiTixoi XE xal 4>Qvyiov xal KiHxioi xal Kuqi- 
xol xal AlyvmioL xal KvriQiof weiter unten 
werden als Verfasser von Fabeln genannt 
JXaoinog, Kovvig 6 K'lXl'^, QovQog 6 2!vßaQlT}]g. 
Kvßiaadg ix Aißvrjg. Eine Pflanzenfabel ist 
die vom Streit des Ölbaums und Lorbeers 
bei Callim. fr. 93. 

^) Den Schakal als Berater des Löwen 
bei den Indern ersetzte bei den Griechen 
der Fuchs; s. Keller, a. 0. 337 f., Tiere 
des klass. Altertums S. 193, Wahrscheinlich 
kommt auch der Name ahonifq von löpa^a. 
was im Sanskrit Schakal .bedeutet. 

^} So erzählte Stesichoros die Fabel vom 



B. Lyrik. 3. Die iambische Poesie. (§ 96-97.) 



121 



Fabeln bildeten die äsopischen, und von dem Vater derselben soll hier noch 
in Kürze gehandelt werden. 

97. Aesop [AirfoQTiug) war nach der einzigen glaubwürdigen Nach- 
richt des Herodot II, 134 Sklave des ladmon in Samos zur Zeit des 
Königs Amasis, also um die Mitte des 6. Jahrhunderts. Herodot erzählt 
auch, offenbar nach Erkundigungen, die er während seines Aufenthaltes 
in Samos eingezogen, dass der Enkel jenes ladmon von den Delphiern 
ein Sühngeld für den erschlagenen Aesop empfangen hatte. Allgemein 
muss also damals bereits die Kunde von dem gewaltsamen Tode des 
Fabeldichters in Delphi verbreitet gewesen sein. Die Veranlassung des 
Todes gibt Herodot nicht an; die Späteren wissen bald von der bösen 
Zunge des Aesop zu erzählen, bald von der Unterschlagung der Geschenke 
des Königs Krösus, bald von dem Diebstahl einer silbernen Schale. i) 
Zeigt sich hier schon die Neigung der Alten, mit freier Phantasie die 
Lücken der Überlieferung zu ergänzen, so noch mehr in all dem andern 
Detail, was das spätere Altertum von der Herkunft, dem Leben und der 
Gestalt des Vaters der Fabeldichtung den jungen und alten Kindern auf- 
tischte.''^) Herakleides Pontikos machte ihn zum Thraker,^) vermutlich weil 
seine Mitsklavin, die berüchtigte Hetäre Rhodopis, nach Herodots Zeugnis 
eine Thrakerin war; andere Hessen ihn aus Phrygien stammen, vielleicht 
weil der Kern seiner Fabeln phrj^gischen Ursprung^) verriet. Neuere dachten 
an äthiopische Herkunft, indem sie den Namen Aisopos für eine Verstüm- 
melung aus Al&foif) erklärten.'*) Zusammenkommen Hess man ihn mit dem 
reichen König Krösus und mit den 7 Weisen Griechenlands.^) In Athen, 
dem Centrum des Witzes und der Gescheutheit, musste der witzige Dichter 
natürlich auch gewesen sein.'^) Selbst von dem Reiche der Schatten Hess 
ihn die attische Komödie wieder auferstehen.^) Von Gestalt dachte man 
ihn sich höckerig und verwachsen ; ^) denn den von Natur Vernachlässigten 
pflegt ja bekanntlich zumeist der Stachel beissenden Mutterwitzes gegeben zu 



Pferd, das, um sich an dem Hirsch zu rächen, 
den Zaum von dem Menschen annahm, den 
Himeräern, damit sie sich vor dem Tyrannen 
Phalaris hüteten; siehe Arist. Rhet. II, 20. 
Ebenso warnte Aesop selbst die Samier vor 
den Demagogen, indem er ihnen die Fabel 
vom Fuchs, Blutegel und Igel erzählte, Ver- 
gleiche die Erzählung von Menenius Agrippa. 
Vgl, L, Spengel im Kommentar zu Aristot. 
Rhet. II, 20. 8, Wie beliebt auch später noch 
bei den Athenern die Tierfabel war, zeigen 
die Fragmente des Redners Demades, 

^) Arist. Vesp. 1446 bringt die Beschul- 
digung des Diebstahls mit einer Fabel des 
Aesop vom Käfer und Adler in Verbin- 
dung; der Ausdruck Jiaionstoy alfia wurde 
sprichwörtlich, s. Zenob, I, 47, Ps. Diogen. 
I, 47, Himer, or. XIII, 5, Aristoteles ge- 
dachte der Sage in der Politie der Samier, 
fr. 445 Rose. 

''') Einen vollständigen Roman über das 
Leben des Aesop haben wir aus dem 
Mittelalter, der fälschlich die Hdschr, 

gehen bis ins 10. Jahrh. zurück - unter 



dem Namen des Planudes geht. Mit dem 
alten Köhlerglauben hat gründlich aufge- 
räumt Bentley, De fabulis Aesopi, im An- 
hang zu den Epist. Phalerideae. Vgl. Grau- 
ERT, De Aesojio et fabulis Aesopeis, Bonn 
1825 

'■') Fr, 3; danach Schol, Arist. Av. 471. 
Suidas^u, Maounog ' EvysizMP ds ßl8af]/ußQi- 

avov £lTlEy. 

') Dio Chrys. or. 32 p. 684, Gellius II, 
29, Aelian V, H, X, 5, Himer. XUI, 5, 

■') Welcker, Kl, Sehr. II, 254 f.; Zün- 
DEL, Rh. M. 5, 447 ff, ; dagegen Keller a. 
0. 375, 

ö) Plut, Sol. 28; Conv, sept. sap. c, 4, 

^) Phaedr. I, 2 u, II epil. Alexis dich- 
tete eine Komödie Aiaconog, worin ein Zwie- 
gespräch des Aesop und Solon vorkam, 

**) Piaton der Komiker bei Schol, Arist. 
Av, 471, 

'*) Lysipp nach Agathias 35, Aristode- 
mos, ein Schüler Lysipps, nach Tatian adv, 
Graec. 55, hatte ihn neben den 7 Weisen 
in Athen gebildet. 



122 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

sein. Eine ganze Serie von Abenteuern wurde ihm angedichtet, bis er schliess- 
lich selbst für eine blosse Fiktion ausgegeben wurde. ^) Seine Fabeln er- 
zählte Aesop in schlichter Prosa, was auch in den Namen löyoi und "koyo- 
Tioiog ausgedrückt ist. 2) Dass er sie niedergeschrieben habe, hat mit Recht 
Bentley bezweifelt, da der Alte in Aristophanes Wespen V. 566 die lustigen 
Geschichtchen {yeXoTa) Aesops nicht aus einem Buch, sondern aus den Unter- 
haltungen bei den Gelagen lernt. Zuerst hat Sokrates im Gefängnis die 
zuvor nur mündlich kursierenden Fabeln in Verse, und zwar in elegische 
Distichen gebracht. Später veranstaltete Demetrios von Phaleron eine 
Sammlung äsopischer Fabeln in Prosa [löywv AlaoonsiMv avvaycoyai), welcher 
die Sammlungen libyscher Fabeln von Kybissos, kilikischer von Konnis, 
sybaritischer von Thuros folgten. Die Sammlung des Demetrios ist so 
wenig wie eine der andern auf uns gekommen; erhalten sind uns aus dem 
Altertum nur die poetischen Bearbeitungen des Babrios, Phädrus, Avianus. 
Aus dem Mittelalter stammen prosaische Metaphrasen äsopischer Fabeln,^) 
die Fabeln des Syntipas, und eine in choliambischen Tetrametern verfasste 
Sammlung des Ignatius Dioskorides aus dem 9. Jahrh.^) 

4. Arten der Lyrik im engeren Sinn.^) 

98. Unter lyrischen Gedichten {{xtlrD im engeren Sinn verstanden 
die Griechen solche, die gesungen wurden und zum Singen von vornherein 
durch ihre Form angelegt waren. Charakteristisch für dieselben ist daher 
die strophische Komposition (noiri^a xaxd nsqioSov). Denn für die Alten, 
welche die musikalische Komposition eng der Form des Textes anpassten, 
war die Vereinigung mehrerer Glieder [xmXo) zu einem grösseren Satz 
{TttQ(odog) die naturgemässe Voraussetzung der Singbarkeit. Mit dem Ge- 
sang hängt dann eine zweite Eigentümlichkeit der Form, die Verbindung 
von daktylischen und trochäischen Füssen oder der Gebrauch von logaödi- 
schen Reihen zusammen. In solchen Versen nämlich traten zum Unter- 
schied von langen und kurzen Silben oder ganzen und halben Noten, mit 
denen sich kaum eine einigermassen klangvolle Melodie herstellen Hess, 
noch die Werte von P/2, '^;\, 3 Zeiten hinzu. Solche logaödische Verse 
aber, wie 

Ssdvxs ßtv d asXäva ^ \ ^ ^^ \ ^ \ I. I "f 

^ \ \ 0' ' 

haben einen so melodischen Tonfall, dass jeder unwillkürlich zum Singen 
sich eingeladen fühlt. Vorgebildet war bei den Griechen die Liederdichtung 
durch die Entwicklung der Musik, wie wir sie in dem einleitenden Kapitel 
dargestellt haben. Die Elegie mit ihrer einfachsten Strophenform und die 



" Gesamtausgabe : Mvit^Mv AlauiTTsioiv avvccytayi] 
von KoRAEs, Par. 1810; Fahulae Aesopicae 
ed. Halm in Bibl. Teubn. 

^) Herausgegeben von C. Fe. Müller 
in Kieler Progr. 1886. 

hinzu ex hihl. Falatina studio Neveleti, | ^) Härtung, Griech. Lyriker, Leipzig 

(Francof. 1610), aus Florentiner Handschriften i 1856. Der Name fj-skonoiol ist ebenso wie 



') Welckee, Aesop eine Fabe], in Kl. 
Sehr. H, 228 ff. 

■-) Theon, Progymn. p. 73, 27 Sp. 

•'') Zu den zuerst gedruckten 144 Fabeln 
des Mönches Maximus Planudes kamen neue 



von de Füria (Flor. 1809), aus dem cod. 
Augustamis von I. G. Schneider (1812), aus 
dem cod. Bodleianus von Knöll (1877). 



^8li'}^ia (schon bei Piaton) falsche Analogie- 
bildung nach icc^ußonoioi 



B. Lyrik. 4. Arten der Lyrik. (§ 98-99.) 123 

Ausbildung des iambischen Rhythmus neben dem daktylischen waren 
gleichsam die Vorstufen, auf denen sich der anmutige Bau der lyrischen 
Poesie erhob. Mit dem Epodos des Archilochos war im Grund genommen 
die lyrische Strophe schon fertig. An Archilochos schloss sich denn auch 
unmittelbar die Entfaltung der lyrischen Poesie an, die noch mit dem 7. 
Jahrhundert begann und der Litteratur des 6. Jahrhunderts die eigentliche 
Signatur gab. In dieser Zeit hatte das ionische Kleinasien aufgehört, Aus- 
gangs- und Mittelpunkt des geistigen Lebens zu sein ; Lieder wurden daher 
nicht bloss in lonien, sondern allerorts in Griechenland, auf dem Festland und 
auf den Inseln, in den griechischen Mutterstädten und in den blühenden Kolonien 
von Sikilien und Unteritalien, im äolischen wie im ionischen und dorischen 
Hellas gedichtet. Eine allgemein gültige (xotvrj) Sprache gab es aber damals noch 
nicht, und da auf der anderen Seite Lieder, welche für das Volk bestimmt 
waren, auch in der Sprache des Volkes gedichtet sein wollten, so schied 
sich die Lyrik, im Unterschied vom Epos, nach den Dialekten. Und nicht 
bloss entstunden Lieder im äolischen, ionischen, dorischen, attischen Dia- 
lekt; es nahmen dieselben auch die Eigentümlichkeiten der Stämme an, so 
dass mit der Sprache auch die glühende Leidenschaftlichkeit der Aolier, 
die lebensfrohe Genussucht der lonier, der feierliche Ernst der Dorier, die 
heitere Besonnenheit der Attiker zum Ausdruck kam. Schade, dass die 
Ungunst der Zeiten von diesem vielästigen Baum der Litteratur nur wenige 
Blüten unversehrt zu uns getragen hat und dass mit dem Verklingen der 
alten Melodien auch die Texte der Lyriker aus den Bibliotheken zu ver- 
schwinden begannen. ') Die Grammatiker haben aus der grossen Zahl der 
lyrischen Dichter und Dichterinnen 9 als mustergültig ausgewählt:^) Alk- 
man, Alkaios, Sappho, Stesichoros, Ibykos, Anakreon, Simonides, Pindar, 
Bakchylides. 

99. Die Lyrik selbst zerfällt wieder in viele Arten, von denen das 
Lied (ja^Aog) und der Chorgesang {(p^rj) die umfassendsten sind. Das Lied, 
zum Einzelgesang bestimmt, dient vornehmlich zum Ausdruck subjektiver 
Empfindungen, singt von Liebesschmerz und Weineslust, von jauchzender 
Freude und niederschlagender Trauer, von allem, was des Menschen Herz 
bewegt. Es ist diejenige Gattung der Lyrik, welche unserer sentimentalen 
Stimmung am meisten zusagt und deren liebliches Spiel, weil es allgemeine 
Saiten der menschlichen Seele anschlägt, den Moment und den Anlass, der 
es geboren, am längsten überdauert. Sie wurde bei den Griechen vorzüg- 
lich von den Aoliern und loniern gepflegt, die sich schwärmerischen Ge- 
fühlen und freier Lebenslust ungezwungener überliessen,^) und führte zum 
erstenmal auch die Frau in die Hallen der Litteratur ein. Der Chorgesang, 
der sich im Anschluss an die Feier von Götterfesten und Siegen entwickelte, 
war von vornherein mehr auf das Erhabene und Grossartige als auf das 



') Im 4. Jahrh. las der Sophist Himerios 
noch fleissig seine Lyriker, so dass uns in 
seinen Reden viele prosaische Paraphrasen 
alter Lieder vorliegen. 

2) Anth. IX, 184; Quintil. X, 1. 61: 
novem vero lyricormn lonpe Pmdarus prin- \ ^^ ^^^i ^^jy (flfKiiuy ursaic 
ccps. Ein unbedeutender 'L'raktat tis()i Xvqi 



x(oy veröffentlicht von Boissonade, Anecd. 
IV, 458, M. Schmidt, Dichjmi fragm. 395 f. 

^) Ath. 624e: Jiuyleüiv ij^og . . i'^rjQfXt- 
vov xcd Te9aQQt]x6g • dio xcd otxeToi' iarlr 
«vToTg i] cfikoTioaia xui t(( tQionxd xai näau 



124 



Griechische Litteratiirgeschichte. I. Klassische Periode. 



Gemütvolle und Zarte gerichtet. Ihr kalter Objektivismus vertrug sich 
gut mit dem epischen Element der Götter- und Heroenmythen, deren Preis 
nach altem Herkommen mit den öffentlichen Festen unzertrennbar ver- 
bunden war. Das alles stimmte zu dem ernsten Wesen und der inner- 
lichen Tiefe des dorischen Charakters, und so vervv^uchs der Chorgesang 
derart mit dem dorischen Stamm, dass der dorische Dialekt für die chorische 
Poesie die typische Form w^urde. Die Gegensätze Lied und Chorgesang 
Avaren indes keine absoluten, so dass auch manche Lieder der äolischen 
Meliker, wie die Epithalamien der Sappho, nicht von einem einzelnen, son- 
dern einem ganzen Schwärm [xMf^iog) gesungen werden konnten.^) 

100. Ausserdem wurden von den Alten noch mehrere Unterarten 
lyrischer Dichtungen je nach Anlass und Inhalt unterschieden: 2) 

Skolien {axoha ^ibXrj oder rcagoivia) ^) waren Trinklieder, die beim 
Wein von den Tischgenossen gesungen wurden, indem ein Myrten- oder 
Lorbeerzweig in die Runde ging;-^) sie bildeten den Gegensatz zu 
dem Päan, den vor Beginn des Mahles alle gemeinsam zur Flöte an- 
stimmten. 

Epithalamion hiess speziell das Ständchen, welches den Neuver- 
mählten vor dem Brautgemach {d^dXaixoc) dargebracht wurde. Im weiteren 
Sinne verstand man darunter ein Hochzeitslied überhaupt, auch dasjenige, 
unter dessen Gesang die Braut aus dem Elternhaus zu der neuen Woh- 
nung geleitet wurde. Von der ersteren Art gibt das 18. Idyll des Theo- 
krit ^EXb'vijg snid^aXccpnog einen Begriff, von der zweiten die der Sappho 
nachgebildeten Hymenäen des Catull. 

Hymnen waren Gedichte auf die Götter im allgemeinen. Speziell 
wurden so die einfachen Preislieder genannt, welche seit alter Zeit an den 
Götterfesten in daktylischen Hexametern vorgetragen wurden und als Haupt- 
sache einen Mythus der betreffenden Gottheit enthielten. Später bemäch- 
tigten sich die Lyriker, wie Alkaios, Anakreon, Pindar auch dieser Gattung 
der Poesie und wandten statt des stereotypen Hexameters kunstvollere 
Versarten an. Aber das behielten auch sie von der alten Einfachheit bei, 
dass sie die Hymnen stets stehend (nicht tanzend) zur Kithara (nicht zur 
Flöte) vortrugen. •'•) 

Die Prosodien (ftqoaödm sc. i-islrl) hatten ihren Namen arto rov 



^) Demetr. de eloc. 167 lässt für die 
Epithalamien die Annahme des Vortrags 
durch die Dichterin oder einzelne, gegen 
einander sprechende Choreiiten [x^Q^^? dV«- 
XEXTiy.ög) frei; Einwendungen von Flach, 
Gr. Lyr. 509 f. Auf Chorgesang weist auch 
Sappho fr. 54 und bezüglich des Anakreon 
Kritias bei Ath. 600 d. 

2) Pindar fr, 139 Bg. deutet folgende 
Arten an: aoidul Tjaiavl&eg , ^id^vQccfxßoi , 
{^QfjpoL, livoi,vfi.{i^caoi, ici'Asfioi. Procl. Chrest. 
p. '243 unterscheidet: rd sig t9sovg, rd eig 
dvO^Qwnovg. rd sig O^sovg xal dvf^QMTiovg. rd 
8rg rdg TiQoaTimTovaag nsQiardasig. das Et. 
M. ()90, 41 TTQoaodici, vTroQ/^jf^cna. ardatfAu. 
Vgl. Bopp, Leipziger Stud. 8, 134 ff.; Wal- 



ther, De graeeae ijoesis melicae generihiif^, 
Halle 1866. 

3) Ilgen, Scolia, Jenae 1798; Engel- 
brecht, De scoUorum poesi, Vind. 1882. 

'*) Auf dieses Umgehen des Zweiges in 
die Kreuz und Quere wurde der Name axoXiöi' 
gedeutet (s, Schol. Plat. Gorg. 451 e, Arist. 
Nub. 1357); ich habe an anderer Stelle den 
Namen mit do/fiiog ()Vr^fj6g in Verbindung 
gebracht und auf den verschlungenen Gang 
des Rhythmus dieser Trinklieder bezogen ; 
vgl. Engelbrecht p. 40, der auf Maximus 
Tyr. XXIII, 5 verweist. 

•') Procl, chrest. 244, 12: o xvQÜog vf^rog 



B. Lyrik. 4. Arten der Lyrik. (§ lOO.) 



125 



aSsa^ai €v Tf/} TtQoaii-vai totg ßcoimotg i] rcang. ') Sie wurden zur Flöte vor- 
getragen, weil diese mehr geeignet war einen schreitenden und singenden 
Chor im Takt zu halten. Ihre Ausbildung erhielten sie in der chorischen 
Lyrik, doch hat schon der alte Epiker Eumelos in Hexametern ein Prosodion 
für den delischen Apoll gedichtet. 2) Für die Feierlichkeit des religiösen 
Aufzugs schien auch den Späteren noch der daktylische Rhythmus am ge- 
eignetsten zu sein, doch schickten sie, um mehr Leben in die Bewegung zu 
bringen, den daktylischen Reihen einen Auftakt voraus (qv&ixog TTQoaoSiaxog), 

Der Dithyrambos^) war von Hause aus ein Lied auf den Weingott 
Dionysos, weshalb er zumeist an den Orten, wo der Weinbau und der 
Kultus des Dionysos zu Hause war, in Naxos, Thasos, Böotien, Attika 
gepflegt wurde. Seine eigentliche Heimat scheint Phrygien gewesen zu 
sein, da er nach Aristoteles, Polit. VHI, 7 den Charakter der phrygischen 
Tonart hatte. Schon Archilochos (Fr. 79) rühmte sich der Kunst, dem 
Herrscher Dionysos einen Dithyrambos anzustimmen. Wie man aus dem 
dort gebrauchten Ausdruck s'^ä^^ai f.ii'Xog schliessen muss, war bereits da- 
mals beim Dithyrambos ein Chor beteiligt, wohl ein Chor schwärmender 
Zecher, der mit jauchzendem Zuruf in die Worte des Vorsängers einfiel. 
Seine kunstvolle Ausbildung erhielt er durch Arion in Korinth,*) der um 
600 zuerst einen dithyrambischen Chor im Kreisrund (xvxAiog x^Q^^) auf- 
stellte.'') Seine hauptsächlichste Pflege fand sodann der Dithyrambos in 
Athen, wo er nicht bloss aus sich die Tragödie erzeugte, sondern auch 
fortwährend neben dem Drama das Hauptfestspiel abgab. Anfangs war 
auch dieser entwickelte Dithyrambos noch strophisch gegliedert, immer 
mehr aber entledigte er sich der beengenden Fessel wiederkehrender 
Strophenbildung, so dass er schliesslich der Hauptrepräsentant der freien 
Komposition {ccTToXeXvixevov ßtlog) wurde.*'') Schon zuvor war er aus dem 
engen Kreis dionysischer Festlieder herausgetreten und hatte auch den 
Preis anderer Götter und die Darstellung anderer Mythen in sein Gebiet 
gezogen.'') 

Der Päan hatte seinen Namen von dem Ausruf //; ncfiä\\ mit dem 
der Chor in den Gesang und das Zitherspiel des Vorsängers einfiel.^) Li Kreta 
zuerst ausgebildet, verbreitete er sich von da nach Delphi, Sparta und das 
übrige Festland. Als einer der ältesten Dichter von Päanen wird Tynnichos 



') Procl. ibid., Et. M. G90, 43; vergl. 
Xenoph. Anab. VI, 1, 11: ep rccrg ngog rovg 
i^for? nQOGodoig, Arist. Nub. 307. Pac, 396. 

^) Den lyrischen Prosodien nachgebildet 
sind die Einzugslieder {nuQo&oi) der Tragö- 
dien, die gleichfalls mit Vorliebe in Ana- 
pästen komponiert waren. 

") M. Schmidt, Diatribe in dithyrani- 
hum, Berl. 1845. Der Name scheint mit 
x^Qiai^ßog und dÖQvßog zusammenzuhängen 
und erinnert an den Ausruf io triumpe. 

') Schol. Pind. Ol. XIII, 25. 

^) Procl. ehrest. 244, 26: xdv dl ccq^cc- 
^evov Tfjg (pdrjg ^jQiaioTshjg ' Agiova cprjoiu 
eifCKi, og nguitog lov xvxXnp rjyays X^Q^^- 
Vgl. Schol. Pind. Ol. XIII, 25. Über die 



Stellung des Koryphaios s. Ath. 152b. Ein 
Bild von einem solchen im Kreis um den 
Altar tanzenden Chor gibt uns Callim. hymn. 
IV, 312 ff. 

6) Procl. 245, 14; Hör. Od. IV, 2. 10: 
seil per audaces nova dithyrambos verba 
devolvit numerisque fertur lege solutis. 
Die herrschende Tonart der Dithyramben 
blieb die phrygische und hypophrygische. 

"') Neben Dithyramben werden ioßax/oi 
genannt; der Unterschied beider ist dunkel. 

*") Schon erwähnt in dem interpolierten 
Vers des Homer A 473, beschrieben im Hym- 
nus auf Apoll. Pyth. 336 ff. Vgl. Suidas u. 
e'^uQ/ovxeg. und Ath. 096 f über das tjuiuvi- 
Xüp enicpd^sy^a. 



126 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



aus Chalkis genannt, von dem Piaton Ion p. 534 d einen in aller Mund 
lebenden Päan, ein wahres evqrnxä xi Moiaäv, erwähnt.^) Ursprünglich gab 
es nach Proklos nur Päane an Apoll und Artemis, gesungen zur Ver- 
söhnung des Götterzorns bei Seuchen und Krankheiten; später kamen auch 
solche an andere Götter auf, die mit jenen nur den choralartigen Gesang 
und den Vortrag durch einen in feierlichem Takte {ififXi'Xsia) sich bewegen- 
den Chor teilten. 2) Übrigens gebraucht schon Homer J^ 391 das Wort 
auch von dem Siegesgesang, welchen die Söhne der Achäer bei dem Falle 
Hektors anstimmten. Es scheint sich derselbe aus Dankliedern an Apoll 
nach glücklicher Beendigung der Not, wie uns ein solches bei Aristoph. 
Vesp. 869 — 874 erhalten ist, entwickelt zu haben. Ein Hauptversmass der 
Päane war der Päon - ^ ^^, der davon den Namen hat. 

Das Hyporchem war ein Tanzlied auf Apoll, vorgetragen in leb- 
haft bewegten Rhythmen.-^) Auch es stammte aus Kreta ^) und unterschied 
sich von dem Päan wesentlich nur durch den rascheren Rhythmus und die 
flinkere Bewegung der Beine. •'^) Wie andere lyrische Gesänge, so hat auch 
das Hyporchem seine Fortbildung im Drama, und zwar zunächst in den 
kretischen Gesängen der Komödie gefunden. Aber auch das in lebhaftesten 
Rhythmen gedichtete Chorlied an Apoll in Soph. Trach. 205 — 224 dürfen 
wir für die Nachbildung eines solchen kretischen Tanzliedes halten. 

Parthenien waren, wie der Name besagt, Lieder für Mädchenchöre, 
die entweder selbst tanzend sangen oder zum Gesang und Spiel eines An- 
deren ihre Tanzbewegungen ausführten. Sie waren vornehmlich in Sparta 
zu Haus, wo die freiere Stellung des Weibes ihre Entwicklung begünstigte. 
Unter den Lyrikern haben ausser Alkman, dem berühmtesten Parthenien- 
dichter, Pindar, Simonides und Bakchylides Parthenien gedichtet. In ihrem 
Geiste scheinen die Tanzlieder in der Exodos der Lysistrate gehalten zu 
sein. Eine Unterabteilung der naQ&evsia waren die SacpvrjcpoQixd, bei deren 
Vortrag ein edelgeborener Jüngling (rratg dfKpid^aXr^g) voranzog und ein 
mit Lorbeerzweigen geschmückter Jungfrauenchor nachfolgte.^') 

Ausserdem kommen als Namen spezieller Gesangsformen noch vor: 
^QTjVoi und sTTixrjdsia Totenlieder, ^) ijiinxoi (sc. viivoi) Siegeslieder, iyxw- 
luu Preisgesänge auf Könige und Fürsten, gesungen beim festlichen Mahl 
[iv xM^fo),^) iäXeiioi Trauerlieder bei Seuchen und Krankheiten,^) ^Aöm- 



^) Vgl. Porphyrius de abstin. II, 18: 
To^ yovv Jia^vXov cpaol, twv JsAcfojy c'i'Hovv- 
ru)u sig ToV S^eov yquipca naiava, slneTp ort 
ßsXriara Tvpyti/tp 7Jsnob]Tca ' nagaßciXlo^evou 
cTe tov uvTov TTQog TOV ixeivov xaviov rrslasff- 
dca xoTg uydXfxaOiv JoTg xuiyoig nQog xd aQj^cda. 

2) Ath. 628 a stellt deshalb den gemes- 
senen Päan dem Dithyrambus entgegen. 

=^) Procl. 246,^7.^ Ath. 631c: r) vnoQxv- 
fiarixrj eariy iv fi adojv 6 x^Q^? oQ/shia. 
Menander de encom. p. 331, 21 Sp.: rovg 
juey yiiQ sig ' Ano'AXojva naiävag xal vnoqx'*]' 
fxata 6vofj,dt,o}xev, xovg de ttg Jiopvaov di- 
i^vQctfAßovg xcd ioßäxxovg. Näheres über diese 
Tänze gibt Plut. Quaest. conv. IX, 15. 

"*) Ath. 181b: xQ7]Ttx(( xccXovai, rcc vnoQ- 
X^f^aTCi. KQrJTu ^uey xccXtovai XQÖnov, xo 



d^oQyavov Molooaov. Simonides fr. 31 : ona 
&s yctQvacti, avy r' [vvv codd.) iXacpQoy oQxVf^« 
oida TToduiy fj.iyvvfXEv. 

^) Plut. de mus. 9 erkennt an der Me- 
lodie, ob das Gedicht ein Päan oder ein 
Hyporchem ist. 

6) Unterscheidung derselben bei Procl, 
247, 16 u. Ath. 174c. 

') Die x^Q^voi sind dadurch entstanden, 
dass die gymnischen Leichenspiele der ho- 
merischen Zeit zu musischen wurden. 

^j Pind. N. VIII, 50: smxojfxiog vjuyog. 

9) Schol. Eur. Rhes. 892: cfaal d' ic'de- 
fxov 7iciQ(x)yofxda&ai inl xijurj 'lalefxov xov 
^AnoX'kiovog xcd KaXXionrjg, wg cpy^ai Tllydagog' 
(i d' (sc. uoidd vfjysi) Idke^uoy lo/uoßoho 
vovoM neda&evxcc ad^ii'og, vlöv OidyQov. 



B. Lyrik. 5. Liederdichter oder Meliker. (§ 101.) 



127 



vfSia Adonislieder, ßavxaXrj(.iaTa Wiegenlieder,^) TQi7To6rj(fOQixa, waxoifo- 
Qixd'^) u. a. 

5. Liederdichter oder Meliker. 

101. Alkaios^) bildet mit Sappho das ruhmgekrönte lesbische Dichter- 
paar, das am Schlüsse des 7. und in der ersten Hälfte des 6. Jahrhdts. 
blühte.^) Das Geschlecht des Alkaios gehörte zu den altadeligen Familien 
von Mytilene; er selbst nahm mit seinen Brüdern lebhaften Anteil an den 
Kämpfen des Adels gegen den von der Demokratie auf den Schild gehobenen 
Tyrannen Melanchros^) und dessen noch verhassteren Nachfolger Myrsilos. 
Über den Tod des letzteren jubelte er in wildem Parteihass auf Fr. 20. 

vvv XQTi ix€&va&riv xai tiva ngog ßi'av 

Auch in dem Krieg, den seine Vaterstadt um die Kolonie Sigeion im 
Troerland gegen Athen führte, kämpfte er mit, wobei er seinen Schild 
verlor, den dann die Athener im Pallastempel aufhingen.') Als die Myti- 
leneer, des ewigen Haders müde, zur Schlichtung der inneren Zerwürfnisse 
den weisen Pittakos zum Aisymneten aufstellten, verliess Alkaios mit 
seinen Brüdern die Heimat^) und trat in fremde Kriegsdienste, die ihn bis 
nach Ägypten führten. 9) Den Abend des Lebens brachte er wieder am 
heimatlichen Herde zu, indem ihm Pittakos die Rückkehr gestattete mit 
dem berühmten Ausspruch avyyrwiiri rfiio^qiag xQ€ia(Tcov.^'^) Diesem Leben 
entsprechend durchweht ein kriegerischer Geist die Lieder des Alkaios, dem 
sich die äolische Neigung zu rauschenden Weingelagen und leidenschaft- 
licher Liebe verband, i') Auch die veilchenlockige, süsslächelnde Sappho 
sang er in seinen Liedern an, ohne bei der schönen Dichterin geneigtes 
Ohr zu finden.^-) Seine Gedichte, die mindestens 10 B. füllten, waren nach 
dem Inhalt geordnet; sie umfassten Hymnen auf die Götter, i^) Streitlieder 
(araaiorcixä) voll kriegerischen Feuers, darunter die glänzende Beschrei- 
bung eines Waffensaales (Fr. 15), Trinklieder, von denen mehrere der glück- 
liche Nachahmer unseres Dichters, Horatius, nachgebildet hat (Od. I, 9. 
18. 37), endlich Liebeslieder (sQMTixä), von denen uns die Nachahmung des 



') Solche Einschläferungslieder sind ein- 
gelegt in Soph. Phil. 827 ff. und Eur. Or. 
174 ff. 

2) Procl. 248 f. ^ 

^j Der Artikel "J'kxmog ist bei Suidas 
ausgefallen; Dikäarch hatte ein Buch nEgl 
'AXxaiov geschrieben, das öfters Atheuaios 
citiert; s. Welcker, Alkäos, in Kl. Sehr. I, 
126 ft-. 

'*) Euseb. setzt ihre Blüte Ol. 46, 1 nach 
der armen. Übers., Ol. 45, 2 nach Hieronymus. 
Suidas setzt die Sappho, die wir uns als etwas 
jünger zu denken haben, Ol. 42. Nach Herod. 
JI, 135, muss Sappho noch bis in die Re- 
gierungszeit des Amasis (570—526) hinein 
gelebt haben. 

^) Derselbe fiel im J. 612. 

^) Nachgeahmt von Hör. Od. 1,37; vgl. 
Strabon p. 617. 



') Herod. V, 95. 

») Arist. Polit. III, 9. 

9) Strabon p. 37. 

i*») Diog. I, 76. 

") Hör. Od. I, 32 u. H, 13. Ath. 429a 
sagt, Alkaios und Aristophanes hätten trunken 
(fiex^voj/Tsg) ihre Gedichte geschrieben. 

^-) Arist. Rhet. I, 9; Hermesianax V. 47. 
Daraufhin sind beide vereinigt auf einer 
Vase der Münchener Sammlung; vgl. Jahn, 
Darstellungen griechischer Dichter auf Vasen- 
bildern S. 706 ff. Der Kopf des Alkaios auf 
einer Münze des Pariser Kabinets, worüber 
Baumeister, Denkm, u. Alcaeus. 

^^) Der auf Apoll enthielt den Zug des 
Gottes in das Land der Hyperboreer auf 
einem von Schwänen gezogenen Wagen; ihn 
gibt Himerios or. XIV in Prosa wieder; den 
auf Hermes übersetzte Hör. Od. I, 10. 



128 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Horaz Od. III, 12 einen Begriff gibt. Dem feurigen, aus der Frische des 
Lebens genommenen Inhalt entsprach eine wundervolle Vollendung der 
Form. Die Gedichte des Alkaios und der Sappho sind die melodischsten 
Schöpfungen der Griechen; das lesbische Dichterpaar hat die einschmeicheln- 
den Logaöden wenn nicht erfunden, so doch in der griechischen Lyrik 
eingebürgert, daneben aber auch choriambische und ionische Verse gedichtet. 
In ihren Liedern wiederholt sich in gefälliger Weise dieselbe Periode oder 
Strophe {laovoaTQocfa in&'hj), so dass dieselben leicht nach einfacher Melodie 
gesungen werden konnten. Die meisten ihrer Strophen bestunden aus 4 
Gliedern (TSTQccxoolog (XTQocfjrj): speziell ist nach Alkaios die kräftige alkäische 
Strophe benannt; doch wandte er auch mit gleicher Virtuosität die weiche 
sapphische Strophe an. 

102. Sappho ') aus Eresos (nach andern aus Mytilene) in Lesbos war 
die jüngere Zeitgenossin des Alkaios. Von ihren Lebensverhältnissen weiss 
man nur wenig sicheres, da dieselben früh durch die Sage und die Komödie 
entstellt wurden. Ihr Vater war Skamandronymos, verheiratet war sie mit 
Kerkylas aus Andros;^) von ihren 3 Brüdern lebte der eine, Charaxos, 
längere Zeit in Naukratis mit der verführerischen Hetäre Rhodopis zu- 
sammen.^) Infolge der politischen Wirren verliess auch sie ihre Heimat 
und floh mit anderen Gesinnungsgenossen nach Sikilien.'^) Das Glück der 
Liebe hatte ihr eine Tochter Kleis geschenkt, die sie mit zärtlichster Liebe 
als das Kleinod preist, welches sie um ganz Lydien nicht hergeben würde.'') 
Romantisch ausgeschmückt wurde in alter und neuer Zeit das Verhältnis 
der Dichterin zu dem schönen Jüngling Phaon, der ihr untreu wurde und 
dem in heisser Liebe in der Richtung nach Sikilien nacheilend, sie sich 
vom leukadischen Felsen in das Meer hinabstürzte. Wahrscheinlich diente 
der romantischen Erzählung die politische Flucht der Sappho nach Sikilien 
zur Folie und bot die Erwähnung des leukadischen Felsens in einem ihrer 
Lieder ^) Anlass zur speziellen Ausschmückung der Sage. Verzerrt und ins 
Gemeine herabgezogen ward die Beziehung der enthusiastischen Dichterin 
zu dem Kreise ihrer Freundinnen. In Lesbos hatte das Weib eine freiere 



^) Suidas nimmt aus Missverständnis 
zwei Sappho an. Manches über die Dichterin 
hei Ovid. Heroid. 15. Ein Buch des Cha- 
maileon über Sappho erwähnt Atli. 599 c. 
Vergl. Welcker, Sappho von einem herrschen- 
den Vorurteil befreit, in Kl. Sehr. 11, 80 144; 
Lehbs, Pop. Aufs.- 399 f.; A. Schöne, Unter- 
suchungen über das Leben der Sappho, in 
Symb. phil. Bonn. 731—62; Ausgabe der 
Fragmente von Neue, Berol. 1827. Ihr Bild, 
natürlich Idealbild, findet sich auf Münzen 
von Mytilene; eine Erzstalue hatte Silanion 
gefertigt (Cic. Verr. IV, 57. 126); Kopien 
desselben hat man in Marmor und Thon 
wiedergefunden; s. Gamukrini, Testa di 
Haffo, Ann. delV Inst. LI (1879) S. 246 ff. 

-) Suidas u. luTUfw ; auch hierin, spe- 
ziell in dem Namen Andres (Männerstadt}, 
hat man einen Witz der Komödie gefunden. 

'■') Herod. II, 135; eines zweiten Bruders 



Larichos, der Mundschenk in Mytilene war, 
gedenkt Sappho bei Ath. 424 f. 

■*) Mann. Par. zwischen Ol. 43, 4 und 
47, 3 (wahrscheinlich Ol. 47, 1 oder 47, 2 
nach Schöne): Icmtfio sy Mixvh']rt]g sig 2/- 
xEllciv anlsvae cpvyovaa. Ihre Rückkunft 
und ihren Tod in der Heimat setzen die 
Grabschriften Anth. VII, 14 und 17 voraus. 

^) Fr. 85; möglich freilich ist, dass eine 
andere Frau in 1. Person spricht. 

^) In Leukas, der vom Festland los- 
getrennten Insel Akarnaniens, bestand ein 
alter religiöser Brauch, einen Menschen zur 
Sühne der Gottheit vom Felsen ins Meer 
hinabzustürzen; ihn erwähnten Stesichoros 
fr. 43 und Anakreon fr. 19; Sappho und 
Phaon brachte damit in Verbindung Menan- 
der bei Strabon p. 452; s. Müller, Dorier I. 
233 und Oberhummer, Akarnanien S. 226. 



B. Lyrik. 5. Liederdichter oder Meliker (§ 102.) 



129 



Stellung, die den engeren Zusammenschluss gleichgesinnter Mädchen und 
Frauen zu musischen und geselligen Vereinen (haiQiai) ermöglichte. Auch 
Sappho versammelte in ihrem Hause, das sie selbst i^ioiaonolov oixiar 
nannte,^) schöne junge Freundinnen, mit denen sie dichtete und sang und 
an denen sie mit der überschwenglichen Liebe einer heissblütigen Süd- 
länderin hing. Es war ein ähnliches Verhältnis wie das des Sokrates zu 
seinen Schülern.^) Hier wie dort spielte neben der geistigen Begabung 
die Schönheit der Gestalt eine Rolle; aber erst die Ausgelassenheit der 
Komiker und die schmutzige Phantasie der Römer haben aus den schwär- 
merischen Versen, mit denen Sappho ihre Freundinnen, die Atthis, Tele- 
sippa, Megara feierte, ein gemeinsinnliches Verhältnis herausgelesen, von 
welchem Vorwurf die liebenswürdige Dichterin in unserer Zeit Welcker, 
Kl. Sehr. H, 80 ff., gründlich gereinigt hat.^) Die Gedichte der Sappho 
waren in 9 ß, nach der Zahl der Musen eingeteilt; massgebend war bei 
der Anordnung das Versmass, so dass z. B. das 1. Buch Gedichte in 
sapphischen Strophen, das 2. solche in äolischen Daktylen enthielt. Wir sind 
so glücklich ausser zahlreichen Fragmenten noch 2 vollständige Gedichte zu 
haben, eine Anrufung an die buntthronende Aphrodite um Beistand in 
Liebesnot und ein Bekenntnis eifersüchtiger Liebe zur süssprechenden, 
wonniglachenden Freundin. 4) Der Grundton, der alle ihre Gedichte, die 
Liebeslieder, Epithalamien, Epigramme durchweht, ist der verzehrender 
Liebesglut, die sie mit einer bei einer Frau uns doppelt auffallenden Offen- 
heit ausspricht, wie wenn sie singt: 

dsdvxe fxkv d askdva \ xal IlXrfidSec, ixedai de 
vvxTsg^ naqd 6' Iqx^^' wqcc, | syio d^ fnöva xaisvSco. 
Der sinnliche Reiz gehört zur Erotik, namentlich bei den Alten, aber 
es ist nicht die schöne Gestalt allein, die Sappho begeistert, sie verschmäht 
den Reichtum ohne Tugend (fr. 81) und verweist in das Dunkel des Hades 
das Mädchen, das nicht teilhat an den pierischen Rosen (fr. 68). Alle 
ihre Gedanken aber kleidet sie in die anmutigste Sprache, die harte Laut- 
verbindungen sorgfältig meidet'') und liebliche Bilder, wie vom einsamen 
Apfel am hohen Aste (fr. 93) uns vorzaubert. An Reichtum und Zartheit 
des Rhythmus übertrifft sie selbst ihren Rivalen Alkaios; nach ihr benannt 
ist die sapphische Strophe, die mit ihren weichen Ausklängen ganz dem 
Wesen des liebevollen Weibes entspricht.^) Ausserdem dichtete sie ein- 
fache Systeme aus gleichen Gliedern {avarißaTa f.'^ oiwimv), mehrgliederige, 
zu je 2 verbundene Logaöden, daktylische Reihen mit einleitender Basis 
(Aiohxd j^ibTQa); auch die Erfindung einer neuen Tonart, der mixolydischen, 



Fr. 136. Herod. II, 135 nennt dem- 
gemäss die Sappho selbst fÄOvaonoiog. 

'^) So fasste das Verhältnis schon Ma- 
ximus Tyrius XXIV, 8 auf. 

^) Ob bei Horaz Ep. I, 19. 28 temper at 
Ärchilochi musam pede mascula SappJio 
wirklich pede mit mascula zu verbinden sei, 
bleibt doch zweifelhaft. Pedantische Gram- 
matiker wie Didymos untersuchten schon im 
Altertum allen Ernstes, an Sappho pnhlica 
fuerit, s. Seneca ep. 88, 37. 

Handbuoh der klass. Altoitimiswisseiischal't, VII. 2. Autl 



•*) Übersetzt von Catull 51, der uns 
auch in dem PJpithalamion 62 einen Begriff 
von den Liedern der Sappho gibt. 

^) Dionys. de comp. verb. 23, wo sie 
als Muster der yXacpvQo, xal avd^ijQa avPx^eaig 
gepriesen wird; Demetr. de eloc. 166 f , wo 
auch das Anpassen der Worte an die ver- 
schiedenen Personen in den Epithalamien 
hervorgehoben wird. 

^) Hephaest. p. 64 W. 



130 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

wird ihr beigelegt, i) Kein Wunder also, dass Sappho auch früh hohe 
Anerkennung fand und als zehnte Muse von den Epigrammatikern und 
Römern überschwenglich gepriesen wurde. 2) Ihr Bildnis erscheint auf myti- 
lenischen Münzen, und ihre Statue von Silanion wird von Cicero in Verr. IV, 
126 als unübertroffenes Meisterwerk gerühmt. Mit der Nachahmung ihrer 
Lieder haben Catull und Horaz die römische Lyrik über die seelenlose 
Künstelei der Alexandriner erhoben.^) 

103. Anakreon ^) von der ionischen Insel Teos {Teiuspoeta) schloss sich 
im erotischen Ton seiner Dichtungen ganz an die lesbische Melik an, nur dass 
er dem weichlichen Lebensgenuss noch mehr huldigte und im ionischen Dia- 
lekte seiner Heimat schrieb. Vorangegangen war ihm in letzterer Beziehung 
unter seinen Landsleuten Pythermos, der Skolien gedichtet und nach 
Athen, p. 625 c die ionische Tonart eingeführt hatte. Infolge des An- 
griffs des persischen Satrapen Harpagos auf lonien (545) wanderte Ana- 
kreon nach Abdera, einer teischen Kolonie in Thrakien, aus.^) In diese 
Zeit wohl fallen seine wenig rühmlichen Kriegsthaten, deren er selbst 
scherzend gedenkt (fr. 28. 29). Später treffen w^r ihn neben Ibykos am 
Hofe des Polykrates, des mächtigen und kunstsinnigen Tyrannen von Samos 
(533 — 522), bei dem er als Herold der Liebe und des Lebensgenusses in 
besonderer Gunst stund. ^) Nach dessen Fall zog ihn Hipparch nach Athen, ^) 
und nachdem auch dieser gefallen war (514), scheint er einer Einladung 
des Echekrates, eines thessalischen Dynasten aus dem Hause der Aleuaden, 
gefolgt zu sein.^) Er erreichte das hohe Alter von 85 Jahren,^) und als 
lebenslustigen Greis, der trotz der gebleichten Haare nicht von Wein und 
Liebe Hess, pflegte man ihn mit Vorliebe sich vorzustellen, i^) Die Alexandriner 
hatten von ihm Elegien, Epigramme, lamben undMele, zusammen in 5 B.; auf 
uns sind von denselben nur ärmliche Trümmer gekommen. Die lamben, 
namentlich das durch Athenaios erhaltene Gedicht auf Artemon (fr. 21), 
beweisen, dass Anakreon auch den bitteren Stachel des Spottgedichtes zu 
führen wuisste; aber die Mehrzahl seiner Lieder zeigt den heiteren Gesell- 
schafter und feinen Hof mann, dem das Saitenspiel beim Weingelage über 
alles geht, der nur durch das Beil des Eros verwundbar ist (fr. 48), und 
auch beim Herannahen des grauen Alters mit Wein und Lied sich den 
Gedanken an den dunklen Abgrund des Hades verscheucht. Auch seine 
Hymnen an die Götter, wie an Artemis und Dionysos, scheinen nur zur 
Einkleidung des Gesangs von Liebeslust und Liebessehnsucht gedient zu 
haben. Dem spielenden und weichlichen Inhalt entspricht auch die Form 

^) Pliit. de mus. IG. | ^) C4eschlossen aus Fr. 184. 

^) Vgl. Strabon p, (J17, der sie x9avjuci- j ^} Luc. Macrob. 26; sein Grab befand 

aioy TL XQ^.ucc nennt. sich in Teos nach dem Epigramm in Anth. 

3) Philostr. Vit. Apoll. I, 30 erwähnt ' VII, 25; siehe indes Bergk, Gr. Litt. II, 31^9. 

eine Pamphylierin Damophyle, welche da- ^^) So ist er aufgefasst auf teischen 

mals die Sappho in der Lebensweise und in | Münzen und in einer Marmorstatue der Villa 

der Dichtung nachahmte. Borghese; s. Baumeister, Denkm. 79; als 

^) Eine dürftige Vita bei Suidas;WELCKER, ' Sänger in halbtrunkenem Zustand dargestellt 

Kl. Sehr. I, 251 ff. ; sah ihn Pausanias I, 25. 1 auf der Akropolis 

^) Strab. p. 644; Suidas spricht irrtüm- in Athen. — Eine Liebschaft mit Sappho las 

lieh von Histiaios. man irrtümlich aus dem Lied auf die schöne 

6) Herod. III, 121, Strab. p. 638. Lesbierin (fr. 15) heraus. 

') Plato Hipp. 228c, Charm. 157 e. | 



B. Lyrik. 5. Liederdichter oder Meliker. (§ 103—104.) 



131 



seiner Lieder; als Strophe verwandte er zumeist die gefällige, aber über- 
einfache Form glykoneischer Systeme, wie in 

Q not naqS^sviov ßXsriMV^ 

6i^rjfAai (Tf, (TV 6' ov xXvsig^ 

ovx aldixlg oti rrjg sfii^g 
ipv%rjg YjVioxsvsig^ 
daneben mit besonderer Virtuosität die zum Ausdruck artigen Liebesspiels 
vorzüglich geeigneten loniker. ^) Wie Anakreon im Leben als höfischer 
Dichter und heiterer Gesellschafter überall beliebt war, so hörte man auch 
nach seinem Tode noch gern, besonders in dem lebensfrohen Attika^) beim 
Gelage und bei nächtlicher Festfeier seine liebestrunkenen Lieder. Auch 
in Alexandrien beschäftigten sich mit ihm hervorragende Grammatiker: 
Chamaileon schrieb sein Leben, Aristarch besorgte eine kritische Ausgabe. 
Aber in der römischen Zeit traten allmählich seine echten Gedichte hinter 
den tändelnden Spielen seiner Nachahmer zurück.^) 

104:. Die Anacreontea sind eine Sammlung von etlichen GO Ge- 
dichtchen in der Art des Anakreon {'AvaxQsovTOg tov Trjl'ov av^noaiaxd 
r]iiiai^ißa)^ welche der Anthologie des Konstantinos Kephalas angehängt 
sind. Dieselben galten früher allgemein als echt und fanden noch im vorigen 
Jahrhundert bei unseren Anakreontikern Ramler, Uz u. a. überschweng- 
liche Bewunderung. Von diesem Taumel ist man jetzt allgemein ernüchtert, 
nachdem man diese Lieder mit den echten Fragmenten des Anakreon acht- 
samer verglichen und ihre grosse Verschiedenheit in Versbau, Dialekt und 
Ton erkannt hat. Dass die Sammlung Nachahmungen enthalte, ist indes 
früh bemerkt worden; trägt doch das 2. die Überschrift tov avrov BaaiXiov, 
und spricht das 59. geradezu von Nachahmung des Anakreon. Aber 
Bentley, Mehlhorn, Stark, Welcker*) begnügten sich mit der Annahme 
einer Vermischung von Echtem mit Unechtem, während heutzutag allge- 
mein die ganze Sammlung als spielende Nachahmung aus verschiedenen 
Zeiten angesehen wird. Der erste Teil, welcher die 20 ersten Gedichte 
umfasst und mit einem Lied in Pherekrateen abschliesst,^) scheint schon 
dem Gellius XIX, 9 vorgelegen zu haben, der daraus das B. unter dem 
Namen des Anakreon anführt. Der zweite Teil (21 — 34) ist eine Auswahl 
von 7 Gedichten in Hemiiamben und 7 in gebrochenen ionischen Dimetern, 
darunter das artige, von Göthe nachgebildete Gedichtchen auf die Zikade 
(33). Der Rest umfasst Gedichte jüngeren Datums, zum Teil schon mit 



^) Auffälliger Weise hatte Anakreon 
nach Ath. 635 c nur die lydische, phrygische 
und dorische Tonart, nicht auch die ionische 
in seinen Melodien angewandt. Die ge- 
brochene Form des lonicus, welche sich 
Anakreon neben der regelrechten erlaubte, 
sahen Spätere als Nachlässigkeit an, welche 
Anschauung sich in Horaz Ep. 14, 12 non 
elahoratum ad pedem ausspricht. 

'^) In Athen stellte man sein Erzbild 
auf (Paus. I, 35); vom Kultus des Ana- 
kreon in Athen meldet uns das schöne Epi- 
gramm des geistreichen Oligarchen Kritias 
fr. 7. 



^) Horaz hat noch Anklänge an den echten 
Anakreon; so Od. I, 23 u. III, 11. 9 an Fr. 
51 und 75; vgl. Od. I, 27 u. Fr. 63. 

^*) Welcker, Die Anakreonteen,Kl. Sehr. 
II, 356 ff. 

^) Hansen, Über die Gliederung der 
Anakreonteen in Vhdl. der 36. Vers. d. Phil, 
in Karlsruhe, und Anacreonteorum syUoge 
PaJatina, Lips. 1884. In den Gedichten 
21-31 weist Crusius, Dhilol. N. F. I, 238 ff. 
Anklänge an Wendungen der Sophisten der 
Kaiserzeit nach. No. 5 trägt in Anth. Pla- 
nudea 388 die Aufschrift 'lovhuvov und 
imc(Q/iüi/ AlyvTiicv. 

9* 



132 Griechische Litteraturgeschlchte. I. Klassische Periode. 

starken metrischen und prosodischen Fehlern, wie 52, 8 und 58, 2. Diesem 
aus dem Altertum stammenden Corpus von Anakreonteen lässt Bergk in 
der Ausgabe der PLG. noch aus der Publikation von Matranga eine 
Appendix von ähnlichen Nachbildungen aus dem beginnenden Mittelalter 
folgen, die mit den christlichen Anakreonteen des Sophronios verwandt sind. 

105. Neben den grossen Meistern Alkaios, Sappho, Anakreon hat 
Griechenland noch eine Reihe von Liederdichtern und namtlich Lieder- 
dichterinnen in äolischen und dorischen Landschaften hervorgebracht, von 
denen ich in Kürze anführe: Myrtis aus Anthedon in Böotien, die als 
Lehrerin Pindars genannt wird und in der Weise des Stesichoros die Liebe 
der Ochma zu Eunostos besang. Kor in na aus Tanagra, Schülerin der 
Myrtis, die mit Pindar um den Kranz gestritten haben soll, Telesilla aus 
Argos, berühmt durch ihren Heldenmut, indem sie, als Kleomenes die 
Argiver besiegt und die waffenfähigen Männer getötet hatte, die Frauen 
zur Verteidigung der Stadt aufrief (im J. 510), 2) Praxilla aus Sikyon, 
die besonders durch ihre Trinklieder sich Ruhm erwarb,^) Erinna, angeb- 
liche Freundin der Sappho,*) von der die Spindel (/yAax«r?y), ein hexamet- 
risches Gedicht, gerühmt wird. 

106. Volkslieder^) im weiteren Sinn waren fast alle Dichtungen 
der klassischen Lyrik der Griechen, insofern sie alle für die weiten Schichten 
des Volkes bestimmt waren und vom Volke, von einzelnen oder im Chor, 
gesungen wurden. Speziell aber verstehen wir unter Volksliedern solche, 
deren Verfasser unbekannt war und die man deshalb vom Volke, das sie 
sang, auch hervorgebracht wähnte. Gegenüber der enormen Zahl, die 
unser deutsches Volk an solchen Dichtungen besitzt, sind uns aus dem 
alten Griechenland nur wenige Volkslieder erhalten. Die einfachste Form 
des rhythmischen Volkswitzes ist das Sprichwort {Tragoifuia), das bei den 
Griechen meistens die Form des davon benannten Versus paroemiacus hatte, 
wie (filst 6t roTog fisra TTa^vr^Vy oder cikXoi xa/^iov aXXoi ovavTO.^) In ihre 
Klasse gehören auch die später den 7 Weisen zugeteilten Kernsprüche, 
wie yvMd-i asuvTor, fu'TQoi' agiarov, und die in landläufige Verse gekleideten 
volkstümlichen Rätsel (yQi(foi). Kunstvoller sind die aus mehreren, meist 
lyrischen Versen bestehenden Volkslieder, wie das Mahllied {oi^tj imjuvhog) 
der Lesbier, das Spinnerlied, das Kelterlied, das Lied auf den Gott Dio- 
nysos, das die Frauen in Elis sangen, das Schwalbenlied der Rhodier ') u. a. 



\) Antipater Anth. IX, 26 zählt 9 Dich- 
terinnen, so viel wie Musen, auf. 

Paus. II, 20. 8; Plut. de virt. mul. 8; 
Polyän VIII, 23. Auffällig ist, dass Herodot 
VI, 76 ff. nichts davon meldet; Bedenken 
auch erregt, dass Eusebios die Telesilla viel 
später, Ol. 82, 2 ansetzt. 

^) Nach Eusebios lebte sie 445; sie war 
auch Dichterin von Dithyramben. 

'^) So Suidas, der sie 'haigap lancpovg 
y.cd ofioxQovoy nennt, womit aber Eusebios 
nicht stimmt, der sie auf 352/1 v. Chr. setzt. 
Auf die Zeit nach Pindar weist entschieden 
auch die Sprache. 

•'^ Bergk, PLG. unter (U.n'miiia poj^n- j sow, Neugr. Volkslieder No. 305—8. 



laria-, Ritschl, Opusc. I, 249 ff.; Benoist, 
Des chants populaires dans la Grece cmti- 
que, Nancy 1857. 

ß) Zusammenstellungen von Meinecke zu 
Theokrit 524 ff.; Haupt, Opusc. III, 520; 
UsENER, Altgriech. Versbau 43 ff. In letzt- 
genannter Schrift ist zugleich der Nachweis 
geliefert, dass viele hexametrische Sentenzen 
der Kunstdichter aus solchen volkstümlichen 
Sprichwörtern erweitert sind. 

^) UsENER a. 0. 80 ff. Über den Brauch 
der mit einer Schwalbe oder Krähe in der 
Hand herumziehenden Bettelknaben s. Ath. 



359. Anklänge im Neugriechischen bei Pas- 



B.Lyrik. 5. Liederdichter oder Meliker.(§ 105 106.) -6. Chorische Lyriker. (§107.) 133 



Das Schönste aber, was die Griechen in dieser Gattung leisteten, ist in 
den vielen, meist attischen Trinkliedern enthalten, in denen kerniger Frei- 
heitssinn mit frohem Lebensmut gepaart ist. Einen hübschen Kranz von 
solchen Skolien verdanken wir der Aufzeichnung durch Athenaios p. 694. 

6. Chorische Lyriker. 

107. Über den Chorgesang im Gegensatz zur Melik habe ich bereits 
oben § 99 gehandelt. Seine Blüte erreichte derselbe unter dem Dreigestirn 
Simonides, Pindar und Bakchylides, also zur Zeit, als bereits die Glanz- 
periode des Melos vorüber war; aber die Anfänge desselben reichen über 
Alkaios hinauf und knüpfen unmittelbar an die musischen und orchestischen 
Neuerungen des Terpander und Thaletas an.i) Seine Entwicklung hängt 
mit dem Glänze der musischen Wettspiele {dycoveg) zusammen, welche seit 
dem 7. Jahrhundert die Dorier und später die Athener im Anschluss an dio 
alten Götterfeste entfalteten.-) Voran gingen Delphi, der altehrwürdige 
Kultsitz des Apoll, und Sparta, wo, wie Terpander sang, der Lanzenwurf 
der Jünglinge und der helle Sang der Musen blühte. Ihnen folgten bald 
andere Städte im griechischen Festland und in den Kolonien mit ähnlichen 
Festen nach. Zu den Götterfesten gesellte sich im weiteren Verlauf die 
Feier der Siege in den Nationalspielen, indem die Städte die Erfolge ihrer 
Bürger sich zur allgemeinen Ehre anrechneten und dieselben mit festlichen 
Aufzügen lohnten. Bei keinem derartigen Feste fehlte der Gesang; der 
Inhalt desselben hatte selbstverständlich einen objektiven Charakter und 
bezog sich in erster Linie auf den Anlass des Festes, den Mythus des 
Gottes und die Ruhmesthat des Siegers. Doch mischte frühzeitig der Dichter 
auch seine eigenen Gefühle in die erzählende Darstellung, zunächst so, dass 
der singende Chor sich zum Träger der gleichen Empfindungen machte. 
Es waren vorzüglich die Parthenien, die in dieser Beziehung die Brücke 
zwischen Gefühl und Erzählung, Melik und Chorgesang schlugen. Die Form 
des Chorgesangs war von vornherein ernster und feierlicher, so dass statt 
der spielenden Logaöden die gravitätischen Daktylo-Epitriten vorherrschten. 
Die begleitenden Tanzbewegungen riefen die Gliederung in Strophe, Anti- 
strophe und Epode hervor; ebendaher stammte der grössere Umfang der 
Strophen und die kunstvollere Gestaltung der Perioden, deren Verständnis 
indes ohne Hilfe des Gesangs schon den Alten verschlossen war. 2) Die 
Grundlage der Sprache bildete der heimische Dialekt der ältesten dorischen 
Lyriker, der auch beibehalten wurde, nachdem die chorische Poesie zu an- 
deren, nichtdorischen Stämmen getragen war. Daneben schlichen sich einzelne 
Formen aus dem alten epischen Dialekt und infolge des Einflusses der äoli- 
schen Melik auch zahlreiche Aeolismen ein.^) 



\) Ein zeitliches Anzeichen liegt darin, 
dass zu Delphi der Einzelgesang zur Kithara 
im J. 554 V. Chr., zur Flöte schon 582 auf- 
gehoben wurde. 

^) Reisch, De musieis Graecorum certa- 
mimbun, Wien 1886. Vgl. oben § 82. 

^) Cic. Or. 183: a moclis quibusdam 
cantu renioto soluta esse videatur oratio 
maximeque id in optimo quoque eorum 



poetarum gut 'ävqixoI a Graecis nominantur. 
^) Ahrens, Über die Mischung der Dia- 
lekte in der griechischen Lyrik, Vhdl. d. 
Philol. in Göttingen 1852. Auf die lokalen 
Dialekte, will die Sprache der einzelnen Ly- 
riker zurückführen Führek, Die Sprache und 
p]ntwicklung der griechischen Lyrik, Progr. 
von Münster, und l*hilol. 44, 49 ff. 



134 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

108. AI km an blühte in der 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts nach Archi- 
lochos und Thaletas und kurz vor Alkaios.^ Seine Heimat war, wie 
er selber Fr. 25 bekennt, das lydische Sardes.^) Von dort brachte er 
die Kenntnis der lydischen Musik und der äolischen Gesangsweisen mit. 
Seine Thätigkeit entfaltete er in Sparta, wo bereits Terpander und Thaletas 
den Grund zur Pflege musischer Künste gelegt hatten.^) Er scheint dort- 
hin als Kriegsgefangener aus den Raubzügen der Kimmerier gekommen zu 
sein, muss aber dann in irgendwelcher Weise das lakonische Bürger- oder 
Heimatsrecht erlangt haben, ^) da er bei Suidas Aäxwv arto Msaaoag ge- 
nannt wird •'') und in seinen Gedichten ganz wie ein vollberechtigter Bürger 
Lakedämons auftritt. Auch den Namen Alkman oder Alkmaion soll er 
nach Alexander Aetolus, Anth. VH, 709 erst in Lakedämon erhalten haben. 
Den Tod fand er hochbejahrt, da er Fr. 26 über das Alter klagt, das ihm 
die Kniee lähme, und sich das Los des Eisvogels wünscht, den im Alter 
die Weibchen über das Meer hintragen. Sein Grab zeigte man in Sparta 
bei dem Dorfe Sebrion.<^) Seine Gedichte in 6 B. waren in altlakonischer, 
mit epischen und äolischen Elementen versetzter Mundart geschrieben."^) 
Den Hauptruhm verdankte er seinen Parthenien, welche mindestens 2 B. 
füllten^) und von welchen Mariette 1855 ein grosses Bruchstück aus 
ägyptischer Grabesnacht an das Tageslicht gezogen hat. Es standen die- 
selben in der Mitte zwischen dem geistlichen und weltlichen Lied, indem 
dem Lobpreis der Gottheit die Verherrlichung des Liebreizes der Chor- 
führerinnen beigemischt war. Dabei ist das Lied bald für den Chorgesang 
der Mädchen bestimmt, bald redet der Chor oder die Chorführerin den 
Dichter an, bald spricht der Dichter zu dem Chor der Mädchen oder sprechen 
Einzelne aus dem Chor zu einander, so dass man sich einen sehr lebhaften 
und wechselreichen Vortrag vorstellen muss.^) Damit stimmt es, dass die 
Chorgesänge des Alkman eine sehr subjektive Färbung hatten und dass 
Athen, p. 600 f. unseren Dichter geradezu zum Begründer der erotischen 
Lyrik macht. Ausser Parthenien dichtete derselbe auch Hymnen und Päane. 
In den Rhythmen schloss er sich teilweise noch der daktylischen Art der 
terpandrischen Nomen an, dichtete daneben aber auch Kretiker, lamben und 
leichtfüssige Logaöden nach der Art des lesbischen Dichterpaares. Über seine 
Kunst in der Strophenbildung lässt sich schwer urteilen, da die Fragmente zu 
dürftig sind und keine seiner Strophen Nachahmer gefunden hat oder populär 
geworden ist. In dem erhaltenen Parthenien hat Blass' und Ahrens' Scharf- 



^) Suidas setzt ihn Ol. 26, Eusebios Ol. [ ■*) Heracl. Pont. fr. 2: \4Axfxdv oixixi]<; 

30, 4 und 42, 2; entscheidend ist, dass er r/v 'Jyr]al&a, ev(pvijg de wV rj'ksv&EQOi&r} xccl 



nach Suidas unter dem lydischen König Ardys 
(652 — 615) lebte, was wohl aus einer Stelle 
seiner Gedichte hervorgegangen sein wird. 
Im Kanon stand er vor Alkaios. 

'^) Alexander Aetolus, Anth. VII, 709 
bezeichnet Sardes nur als Heimat der Väter 
des Dichters. 

^) Über das liederreiche Sparta der äl- 
teren Zeit Flut. Lyc, 21 und Ath. 632 d; 
Namen älterer Dichter Spartas waren Gitiades 
(Paus. III, 17. 2), Spendon (Plut. Lyc. 28), 
Dionysodotos (Ath. 678 c). 



noifjzrjg dneßf]. 

^) Indem Suidas dieses Meaaoa mit 
Messene verwechselte, nahm er einen zweiten 
Alkman an, 

6) Paus. III, 16. 9; vgl. Anth. VII, 19. 

') Spiess in Gurt. Stud. X, 331 ff.; 
Schubert, Sitzb. d. Wien. Ak. 1878 S. 517 ff.; 
Meister, Griech. Dial. I, 20, 

^) Steph. Byz. u. 'Egvoi/}]. 

^) Vergleiche was Dem etri OS de eloc. 167 
von den Epithalamien der Sappho überliefert. 



B. Lyrik. 6. Chorische Lyriker. (§ 108- 110.) 



135 



sinn Strophen von 14 kurzen Versen nachgewiesen, die sich in 2 gleiche, epo- 
disch gebaute Vordersätze (V. 1—4= 5 — 8) und in einen grösseren, gleichfalls 
aus trochäischen und logaödischen Elementen gebildeten Zugesang gliedern. 

109. Arion^) aus dem lesbischen Methymna lebte und wirkte an 
dem Hofe des Periander, des kunstsinnigen Tyrannen von Korinth (625 — 
585).'^) Allbekannt ist die schöne Legende von der Seefahrt des Meisters 
der Töne von Tarent nach Korinth, und von seiner Rettung durch Delphine, 
die ihn unversehrt an das Land nach Tainaron trugen. Aelian, der H. A. 
XII, 45 ausführlich die Fabel erzählt, teilt uns zugleich den angeblich von 
Arion selbst auf das Votivdenkmal in Tainaron gesetzten Hymnus auf 
Poseidon mit. Dass derselbe nicht von Arion herrührt, hat Böckh erkannt ; 
Metrum und Sprache weisen uns nach Attika und auf die Zeit des Euri- 
pides hin.^) Die Bedeutung des Arion besteht wesentlich in dem Anstoss, 
den er mit seinen Dithyramben für die Entwicklung der Tragödie gab, 
worauf wir weiter unten zurückkommen werden. Seine Gedichte waren 
schon im Altertum frühzeitig verschollen. 

110. Stesichoros*) (um 640 — 555)^) stammte aus dem lokrischen 
Matauros, wo damals die Pflege der Musik in hoher Blüte stund, galt aber 
als Himeräer,^) da er in Himera den grösseren Teil seines Lebens zubrachte. 
Diese seine neuen Mitbürger warnte er auch vor den ehrgeizigen Plänen 
des Phalaris, indem er ihnen die Fabel von dem Pferde erzählte, welches, 
um sich an dem Hirsch zu rächen, von dem Menschen den Zaum annahm."^) 
Aber vergeblich waren seine Warnungen; er selbst musste fliehen und 
starb in Katane, wo man vor dem Thore sein Grabdenkmal zeigte.^) In 
der Entwicklung der griechischen Poesie nimmt Stesichoros eine hervor- 
ragende Stellung ein; er war nicht bloss ein ungewöhnlich fruchtbarer 
Dichter — seine Werke umfassten 26 Bücher oder Gedichte ^) — er hat auch 



^) Ein Artikel bei Suidas; der dort an- 
gegebene Name seines Vaters KvxXsvg (von 
xvxhog /o^oc) ist offenbar fingiert. 

2) Find. Ol. XIII, 18 von Korinth: ral 
JiMviaov nod^Ev e^cpavep ovi^ ßofßcho) /d- 
Qiieg did^vQccfißo) ; 

^) Bergk, PLG. unter Arion; Lehrs 
Popul. Aufs, 2 385 ff. Von Einfluss war der 
Münztypus des auf einem Delphin reitenden 
Meergottes Palämon ; mit demselben stimmt 
hübsch die Zeichnung Albr. Dürer 's überein, 
welche den von einem Delphin getragenen 
Arion darstellt: s. Jahn, Popul. Aufs. S. 351. 

^) Artikel bei Suidas; Welcker, Stesi- 
choros in Kl. Sehr. I, 148 ff. 

^) Berechnet danach, dass er nach Luc. 
Macrob. 85 Jahre alt wurde und nach Suidas 
und Eusebios Ol. 56, 2 starb. Irrige An- 
gaben enthält Marm. Par. c. 50 u. 73, wo 
überdies ein älterer und jüngerer Stesichoros 
unterschieden wird; s. Rohde Rh. M. 33, 
198 ff. 

^) Suidas: ix nöXsiog ^l^utQccg xijg lixs'kiag, 
xa'keiTca yovv 'IfxsQcdog^ ol Ss cino McnavQucg 
Ti]g iy 'IruXUi, ol de dno TlaXconior^ rijg ' Aq- 
xuöiag. Vgl. Steph. Byz. u. MdxavQog. Lo- 
kroi wird als Geburtsstadt des Stesichoros 



auch vom Rhetor Himerios bezeichnet or. 
XXIX * Alxcdog Ataßoy xcd AcxQovg [Xoyovg 
cod., em. Wilamowitz) xoa^ust Izrjai/oQog. 
Nach der von Alkidamas verbreiteten Sage 
war er Sohn des Hesiod und der Klymene, 
worüber oben § 59 und Nietzsche, Rh. M. 
28, 223 ff. 

') Arist. Rhet. II, 20. In Himera sah 
Cicero in Verr. II, 35. 87 (vgl. Pollux IX, 
100) seine Statue; sein Bild als Greis mit 
einer Rolle auf einer Münze von Himera bei 
Visconti Icon. gr. lll, 7 und Baumeister 
Denkm. S. 1710. 

«) Suidas in der Vita; Anth. VII, 75; 
das Grabdenkmal hatte 8 Ecken u. 8 Säulen, 
war also ähnlich dem sogenannten Grabmal 
der Horatier in der Campagna. Entgegen 
der Wirklichkeit gingen die Fälscher des 
uns erhaltenen Briefwechsels zwischen Ste- 
sichoros und Phalaris von einem freundschaft- 
lichen Verhältnis der beiden Männer aus. 

^) Suidas erwähnt 26 ßtßXla: war bei 
dieser Angabe, was wahrscheinlich, ßißUu 
identisch mit noitjfxcnci, so müssen die Bücher 
von sehr verschiedenem und kleinem Umfang 
gewesen sein. 



136 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



das besondere Verdienst neue Formen erfunden und die Pflege der Poesie 
von dem Osten über die Brücke der ozolischen und epizephyrischen Lokrer 
nach Italien und Sikilien getragen zu haben J) Den Charakter seiner haupt- 
sächlichsten Dichtungen bezeichnet sehr hübsch Quintilian X, 1. 62 mit den 
Worten: ejncl carminis oiiera lyra susthmit.'^) Der Mythus mit seinem 
reichen und stets von neuem bereicherten Inhalt bildete wie bei Homer 
und Hesiod das Hauptelement seiner Muse. Da aber zu seiner Zeit das 
Ansehen der epischen Dichtung und die Einfachheit der daktylischen Hymnen 
im Erlöschen waren und insbesondere bei den Doriern an den Festen der 
Götter und Heroen^) Reigentänze und Gesänge zur Zither sich grösserer 
Beliebtheit erfreuten, so erzählte er die Mythen in lyrischen Versmassen 
und Hess sie von Chören an den religiösen Volksfesten vortragen. Er hatte 
dabei den grossen Vorteil in Sikilien mit seinen Mythen Neues zu erzählen, 
da hier die Werke des Homer und Hesiod noch keine allgemeine Verbrei- 
tung gefunden hatten. Aber auch vieles an sich neues enthielten seine 
Gedichte, so dass dieselben auch in Attika vielverbreitet und namentlich 
von den Tragikern vielbenützt wurden.-*) Den Inhalt seiner episch-lyrischen 
Gedichte, von denen uns nur spärliche Reste erhalten sind, bezeichnen die 
Titel d^Xa inl JJeh'a,^) rr^^vonjig, KeqßeQog^ Kvxvoc, EvQomsia, 'EqKfvXa, 
^xvXXa, ^vod^rjQai, ^iXfov rcsgaiq^ Noaroi^ ^OqsaTsia. Bekannt durch Piaton 
Phaedr. 243a ist seine Palinodie auf Helena; man erzählte, vermutlich nach 
einer poetischen Andeutung in seinen Gedichten, er sei, weil er in einem 
Gedicht der Oresteia oder Iliupersis die Helena geschmäht habe, blind ge- 
w^orden, und habe dann sein Augenlicht wieder erhalten, nachdem er in 
einer Palinodie die Schmähung widerrufen habe. Epochemachend für die 
italische Sagenentwicklung war seine Iliupersis, weil darin die Mythe von 
Aeneas Wanderung nach Italien vorkam,^) erfolgreich für die Entwicklung 
der tragischen Poesie seine Erzählung von den Geschicken des Mutter- 
mörders Orestes. Neben den heroischen Mythen des griechischen Mutter- 
landes berücksichtigte er aber auch die sentimentalen Volksmärchen der 
Heimat.'') So führte er zuerst die später vielgefeierte Gestalt des Hirten 
Daphnis in die Poesie ein, den eine Nymphe liebte, dann aber, als er die 
Treue in den Armen einer Königstochter brach, elend zu gründe gehen 



^^ Angeblicher Vorgänger war der Me- 
liker Xanthos, dem er unter andern die 
Orestie nachgedichtet haben soll; s. Ath. 
513 a. Dagegen verweist den Xanthos zu 
den Fiktionen Robert, Bild u. Lied 173 ff. 

'^)^ Ahnlich von ihm Antipater Anth. VII, 
75: ov xcnd nvf^ayoQov (pvoixdp q)driv d 
■hqIp 'OfZfJQov ipv/d iiA azEQvoig ^evteqov 
(oxlaaTo- ebenso Anth, IX, 184. 

^) Die Heroenkulte waren besonders in 
den Kolonien verbreitet und beruhten auf 
den Sagen von deren Gründung; gefeiert 
wurden die Atriden in Tarent, Philoktet in 
Sybaiis, Diomedes in Thurii, Odysseus in 
Kyrae. Der Demeter galten die Anthes- 
phoria, Theogamia, Anakalypteria, Koreia, 
Thesmophoria, dem Apoll die Karneia, den 
Dioskuren die Theoxenia. 



^) Seeliger, Die Überlieferung der grie- 
chischen Heldensage bei Stesichoros, Meissen 
1886; Robert, Bild u. Lied 149 ff. 

^) Dieselben sind nach der Dichtung 
des Stesichoros dargestellt auf einer Vase 
von Cäre, publiziert in Monum. Inst. X, 4; 
dieselben fanden sich nach Paus. V, 17 
auch auf dem Kypseloskasten. 

^) Auf der Tabula Iliaca, welcher des 
Stesichoros, nicht des Arktinos Iliupersis 
zu gründe gelegt war, steht geschrieben 
Aiveiag dnccLQWi^ sig'EoneQlav ; merkwürdiger- 
weise aber weiss Dionysios, Ant. I, 45 da- 
von nichts. Vgl. Chadzi Konstas, Die Iliu- 
persis nach Stesichoros, Leipz. 1876. 

^) Ath. 601a: iTrjal^^oQog (f' ov fxsTQiwg 
iQioxixög yevofxsvog awiarrjae xcu tovtov töv 
xQÖnov riop dafidriop. 



B. Lyrik. 6. Chorische Lyriker. (§111.) 137 

liess. In einem andern Idyll besang er das traurige Ende des von dem 
schönen Euathlos verschmähten und so in den Tod getriebenen Mädchens 
Kalyke, in einem dritten das blutige Geschick der treuen Rhadina, die dem 
Tyrannen von Korinth angetraut, von der alten Neigung zu ihrem geliebten 
Vetter nicht lassen wollte. In der Form wurde Stesichoros der eigentliche 
Begründer der chorischen Lyrik; er stellte zuerst in Sikilien Chöre auf, 
wovon er nach Suidas den Namen ^Trjffi'xoQog statt des ursprünglichen 
Tiaiaq erhielt. Dass er auch die Dreiteilung in Strophe, Antistrophe und 
Epode erfunden habe, hat man früher auf Grund des sprichwörtlichen Aus- 
drucks ovSh TQia TMv ^rr^aixoQov yivMaxsig angenommen; dass aber diese 
Deutung falsch sei und dass die Worte einfach nur bedeuten „du kennst 
nicht einmal drei Verse des Stesichoros", hat neuestens 0. Crusius nach- 
gewiesen.') Die beliebteste Form seiner Gesänge war die daktylo-epitri- 
tische, die an alte volkstümliche Kola anknüpfte und trefflich zur gemes- 
senen Gravität der dorischen Tonart stimmte. 2) In der Sprache mischte 
er dem dorischen Grundton viele ionische Elemente bei, welche in der 
Hauptsache auf das alte Epos, teilweise aber auch auf die ionischen Gründer 
von Himera und Rhegion zurückzuführen sind.^) 

111. Ibykos^) aus Rhegion, älterer Zeitgenosse des Anakreon, führte 
wie jener das unstete Leben eines Wandersängers. Er durchzog die Städte 
Unteritaliens und Sikiliens,^) lebte eine Zeitlang an dem Hofe der Tyrannen 
von Samos^) und kam schliesslich auf einer Reise nahe bei Korinth ums 
Leben. Sein Tod ward später, ähnlich wie der des Arion und Hesiod, 
durch die schöne, von unserem Schiller verherrlichte Sage von den Kra- 
nichen {j'ßvxsq), welche den versammelten Festgenossen die Mörder ver- 
rieten, poetisch verklärt.') Seine Gedichte umfassten 7 B. und zeigten 
zwar in Dialekt und Versbau den Einfluss der dorischen Chorlyrik, näherten 
sich aber in Ton und Inhalt mehr der äolisch-ionischen Melik. Denn die 
Liebe zu schönen Knaben und Mädchen bildete das Hauptthema seiner 
Gedichte. Es sind die naidstoi ixsXiyctQvsg vjuvoi, auf die Pindar Isth. II, 3 
anspielt,^) und welche vielleicht, nach Welckers geistreicher Vermutung, 

^) 0. Crusius, Stesichoros und die epo- | 71; (iQ/ccioTSQog^Ißvxov • ovrog yuQ xvQCivvelv 

dische Komposition in der griechischen Lyrik, i dvpä/ueyog ane&rjfirjaev. 

in Comment. JRibheckianae p. .3 — 22, wo mit ! ^) Himer. XXII, 5 ; in Samos war er 

Recht die epodische Komposition auf Alkman j wahrscheinlich vor Anakreon, da ihn Suidas 

zurückgeführt wird ; in Sparta führte zur \ Ol. 54 setzt und zur Zeit, als der Vater des 

Dreigliederung die T(K^/o^(« oder der Gebrauch j Polykrates herrschte, nach Samos kommen 

von 3 verschiedenen Chören, worüber Plut. j lässt. 

Lyc. 21 und Pollux IV, 107. { "') Die Sage zuerst bei dem Epigram- 

^) Übrigens gebrauchte Stesichoros auch i matiker Antipater, Anth. VII, 745, dann 

die phrygische Tonart (fr. 34) und den bei Plutarch de garr, 14 und Suidas; vgl. 

uQ^axEiog vofxog des Olympos (Plut. de Welckek, Kl. Sehr. I, 100 ff. Dieselbe spricht 

mus. 7). eine ewige, der Kindesphantasie aller Völker 

^) Den einheimischen lonismus betont | eingeprägte Wahrheit aus, ist aber speziell 

RoB. HoLSTEN, De Stesichori et Ibijci dia- i durch eine etymologische Spielerei hervor- 

lecto et copia verhorum, Greifswald 1884: j gerufen. Das Grab des Dichters in der 

dazu die Einwände von Hiller, Jahrber. d. Heimat setzt das Epigramm der Anth. VII, 

Alt. XIV, 1, 68 ff. ! 7. 14 voraus. 

*) Ein Artikel des Suidas; Schneidewin, { *") Schol. Arist. Thesm. 1(31 stellt Alkaios, 

Ibyci rell., Gott. 1833 mit umständlichen j Ibykos und Anakreon als Dichter von neu- 

Proleg.; Welcker, Kl. Sehr. I, 220 ff. (foxci nebeneinander. 

^} Davon das Sprichwort bei Diogen. II, | 



138 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



bei den griechischen Schönheitsvvettkämpfen, wie sie in Lesbos üblich waren, 
von Knabenchören gesungen wurden. Es stellen sich dann die Knaben- 
lieder des Ibykos den Parthenien des Alkman zur Seite, in denen ja auch 
durch die Reigentänze der schönen Mädchen wonnige Gedanken der Liebe 
in der Seele des Dichters geweckt wurden. 

11 '2. Simonides (55G— 468),i) Sohn des Leoprepes, war auf der 
ionischen Insel Keos, die auch des Sophisten Prodikos Heimat war, ge- 
boren. Schon auf der Heimatinsel, in dem Städtchen Karthaia war er als 
junger Mann mit der Dichtung und Einübung von Chorgesängen zu Ehren 
Apollos beschäftigt.'^) Aber sein hochfliegender Geist strebte früh über die 
engen Schranken seiner kleinen Heimat hinaus. Es war ohnehin seit dem 
Anfang des 6. Jahrhunderts Sitte geworden, dass die Dichter und Schön- 
geister ein Wanderleben führten: mit den grossen Zielen der Perserkriege 
waren vollends die kleinlichen Stammeseigentümlichkeiten einer grösseren 
Auffassung der Dinge gewichen. Simonides aber war in Leben und Dich- 
tung so recht ein Repräsentant jenes aufgeklärten, universellen Zeitgeistes. 
Von Keos kam er zunächst nach Athen an den Hof des kunstverständigen 
Hipparch. Nach dessen Ermordung (514) ging er nach Krannon und La- 
rissa in Thessalien, wohin ihn die Machthaber jener Städte riefen. Auf 
Skopas dichtete er ein berühmtes, von Piaton im Protagoras zergliedertes 
Loblied; dem Andenken des Antiochos von Larissa weihte er einen ge- 
priesenen Trauergesang ;"') allbekannt ist seine später poetisch ausgeschmückte 
wundervolle Rettung bei dem Einsturz des Saales, durch den Skopas und 
alle übrigen Tischgenossen verschüttet wurden, i) Nach der Schlacht von 
Marathon treffen wir ihn wieder in Athen, wo er in einer Elegie auf die 
gefallenen Vaterlandsverteidiger den Sieg über Aischylos davontrug. In 
Athen gewann er auch im März 476 mit einem Dithyrambus den ersten 
Preis, wie er uns selbst in einer poetischen Didaskalie meldet.^) Bald da- 
nach ging er nach Sikilien, wo er die Aussöhnung des Gelon und Hieron 
vermittelte (476/5) ^) und sich an den Höfen der glanzliebenden Fürsten der 
gesegneten Insel besonderer Gunst erfreute.'^) In Sikilien fand er auch 
seinen Tod (468); vor den Thoren von Syrakus befand sich sein Grabdenk- 
mal, das später ein roher Soldatenhauptmann zerstörte.^) Ob er die ganze! 
Zeit über (476—468) in Sikilien verweilte, ist nicht ausgemacht;^) sicher 
hatte er dort um 472 die hochfahrenden Anfeindungen seines grossen Rivalenj 



') Ein Artikel des Suidas; Charaaileon 
hatte ein Buch über Simonides geschrieben. 
ScHNEiDBWiN, SimonicUs Cei rell., Brunsv. 
1835. Das Geburtsjahr ist vom Dichter selbst 
angedeutet fr. 147 ; das Todesjahr steht Marm. 
Par. 57. Die Lebensdauer gibt Suidas auf 
89 Jahre au. 

'^) Ath. 45G f. Auch Pindar dichtete nach 
Is. 1, 8 eine Ode für Keos. 

2) Auf die Verherrlichung des Antiochos 
und der Skopaden durch unseren Keier weist 
Theokrit 16, 34 hin. 

4) Cic. de or. 11, 86; Phaedrus IV, 25; 
Valer. Maximus I, 8. 7; Aelian fr. 63 u. 78; 
Quint. XI, 2. 11; s. Lehrs, Popul. Aufs.'^ 
S. 393 f. 



•'•) Der Schluss des Epigramms Fr. 147 1 
lautet: afAtpl d)d'«(Tx«Xir} de 2iifxiovi6ri saTiero 
xvdog ^OydioKOfraerei nai&l AeMTTQinsog. 

«) Schol. Pind. Ol. II, 29. 

') Xenophon lässt ihn in dem Dialog 
leQ(joy mit dem Tyrannen ein Gespräch über 
das Los des Herrschers führen. 

^) Callim. fr. 71; Aelian fr. 63. 

■') Dass er noch nach 468 Athen zu Ehren 
ein Epigramm auf die Sieger am Eurymedon 
verfasste, ist man nicht berechtigt anzu- 
nehmen, da das betreffende Epigramm unter- 
geschoben und sicher nach 423 geschrieben 
ist, wie Br. Keil, Herm. 20, 341 ff. nach- 
gewiesen hat. 



I 



B. Lyrik. 6. Chorische Lyriker. (§ 112.) 



139 



Pindar zu bestehen, den gleichfalls Hieron an seinen Hof berufen hatte. 
Im übrigen Hess er sich durch die vielen Aufträge, welche ihm für Sieges- 
lieder, Choraufführungen und Aufschriften zu teil wurden, bald hierhin, 
bald dorthin ziehen. Sein poetisches Talent und seinen feinen Witz stellte 
er eben in den Dienst aller, die ihn verlangten und bezahlen konnten. 
Denn für seine Gedichte sich honorieren zu lassen, betrachtete er als eine 
selbstverständliche Sache, i) Dadurch freilich, sowie durch die Wahl der 
Themata verweltlichte er die Poesie, indem er unter den Dichtern eine 
ähnliche Stellung wie die Sophisten unter den Philosophen einnahm. 2) Zur 
Frau des Hieron sagte er einst mit witziger Unverfrorenheit: Reichtum 
geht vor Weisheit; denn die Weisen kommen zu den Thüren der Reichen.'^) 
In unseren Augen hat so Simonides die Poesie von ihrer erhabenen Höhe 
herabgezogen. Und in der That finden wir auch in seinen zahlreichen 
Fragmenten nicht dasjenige, was wir von einem Lied in erster Linie ver- 
langen, Wärme der Empfindung und schwungvolle Idealität. Aber gleich- 
wohl verdient sein formales Talent, das namentlich in den geistreichen 
Epigrammen seinen rechten Boden fand und ihm zahlreiche Siege, den 56. 
im 80. Lebensjahre eintrug,^) alles Lob; besonders gerühmt wird von den Alten 
seine Kunst in der ergreifenden Schilderung und in Erregung des Mitleides.^) 
Die Dichtungen des Simonides waren sehr mannigfaltig und zahlreich; 
den grösseren Raum nahmen die chorischen Gesänge ein, religiöse und 
weltliche. In diesen behielt er den für diese Gattung typisch gewordenen 
dorischen Dialekt bei, wiewohl er von Geburt ein lonier war und der Geist 
seiner Dichtung mehr die weltmännische Feinheit eines Attikers als die 
Gemütstiefe eines Doriers verriet. Wir haben Fragmente von Hymnen, 
Päanen, Skolien, Epinikien,^') Enkomien, Dithyramben, Threnen.^) Die 
letzteren erfreuten sich im Altertum eines besonderen Rufes: in ihnen ent- 
faltete er in glänzender, der Tragödie vorgreifender Weise die Kunst, das 
Mitleid der Hörer und Leser zu erregen. Der Rhetor Dionysios de comp, 
verb. 26 hat uns ein herrliches Fragment eines solchen Threnos erhalten, 
in welchem Danae, die in einer Kiste mit ihrem Kindlein Perseus in die 
wogende See geworfen war, die Gefahren, welche sie und ihr Kind be- 
drohten, in ergreifender Weise besingt. Vereinzelt in der griechischen 



') Suidas: ovTog ttqmtoc ^oxeT y.txQoXoy'iav 
c tasvsyxsTv sig rö dafiaxal yQccipaL aCfxcc fniax^ov. 

^) Bezeichnend für das sophistische 
Wesen des Dichters ist der Vers fr. 76: ro 
()ox6LP xcd xc<v aldxheiixp ßiäzai. 

3) Arist. Rhet. 11, 16; vgl. Plat. Prot. 
:>46b. Die andere Anekdote von den 2 
Kästchen bei Stob. Flor. 10, 39 (vgl. Callim. 
IV. 77) lässt sich nur griechisch erzählen: 
^i^o)vl^fjg naQCixaXovvxog rivog iyxoifxtov 
noirjaai xal /ccQiy s^siv JkeyovTog, uQyvQior 
d'k fxrj 6iö6vrog, ö'vo, slnev, £/(o xißMxovg, 
Tfjy fxev /aqUiiDV, xrjv ö'e dqyvQiov, xal TiQog 
tag /Qsiag rrju ^ev twv /aQiKoy xsyijy ev- 
QLGX(ü öxav dvoi^oi^ rrjy de XQ7](TifXi]i^ f^6vi]v. 

^) Fr. 145 und 147. 

•'') Quint. X, 1. 64: praecipua eins in 
commovenda miseratione virtus, ut quidam 



in hac eum parte omnibus eins operis auc- 
torihus praefercmt. Dionys. Cens. vet. Script. 
6: lijuwpL^ov naQavfJQei, trju ixloy^v riou 
ovofxcaMv, tfjg awri^taeeog ttjv dxQißeiai/. 
TiQog rovroig xafh'' o ßEXrUou svQiaxsrai xal 
üiudagov ro oixill^eodai, /urj fxsyaXonQEniög, 
lug exsTpog, dlXd TTa&ijnxiog. 

^) Geordnet waren dieselben nach Kam- 
pfesarten. 

') Nach Suidas schrieb er auch eine Tra- 
gödie, worunter Böckh den Memnon, welchen 
Strabon p. 728 einen Dithyrambus nennt, 
verstehen wollte; vgl. Lübbert, Ind. Bonn. 
1885 p. 16. Dagegen nahm G. Hermank, 
Opusc. VII, 214 eine wirkliche Tragödie an. 
Flach hat jenes xal rQayiodiai mit Recht als 
Interpolation eingeklammert: s. Immisch, Rh, 
M. 44, 556. 



140 Griechische Litteraturgeschichte, I. Klassische Periode. 

Lyrik steht sein melisches Gedicht auf die Seeschlacht bei Aitemision. 
Ausserdem glänzte er als Dichter von Elegien, wie auf die Siege von 
Marathon, Salamis, Platää, besonders aber als Epigrammatiker, i) In der 
grossen Zeit des nationalen Aufschwungs wetteiferten Gemeinden und Private 
in der Errichtung von Siegestropäen und in der Ehrung des Andenkens 
tapferer Vaterlandsverteidiger. Auf den Statuen, Grabsteinen, Dreifüssen, 
Tempeln wollte man aber auch in Worten die Erinnerung an die grossen 
Ruhmesthaten festgehalten wissen, und dieses nicht in nackter Prosa, sondern 
in schönen Versen. Zur Dichtung solcher poetischer Aufschriften war aber 
keiner geeigneter als der geistreiche Simonides, der in wenigen Zeilen die 
Hauptpunkte zusammenzufassen und der Erwähnung des Thatbestandes 
irgend eine feine Fassung zu geben verstand. Überall wurde daher seine Kunst 
in Anspruch genommen, und auch bei den Nachkommen so hoch in Ehren 
gehalten, dass die Grammatiker einen besonderen Eifer auf die Sammlung 
dieser Aufschriften (sTriygccinpceTa) verwandten. Auf solche Weise sind uns 
viele seiner Epigramme erhalten, wahre Perlen der alten Poesie, wie das 
auf die Gefallenen von Thermopylä 

Si '§sTv\ a^yelXeiv Aaxsöaipovioig^ ort rrjSs 
xsifxsd^a Totg xsivcdv grji^iacn nsid^öfxsvoi. 

Auch sonst knüpfte sich an den Namen unseres Simonides der Ruhm 
erfinderischen Geistes: er, der bis in sein 90. Lebensjahr sich ein wunder- 
voll frisches Gedächtnis erhielt, galt zugleich als Erfinder der Mnemonik; 
in den Ausgaben seiner Werke verbreitete er die für die Deutlichkeit des 
Gedankenausdrucks wichtige, zuerst von den loniern aufgebrachte Unter- 
scheidung der langen und kurzen Vokale e und o; über die verschiedensten 
Dinge zirkulierten von ihm geistreiche Aussprüche (aTiocf^eyfjiaTa), wie 
z. ß. der von Plutarch de glor. Athen, uns überlieferte ttfi' fxlv ^(f)y()a(fiay 
eivai noir^aiv aiwTiMaav, t]]v dt TTOirjaiv t,(OYQcc(fiav XaXovcav. 

113. Bakchylides mit Simonides durch die Heimat und das Ge- 
schlecht verwandt, verweilte seit 476 längere Zeit mit seinem mütterlichen 
Oheim in Sikilien, wo sie beide die Eifersucht Pindars wachriefen. 2) Später 
hielt er sich, von der Heimat verbannt, im Peloponnes auf.^) Seine Poesie 
bildete nur den Nachhall der grossartigen Genialität des Simonides; es fehlte 
ihm die urwüchsige Kraft origineller Erfindung. Auch im Stil brachte er es 
nicht über saubere Glätte. Wir haben von ihm ein längeres Fragment auf 
den Frieden (fr. 13), das sich aber mit Piccolomini's Friedenshymnus 
weder an Weichheit der Empfindung noch an Reichtum der Schilderung 
messen kann. Dass die frostige Ode des Horaz I, 15, worin der Meer- 
dämon Nereus dem Paris die Zukunft weissagt, eine Nachahmung des 
Bakchylides (fr. 29) ist, erfahren wir aus den Scholien. Immerhin aber 
wurde Bakchylides in den Kanon der 9 Lyriker aufgenommen und fand 
auch in später Zeit noch eifrige Leser, die sich, wie Kaiser Julian, durch 
den tugendhaften Adel seiner Poesie angezogen fühlten.^) 



^) Vgl. Preger, De epigrammatis graecis, 
Monachii 1889 p. 3 sqq. Frühe wurden auf 
den Namen des grossen Epigrammatikers 
auch falsche Epigramme übertragen, | *) Ammian. Marcell. XXV, 4. 

2) Pind. Ol. II, 96: xoQaxsg (og uxqavxa \ 



yuQvETov Jiog TTQog oQvvxtt &£?oi^; vgl. P. II, 
97, N. III, 143, Is. II, 6. 
■') Plut. de exil. 14. 



B. Lyrik. 6. Chorische Lyriker. (§ 113 114.) ~ 7. Pindar (622-448). (§ 115.) 141 

114. Timokreon aus lalysos in Rhodos ist durch seine Beziehungen 
zu Simonides bekannt geworden. Der letztere war mit Themistokles, dem 
grossen Feldherrn und Staatsmann Athens, gutbefreundet; der erstere er- 
ging sich in bitteren Schmähungen über denselben, weil er ihn, der wegen 
des Verdachtes modischer Gesinnung aus seinem Vaterland verjagt worden 
war, nicht wieder in seine Heimat zurückgeführt hatte. Dafür strafte 
ihn Simonides mit dem sarkastischen Epigramm : -) 

IloXXd niMv xal noXXd cfccyoh' xal noXXd xccx siTToh' 

dv&Qomovg xsT^ai TipoxQtcov ^Podiog. 

Die Stärke des Timokreon war das Trinklied, das er ganz entgegen dem 

Charakter der dorischen Lyrik zum Spottgedicht umwandelte; Suidas 

nennt ihn geradezu einen Dichter der alten Komödie. 



7. Pindar (522—448). 

115. Von dem grössten und gefeiertesten Lyriker der Griechen sind 
wir so glücklich noch eine grosse Anzahl von Oden, an 50, zu besitzen, 
so dass wir uns aus seinen Werken selbst ein Bild von seiner Kunst und 
seinem Schaffen bilden können. Auch an direkten Nachrichten über seine 
Abstammung und sein Leben fehlt es uns nicht. Aber wie es bei einem 
grossen Mann und der phantasiereichen Natur der Griechen begreiflich ist, 
ward frühzeitig die nackte Wirklichkeit seines Lebens mit poetischen Sagen 
umrankt. So erzählte man, dass eine Biene dem gottbeschirmten Knaben, 
als er vor Müdigkeit auf dem Helikon eingeschlafen war, Honig auf die Lippen 
geträufelt habe,*) dass dem göttlichen Sänger auf den Triften der Wald- 
flur der gehörnte Pan und die Mutter Demeter erschienen seien, um ihn 
zum Verkünder ihres Preises zu weihen.^) Solche Sagen, vermischt mit 
bestimmten Angaben über seine Abkunft und sein Leben, erzählten bereits 
die ältesten Biographen des Dichters, Chamaileon und Istros.^) Aber deren 
Biographien sind ebenso, wie die seines Landsmannes Plutarch^j verloren 
gegangen; auf uns gekommen sind nur ausser einem Artikel des Suidas 
eine alte, in ihrem Grundstock w^ahrscheinlich auf den Grammatiker Di- 
dymos zurückgehende Vita'^) und eine zweite Biographie aus dem Kom- 
mentar des Eustathios, in welche ein älteres, aus dem 5. Jahrh. n. Chr. 
stammendes Gedicht^) von Pindars Geschlecht eingelegt ist. Aus den dürf- 
tigen Nachrichten der Alten und den Werken des Dichters selbst haben in 
neuerer Zeit mehrere Gelehrte eine zusammenhängende Darstellung vom 
Leben Pindars zu geben versucht, am ausführlichsten Leop. Schmidt, Pindars 



1) Plut. Them. 21. 

'') Anth. VII, 348; Ath. 416 a. Auch 
Simon, fr. 57 ist gegen Timokreon gerichtet. 

•') Eine ähnliche Vorstellung bei Piaton 
Ion. p. 534a, Theokrit 7, 82, Horaz Od. 3, 4. 

^) Etwas ähnliches erzählt Pausanias IX, 
23, 3 von der Persephone. Man denke auch 
an Hesiod Theog. 22 ff. 

^) Leutsch, Die Quellen für die Bio- 
graphien des Pindar, im Philol. XI, 1 ff. 

^) Bezeugt von Eustathios im Leben des 
Dichters und von Photios p. 104 b, 3 Bekk. 



') Gewöhnlich Vita Vratislaviensis ge- 
nannt nach dem Codex, aus dem sie zuerst 
ans Licht gezogen wurde. 

^) Der Kommentar selbst ist bis auf die 
Vita verloren gegangen ; das eingelegte l'evog 
Uivf^ÜQov in 31 Hexametern zeigt den Vers- 
bau des Nonnos und seiner Schule; s. Lud- 
wich, Rh. M. 34, 357 ff. — Eine Vita des 
Thomas Magister aus dem byzantinischen 
Mittelalter enthält gleichfalls einige uns sonst 
nicht überkommene Nachrichten. 



142 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

Leben und Dichtung, Bonn 1862.^) In diesem Buche sucht der feinsinnige 
Verfasser, indem er der zeitlichen Folge der erhaltenen Gedichte nachgeht, 
uns ein Bild der geistigen Entwicklung des Dichters zu entwerfen. Sehr 
farbenreich ist dasselbe nicht ausgefallen; von einem Vergleich mit ähn- 
lichen Darstellungen des Geistesganges der grossen Dichter unserer Nation 
kann ohnehin nicht die Rede sein; dafür war einem antiken Dichter der 
Typus seiner Kunst zu fest von vornherein vorgezeichnet und der Freiheit 
individueller Empfindung ein zu kleiner Spielraum gestattet. 2) 

116. Pindar hatte das siebenthorige Theben zur Vaterstadt, wie er 
selbst in einem Liede (fr. 180: 01; toi ixs '^a'vov ov6' döarj^iova Moiaäv 
inaiSsvaav xlvral Orjßai) bezeugte. Seine eigentliche Heimat aber war 
das Dorf Kynoskephalai bei Theben, in dem sein Geschlecht seit Alters 
begütert war. Aus der Stelle P. V, 76 AlysiSai s^iol naTtQsg schliesst 
man, dass seine Familie zu dem Geschlecht der Aigiden gehörte, von 
dem ein Teil zur Zeit der dorischen Wanderung nach Sparta und später 
nach Thera und Kyrene ausgewandert war. 3) Von dem Musenquell Dirke 
in der Nähe Thebens, den er wiederholt in seinen Liedern feierte,"^) erhielt 
er den Namen eines dirkeischen Schwanes. Sein Vater hiess nach den 
einen Daiphantos (v. 1. Daiphantes), nach den andern Pagondas,^) seine 
Mutter Kleodike. Ein Bruder des Dichters war Erotimos (Erotion bei 
Suidas), der als guter Jäger und Faustkämpfer bekannt war. Der Geburts- 
tag Pindars fiel auf das Fest des Gottes in Delphi,^) woraus wir entnehmen, 
dass er im 3. Jahr einer Olympiade geboren war. Nach Suidas war dieses 
die 65. Ol.; das ist aber nicht wahrscheinlich, wenn anders er schon Ol. 
69, 3 als Dichter des 10. pythischen Siegesgesanges auftrat."^) Deshalb 
lassen ihn die Neueren schon Ol. 64, 3 = 522 geboren sein, also nahezu in 
derselben Zeit, in welcher sein grosser Geistesverwandter, der Tragiker 
Aischylos, das Licht der Welt erblickte. 

Das Wort i)oe^ö^ nascitur gilt nur zum Teil von einem Lyriker der 
Griechen; der chorische Lyriker dichtete zugleich die Melodie und übte 
den tanzenden Chor ein; Musik und Tanz aber wollen gelernt sein. So 
hatte auch Pindar seine Lehrmeister in den verschiedenen Zweigen seiner 

^) Ausserdem behandelten neuerdings j ^oavvag avEXSiXav ttuq' evTsi^saip Kdd^uov 

das Leben unseres Dichters T. Mommsen, j -nvlaiq. 

Pindaros, Kiel 1845; Luebbert, Pindars Le- j ^) Daiphantos hiess der Sohn Pindars, 

ben, 1878 u. 1882; dazu Cheist, Zur Chrono- woraus vielleicht Daiphantos als Grossvater 



logie pindarischer Siegesgesänge. Stzb. d. b. 
Ak. 1889 S. 1-64. 

^) Siehe Fr. Mezger, Disput. Pindaricae, 
Augsb. Progr. 1873. 

^) In Anaphe, einem Annex von Thera, 
findet sich öfters inschriftlich der Name 
Pindaros; siehe Lübbert, in Findari lociim j ivUrjas ^s irju sixoar^]^ ^evr^Quy Ilv^iäö'a 



bloss vermutet ist. 

^) Vit. Vratisl. zitiert die Stelle eines 
Päan: nsvTccsrrjQig eoQxä ßovTJo/Lmog, fV ü 
TTQioTOi' £vyuar9)jp dycmatög xmd anaqyävoii;. 

"') Übrigens daif ich nicht verschweigen, 
dass die Angabe des Scholiasten zu P. XU 



de Aegidis et sacris Carneis, Bonn 1888. 
Dagegen Einwände von Boenemann, Piniol. 
43, 79 ff.; das Jiyeiö'af, sfxol ncafQEg kann 
allerdings auch auf die Thebaner überhaupt 
gedeutet werden. Verkehrter Weise deutet 
Studniczka, Kyrene S. 73 ff. das ifxol na- 
ttoeg auf die Vorfahren der Kyreneer. 

^) Isth. V, 74: nlaiti G(fe JiQxag ayvou 



v&iüo. Tf ßaS^rCojyot xoqui xqvaontnXov Mva- fallenden Sieg. 



Bedenken unterliegt, da einerseits in jener 
Pythiade der gefeierte Knabe auch im Sta- 
dion siegte, dessen Pindar in jener Ode 
nicht gedenkt, und anderseits die nächsten 
Siegesoden Pindars P. VI u. XII erst 8 Jahre 
nach Ol. 69, 3 = 502 v. Chr. fallen. Mög- 
licher Weise also feiert Pindar P. X. einen 
jüngeren, um 4 oder mehrere Jahre später 



B. Lyrik. 7. Pindar (522-448.) (§ 116.) 143 

Kunst. Das Flötenspiel lehrte ihn in früher Jugend sein Oheim Skopelinos; 
tiefer führten ihn in die Kunst der Aufstellung kyklischer Chöre die Athener 
Agathokles und Apollodoros ein. Auch Lasos von Hermione wird als sein 
Lehrer genannt,^) aber wahrscheinlich nur weil die Grammatiker es liebten, 
bedeutende Zeitgenossen zu einander in Beziehung zu setzen. Zur Dicht- 
kunst leitete ihn die ältere Dichterin seiner böotischen Heimat Myrtis an. 
Zu Korinna stund er mehr auf dem gespannten Fuss eines Rivalen; Pau- 
sanias IX, 22. 3 sah im Gymnasium von Tanagra ein Bild der mit der 
Siegesbinde geschmückten Dichterin und deutete dieses auf einen Sieg, den 
dieselbe im Wettkampf über Pindar davongetragen habe. 2) Und als Pindar 
einst einen Hymnus auf Theben mit den Versen begann 
'[(yfxrjvov 7j '/^QvaaXäaaTov MsXiav, 
r] Kdöfiov, r] anaqTÖov isqov ya'vog ccvSqcov, 
Tj Tccv xvavccf^iTtvxa G^ßav, 
r] t6 TtccvToXfjiov adtvog '^HqaxXtog^ 
Tj rdv JiMvv(fov TtoXvycc^a'a tipdr, 
rj ydjiiov XevxwXsvov '^ÄQiioviag i^iuvrjc^ofisv;^) 
soll ihn Korinna witzig mit der Bemerkung zurechtgewiesen haben r/J 
X^iQi^ cnsiQSiv fji7j6' oXco tm d^vXaxiA) 

Schon früh ist Pindar sich seiner hohen Sendung bewusst geworden 
und als Dichter selbst aufgetreten. Wir können das zunächst nur an 
seinen Siegesliedern nachweisen. Das älteste derselben, P. X auf einen 
siegreichen Knaben aus dem Geschlechte der Aleuaden fällt nach der An- 
gabe der Scholien in Ol. 69, 3 oder in das 20. Lebensalter des Dichters.^) 
Schon in frühem Lebensalter ist er auch, wie dieses die 5. nemeische und 
6. isthmische Ode bezeugen, mit der Insel Aigina, zu der ihn die Stammes- 
Verwandtschaft^) und die Gleichheit des aristokratischen Regimentes hin- 
zog, in Verbindung getreten.^) Sein Mannesalter fiel in die grossartige Zeit, 
in der Hellas unter schweren und harten Kämpfen die nationale Läuterungs- 
probe bestand und die Überlegenheit des freien Geistes über barbarische 
Despotie für immer begründete. Auf Pindars Geist wirkten die helden- 
mütigen Kämpfe der Perserkriege nicht so gewaltig wie auf Aischylos und 
Simonides ein. Das hängt mit der Politik seiner Vaterstadt zusammen, die 
mit kurzsichtiger Engherzigkeit in einem Kampf, in dem es sich um die 
Ehre und den Bestand der Nation handelte, neutral bleiben wollte, dafür 



^) Nur von Eustathios, aber weder in 
dem metrischen rivog noch in der Vit. Vrat. 

-) Die Deutung wird dadurch zweifel- 
haft, dass Korinna fr. 21 die Myrtis tadelt, 
weil sie, ein Weib, mit Pindar in einen 



'") An der Richtigkeit der Angabe kann 
man indes zweifeln; s, S. 142 An. 7. 

^) Das ist Ts. VIII, IG dadurch aus- 
gedrückt, dass Theba und Aigina als die 
zeusgeliebten Töchter des Asopos bezeichnet 



Wettkampf sich eingelassen habe. Auch der \ werden. Auch in dem Preis des Waffen- 
Grund, dass die Preisrichter sich durch den ' bündnisses zwischen Telamon aus Agina 
heimischen Dialekt der Lieder der Korinna und Herakles aus Theben (N. IV, 25, Is. VI, 



bestimmen Hessen, schmeckt nach Gramma- 
tikerwitz. Gleich fünfmal lässt Pindar von 
Korinna besiegt werden Aelian V. H. XIII, 
25 und Suidas w.. KoQivva. 

^) Dieselbe Überschwenglichkeit findet 
sich Isth. VIT in. 

^) Plut. de glor. Athen, c. 4 p. 347 f. 



31) gibt sich das gleiche Bestreben kund. 
"') Tax den ältesten Epinikien Pindars 
gehören ausserdem P. VI auf Xenokrates 
aus Agrigent, P. XII auf Midas aus Agrigent, 
N. II auf Timodemos aus Athen, 0. X auf 
Agesidamos aus Lokris. 



144 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



aber auch nach der Schlacht von Platää schwer die Sünden treulosen 
Vaterlandsverrats büssen mussteJ) Polybios (IV. 31), der unparteiische 
Historiker, der sonst so schlecht auf die Anmassungen athenischer Hege- 
monie zu sprechen ist, macht es doch dem Pindar zum bitteren Vorwurf, 
dass er jener Politik der Neutralität und Ruhe das Wort geredet habe 
mit den Versen: 

tÖ xoivov Tig dc^Tvov iv svSia nd^sig 
sQsvvaadTü) ixsyccXccvoQog '^Hav^iag to (faiÖQov (pdog. 
In der Stunde der Gefahr vermochte eben Pindar ebensowenig wie seine 
Landsleute die kleinlichen Rücksichten des Partikularismus zu überwinden. 
Später nach dem glänzenden Doppelsieg der Athener am Eurymedon er- 
kannte auch er, ausgesöhnt mit der Vergangenheit, die glänzenden Ver- 
dienste Athens um die Freiheit von Hellas voll an, 2) so dass er in einem 
Dithyrambus der Stadt den niewelkenden Ruhmeskranz flocht: 
0) Tai kiTiagal xai loarscfavoi xal doiöifxoi^ 
'^EXXäöog €Q€i(^fxa, xXsival 'Ad^ävai. 
Die Athener ehrten ihn dafür mit der Proxenie und einer Ehrengabe von 
10000 Drachmen,^) welche Spätere als eine Entschädigung für eine an- 
geblich von Theben über ihn verhängte Strafe ansahen.*) 

in. Inzwischen war auch der Ruhm des Dichters weit über die 
Grenzen der Heimat und der benachbarten Gebiete gedrungen, so dass er 
in gleicher Weise wie Simonides das Ansehen eines hellenischen National- 
dichters erlangte. Viel trugen dazu die Verbindungen bei, welche ihm die 
grossen Nationalspiele der Hellenen verschafften. Durch sie trat er in Be- 
ziehung zu den vornehmen Geschlechtern von Rhodos, Tenedos, Korinth, 
zu Arkesilas von Kyrene,') zu König Alexander von Makedonien,^) und 
vor allem zu den fürstlichen Höfen des Theron von Akragas und Hieron 
von Syrakus. Pindar liebte infolgedessen regelmässig den Spielen in 
Olympia, Delphi und anderen Orten beizuwohnen, und ging öfters auch mit 
den heimkehrenden Siegern, wie mit Diagoras aus Rhodos, in ihre Heimat, 
um selbst die Aufführung des Festzuges zu leiten.^) Sikilien und die Könige 
Theron und Hieron besuchte er 472,^) um dieselbe Zeit wie Aischylos, 



') Find. Is. VIII, 11. 

^) Ausser in dem gleich zu erwähnenden 
Dithyrambus, worüber Plut. de glor. Ath. 7 
handelt, besonders noch in P. I, 75 u. N. 
IV, 19; über die Abfassungszeit des Dithy- 
rambus s. Christ, Zur Chronol. Pindars 47 ff. 
Auch in P. VIII, in welcher Ode der Dichter 
die Agineten zur Ruhe nach der Einnahme 
Aegina's durch Athen ermahnt, zeigt sich 
die gleiche athenfreundliche Gesinnung. 

^) Isoer. de antid. 166: IJli'&aQoy jU€y 
Toy 7ioit]T7]y Ol TiQo Ti)fxiüv ysyovoxeg vnsQ 
iyog fxovov ^^fxcaog, oii rrjp nöXiv sgeiG^ci 
irjg 'EXXäöog (opofxaasy, ovTcog etifA7]oav, 
waxs xcd TiQo^Evop noitjaaa&ai y.al dcoQeccy 
fXVQiag ciVTO) dovyrti ÖQa/juäg. 

^) Vit. Vrat., Vit. Eust., Aeschines ep. 4. 
Nach Paus. I, 8. 4 haben ihn die Athener 
auch mit einem ehernen Standbild geehrt; 
vergl. BöCKH zu fr. 46. 



^) Des Arkesilas Sieg im J. 466 feiert 
P. IV u. V. 

^) Fr. 97 stammt aus einem Enkomion 
auf Alexander. 

'') Dass Pindar selbst mit Diagoras nach 
Rhodos ging, lässt das Wort xccrsßay 0. 
VII, 13 vermuten; dagegen scheint freilich 
V. 8 nsfXTUüv yXvxvp xagnov cpQEvög zu 
sprechen, doch scheint das nur. Auch 
nach Kyrene war er zur zweiten Siegesfeier 
des Arkesilas gekommen, wenn anders die 
Lesart V. 80 aeßi^ofxsp Kvqdvccg dyaxTifxei'ui' 
nokiy sicher steht. 

^) Die 1. olymp. Ode auf den Sieg des 
Hieron mit einem Rennpferd {xElrjn), er- 
rungen Ol. 77 (nach Bergk, Ol. 76), trug 
er selbst in Syrakus vor, wie man aus V. 17 
u. 106 sieht. Wahrscheinlich leitete er auch 
die Aufführung von F. I auf den Sieg von 
474 in dem sikilischen Ätna. 



B. Lyrik. 7. Pindar (5^3 448). (§ 117.) 145 

mit dem er in der Beschreibung des Ausbruchs des Ätna wetteiferte.^) 
Während aber andere, wie Simonides und Bakchylides, auf längere Zeit ihren 
Sitz an den Fürstenhöfen aufschlugen, kehrte Pindar bald wieder nach 
Hellas und Theben zurück; er wollte eben, wie er zu sagen liebte, lieber 
sich als andern leben. 2) 

In andere Beziehungen brachte Pindar seine Stellung als Dichter 
religiöser Festgesänge. In jener Zeit des allgemeinen Aufschwungs wurden 
auch die Feste der Götter allwärts mit erhöhtem Glänze gefeiert, und 
Pindar war der verehrte Dichter, den die Priesterschaften von nah und 
fern um eine poetische Spende für die Gottheit angingen. So dichtete er 
nicht bloss für Chöre der Götterfeste Thebens und der nächsten Umgegend 
heilige Lieder, sondern sandte selbst den Priestern des Zeus Ammon einen 
Hymnus, den auch noch die späteren Generationen so in Ehren hielten, 
dass ihn Ptolemäus Lagi auf eine dreieckige Säule neben dem Altar des 
Gottes eingraben liess.^) Besonders nahe aber stand er den Priestern in 
Delphi, deren Weisheit er in den Kernsprüchen seiner Gedichte verkündigte 
und von Seiten deren er sich mannigfacher Aufmerksamkeiten erfreute. 
Noch in später Zeit war es Brauch, dass bei den Theoxenien in Delphi 
der Herold in dankbarer Erinnerung an die ehemalige Beteiligung des 
Dichters an dem Feste ausrief: IlivdaQog inl t6 SsTtcvov toi ^8(7} ^) 

Den Tod fand Pindar in hohem Alter, wahrscheinlich im Jahre 448.^) 
Sein letztes datierbares Gedicht ist P. VIII, gedichtet Ol. 82, 3 ==■ 450,^) 
aus dem wohl eine schwermütige Stimmung herausklingt, ^) das aber nichts 
von geistigem Siechtum verrät. Er verschied fern von der Heimat in 
Argos, wie die Sage erzählt im Theater, in dem Schosse seines Lieblings 
Theoxenos. In Theben, wohin seine Töchter Protomache und Eumetis die 
Aschenurne brachten, stand noch zur Zeit des Pausanias (IX, 23. 2) sein 
Grabdenkmal. Der Perieget (IX, 25. 3) sah auch noch jenseits der Quelle 
Dirke die Trümmer seines Hauses und daneben ein Heiligtum der Götter- 
mutter Dindymene, in das der fromme Dichter ein Götterbild gestiftet 
hatte. ^) Von dem Hause erzählte man sich bekanntlich, dass es Alexander 
allein von der Stadt Theben verschont habe, indem er darauf schreiben 



^) Zur Zeit des Ausbruchs (479 oder 475) 
des Ätna war er noch nicht in Sikilien, wie 



mit goldenen Buchstaben in dem Tempel 
der lindischen Athene aufgeschrieben. 



die Worte P. I, 27 (gedichtet 474/3 nach ^) Vergl. den Heroldsruf ^etk Aeaßiou 



Böckh, 470 nach Bergk) ft^av^a de x«t Tiag' 
Wovioiv {ncKQiovzMP vel TiaqeövxMP codd., em. 
Cobet) bezeugen. Der Ausbruch ist besungen 
von Pindar P. I, 21 ff. u. Aischylos im Prom. 
379 ff. Die Palme trägt dabei entschieden 
Pindar davon, wiewohl in 1 Punkte, in dem 
Bilde von den Feuerströmen {noTaf^iol nvQog) 
Aischylos glücklicher als Pindar war. Ge- 
naueres darüber habe ich ermittelt in dem 
Aufsatz, Der Ätna in der griechischen Poesie, 
Stzb. d. b. Ak. 1888 S. 359 ff.; vgl. § 59. 

'-) Eust. vit. Pind. : HipdaQog eQwrtj&eig, 
dt« TL 2!ifA,(oyidr]g fusy TiQog roi'g Tvqüppovg 
u7i€&7J/nt]G€P sig lixE^iaVy ccvrog de ovx exUXei, 
E(pt], dioTL ßovXo^ca sjuavTa ^rjv, ovx iIXIok 

^) Paus. IX, IG. 1. Ähnlich ward nach 
den Schollen die 7. ol. Ode auf Diagoras 



lodöp zu Ehren des Terpander § 80. 

^) Nach dem Fepog starb er 80 Jahre 
alt, was wahrscheinlich eine abgerundete 
Zahl ist; Suidas gibt ihm 75 {vi, verderbt 
aus ni) Jahre, was, wenn man von dem 
Geburtsjahr des Dichters ausgeht, auf 448/7, 
wenn man den Ansatz, dass Pindar zur Zeit 
des Xerxes 40 Jahre alt gewesen sei, zu 
gründe legt, auf 445 führt. 

^) So nach der Überlieferung, die ich 
gegen die Zweifel neuerer Gelehrten gestützt 
habe Stzb. d. b. Ak. 1889 S. 1 ff. 

^) P. VIII, 95: ETidfxsQoi • TL de Tig, t'l 
(f' ov Tig; axwg opctq ävyhQionog. 

8) Schol. zu P. III, 137 erzählt, dass 
Pindar ein ayalfia firjTQog t^etop xccl IJupog 
neben seinem Hause gegründet hatte. 



Handbuch dor klass. Altcrtiimswissonschaft. VII. 2. Aufl. 10 



146 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

Hess: UirSaQov xov f^iovaoTioiov rrjv aTtyrjv jüt] xaiersA) Er hinterliess neben 
den zwei genannnten Töchtern einen Sohn Daiphantos, den er selbst noch 
als Reigenführer eines apollinischen Mädchenchors in die musische Kunst 
eingeführt hatte. 

118. Die Werke Pindars lagen den Grammatikern und Biographen 
in einer Gesamtausgabe von 17 Büchern vor. Die Ausgabe war wahrscheinlich 
von Aristophanes von Byzanz angefertigt worden, auf den wenigstens 
Dionysios de comp. p. 185 die herkömmliche Verseinteilung zurückführt. 2) 
Nach der Vita waren in derselben enthalten: vßvoo, TTaiävsQ, 6id^vQCif.ißoi 
in 2 B., TTQoaödia in 2 B., naQS^tvia in 3 B., vnoQxrjiiaTa in 2 B., syxM^iia^ 
xhQYiVoi, sninxoi in 4 B. Das 3. Buch der Parthenien hatte den speziellen 
Titel T« xsxMQiafitva twv TiaQ^sviurv, woraus man zu schliessen berechtigt 
ist, dass die Parthenien ursprünglich den Schluss der Sammlung bildeten 
und dass in das letzte Buch allerlei Gedichte, welche unter den andern 
Titeln nicht wohl untergebracht werden konnten, zusammengefasst waren. 3) 
Suidas fügt zu den erwähnten Gedichtalten noch hinzu: ^) h'S^Qoviainof, 
ßaxyjxä, 6a(fvr^(fOQixd, axoXid, Sgccp^uTa TQayixd^^) smyQcciinaicc^ naQaivsasiQ, 
Aber diese Titel stammen wahrscheinlich nicht aus einer anderen älteren 
Ausgabe, wie Böckh und Bergk vermutet hatten — dagegen spricht schon 
die gleiche Zahl von 17 Büchern bei beiden Gewährsmännern — sondern 
aus der Aufzeichnung {dvciyQaqjij) der Werke Pindars von Seite eines Lit- 
terarhistorikers des 4. oder 5. Jahrh. n. Chr., der neben die alten Namen 
der einzelnen Dichtungsarten auch die neuen, in seiner Zeit gebräuchlichen, 
wie SQaßara Tgayixd neben di^VQccfißoi, €v^Qoviai.ioi neben ngoaddia setzte, 
und in seiner Vorlage bereits Unechtes (wie iniyQccpi^aTa und prosaische 
naQairiasiq oder smifÜ^tynaTo) dem Echten beigemischt fand.'^) Jedenfalls 
hat sich Pindars Muse ausschliesslich in der Gattung der chorischen Lyrik 
bewegt, innerhalb derselben aber die verschiedensten Arten kultiviert: 
Pindar weihte seinen Sang dem Preise der Götter (Hymnen, Päane, Dithy- 



^) Von Alexander erzählen dieses Pli- j metrische Angabe hinzu: y.axu ryv ffii/o- 
nius H N. VII, 29 und Arrian, Anab. I, 9 und [ juetqUcp ojgsI TeTQccxiffxlhu • vgl. Bergk 
daraus Suidas, von Pausanias, dem König | FLG.'^ 367 An. 4 



der Lakedämonier, die Vita Viat. u. Eust., 
von beiden die Vita des Thomas Magister. 
Näheres bei Sittl, Gr. Litt. III, 100 An. 9. 

^) Thomas Mag. in der Vit. Find.: 
7TQOT6Tc<xrc(i vTio ^Aqigt ocfävovg rov avvrd- 
^uvTog XU lIii'ö'aQiy.d, welcher Angabe doch 
irgend eine Überlieferung aus dem Altertum 
zu gründe liegen muss. Timaios scheint 
unsere Ausgabe noch nicht gekannt zu haben, 
da er sonst schwerlich ein nemeisches Sieges- 
lied mit einem olymischen verwechselt hätte, 
wie dieses von den Schollen zu Nem. I in. 
bezeugt ist. 

^) So stehen auch in unseren Hand- 
schriften am Schlüsse der Nemeonikai Oden 
auf ganz verschiedenartige Sieger, wozu der 
Scholiast p. 491 B. gleichfalls bemerkt: cT/o 
xe/coQtafÄs'ycc cfiQoyria. 



^) Die ö'QafxaToc TQayixd, welche so viel 
Staub aufgewirbelt haben, sind wahrscheinlich 
nur ein anderer Name für diS^vQcifxßoi, wie 
besonders Himerios or. XI, 4 TJy Jiovvai« 
X(d To ^ECKTQoy sl^s jM£T« Trjg XvQCig IIiydaQog 
nahe legt. Nichts zu geben ist auf die sub- 
tile Unterscheidung Lübbert's, De Pindari 
carminihus dramaticis tragicisque, Bonn 1885. 
Über die Dichtungsarten {sX^t]) mit besonderer 
Berücksichtigung der Tonarten hatte der 
Grammatiker Apollonios gehandelt, der davon 
den Beinamen sidoyQcapog hatte; s. Et. M. 
295, 51 u, Schol. zu F. II in. Ausser den 
in den aufgeführten Titeln vorkommenden 
Arten werden noch erwähnt nagoLvia (d. i, 
axoXid) von Didymos zu N. I in., und ^vaia- 
rrjQia von Timaios zu P. II in. 

^) Ich folge dabei Hiller, Die Verzeich- 



■^) Eustathios folgt in der Aufzählung nisse der pindarischen Gedichte, Herrn. 21, 
der Vit. Vrat.. fügt aber noch die sticho- .'i57 ff,; dazu Immisch, Rh. M. 44, 553 ff. 



B. Lyrik. 7. Pindar (522-448). (§ 118-119.) 



147 



ramben, Prosodien, Parthenieii) wie dem Lobe der Heroen und Menschen 
(Epinikien, Enkomien, Threnen); er bestimmte seine Lieder zum weihevollen 
Vortrag beim Einzug in die Tempelhallen (Prosodien, Enthronismen) wie 
zum jubelnden Chorgesang bei gottbegeistertem Tanze (Hyporchemen) ; er 
gab der Freude Ausdruck bei dem Siegeseinzug (Epinikien) und dem Fest- 
mahl (Skolien) wie der wehmütigen Trauer bei der Totenfeier (Threnoi).^) 
Erhalten sind uns von seinen Werken, mit Ausnahme der Siegeslieder, 
leider nur Bruchstücke, darunter aber doch einige grössere, so namentlich 
von einem schwärmerischen, für Athen gedichteten Dithyrambus, von einem 
Tanzlied {vrroQxrjfÄa) auf die Sonnenfinsternis des J. 463, von zwei lieb- 
reizenden Trinkliedern (axöha) auf die Hierodulen von Korinth und den 
schönen Theoxenos, endlich von einigen tiefernsten Klageliedern (^Qijvoi), 
in denen die pythagorische und orphische Lehre von der Unsterblichkeit 
und Seelenwanderung in erhabenster Sprache vorgetragen ist. Die Bruch- 
stücke verdienen um so mehr Beachtung, als sie zum grössten Teil weit 
mehr als die durch äussere Umstände veranlassten Siegesgesänge aus wahrer 
Begeisterung und warmer Empfindung heraus gedichtet sind. 

119. Vollständig auf uns gekommen sind nur die 4 Bücher Sieges- 
lieder, und selbst von diesen ist das letzte am Schluss verstümmelt. 2) Ge- 
ordnet sind die 4 Bücher nach dem Rang, den die verschiedenen National- 
spiele bei den Hellenen einnahmen : voran stehen die Epinikien auf Siege 
in den olympischen Spielen, es folgen die pythischen, nemeischen, isthmi- 
schen. ^) Auch innerhalb der einzelnen Bücher war bei der Anordnung 
ähnlich wie bei Simonides das Ansehen der Wettkämpfe massgebend; es 
folgen sich also die Lieder auf Sieger mit dem Viergespann {aQixaTi)^ dem 
Gespann von Maultieren {aTrrjvT]), dem Renner [xsXtjti), im Pankration, im 
Lauf, im Flötenspiel. Doch ist diese Ordnung nicht genau eingehalten, und 
steht z. B. die Ode auf den Sieg des Hieron mit dem Renner Pherenikos 
der ganzen Sammlung voran, weil in derselben der Ursprung der olym- 
pischen Spiele besungen ist. Weniger zu entschuldigen sind 'andere Ver- 
stösse, wie dass unter den Pythioniken an 2. Stelle ein Lied steht, das 
sich gar nicht auf einen Sieg an den Pythien bezieht,'^) und dass den Schluss 
der Nemeonikai ein Lied bildet, welches nicht zu Ehren eines Sieges, son- 
dern zur Installation eines Ratsherrn in Tenedos gedichtet war. Diese 
tumultuarische Redaktion zeigt zur Genüge, dass dieselbe nicht auf den 
Dichter selbst, sondern auf einen späteren, sei es attischen, sei es alexan- 
drinischen Herausgeber zurückzuführen ist. 



') Horaz Od, IV, 2 in der berühmten 
Ode auf Pindar greift nur die bekanntesten 
Arten, Dithyramben, Enkomien, Epinikien, 
Threnen heraus. 

^) Auf Grund sehr unzuverlässiger junger 
Zeugnisse nimmt Bergk PLG.^ p. 21 f. an, dass 
auch in dem Anfang der Isthmien 1 Ode 
und ebenso 1 unter denNemeen ausgefallen sei. 

•'') Da den nemeischen Oden am Schlüsse 
mehrere fremdartige Oden auf nichtnemeische 
Siege angehängt sind, so vermutete 0. Mül- 
ler, Gr. Litt. I, 398, dass ehedem in der 



attischen Ausgabe die Nemeen zuletzt stun- 
den. Auch Piaton. Lysis p. 205c setzt Ne/Lie'o. 
nach 'la^fxoT. Vgl. Bergk, PLG.' 20. Die 
Familie des Psaumis in Sikilien hatte den 
Ordnern neben dem echten Siegeslied, Ol. IV, 
auch eines von einem Lokaldichter, Ol. V, 
übergeben. 

'^) Dieser Fehler scheint auf Apollonios 
den Eidographen zurückzugehen, da dieser 
nach den Scholien die Ode zu den pythischen 
stellte, während sie Kallimachos den ne- 
meischen zugesellte. 

10* 



148 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische t*eriode. 



Bestimmt waren die Epinikien zum Vortrag von Chören, welche aus 
Altersgenossen und Freunden des Siegers zusammengesetzt i) und durch 
den Dichter selbst oder einen eigenen Chormeister eingeübt waren. 2) Dabei 
ist aber auffallend, dass die Gedanken ganz aus der Person des Dichters 
gesprochen sind und zwar zuweilen so, dass sie persönliche Beziehungen 
berühren, die sich im Munde anderer schlecht ausnehmen, wie wenn der 
Dichter Is. VII, 41 des eigenen Alters gedenkt, mit dem doch das der 
Choreuten nicht übereinzustimmen brauchte, oder Ol. I, 17 sein ganz per- 
sönliches Verhältnis zum König Hieron berührt.^) Daraus sieht man, dass 
der Chor in der Lyrik früher als in dem Drama seine ursprüngliche Be- 
deutung verloren hatte und schon zur Zeit Pindars ähnlich wie bei uns 
zur Rolle eines den Dichter vertretenden Sängers herabgesunken war.'^) 
Damit stimmt es auch, dass Strophe und Antistrophe sich bei Pindar 
durch den Sinn weit weniger von einander abheben als bei den attischen 
Dramatikern, dass also auch hier die Teilung des Chors in Halbchöre ihre 
tiefere Bedeutung eingebüsst hatte. Das Siegeslied wurde natürlich bestellt, 
von dem Sieger oder dessen Freunden. Der Dichter erhielt dafür ein Honorar 
und erlaubte sich ohne Ziererei bezüglich der Höhe desselben an die Frei- 
gebigkeit des Bestellers zu appellieren. 5) Man scheint darin nichts gefunden 
zu haben, was gegen die Dichterwürde Verstösse: Pindar vergleicht sein 
Preislied der Ehrenstatue (N. V, 1; IV, 81) und findet es daher selbstverständ- 
lich, dass er auch in der Entlohnung seiner Kunst hinter dem Bildhauer nicht 
zurückstehe.*^) Wir, die wir, Gott sei Dank, noch durch unsers Dichters Woi'te 
„das Lied, das aus der Kehle dringt, ist Lohn, der reichlich lohnet" verwöhnt 
sind, nehmen an jenen Äusserungen der Gewinnsucht mit Recht Anstoss. 

Gelegenheit zum Festgesang bot zunächst der Jubel, mit dem auf dem 
Festplatz selbst die Freunde den Sieg ihres Genossen aufnahmen. Aber 
so rasch war das Lied nicht zur Hand; daher beschränkte man sich bei 
der ersten Begrüssung in der Regel auf den alten archilochischen Zuruf 
T/ji'sXXa xaXXivixs,'^) unter dem man den Sieger im festlichen Zuge (xw/ioc) 
zum Altar des Gottes geleitete.^) Das eigentliche, speziell für den be- 
treffenden Sieg gedichtete Preislied ward erst bei dem feierlichen Einzug 



^) In Nem. III, 4 werden sie mit rsx- 
roysg xcofucoy vEui'Ua. Nem. 11, 24 mit Tjokirca 
angeredet 

''^) Als Chormeister ist Ol. VI, 88 ein 
gewisser Aineias genannt. 

") Vgl. Nem. I, 19 u. VI, 64; auch die 
vertrauten Anreden und besonders die mah- 
nenden Zurechtweisungen gegenüber Königen 
mussten im Munde von Choreuten sich schlecht 
ausnehmen. Von Pindars Poesien überhaupt 
gilt daher, was Piaton, Rep. III p. 394 c 
speziell vom Dithyrambus aussagt: »; de 
(sc. 7iob]aig) di' dnayye/iiag ccvrov lov noirjtov, 
EVQOig d"' (ci'nrjy judhord nov eV öi&VQd^ußoig. 

^) Aus dem Schluss von N. II ddvfÄeAel 
cf' i^dg/eiE cpoivu könnte man vermuten, dass 
das vorausgegangene Lied nur die Einleitung 
{nQooif^Lov) bildete, dem das eigentliche, vom 
Chor gesungene Festlied erst nachfolgte. 



Aber gegen diese Annahme sprechen die 
zahlreichen Stellen anderer Epinikien, die 
nur vom Hauptlied gelten können. Eher ist 
mir glaublich, dass einzelne, besonders per- 
sönlich gehaltene Strophen, wie P, I, 81—100 
und Is. II, 43 — 48, nur dem Sieger vom 
Dichter überreicht, nicht auch vom Chor ge- 
sungen wurden. 

5) P. I, 90; Is. II, 6 ff. 

^) Von einem Honorar von 3000 Drach- 
men erzählt der Scholiast zu N. V, 1. 

') Vgl. Ol. IX, 1 und oben S. 117 An. 11. 

^) Eine Ausnahme macht Ol. VIII, wel- 
ches Lied für jenen Aufzug in Olympia be- 
stimmet war, da damals die kriegerischen Zu- 
stände von Agina einen festlichen Einzug in 
der Heimat nicht gestatteten. Vielleicht gilt 
das Gleiche auch für P. VI; für Ol. IV ha 
es mit Unrecht Böckh angenommen. 



I 



B. Lyrik. 7. Pindar (522-448). (§ 120.) 



149 



in die Heimatstadt gesungen. Denn der Sieg eines Mitbürgers, namentlich 
bei den grossen, sogenannten heiligen Spielen ^) galt als eine Ehre für die 
ganze Stadt, an deren Feier sich daher auch die ganze Bürgerschaft be- 
teiligte 2) und bei der es auch der Sieger nicht an gastlicher Bewirtung und 
freigebigen Spenden fehlen liess.^) Man holte teils den Sieger im festlichen 
Zuge ab und geleitete ihn wie im Triumphe^) zur heiligen Stätte, wo er 
den Siegeskranz am Altare der Gottheit niederlegte, teils zog man am 
Abend zum Hause des Siegers und brachte ihm ein musikalisches Ständ- 
chen,^) teils endlich feierte man denselben beim Festmahle im königlichen 
Palaste. Bei einer dieser Gelegenheiten also ward das Siegeslied gesungen, 
und zwar von einem Chor unter Begleitung musikalischer Instrumente, bald 
der Lyra oder Flöte allein, bald der Lyra und Flöte zusammen. <^) Natür- 
lich fehlte in den meisten Fällen auch nicht der dritte im Bund, der Tanz 
oder Schritt. Den letzteren nennt Pindar P. I, 2 den Anfang der Festfeier {ßaaig 
ayXdiag aQ^cc), weil der Chor in der Regel zuerst schweigend in gemessenem 
Schritt in die Halle einzog und erst angesichts des gefeierten Siegers zu 
den Klängen der Phorminx den Gesang anhob. Der Tanz und Schritt fiel 
selbstverständlich weg, wenn kein Aufzug stattfand und der Chor nur ein 
einfaches Ständchen darbrachte.') 

120. Für jedes Lied dichtete Pindar, offenbar nach stehendem Brauch 
eine neue Melodie und somit auch neue metrische Formen. Davon gibt 
es nur eine Ausnahme, indem die 3. und 4. isthmische Ode das gleiche 
Versmass gemein haben; aber das hat seinen Grund in den besonderen Ver- 
hältnissen jener beiden Gedichte, indem Pindar das zweite, wenn es über- 
haupt von ihm herrührt, als Ergänzung nachträglich hinzufügte, nachdem 
der Gefeierte inzwischen zu dem isthmischen Sieg auch noch einen nemei- 
schen errungen hatte. Im übrigen sind die Unterschiede in Versmass und 



^) Heilige Spiele waren: 1) in Olympia 
zu Ehren des Zeus, seit Ol. 1 alle 4 Jahre 
im August (11—16 Metageitnion) im 1. Olym- 
piadenjahr, 2) in Delphi zu Ehren des Apoll 
im August alle 4 Jahre seit Ol. 48, 3 (nach 
Bergk seit Ol. 49, 3) im 3. Olympiadenjahr, 
3) in Nemea zu Ehren des nemeischen Zeus 
seit Ol. 51, 2 alle 2 Jahre im Juli des 2. 
und 4. Olympiadenjahres (s. Ungek, Phil. 34, 
50 ff. und 37, 524 ff.; dagegen Droysen, 
Herm. 14, 1 ff.), 4) auf dem Isthmus zu Ehren 
des Poseidon alle 2 Jahre im April des 2. 
und 4. Olympiadenjahres (s. Unger, Phil. 
37, 1 ff. und Christ, Stzb. d. b. Ak. 1889, 
S. 24 ff.). Ausserdem gab es eine Masse 
von Lokalspielen, an denen sich aber auch 
Nichteingeborene beteiligen durften, wie die 
Panathenäen (N. X, 35) und Olympien (N. 
II, 23) in Athen, die Herakleia und loleia 
in Theben (Ol. IX, 98; P. IX, 89; Is. L 55), 
die Aiakeia in Agina etc. 

^) Dies bezeugt schon Xenophanes, der 
in der Elegie bei Ath. 413 ., gegen diese 
Auszeichnung der körperlichen Überlegenheit 
eifert. 

•') Der gastlichen Bewirtung der Sänger 
mit Speise und Trank ist gedacht in den 



Siegesliedern zu Ehren des syrakusanischen 
Feldherrn Chromios N. I, 22 u. IX, 51. 

^) Nicht bloss klingt das lateinische 
trium2)hus = ^Qiafißog an den dreifachen 
Kallinikos in Olympia an, sondern gleicht 
auch die Weise, wie z. B. Chromios aus 
Syrakus zu Wagen seinen Einzug hält (N. 
IX, 4), ganz einem römischen Triumphzug. 

^) Is. VIII, 3: Te?ieG('(QXOv nccQcc ttqu- 
d^vQou iwv dvsysiQtTM y.tüfXOU. 

6) Lyra allein P. I, 1, Flöte allein Ol. 
V, 19, Lyra und Flöte Ol. III, 8; XI, 93; 
N. III, 12 u. 79; IX, 8; vergl. Böckh, Pin- 
dar I, 2. 258. 

"') Das Stehen ist ausdrücklich hervor- 
gehoben P. IV, 1 : adfxsQor ^ev XQV ^^ 7r«()' 
dv^Qt 9p/Atü atäfxevy das Gehen Ol. XIV, 17: 
x(ofÄoy in^ evfisysc Tv/a ßißcoyra. Merk- 
zeichen, um ein Stehlied von einem Marsch- 
lied zu unterscheiden, hat man bis jetzt noch 
nicht aufgefunden. Müller, Gr. Litt. I, 400 
wollte in dieser Beziehung einen Wert darauf 
legen, ob eine Ode bloss aus Strophen, oder 
aus Strophen, Antistrophen und Epoden be- 
stehe; aber damit lässt sich nicht durch- 
dringen ; versjleiche darüber Christ, Stzb. d. 
b. Ak. 1889 S. 56 ff. 



150 



GriechiBche Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Ton zwischen den einzelnen Epinikien sehr gross. Das hängt zumeist mit 
der Verschiedenheit der Tonart zusammen, in welcher die Melodien der 
einzelnen Oden gesetzt waren. Leider können wir über diese musikalische 
Seite der pindarischen Muse, die zu ihrer Beliebtheit am meisten beitrug, 
nicht mehr klar urteilen, da uns mit den blossen Andeutungen des dorischen 
Fusses (Ol. III, 5), der äolischen Saiten (Ol. I, 102, P. IL 69), der lydischen 
Weise (Ol. V, 19, XIV, 17, N. IV, 45, \^III, 15) nicht viel geholfen ist, 
und die Avenigen Melodienreste zu P. I, welche im 17. Jahrh. der Jesuit 
Kircher aus einem angeblichen Codex der St. Salvatorbibliothek Messina's 
publiziert hat, unecht sind. 2) 

Was die Anlage der Siegeslieder anbelangt,") so hat in unserer Zeit 
Westphal, Proleg. zu Aeschylos S. 69 die These aufgestellt, dass Pindar 
genau der Gliederung des terpandrischen Nomos gefolgt sei, und hat mit 
diesem Gedanken bei vielen Erklärern Anklang gefunden.^) Die Teile des 
terpandrischen Nomos aber waren «(>x^? fxeraQx^, xaTaTQond, fXfTaxaia- 
TQOTTa, 6f-i(fccX6g, acpQayigj erciloyog. Diese lassen sich bei Pindar in der be- 
zeichneten Reihenfolge sicher nicht wiederfinden, man muss zum mindesten 
jueTaxaTaTQOTTÜ nach 6fX(paX6g umstellen. Aber auch für die Scheidung des 
enikoyog von der (Tcfgayig findet sich kaum ein sicheres Beispiel, und nur 
in wenigen Fällen, wie Ol. XIII, P. VIII, N. IV; ist der Eingang in 2 Teile 
(«^X« oder ttqoxmiiiov und ixsTaQ^cc) deutlich gegliedert. Endlich, und das 
ist von ausschlaggebender Bedeutung, fallen die versuchten Siebenteilungen 
nicht, wie man doch erwarten sollte, mit dem Schluss der Strophen zu- 
sammen.^) Demnach kann von einer strikten Befolgung der Ordnung des 
terpandrischen Nomos durch Pindar nicht die Rede sein; man kann höch- 
stens sagen, dass sich derselbe von der Gliederung der älteren Nomenpoesie 
beeinflussen Hess und dass er es liebte einer bestimmten, ihm schon von 
seinen Vorgängern vorgezeichneten Satzung zu folgen. ^0 Diese aber bestand 
wesentlich darin, dass den Nabel des Siegesliedes ein Mythus einnahm, 
dass das Lied durch den Hinweis auf den Anlass, den gewonnenen Sieg, 
eingeleitet wurde, und dass dasselbe in seinem Schluss wieder auf die er- 
rungenen Ehren des Siegers und seines Geschlechtes zurückkam. Von selbst 



^) Sehr günstig urteilt über Pindars Me- 
lodien Aiistoxenos beiPlut. de mus. 31 u. 20. 

'-) Über die Frage der Echtheit näheres 
bei Westphal, Metr. d. Gr. II 2, 622 ff. 
Wenn ich mich entschieden gegen die Echt- 
heit ausspreche, so stütze ich mich dabei 
auf die Wahrnehmung meines ehemaligen 
Schülers Röckl, dass die Melodienschlüsse 
mit der falschen Versteilung der Überliefe- 
rung, nicht mit den echten, von Böckh wieder 
hergestellten Versen in Einklang stehen. 

^) Cboiset, La poesie de Pindare et 
les lois du lyrisme grec, Paris 1881, ed. 
nouv. 1886. 

■*) M. Schmidt, Pindars olymp. Sieges- 
gesänge, Jena 1869; Mezger, Pindars Sieges- 
lieder, Leipzig 1880; Lübbert, De priscae 
cuiusdam epiniciorum forw.ae apud Pin- 
darum vestigiis (1885), De Pindari studiis 
Terpandreis (1886), De poesis Pindaricae 



in arclia et sphragide componendis arte 
(1886). Dagegen sprachen sich aus Bulle 
in der gehaltvollen Rezension von Mezger's 
Buch in Phil. Rundschau 1881 n. 1, Hiller 
im Heim. 21, 357 ff. Weitere Litteratur in 
Jahrber. d. Alt. XIII, 1. 59 ff., Crusiüs, Über 
die Nomosfrage, Vhdl. d. 39. Vers. d. Phil. 
258—276. 

'"") Eine einzige Ausnahme macht viel- 
leicht Ol. XIII, wo «(»/« 3, fxetaQ/ä 3, 
xataxQond und o^cpaloq 6, fxsray.aTcaQonä 
und eniXoyog 3 Strophen umfassen können. 

^) Von einem TEd^fxög spricht Pindar N. 
IV, 33; Is. VI, 19 sagt er spezieller vfxfxe 
t\ (o /Qvaö.Qfiatov Aiaxidcci, red^fxtov /uoi 
(pcc/Äl aacpearciTOP e^fxev rdyd' iniGTsl/oi^T« 
väaov ()cuy£/Lisy svXoylatg. Als Vorgänger 
erwähnt unser Dichter, von Archilochos (0. 
IX, 1) abgesehen, die Agineten Timokritos 
(N. IV, 13) und Euphanes (N. IV, 89). 



B. Lyrik. 7. Pindar (523-448). (§ 120.) 



151 



ergab sich dann die weitere Notwendigkeit, durch irgend einen Übergang 
in den Mythus einzulenken [xaiatQOTid) und am Schlüsse desselben wieder 
auf den Sieger zurückzuleiten (fisiaxaTaigoTrä). Das ist die regelrechte 
Anlage eines Siegesgesangs, die Pindar in den älteren, und auch noch in 
einzelnen späteren Gedichten, wie Ol. VJII, befolgte, an die er sich aber 
als echter Dichter nicht sklavisch gebunden hielt, über die er sich viel- 
mehr gerade in den grossartigsten Siegesgesängen, wie Ol. II, P. I und II, 
mit genialer Freiheit wegsetzte.') Eine Hauptsache beim Siegeslied also 
war der Mythus, der den Omphalos desselben zu bilden bestimmt war.'^) 
Denselben entnahm der Dichter in den meisten Fällen der Heroengeschichte 
des Landes, so dass von den zahlreichen Oden auf äginetische Sieger keine 
des Preises der Aeakiden entbehrt. Er schmeichelte damit dem Lokal- 
patriotismus der Griechen und ihrem Stolz auf die Ruhmesthaten der Ver- 
gangenheit, der um so grösser war, je unerfreulicher und ruhmloser sich 
die Gegenwart gestaltet hatte. In anderen Liedern ging der Dichter aut 
den Ursprung der Spiele, oder die Art des Wettkampfes zurück, wie er in 
Ol. I, III, X die Gründung der olympischen Spiele durch Herakles und ihr 
Vorspiel unter Pelops besingt, und in P. XII die Erfindung des Flöten- 
spieles durch Athene verherrlicht. Wieder in anderen Oden wird der Mythus 
den persönlichen Beziehungen des Siegers entnommen, oder ersetzt durch 
den Preis geschichtlicher Ruhmesthaten. Das letzte ist besonders da der 
Fall, wo, wie bei Hieron, Theron, Chromios, das Land oder das Geschlecht 
des Siegers des mythologischen Hintergrundes entbehrte und die Persön- 
lichkeit des Siegers selbst Stoff genug zu würdiger Siegesfeier bot. Dabei 
zeigte Pindar überall eine ausserordentliche Vertrautheit mit den alten 
Überlieferungen des Landes,-") zugleich aber auch einen wunderbar feinen 
Takt in der Verknüpfung des Mythus mit der Person des Siegers, den 
wieder herauszufinden die Erklärer mit Recht als eine ihrer Hauptaufgaben 
betrachten. Der Mythus und der erzählende Teil bilden in der Regel auch 
den Glanzpunkt der pindarischen Siegeslieder; doch gelingt es dem Dichter 
nur da den Leser durch anziehende Schilderung zu fesseln, wo er sich in 
der breiten Vorführung eines Mythus ruhig gehen lässt, wie einzig treff- 
lich in der liebeswarmen Erzählung von dem schweren Geschick der schönen 
Koronis (P. III) und von der Liebe Apollos zur kühnen Jägerin Kyrene 
(P. IX). Vielfach aber bleibt derselbe bei einem Mythus nicht stehen, 
sondern geht, um den ganzen Glanz der mythischen Vergangenheit einer 
Stadt zu entfalten, von einem Mythus auf den andern über, ohne uns irgendwo 
warm werden zu lassen. In Liedern der Art, wie z. B. in dem Siegeslied 



^) An dem für Theron gedichteten Trost- 
gesang Ol. 11 kann man zumeist erkennen, 
wie Pindar, auch wenn er sich von dem 
gewöhnlichen Schema entfernte, die höhere 
Aufgabe der Komposition zu Avahren ver- 
stund. ^Denn die verschiedenen Mythen der 
Ode werden zusammengehalten durch den 
einen Grundgedanken, dass den Guten bei 
allem Schicksalswandel doch schliesslich ihr 
Lohn wird, sei es hienieden, sei es jenseits 
im Elysium. 



-) Beachtenswert ist, dass das unechte 
Siegeslied auf Psaumis, Ol. V, eines Mythus 
entbehrt; derselbe fehlt aber auch in den 
kleinen Siegesliedern Ol. XI, XII u. a. 

^) Aristides or. Aegypt. p. 360 Jebb: 

rioi/ 7joit]iMv ttsqI rc(g laroQucg. Die Kenntnis 
der Mythen schöpfte er hauptsächlich aus 
Hesiod und den Kyklikern, wozu die Nach- 
weise bei LüBBERT, De Pindari studiis Jle- 
siodeis et Ilomericis, Bonn 1882. 



152 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



auf den Korinther Xenophon Ol. XIII, hat er offenbar der Eitelkeit der 
betreffenden Stadt zu lieb den Forderungen der dichterischen Kunst etwas 
vergeben, noch mehr aber in denjenigen Partien einzelner Oden, in denen 
er alle Siege des Gefeierten und oft nicht bloss diese allein, sondern auch 
die seines Turnlehrers und seiner Geschlechtsgenossen aufzählt. Der Dichter 
hat damit offenbar nur den Zudringlichkeiten seiner Auftraggeber nachge- 
geben, uns aber, denen derartige persönliche Beziehungen ferne liegen, 
lassen die langen Aufzählungen der 18 Siege des Rhodiers Diagoras (Ol. 
7, 80—90) und die Siegesehren dreier Generationen des äginetischen Siegers 
Alkimidas (N. 6, 9—28. 65—75) äusserst kalt. 

121. Mehr als durch die Kunst der Anordnung und die Wahl des 
Stoffes verdient Pindar unsere Bewunderung durch die Tiefe der Gedanken, 
die Hoheit der Sprache und die Majestät der Rhythmen. Alles ist bei ihm 
gross und erhaben; selbst w^o er, wie in Ol. XIV, die Huld der Chariten 
preist, verschmäht er kleine, tändelnde Weisen. Von stolzem Selbstgefühl 
auf sein angeborenes Genie durchdrungen, vergleicht er sich dem hoch- 
fliegenden Aar, der geringschätzig von seiner Höhe auf die mühsam er- 
lernte Kunst kreischender Raben herabschaut. ^) Den Garten der Musen 
pflegte er nicht bloss mit ausnehmender Kunst, er weiss auch ihre Gaben, 
die allein der Tugend Unsterblichkeit verleihen, in allen Tonarten zu 
preisen. 2) Geradeaus in seinen Anschauungen wagt er auch den Hohen 
der Erde gegenüber ein freies, mahnendes Wort, 3) und weit entfernt von 
kraftloser Gutmütigkeit tritt er mit energischem Zorn seinen Feinden ent- 
gegen.^) Ein heiliger Sänger voll tiefer Religiosität hat er herrlich wie 
kein zweiter die Hoheit des Zeus und die Macht der lichten Gottheiten 
gegenüber den Dämonen der Finsternis besungen.'') Mit frommem Sinn 
hielt er fest an dem Glauben der Väter, erlaubte sich aber doch auch 
Mythen, die gegen seine Anschauung von dem hehren Wesen der Götter 
verstiessen, in seiner Weise umzudeuten und umzugestalten. Wenn z. B. 
die Überlieferung bei Hesiod erzählte, ein Rabe habe dem Apoll Kunde 
von der Untreue seiner geliebten Koronis gebracht, so sträubte sich gegen 
die Niedrigkeit dieses Zwischenträgers sein reineres Gottesbewusstsein und 
Hess er deshalb den Apoll selbst mit seinem allessehenden Geiste die treu- 
lose That erspähen.^) Freilich litt unter diesen Umgestaltungen die klare 
Sinnlichkeit der althellenischen Götterwelt, was auch darin hervortritt, dass 
Pindar zu den alten, lebensvollen Göttern schon abstrakte Gestalten, wie 
Theia, Chronos, Hesychia, Alatheia, in den Olymp einfühlt. Darin zeigt 



1) N. III, 80; vgl. Ol. II, 96, N. V, 21. 
und besonders den Schluss von Ol. I: e%y] fxe 
roaau^e riy.aqiOQoig ofiils^v ngocpciPTov aocpltt 
xad^^ "^'E'AXayccg iovxa navTa. Die Scholiasten 
deuteten die Raben auf Simonides und Bak- 
chylides, die Hauptrivalen Pindars, Mit Be- 
scheidenheit rühmt sich dagegen Bakchylides 
fr. 14 nur der von andern gelernten Kunst. 

2) Ol. IX, 27: i^cciQEtop Xagiriov rsfxo- 
fiai xccnoy. P. III, 114: « cT' ccQsrci xXeiycdg 
äoLdaig ;^()oWa jeXs&ei. Vgl. Ol. X, 95, N. 
IV, 6, Is. III, 58. ^ 

•'') Einen svS^iykioaffog uvrjQ nennt er 



sich selbst P. 11, 86 ; sein Freimut zeigt sich 
besonders gegen Hieron in P. II und gegen 
Arkesilaos in P. IV, 263 ff. 

■*) P. 11, 84: noTL cT' i/^gdi^ «V i/r^Qog 
iiov Ivxoio dixai^ vno^svaofÄca. Vgl. Is. 
III, 66. 

'") Einzig schön im Eingang von P. I 
und in P. II, 49 ff. u. 89 ff. 

^) P. III, 27; ähnlich ist der Tantalos- 
mythus umgestaltet Ol. I, 31 ff. Orphischer 
Einfluss ist leicht in der Umgestaltung des 
Tasonmythus P. IV, 169 zu erkennen. 



B. Lyrik. 7. Pindar (532-448). (§ 122.) 



153 



sich eben der Einfluss. welchen die Lehren der Weisen, namentlich der 
Pythagoreer und Orphiker auf die Anschauungen unseres Dichters geübt 
hatten. 1) Pindar war durch und durch ein ethischer, religiöser Dichter, 
der vor allem den sittlichen Gehalt des alten Mythus betonte und denselben 
mit der jüngeren Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und der Beloh- 
nung der Guten nach dem Tode vermählte. 2) Die eigentlichen Perlen seiner 
Dichtkunst sind daher auch seine sittlichen und politischen Kernsprüche, 
wie die berühmten v6f.iog 6 txccvtmv ßaaiXevg^ ßdd^qov ttoXiwv aa(faXi-c Sixcc^ 
ccQKfTog €V(fQO(Svva Tiovcov xsxQLfxsvcov lazQog, t6 TTaQcc dixav yXvxv mxQOTata 
jxsvsi TsXsvrä^ (tvv S' avccyxa Ttäv xaXöv. 

122, Mit dem Ernst und der Tiefe der Gedanken harmoniert bei 
Pindar der sprachliche Ausdruck. Im Reichtum und in der Grossartigkeit 
der Bilder sucht er seinesgleichen, aber er deutet den Vergleich nur an, 
verweilt nicht wie der ionische Epiker behaglich in der Ausmalung des 
Bildes. Nicht gewohnt ausgetretene Wege zu gehen, bereichert er die 
Sprache mit neuen, kühnen Metaphern und Bildern. Die Vergleiche der 
Schöpfungen der Poesie mit den Werken der bildenden Kunst hat er in die 
Litteratur eingeführt,^) und wahrlich grossartig ist die Zusammenstellung 
des Proömiums mit dem Säulenportal des Saales (Ol. VI, 1) oder die Ent- 
gegensetzung der auf derselben Basis beharrenden Statue und des gleich 
einem Schiff in die weite Welt hinausdringenden Liedes (N. V, 1). Wie 
in dem Strome Welle auf Welle sich drängt, so erzeugte in seinem reichen 
Geiste ein Gedanke den andern,^) ohne dass er sich immer die Mühe nahm, 
den einen sorgfältig zum anderen hinüberzuleiten. ^) Dadurch entstanden 
die unvermittelten Übergänge, bekannt unter dem Namen der lyrischen 
Sprünge,^) und die rauhen Fugen, welche das Verständnis des oft rätsel- 
haften Ausdrucks erschweren '^) und dem späteren, an Glätte und Weichheit 
gewöhnten Publikum die Lektüre des Dichters verleideten.^) Auch im 



') Jedoch nicht bloss der Dichter erhob 
solche abstrakte Begriffe zu Gottheiten; auch 
die Gemeinde der Ägineten hatte, wie man 
aus P. VIII sieht, derHesychia einen Tempel, 
oder doch einen Altar errichtet. 

2) Ol. II, 62 ff. und die Fragmente aus 
den Threnoi; merkwürdig ist der Satz fr. 108: 
^(t)6v cT'fTfc XsLTisrcit aiioyog sid'wXop. 

^) Über die Beziehungen Pindars zu den 
Kunstwerken seiner Zeit handelt Jebb, Jour- 
nal of hellenic studies III (1882) 174 ff. 

'^) Daher der schöne Vergleich mit dem 
Strome bei Horaz Od. IV, 2: monte decur- 
rens velut amnis, imhres quem super nntas 
aluer e ripas, fervet immensusque ruit ^;ro- 
fundo Pindarus ore. Vortrefflich sind auch 
die wenigen Striche bei Quintilian X, 1. 61: 
Pindarus princeps spiritus magnißcentia, 
sententiis, figuris, heatissima rerum ver- 
bortimque copia et velut quodam eloquentiae 
flumine. 

^) An welch schwachem Faden oft der 
Dichter einen Gedanken zum andern hinüber- 
leitet, dafür liefert ein belehrendes Beispiel 
die Stelle P. IV, 262, wo der Preis der Klug- 



heit der Battiaden og&oßovXou fiktiv icpsv- 
Qofxivojy genügt, um denselben ein Rätsel auf- 
zugeben : yuiad^i pvv tdv Oi&tnö&a aocpiccv. 

^) Mancher dieser Sprünge verdient frei- 
lich kein Lob, indem eine Sentenz oder eine 
mythologische Bemerkung halb mit den 
Haaren herangezogen ist P. IV, 45; N. I, 53; 
III, 75; X, 78; Is. I, 63. 

^) Pindar selbst deutet diese dunkle 
Weisheit an P. IV, 263: yvuid^t vvv rdu 
Oi^vno^a üocpiaVy Ol. II, 93: ßs^it] sv&oi^ 
svTi (pciQergag (poyrcisvza avveroiatp, ig cfe 
ro 71 dp eQfXfjvEon^ /cctlCsi. 

^) Ath. p. 3a: rcc Utv&ciQov 6 tko^ioÖlo- 
71 Ol 6g EvTioXlg cprjGLv fj&t] xataasGiyafxevic 
vno TTjg rwv 7ioXlwp dcptloxaliag. Dionys. 
de comp. 22 p. 308 Seh. von einem pindari- 
schen Dithyrambus: TCiv&^ ort ,«eV iarii' 
lO^vQd xcd otißaQd xcd d^icüf^arixd xcd tioXv 
t6 avorriQot' h^€v TQU/vi^et rs dXv7T(og, xcd 
TiixQalvsi rdg dxodg fxexQiixyg, dyaßsßXijTcd 
rs roTg ^gövoig xcd ^iaßißijxsv ml ro 7io?.v 
rciig ciQ^ovlaig xcd ovre &EcirQLx6p di] rovro 
xcd ylacpvQou Eni^eixpvxcn xdXlog, «AA« ro 
dg^cdxoy £XE?i^o xcd ro c(var7]o6y, aTicivreg 



154 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Metrum strebte Pindar das Erhabene und Grossartige an; das tritt beson- 
ders in dem wuchtigen Bau seiner gravitätisch sich auftürmenden Daktylo- 
Epitriten hervor, ') ist aber erst in unserer Zeit, nachdem Böckh die langen 
Verse wieder hergestellt hat, in vollem Umfange erkannt worden. Die 
Eleganz und das Ebenmass der einzelnen Verse und Kola ist freilich dabei 
zu kurz gekommen, ist wenigstens aus unseren heutigen Texten nicht mehr 
erkenntlich.^) In der Erhabenheit der Gedanken und der Grandezza des 
Ausdrucks repräsentiert Pindar zusammen mit Aischylos die ältere Gene- 
ration der gestrengen Anhänger der alten Sitte und die altertümliche Rich- 
tung des getragenen, an das Herbe anstreifenden Stils. Von einem intimeren 
Verkehr der beiden geistesverwandten Dichter ist uns nichts überliefert; 
aber aus ihren Dichtungen lassen sich noch manche wechselseitige Bezieh- 
ungen herauslesen. Nicht bloss wetteiferten sie miteinander, wie bereits 
oben S. 145 angedeutet, in der Schilderung des Ausbruchs des Ätna, es 
klingen auch in P. IV, 290 und P. XI, 22 die Eindrücke nach, welche 
Pindar von der Aufführung des äschylischen Prometheus und Agamemnon 
aus Athen mitgebracht hatte. ^) 

Auch der Dialekt Pindars steht mit dem grossartigen Charakter seiner 
Poesie in Einklang. Im Gegensatz zu seiner Landsmännin Korinna hat er 
es verschmäht, die lokale Mundart Böotiens zu reden; als universeller Dichter 
Griechenlands wählte er, zumal er zumeist im Auftrage dorischer Sieger 
und Priester dichtete, den Kunstdialekt der chorischen Lyrik. Die dem 
dorischen und äolischen Dialekt gemeinsamen Formen, namentlich das 
lange « gegenüber ionisch-attischem ?;, und die Pronominalformen xv, vfi/u. 
vfAf,ur, aiii^iiv führte er strenge durch ; bei Diskrepanzen beider Dialekte 
gab er dem äolischen den Vorzug, wie namentlich bei den durch Ersatz- 
dehnung entstandenen Formen MoTacc, (fsvyoiaa xaXtoiai, scheute sich abei' 
auch nicht, jenem äolisch-dorischen Grundton epische und selbst attische 
Formen, wie Genetive auf oio, Dative auf cciai, oiao und acc. pl. auf 
ovg, beizumischen.'*) In den Texten unserer Handschriften wechseln 



t 



i'h old' oTi ftciQTVQtjOEiuv. Indcssen hat der 
Zeitgenosse des Dionysios, der Dichter Ho- 
ratius, noch fleissig seinen Pindar gelesen 
und sich an denselben insbesondere in der 
Anlage des Preisliedes auf Augustus I, 12 = 
Ol. II und in dem Vergleich der politischen 
Gegner des Kaisers mit den unholden Ti- 
tanen III, 4 = P. VIII angelehnt. 

') Daktylü-Epitriten wandte Pindarhaupt- 
sächlich in Gedichten mit vorwiegend epi- 
schem Charakter und in Siegesliedern auf 
Wagenkämpfe an ; hingegen bevorzugte er 
in Epinikien auf Knabensiege die leichteren 
Weisen der äolischen Logaöden. 

-) Versuche eine grössere Harmonie und 
Symmetrie in unseren Strophenschemen her- 
zustellen, machten besonders H. Schmidt, Die 
Eurhythmie in den Chorgesängen der Grie- 
chen, Bd. I, M. Schmidt in seiner Ausgabe der 
olympischen Siegesgesänge (1869), und Über 
den Bau der pindarischen Strophen, Leipz. 
1882. Das Rechte ist noch nicht gefunden. 

'■') Dieses habe ich, zum Teil nach dem 



Vorgange T. Mommsen's, nachgewiesen in 
Stzb. d. b. Ak. 1889 S. 20-4 u. G2. 

^) So müssen wir wenigstens nach der 
handschriftlichen Überlieferung urteilen, wo- 
bei aber nicht zu übersehen ist, dass Pindar. 
der noch nicht das ionisch-neuattische Al- 
phabet gebrauchte, im acc, pl. sec. decl. Ol 
schrieb, was ebensogut in ovq wie w? auf- 
gelöst werden konnte; übrigens endet der 
acc. pl. auf OD? auch in den Versen des 
Böotiers in Aristot. Ach. 874. 875. 876. 880, 
Die Annahme, dass Pindar auch acc. pl. auf 
oig nach böotischer Art gebrauchte (Is. I, 24 ; 
III. 17; N. VII, 51), lässt sich nicht aufrecht 
erhalten, wohl aber scheint er dem Vers 
zulieb solche auf og (Ol. II, 78, N. III, 29, 
X, 62) sich gestattet zu haben. Im all- 
gemeinen urteilten richtig die alten Gram- 
matiker, deren Meinung Eustathios in der 
Vita Pind. wiedergibt: aioXi^ei tTf tu lol- 
kci, si xal ^UYJ axQißrj ^leLaiv Aio'ki^a. xcd 
xcaci JoiQislg «fs cf()dt,£i, ei y.cd ti^g axh}- 
QOTbQccg JiOQLÖog anexerat. Vgl. Meister, 



B. Lyrik. 7. Pindar (52S -448). § 122.) 



155 



dorische und äolische Formen, und man hat daher die Vermutung aufge- 
stellt, dass Pindar selbst je nach Tonart und Heimat des Bestellers kleine 
Variationen im Dialekt angebracht habe. ^) Aber wahrscheinlich rührt dieser 
Wechsel nur von der Unbeständigkeit der attischen Herausgeber, nicht 
vom Dichter selbst her, da sich z. B. in demselben Gedicht aqSovxi und 
vaioiai (Is. VI, 64 und (S'o)^'^) {nstd und nsSd (P. V, 47 und 94), sn^asq und 
ffiTTiteg (P. VHI, 21 und 81) nebeneinander finden. Überall aber klingt 
voll und tief wie feierlicher Choralgesang der Laut der pindarischen 
Rede. 

Textesüberlieferung und Scholien: Der in alter Schrift geschriebene Text Pindars 
wurde von Attika aus im neuen ionischen Alphabet verbreitet (s. Christ, Phil. 25. 607 ff.). 
In Alexandria veranstaltete, im Anschluss an den Eidographen Apollonios, Aristophanes 
eine Gesamtausgabe in 17. 13. (s. oben § 118), in der die Verse oder Kola, nicht ohne grobe 
Fehler, abgeteilt waren (Christ, Die metrische Überlieferung Pindars, Abhdl. d. b. Ak. VI, 
129 if.). Aristarch konstituierte den Text, nicht immer mit Verständnis und Geschick, 
und versah ihn mit kritischen Zeichen (Feine, De Aristareho Pindari interjjvete, Jena 188o 
und HoRN, De Äristarchi stud. Find., Greifsw. 1883); ausserdem haben die Grammatiker 
Kallistratos, Aristodemos, Asklepiades, Aristonikos und der Stoiker Chry- 
sippos sich mit dem Dichter beschäftigt (s. Böckh. Pindar II, 1 praef. IX sqq.). Unsere 
alten Scholien, die eine fortlaufende Paraphrase, durchzogen von dazugehörigen Erklärungen, 
enthalten (Lehrs, Die Pindarscholien, Leipzig 1873), gehen auf Didymos zurück, der 
öfters namentlich angeführt ist (vgl. Ammonios de difT. p. 70 u. M. Schmidt, Didymi fr. 
p. 214 ff.); ihre Redaktion setzt Wilamowitz, Eur. Herakl. I, 185 in das 2. Jahrh. n. 
Chr., indem er den zu 0. 3, 52 erwähnten Amyntianos mit dem zur Zeit des Antoninus 
Pius lebenden Historiker Amyntianus identifiziert und unter 6 'AXixaQvaoGevg sc. JiovvaioQ 
zu N. 8, 2 nicht den Rhetor; sondern den Verfasser der Musikgeschichte versteht; vielleicht 
ist der Redaktor jener Grammatiker Palamedes, der unter den Tischgenossen des Athenaios 
vorkommt und von dem Suidas ein V7i6fxv7]fxc( etg Hiv^agov röv noirjirjv anführt. — Über die 
Metra hatte Drakon von Stratonikea gehandelt; unsere metrischen Scholien, die in Prosa 
und die in Versen (von Tzetzes in Gramer An. Par. t. I), sind von geringem Wert und 
beruhen auf falscher Versteilung. — Aus dem Mittelalter stammen die Scholien von Thomas 
Magister, Moschopulos (bloss zu den Olympien) und Triklinios; zur letzten Klasse 
gehören auch die jüngst publizierten I/^^^^^ Jlcnjuiaxü (ed. Semitelos, Athen. 1875). Der 
Kommentar des Eustathios ist bis auf die Vita verloren gegangen. Die Scholien sind den 
grösseren Ausgaben, wie der von Böckh, beigefügt. Neue Ausgabe von Abel, wovon vol. II 
zu Nem. u. Isthm. erschienen, Berol. 1884. 

Handschriften: Pindar ist durch eine einzige Handschrift auf uns gekommen, da 
alle erhaltenen in gleicher Weise am Schluss verstümmelt sind und mehrere Fehler mit- 
einander gemeinsam haben (s. Proleg. meiner Ausg.). Die erhaltenen Codd. zerfallen in 
alte und interpolierte; von den alten sind die besten: A = Ambros. s. XII (davon ist der 
Vratislav. eine Abschrift), der nur die Olympien enthält, mit alten Scholien; B = Vatic. 
sive Über Ursini s. XII, alle Epinikien mit Scholien enthaltend. Das Verhältnis der Codd. 
ist klargelegt von T. Mommsen in der grossen kritischen Ausg., Berol. 1864; Nachträge 
von Abel, Zur Handschriftenkunde Pindars, Wiener Stud. IV, 224—62. 

Ausgaben und Hilfsmittel: ed. princ. ap. Aldum 1513 — ^ ed. Er. Schmid, Wittenberg 
1616, mit vielen guten Emendationen — ed. Heyne mit lat. Übersetzung und Kommentar. 
Gott. 1773, neu bearbeitet von G. Hermann 1797. — Hauptausg. von Böckh, Berol. 1811 
bis 21, 3 tomi in 4^ mit Scholien, metrischer Erläuterung und erklärendem Kommentar 



Griech. Dial. I, 22 und Peter, De dialecto 
Pindari, Halle Diss. 1866. — Führer, Der 
böotische Dialekt Pindars, Philol. 44, 49 ff. 
sucht in der Weise seines Lehrers Fick nach- 
zuweisen, dass Pindar den epichorischen Dia- 
lekt seiner Heimat sprach und dass die an- 
geblichen Dorismen Pindars vielmehr Eigen- 
tümlichkeiten des Böotischen seien. 

') G. Hermann, De dialecto Pind,, 
Opusc. I, 245 ff. — In der Syntax, besonders 
im Gebrauch der Modi folgt Pindar öfter noch 



den Epikern im Gegensatz zu den Attikern ; 
s. Breyer, Analecta Pindarica, Bresl. Diss. 
1880; GiLDERSLEEVE, Studies on Pindaric 
Sijntax, in American Journal of philol. t. 
III und IV. 

^) Wahrscheinlich gebrauchte Pindar in 
der 3. pers. pl. nur vor Vokalen die Endung 
-oiGiv der lesbischen Dichter, sonst immer 
-ovTi nach der Sprachweise der Dorier, Lokrcr 
und Böotier, welch letztere nur -ovn zu orf^i 
verkehrten. 



156 



Griechische Litter aturgeschichte. I. Klassische Periode. 



(letzterer teilweise von Dissen). — Kleinere Ausg. mit lat. Kommentar von Dissen und 
Sghneidewin, Goth. (1830) 1847, 2 Bde. — Die Konjekturalkritik glänzend gefördert, nicht ohne 
übertriebene Kühnheit von Bergk im PLG. namentlich ed. IV. — Textausg. von Christ 
in Bibl. Teubn. — Pindars Siegeslieder erklärt von Mezger, Leipz. 1880. — Pindars olymp. 
Siegesgesänge, griech. u. deutsch von M. Schmidt, Jena 1869. — Kumpel, Lcxicon Pin-da- 
ricum, Lips. 1883. — Übersetzung mit guten Einleitungen von Fr. Thiersch, Leipz. 1820, 2 Bde. 



8. Die attischen Lyriker. 

128. Die Richtung verständiger Reflexion, politischer Einsicht und 
prosaischer Redegewandtheit vertrug sich zu allen Zeiten schlecht mit der 
lyrischen Poesie, die am besten gedeiht in der Springflut der Leidenschaft 
und im gährenden Drange widerstrebender Elemente. Von Attika und der 
Zeit nach Perikles waren daher von vornherein keine Blüten der Poesie 
des Herzens zu erwarten. Es nimmt sogar Wunder, dass zur Zeit der 
Perserkriege noch solche Talente wie Simonides und Pindar sich entfalten 
konnten. Nun aber war man vollständig übersättigt, und die Klänge der 
Lyrik hätten wohl vollständig in Athen dem dramatischen Spiel im Theater 
Platz gemacht, wenn nicht die Liebe zur Musik sich erhalten und in ihrem 
Gefolge auch der Dichtung von Texten zu den Choraufführungen Raum 
gegeben hätte, i) Zu dieser dienenden Stellung verstand sich aber am 
ehesten der Dithyrambos und Nomos. Denn in dem letzteren hatte von 
jeher die Melodie und Musik die hervorragende, der Text die untergeordnete 
Stelle eingenommen, und in dem Dithyrambus bildete die den Attikern 
besonders zusagende Mimik ein Hauptelement. ^) Aber beide Dichtungs- 
arten haben auch auf attischem Boden unter den bezeichneten Umständen 
mannigfache Umgestaltungen erfahren. Die Flöte beherrschte in Athen 
wie schon vordem in Korinth die Aufführung von Dithyramben; im Gegen- 
satz dazu wurde jetzt die Kithara immer mehr das Hauptinstrument der 
Nomen und hören wir aus unserer Zeit fast nur von kitharodischen 
Nomendichtern. 3) Ein Chor und zwar ein grosser Chor von 50 Mann ge- 
hörte seit alters zu der Dithyrambenaufführung; ^) auf seine Ausstattung 
ward jetzt ein besonderes Gewicht gelegt, aber den Gesängen des Gesamt- 






') Gewaltig eifert gegen diese Verkeh- 
rung der natürlichen Verhältnisse Pratinas 
in dem durch Ath. 617 b erhaltenen Hypor- 
chem: t«V aotdup' xaTearaas JIisQlg ßccai- 
Xeiav. Damit verbinde die Angabe des Plut. 
de mus. -30, dass bis auf Melanippides die 
Flötenspieler vom Dichter den Lohn em- 
pfingen, nachher umgekehrt, weshalb auch 
in didaskalischen Urkunden der Flötist vor dem 
Chorodidaskalos genannt ist. Musikalische 
Aufführungen und Agone von Dithyramben- 
dichtern fanden zu Athen nicht bloss an den 
Dionysien, sondern auch an den Panathenäen, 
Thargelien, vielleicht auch an den Promethien 
und Hephaistien statt; s. Dittenb. Syll. n. 420. 

^) Piaton und Aristoteles, die natürlich 
zumeist in der Poesie ihrer Zeit lebten, 
kamen auf diese Weise dazu, das Wesen 
aller Poesie in die fxifxriGig zu verlegen, 
über das Spiel der Nachahmung im Dithy- 
rambus s. Arist. Poet. 20, p. 1461'' 33 und 



besonders Ps. Arist. probl. 19, 15 p. 918^ 18: 
cTto xcd Ob did^vQcc/ußoi, insi^rj fxijurjrixol sye- 
vovxo, ovxEXi e/ovaiy dvriarqocpovg, ttqotsqoi' 
(^6 £i/oy. Demnach ist wohl von dem älteren 
Dithyrambos, wie etwa des Pindar, die Stelle 
des Piaton de rep. III p. 394^ zu verstehen 
ij ^ev did fxifi.7]a(x)g oh] eariv . . TQayM&la re 
xal x(oiLiMdi«, ri 6h SC ccnayyeXlag avxov rov 
TJoiTjTov (evQotg d' uv ccvjrjv fxäXiGTc'c nov 
£v öix^vQa/Lißoig), i] S'av cJt' dficpotiQdov 8v rs 
rwp E7i(dy noiijaei, ttoVm/ov de xcd d'klo&i. 

^) Die aulodischen Nomen traten also 
zurück; die reinen Flötenkonzerte hingegen 
erhielten sich fort. In dem Agon der Pana- 
thenäen CIA. II, 2, 965 sind für die Kitha- 
roden 5, die Auloden 2, die Kitharisten 3, die 
Flötisten 2 (wenn nichts weggefallen) Preise 
ausgeworfen; vergl. Bergk, Gr. Litt. II, 500 f. 

^) Ein Chor von 50 Mann ist zum ersten- 
mal bezeugt für Ol. 75, 4 (476) durch Si- 
monides fr. 147. 



B. Lyrik. 8. Die attischen Lyriker. (§ 123—124.) 157 

chors mischte Philoxenos auch Sologesänge (fu'lrj) bei, zunächst wohl 
für den Chorführer, i) Umgekehrt waren die kitharodischen Nomen im 
Anfang ausschliesslich für den Einzelvortrag bestimmt und zwar in der 
einfachen Art, dass der Sänger sich selbst mit dem Saitenspiel begleitete; 
nunmehr brachte Timotheos die Neuerung auf, dass auch bei den Nomen 
ein Chor mitwirkte,' und dass durch mimetisches Spiel grösseres Leben in 
die musikalische Aufführung gebracht wurde. ^) Den Nomen war von Hause 
aus die strophische Komposition fremd; bei den Attikern wurden allmählich 
auch die Dithyramben durchkomponiert, was Aristoteles, Probl. XIX, 15 gut 
mit dem nachahmenden Charakter des jüngeren Dithyrambus in Verbindung 
bringt.^) Kurzum der Unterschied zwischen Dithyrambos und Nomos wurde 
in Attika fast ganz verwischt.^) 

124:. Die ganze Dithyramben- und Nomenpoesie ^) hat nach dem Ge- 
sagten für die Litteratur wenig Bedeutung; ihr Schwergewicht liegt in dem 
musikalischen Teil, zu dessen Verständnis uns nach dem Verluste der 
Melodien die paar allgemeinen Notizen, die uns erhalten sind, ebensowenig 
wie die inschriftlichen Zeugnisse verhelfen. Wir dürfen uns deshalb mit 
einer summarischen Aufzählung der Dichter begnügen: 

La SOS von Hermione in Achaia lebte am Hofe des Hipparch (Herod. 
Vn, 6) und ward, wenn auch irrtümlich, als Lehrer Pindars ausgegeben. 
Nach Suidas hat er zuerst ein theoretisches Buch über Musik geschrieben 
und den Dithyrambus in die athenischen Wettkämpfe eingeführt. Die 
parische Chronik setzt die erste Aufführung eines Männerchors Ol. 68, 1 (508), 
wobei aber nicht Lasos, sondern Hypodikos aus Chalkis siegte.^) Auf einen 
Wettstreit des Lasos mit Simonides und die Niederlage des ersteren spielt 
Aristophanes Vesp. 1410 an. In der Musik begründete er die neue dithy- 
rambische Weise, indem er in Rhythmus und Melodie die altertümliche Ein- 
fachheit und Strenge der terpandrischen Hymnenpoesie verliess und im 
Einklang mit dem grösseren Tönenreichtum der Flöte mannigfaltigere und 
in weiter auseinanderliegenden Tönen sich bewegende Perioden einführte.'^) 
Von einigen ward er nach Schol. Arist. Av. 1403 geradezu Erfinder des 
Dithyrambus genannt. Von seiner dichterischen Begabung gibt uns sein 
gekünstelter Versuch, ein Lied ohne c zu dichten, keinen hohen Begriff. 



') Plut. de mus. 30: 4>iX6^€yog eig rovg 
xvx^Lovg /oQovg fxsh] slarjviyyMXo. 

^) Clem. Alex, ström. I, 308: vofxovg 

TTQUJtOg ^OEP SV XOQCO XCil Xt&((QU Tijuo^sog. 

Über die mimetischen Bewegungen des Flöten- 
spielers belehren Theophrast bei Ath. 22 c, 
Paus. IX, 12. 5, Lucian. Harm. 1, Dion. or. 78. 

^) Auf diese neue Richtung geht der 
Spott des Aristophanes Nub. 333: xvxUiov 
^k xoQcop ilafÄdtoxci^nrag iip^qag ^bxemqo- 
(ftvay.ag. 

^) Der Unterschied scheint schliesslich 
nur ein metrischer gewesen zu sein; leider 
bieten die Inschriften immer imr das gleiche 
Miöaaxs. 

^) M. Schmidt, Diatrihe in dithyrambutu, 
Berlin 1845; E. Scheibe, De dithyramhorum \ (fort. vnuQ/ovaay) ijyaye fxovaixYji'. 
graec. avgamentis, Lips. 18G2. i 



^) Von Dithyrambenwettkämpfen und 
dabei gewonnenen Siegen geben mehrere, 
zum grossen Teil erst neu entdeckte In- 
schriften Kenntnis; s. CIG. 221. 223, CIA. I 
n. 336. 337, II n. 1234-1299, Dittenberger, 
Syll. 411 — 424; vgl. Reisch demusicis Grae- 
corum certaminibus p. 32 ff. Über den Preis 
berichtet Schol. Plat. rep. p. 394 c: tcop' cTt 
7ioir]Tiop T(o fxev tiqujtm ßovg ena&Xov tjv, Tip 
de fhvTSQio dfj.(poQevg, zw tff tq'lim TQuyog, 
ov TQvyl x€/Qia/ueyov änrjyoy. 

') Plut de mus. 29: eig rrju did^vQafi- 
ßixrjv ayioyTjv fiZSTaaitjaag rovg Qvd^fj,ovg xcd 
rfi i(x)v ccvXojv noXvcfiovia xcuccxoXovd^tjaag 
nXsioai re q)xh6yyotg xal disQQifJfievoig XQV' 
ac'cfxsvog eig fietä&saiu ir]p TiQovTKtg/ovaay 



158 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

Es scheint eben gleich dem ersten attischen Dithyrambendichter die Frostig- 
keit, welche die attische Lyrik kennzeichnet, eigen gewesen zu sein. 

Pratinas aus Phlius erwarb sich hauptsächlich durch seine Satyrspiele 
einen Namen; er trat aber auch als Dithyrambendichter in Athen und 
Sparta auf. Von seinen Hyporchemen ist ein grösseres Bruchstück, worin 
er gegen das Überhandnehmen des Flötenspiels in kampflustigen Rhythmen 
eifert, auf uns gekommen. ^ 

Diagoras^) aus Melos, jüngerer Zeitgenosse des Pindar und Bakchy- 
lides, ist in weiteren Kreisen durch den Volksbeschluss der Athener, der 
ihn als Gottesleugner aus der Stadt verjagte, bekannt geworden. Der von 
Philodemos ttsqI dctsßeiag uns erhaltene Vers iS^^cg O^sog ttqo navrog eqyov 
ßooxeiov vMfxa (pQsY vTrsgrarav will zu dieser Anklage nicht stimmen. 

Melanippides gab es nach Suidas zwei;'^) der ältere aus Melos 
hat die neue Richtung des Dithyrambus mit den langen Introduktionen 
[dvaßolai) und fremdartigen Stoffen inauguriert. Der jüngere, ein Tochter- 
sohn des älteren, galt nach Xenophon Mem. I, 4. 3 als der berühmteste 
Meister seines Fachs. Er ward an den Hof des Königs Perdikkas IL berufen, 
wo er um 412 starb. Von nur wenigen seiner Dithyramben, wie Maqavag, 
JavaiSsg, JJsQa€(p6vrj haben sich Titel und Bruchstücke erhalten. 

Antigenes ist uns als Dithyrambendichter bekannt durch das Epi- 
gramm Anth. XIII, 28, das er zum Andenken eines von ihm errungenen 
Sieges auf den der Gottheit geweihten Dreifuss setzte. 4) 

Kinesias gehörte schon ganz der neuen Richtung der Musik an; 
er war die Zielscheibe des Spottes der Komiker wegen seiner dürren Ge- 
stalt und seiner neumodischen Kadenzen.-) 

Philoxenos aus Kythera (435—380 nach Marm. Par.) kam nach 
Einnahme seiner Heimatinsel als Kriegsgefangener nach Athen, wo er durch 
sein Talent die Aufmerksamkeit des Melanippides auf sich lenkte. Dann 
lebte er längere Zeit an dem Hofe des älteren Dionysios in Syrakus, den er 
durch sein freimütiges Urtheil über dessen schlechte Gedichte reizte (Diodor 
XV, 6). Von seinen 24 Dithyramben war am berühmtesten der KvxImiJ', 
in welchem der Kyklope ein schmachtendes Liebeslied auf die schöne Galatea 
sang und der Dichter selbst als Führer des zweiten Chors den Odysseus 
vorstellte. Grössere Fragmente haben wir von einem zweiten, von einigen 
nach Ath. 146 f. dem Philoxenos aus Leukas zugeschriebenen Gedicht JeiTTvor, 
das für die Erkenntnis der rhythmischen Formen des jüngeren Dithyrambus^) 
und der raffinierten Genusssucht jener Zeit gleich interessant ist. Die Dithy- i 
ramben des Philoxenos standen in hohen Ehren ^) und wurden noch zur Zeit 



^) Der Name des Flötenspielers erscheint 
in dem 4. Jahrh. neben dem des Dichters 
auf den Siegesinschriften, schon ein Beispiel 
aus dem 5. Jahrh. bietet Anth. XIII, 28; s. 
Reisch, de miis. cert. 28 f. 

^) Suidas u. Jiuyogag; Ps. Lysias c. 
Andoc. 7; Arist. Ran. 320. 

2) Einen Irrtum des Suidas nimmt Rohde. 
Rh. M. 33 213 an. 



hartes Urteil fällt über ihn Piaton, Gorg. 
p. 501e. 

^) Das Metrum ist daktylo-epitritiscli, 
welches überhaupt in dem attischen Dithy- 
rambus herrschend war. 

^) Antiphanes bei Ath. 463d. Aber ver- 
spottet wird Philoxenos von dem Feind der 
neuen Musik, von Aristoph. Flut. 290; über 
die Freiheit des Rhythmenwechsels vergl. 



■*) Vgl. WiLAMOwiTz Herrn. 20, 02 ff. ' Dionysius rle cnmj'). rerh. p. 264 Seh. 
^) Aristoph. Av. 1372, Pac. 832. Ein 



B Lyrik. 8. Die attischen Lyriker (§ 124) 159 

des Polybios (IV, 20) alljährlich von den Arkadern im Theater auf- 
geführt. 

Timotheos aus Milet,^) der bewundertste Musiker und Nomendichter 
seiner Zeit, war in der Musik ein Schüler des Phrynis,'^) worauf sich 
Aristoteles Metaph. 993 b 15 bezieht, wenn er von dem berühmteren Schüler 
des berühmten Meisters sagt: el fxtv ydq Tinöih^oq in] syi-vsxo, rroXh^i' av 
litXortoüav ovx sT^oilisv' h öt yaj WQvrig, Tiiiöd^sog ovx av iyevsTo. Der 
Schauplatz seiner Thätigkeit war vor allem Athen, aber auch am Hofe des 
Archelaos, in Ephesos und Sparta trat er mit seinen Produktionen auf. 
In letzter Stadt wollte man von seinen Neuerungen wenig wissen, so 
dass ihm die Ephoren die 4 neuen Saiten seiner 12saitigen Zither ab- 
schnitten.'^) Hochbetagt starb er im J. 357. Ein Urteil über den gefeierten 
Musiker ist uns heute nicht mehr möglich; denn sein Schwerpunkt lag in 
den Melodien, die mit all den antiken Denkmalen dieser reizendsten und 
flüchtigsten aller Künste zu gründe gegangen sind.^) Das Altertum hatte 
von ihm SC stimv roßoi fiovaixoi TTQOoffiia^ syxMfua, Sid^vQaiißoi^ viivoi, 
naiävsg u. a.; auf uns sind nur ganz dürftige Reste gekommen, die uns 
aber einen grossen Reichtum rhythmischer Formen erkennen lassen. Ge- 
priesen war sein Dithyrambencyklus Odysseia in mindestens 4 B., zu dem 
auch die von Aristoteles, Poet. 26, erwähnte Skylla gehörte, in der in halb 
burlesker Weise die Choreuten den Koryphaios zupften, um das Weg- 
schnappen der Gefährten durch die Skylla zu veranschaulichen.''*) 

Von sonstigen Dithyrambikern des 4. Jahrhunderts werden noch ge- 
nannt Telestes aus Selinunt, der sich nach Dionysios, de comp. verb. 19 
im Wechsel der Rhythmen und Tonarten gefiel, was die erhaltenen Fragmente 
bestätigen, Ariphron aus Sikyon, der in einer didaskalischen Urkunde des 
4. Jahrhunderts CIA. II n. 1280 erwähnt ist^) und von dem uns Athenaios 
p. 702 einen berühmten Päan auf die Hygieia erhalten hat, Polyeidos der 
Sophist, ein Mann von vielseitigem Talent, der sich auch in der Tragödie 
und Malerei versuchte, Likymnios aus Chios, der nach Aristot. Rhet. III, 
12 Dithyramben zum Lesen dichtete,') Lykophronides, von dem uns 
ein paar Fragmente erhalten sind, Kleomenes aus Rhegion, Nikokles 
aus Tarent,*^) Argas,-^) Eukles, Philophron, Lysiades aus Athen, 
Hellanikos aus Argos, Charilaos aus Lokris, Eraton aus Arkadien. i^) 



^) Suidas u. Ti/nod^sog. j yojQ, NavnXtog, 4>iy€tö'c(i. 

Plnt. de mus. 6; iiacli Scliol. zu Aiist. ' ^) In der Urkunde indes lieisst es bloss 

^AgicpQioi^ ohne den Zusatz Iixvioviog. Auch 
der Päan ist uns auch inschriftlich auf einem 
jetzt in Kassel befindlichen Stein erhalten. 



Nub. 967 siegte er an den Panathenäen unter 
dem Archon Kallias. Ihn und seinen Schüler 
Timotheos nahm zur Zielscheibe des Spottes 



Pherekrates im Cheiron. | ') Ein Fragment von ihm n. 4 enthält 

■^) Paus, in, 12. 10; Boetius de mus. j Verse aus dem Päan des Ariphron. 

p. 182 Friedl. ' ^) p]in Verzeichnis seiner Siege gegen 

*) Über die Neuerungen des Timotheos | das Ende des 4. Jahrhunderts erläutert von 



s. S. 157 Anm. 1, 

'') Ein ^QTjvog rov 'O^vaaecDg (vgl. Arist. 



Köhler, Rh. M. 39, 298. 

^) Argas wird als schlechter Nomen- 



]toet. 15) des Timotheos wird angeführt in I dichter verspottet bei Ath. 131'' u. ()38*"; 

dem ästhetischen Papyrus des Erzherzog I sein Name steckt wahrscheinlich auch in 

luainer, publiziert und erläutert von GoMPERZ. j Aristot. Poet. 2, p. 1448'* 15. 

?slitteilungen aus Papyrus Rainer I, 84—8. j '") Die letzten Namen und andere dazu 

Andere Titel waren l&ut'Xrj, AcaQxr]q, 'Elnfj- \ sind inschriftlich bezeugt; s. S. 157 An. 5, 



160 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

C. Drama. ^) 

I. Anfang und äussere Verhältnisse des Dramas. 

125. Das Drama ist eine originelle Schöpfung des griechischen Geistes: 
kein Volk des Altertums hat etwas ähnliches hervorgebracht, und was in 
späterer Zeit in Rom und von modernen Völkern auf dem Gebiete der 
dramatischen Kunst geleistet wurde, geht auf die Anregung der Griechen 
zurück. 2) Bei ihnen selbst hat sich das Drama aus den beiden älteren 
Gattungen der Poesie naturgemäss entwickelt; es ist dasselbe auch erst 
zur Ausbildung gekommen, nachdem die erzählende Dichtung fast ganz 
verklungen war und die Gedankenpoesie der subjektiven Empfindung ihren 
Zenith bereits überschritten hatte. Die beiden Elemente, aus denen das Drama 
entsprungen ist, haben auch äusserlich bei den Griechen in dem Gegensatz 
der dialogischen und gesungenen Partien ihren Ausdruck gefunden. Die 
Chorgesänge und Monodien bezeugen ihren Zusammenhang mit der Lyrik, 
speziell der chorischen Lyrik, nicht bloss im Inhalt und gesangmässigen 
Vortrag, sondern auch in dem Versbau und der Sprache. Fast alle Metra 
der Cantica lassen sich bei den älteren Lyrikern nachweisen, die melodi- 
schen Logaöden und Choriamben sowohl, wie die gravitätischen Daktylo- 
Epitriten und anapästischen Systeme; nur die Dochmien scheinen eine 
spezielle Schöpfung des Bocksgesangs zu sein. Auch die Sprache der Chor- 
gesänge weist deutlich auf die dorische Chorlyrik zurück und hat aus ihr 
die Formen des dorischen Dialektes, namentlich das volltönende ä herüber 
genommen. Weniger tritt im Dialog der Zusammenhang mit dem Epos 
hervor, da für diesen die Dichter ein anderes Metrum wählten, nicht den 
gravitätischen Hexameter, sondern den beweglichen, der Umgangssprache 
sich nähernden iambischen Trimeter.^) Aber wenn auch die Form geändert 
wurde, so blieb doch die Übereinstimmung des Inhaltes: der Dialog ist der 
Träger der Handlung und des Mythus, Fundgrube des Mythus aber waren 
die epischen Gedichte, was Aischylos schön ausgedrückt hat, indem er seine 
Dramen Brosamen vom Tische Homers nannte. Der grosse Fortschritt 
bestand nur darin, dass jetzt nicht mehr die Handlung in ihrem Fortgang 
erzählt, sondern in täuschender Nachbildung den Augen und Ohren der 
Zuschauer vorgeführt wurde, so dass dieselbe das Geschehene gleichsam selbst 



^) Quellen aus dem Altertum: Aristo- 
teles neQi 7ioi7]Tix7Jg, wozu die Reste seiner 
Ji^uGxcilUa bei Rose, Aristot. pseud. LVI u. 
552 ff.; Horatius ars poet. nach dem grie- 
chischen Werk des Neoptolemos Parianos; 
Tzetzes (12. Jahrh.) tieql TQuyiy.fjg noitjaetüg 
(bei Westphal, Proleg. zu Aeschyl. p. VIII 
sqq.) und ttsqI xaj/ucodUcg (ed. Ckamer, An. 
Ox. I, 19 ff). Spurlos verschwunden sind 
des Grammatikers Telephos (unter Hadrian) 
Bioi TQayiy.wy xid xw^wJwr. — Neuere 
Werke: W. v. Schlegel, Vorlesungen über 
dramatische Kunst und Litteratur, Heidelb. 
1809, 3 Bde. = Sämmtl. Werke Bd. 5 u. 6; 



des griech. Schauspiels, Tüb. 1862. — Sam- 
melausg. : Poetae scenici Graecorum rec. 
Bothe, Lips. 1825—58, 10 Bde.; Poetae scen. 
gr., ed. Gu. Dindorf ed. IV, Lips. 1869. 

-) Nicht der Rede wert sind die drama- 
tischen Ansätze der Chinesen. Für die Inder 
weist die Anregung der Griechen nach 
Windisch, Der griechische Einfluss im in- 
dischen Drama, Berlin 1882. Bezeichnend 
ist, dass auch in dem indischen Drama 
2 Dialekte, Sanskrit und Prakrit, angewen- 
det sind. 

3) Arist. Rhet. III, 8 sagt vom Hexa- 
meter: nefxvog xcd lexrixrjg uQfxoplag &s6-- 



Klein, Gesch. des Dramas, Leipzig 1865 (hier fxsvog, Poet. 4 vomlambus: {uähara Xsxnxöi^ 
einschlägig die 2 ersten Bde.); Rapp, Gesch. ! rcoy fxezQioy rd lafxßeUv ianv. 



I 



C. Drama. 1. Anfänge und äussere Verhältnisse. (§ 126.) IGl 

mitzuerleben vermochten. Deutlicher aber zeigt sich der Zusammenhang des 
Dialogs mit dem Epos in der Sprache: das Attische, das die Personen der 
Bühne sprachen, war ein Zweig des Ionischen, ionisch aber war der Dia- 
lekt des erzählenden Epos, wie des iambischen Spottgedichtes. Insbesondere 
bewahrte in der Tragödie der Dialog viele lonismen des Homer und des 
Herodot, sei es nun, dass dieselbe in ihrer gehobenen Weise sich mehr 
von dem Vulgärdialekt des attischen Volkes zu entfernen wagte, sei es, 
dass sie als die ältere Gattung des dramatischen Spieles auch die ältere, 
dem Ionischen noch näher stehende Gestalt des attischen Dialektes be- 
wahrte.*) 

126. Hat so das Epos so gut wie die Lyrik Grundsteine für den 
neuen Bau der dramatischen Poesie geliefert, so ist dieselbe doch speziell 
aus der Lyrik und der religiösen Festfeier des Dionysos hervorgegangen. 
Darauf weist schon der Name. J^ä^j^a, d. i. Handlung, hiess das neue Fest- 
spiel,^) ÖQwf^isva hiessen aber auch die Zeremonien, mit denen man an den 
Götterfesten, namentlich bei den Mysterien den Mythus des Gottes, seine 
Geburt, seine Wanderungen und Leiden den andachtsvollen Gläubigen vor 
Augen führte.^) Zu solchen mimischen Darstellungen boten wohl auch die 
Mythen anderer Götter Stoff, wie die von dem Kampfe Apollos mit dem 
Drachen Python^) und von der Bewachung des jungen Zeus durch die 
Daktylen und Korybanten; aber zur Zeit, als die Geburt des Dramas nahte, 
war in den Mysterien der Kult der alten Götter hinter dem des lakchos 
und der Demeter zurückgetreten. Namentlich aber war es der erstere, 
der mit Mummenschanz und heiterem Spiel verbunden war und durch den 
Charakter enthusiastischer Begeisterung die Gemüter der Festgenossen für 
die neue Art von Poesie empfänglich machte. Die ausgelassene Weinlaune 
und der Schwärm der bocksfüssigen Satyren musste von selbst die Griechen, 
die mit ihren Göttern auf vertraulichem Fuss zu stehen liebten, zu nach- 
ahmendem Spiele reizen. Dazu löste der Gott, der von der Freiheit die 
Zunamen 'EXsvdegsvg und AvaTog führte, den Menschen an seinem Feste 
die Zungen, so dass die Festgenossen teils vom Wagen herab die Vorüber- 
gehenden neckten, teils selbst mit ihren drolligen Aufzügen unter Voran- 
tragung eines grossen Phallos das Lachen und den Scherz der Zuschauer 
wachriefen.''^) Aber auch wer zum Ernst und zur Reflexion angelegt war, 
fand an den Dionysosfesten Gelegenheit zur erbaulichen Vorstellung. Dafür 



^) Die letztere Meinung vertritt Rüther- 
ford, Zur Geschichte des Atticismus, über- 
setzt von Funck in Jhrb. f. Phil. Suppl. XIII, 
355—399. Zum thatsächlichen Verhältnis 
bemerke ich, dass in dem Dialog der Tra- 
giker, selten der Komiker, sich finden Dative 
^1. auf otfffc, aiGi, EGGi, die ablativen Genetive 
ejueS^sy, os&sv, die lonismen yovraiog, (fovQi, 
^eiyog, 8i(QV(f&ep (Eur. Hipp. 1247), eGxav 
(Eur. Phoen. 1246), die nichtattischen Wörter 
nc'iTQtt statt naiQLg, laiQui statt (uqw^ doiMg, 
(crQ8X7jc, (iQ&fxtog, dficplnoXog, ccXvco, svcpQOPt], 
i^Q^io. x^sÖTTQonog, xc(Giypr]Tog, xixXiJgxüj, xol- 
(i«i'og, oQ-yeiör, GTvyeoj, (fÜQog. 

^) Nach Arist. Poet. 3 suchte man aus 



diesem Namen den dorischen Ursprung des 
Dramas zu beweisen, weil die Dorier dgay, 
die Athener ngaTreiv sagten. 

^) Daher der Gegensatz bei Paus. II, 
37. 2 (vgl. III, 22. 2): t« leyo^eya inl xoJg 
(yQioftei'oig. Vgl. Bergk, Gr. Litt. III, 4. 

'*) Dass derselbe auch wirklich mit nach- 
ahmender Kunst dargestellt wurde, darüber 
siehe oben S. 103 An. 4. 

■'') Noch in später Zeit bestand die Ge- 
wohnheit an gewissen Götterfesten dem 
Spott freien Lauf zu lassen, wie im 2. Jhrh. 
n. Chr. zu Smyrna an dem Fest des Dio- 
nysos; s. Aristides tjsqI rov ^n) t^eh' xio- 
(xm^eTv p. 509. 



llandbucli der klass. Allcrtiiiuswisscnschaft. VII. 2. Aufl. 11 



162 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

hatten die Mysterienpriester gesorgt, die den Gott des Weines zum Re- 
präsentanten der zeugenden Naturkraft erhoben, das Einschlafen der Natur 
im Herbste und ihr frohes Wiedererwachen im beginnenden Lenze mit dem 
Wandel seines Wesens in Verbindung brachten und demselben frühzeitig 
auch allerlei ernste, mit der Verbreitung seines Kultes zusammenhängende 
Mythen andichteten. Diese Vorstellungen und Mythen hatten dem feier- 
lichen Dithyrambus Nahrung gegeben, und aus diesem ist die zweite Art 
des dramatischen Spiels herausgewachsen. Der Ursprung aber beider Arten 
des Dramas aus dem Mummenschanz der alten Dionysosfeste zeigte sich 
auch später noch darin, dass die Schauspieler wie die Choreuten verkleidet 
auftraten und das Gesicht entweder mit Hefe verschmierten oder mit einer 
Maske {rrQdacoTTov, persona) bedeckten. 

127. Arten des Dramas.^) Aus den Elementen des Dionysoskultes 
haben sich 3 Arten des Dramas entwickelt, die Tragödie, die Komödie und 
das Satyrspiel. Die Tragödie {rgayfodia), die speziell aus dem Dithy- 
rambus hervorgegangen ist,-) muss als rgäyan' o^Sr] gedeutet werden, hat 
also den Namen nicht von dem Bock, der als Preis dem Sieger zugefallen 
sein soll, 3) sondern von den Böcken, in welche die Sänger, eben weil sie 
das Gefolge des Gottes darstellten, ursprünglich verkleidet waren. Von vorn- 
herein ernsteren Charakters hat sie sich allmählich zu jener ergreifenden und 
reinigenden Darstellung einer ernsten Handlung entwickelt, welche Aristoteles 
Poet. 6 mit den berühmten Worten definiert: saTiv TQayo^Sia iiu\ar]aig nqd- 
'^€(jog (TTTOvdafac xal rskeiag ^.itysO^og i^^ovar^g t]Svai^ikV(o ^öyo) xwQig ixaazo) 
Tcov siScov SV ToTg ßoqtoig Sqmvtwv xal ot di' duayysXiag, 6i' iXtov xal (fößov 
TTSQaivovaa Trji' rwr toiovtcov irad^ijindTcov xä&aqaiv^^) d. i. die Tragödie ist 
die Nachahmung einer ernsten und abgeschlossenen Handlung von einiger 
Länge, welche in schöner Sprache, deren verschiedene Arten in den 
Teilen derselben getrennt vorkommen, durch Handelnde und nicht durch 
Erzählung vorgeführt wird und durch Mitleid und Furcht die Reini- 
gung derartiger Affekte bewirkt. — Die Komödie {xw/^upöia) ist aus 
den Gesängen der Phallosprozessionen hervorgegangen,^') welche sich auch 
später noch neben den Dithyramben und der ausgebildeten Komödie er- 



') Diomed. p. 487 - 492 K. | eines Bockes. 

^) Arist. Poet, 4: '^ f^si^ Tgaytodla and | ^) Unter den zahlreichen ErJäuterungs- 

Tioy E^aQ/oPTioy ToV ö)x)^vQ(c^ußoi' y.urd fxixQov j Schriften verdienen besondere Beachtung 



^) Hör. a. p. 220: carmine qui tragieo 
vilem certavit oh hircum ; ein rgäyog als 
Preis angeführt Marni. Par. 43, ebenso von 
Eusebios zu Ol. 48, 1. Es liegt hier wahr- 
scheinlich eine Anlehnung an den Dithy- 
rambus vor, für den der Preis in einem Ochs 
bestund ; s, S. 157 An, 4, Die richtige Ety- 
mologie im Et, M, 764, 6: iQayoyö'Lct, ori rd 
71 oXkd ol %oQol ex 2^ccivQ(0P ovviajctvro, ovg 
ixuXovy TQayovg. Zu ihrer Bestätigung dient 
der Vers in des Aischylos' llQofutjtf^svg nvg- 
xaevg fr. 219 Herrn., wo Prometheus den 
Satyrchor anredet: TQuyog ysveiov uqcc nsv- 
^hjastg av ys : Müller, Gr. Litt. I, 487 denkt 
an den Gesang um das brennende Opfer 



ausser Lessing's Dramaturgie, J. Bernays, 
Grundzüge der verlorenen Abhandlung des 
Aristoteles über Wirkung der Tragödie 1857, 
Zwei Abhdl. über die aristot. Theorie des 
Dramas, Berlin 1880, L, Spekgel, Über die 
xdS^aQaig xmv ■na&rjfj.dxMv, Abhdl, d. b, Ak. 
IX Bd, (1859), Meiser, Beitrag zur Lösung 
der Katharsisfrage, Blatt, f. bayer. Gymn. 
1887 S. 211 ff. Eine andere, dem Theophrast 
zugeschriebene Definition steht bei Diomedes 
487, 12 K.: iQayMdLa iaxlv rjQioixrjg Ti'/i]g 
nEQLOTctaig. 

•") Arist, Poet. 4: ^ (ff xiofiMÖia and 
XMV rd cpallixd e^aQ/opnoy, d stl xal yvv 
iy 7?o/lA«rc Tioy n6?,sioy ^tauevsi yofut^oueya. 



C. Drama. 1. Anfänge und äussere Verhältnisse. (§ 127 — 128.) 16.3 

halten haben. Nach Aristoteles Poet. 3 haben einige, wohl durch die länd- 
lichen Dionysien verführt, das Wort von xoi/i/;, Dorf, abgeleitet, womit die 
Dorier dasselbe wie die Attiker mit dr^fxog bezeichnet haben sollen. Aber 
die Komödie hat mit dem Dorfspiel nichts zu thun; das erste Element des 
Wortes ist vielmehr xo\aog, lustiger Schwärm, wovon auch xcofxa^siv und 
das lat. comissari gebildet ist.^) Daneben kommt bei Aristophanes das 
scherzhaft gebildete TQvyo)öia vor, das entweder von Tovyrj „Weinlese" oder 
TQv'^ „Hefe" herkommt. 2) Mit den Phallosliedern war der Komödie von 
vornherein Scherz und Lustbarkeit als Angebinde mitgegeben, aber erst 
mit der Zeit erhob sie sich zur erheiternden und verspottenden Darstellung 
einer lächerlichen Handlung. 3) — Das Satyrs piel (ol aüzvooi) hat seinen 
Namen davon, dass in ihm der Chor aus verkleideten Satyrn gebildet wurde. 
Der Zusammensetzung und dem Charakter des Chors entsprechend, wählte 
es aus den Heroenmythen diejenigen aus, welche einen lustigen Anstrich 
hatten. Das Satyrdrama hat auf solche Weise am getreuesten den ursprüng- 
lichen Charakter des Dionysosspieles festgehalten und kann, da auch bei 
der Tragödie ehedem der Chor aus Böcken bestund, als Vorstufe der letz- 
teren bezeichnet werden. Als die Tragödie ernste und fernabliegende Mythen 
in ihren Kreis zu ziehen und die Komödie das Leben der Gegenwart statt 
die Überlieferungen der Vergangenheit zur Zielscheibe ihres Witzes und 
Spottes zu nehmen begonnen hatte, wurde das Satyrspiel zwar nicht ganz 
zur Seite geschoben, aber an letzter Stelle nach den Tragödien zur Auf- 
fühiung gebracht.^) — Die Unterschiede der drei Arten von Dramen waren 
auch äusserlich in der Kostümierung des Chors und der Schauspieler aus- 
geprägt; insbesondere war für die Tragödie bezeichnend die stelzenartige 
Fussbekleidung {xo^ogvog) und der hohe Haaraufsatz (oyxog), welche die 
Heroen über das Mass der gewöhnlichen Menschen erhöhten. Umgekehrt 
trugen die Personen der Komödie einen niederen Schuh {socciis) und banden 
sich als Diener des befruchtenden Gottes der Zeugung einen grossen Phallos 
um. Die Choreuten des Satyrdramas trugen einen Schurz aus Ziegenfell, 
vorn mit Phallos, hinten mit dem Satyrschwänzchen. 

128. Athens Bedeutung für das Drama. Nach Aristoteles Poet. 3, 
erhoben die Dorier den Anspruch, das Drama erfunden zu haben, die Megarer 
die Komödie, andere Peloponnesier die Tragödie.'') Das war gewiss nicht ganz 

^j Dioniedes p. 488, 5 K. : comoedia i äxlv^vvog neoio/rj. 

d'icta MIO Tojy xoi^wv . . , vel clno lov xojjuoV; ^) Casaubonüs, De satyrica Graecorum 

id est comessatione. \ poesi et Romanoriim satura, der Ausgabe 

-) Schol. Arist. Ach. 498; Ath. 40'^; Et. j des Persius angehängt (1605). Dort ist zuerst 

M. 7G4, 12; Anon. de com. III; davon Ho- I der Unterschied des griechischen Satyrdra- 

raz a. p. 277 : qui canerent agerentque per- \ mas und der römischen Satire (alt Satura) 

uncti faecibus ora. \ festgestellt. Aber wenn auch die litterarische 

^) Arist. Poet. 5: ?/ xw^awcT/« ioil f^lf^it]- | Satire der Römer von dem ^Qäf/cc aarvQLxoi^ 
aig cfccvXoxtQcoy fxc'y, ov fxspioi y.aru rräauy der Griechen verschieden war, so scheint sie 
y.a-Auv, d'Ald rov «la/Qov iarl t6 yt'koLov doch gleicher Wurzel entsprossen zu sein; 
^oQiov. Die Definition im Traktat nsQL i s. Ribbeck, Gesch. d. röm. Dichtung I, 9. — 
xüjfxoidUcg des Cod. Coislin. 120 ist eine un- j Wieselee, Das Satyrspiel, Gott 1848. Ein- 
geschickte Nachbildung der aristotelischen ! ziger Repräsentant ist für uns der Kyklops 
Definition der Tragödie. Durch den Charakter des Euripides. 



der neuen Komödie ist beeinfiusst die De- 
finition des Theophrast bei Diomedes p. 488, wenn Arion bei Suidas heisst tQayixoii tqq 
4 K. : xojuojöi« ioili^ idiomxoiv Tioo.yuö.xiov nov evQsnjg 



'") Damit in Zusammenhang steht es, 

11 



1(34 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

unbegründet, da thatsächlich durch Pratinas das Satyrspiel von Plilius nacli 
Athen verpflanzt wurde und die in dorischem Dialekt geschriebenen und zur 
Aufführung in einer dorischen Stadt bestimmten Stücke des Komikers Epi- 
charmos sicher nicht von Athen aus ihre Anregung empfangen haben. Aber 
zur Entwicklung und glänzenden Entfaltung kam das dramatische Spiel erst 
in Attika, wo es von den volkstümlichen Dionysosfesten des rebenreichen 
Ortes Ikaria ausging und seit 536 ^) in die Reihe der städtischen Festagone 
aufgenommen wurde. Athen begann damals zum Gipfel seiner Macht und 
Grösse emporzusteigen und in den Kranz seines Ruhmes auch das edle 
Reis dichterischen Glanzes zu flechten. In der Blütezeit des Epos hatte 
Attika keine Rolle in der Litteratur gespielt; aber während die stamm- 
verwandten lonier der fruchtbaren kleinasiatischen Küste früh in Üppigkeit 
und Sklaverei versanken, erhielt sich auf dem sterilen Boden Attikas un- 
geschwächt die Vollkraft des tüchtigen, im Kampf mit dem Leben gestählten 
Volksstammes. Allmählich erst wuchsen und entfalteten sich hier am Baume 
der Bildung die Zweige und Fruchtknoten, die dort rasch und üppig empor- 
geschossen waren. Erst im 6. Jahrhundert brachte Athen den weisen Selon 
hervor und zogen die Peisistratiden Dichter und Gelehrte an ihren Hof. Der 
grosse Aufschwung, den die Volksherrschaft nach Vertreibung der Tyrannen 
und der Reichtum der Stadt nach den Siegen der Perserkriege nahm, kam 
der Entwicklung der dramatischen Poesie wesentlich zu statten. Die Pracht 
der Feste stellte an die Freigebigkeit und das Vermögen der Choregen 
ungewöhnlich hohe Anforderungen, und die Freiheit der Rede im Theater 
hatte die Freiheit des Wortes im öffentlichen Leben zur Voraussetzung. Wie 
das Epos im ruhigen Sonnenglanze der kleinasiatischen Fürstenhöfe erblüht 
war, die Lyrik im Drange der Kämpfe, welche dem Sturze der patriarchali- 
schen Könige folgten, geboren wurde, so war das Drama ein Kind der 
Volksherrschaft und desjenigen Staates, der als das Bollwerk der Demo- 
kratie in ganz Hellas angesehen wurde. ^') Auch der Charakter des atheni- 
schen Volkes war der Entwicklung des Dramas günstig: seiner Beweg- 
lichkeit sagte das farbenreiche Spiel auf den Brettern zu, seine Neigung 
zur dialektischen Diskussion fand in dem Wortstreit des dramatischen 
Dialoges willkommene Nahrung, sein heftiges und tiefgehender Erregung 
zugängliches Naturell Hess sich gern durch mimisches Spiel in Leidenschaft 
versetzen. 

129. Ehe wir uns zu den Dichtern und zur geschichtlichen Entwick- 
lung der dramatischen Poesie wenden, müssen wir uns zuvor über die 
Hauptpunkte der szenischen Altertümer,^) das Theater, die Spieltage, die 
Aufführungen, sowie über die Ökonomie des Dramas orientieren. 

Das Theater. QtatQov bedeutet der Etymologie nach Ort zum Schauen; 



^) Dieses Datum ist bezeugt für den i Worten aus : '^weImv Xaya) jiqp nohy ri^g 
ersten Erfolg des Thespis in Athen durch die | EXXäö'og ncd^evaip dvai. Über die Vorzüge 
parische Marmorchronik und durch Suidas; des attischen Dialektes, seine xoivörijg xal 



das Jahr ist auch wahrscheinlich an der 
verderbten Stelle des Eusebios herzustellen. 
'') Wie die Macht Athens wesentlich auf 



jusT^iözfjg spricht hübsch Isokrates 15, 295.J 
") A. Müller, Lehrbuch der griech.l 
Bühnenaltertümer, Freiburg 1886. In diesem 



dem geistigen Vorrang lieruhto, drückte Handbuch gibt von den scenische-n Alter- 
I'erikles (Thuc. II, 41j mit den berühmten i tümern eine spezielle Darstellung Oehmichkn. 



C. Drama. 1. Anfänge und äussere Verhältnisse. (§ 129.) 



165 



gibt es aber etwas zum Schauen, so stellen sich die Zuschauer im Kreis (corona) 
um den Künstler; kreisrund war auch in der älteren Zeit der Markt {dyoQo),^) 
der das natürliche Lokal für solche Produktionen abgab, und im Kreise stellte 
sich seit Arion der dithyrambische Chor {xixhog /o^oc) auf, der inmitten der 
Corona, ursprünglich um einen Altar (^v/iiehj) seine Reigen und Gesänge auf- 
führte. Nachdem aber die Corona gewachsen war, musste man dafür sorgen, 
dass auch die Hinteren, die nicht immer die Grösseren waren, etwas zu sehen 
bekamen ; das führte naturgemäss zum Aufschlagen von Gerüsten (ixQia), 
so dass sich die Zuschauerbänke terrassenförmig, die einen über den andern 
erhoben. Bei grossem Zudrang aber konnte leicht ein solches Gerüste zu- 
sammenbrechen, wie uns von einem derartigen Unfall in der 70. Olympiade 
(500/497) Suidas unter Pratinas berichtet. 2) Man schaute sich also nach 
einem festeren Gebäude um. Dafür gleich ein freistehendes Theater aus 
Stein zu errichten, wäre zu kostspielig gewesen; man verfiel daher auf den 
Gedanken, zum Zuschauerplatz die natürliche Abböschung eines Hügels zu 
benützen, und dazu bot in Athen der Südostabhang der Akropolis die 
willkommenste Lokalität. In der Einbuchtung (xotXov) des Hügels Hessen 
sich leicht Sitze in den Stein hauen und durch geringe Nachhilfe bis über 
den Umfang eines Halbkreises hinausführen. So entstand das Theater des 
Dionysos in Athen, das allen anderen Theatern des Altertums zum Vorbild 
diente und das in unserer Zeit durch die gemeinsamen Bemühungen deut- 
scher und griechischer Archäologen wieder blossgelegt wurde. Ein so 
grosser Bau mit den Räumlichkeiten für die Bühne und die Bühnenrequisite 
ist nicht auf einmal entstanden und nicht unverändert im Laufe der Zeiten 
geblieben. Nach Suidas hat man gleich nach dem Unfall der 70. Olympiade 
mit dem Bau eines festen Theaters begonnen; eingeweiht wurde dasselbe 
im Jahre 472. 3) Zum Abschluss und zur Ausschmückung mit den Statuen 
der grossen Meister Aischylos, Sophokles und Euripides gelangte der Bau 
erst unter der Finanz Verwaltung des Lykurg (330). '^) Die heutigen Reste 
zeigen die Umbauten, welche das Theater unter gänzlich veränderten Bühnen- 
verhältnissen in der Zeit Hadrians erlitten hat. 

Das antike Theater hatte demnach in seiner ersten Anlage nur zwei 
Teile, den Zuschauerplatz {ihsaxqov oder xoiXoi', cavea), der durch Umgänge 
{6ici^c6fxaTa) und radienförmig angelegte Treppen in mehrere Abteilungen 
(xsQxiSfg) gegliedert war,'') und den kreisrunden, je nach Bedarf mit Bret- 
tern belegten Raum in der Mitte, wo der Chor seine Tänze, ursprünglich 
um einen Altar aufführte und der davon bqxrjaTQa oder Ovfiehj hiess.^) In 



^) IL 2" 304, wo die Richter auf Steinen 
sitzen Isqu) svl xvy.X(o. Rund war auch der 
durch Schliemann blossgelegte Markt von 
Mykenä. 

^) Da Pratinas nur einmal, Aischylos 
erst 485 den ersten Sieg erlangte, so ist bei 
Suidas vielleicht die Zahl (70) aus os (75) 
verderbt. 

■^) Dieses Datum ist aus der neugefun- 
denen Urkunde über die Theatersiege, CIA. II, 
971, durch scharfsinnige Kombinationen er- 
wiesen von Oemichen, Anfänge der drama- 
tischen Wettkämpfo in Athen, Stzb. d. b. 



Ak. 1889, II, 142 ff. 

'^) WiLAMowiTz, Die Bühne des Aischy- 
los, Herrn. 21, 598 ff. stellt die paradoxe Be- 
hauptung auf, dass das steinerne Theater 
Athens unter Lykurg nicht ausgebaut, sondern 
überhaupt erst gebaut worden sei. 

^) 13 xeQXL^ag hat das Dionysostheater 
in Athen nach der Zahl der Phylen unter 
Hadrian.^ 

^) Über das schwer entwirrbare Ver- 
hältnis von ÖQ/TJaiQcc zu y^v{ÄiXr], über das 
die verschiedensten Hypothesen aufgestellt 
wurden, s, Müller, S. 129 ff". 



166 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



der Orchestra mochte anfangs mit dem Chor auch der Schauspieler seinen 
Platz gehabt haben, wenn auch die Angaben der Alten von dem Fleischtisch 
(sAsog), von dem herab der Schauspieler vor Thespis mit dem Chor agiert 
haben soll, auf dem Miss Verständnis einer Komikerstelle beruhen, i) Als 
aber mehrere Schauspieler auftraten und deren Spiel den Hauptanziehungs- 
punkt zu bilden begann, schnitt man das äussere Segment der Orchestra ab, 
um hier speziell für die Schauspieler ein oblonges Gerüst {loysTov, oxgißag, 
^ndpitum) zu errichten.^) Die Handelnden waren also jetzt auf zwei, durch 
Treppen verbundene Räume verteilt, von denen jeder seine eigenen Zugänge 
{at avM xal cct xavo) tkxqoSoi) hatte. Die weitere Vervollkommnung drehte 
sich wesentlich um den Ausbau des schon aus akustischen Gründen über- 
deckten Bühnengebäudes mit den rückwärts und zur Seite gelegenen Kou- 
lissen. Dasselbe ward durch eine in mehrere Stockwerke gegliederte, mit 
einer Hauptthüre und 2 oder 4 Seitenthüren versehene, aber leicht durch 
Holzverkleidung und Malerei (rtQoaxrjvior) umzugestaltende Rückwand ab- 
geschlossen. Diese stellte in der Tragödie meistens die Vorderseite eines 
Königspalastes vor, hiess aber (Txrjvt'j, weil im alten Satyrdrama die Phan- 
tasie der Zuschauer sich eine Hütte in dem Hintergrunde vorstellen sollte.^) 
Die beiden Seitenwände hiessen TiaQaaxi]via] an ihnen befanden sich die 
hölzernen, drehbaren Prismen {neQiaxToi, versurae), die mit je 3 Tafelbildern 
bedeckt waren und durch deren Drehung eine Veränderung der Szene an- 
gedeutet werden konnte. Dazu kamen bei der Aufführung die speziellen 
Ausrüstungen, das Gerüste für den Standplatz des Chors, die Dekorationen 
der Bühne und der Orchestra, die Rollmaschine (sxxvxhjfjLo), die Götter- 
bühne (d^soXoyalov), die Schwebemaschine, die Hadesleiter u. a. 

130. Spieltage und Agone. Der Ursprung des Dramas aus dem 
Kulte des Dionysos gab sich bei den Athenern bis in die spätesten Zeiten 
darin kund, dass Dramen nicht alltäglich und nicht zu beliebigen Zeiten, 
sondern nur an den Festen des Gottes Dionysos zur Aufführung kamen. 
Den Ehrenplatz hatte deshalb im Dionysostheater zu Athen in der Mitte 
der ersten Reihe der Priester des Dionysos Eleuthereus.-^) Das Drama trat 
so in den Kreis der musischen Wettkämpfe {aywvec p.ovaixoi), indem zur 
Feier der Götterfeste durch poetische und musikalisch-orchestische Produk- 
tionen vom Staat ein Preisbewerben eingerichtet wurde. Die Hauptfeste, 
an denen Dramen zur Aufführung kamen,'') waren die grossen Dionysien,^) 
gefeiert zur Zeit der wiedererwachenden Natur im Monat Elaphebolion 



') Die Hauptstelle über jenen eleog bei 
Pollux IV, 123. Ein Missverständnis einer 
Komikerstelle nimmt Hiller, Rh. M. 39, 
329 an. 

2j Nach AViLAMOwiTz a. 0. fand dieses 
und der Bau der Rückwand erst um 460 
vor Aufführung der aischylischen Orestie statt. 

^) So auch im Aias des Sophokles. 

^) Sein Sessel mit der bezüglichen In- 
schrift \\'ard aus den Ruinen hervorgezogen; 
die Abbildung bei Müller a. 0. 94. Ange- 
spielt ist auf den Platz bei Arist. Equ. 536. 

•') Un verlässig Diog. IV, 56: dQd/uaaiy 



7Jyi02^i^oyTo JiovvGLOig. Arjvcdoig, JJavaf^rj- 
vcdoig{(deoiv'ioig em.l^öckh), Xvzqoig [Xvtqol 
hiess der 3. Tag des ältesten Dionysos festes, 
der Anthesterien, gefeiert am 13. des Monates 
Anthesterion, Februar/März); richtiger Schol. 
Arist. Ach. 503; vgl. Müller, S. 309 f. 

^) Auch genannt r« si^ aar et Jiopvaiu. 
im Gegensatz zu den Dionysien auf dem 
Land oder denen in der Vorstadt. Ihre Su- 
periorität zeigte sich auch darin, dass an 
ihnen nur ein Bürger, an den Lenäen auch 
ein Metüke (s. Schol. Arist. Plut. 953) die 
Chorcgie leisten durfto. 



C. Drama. 1. Anfänge und äussere Verhältnisse. (§ 130.) 



167 



(März/April), und die Lenäen oder das Kelterfest, begangen im Monat 
Gamelion (Januar Februar).^) Die Dionysien überstrahlten seit den Perser- 
kriegen, namentlich seitdem sie nach Errichtung des steinernen Theaters 
im Jahre 472 scenisch geworden waren, 2) an Glanz und Dauer alle anderen 
Feste: Athen zeigte sich dabei im Festgewand gegenüber ganz Hellas, ins- 
besondere auch gegenüber den Bundesgenossen, deren Abgesandte um jene 
Zeit die Tribute nach Athen brachten und dem Festspiel im Theater bei- 
wohnten. Tragödien, und zwar nur neue, kamen mindestens an r5 Tagen 
hintereinander zur Aufführung,^) und zwar regelmässig je 3 Tragödien und 
1 Satyrdrama. Die würdevolle Tragödie bildete eben den Glanzpunkt des 
Festes; dass immer 3 Stücke auf einmal zur Aufführung kamen, scheint 
auf die ältere Zeit, wo das Festgedicht in einem dreigliederigen Dithy- 
rambos oder Nomos bestund, zurückzugehen. Die 3 Tragödien zusammen 
hatten den Namen Trilogie, wobei Logos soviel als dialogisches Festspiel 
bedeutete.'^) Neben Tragödien wurden schon zu Aischylos Lebzeiten,*'') w^ahr- 
scheinlich schon seit 472, auch Komödien gegeben;*^) über die Stelle, welche 
dieselben einnahmen, widersprechen sich die Zeugnisse. Aus den Versen 
der Vögel des Aristophanes 789 ff., wo den Zuschauern Flügel gewünscht 
werden, um während der langweiligen Tragödie hinauszufliegen und nach 
gutem Gabelfrühstück zur lustigen Komödie wieder zurückzukommen, möchte 
man schliessen, dass damals auch an den Dionysien die Komödie am selben 
Tage wie die Tragödie, und zwar an letzter Stelle nach den Tragödien ge- 
geben wurde. '^) Nach dem Gesetze des Euegoros hingegen^) und nach den 



^) Das Fest genannt nach dem Kelter- 
platz, daher der Ausdruck ovni Arjvcao) 
(cyoju bei Arist. Ach. 503; vgl. Hesych. 
inl ArjvaUo u. Bekker An. gr. 278. Auf das 
Theater im Lenaion scheint sich der von 
Eratosthenes (bei Hesych., Suid., Bekker An. 
gr. 354 u. 419) erläuterte sprichwörtliche 
Ausdruck bei Kratinos aiysLQov S^sa = Sitz 
bei der Pappel, zu beziehen. Ob mit Lenaion 
der gleiche Ort bezeichnet wurde wie mit 
eV Xl^vaig, wo nach dem Zeugnis des Thu- 
kydes II, 15 das ältere Dionysosfest der An- 
thesterien begangen wurde, ist strittig. Aller- 
dings haben Hesychios s. v. Xi^pca und der 
Scholiast zu Arist. Ach. 970 den Jiowaog 
6 iv Xi^vciigxmA den Jiovvoog Atjvcuog gleich- 
gestellt, aber die Stelle der an den Lenäen 
aufgeführten Frösche des Aristophanes V. 
216 ff. lässt erkennen, dass der Ort iy lifxvccig 
verschieden war von dem, wo die Frösche 
selbst aufgeführt worden. Jedenfalls lag der 
Bezirk ev XlfAvaig ausserhalb der Mauer, wie 
auch Thuk. II, 15 andeutet, so dass die 
Dionysien im Theater als r« ev äarsi Jio- 
vvoici dem älteren eV lifxvaig gefeierten Dio- 
nysosfest der Anthesterien entgegengesetzt 
werden konnten. Die Kontroverse ist ein- 
sichtsvoll behandelt von Oehmichen a. 0. 
S. 122 ff. 

'^) Musisch waren sie wohl schon zuvor, 
aber der musische Teil wird vor 472 (e| 
01; TTQioToi' xiofÄoi riücii') nur in Dithyramben 



bestanden haben; in noch älterer Zeit scheint 
das Fest apollinisch gewesen zu sein, wie 
T. MoMMSEN. Heortologie 59 hauptsächlich 
daraus, dass auch später noch der Preis 
in einem Dreifuss bestand, vermutet hat. 

^) 4 Tage zur Zeit des Schauspielers 
Polos bei Plut. an seni 3; 5 Konkurrenten 
hatte Aristophanes im Plutos (i. J. 388 ; s. arg. 
IV) ; ebenso gross war die Zahl in den Jahren 
354-3 nach GIG. 231 : s. Usenee, Com. phil. 
Bonn, p., 583 ff., Rohde, Rh. M, 39, 161. 

*) Über den Gebrauch von Xoyog = (fuf- 
loyog vergl. Aristot. Polit. VII, 17 p. 1336'^ 
14, Antiphanes fr. 190, 2 und die Bezeich- 
nung löyoi 2:iox()aTixoi für sokratische Ge- 
spräche. Später hat man auch Reden des 
Antiphon und Dialoge des Piaton zu Tetra- 
logien verbunden, 

^) Dieses steht fest durch das Sieger- 
verzeichnis CIA. II, 971, wo ein Sieg des 
Komikers Magnes neben einem des Aischy- 
los verzeichnet ist. 

*^) In der älteren Zeit versah wohl das 
Satyrspiel allein die Stelle des heiteren Festes; 
nach der Aufnahme von Komödien wurde das 
Satyrspiel an seiner Stelle belassen, der Ko- 
mödie aber ein neuer Tag, und zwar vor 
dem tragischen Agon eingeräumt. 

') Davon geht aus H. Sauppe, Ber. d. 
Sachs. Ges. d. W. 1855 S. 19 ff. 

^) Das Gesetz des Euegoros, erhalten 
in Demosthenes Midiana 10 lautet: Ei' tjyoQog 



168 



Griechische Literaturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Didaskalien im CIA. II, 971 folgten in umgekehrter Reihenfolge lyrische, 
komische, tragische Aufführungen aufeinander, i) wahrscheinlich so, dass am 
6. und 7. Elaphebolion die lyrischen Wettkämpfe stattfanden, am 10. die 
Komödien und am 11. — 13. die Tragödien zur Aufführung kamen. 2) An 
dem älteren Feste der Lenäen war umgekehrt die ausgelassene Komödie 
das Hauptfestspiel, wenigstens in der Zeit nach 472, nachdem für die Tra- 
gödie ein glänzenderer Platz an den grossen Dionysien geschaffen war. Die 
Athener waren da, wie Aristophanes Ach. 503 sagt, unter sich allein und 
konnten sich so ungescheuter über ihre politischen Verkehrtheiten lustig 
machen. Übrigens wurden auch Tragödien an den Lenäen gegeben; das 
war sicher in der Zeit vor 472 der Fall, wo die Lenäen das einzige sce- 
nische Fest in Athen waren, aber auch aus späterer Zeit erfahren wir von 
einem Sieg des Tragikers Agathon an den Lenäen."^) , Neben diesen zwei 
städtischen Festen waren durch theatralische Vorstellungen die ländlichen 
Dionysien bekannt, an denen aber in der Regel nur Stücke zur Aufführung 
kamen, welche in der Stadt bereits die Probe bestanden hatten. Besucht 
waren besonders die Dionysien im Piräus; Theater gab es ausserdem in 
Thorikos, Munichia, Eleusis, Aixone. Ausserdem wurden in der älteren 
Zeit und dann wieder seit Lykurg auch an den Chythroi, dem dritten Fest- 
tage der Anthesterien, Komödien in der Stadt aufgeführt. 

131. Wollte nun ein Dichter ein Stück zur Aufführung bringen, so 
musste er bei dem Leiter des Festes, bei dem Archen eponymos an den 
Dionysien, bei dem Archon basileus an den Lenäen um einen Chor nach- 
suchen {xoQov ahelv). Gab der Archon einen Chor, so ward dem Dichter 
ein Chorleiter {xoQriyog) zugewiesen, 4) der aus Sängern seiner Phyle einen 
Chor zusammenzusetzen und für dessen Einübung {ötSaaxaXia) durch den 
als Chormeister {didäaxaXoq) fungierenden Dichter zu sorgen hatte. Die 
Bestellung und Ausstattung der Schauspieler {vrcoxqiTaC) ging denselben 



stnspy orav rj nofinrj ri tco Jlovvgio ev JIsi- 
QctieT xcd ol XMfxoj&ol xal ol rQccyoj&ol, xcd 
7] int Arjvttiio no^mj xcd ol TQayo)dol xcd ol 
xwucodoi, xcd tolg ev ccarei Jiovvaioig rj nofxnrj 
xccL ol ncdds? <xcd ol cipdQegy xcd 6 xiö^og 
xcd ol X(jD/Liu)dal xal ol jQayco&ol, xcd ©aqyt]- 
'Aloiv rrj 71 0^71 fi xal reo dycopi firj e^eTvav 
fA.rjte Eve^vQccacii [xrjTS XafxßavEiv eregov 
ersQov xtX. 

') Caesar, Quaestiones duae ad Ar ist. 
Aves spectantes, Marb. Ind. lect. 1881 hilft 
sich mit der bedenklichen Annahme einer 
Änderung nach der Aufführung der Vögel 
(414). Am ehesten hat der Dichter einen 
auf die Lenäen passenden Witz auf die 
dramatischen Agone überhaupt übertragen. 
Auch das yQiarsvrca cT' i^aQxovt/rcxyg in Arist. 
Ran. 317 spricht gegen die Aufführung der 
Komödie nach der Tragödie. 

2) Die verschiedene Folge der dramati- 
schen Spiele an den Dionysien und Lenäen 
scheint mit der Neuorganisation des Festes 
i. .L 472, zufolge welcher 3 Arten von Spielen, 
TQc<yo)dic<.(, ochvQoi, xojfucocflat, gegeben wur- 
den, zusammenzuhängen. 



^) Der Sieg des Agathon an den Lenäen 
ist bezeugt durch Ath. 217 a; dass Aischylos 
an den Lenäen wie an den Dionysien Siege 
errang, steht aus den Verzeichnissen der 
dionysischen und lenäischen Siege CIA. 11, 972 
fest, wenn auch der Name des Dichters nur 
zum Teil erhalten ist. Ob sich die litterari- 
schen Angaben über die Zahl der Siege des 
Sophokles, Euripides u. a. bloss auf das Haupt- 
tragödienfest, die Dionysien, beziehen, ist 
ungewiss; vielleicht sind die Divergenzen 
bezüglich der Zahl der Siege darauf zurück- 
zuführen, dass die lenäischen Siege teils ein- 
gerechnet wurden, teils nicht. 

'') Die liturgische Leistung der Choregie 
datiert nach Marm. Par. von 509/8; seit dem 
Archontat des Kallias 406/5 traten zwei zur 
Leistung derselben zusammen (Schol. ad Arist. 
Ran. 406); an die Stelle der Choregen traten 
in der Zeit nach Alexander die Agonotheten; 
s. Müller 339 f. Die Kosten einer tragi- 
schen Choregie betrugen nach Lysias 19, 14 
an 3000, einer komischen, an 1600 Drach- 
men. — A. Brimck, Inscr. fjr. ad chorec/iam 
pertinentes (Diss. phil. Hai. VII) 1886. 



C. Drama. 1. Anfänge und äussere Verhältnisse. (§ 131.) 



169 



nichts an, da diese eigens vom Archen den Dichtern zugelost ^) und vom 
Staate honoriert wurden. Der Schauspieler waren es anfangs nur 1, unter 
Aischylos wurde die Zahl auf 2, unter Sophokles auf 3 erhöht,^) unter welcher 
Zahl sich auch bis auf Sophokles der Dichter selbst befand; in der Regel spielte 
überdies ein Schauspieler mehrere Rollen. Aber auch so waren dem griechi- 
schen Dichter durch die geringe Zahl der Schauspieler starke Beschrän- 
kungen auferlegt. Der Chor bestund in der Komödie aus 24, in der Tra- 
gödie aus 12, später seit Sophokles aus 15 Mann; 2) ausserdem waren dem- 
selben ein oder zwei Musiker beigegeben, ein Flötenspieler zur Direktion 
der Marschbewegungen und Chorgesänge, ein Kitharist für die Monodien.'^) 
Das ganze Personal war aus Männern zusammengesetzt; die strenge Sitte 
verbot den Frauen Anteilnahme am öffentlichen Spiel. Aufgestellt war 
beim Einzug der Chor im Viereck {zsTQaywvog xoQog), nicht im Kreis {xm- 
Xiog x^Q') wie beim Dithyrambus. Mit der viereckigen Aufstellung war die 
Gliederung des Chors in mehrere Lang- und Querreihen {arolxoi^ ^vyd) ver- 
bunden. Während des Spiels trat derselbe, um den Blick auf die Bühne 
nicht zu hindern, in 2 sich gegenüberstehende (avTiTTgodcoTtoi) Abteilungen 
auseinander, welche Stellung auch die Regel bei den in Strophen und Anti- 
strophen gegliederten Stehliedern [ardaiiia) bildete.^) 

War alles für das Festspiel vorbereitet und bei der Generalprobe im 
Odeon als richtig befunden worden,^) so fand an den Dionysosfesten selbst 
im Theater, zu dem jeder Bürger, anfangs unbedingt, später gegen ein 
massiges Eintrittsgeld,^) Zutritt hatte, die Aufführung statt. Die Auffüh- 
rung war zugleich eine Preisbewerbung [äydiv); die Entscheidung lag in 
dem Urteil von besonderen Preisrichtern, 5 an der Zahl.^) Preise wurden 



^) Phot. Hes. Suid. u. j^SfX7]osig imo- 
•/.QiKJov. ol noiritid e^^dy^ßuvov rgeig vno- 
xQUug xlriQio psfxtjS^errag t>noxQiPovfj,si^ovg 
rd (^Qdfiara, mu 6 viX7]aag slg Tovnidv cixQi- 
rog nuQEXnfxßdvsTo. Trotz der Regel des 
Loses wussten die grossen Dichter, wahr- 
scheinlich durch Verständigung mit ihren 
Mitbewerbern, bestimmte Schauspieler sich 
ständig zu gewinnen. 

■^) Über die Zeit der Vermehrung unten 
bei Aischylos und Sophokles. 

^) Wahrscheinlich ist man dabei von 
den 50 Mann des älteren dithyrambischen 
Chors ausgegangen, und hat von den 48 Mann, 
die man für eine viereckige Aufstellung 
allein brauchen konnte, die Hälfte (24) dem 
minder angesehenen Spiel der Komödie, die 
ganze in 4 Partien geteilte Zahl (4 >c 12) 
dem vollständigen aus 4 Abteilungen be- 
stehenden Spiel der Tragödie mit Inbegriff 
des Satyrspiels zugewiesen. Eine andere 
Erklärung wird aufgestellt von Zielinski, 
Gliederung der altatt. Komödie S. 278 f. 

^) Lyra neben Flöte angewendet im 
Wettstreit des Aischylos und Euripides in 
Arist. Ran, 1304. Bloss Auleten erwähnt 
Demosth. 21, 13. 

•') Über die Gliederung des Chors han- 
delte zuerst 0. Müller im Anhaue seiner 



für die scenischen Altertümer epochemachen- 
den Ausg. von Aesch, Eumeniden. Neueres 
bei Christ, Teilung des Chors, in Abhdl. d. 
b. Ak. XIV, 198 ff. und A. Müller, Bühnen- 
alt. 202 f. Für die Aufstellung beim Vortrag 
ist das Hauptzeugnis bei Hephaest p. 73 W. : 
xalErrca de nciqäßaaig, ineid'rj siffEkd^opteg 
Eig To &EcaQou xcd cIvtitt qöa lonoi (<X?.ij- 
^oLg arccvTsg ol ^oQEVTcd nccQEßaivov etc., 
wonach die Choreuten bei den Stasima sich 
gegenüber stunden. 

^) Dieser Proagon fand wenige Tage 
vor den Dionysien statt nach Schol. Aesch. 
in Ctes. 67. Den Proagon sucht als blosse An- 
kündigung des Stückes zu erweisen Rohde, Rh. 
M. 38, 251 ff. Mit der Annahme von 3 Arten 
von Proagon eu sucht sich zu helfen Oeh- 
iviicHEN a. 0. S. 103 ff. 

^) Das Eintrittsgeld {S^siO()ix6v) betrug 
für einen Spieltag 2 Obolen, daher Dem. de 
cor. 28: sv roip (fvoip oßoXoiu iß^ecogovy. 
Seit Perikles wurde dasselbe aus der Staats- 
kasse den Bürgern wieder vergütet. 

^) Sprichwörtlich ii^ ttepte xqirwv yov- 
vaai xsiTcci. Die 7 Richter bei Luc. Harm. 
2 und Vitruv 1. Vll prooem. scheinen auf 
spätere Zeiten, wo die Zahl der Phylen auf 
13 vermehrt war, zu gehen. Die Redu- 
zierung von 10 urteilenden Richtern auf 5 



170 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

3 verteilt, so dass, da in der Regel auch 3 Dichter oder Choregen kon- 
kurrierten, jeder derselben einen Preis erhielt und nur ein Unterschied im 
Grad des Preises stattfand, jedoch so, dass nur der erste Preis als Sieg 
galt. Höher standen im Ansehen die Siege bei den grossen Dionysien 
(aarixai vTxai) als die bei den Lenäen {Arjvaixal vTxai); von Siegen und 
Preisen bei den ländlichen Festen hören wir ohnehin nichts. Der Preis 
galt nominell der Phyle, die den Chor gestellt, und dem Choregen, der 
die Kosten getragen hatte; er bestand in einem Dreifuss (TQirrovg),^) 
der in feierlicher Weise von den Choregen zum ehrenden Andenken an den 
Sieg aufgestellt wurde. Auf solche Weise ist das berühmte choragische 
Denkmal des Lysikrates entstanden, das unter dem Namen der Diogenes- 
laterne bekannt ist. Der Dichter erhielt als Chormeister einen Ehrenlohn 
(iiiad^ög),^) dessen Höhe in den verschiedenen Lagen des Staates verschieden 
war; auch den Schauspielern oder richtiger den Protagonisten wurden seit 
456 Preise zuerkannt. Über die Preisverteilung wurde eine Urkunde {öiSaa- 
xaX(a) aufgenommen, von denen uns noch mehrere inschriftlich, andere 
durch Vermittelung der Schrift des Aristoteles ttsqI didaaxaXicov durch 
Notizen der Grammatiker erhalten sind.^) 

132. Ökonomie des Dramas. Die Anlage und Gliederung des 
Dramas^) harmonierte mit den Teilen des Theaters und der Zusammen- 
setzung des Theaterpersonals. Schon im Dithyrambus traten die Verse des 
Vortänzers den Gesängen und Tänzen des Chors gegenüber; ausgeprägter 
wurde dieser Unterschied im Drama, wo sich bestimmter die Gesänge des 
Chors [td xoQixd)^ die Reden der Schauspieler {Siäloyog, diverhium oder 
deverbium) und die Wechselreden des Chors und der Schauspieler schieden. 
Die eigentliche Handlung ruhte in den Reden und Aktionen der Schau- 
spieler; der Chor nahm zwar, seltener in der Tragödie, öfter in der Komödie, 
am Fortgang der Handlung teil, repräsentierte aber mehr den zuschauenden, 
beobachtenden Teil, in der Tragödie speziell das die verschiedenen Phasen 
der Handlung mit seinen Sympathien begleitende Volk. In der älteren Zeit 
hatte der Chor, entsprechend dem Ursprung des Dramas, den Vorrang. 

stimmende hat Sauppe, Über die Richter bei i erläuterung von Böckh, CIG. I p. 350 ff. ; 
scenischen Spielen, in Abhdl. d. sächs. Ges. seit der Zeit hat sich das Material durch 
d. W. Bd. VII aufgeklärt; vgl. Müller a. j neue Funde in der Nähe des Dionysos- 
0. 369 ff. ! theaters bedeutend vermehrt (CIA. II, 971 — 

') Der Dreifuss als Preis speziell für 
einen dithyrambischen Männerchor bezeugt 
von Lys. 21, 2, für die dramatischen Agone 
in Abrede gestellt von Bergk und Lipsius 
bei Müller S. 418. ^T, Mommsen, Heortologie 



S. 59 bringt die Verleihung des Dreifusses 



977), so dass Bergk, Rh. M. 34, 292 ff. die 
ganze Frage von neuem behandelte. Die | 



neu aufgefundenen Inschriftenplatten ent- 
halten Didaskalien der grossen Dionysien 
nach Jahren geführt (n. 971), und Dichter- 
verzeichnisse mit Angabe ihrer yTxca aGZLXcd 
damit in Verbindung, dass die Dionysien i und rTxm h]vaixcd (n. 977), 
ursprünglich apollinisch gewesen seien. ^) Arist. Poet. 12; Pollux IV, 53; Eu- 

2) Arist. Ran. 367; wie gross der Lohn j kleides bei Tzetzes tisql TQayiodlag, dazu 
war, können wir nach den bei den Pana- j Westphal, Proleg. z. Aesch. Tragödien, 
thenäen ausgeteilten bemessen; bei diesen ! Leipz. 1869; Ascherson, Umrisse und Glie- 
erhielt nach CIA. II, 965 der erste Kitharode I derung des gr. Dramas, in Jahrb. f. Phil, 
einen goldenen Olivenkranz von 1000 Drach- | Suppl. IV, 419 ff. ; Oehmichen, De eompo- 
men und 500^Dr. Silber, der zweite 1200 Dr., sitione episodiorum trag, graecae externa, 
der dritte 600, der vierte 400, der fünfte 300. Erlang. 1881; Zielinski, Gliederung der alt- 

•■') Schol. Arist. Ran. 367, Eccles. 102. attischen Komödie, Leipz. 1885. 
Über diese Didaskalien die erste Haupt- 



C. Drama. 1. Anfänge und äussere Verhältnisse. (§ 132.) 171 

Damals also eröffnete^) und schloss der Chor das Spiel; aus seiner Stellung 
in jener Zeit erklärt es sich, dass auch später noch beim Beginn des 
Spiels der Herold den Dichter oder Choregen aufforderte, den Chor herein- 
zuführen. 2) Das Lied, mit dem der Chor von dem Seitenzugang {rtaQoSog) 
in die Orchestra einzog, hiess Parodos,^) das, mit dem er die Bühne am 
Schlüsse verliess, Ex dos; zog er während des Stückes nach zeitweiliger 
Entfernung zum zweitenmal in die Orchestra ein, wie im Aias, so hiess 
dieser zweite Einzug sowie das begleitende Lied Epiparodos. Die Marsch- 
bewegung erheischte ein entsprechendes Metrum; dazu eignete sich in der 
feierlichen Tragödie zumeist der Anapäst, in der ausgelassenen Komödie 
der Trochäus oder lambus. Bei der grösseren Raschheit des Aufbruchs 
erschien auch für die Tragödie in der Exodos der trochäische Tetrameter 
nicht unpassend. Diese Rhythmen eigneten sich mehr zum recitierenden 
Vortrag {TTaQaxaraXoyrj) als zum vollen Gesang, weshalb auch die Parodos 
von Aristoteles als ^e'^ig, nicht als f^iskog bezeichnet wird. Aber bei blossen 
Einzugsversen blieb es nicht; es reihten sich daran noch andere Gesänge, 
welche der Chor, nachdem er bereits auf der Thymele Platz genommen 
hatte, vortrug. Es kam auch der Fall vor, dass der Chor stumm während 
der Reden der Schauspieler in die Orchestra einzog oder dass der Gesang 
sich zu einem Wechselgesang zwischen dem Chor und den Personen der 
Bühne gestaltete. Aber immer verblieb dem ganzen ersten, beziehungs- 
weise dem ganzen letzten Gesang der Name Parodos oder Exodos. '') Bei 
der Exodos nahmen sogar mit der Zeit die Schauspielerpartien einen solchen 
Umfang an, dass Aristoteles die Exodos unter den scenischen, nicht den 
chorischen Partien aufführt. Die mittleren Chorlieder, welche die Dialog- 
partien unterbrachen und in der Regel bei leerer Bühne vorgetragen wur- 
den, hiessen in der Tragödie Stasima, d. i. Stehlieder, im Gegensatz zu 
den Marschanapästen. 5) Solche Stehlieder zwischen dem Abtreten und 
Wiederauftreten der Schauspieler sind auch der Komödie nicht ganz fremd, 
doch haben sie hier keine gleich ausgebildete, regelmässige Stellung gehabt.^) 



^) So noch in Aescli. Suppl. Pers. und 
in den Boukoloi des Kratinos, die mit einem 
Dithyrambus anfingen. 

^) Arist. Ach. 10: 6 ö'^ uveItiev * EXoay'' 
fc> Seoyvi, TOP x^Q^^- dreier gebraucht ist 
TTQosiaccysip vom Schauspieler bei Aristot. 
polit. VII, 17 p. 1336'^ 29. 

^) Aristoteles definiert: /oqixov naQodog 
jxev 7] nQcSrr] Xi^ig 0X7] (oXov cod.) /oqov. 
Aus der falschen Lesart oXov entwickelte sich 
die falsche, schon bei Plutarch, an scni p. 
785 a vertretene Meinung, dass in Soph. 
Oed. Col. das Loblied auf Athen (668—719). 
das erste, welches der Gesamtchor singt, 
als die Parodos angesehen werden müsse. 
Im übrigen stimme ich ganz L. Schmidt, 
Rh. M. 28, 286—91 u. Ind. Marb. 1889 bei, 
der den vorwitzigen Fragen neuerer Ge- 
lehrten, welche Verse in den einzelnen Dra- 
men nach des Aristoteles Definition sei es 
der Parodos, sei es den Stasima zuzuweisen 



der Terminologie das nachklassische Zeit- 
alter angehen, und dass leicht Aristoteles 
mit dem ersten Versuch einer Feststellung 
der Terminologie nicht alle Fälle der Praxis 
getroffen habe. 

^) Daher Arist. Poet. 12: naQo^og /uer 
Tj nQMTf] ?.€^Lg oh]. So hat in Aesch. Agam. 
die Parodos 3 Teile: anapästisches Einzugs- 
lied (40-103), daktylische Perikope aus 
Strophe, Antistrophe, Epode (104 — 169), tro- 
chäische Strophenpaare (170—269). 

^) Daher Arist. a. 0.: oiclaifxoi' tfe fxt- 
log /oQov To ilvEv uvuncüorov xal TQO/ciLov. 
Der Ausdruck oidoifxou scheint mit dem 
technischen Ausdruck fabula stataria im 
Gegensatz zu fahula motoria zusammenzu- 
hängen, indem auch die Stasima dem Drama 
einen ruhigen, die Hyporchemata einen be- 
wegten Charakter gaben. Hingegen deutet 
Hermann, Epit. doctr. metr. § 665 das Wort 
de choro tenente stationes suas. 



seien, den Satz entgegenhält, dass die Fragen *■') Zielinski a. 0. nimmt, zumal Ari- 

der tragischen Technik das klassische, die | stotcles jene Teile speziell bei der Tragödie 



172 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Eine besondere Klasse dieser Zwischengesänge bilden die Hyporchemata,^) 
bei denen der Chor in jubelnder Stimmung den Fuss zum Tanze hob, wie 
in Soph. Aias 693 ff. und Arist. Lysistr. 1247 ff. Welche Ausdehnung dieser 
Tanz hatte und inwieweit auch mit dem Vortrag der übrigen Chorgesänge 
eine Bewegung verbunden war, ist schwer zu sagen. Unterschieden wurden 
3 Arten dramatischen Tanzes, die feierliche Emmeleia der Tragödie, der 
lascive Kordax der Komödie und die hüpfende Sikinnis des Satyrdramas.-) | 
Ausser den genannten Chorliedern, welche allen Arten des Dramas gemein- =• 
sam sind, hat die Tragödie und Komödie noch einige spezielle. In der 
Komödie, in welcher der Chor auch durch Zwischenlieder weit öfter in den 
Gang der Handlung eingriff, war ein Hauptchorgesang die Parabase, 
eigentlich ein ganzes Zwischenspiel, das der Chor den Zuschauern zugekehrt 
aufführte und das, wenn die Parabase vollständig war, sich in 7, teils 
gesungene, teils gesprochene Teile [xofiiuiccTiov, nagäßaaig i] ävanaiaToi^ 
liaxQov rj TivTyog, (p^rj, iniQQrßia, avTcoörj^ avT£7riQQrjf.ia) gliederte.^) Der 
Tragödie speziell eigen w^aren die Klagegesänge, xof.iiJ.oi genannt, weil 
sich die Klagenden dabei ehedem in lebhafter Erregung die Brust zer- 
schlugen; sie wurden nicht vom Gesamtchor, sondern von einzelnen Cho- 
reuten oder einzelnen Abteilungen des Chors und einer oder der anderen 
Person der Bühne abwechselnd gesungen {futlrj aiiioißaia).^) Überhaupt 
aber war der Chor durchaus nicht immer als geschlossenes Ganze thätig; 
vielmehr entwickelte er ein lebhaftes, wechselreiches Leben dadurch, dass 
er bald in seiner Gesamtheit als militärisch geordnete Rotte (^o/og) auf- 
trat, bald sich in Einzelchoreuten auflöste (aTTOQäSrjv), bald in 2 Reihen 
sich gegenüberstellte {dvTiTtQÖaomoi), bald reihenweise sang, bald durch 
seine Führer {xoQV(faTog oder riyeiiövsg tcov r]iii%oQi(x)v) sich vertreten liess.^) 
133. Die scenischen Partien, die Gespräche der Bühne oder der Schau- 
spieler, sind der Prolog und die Epeisodia. Der Prolog, oder diejenige 
Partie, welche dem ersten Auftreten des Chors voranging, fehlte, wie be- 
reits bemerkt, in den ältesten Stücken ganz, später hat er bei den verschie- 
denen Dichtern verschiedene Gestalt angenommen. Der Name Epeisodion 
bezeichnete zur Zeit, als es noch keinen Prolog gab, das erste Zwiegespräch 
der Schauspieler, indem dabei zu dem Chor, der zuvor schon eingezogen 
war, nun auch die Schauspieler in das Theater eintraten {sTisiafieaav)-^ des 
weiteren hiessen so dann auch die übrigen Dialogpartien zwischen den 
einzelnen Stehliedern, in denen die Schauspieler, welche in der Regel wäh- 



aufzählt, eine schärfere Scheidung von Tra- 
gödie und Komödie an, indem er jener die 
episodische, dieser die epirrhematische Kom- 
position zuweist. 

^) Eukleides bei Tzetzes de trag. 115. 
Aristoteles hat das vnoqy^ijfxa offenbar wegen 
seines seltneren Vorkommens ganz über- 
gangen. Die getanzten Chorgesänge gingen 
aus der älteren Form der Tragödie hervor, 
in welcher nach Arist. Poet. c. 4 und Ath. 
p. 22 a der Tanz eine grössere Rolle spielte, 

■') Bekker, An. gr. p. 101; Poli. IV, 99. 
Vgl. H. BüCHHOLTZ, Die Tanzkunst des Eu- 
lipides, Leipz. 1871; Chr. Kirchhoff, Die 



orchestische Eurythmie der Griechen, Al- 
tena 1873. 

■') KoLSTER, De 2)arahasi 1829; Agthe, 
Die Parabase, Altona 1866; Christ, Metrik'^ 
§ 734 ff. 

4) Arist. Poet. 12: xofxfxog &i &Qrjvog 
y.oivog /oQov xcd dno axijyfjg. 

^) S. obenS. 169 An. 2. Leider sind diese 
Unterabteilungen des Chors in unseren Hand- 
schriften und Scholien selten angemerkt und 
sind wir fast lediglich auf Kombinationen 
angewiesen, in denen sich besonders G. Her- 
mann in seinen Ausgaben versuchte. 



C. Drama. 1. Anfänge und äussere Verhältnisse. (§ 133) — 2. Die Tragödie. (§ 134.) 173 

rend des Chorgesaiigs abwesend waren, von neuem auf die Bühne traten. 
Man ersieht leicht, wie sich daraus die später bei den Römern und bei 
uns übliche Einteilung in Akte {actus) entwickeln konnte;^) dieselbe ver- 
drängte die alte Gliederung des Dramas in Prolog, Parodos, Epeisodia, 
Stasima, Exodos, nachdem der Chor und damit auch die alten Chorlieder 
in Wegfall gekommen waren. Prolog und Epeisodien wurden einfach ge- 
sprochen, wozu das herrschende Versmass des Dialoges, der iambische Tri- 
meter, trefflich passte.^) Aber auch das Recitativ der Vorsänger des Dithy- 
rambus lebte teilweise im Drama wieder auf. Dasselbe hatte zunächst 
seine Stelle in der Exodos und den Kommoi, welche abwechselnd von den 
Schauspielern und dem Chorführer vorgetragen wurden; dasselbe erhielt sicli 
aber auch in den Tetrametern, welche, häufig namentlich bei Aristophanes, 
auf Strophe und Antistrophe folgten und durch ihren symmetrischen Bau 
sich über die Stufe der einfach gesprochenen Trimeter erheben.^) Endlich 
fehlte auf der Bühne auch nicht der förmliche Gesang; er machte sich in 
den Einzelgesängen {inovoiSiai) und Duetten der Schauspieler {rd dno 
(Txrjvrjg seil, lislrj) breit, welche in der jüngeren Tragödie in demselben Grade 
zunahmen, in dem die schlichte Weise des alten Chorgesangs in den Hinter- 
grund gedrängt ward, so dass sie schliesslich bei Plautus und in dem 
römischen Drama den einzigen Rest des Gesangs im Theater [Cantica) 
ausmachten. 

2. Die Tragödie/) 

I a. Die Anfänge der Trag'ödie bis auf Aischylos.^) 

134. Nach Aristoteles, Poet. 4 ist die Tragödie von den Vorsängern 
des Dithyrambus {dno tcov s'^aQxövTcov xov diOvqaixßov) ausgegangen und 



^) Westphal, Prolegomena zu Aischylos 
S. 188 fr. 

^) Dem iambischen Trimeter ging zur 
Zeit, als das Drama noch mehr den Charakter 
einer Tanzaufführung hatte, der trochäische 
Tetrameter voraus; s. Arist. Poet. 4: to 
fxiiqov FX TFTQafxtTQov iafxßsTop sytvexo • to 
fxev yc<Q TiQixixov rszQaf^erQio e/Qwi^ro cTt« ro 
GcavQLxijf y.al 6QX^]Gziy.Mxiqav Bivca riju 
nobjGiy. Mehrere Gelehrte, namentlich West- 
phal, nehmen gestützt auf Flut, de mus. 28 
teilweises Recitativ der Trimeter bis in die 
Zeit des peloponnesischen Krieges an. 

^) Sehr weit gehen in der Annahme 
symmetrischen Baues der Dialogpartien, auch 
der iambischen Trimeter Prien und Oeri, 
denen gegenüber ich meine beschränkenden 
Thesen in der Philologenversammlung zu 
Wiesbaden im J. 1877 (Vrhdl. S. 141-161) 
aufstellte. 

*) Im Altertum schrieben: Asklepiades 
Tragilensis, ein Schüler des Isokrates, Tq(4- 
yio^ovfXBPa d. i. von den Mythen der Tragödie 
(fragm, coli. Werfer in Acta phil. Mon. U, 
4); Duris der Historiker und Istros aus Kal- 
latis TTfrn T()«y(odL«g (s. Ad. Trendelenburg, 



Gvammaiicormn graec. de arte trag, iudicid, 
Bonn 1867); Herakleides Pont. nsQi nur 
XQioJy TQCiyiüd'onoudp (Diog. V, 88). Der 
letztere und der Peripatetiker Dikäarch 
handelten auch von dem Inhalt {x6(pc<ha(() 
der Tragödien, speziell des Sophokles und 
Euripides (Ath. 134^ und Sext. Emp. 3, 3), 
worauf die vnod^sGsig {argumenta) des Aristo- 
phanes von Byzanz basierten, von denen uns 
noch Reste in den Schollen erhalten sind 
(s. ScHNEiDEWiN, De liypothesibus trag. gr. 
Aristopliani Byzantio vindicandis, Abhdl. 
d. Gott. Ges. VI, 3-37). — Neuere Werke: 
Welcker, Die griech. Tragödien mit Rück- 
sicht auf den epischen Cyklus geordnet, 
Bonn 1839, 3 Bde. (Hauptwerk); Boeckh, 
De tragoediae graecae principibus, Heidelb. 
1808; W. K. Kayser, Historia critica trqgi- 
corum graecorum, Gott. 1845; Patin, Etu- 
des sur les tragiques grecs, 6. ed. Paris 1884, 
ästhetische Analysen mit geistreichen Seiten- 
blicken auf das moderne Drama. — Frag- 
mentensammlungen der Poetae traqici (jr. 
von Fr. W. Wagner, Bresl. 1844—52' 3 Bde., 
und von Nauck, 2. Aufl., Lips. 1889. 

^) Bentley, De origine tragoediae, in 



174 Crriechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

zuerst im Peloponnes aufgekommen. Beide Angaben hängen zusammen. 
Denn in Korinth hatte Arion den ersten dithyrambischen Chor aufgestellt, 
und in Sikyon wurden nach der bekannten Nachricht des Herodot schon 
vor dem Tyrannen Kleisthenes tragische Chöre aufgeführt, welche anfangs 
die Leiden des Gottes Dionysos, später auch die tragischen Geschicke des 
Helden Adrastos zum Gegenstand hatten.^) Sikyon war auch die Heimat 
des mythischen Dichters Epigenes, der in seinen Dichtungen den engen 
Kreis der Dionysosmythen überschritten und dadurch das Sprichwort ovdtv 
nqog Jiövvaov hervorgerufen haben soll.'^) Dass auch in Phlius derartige 
chorische Aufführungen bestanden, dafür zeugt der Dichter Pratinas aus 
Phlius, der von seiner Heimat das Satyrdrama nach Athen brachte. Da 
so in dem Dithyrambus die Wurzel der Tragödie erblickt wurde, so ward 
Arion von Suidas Erfinder der tragischen Art {rQccyixov tqottov svQSTr^g) 
genannt und von Tzetzes geradezu in den Anfang der Reihe der Tragiker 
gestellt.^) Von den Führern der Dithyrambenchöre aber leitet Aristoteles 
die Tragödie ab, weil ihm die Dialogpartien als die Hauptsache des Dramas 
erschienen, die Rollen der Schauspieler aber aus denen der Chorführer 
gleichsam herausgewachsen waren. Solche Vortänzer {e'^ccQxoi) und zwar 
zwei treffen wir neben dem Chor schon bei Homer J^ 606 und S 19; gewiss 
haben dieselben auch in den Epithalamien der Sappho und den Parthenien 
Alkmans'eine Rolle gespielt. In der Natur der Sache lag es, dass ihre 
Worte in ein anderes, dem Einzelvortrag besser angepasstes Metrum ge- 
kleidet wurden "^j und auch inhaltlich in Gegensatz zum Gesang des Gesamt- 
chors traten. Denn dem Führer kam es zu, den Chor zum Gesang oder 
Tanz aufzufordern und demselben in erzählender Rede den Anlass zur Klage 
oder Ekstase darzulegen. Stellte nun der Chor irgend eine Handlung, wie 
im Mythus des Pentheus die Verwunderung über das Erscheinen des Gottes, 
die Verfolgung des Gegners, die Klage über den Tod des Gefallenen mit 
mimischem Gesang und Tanz dar, so bedurfte es nur noch der Anreden des 
Koryphaios und des Gegenübertretens zweier Halbchöre mit ihren Führern, 
und das dramatische Spiel war da. 



Opusc. 276 ff.; Hiller, Rh. M. 39, 321 fF.; 
Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem 
Geiste der Musik, Leipz. 1872. 

^) Her. V, 67: ol ^^ixvwvioi iii^ucoi^ xov 
' Adqriaxov xcd ^rj TTQog rd ncix^sa avrov tqk- 
yixoTac ^oqoTgl eyeQuiQov. Von Arion be- 
richtet Suidas: acavQovg eVf/xf/V tfXfxsxQa 
)JyovTaq. 

2j Zenob. V, 4; Suidas u. Phot. s. h. v. 
Das Sprichwort wird indes weder von Strabon 
p. 381 noch von Plut. Symp. T, 1 speziell 
auf Epigenes gedeutet; umgekehrt deutet es 
der letztere auf die Neuerungen des Phry- 
nichos und Aischylos. Von Epigenes datiert 
Suidas u. Otanig den Beginn der Tragödie. 
Die Sikyonier nennt Erfinder der Tragödie 
Themistios or. XXVH, p. 406 Dind. 



&s ©ianig eV« vnoxQnrjv eisvQSv. Ath. 630 c: 
Gvpsairjxs <^e xcd acnvQixrj nciaa nolrjaLg jo 
TjaXciidv ix /OQMV log xcd t) rore tQccyojdicf. 
BöCKH, Staatsh. d. Athener 11 \ 361 ff., hat 
daraus die vielberufene lyrische Tragödie 
gemacht, welche Anschauung seinerseits G. 
Hermann, De tragoedia comoediaque lyrica, ■ 
1836 (== Opusc. VIT, 211-240) als leeres 1 
Phantom bekämpfte. Den Gedanken Böckh's ' 
nahm in unseren Tagen wieder Lübbert, 
De Pindari carminibus dramaticis, Bonn. 
Ind. 1884/5 auf, wo mit freier Phantasie de- 
finiert wird: ^Qccfxcaa TQccyixcK carmina sunt 
argumenti heroici, in quibus Bacclii loco 
heroes prodibant, qui pro genere humano 
propugnantes forhmae tela et ictus intrc- 
pido p)ectore exciperent 



2) Tzetzes Proleg. in Lycophr.; vgl. Diog. ^) Zuerst trochäische Tetrameter, dann 

HI, 56: To Tjcdcaov iv jfi TQCiyM^iic nQÖxeQou ' iambische Trimeter nach Arist. Poet. 4, 
^ev ^ovog o /o^;oV disÖQcttichiCey; vdTSOoy I Rhet. Ill; 1. 



C. Drama. 2. Die Tragödie. (§ 135-136.) 



175 



135. Jene unbedeutenden Vorspiele im Peloponnes wurden bald in 
Schatten gestellt durch die entwickelteren Formen, welche die neue Kunst 
in Attika annahm. Hier war es das rebenreiche Dorf Ikaria, in dem zuerst 
mit dem Dienste des Weingottes zugleich auch das dramatische Spiel, das 
der Komödie wie der Tragödie, erblühte. Aus Ikaria stammte Thespis, 
der mit Umgehung des oben genannten Epigenes als der eigentliche Er- 
finder der Tragödie bezeichnet wurde. 2) Von dort wurde unter dem kunst- 
sinnigen Regiment der Peisistratiden die Tragödie nach der Stadt ver- 
pflanzt; im Jahre 536 führte daselbst Thespis die erste Tragödie auf; für 
das Jahr 508, nach Verjagung der Tyrannen, ist uns die Übernahme der 
Chorleistung durch Bürger bezeugt.^) Wie die Tragödie in jener ältesten 
Zeit beschaffen war und worin sich die altattische von der peloponnesischen 
unterschied, darüber lässt sich nichts bestimmtes aufstellen und davon hatte 
selbst Aristoteles keine klare Vorstellung mehr. Es werden uns zwar von 
Suidas mehrere Titel von Tragödien des Thespis überliefert: 'ÄS^Xa IlsXiov 
Tj (IfoQßag, IsQsig, ^Hi^soi, Usv^evg, aber dass Thespis schriftlich abgefasste 
Tragödien hinterlassen habe, ist sehr fragwürdig; wahrscheinlich waren jene 
Stücke junge Fälschungen, welche Herakleides Pontikos dem Ahnherrn der 
Tragödie untergeschoben hatte.*) Eher darf man aus den Angaben des 
Diogenes-'*) abnehmen, dass bei Thespis schon der Schauspieler aus der Rolle 
eines blossen Chorführers zur selbständigen Stellung einer ausserhalb des 
Chors stehenden Person herausgetreten sei und davon, dass er auf die 
Fragen des Chorführers antwortete (vTiexQivsTo), den Namen vTroxQiirjg er- 
halten habe.^) Aber was Horaz a. p. 276 von dem Wagen fabelt, mit dem 
Thespis seine Tragödien herumgefahren habe, beruht auf Verwechselung 
der Tragödie mit den Spottreden der vom Wagen herab die Leute necken- 
den Festschwärme {axco/nfiaTa €'§ «/xa^/;c), und was der späte Rhetor The- 
mistios or. XXVI p. 382 Dind. von der Erfindung des nQÖloyog und der 
^r^cig durch Thespis berichtet, ist mit freier Phantasie aus den Andeutungen 
des Aristoteles Poet. 4 herausgelesen. 

136. Ausser Thespis werden noch als älteste Tragödiendichter und 
Vorgänger des Aischylos genannt: Choirilos, Pratinas, Phrynichos. Von 



^) Ath. 40b: dnö fisd^rjg y.al rj rrjg xco- 
fiM&lag y,al t) rrjg TQayiü&Ucg svQsaig kv 'ixa- 
Qia jrjg 'Aixixtjg. 

'^) Plato Min. 321a; Dioscorides Anth. 
yil, 410u. 411; Horaz a. p. 275, deren An- 
sicht Bentley a. 0. verfocht. Dagegen 
nennt Suidas den Thespis den 16. oder 2, 
Tragiker nach Epigenes. 

•') Marm. Par. 58 (nach sicherer Ver- 
besserung), u. 61. 

*) Diog. V, 92: cp7]al J" ^AQiazö'^evog 6 
fxovGixdg xai TQCcyw&lag 'ÜQux'küi^rjV Hovtixov 
nois7v xai BeoTiidog eniyQdcpeiv. Bentley 
a. 0. 287 bezieht darauf die citierten Titel 
und erhaltenen Fragmente. Daub, De Suidae 
hiogr., Jahrb. f. Phil. Suppl. XII, 412 zeigt, 
dass jene untergeschobenen Stücke nicht in 
den Katalogen der Alexandriner stunden. 



^) Diog. 111, 56: eV rrj tgayco^la iiqö 
TSQoy fÄ6i^ ^ovog 6 /oQog i^te^Qtcfxchi^Ev, va- 
rsQov di Geanig Hva vttoxqli'^v s^evQSv. 
Vgl. Pollux IV, 123. 

6) So deutete eben Pollux IV, 123 das 
Wort vTToxQiztjg, und so gebraucht das Ver- 
bum vnoxQivofiai, synonym mit uTJoxQLvofxai, 
Homer // 407, M 228, o 170. Vgl. Apoll. 
Soph. lex. p. 160 B., Hesychius u. vnoxQivono 
und G. CuKTius, Ber. d. sächs. Ges. d. W. 
1866, S. 148 u. Rh. M. 23, 255 ff. Ob diese 
Deutung des Wortes richtig sei und ob nicht 
vnoxQnt'jg vielmehr denjenigen, der die Worte 
eines Anderen, des Dichters, wiedergab, be- 
deutete, ist freilich eine strittige Frage, 
worüber Sommerbrodt, Rh, M. 22, 513 ff. 
u. 30. 456 ff. 



176 Öriechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

diesen hat Pratinas, der aus Phlius im Peloponnes stammte, das Satyr- 
spiel in Athen eingebürgert. Suidas legt ihm 50 Dramen, darunter 32 
Satyrspiele bei; ausserdem hat sich von ihm ein hübsches Hyporchem er- 
halten, dessen rasche und wechselnde Rhythmen uns die lustigen Bocks- 
sprünge seiner Satyrn erraten lassen. In des Vaters Fusstapfen trat sein 
Sohn Aristias; eines von dessen Satyrdramen hatte den Titel Kvxko)il>, 
behandelte also den gleichen Stoff wie das einzige uns erhaltene Satyr- 
drama des Euripides. 

Der bedeutendste unter den älteren Tragikern scheint Phrynichos, 
der Sohn des Polyphradmon, gewesen zu sein; er hat nach Suidas zuerst 
weibliche Personen auf die Bühne gebracht und mit Vorliebe trochäische 
Tetrameter in seinen Tragödien gebraucht, i) Teils durch Suidas, teils durch 
andere kennen wir noch 9 oder 10 Tragödientitel, AlyvitTioi, ^Axtaicov, 
A^-xr^arig, 'AvTOiog rj A'i'ßveg^ Jixaioi [tj IltQaai rj ^vvd^Mxoi]^'^) Javäidsg, Mi- 
Xr^Tov aXwcng, UXsvQwviai^ TärraXog, (J)oiviaaai.^) Am berühmtesten davon 
waren die Q>o(viaaai^ welche Themistokles im J. 476 mit besonderem Glänze 
in Scene setzte*) und bald nachher Aischylos in seinen Persern nachahmte. 
Politischen Inhaltes war auch das Stück MiXtjtov alcoaig, berühmt geworden 
durch die Nachricht des Herodot, dass die Athener, welche durch das 
Drama an eine dunkle Partie ihrer Politik erinnert wurden, den Dichter 
mit einer Geldbusse bestraften und für die Zukunft derartige politische 
Tragödien sich verbaten.'') Auch Phrynichos hinterliess wie all die 
grossen Tragiker einen Sohn, Polyphradmon, als Erben seiner Kunst ;^) 
derselbe trat mit einer Trilogie Lykurgeia gegen die Sieben des Aischylos 
in Wettstreit. 

Choirilos hat auf die Aufstellung und die Bewegungen des Chors 
der älteren Zeit wesentlichen Einfluss geübt, so dass Sophokles gegen ihn 
und Thespis seine Streitschrift über den Chor richtete. Auch die Erfindung 
der Masken und prachtvollen Gewänder legten nach Suidas einige dem 
Choirilos bei. Aber Bedenken erregt die Angabe des Lexikographen von 
160 Dramen und 13 Siegen.'^) 



^j Die Angabe des Suidas svQsrijg xov 
TeiQccfiSTQov eyivero ist insofern schief, als 
nach Arist. Poet. 4 der Tetrameter das 
alte Metrum des tragischen Spieles überhaupt 
war. 

2) Jixuioi scheint aus JaMxcu, dem 
Namen eines persischen Volksstammes, ver- 
derbt zu sein; ferner scheinen Ivvx^coxoi, oder 
UtQaai und Zvvd^oixoi Doppeltitel der ^o'lvig- 
am gewesen zu sein. 

^) Suidas erwähnt noch einen zweiten 
Tragiker Phrynichos, den Sohn des Melan- 
thas, dem er eine Andromeda und Erigone 
beilegt; beide identifiziert Weloker, Gr. Tr. 
I, 19 unter Missbrauch des interpolierten 
Scholion zu Arist. Vesp. 1481. 

'^) Flut. Them. 5: ii/lxi]a6 dt xcu /oqtj- 
yojp TQaycpö'oTg, /nsyuhjp rjdr] rors anovdrjv 
X(d cpilorifxlav tov dyojyog €/oyrog xal ni- 



i^ovra ' Qe^iöxoxlfjg ^QEÜQQioq i/OQTJyti, 
4>QVPixog iMdaaxsv, ^Adslfu,avrog i]QX€i^. Der 
Name des Stückes ist nicht genannt; dass 
es die Phoinissai waren, ist eine wahrschein- 
liche Vermutung von Bentley. 

^) Herod. 6, 21 : 'J0-7]ycaoi dijXoy inolij- 
acif vnsQCix^sod^EVTEg t>j Mi7,rjrov ccXioasi Tfj 
Tf aX'Afj TToXXa/fi xcd drj xal -noirjocwri ^qv- 
VL/io (J'Qafxa MiXi^TOv aliooiv xcd di&d^ui^ti, 
ig ddxQvd rs ensffs ro d^eaiQov xal st,t]^'L(oadv 
fxiv log dvafxvriaavTa oixfjia xaxd X'^^^fi^' 
ö'Qa/fxrjai xal enixa'^av fxij&ei^a /Qaax'hu 
roiTO) TM ö'Qd/xari. Es verschwand so all- 
mählich die Politik aus der Tragödie, um 
später in der Komödie wieder aufzutauchen. 

^) Diese Vererbung der Kunst hing z. T. 
damit zusammen, dass der Sohn Erbe der 
Stücke des Vaters wurde. 

Auf seine Berühmtheit im Satyrspiol 



raxa rijg rixi^g di'sfhjxe roiavTr^v intyQacp^jy geht der Vers Ifi'ixa fA£i^ ßaaiT^si'g ijy XoiQi?.og 



C. Drama. 2. Die Tragödie, b. Aischylos. (§ 137.) 



177 



b. Aischylos (525— 456). i) 

137. Aischylos, Sohn des Eiiphorion, enstammte einem edlen Ge- 
schlechte des Gaues Eleusis, worauf Aristophanes in den Fröschen 886 den 
Dichter selbst mit den Worten anspielen lässt: Jt^it^tsq ry d^Qtxpaaa r/jv 
sjjirjv (fQkva. Geboren wurde derselbe nach der parischen Chronik ^) Ol. 
63, 4 =^ 525/4, nach der alten Lebensbeschreibung dagegen Ol. 64, 4. 
Die Jahre des heranreifenden Mannesalters unseres Dichters fielen in die 
grosse Zeit der Perserkriege, die nicht bloss mit hohen Gedanken des 
Dichters Brust schwellten, sondern an denen er auch selbst mit seinen 
Brüdern in den Schlachten von Marathon, Salamis und Platää heldenmütigen 
Anteil nahm. Rühmend ist seiner Tapferkeit bei Marathon in der Auf- 
schrift seines Grabdenkmals gedacht:^) 

Äla^v^ov Ev(fOQi(ovog 'A^rjvatov tqSs xsvd^si 

füvrjiJicc xaTa(px^ifX€vov nvQOiföqoio Fskag, 
a^xijv S'svSöxifxov Maga^cüvwi' ccXaoq av si'rcot 

xal ßa^vxc<iT7]€ig MrjSog snio'Tccixsvog. 
Sein Bruder Kynegeiros war jener Held, der bei Marathon mit der Hand 
ein persisches Schiff zurückzuhalten suchte und seinen Mut mit dem Tod 
besiegelte (Herod. VI, 114). Auch den Ameinias, der sich in der Schlacht 
von Salamis hervorthat, geben mehrere für einen Bruder des Dichters aus;*) 
da aber dieser nach Herodot VHI, 84 aus Pallene stammte, so können wir 
darin nur eine unhistorische Ausschmückung der Dichterlegende erblicken.^) 
Über die Erziehung des Dichters und seine Lehrer fehlen uns nähere Nach- 
richten. Im eigenen poetischen Schaffen versuchte er sich frühe, und zwar 
wandte er sich mit fast ausschliesslicher Vorliebe^) derjenigen Dichtungs- 
gattung zu, die seinem fürs Hohe und Erhabene angelegten Geist am besten 
entsprach und die damals in Athen am meisten Pflege und Anklang fand. Die 
Dichtersage Hess den Gott Dionysos selbst dem jungen Aischylos, als er die 
Trauben hütete, erscheinen und zum Dichten von Tragödien anfeuern. Schon 
vor seinem 30. Lebensjahre trat er Ol. 70 = 500/497 als Mitbewerber um 
den tragischen Kranz mit Pratinas und Choirilos in die Schranken.'^) 



SV IcnvQoig. Über einen Wettstreit des 
Choirilos mit Pratinas und Aischylos und 
dem dabei erfolgten Zusammensturz des 
Brettergerüstes in der 70. Olympiade be- 
richtet Suidas u. Hqajivag. 

^) Erhalten ist uns aus dem Altertum 
ein zum Teil auf Chamaileons Schrift TteQL 
Aia^vlov zurückgehender Biog Jia/vXov und 
ein Artikel des Suidas, zusammengestellt mit 
den anderen Zeugnissen des Altertums von 
Fb. Scholl in der Ausg. der Sieben von 
Ritschi. Neuere Bearbeitungen der Vita 
Aeschyli von Stanley in der Ausgabe des 
Dichters (1663); Che. Petersen, De Aesch. 
rita et fabulis, Kopenh. 1814; Dahms, De 
Aesch. vita, Berl. 1860; Teuffel-Wecklein 
in Ausg. der Perser 1886. 

'^) Mit der Chronik stimmt nach leichter 
Verbesserung Suidas: ^yioviCero avrog er rr 



(0 cod.) oXv/nniädt haiv wV Tis' . 

3) Ath. 627c; Paus. I, 14; Vit. Aesch. 
Nach Eustratios zu Arist. Eth. Nie. III, 2 
ward er verwundet von dem Schlachtfeld 
weggetragen. 

4) Diodor XI, 27; Aelian V. H. V. 19; 
Aristodem 3; Suidas und die Vita. 

^) G. Hermann, Op. II, 166 hat zuerst 
den Irrtum erkannt. 

^) Ausser Tragödien dichtete er auch 
Elegien, so eine auf die Gefallenen von Ma- 
rathon im Wettstreit mit Simonides; auch 
zur Dichtung eines Päan war er durch die 
Priester von Delphi aufgefordert worden 
nach Porph. de abstin. II, 18. 

^) Suidas u. ügatipag. Ob aber damals 
schon ein regelmässiger Agon bestand, wird 
bestritten. 



Hai (Ibnch der klass. Altertumswissenschaft. VII. 2. Aufl. 



12 



178 



Griechische Litteraturgeschichte. 1. Klassische Periode. 



Den ersten Sieg indes errang er erst im J. 485, als er bereits im 40. 
Lebensjahre stund. ^) 

In die spätere Lebenszeit des Dichters fallen seine Reisen nach Sikilien. 
Wie uns die bereits erwähnte Grabschrift meldet, starb er in Sikilien bei 
Gela (456), zwei Jahre nachdem er noch einen glänzenden Erfolg in Athen 
mit seiner Orestie davongetragen hatte. Aber er war schon zuvor einmal, 
bald nach dem Ausbruch des Ätna, um 470, einer Einladung des Königs 
Hieron nach Syrakus gefolgt, bei welcher Gelegenheit er zur Verherrlichung 
der Neugründung der Stadt Ätna ein Lokalstück Ahvcctai dichtete. 2) Den 
Grund seines Weggangs nach Sikilien sucht das Epigramm Anth. VII, 40 
in einer Missstimmung über die Feindseligkeit der Bürger. Die Verstim- 
mung selbst erklärten die einen aus der Niederlage, die er in dem Wett- 
streit mit Simonides um die schönste Elegie auf die Gefallenen von Marathon 
erlitt (489), die anderen aus dem Siege, den Sophokles im dramatischen 
Wettkampf des Jahres 468 über ihn errang, 2) die dritten aus dem Prozess, 
den ihm die Athener wegen Profanierung der Mysterien angehängt hatten. 
Die beiden ersten Gründe sind aus leicht ersichtlichen, chronologischen An- 
ständen unzulässig; sie sind von Leuten erdacht, welche die Grössen der 
Vergangenheit nach ihrer eigenen kleinlichen Gesinnung bemassen. Denn 
wie anders der selbstbewusste Aischylos über solche Niederlagen dachte, 
zeigt die von Athenaios überlieferte Anekdote, wonach er, als ihm einmal ^ 
die Theaterrichter den Preis aberkannten, ruhig sagte, er vertraue der 
Zeit, die werde schon seinen Tragödien die gebührende Ehre bringen.'') 
Einen besseren Boden hat der dritte Grund, da schon ein alter, unver- 
dächtiger Zeuge, Aristoteles, in der Nikomachischen Ethik III, 1 von jener 
Klage spricht,^) und der Kommentator des Aristoteles, Eustratios, zu der Stelle 
aus Herakleides Pontikos des weiteren berichtet, der Dichter habe sich bei dem 
im Theater entstandenen Tumult zum Altare des Dionysos flüchten müssen 
und sei, vor Gericht gestellt, nur dadurch, dass er seine Unkenntnis der Myste- 
rienlehre vorschützte, freigesprochen worden.^) Aber wenn es auch seine 



^) Ich habe das früher damit in Ver- 
bindung gebracht, dass überhaupt erst um 
diese Zeit tragische Wettkämpfe und Preis- 
bewerbungen in Athen eingeführt worden 
seien. Dafür schien auch zu sprechen, dass 
von dem Rivalen unseres Dichters, von Pra- 
tinas nur ein einziger Sieg angeführt wird. 
Aber diese Hypothese ist trotzdem angesichts 
der neu aufgefundenen Theaterurkunden, 
CIA. II, 977, nicht zu halten: Oehmichen 
a. 0. S. 161 hat durch geschickt angestellte 
Berechnung herausgefunden, dass vor Ai- 
schylos mindestens 9 Namen siegender Tra- 
giker stunden. 

'^) Der Ausbruch fand 479 nach Mann. 
Par., 475 nach dem verlässigeren Zeugnis 
des Thuc. III, 116 statt. Vergl. Vit. Aesch.: 

xziCopTog inedeUaro rag Jlzvaiag, oicoyi^o- 
fxsvog ßiov dyud^op ToTg avvoixil^ovGV irjv 
Tiohv. Unklar ist, warum Pausanias I, 2. 3 
den Aischylos mit Simonides, nicht auch mit 



Pindar bei Hieron weilen lässt. Dass Aisch. 
zwischen 471 u. 469 in Syrakus gewesen, 
habe ich nachgewiesen Stzb. d. b. Ak. 1888 
S. 371 ff. 

^) Ausser der Vita Plut. Cim. 8. 

*) Ath. 347 e: ojiri^x^elg ddixtog nore, cog 
QsocpQCiGTog rj XajuatXecDy iy ria tieql rj&ovrjg 
eXQtjxev, eq)7] /qopo) rag r^ayM^iag civcni- 
^Evcii, sidojg otl xo^ieTxca xiqp TiQoaTJxovaav 

^) Ausser Aristoteles s. Älian V. H, V, 
19; Clem. Alex, ström. II p. 387 und Eustra- 
tios zu Aristoteles. Schon Aristophanes Ran. 
807 sagt oilrs yccQ 'J&rjvcäoioi Gvpißaiv 'Aio- 
/vXog. 

*^) Über das Stück oder die Tetralogie, 
welche einen solchen Tumult erregte, waren 
schon die Alten auf das Raten angewiesen. 
Eustratios nennt, auf seinen Gewährsmann 
Herakleides Pontikos gestützt, unter anderen 
die Toxoiides und Hiereiai. Spätere, der Ver- 
fasser der Vita und Apsines in Rhet. gr. III, 



C. Drama. 2. Die Tragödie, b. Aischylos. (§ 138.) 



179 



Richtigkeit mit jenem Prozess wegen Entweihung der Mysterien hat, so ist es 
doch noch sehr zweifelhaft, ob gerade dieser ihn zum Weggang nach 
Sikilien bestimmte. Das Ganze sieht mehr wie eine leere Kombination der 
Grammatiker aus, gegen deren Verlässigkeit schon die Unbestimmtheit 
spricht, mit der, ohne Unterscheidung der beiden Reisen, einfach von dem 
Weggang des Dichters nach Sikilien gesprochen ist. Es bedurfte über- 
haupt keines bestimmten Anlasses, um den Aischylos für die Einladung 
nach Sikilien empfänglich zu stimmen. Der strenge Aristokrat und An- 
hänger der alten Ordnung war ohnehin verstimmt durch das Umsichgreifen 
der Demokratie und der sophistischen Aufklärung, die ihm die grollende 
Klage über die neuen Götter und Tyrannen im Prometheus und in den 
Eumeniden entlockte. 

Bei dem zweiten Aufenthalt in Sikilien fand er den Tod bei Gela 
Ol. 81, 1 = 456/5. Die Sage hat auch diesen in ein dichterisches Ge- 
wand gehüllt: ein Adler, der eine Schildkröte in den Krallen trug, Hess 
diese auf das kahle Haupt des Dichters fallen und zerschmetterte so 
seinen Schädel.^) Die Sage hat man aus einem Grabrelief zu erklären 
versucht, auf dem ein Adler mit einer Schildkröte als Symbol der Dicht- 
kunst über dem Haupte des vergötterten Dichters geschwebt habe;'-) wahr- 
scheinlich aber ist sie nur eine Übertragung einer alten, schon dem Demo- 
krit bekannten^) Fabel auf unseren Dichter, zu der den Komikern dessen 
Kahlköpfigkeit die Handhabe bieten mochte.*) Hinterlassen hatte er zwei 
Söhne Euphorion und Bion und einen Neffen Philokles, die zugleich Erben 
und Fortpflanzer seiner Kunst wurden. Mit seinen Stücken durften näm- 
lich auch noch nach seinem Tode die Überarbeiter derselben in den Wett- 
kampf eintreten, und viele sollen nach Quintilian X, 1. 66 mit denselben 
Siege errungen haben. ^) Auch sonst ward in Athen das Andenken des 
grossen Dichters in Ehren gehalten : zur Zeit des peloponnesischen Krieges 
galt er dem Aristophanes und den Leuten seiner Richtung als unüber- 
troffenes Ideal, später wurde auf Antrag des Redners Lykurg sein Stand- 
bild neben denen des Sophokles und Euripides in dem Dionysostheater 
aufgestellt. ^) 

138. Die Einrichtung der attischen Bühne, welche an den Dionysien 
nur neue Stücke zuliess und jedesmal 3 Tragödien und 1 Satyrspiel ver- 



340. 7 Sp., fabeln von den Eumeniden, die, 
wie wir uns selbst überzeugen, nichts von 
Mysterienentweihung enthalten; vgl. G. Her- 
mann, Opusc. II, 163 ff. 

1) Sotades bei Stobaios 98, 9; Val. Max. 
9, 12; Plin. N. H. 10, 3; Aelian H. A. 7, 
16; Vita und Suidas. 

2) GöTTLiNG, Opusc. 230 if.; Welcker, 
Alt. Denkm. H, 237 ff. Danach wird der 
kapitolinische Kopf, den die Tafel 4 gibt, 
i)ut' Aischylos gedeutet, wofür sich neuer- 
dings auch Kroker, Berl. Phil. Wochen- 
schrift 1885 S. 897 ff. ausspricht. 

^') Eudemos fr. 22 Sp. 
4) RoHDE, Jahrb. f. Phil. 121, 22 ff., 
0. Crusius, Rh. M. 38, 308 ff.; Keller, 



Tiere des klass. Altertums S. 258 bringt die 
Erfindung mit dem Adlerflug des Aischylos 
in recht zweifelhafte Verbindung. 

5) Vgl. Schol. Arist. Ach. 10, Ran. 868; 
Philostr. vit. Apoll. VI, 11; s. Rohde, Rh. 
M. 38, 289 ff. Schön sagt Aisch. bei Arist. 
Ran. 868: ort ij noii]aig ov/i avyie&pijxe fnoi. 

^) Vs. Plut. vit. X orat. 7: eiaijyeyxe v6- 
fxovg . . (6g )(c<).xäg aixövag dvn&aTvai tmi^ 
nou]T(oi^ Jia/vXov 2'oqpoxÄeot;ff Ev()cniöov xai 
jccg xgctyioMcig avruiy eV xoivco yQaxpafievovg 
(pvXaTTEiP xcd ZOP rrjg 7i6),€(og yQctjUficaaa 
TiaQ(xvayivi6axBLv roTg vnoxQivofiEvoig. Vgl. 
Diog. II, 43; Paus. I, 21; Ath. 19 e; s. Wel- 
cher, Alt. Denkm. II, 465 ff. 



12^ 



180 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



langte, stellte an die Fruchtbarkeit der Dichter ausserordentliche Anforde- 
rungen. Ihnen wurde, wie von den anderen grossen Tragikern, so auch von 
Aischylos entsprochen. Ein altes Verzeichnis der Dramen im cod. Laur. enthält 
72 Titel; Suidas gibt die runde Zahl von 90 Tragödien (richtiger Dramen) an; 
die Vita spricht von 70 Tragödien und beiläufig 5 Satyrspielen. Siege errang 
er nach der Vita 13, nach Suidas 28 ; in der letzteren Zahl scheinen eben auch 
diejenigen inbegriffen zu sein, welche mit Stücken des Dichters nach dessen 
Tod gewonnen wurden.') Jedenfalls hat Aischylos mit mehr als der Hälfte 
seiner Tragödien den ersten Preis errungen, wiewohl ihm erst im J. 485 
das erste Mal ein voller Sieg zu teil wurde. 2) Auf uns gekommen sind nur 
7 Tragödien in folgender Ordnung: Jla'gaai,, 'Ayajusfxvcov, XorjcfOQoi, JlQOfAtj- 
■d-svg^ Evi^ievidsg, 'Etttcc inl Orjßag, ^IxsTiSsg. Von diesen sieben sind wiederum 
nur drei, Prometheus, Septem, Persae, häufig in der byzantinischen Zeit ge- 
lesen und kommentiert worden. Die Erhaltung gerade dieser Stücke scheint 
nicht auf Zufall zu beruhen, sondern dem ästhetischen Urteil eines Gram- 
matikers aus der letzten Zeit des Altertums verdankt zu werden. Wir sind 
der Auswahl um so mehr dankbar, als sie uns nicht bloss eine vollständige 
Trilogie erhalten hat, sondern uns auch den Entwicklungsgang des Dichters, 
mehr als man bei einer so geringen Anzahl von Stücken erwarten sollte, 
erkennen lässt. Denn bei Aischylos treten mehr als bei Pindar und Sophokles 
die Stufen der allmählichen Ausbildung seiner Kunst hervor; er half eben 
selbst an der Schaffung der Tragödie mit und verschmähte es zugleich nicht, 
aus den Fortschritten, welche jüngere Genossen einführten, seinerseits Nutzen 
zu ziehen. In der Besprechung der einzelnen Stücke verlassen wir die ver- 
wirrte Folge der Handschriften und halten uns an die zeitliche Ordnung, 
die sich aus didaskalischen Angaben und inneren Anzeichen mit ziem- 
licher Sicherheit feststellen lässt. Da aber von den Tragödien unseres 
Dichters keine ein abgeschlossenes Ganze für sich bildete, sondern mit 
zwei andern zu einem grösseren, in Inhalt und Anlage zusammenhän- 
genden Ganzen (Trilogie) verknüpft war, so wird es auch unsere Aufgabe sein, 
mit der Besprechung der nur vereinzelt erhaltenen Tragödien (SuppL, Pers., 
Sept., Prom.) zugleich die der damit zusammenhängenden Stücke zu verbinden. 
139. Die ^Ixtzidsg haben ihren Namen von dem Chor der Töchter 
des Danaos, welche vor den Verfolgungen der Söhne des Aigyptos in Argos 
Schutz suchen. Die Tragödie von schlichter Einfachheit der Anlage, die 
bei dem Überwiegen des lyrischen Elementes mehr einer Kantate als einem 
Drama gleicht, teilt mit den Persern die Eigentümlichkeit, dass sie eines 
Prologes entbehrt und gleich mit dem Einzüge des Chors beginnt; sie hat 
die geringste Anzahl von Personen, nämlich nur drei (Danaos, König von 
Argos, Herold der Agyptier), die so nacheinander auftreten, dass sie mit 
Leichtigkeit von zwei Schauspielern gespielt werden konnten. Der span- 
nenden Entwicklung und des aus dem Kontrast der Handelnden entspringenden 
Konfliktes entbehren die Schutzflehenden gänzlich; gleichwohl haben sie in 
den reichgegliederten Chorliedern und namentlich in den weihevollen Segens- 



^) Es kann die Differenz aber auch da- 
her kommen, dass einmal bloss die dionysi- 
schen, das andere Mal die dionysischen und 



lenäischen Siege gerechnet waren, 
2) Bezeugt durch Marm, Par. 



C. Drama. 2. Die Tragödie, b. Aischylos. (§ 139—140.) 181 

gesängen des Schlusses grosse Schönheiten, deren Genuss nur durch die 
schweren und zahlreichen Verderbnisse des Textes gestört wird. — Ver- 
bunden waren die Schutzflehenden zu einer Trilogie mit den OaXa^xorrowi,^) 
welche die Hochzeit der Söhne des Aigyptos und der Töchter des Danaos 
zum Gegenstand hatten, und den Javcädsg,'^) in denen die Hypermestra, 
welche allein vor dem Frevel, ihren neuvermählten Gatten Lynkeus in der 
Brautnacht zu ermorden, zurückgeschreckt war, vor Gericht gestellt, aber 
durch Vermittelung der Aphrodite freigesprochen wurde. Die Trilogie und 
insbesondere das uns erhaltene erste Stück tragen eine grosse Zuneigung 
zu Argos und zu den Einrichtungen jenes Landes zur Schau; aber gleich- 
wohl verbietet die Altertümlichkeit der Tragödie an Anspielungen auf das 
im J. 461 abgeschlossene Bündnis zwischen Argos und Athen zu denken. 3) 
140. Die IJsQaai bildeten nach der uns erhaltenen Didaskalie das 
Mittelstück einer Trilogie und wurden im J. 472 aufgeführt. Sie sind ein 
historisches Drama und haben die Feier des Sieges der Hellenen bei Salamis 
zum Gegenstand; da aber die Tragödie nicht Jubel, sondern Klage und 
Jammer fordert, so hat der Dichter die Scene nach der persischen Haupt- 
stadt Susa verlegt, wohin der König Xerxes nach seiner schmählichen, 
durch die eigene Überhebung verschuldeten Niederlage in zerlumptem Ge- 
wände zurückkehrt. Der Stoff unserer Tragödie ist also nicht dem Mythus, 
sondern der Geschichte entnommen, worin Aischylos dem Phrynichos ge- 
folgt ist, dessen 4 Jahre zuvor aufgeführten (^oiviaaai nach dem Zeugnis 
des alten Grammatikers Glaukos dem Aischylos zum Vorbild dienten.^) 
Auch die Perser erfordern wie die Schutzflehenden nur zwei Schauspieler 
und entbehren wie diese des iambischen Prologs; aber die Darstellung zeigt 
weit mehr künstlerischen Aufbau, indem uns zuerst die unheilahnende Stim- 
mung des Chors und die schweren Träume der Königin Atossa in die 
dumpfe Atmosphäre vor dem Herannahen des Gewitters versetzen, bis dann 
mit der Unglücksnachricht des Boten und der Rückkehr des niedergeschmet- 
terten Königs sich das Gewitter mit all seinen Schrecken entlädt.^) Kunst- 
voll ist auch die Weise, wie durch Beschwörung des Geistes des Königs 
Dareios ein Gegensatz von heute und ehedem geschaffen und der Blick der 
Zuschauer über die Seeschlacht bei Salamis hinaus auf die Zukunft und 



^) Die von Pollux 7, 122 citierten, aber in 
dem Verzeichnis des Laur. nicht aufgeführten 
f>cdafxonoioL hat Hermann, Verh. d. sächs. Ges. 
d. Wiss. IV, 123 f. und Ausg. I, 329 mit 
den Alyvmioi identifiziert. Welcker zog 
anfangs die OaXafionoioi zur Iphigeniatrilogie, 
stimmte aber später Rh. M. 13, 189 flf. Her- 
mann bei. Westphal, Proleg. 4 stellt die 
AiyvnxLoi als ein von den fiaXa^onoi.oi ver- 
schiedenes Stück zu Mifxvoyv u. ^'vx^^^^^^'^^^- 

^) Hermann, De Aeschyli Danaidibus, 
Opusc. H, 319 ff. 

^) 0. Müller in Ausg. d. Eumeniden 
p. 123 u. Gr. Litt. I, 546 hat im Anschluss 



urteilt dagegen Wilamowitz, Herm. 21, 608 
Anm. Dass unser Stück vor dem Prometheus 
gedichtet war, davon gleich nachher. 

^) Argum. Pers.: rXavxog iv tm tisqI 
Jla/vXov I.IV&10V ix xiov ^oiviaaMV 4>Qvvi)(ov 
(prjal Tovg HbQaag fxerccnsnoi/^a&ai, exxid^r^oi 
xal rrjv f^QXV^ ^°*^ ^gdfiatog xcivrrjv: 

rwcT' eaxl UeQüiou Xixv nalai ßeßt]x6xü)y. 
nXrjp exsT Evvov)(6q iaxiv dyye'k'ko)v sv ^QXfj 
xrjv SsQ^ov rjxxar axoQvvg xe &Q6vovg Xivccg 
xoTg xrjg c<Q)(rjg nciQedQoig, evxav&cc de nqo- 
XoyiCsi /oQog nQSffßvxaiy. 

^) Lückenhaftigkeit des Schlusses der 
Perser nahm an und ergänzte denselben 



an Böckh unsere Schutzflehenden an den j durch eigene Nachdichtung Köchly, Vhdl. 

Schluss von Ol. 79 setzen wollen. Auf \ d. Phil, in Innsbruck v. J. 1875; doch da- 

das .1. 460/59 will Bücheler, Rh. M. 40, : gegen erhob die Kritik allseitigen Wider- 

(•28 auch den Vers 152 deuten. Richtig | Spruch. 



182 



Griechische Literaturgeschichte. I. Klassische Periode. 



die Niederlage bei Platää gelenkt wird. Aber sicher noch weit mehr wirkte 
im Theater zu Athen der nationale Hintergrund, den der Dichter noch 
durch die Erkundigungen der Königin über die Zustände Athens zu steigern 
verstund; lauter Beifall lohnte sicher den Dichter bei den Versen 241 f. 
AT. Tig 6t TToifxccvwQ sTisöTi xaTTiSscTTUo^si arqaxoi; 
XO. ovTivog SovXoi xsxXrivrai (pcordg ovo' vnrjxooi. 

Die vollständige Tetralogie bestand aus den Tragödien ^ivsvg, lltQaai,, 
rXadxog JIoTvisvg^) und dem Satyrdrama /7^o/tryi9^frc nvQxasvg,^) Im ersten 
Stück, das von dem alten Thrakerkönig der Argonautensage benannt war, 
war wahrscheinlich der Durchzug des Perserheeres durch Thrakien, im 
Glaukos, der von dem Dorfe Potniä auf dem Wege von Platää nach Theben 
seinen Beinamen hatte, die Schlacht von Platää und der gleichzeitige 
Seesieg der Griechen Sikiliens über die Karthager bei Himera berührt. 
Es sind also auch hier die Stücke der Trilogie in einem inneren Zusammen- 
hang gestanden, wenn sie auch nicht Teile einer und derselben Handlung 
bildeten. 

Die Tetralogie der Perser mit ihrem grossartigen nationalen Hinter- 
grund kam auch bei einer besonders feierlichen Gelegenheit zur Aufführung. 
Mit ihr wurde nämlich im J. 472 das neuerbaute Dionysostheater zu Athen 
eingeweiht, wie wir jetzt aus den neuaufgefundenen Theaterurkunden (CIA. 
II, 971) wissen. Die Ausstattung der Bühne hatte Perikles übernommen, 3) 
dessen Stern eben damals aufzugehen begann und der sich mit dem Dichter 
in den Ruhm des Tages teilte. Später wurde die Tetralogie nochmals in 
Syrakus aufgeführt, wahrscheinlich im J. 470, als der Dichter selbst in 
Syrakus weilte.*) 

14:1. Die 'ETtra stcI Qrjßag wurden als drittes Stück zusammen mit 
Laios, Oedipus und dem Satyrspiel Sphinx im Jahre 467 aufgeführt. 
Aischylos siegte mit dieser Tetralogie über Aristeas und Polyphradmon, 
die Söhne seiner alten Nebenbuhler Pratinas und Choirilos. Wir begreifen 
leicht an dem einen uns erhaltenen Drama das Urteil der athenischen 
Richter. Dasselbe ist nicht bloss ein SQcifia "Aqso^g ßsatöv, wie es Aristo- 
phanes in den Fröschen V. 1021 nennt, sondern lässt auch weit mehr den 
Dialog zur Geltung kommen, ohne dass deshalb die melischen Partien des 
von banger Furcht geschüttelten Frauenchors an wirkungsvoller Schönheit 
etwas eingebüsst hätten. Einen Glanzpunkt der Tragödie bildet die Schil- 
derung der 7 feindlichen Heerführer und der 7 Thebaner, welche an jedem 



der 7 Thore der Stadt einander 



entgegenstanden, 



wobei mit fein berech- 



') Der Zusatz JIotviEvg fehlt in der alten 
Mediceerhandschrift, rührt aber trotzdem 
sicher aus alter Tradition her; er sollte 
unsern Glaukos von dem Satyrdrama Glaukos 
unterscheiden. Welcker, Aeschyl. Tril. 47 
u. Rh. M a. F. 5, 236 dachte an den Meer- 
gott Glaukos Pontios und nach Fr. 35 und 
Pind. P. I, 75 an eine Verherrlichung des 
mit der Schlacht von Salamis gleichzeitigen 
Sieges über die Karthager bei Himera. 

2) Der Zusatz nvqxaevg steht nicht in 
der Didaskalie, woraus Sittl, Gr. Litt. III, 



255 schliesst, dass die Prometheustrilogie 
erst nach den Persern aufgeführt sei. Aber 
der Zusatz wird überhaupt, wie die ähnlichen 
anderer Stücke (z, B. Oed. Tyr.), erst von 
den Grammatikern zugefügt sein. 

3) Siehe oben § 129. 

^) Diese zweite Aufführung in Syrakus 
wird ausser durch die Vita auch noch durch 
Eratosthenes und Herodikos in den Scholien 
zu Aristoph. Ran. 1028 bezeugt; vgl. Schö- 
MANN, Rh. M. 42, 467 ff. 



C. Drama. 2. Die Tragödie, b. Aischylos. (§ 141.) 



183 



nender Kunst der mit besonderer Liebe nach dem Muster des tugendhaften 
Aristides i) gezeichnete Amphiaraos und das unselige Brüderpaar Polyneikes 
und Eteokles, deren Zweikampf den Höhepunkt des Dramas bildet, an den 
Schluss gestellt sind. Indes die volle Herrschaft über den Dialog hat doch 
auch hier der Dichter noch nicht gefunden, indem in jener langen Partie 
die Handlung nicht vom Fleck rückt und wir mehr nur einen Zyklus von 
lebenden Bildern zu schauen vermeinen. Auch bedarf bezeichnenderweise 
das Stück noch nicht eines dritten Schauspielers, sondern nur eines weiteren 
Sängers {TraQaxoQrjyrjina) für das Klageduett der Antigene und Ismen e. Auf- 
fällig ist, dass der Schluss des Stückes (996 — 1070) einen durch den Ver- 
lauf der Handlung nicht begründeten Hinweis auf das Verbot der Bestat- 
tung des Polyneikes und die heroische Weigerung der Antigene enthält. 
Derselbe hat die Gelehrten, bevor Franz im J. 1848 die Didaskalie im 
Cod. Laurentianus entdeckte, zu allerlei, jetzt abgethanen Vermutungen 
über das den Sieben nachfolgende Stück verleitet.-) Aber jene Partie, in 
der wir auch ganz und gar die Kühnheit der äschylischen Diktion ver- 
missen, scheint erst später bei wiederholter Aufführung der Tragödie zu- 
gefügt zu sein.^) 

Von den mit den Sieben verbundenen Stücken Laios, Oedipus, Sphinx 
sind uns leider nur ganz dürftige Überbleibsel erhalten.-*) Aber so viel 
lernen wir auch aus der erhaltenen Tragödie kennen, dass der Dichter mit 
grossem Geschick die tragischen Momente der alten Mythe teils beibehalten, 
teils durch wirksamste Um- und Zudichtung verstärkt hat: die Selbst- 
blendung des Oedipus, welche das alte Epos entweder gar nicht kannte 
oder doch erst in eine spätere Lebenszeit des Königs (Od. A 271 ff.) ver- 
legte, Hess Aischylos gleich auf die Erkenntnis der blutschänderischen Ver- 
bindung mit der eigenen Mutter folgen (Sept. 763 ff.); die 4 Kinder, Eteokles, 
Polyneikes, Antigene, Ismene, welche nach dem alten Epos Oedipus mit 
seiner zweiten Gemahlin, Euryganeia, erzeugt hatte, 5) machte er durch 
schaudererregende Modifikation der alten Sage zu unseligen Sprossen der 
gottlosen Ehe des Sohnes mit der Mutter.^) Im übrigen passte der grause 
Fluch, den nach dem alten Epos der Vater über seine lieblosen Söhne aus- 
stiess, dem Tragiker trefflich in seinen Plan, und diente der trilogischen 
Verknüpfung einzig die zwiefache Schicksalsfügung, dass der Sohn den 
Vater, welcher die Mahnung des Orakels in den Wind geschlagen hatte, 
ohne Vorwissen tötet, und dass an den Söhnen hinwieder sich der Fluch, 



^)^Den Vers 579 ov yccQ ^oxeXv cigiarog, 
uXV slvai d^iXei bezog das Theater unter lau- 
tem Beifall auf Aristides nach Plut. Arist. 3. 

2) Vgl. Müller, Gr. Litt. I, 540; das 
Richtige erkannte schon vor Aufdeckung 
der Didaskalie Näke, Rh. M. 27, 194 ff. 

^) Oberdick, De exitu fabulae Aeschyli 
quae Septem adversus Thebas inscribitur, 
Arnsberg 1877. 

^) Vermutlich bildete in den 3 Stücken 
ein öffentliches Unglück den Hintergrund 
der Handlung: in den Sieben die Belagerung 
der Stadt, in dem Oedipus ähnlich wie im 
Oed. Tyr. des Sophokles eine verheerende 



Pest, im Laios das Unheil der Sphinx. Die 
rätselgebende Sphinx war dann selbst in 
burlesker Weise in dem zugehörigen Satyr- 
spiel vorgeführt. 

^) So sicher der Dichter der Oidipodeia 
nach dem Zeugnis des Pausanias IX, 5. 11 ; 
wahrscheinlich aber dachte sich so auch 
Homer a. 0. das Sachverhältnis. Nach Pau- 
sanias hat auch noch der Maler Onasias, 
ein Zeitgenosse des Polygnot, auf einem Ge- 
mälde dargestellt xazrjcprj rrjp EvQvyaveiuv 

«) Sept. 739. 913. 1023. 



134 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

den der gereizte Vater im Zorne ausgestossen hatte, in schrecklicher Weise 
vollzieht. 

142. Der IlQOfxrjx^svg 6€(f(ji(6T7]g, benannt von dem Hauptträger der 
Handlung, ist der berühmte Repräsentant einer Göttertragödie. Zu einer 
Trilogie verbunden war derselbe mit dem ÜQoiiri&svg Xvöiuvog und dem 
ÜQoixr^d^svg rrvQcpoQog. Der erstere folgte unmittelbar auf den gefesselten 
Prometheus, wie aus einer Angabe des Scholiasten zu V. 527 feststeht; der- 
selbe enthielt nach einer alten, bereits bei Hesiod. Theog. 525 ff. vorkom- 
menden Mythe die Erlösung des gefesselten Prometheus durch Herakles, 
der den Adler, welcher dem Halbgott die Leber abfrass, mit seinem Bogen 
wegschoss.i) Den JlQOjjirj^svg rcvQcpoQog hat man ehedem das erste Stück 
der Trilogie bilden lassen, in welchem der menschenfreundliche Heros den 
göttlichen Feuerfunken den hilflosen Menschen gebracht habe. 2) Da aber 
Prometheus nach den Schollen zu V. 94 in jenem Stücke sagte, dass er 
30,000 Jahre gefesselt gewesen sei, so nahm Westphal, Proleg. zu Aisch. 
S. 207 if. an, dass der feuertragende (nicht der feuerbringende) Prome- 
theus vielmehr den Schluss der Trilogie gebildet habe und ähnlich wie 
die Eumeniden zur Verherrlichung eines attischen Festes, der Prometheia, 
bestimmt gewesen sei.^) Die hohe Bedeutung des uns erhaltenen Stückes 
liegt nicht in dem Aufbau der Handlung, die vielmehr sehr geradlinig 
verläuft und durch die locker eingelegte Episode der gleichfalls durch Zeus 
ins Unglück gestürzten und auf ihren Irrfahrten bis zum Kaukasus kom- 
menden lo *) mehr gedehnt als verwickelt wird ; sie liegt vielmehr in der 
grossartigen Zeichnung des Titanen, der als gemarterter Dulder für die 
dem Menschengeschlecht erwiesenen Wohlthaten an die hehre Gestalt des 
christlichen Menschenerlösers erinnert,^) in dem gewaltigen Trotz aber, 
mit dem er die Aussöhnungsversuche der neuen Götter von sich weist, 
die heroische, selbstherrische Natur des Dichters selbst widerspiegelt. Von 
überwältigender Wirkung ist namentlich der Schluss der Tragödie, wo der 
Fels, an den der Heros geschmiedet ist, unter Donner und Blitz versinkt. 
Im übrigen gehört das Drama zu der Klasse der TQayioSiai rsgarröSsig, da 
schon die äusseren Erscheinungen des an den Fels geschmiedeten Prometheus, 
der durch eine Maschine niedergelassenen Okeaniden, des auf einem Wunder- 



') Nach den zahlreichen Fragmenten 
des griechischen Originals und der lateini- 
schen Bearbeitung des Accius hat Schömann, 
Greifsw. 1844 eine poetische Rekonstruktion 
des gelösten Prometheus versucht. Die 
schöne Mythe wurde auch durch die bildende 
Kunst verherrlicht, wie auf dem kapitolini- 
schen Prometheussarkophag, einem pom- 
peianischen Wandgemälde (Heibig n. 1128), 
einem Gemälde der Villa Pamfili (0. Jahn, 
Abh. d. b. Ak. VIII, 2), einer neuerdings auf- 
gefundenen, von MiLCHHÖFER, Befreiung des 
Prometheus, 42. Winckelmann's Programm 
(1882), richtig gedeuteten Marmorgruppe von 
Pergamon. 

2) Welcker, Die äschyl. Trilogie Pro- 
metheus und die Kabirenweihe zu Lemnos, 
nebst Winken über die Trilogie des Aesch. 



überhaupt, Darmstadt 1824, mit Nachtrag, 
Frankfurt 1826. 

^) Zu beachten ist dabei, dass der Ko- 
miker Diphilos eine travestierende Komödie 
lIvQcpÖQog dichtete. Vgl. Pollux 8, 116: tivq- 
(poQog ' Tialg nvQ enl rovg ßüjjuovg enixid^eig. 
Aber wankend macht an der gegebenen Auf- 
fassung das Citat des Philodemos de pietate 
p. 39 ed. Gomp. : Aio/vlog ev zm X<vo-> ^i- 
V <M TIq-) ofXf]&£L . . . . (.vn> 6 Jiog d6d<€ad^ca>; 
vgf. Nauck, TGF.2 p. 69. 

■*) Näher ward die lo dem Prometheus 
dadurch gerückt, dass der 13. Nachkomme 
derselben, Herakles, dem Prometheus Er- 
lösung bringen sollte ; s. V. 897 fF. 

^) Lasaulx, Prometheus, die Sage und 
ihr Sinn, Würzb. 1844. 



C. Drama. 2. Die Tragödie, b. Aischylos. (§ 142-143.) 185 

vogel herbeigekommenen Okeanos und der in eine Kuh verwandelten lo 
Staunen bei den Zuschauern hervorrufen mussten.^) — Über die Zeit der 
Aufführung fehlen uns didaskalische Zeugnisse. Der Hinweis auf die Sikiliens 
Fluren verwüstenden Feuerströme Typhons (V. 383 ff.) zeigt, dass das Stück 
nach dem Ausbruch des Aetna, der im J. 475 ^) stattfand, gedichtet wurde. 
Ebenso lehrt die Vergleichung von Prom. 876 und 883 mit Suppl. 45 und 
230, dass unser Prometheus nach den Schutzflehenden anzusetzen ist.^) 
Weiter herab, auf die Zeit nach 468 führt der Prolog des Dramas ; nicht 
bloss beginnen noch die 472 gegebenen Perser nach altertümlicher Weise 
direkt mit dem Einzug des Chors ohne jeden Prolog, es konnte auch unser 
Prolog kaum anders als mit drei Schauspielern (Heph aistos, Kratos, Pro- 
metheus) gespielt werden.^) Wenn daher nicht die Verse 1 — 87 des Pro- 
logs erst bei einer späteren Aufführung nach dem Tode des Aischylos 
hinzugefügt wurden,^) was doch bei der altertümlichen Strenge und der 
echtäschylischen Diktion dieser Partie äusserst unwahrscheinlich ist, so 
kann der Prometheus erst nach Einführung des 3. Schauspielers gedichtet 
sein. Nahe an die Eumeniden rücken ihn auch die beiden Tragödien ge- 
meinsamen Klagen über die neuen Götter und die neuen übermütigen 
Machthaber, aus denen der Unmut des alten Optimaten über die frei- 
geisterischen und demokratischen Grundsätze der perikleischen Staats- 
verwaltung deutlich herausklingt. Hat, wie ich vermute, Pindar P. lY, 291 
mit Xv(fs dt Zsvg a(f&itog Tnävag, ip 6t XQOVoi i^szaßoXal Xif^avTog ovqov 
lariMv auf unsere Trilogie angespielt, so muss dieselbe, da jene Ode des the- 
banischen Sängers auf einen pythischen Sieg des Jahres 466 geht, zwischen 468 
und 466 aufgeführt worden sein, von welchen drei Jahren wiederum das eine, 
467, wegfällt, da in diesem Aischylos mit der thebanischen Trilogie siegte. 
143. '4yaf.i€ijiV(tiv, XovjCfÖQOi und Ev^xtviSsg bilden zusammen die 
sogenannte Orestie,^0 welche 458 zur Aufführung kam und den ersten Preis 
erhielt.'^) Das Satyrspiel dazu war der Proteus, auf den schon im Aga- 
memnon V. 834 hingewiesen wird ^) und der mit den 3 Tragödien insofern 
zusammenhing, als der Meergott Proteus bei Homer Od. S 511 ff. dem 
Menelaos das schauerliche Geschick des Agamemnon weissagt. Die uns 



^) Auch die Parodie in Aristophanes schliefen Hesse, was schon wegen der tech- 

Vögel 1494—1551 hat den Charakter des nischen Schwierigkeit imwahrscheinlich ist. 

Wunderbaren. Bezüglich der Vorausschickung eines Pro- 

-) Vgl. S. 145 An. 1. Die glänzende loges bemerke man indes, dass schon 470 

Schilderung Pindars P. 1, 15 — 28 scheint Phrynichos seine Phönissai mit Versen des 

das Vorbild für die matten Verse Prom, | Schauspielers beginnen Hess. 

367 — 388 gewesen zu sein; siehe indes die j "') Vgl. Röhleke, Septem adv. Theha» 

obige Stelle. j et Prometheum vinctitm esse fahulas post 

^) Wenn die Irrfahrten der lo in Prom. j Äeschylum correctas, Berol. 1882. 

819 if. etwas abweichend von Suppl, 556 ff. j ^') Nach Aristoph, Ran, 1127 war Ore- 

erzählt sind, so hängt dieses mit der dem steia ein anderer Name für das Mittelstück, 

Prometheus eigentümlichen Neigung zum | die Choephoren; erst von den Neueren wurde 

Wunderbaren zusammen. i der Name auf die ganze Trilogie übertragen. 

^) Ausser diesen 3 Schauspielern be- ^) Arg. Agam,: ididd/d^t] x6 ÖQä^a snl 

durfte es noch der stummen Person der Bia. «pj^oiro? <^iXoxX6ovg 6X. n' ersi ß' . nQuitog 

Mit 2 Schauspielern und 1 stammen Person Aia/vXog 'Jyctfxefxfopi, XotjcpoQoig, Ev^evioi. 

käme man nur aus, wenn man den Kratos \ IJQMxei acavQixw ^ sxoQtjyEt Bsroalrjq^AcfiövEvc:. 

V. 84 verschwinden und rasch, vor V. 88, | ^) Dieses ist fein bemerkt von Böckh, 

m die den Prometheus vorstellende Puppe j De traf/, gr. princ. p. 208. 



186 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



erhaltenen 3 Tragödien waren wahrscheinlich die letzten, welche Aischylos 
in Athen zur Aufführung brachte, da er bald darauf nach Sikilien aus- 
wanderte und dort den Tod fand. Jedenfalls sind sie die vollendetsten 
unter den uns erhaltenen, und ist namentlich der Agamemnon wohl das 
erhabenste und ergreifendste, was überhaupt ein Diener der Melpomene 
geschaffen hat. Den Stoff zur Trilogie, deren 3 Teile, Mord des heim- 
kehrenden Königs, Rache des Orestes an der unnatürlichen Mutter und 
ihrem Buhlen, Sühnung des von den Furien verfolgten Muttermörders, ein 
grosses, in sich geschlossenes Ganze ausmachen, hatte der Dichter in der 
Hauptsache von Homer entlehnt, ') doch so, dass er in der Verwertung der 
alten Sage, selbst in kleineren Einzelheiten derselben eine wundervolle 
Kunst bewies, wie in der Hereinziehung der Kassandra,^) die einerseits die 
Eifersucht der Klytaimestra mit Recht erregt und somit deren Schuld 
mindert, anderseits mit ihrem Seherblick die grauenhaften Vorbereitungen 
zur entsetzlichen Mordthat vorausschaut und den Zuschauern verkündet. 
Neu hinzugedichtet ist der wesentliche Inhalt des dritten Stückes, die 
Freisprechung des Orestes auf dem Areopag durch den Stichentscheid der 
Göttin Athene {calcultis Minervae) ^) und die Versöhnung der Erinyen, die 
aus bluttriefenden Furien in segenspendende Huldgöttinnen sich wandeln. 
Der Dichter hat diesen Teil speziell für Athen und die Verherrlichung des 
gerade damals von der demokratischen Partei hart angegriffenen Gerichts- 
hofes auf dem Areopag gedichtet.^) In dem Mittelstück, das von den die 
Todesspende zum Grabhügel des Agamemnon tragenden Chorjungfrauen den 
Namen XorjgjOQoi erhielt, rührt die Art der Wiedererkennung des Geschwister- 
paares von der Erfindung des Dichters her."^) Diese letzte Partie, wo Elektra 
den Bruder an der dem Toten geweihten Haarlocke und an der Grösse 
der Fusstapfen erkennt, ist freilich wenig geglückt, namentlich wenn man 
die Feinheit der sophokleischen Elektra daneben hält.^) Um so wirkungs- 
voller aber waren die aus Stesichoros herübergenommenen und für die 
Bühne weiter entwickelten Motive der treuen alten Amme und des unglück- 
ahnenden Traumes der Königin. Mehr indes als alle einzelnen Vorzüge 
bedeutet der grosse Fortschritt, den die Kunst des Dichters in der ganzen 



1) Hom. Od. y 262 -314 u. X 405-434. 
Vorgänger des Aischylos waren die Lyriker 
Xanthos und Stesichoros, die schon in ihren 
Orestien den gleichen Mythus behandelt 
hatten, vgl. Raoul-Rochette, Oresteide, in 
Monura. ined. 1833. 

'^) Dem Aischylos folgt in diesem und 
in anderen Zügen sein Geistesverwandter, 
Pindar in P. XI; s. oben S. 154 An. 3. 

^) Diese Abstimmung der Minerva ist 
dargestellt auf dem berühmten corsinischen 
Silberbecher, Baumeister, Denkm. d. kl. 
Alt. n. 1316. 

**) Die Einsetzung des Areopag wird feier- 
lich von Athene verkündet Eum. 684—713; 
diese Rede will indes Wecklein, Stzb. d. b. Ak, 
1887, S. 64, hauptsächlich wegen der lokalen 
Schwierigkeit, welche das Pronomen 'ö&s in 
nc'cyov "jQSioy royde (688 u. 691) bietet, für 
eine junge Interpolation ausgeben. — Über 



die Verbindung des Areopag mit dem Kulte 
der Is/ufcii, die an der Erdschlucht des 
Areshügels einen altehrwürdigen Gottesdienst 
genossen, s. Töpffek, Attische Genealogie 
170 ff. 

^) Der Traum der Klytaimestra und die 
Amme des Orestes kamen, worauf mich 
Sitzler aufmerksam machte, schon bei Stesi- 
choros fr. 41 u. 42 vor. 

^) Die Wiedererkennungsscene beruht auf 
klügelnder Schlussfolgerung, was Arist. Poet. 
16 tadelnd bemerkt; über sie witzelt selbst 
Aristophanes Nub. 536. Über das Verhältnis 
der Choephoren und der Elektra ist unend- 
lich viel geschrieben ; ich begnüge mich zu 
verweisen auf A. W. Schlegel, Vorles. üb. 
dram. Kunst 1, 222- 245; Fleischmann, Kri- 
tische Studien über die Kunst der Charak- 
teristik bei Aesch. u. Soph., Erlangen 1875 
u. Jahrb. f. Phil. 115, 513 ff. 



C. Drama. 2. Die Tragödie, b. Aischylos. (§ 144.) 187 

Anlage dieser seiner letzten Trilogie genommen hat. Er hat nicht bloss 
von dem dritten Schauspieler vollen Gebrauch gemacht, er hat denselben 
auch meisterhaft verwertet, um eine spannendere Entwicklung in die Hand- 
lung zu bringen und die Charaktere durch gegenseitige Hervorhebung 
schärfer hervortreten zu lassen. Dabei bewährte er zugleich die alte 
Grossartigkeit seiner Natur in der grandiosen Zeichnung der rachebrütenden, 
nach dem Blute des gehassten Gemahls lechzenden Klytaimestra, ^) in der 
grausigen Scene des die Mutter zur Mordstätte zerrenden Orestes (Choeph. 
880 — 930), in der wirkungsvollen Gegenüberstellung der alten und neuen 
Weltordnung in den Eumeniden. In den Chorliedern aber hat er anfangs 
durch Rückblicke in die Vergangenheit, den Auszug der Achäer, die Opfe- 
rung der Iphigeneia, den Raub der Helena, die Züchtigung der Troer, die 
Gewitterwolken sich allmählich aufthürmen lassen, dann aber nach voll- 
brachter Blutthat das Walten der höheren Mächte und die hehre Not- 
wendigkeit unerbittlicher Bestrafung begangenen Frevels in erhabenster 
Sprache verkündet. Wenn irgendwo, so sieht man aus den Eumeniden, 
dass Aischylos nicht so sehr den Zuhörern einen Genuss durch Entfaltung seiner 
dichterischen Kunst bereiten, als vielmehr Lehrer seines Volkes und Verkünder 
der höchsten Sittengesetze sein wollte. Einen gewaltigen Eindruck hat 
namentlich zu allen Zeiten auf jeden empfindenden Leser die grandiose, 
tiefsittliche Auffassung der Rachegeister gemacht; wiedergegeben hat denselben 
niemand besser und ergreifender als Schiller in den Kranichen des Ibykus. 
144. Verlorene Dramen. Aischylos hat seine Dramen Tsindxrj 
iwv ^OjXTiQov iieyccXwv dsinviov genannt. 2) Das hat, wenn wir, wie billig, 
auf den Inhalt schauen, nur zum Teil seine Richtigkeit, und überhaupt 
nur, wenn wir unter dem Namen Homer an den Dichter des gesamten 
epischen Kyklos denken. Aus dem troischen Sagenkreis nämlich entlehnte 
er den Stoff zur Trilogie von Hektors Tod und Lösung, oder zu den Tra- 
gödien MvQfJiiSdvsg, Nr^Qtjldsg, (^Qvysg rj "ExroQog Xvrqa (nach Ilias / — /2), 
ferner zu den Käqsg (von Sarpedons Tod),^) zu Mä/nvcov und ^vxoaraaia 
(Wägung der Todeslose, nämlich des Memnon und Achill, nach der Aithiopis 
unter Anschluss an II. X, 209 ff.), zw^OtcImv xQiaig, OQiaaai (von Aias Tod) 
und 2aXaixivi(xi (nach der kleinen Ilias), zu <I>iXoxvrjTrjg^) und Arjiivioi (eben- 
falls nach der kleinen Ilias), zu ^Icpiyävsia, Tr^Xsipog und üalai^Li^d^^g (nach den 
Kyprien),^) zu ^vxc^YOiyof, JlrjvsXÖTjrj^ KiQxrj aaTVQixrj (nach Telegonie). Dem 
Dionysosmythus, der alten Quelle der tragischen Kunst, war entnommen die Te- 
tralogie AvxovQysia, zu welcher die 'Hdcovof, Baaaaqai, Nsaviaxoi, Avxovqyog 



^) Das Mass überschreitet Aisch., wenn 
er Agam. 1388 den Blutstrahl des hinge- 
schlachteten Königs mit dem segenbringen- 
den Regen vergleicht. Den Anstoss, den 
unser Gefühl an der Unthat der Gattin und 
des Sohnes nimmt, hat mein Freund Siegert 
in seiner Tragödie Klytämnestra durch voll- 
ständige Umdichtung zu beseitigen gewagt. 

^) Ath. 347 e; beachtenswert ist, dass 
keiner der Titel des Phrynichos auf Homer 
hinweist. 

"') Von den Kuqeg (im Sinne von Avxioi) 



wurde ein Fragment, in welchem Europe, des 
Sarpedon Mutter, um ihren Sohn bangt, aus 
einem Papyrus ans Licht gezogen von Weil, 
Nouveaux fragments d' Buripide et d' autres 
poetes, Paris 1879; Bläss, Rh. M. 35, 74 ff., 
jetzt auch bei Nauck TGP.'"^ 33. 

^) Über die Abweichung des äschylischen 
Philoktet vom sophokleischen s. Dio Chrys. 
or. LH. Der Chor bestand aus Lemniern. 

"'') T^Xecpo? und Hcdafi 'df]g sind in dem 
Verzeichnis des Mediceus durch Zufall, wie 
es scheint, ausgefallen. 



Igg Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

(tavvQixög gehörten, ferner die Stücke Jlfvd^svg, Sccvrqim^ ^sfjishj r] vÖQOifOQoi^ 
Jiovvaov TQocfof, welche gleichfalls zusammen eine Tetralogie gebildet zu 
haben scheinen. Der Argonautensage gehörten an 'Ad^ä^ag^ ^VifuTivkrj, 'ÄQyw, 
KdßsiQüi,^) vielleicht auch 0€(oqoi r] 'la^/juacTtai, Nsiisa. Auf verschiedene 
andere Sagenkreise bezogen sich die 'ÄQystoi, 'EXsvaivioi, ^Eniyovoi (Adra- 
stossage), (PoQxiSsg, noXvSexrr^g (Perseussage), 'Alxinrjvr], ^HQaxleiSai (Hera- 
klessage), 2) ^Hliddsg (Tod des Phaethon), To^otiSsg (Untergang des Aktaion), 
Nioßrj,^) 'AraXarTTj, ^I'^icov, HsQQccißiSsg, 2iav(fog. Nimmt man noch hinzu, 
dass Aischylos auch die Göttermythe auf die Bühne gebracht, das Wagnis einer 
politischen Tragödie versucht, in den Ahvaiai die Lokalsage dramatisiert, ge- 
legentlich auch Elegien und Epigramme gedichtet hat, 4) so bekommt man eine 
Ahnung von der Vielseitigkeit und der Originalität des Begründers der Tragödie. 
145. Die eigentlichen Verdienste des Aischylos um die dramatische 
Kunst liegen nur zum kleineren Teil in dem Reichtum des Stoffes, sie sind 
vorzüglich in der Gestaltung des Mythus und in der Ausbildung der dra- 
matischen Darstellungsmittel zu suchen. Die letzteren fasst Aristoteles, 
Poet. 4 in die Worte zusammen: t6 ts %wv vnoxQiTcov nXrjd^og i^ ivog flg 
dvo TiQcoTog ÄlaxvXog Tjyays xal tcc tov %oqov ijXccttmös xai tov Xöyov tvqm- 
ray(x)naTi]v naqeaxsvaas.^) Wir sahen oben, dass in diesen Punkten sich 
der Dichter allmählich vervollkommnete: in seinen älteren Tragödien, wie 
besonders in den Schutzflehenden, nehmen die Chorlieder noch einen über- 
mässigen Raum ein und ermüden nicht selten durch die Wiederholung- 
gleicher Gedanken; erst nach und nach erweiterte er die Dialogpartien, 
fügte den Prolog hinzu ß) und nahm von Sophokles auch den 3. Schauspieler 
an. Sehr richtig antwortete deshalb der Verteidiger des Aischylos den 
Bewunderern des Sophokles, weit schwieriger sei es nach Thespis und 
Phrynichos die Tragödie auf solche Höhe zu bringen, als sie nach Aischylos 
zur Vollendung des Sophokles zu erheben.'^) Auch auf die Erhöhung des 
Glanzes der äusseren Darstellungsmittel verwandte er grosse Sorgfalt: er 
heisst bei Horaz a. p. 278 personae pallaeque repertor honesfae;^) auch die 
Erfindung mannigfacher Maschinen und Dekorationen wird ihm beigelegt,'^) 

f 



^) Aufgeführt wurden dieselben nach 
den Feldzügen am Strymon um 466, nach 
WiLAMOwiTZ, Herm. 21, 612. 

-) Von den Herakliden wurde ein neues 
Fragment aus Schol. Aristidis des Cod. Marc. 
423 hervorgezogen von Wilamowitz, De 
Mhesi scholns, Ind. lect., Greifsw. 1877. 

^) In der Niobe sass nach der Vita die 
Heldin stumm in den Mantel gehüllt auf 
dem Grabe der Kinder; ähnlich verhüllt sass 
Achill da in Hektors Lösung, was den Spott 
der Komiker, wie des Aristoph. Ran. 912 
herausforderte. 

^) Päane zu dichten lehnte er ab nach 
Porphyrios de abstin. II, 18. 

') Vgl. Diog. III, 56; auch die Erfin- 



einen vierten Schauspieler, der aber nur we- 
niges zu sagen brauchte {naQct/oQTjyr/fLia), 
führte er in dem Memnon ein; s. PoUux, 
4, 110. 

^) Ein Prolog fehlt in Suppl. u. Pers.,mit 
der Zufügung desselben war Phrynichos in 
den Phönissen vorangegangen. Auch ein 
Epilog findet sich im Agamemnon, der aber 
keine weitere Aufnahme fand. 
') Vita § 14. 

«) Vgl. Vita 13 u. Scholl p. 29 ff. 
•') Ckamer, An. Par. I, 19: et juei^ i^i] 
ndvja ctg Aia^vXio ßovXerca rd ttsqI rrjv 
ax't^vrju EVQrjfj,aia Tiqoovi^Eiv, ixxvxhjjbidcrcc 
xal neQidxxovg xctl ^u}]/aydg, E^coarqav rs 
xal TiQoaxrjvia, xal diarsyiag xal xsqavvo- 
dung des 3. Schauspielers wird ihm zuge- 1 axonsTa xal ßQovre7a xal &Eo'koyeTa xal ye- 
schrieben von Themist. or. XXVI p. 382 D. 1 qdvovg xai nov xal ivari&ag xal ßaxQaxi^ccg 
und von einigen in der Vita; mit welchem | xal ngoacona xal xod^oQvovg xal ravil rd 
Recht, haben wir oben bei den Sieben, Pro- ■ noixlXa, arQ/uard re xal xaXimxQav xal xol- 
metheus und Orestie gesehen. Sogar noch nuy^a xal naQdnr^x^^ ^^^' aQyijvoi' xal ino- 



|C. Drama. 2. Die Tragödie, b. Aischylos. (§ 145—146.) 



189 



und man braucht nur den Prometheus und die Eumeniden zu lesen, um 
sich eine Vorstellung zu machen, welche ausserordentliche technische Mittel 
zu ihrer Aufführung nötig waren. Dabei war Aischylos selbst Chormeister 
und ersann ausser dem Text auch noch die Melodien und Tänze. An der 
Darstellung der Rollen nahm er noch selbst als Schauspieler teil; zu Ge- 
nossen hatte er dabei die berühmten Schauspieler Kleandros und Myniskos/^) 
146. Das hervorstechendste Merkmal der äschyleischen Poesie, das 
Grossartige und Titanenhafte, zeigt sich in den Gedanken, dem Versbau 
und der Sprache. Den sprachlichen Ausdruck zeichnet Kühnheit der Meta- 
phern, Pracht der Bilder, Grossartigkeit des Periodenbaus aus; doch fehlt 
auch nicht die Härte im Satzgefüge, der Bombast, die Eintönigkeit des 
Pathos, die Liebe zum Grotesken und Wunderbaren.'-^) Lieblingsausdrücke, 
wie oiaxa vo)fxcov, ov SixoQQÖrrcog u. a. kehren zu oft wieder; das Mass ist 
überschritten, wenn mit schwülstiger Überschwenglichkeit im Agam. 887 ff. 
der heimkehrende König gleich in 6 Bildern hintereinander gepriesen 
wird.^) Die Späteren, welche durch Sophokles und Euripides an einfache 
Schönheit und ruhiges Ebenmass gewöhnt waren, nahmen an dieser Seite 
der äschylischen Dramen Anstoss;^) den nüchternen Alltagsmenschen 
schien er gar seine Dramen im Rausch gedichtet zu haben. 5) Wenn indes 
Pindar Erhabenheit der Sprache mit anmutsvoller Grazie besser als 
Aischylos vereinigt hat, so darf man den Einfluss der Masken und Stelzen 
und des ganzen dionysischen Spiels nicht ausser acht lassen,^) — Unbe- 
dingtes Lob verdient die melodische Schönheit und symmetrische Strenge 
der Rhythmen des Aischylos: zu gewaltigen Perioden, der Grösse und 
Tiefe der Gedanken entsprechend, bauen sich bei ihm die Verse auf; ") die 
synkopierten Trochäen, die er mit Vorliebe verwendet, malen mit ihren 
langangehaltenen Längen vortrefflich den Ernst der Lage und die Tiefe 
der Empfindung.^) Auch der Dialog ist strenge gebaut, so dass Verteilung 
eines Verses unter mehrere Personen noch nicht vorkömmt; ein Streben 



XQitfjy Eni TW dtvreQio roy tqlioi\ Vitruv 
praef. 1. VIT: namque primum Agatharchus 
Äthenis Äeschylo docente tragoediae scenam 
fecit et de ea comnientarium reliquit. Dazu 
SoMMERBKODT, Scaenica, Berl. 1876. Über 
die Bühne Wilamowitz, Herrn. 21, 598 ff., 
wonach wohl die Orestie eine Rückwand 
voraussetzt, in den früheren Stücken aber 
die Scene rund und für den Chor und die 
Schauspieler zugleich bestimmt gewesen 
sein soll. 

') Aus späterer Zeit erwähnt Aristoph. 
Vesp, 579 den Oiagros. 

^) Das Wunderbare tritt namentlich 
auch in der phantastischen Schilderung von 
fernen Ländern hervor, was schon der Scho- 
liast tadelt (zu Prom. 371 u. 733) und die 
Komiker parodierten, s. Meineke, Hist. 
com. gr. 

'') Ähnlich Choeph. 995 ff. u. Sept. 559 ff. ; 
in unerträglicher Weise sind die Epitheta 
gehäuft Suppl. 802 ff. 

^) Das Urteil der Späteren gibt gut 
wieder Quintil. X, 1. GG: Aescliylus suhlimis 



et gravis et grcmdiloquus saepe iisque ad. 
Vitium, sed rudis in plerisque et incom- 
positiis. Vita Aesch. 5 : ^rj^ol ro ßccQog tisql- 
Tiihivca rotg TiQOGconoig, aQX^^^^ slvca xqivimv 
rovxo ro fj.6Qog fxeyaXonQsneg re xal t^qohxov, 
ro de navovQyov xofA.tpo7TQ£n6g rs xcci yvm- 
fMoXoyixov ulXörQiov rrjg rgayiodlag ^Qov/usyog. 
Vgl. Arist. Nub. 1370: iyoj yaq Ala/vlov 
t'Ofj.iC(o TTQOjrov Ev 7i.oii]rc(Tg, xjjocpov tiAemv, 
d^vararov, arofxfpaxa, XQrjfxvoTioioi^ ;\^. Lech- 
KEE, De arte Aeschyli rhetorica, Hof 18G7. 

^) Ath. 22 a u. 428 c. 

^) Über das Verhältnis von Aischylos 
und Pindar siehe oben S. 154. 

^) Diese langen Verse und Perioden 
treten freilich in der schlechten Versteilung 
{x(x}lo{j.ErQLa) der Handschriften nicht zu 
Tage; am besten sind die ursprünglichen 
Versformen auf Grund der Untersuchungen 
der neueren Metrik von Dindorf in der Aus- 
gabe der Poetae scen. gr. hergestellt. 

^) Das Urteil der Alten drückt Aristoph. 
Ran. 1254 aus: ccy&gl no nolv n^ETara dt] 
xcd xdXhara fxt'h] noirjacivri rioy tri vvi'l. 



190 Öriechische Litter aturgeschichte. 1. Elassische Periode. 

nach symmetrischer Anlage ist unverkennbar, wenn auch neuere Forscher, 
wie Ritschi,!) mit der gewaltsamen Herstellung gleicher Reden in den 
Sieben über das Ziel geschossen haben. — Die Gravität der Gedanken 
wurzelt bei ihm in der Strenge der alten Sitte und in den Weisheitslehren 
der Priester und Mysterien. Daher galten seine Tragödien auch später 
noch den Anhängern der alten Zucht und Ordnung, wie dem Aristophanes, 
als das Ideal kerniger Poesie. In dem Glauben an das Walten einer höheren 
Macht 2) ist insbesondere die Idee des Schicksals begründet, die den Hinter- 
grund aller seiner Tragödien bildet und sich mit der frommen Anschauung 
des Dichters von der Hinfälligkeit und Ohnmacht alles Sterblichen paart. 
Dass dabei der Held des Stückes, um Mitleid zu erregen, nicht von jeg- 
licher Schuld frei sein dürfe, hat er besonders in dem Agamemnon, der 
aus ehrgeiziger Schwäche seine eigene Tochter geopfert hatte, trefflich zum 
Ausdruck gebracht. Am gewaltigsten aber wirkt in seinen Tragödien die 
Idee von der Verkettung der menschlichen Geschicke und von dem auf 
Kind und Kindeskinder sich forterbenden Fluch der bösen That. Mit ein- 
ziger Kunst hat er zur Durchführung dieser Idee den alten Brauch, mit 
3 Tragödien und 1 Satyrdrama den Festtag auszufüllen, benützt: aus 3 nur 
äusserlich nebeneinander gestellten Tragödien entstand unter seinen genialen 
Händen der grossartige Bau einer zusammenhängenden, nicht bloss aus 
demselben Mythenkreis genommenen, sondern auch durch Einheit der Hand- 
lung und der leitenden Grundidee zusammengehaltenen Trilogie. Auch die 
Kunst der Motivierung der Handlung und der Retardierung wie Steigerung 
der Affekte war ihm nicht fremd; wenn er darin und in der Individualität 
der Charakterzeichnung hinter Sophokles und Euripides zurückblieb, so lag 
dieses in der Richtung seiner Zeit, die im Leben, wie in der Poesie und 
Kunst das Grosse und Erhabene liebte und in der Verleugnung gefälliger 
Anmut bis zum Harten und Eckigen ging. — Was schliesslich mehr als 
alles Einzelne bedeutet, das ist die geniale Begabung unseres Dichters, die 
überall durchschlägt und seine Poesie zum Ausfiuss unbewusster dionysischer 
Begeisterung macht. Sophokles hatte einst von ihm gesagt (Ath. 22^), er 
thue das Rechte, aber ohne es zu wissen. Das sollte ein Tadel sein in 
dem Munde des jüngeren, reflektierenden Dichters, ist aber in der That 
das höchste Lob; ja, Aischylos dichtet wie berauscht in gottbegeistertem 
Wahne; seine Dichtungen sind nicht Schöpfungen der Kunst, sondern Gaben 
des göttlichen Genius; bei ihm ist keine Rede von klügelnder Künstelei, 
keine Spur von kühler Reflexion, kein Schein von fremder, aus anderer 
Mund entlehnter Weisheit: aus dem unerschöpflichen Born seiner eigenen 
göttlichen Natur quellen in nie versiegendem Strome Gedanken wie Worte. 
Handschriftliche Überlieferung: Die Tragödien des Aisch. Soph. Eur. wurden auf 
Lykurgs Antrag (s. Müller, Bühnenalt. 859 An. 1; 0. Korn, De puhlico Aesch. Soph. 
Eur. fahularum exemplari Lycurgo auctore confecto, Bonn 1863) in einem Staatsexemplar 
aufgeschrieben, das später nach Alexandria gebracht wurde. Der Hauptcodex der 7 er- 
haltenen Stücke des Aisch., den Burgess, Dindorf (Phil. 18, 55 ff.), Wecklein für den Arche- 



^) RiTSCHL, Parallelismus der 7 Rede- I jenigen, welche, wie später Epikur, die Götter 

paare in den Sieben des Aeschylus, Opusc. ' sich um die Sterblichen nicht kümmern 

I, 300 ff. I liessen, ist besonders Agam. 381 ff. gerichtet. 

'^) Gegen die Gottesleugner und die- I 



C. Drama. 2. Die Tragödie, c. Sophokles. (§ 147.) 



191 



typus aller Codd. halten, ist ein Mediceus sive Laurentianus XXXII 9 s. XI (von Aurispa 
i. J. 1423 aus Griechenland gebracht und von Cosmo Medici der Bibliothek einverleibt), 
der zugleich den Sophokles und die Argonautika des Apollonios enthält; ein faksimilierter 
Abdruck dieses Cod. von R. Merkel, Aeschyli quae super'sunt e cod. Law. descripta, 
Oxon. 1871 foL, die zuverlässigste Vergleichung mit Unterscheidung der verschiedenen 
Hände von Vitelli in Weckleins Ausg., ßerl, 1885. Von den jetzt fehlenden Blättern des 
Agam. bietet die beste Abschrift der Florent. XXXI 8 s. XIV. Für die 3 in Byzanz zu- 
meist gelesenen Stücke Prom. Pers. Sept. muss jedenfalls ausser dem Laur. der Paris. 2884 
s. XIII herangezogen werden. 

Der Grundstock der Scholien, der ebenso viele feine Bemerkungen über die Kunst 
des Dichters enthält als für die Wortkritik wichtig ist, aber früh durch die Albernheit 
jüngerer Erklärer zurückgedrängt wurde (s. Römer, Stud. zur handschr. Überl. des Aeschylus, 
in Stz. d. b. Ak. 1888 11 231), geht auf den Grammatiker Didymos zurück und stimmt 
vielfach mit Glossen des Hesychios überein (s. Frey, De Äesch. sclioliis Mediceis, Bonn 
1857). Diese alten Scholien sind samt ßlog, t>no&ea€ig, Interlinearglossen und kritischen 
Zeichen aus dem Laur. am besten herausgegeben von Vitelli-Wecklein Davon sind zu 
scheiden jüngere Scholien (besonders ausführlich zu Prom. Sept. Pers.) von Tzetzes, Thomas 
Magister und Triklinios in codd. Paris. 2785. 2787 und Leidenses Is. Vossii (s. Franken, 
De ant. Äesch. Interpret, auctoritate, Utrecht 1845), herausgegeben von W. Dindorf im 
3. Bde. der Oxforder Aischylosausgabe 1851. 

Ausgaben: ed. princ, Aldina 1518, worin Agamemnon und Choephoren (am Anfang 
verstümmelt) noch nicht getrennt sind. Ausgezeichnete Emendationen des stark korrupten 
Textes lieferten Turnebüs (f 1565) und Auratüs (f 1588), der letztere wird von Hermann 
ad Agam. 1396 „omnium qui Aeschylum attigerunt princeps" genannt. Ausgabe mit ge- 
lehrtem Kommentar von Stanley, London 1663. Die äschyl. Studien wurden wieder belebt durch 
die Ausgaben von Porson 1794; Schütz ed. III 1839 — 41 in 5 vol. Die lang ersehnte Aus- 
gabe von G. Hermann ward nach dessen Tod besorgt von Haupt, Lips. 1852, 2 vol. Neueste 
kritische Gesamtausg. von Weoklein- Vitelli, Berol. 1885, nach der ich, da sie zur Vers- 
teilung der Handschriften zurückkehrt, citiere. — Textesausg. von Kirchhoff, Berl. 1880, 
mit den Varianten des Medic.; Weil bei Teubner 1885; von dem letzteren eine ed. mai., 
Gissae 1858—67, 2 vol. — Spezialausgaben der Sieben von Ritschl ed. II. Lips, 1875; 
des Prometheus von Schümann, Griech. u. deutsch, Greifsw. 1844; der Orestie von Franz, 
griech. u. deutsch, Leipz. 1846, von Th. Heyse, Halle 1884, von 0. Marbach mit deutscher 
Nachdichtung Leipz. 1874, von Wecklein, Leipz. 1888; des Agamemnon von Enger-Gilbert, 
Leipz. 1874, Schneidewin-Hense, Berl. 1883, Keck, Gr. u. deutsch mit Einl. u. Komment., 
Leipz. 1863, Wilawowitz, Text u. Übers., Berlin 1885; der Eumeniden von 0. Müller 
(wichtig für Bühnenaltert.), Gott. 1833. — Schulausgaben mit erklärenden Anmerkungen 
der Perser von Teuffel- Wecklein, Leipz.; des Prometheus von Wecklein, Leipz. — Glos- 
sarium von Blomfield in dessen Ausg. des Agam., Cambr. 1818, Lips. 1822. Lex. Aeschy- 
leum comp. Wellauer 2 vol., Lips. 1830. Lex. Aesch. ed. W. Dindorf, Lips. 1873. 

c. Sophokles (496— 406). 

147. Sophokles stammte aus dem nahe bei Athen in reizender Lage 
gelegenen Demos Kolonos Hippios. Sein Vater hiess Sophillos und hatte 
eine Waffenfabrik, welche der Familie reiche Einkünfte und eine angesehene 
Stellung verschaffte. 2) Das Jahr seiner Geburt war nach der alten Vita 
495/4, nach der verlässigeren Angabe der parischen Marmorchronik 497/6.^) 
In der Jugend erhielt er sorgfältigen Unterricht in der Gymnastik und 
Musik, so dass er in beiden Künsten wiederholt bekränzt wurde und bei 



^) Aus dem Altertum ist uns erhalten 
ein aus Angaben des Aristoxenos, Satyros, 
Istros zusamengesetzter ^ocpoxXtovg ßlog, 
mit Suidas und den anderweitigen Zeugnissen 
zusammengestellt von Jahn in Ausg. der 
Elektra. Nach Suidas hatte Philochoros ein 
Werk in 5 B. tisqI twv ZocpoxXiovg fxvy^coy 
geschrieben. — Aus neuerer Zeit Lessing, 
Leben des Sophokles, unvollendet hinter- 
lassen; Ferd. Schultz, De vita Soj)Jwclea, 
Berl. 1835; Ad. Scholl, Sophokles, sein Leben 
und Wirken, Frankf. 1842, hypothesenreich; , 



Dindorf in 3. Oxforder Ausg., und Bergk 
in Ausg. von 1858. 

'^) Der Vater war /ua/caQonoiog; bei 
Plinius H. N. 37, 40 heisst Sophokles: p?-<?«- 
cipe loco genitus Athenis. 

'') Die Vita geht wie Diodor 13, 103 
davon aus, dass Soph. rund 90 Jahre alt 
geworden sei; das Marm. Par. gibt ihm 92, 
Ps. Lucian, Macrob. c. 24 nach der Emendation 
von Schultz 91 Jahre. Vergl. Mendelssohn 
Act. soc. Lips. II, 171 f. 



192 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische iPeriode. 



der Siegesfeier der Schlacht von Salamis die ehrenvolle Aufgabe erhielt, 
dem Chor der Knaben, der tanzend und singend den Päan vortrug, mit 
der Leier voranzuziehen. ^) Die harmonische Vereinigung von körperlichen 
und geistigen Kräften kam ihm auch später im Leben zu statten, indem 
er bei der Aufführung seiner Nausikaa durch die Grazie im Ballspiel ent- 
zückte, 2) und vom Maler Polygnot als zitherspielender Thamyris in der 
bunten Halle dargestellt wurde. Zum Lehrer in der Musik hatte er den 
von Aristoxenos hochgepriesenen Lampros; sein Unterricht befähigte ihn 
die Melodien zu den Chorgesängen selbst zu komponieren, während sich 
Euripides dabei fremder Beihilfe bedienen musste. In der Tragödie, heisst 
es in der Lebensbeschreibung, ging er bei Aischylos in die Schule; ob im 
engeren Sinne, als dass er demselben im Theater seine Kunst absah, bleibt 
zweifelhaft. Zum erstenmal trat er als Dramatiker auf und zum erstenmal 
siegte er zugleich im J. 468 mit dem Triptolemos.^) Der Mythus von dem 
einheimischen Heros, den die hehre Göttin Demeter von ihrem Heiligtum 
in Eleusis auf schlangenbeflügeltem Wagen hatte ausziehen lassen, um die 
Pflege des Ackerbaues und die damit verbundenen Lehren milder Gesittung 
in die Ferne zu tragen, war so glücklich gewählt und so fesselnd durch- 
geführt, dass im Theater eine ungewöhnliche Aufregung zwischen den An- 
hängern des Altmeisters Aischylos und den Bewunderern des neu aufgehen- 
den Gestirns unseres Sophokles entstund und der Archen, der die Spiele 
leitete, in ausserordentlicher Weise dem siegreich heimkehrenden Kimon 
und seinem Mitstrategen die Entscheidung überliess. Die Entscheidung 
fiel gegen Aischylos zu Gunsten des Sophokles aus, der also schon im 
28. Lebensjahre der Ehre des ersten Preises teilhaftig wurde. '^) In den 
folgenden 10 Jahren beherrschten die beiden grossen Tragöden mit ab- 
wechselndem Erfolg die attische Bühne, indem es Aischylos nicht ver- 
schmähte, auch von dem jüngeren Genossen zu lernen,^) Sophokles aber bei 
aller Verehrung gegen den älteren Meister sich doch sorgsam vor den Ver- 
irrungen desselben hütete.^) Von einem Wettstreit mit Euripides hören 
wir zum erstenmal im J. 438, wo Sophokles den ersten Platz, Euripides 
mit der Alkestis den zweiten erhielt. Auch im J. 431, wo Euripides seine 
Medea aufführte, behauptete Sophokles den Vorrang.') Im übrigen Hess 



^) Die Freunde der Synchronismen heben 
hervor, dass zugleich Aischylos bei Salamis 
mitkämpfte. Sophokles den Siegesreigen führte, 
Euripides in Salamis das Licht der Welt er- 
blickte; siehe dagegen § 162 An. 1. 

^) Vita und Ath. 20 f.: xal rov OäfzvQiv 
(^i&daxo)u civiog ixiS^aQiasi^, (ixQcog Je iocpai- 
QiaEv, brf rrjv Navatxdav xa^TJxe. 

^) Chron. Par. Dass es der Triptolemos 
war, mit dem Soph. siegte, schloss Lessing 
aus Plinius H. N. XVIII, 65: ante mortem 
eius (Alexandri) annis fere CXLV So- 
lihocles poeta in fabida Triptolemo fru- 
mentum Italicum ante cuncta laudavit. 

') Plut. Cim. 8. Ebenda und in Vit. 
Aesch. ist weiter erzählt, dass infolge der 
Niederlage Aischylos Athen verlassen und 
nach Sikilien gegangen sei; das letztere ist 



jedenfalls Fiktion; s. § 137. 

•'*) Gleich 467 siegte wieder Aisch. mit 
den Sieben, 458 mit der Orestie; beidemal 
machte Aisch. vom 3. Schauspieler Gebrauch. 

^) Von der Verehrung des Soph. gegen- 
über dem älteren Meister, den er, als er selbst 
zum Hades hinabkam, küsste und durch Hand- 
schlag begrüsste, s. Aristoph. Ran. 788 ff. u. 
1516 ff. Auf der anderen Seite lesen wir 
bei Ath. 22''^: fxe&vMu de inoisi, rag xqa- 
yio&iag Jia/vXog, aig cp7]ot XafzaiXecoy ' locpo- 
xXrjg yovv (oveUi^sv cwko, otl si xal rd 
Jeopxci noLsr, «AA' ovx Etd(6g ye. Auch den 
oyxog Alaxvlov tadelte er nach Plut. de 
prof. virt. 7. 

"') Auch liess er nach Eur. Vorgang im 
Hipponus den Chor seine persönliche Sache 
führen; s. Pollux IV, 111. 



C. Drama. 2, Die Tragödie, c. Sophokles. (§ 148.) 



193 



derselbe in späteren Jahren sich auch von dem jüngeren Rivalen beein- 
flussen. Das zeigt besonders der Deus ex machina im Philoktet (aus d. 
J. 409) und die Art des Prologs in den Trachinierinnen. i) Ausserdem trat 
er auch mit Choirilos, Aristias, Euphorion und mit seinem eigenen Sohne 
lophon in die Schranken; 2) Euphorion, der Sohn des Aischylos, gewann 
ihm im J. 431 den 1. Preis ab.^) 

148. Als guter Bürger beteiligte sich Sophokles auch an dem öffent- 
lichen Leben und ward von seinen Mitbürgern mit mannigfachen Ehren 
ausgezeichnet. Bekannt ist seine Ernennung zum Strategen im samischen 
Kriege (441 — 439) infolge des Beifalls, den seine Antigene gefunden hatte.*) 
Perikles, sein mächtiger Gönner und Kollege im Amt,'') scheint indes nicht 
viel von dem Feldherrntalent des Dichters gehalten zu haben; man legte 
ihm den Scherz in den Mund: zu dichten verstehe Sophokles, nicht aber 
das Heer zu führen.^) Er verwendete ihn daher mehr zu diplomatischen 
Sendungen an die Bundesgenossen. In Chios kam Sophokles bei dieser 
Gelegenheit mit dem Tragiker Ion zusammen, der uns bei Athenaios p. 603 e 
die nette Anekdote erzählt, wie der lebenslustige Dichterfeldherr beim 
Wein einem schönen Knaben einen Kuss abgewinnt und dieses dann als 
dasjenige Strategem erklärt, auf das er sich verstehe.') Um diese Zeit 
ist er auch zu Herodot, wahrscheinlich durch Vermittlung des Perikles, 
des gemeinsamen Gönners beider, in nähere Beziehung getreten; denn nach 
Plutarch, an seni 3, hat er 55 Jahre alt eine Elegie an Herodot gerichtet, 
deren Anfang lautete: o^^tp' ^Hqoö6t(i) tsv'^sv ^ocfoxXr^g htMv o)v tt&vt' inl 
TU€VTr^xovTa.^) Ausser dem Strategenamt im samischen Krieg bekleidete er 
Ol. 84, 2 ~ 443/2 die Würde eines Hellenotamias oder Schatzmeisters der 
Bundesgenossenkasse. '^) Eine zweite Strategie des Dichters erwähnt Plu- 
tarch, Nie. 15, wobei er, von Nikias aufgefordert als ältester seine Meinung 
zuerst zu sagen, in liebenswürdiger Bescheidenheit erwiderte: eya] naXaiö- 



') Argum. Eur. Ale. et Med. 

2) Vita Soph. 

^) Argum. Eur. Med. 

^) Argum. Antig.: (fciol de xov Ioq)o- 

doy.i^qaciVTa iv rfj di&aaxa'Aia rijg 'Jptiyorrjg. 
Vita Soph. : xcd ^Jx^rjicuoi cT' aviop ve {'ixf oder 
is codd., ve' stimmt zu der Elegie an Hero- 
dot) STMV ovra aTQar7]y6v sYlovro tjqo tmu 
JJslonovvrjGiaxdv exsoiv C (corrige <9^' vel f]') 
iv TW TTQog 'Avaiovg noXsfzio. Suidas u. Me- 
'AiGffog: V716Q ZafA.i(x}p axQaxrjyi^dag evav^d- 
Xi]GS TiQog Zoffoxlriv xop xgaytxou 6X. ttcT' 
{Tis' coni. Bernhardy). Danach war Sophokles 
wahrscheinlich im J. 440 Stratege. Vgl. 
noch Strab. p 638; Plut. Nie. 15, Pericl. 26, 
adv. Col. 32, Justin III, 6, 12. 

^) Das Verzeichnis sämtlicher 10 Stra- 
tegen in Sehol. Aristid. 111, p. 485 D, mit 
Ergänzung von Wilamowitz, De Bhesi scho- 
liis, Greifsw. 1877. 

'^j So Sophokles selbst bei Ath. 603 d: 
T[sQix'kt/)]g 7Toi,f£tv US tfp7], axQCix^jyseiy J" ovx 
iniGxuaOai. Indes berichtet Suidas u, Ms- 
Haiulh'.icli der klass. Altertumswi.sscnscbaft. TU. 2. 



hGGog, dass der Philosoph Melissos dem 
Tragiker Sophokles eine Seeschlacht ge- 
liefert habe. 

^) Weiter ausgeschmückt ist der Vorfall 
von Cicero de off. 1, 144: bene Perides, cum 
h'iberet collegam in praetura Sophoclem 
poetam iique de communi officio convenis- 
sent et casu formosus puer praeteriret 
dixissetque Sophocles „o puevum pulchrum, 
Fericle," „at enim iiraetorem, Sophocle, decet 
non solum manus, sed etiam oculos absti- 
nentes habere " 

«) Vgl. ZuRBORG, Herrn. X, 206 ff., Clas- 
SEN in Verh. d. Kieler Philol. Vers. 114 ff. 
Von dem Studium, das Sophokles dem Hero- 
dot zuwandte, zeugt die Anlehnung von Oed. 
Col. 337-41 an Herod. II, 35, von Electr. 
417-23 an Herod. I. 108; hingegen wird 
der Anklang von Ant. 905 — 14 an Herod. 
HI, 119 auf spätere Interpolation zurück- 
zuführen sein, und kann ebensogut Oed. R. 
261 f. dem Herod. IX, 68 als umgekehrt 
nachgeschrieben sein. 

'') Bezeugt durch CIA. I, 237. 
Aull. 13 



194 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



rarog eiiu, av S^ TtQsaßinaTOQ. ^) Im hohen Alter ward er nochmals in die 
Politik hineingezogen, wenn anders die Nachricht bei Aristoteles Rhet. III, 
18 auf unseren Tragiker bezogen werden darf. 2) Danach verteidigte sich 
Sophokles, als er im J. 411 Probulos des Rates gewesen war und nach 
dem Sturz der Oligarchen vor Gericht gestellt und der Mitschuld der Ein- 
setzung des Rats der Vierhundert beschuldigt wurde, mit der Verlegen- 
heitsausrede, dass er keine bessere Wahl gehabt habe. Auch ein geist- 
liches Amt, das Priestertum des Heros Alkon, verwaltete er und bezeugte 
seinen frommen Sinn durch Stiftung einer Kapelle des '^HQaxXrjg ^r^vvrr^g^) 
und durch Dichtung eines Päan auf Asklepios, ^) von dem neuerdings Bruch- 
stücke in einem Asklepiosheiligtum am Südabhang der Burg gefunden 
wurden.-'') Übrigens ward es ihm noch zu besonderer Ehre angerechnet, 
dass er nicht, wie Aischylos, Euripides und andere verlockenden Ein- 
ladungen an Fürstenhöfe folgte, sondern als avrjQ (fiXa^r^vaiog ähnlich wie 
Sokrates stets in Athen geblieben ist.*^) 

149. Im Privatleben gewann Sophokles durch Liebenswürdigkeit und 
Anmut die Herzen Aller und wusste durch heiteren Witz und Humor die 
Unterhaltung zu würzen. Den süssen Gaben der Aphrodite war er keines- 
wegs abhold; auch von der Verirrung des griechischen Altertums, von der 
Liebe zu schönen Knaben, scheint er sich nicht frei gehalten zu haben. '^) 
Verheiratet war er mit Nikostrate ; Sprosse dieser Ehe war lophon, der, 
wie sein Vater, die Laufbahn eines tragischen Dichters einschlug. Die 
Dichterlegende weiss ausserdem von der Liebe des greisen Dichters zur 
Sikyonerin Theoris und dem Ariston als Frucht dieser Verbindung zu er- 
zählen.*) Enkel des Dichters war Sophokles, der aber nicht von Ariston, 



^) Im Schol. zu Aristoph. Pac. 696 wird 
dem alternden Sophokles der Vorwurf der 
Gewinnsucht gemacht mit der Bemerkung 
'Atyeica (fe ort ix rijg axQtarjyiag rfjg fV ^afxo) 
7]QyvQia(iTo. Hier ist die zweite Strategie 
mit der ersten verwechselt; vielleicht ist 
dasselbe oben Anm. 4 mit der doppelten Zeit- 
angabe der Fall, und war Sophokles im 55. 
und im 69. Lebensjahr oder 441 und 427 
Stratege. 

2) Bestritten wird dieses von Dindorf, 
Vit. Soph. p. XX, sq. 

") Cic. de div. I, 54: Sophocies, cum ex 
aede Herculis patera aurea (jrcwis surrepta 
esset, in somnis vidit ipsum deum dicentem 
qui id fecisset, quod semel ille iterumque 
neglexit. uhi idem saepius, ascendit in 
Ariopagum, detulit rem. Ariopagiiae com- 
prehendi iuhent eum, qui a Sophocle erat 
nominatus; is quaestione adhihita confe^sus 
est pateramque rettuUt, quo facto fanum 
illud Indicis Herculis nominatum est. Die 
Vita fügt hinzu, dass Soph. für die Anzeige 
eine Prämie von 1 Talent erhalten habe. 

^) Et. M. 256, 6, Philostratus iun. Imag. 
13 und andere (s. Jahn zur Vita Z. 88) er- 
zählen von der Bewirtung des Asklepios 
durch den Dichter und von der Asklepios- 
kapelle des Sophokles an der Burg. 



^) KUMANUDES, ^AS^r]V. 5, 340 U, BÜCHELEF, 

Rh. M. 32, 318 u. 34, 302. 

^) Seine eigene Gesinnung bekennt er 
fr. 711: oaiig yccQ wg rvQapi^ov SfxnoQsvsrai. 
X6LV0V Vrfc cTovAo? x«V eXsv&SQog /uoXr}. 

'') Bei Ath. 603 e heisst Sophokles ^/Ao- 
jwer^)«!^, wie Euripides cpi'koyvvrjg. Ausser dem 
schönen Knaben von Chios, von dem uns Ion 
bei Ath. 603 e erzählt, nennt Ath. 592b noch 
einen Knaben Smikrines. 

^) Hermesianax bei Ath. 598c u. Poll. 
IV, 111. Welckee, Gr. Trag. I, 304 sucht 
geistreich den Ursprung der Legende in dem 
miss verstandenen Halbvers (piXrj yilg ?/ d^eioQig. 
Suidas erwähnt noch als weitere Kinder des 
Sophokles den Leosthenes, Stephanos, Mene- 
kleides. Von Ath. 592 wird nach der trüben 
Quelle des Anekdotenschreibers Hegesander 
noch eine zweite Geliebte des Dichters ge- 
nannt, die Hetäre Archippe, die er zur Erbin 
eingesetzt habe. Scholl, Leben d. Soph. 
365 ff, verwirft alles dieses als Missver- 
ständnis, entstanden aus den bösen Nach- 
reden der Komiker, indem er sich auf die 
Darstellung des Piaton de rep. I, p. 329 b 
(Ammianus Marcell. XXV, 4) berief, wo 
Sophokles sich rühmt, im Alter des bösen 
Tyrannen der Liebesleidenschaft losgeworden 
zu sein. 



C. Drama. 2. Die Tragödie, c. Sophokles (§ 149). 



195 



sondern von lophon abstammte.^) Übrigens scheint es in dem Hause des 
alten Sophokles nicht an Zwistigkeiten zwischen Vater und Sohn gefehlt zu 
haben; nach einer vielfach bezeugten Überlieferung klagte lophon seinen 
Vater bei den Geschlechtsverwandten {(fQccTOQsg) wegen Geisteszerrüttung 
(nagavoiag) an, worauf dieser zum Beweise seiner Geisteshelle das herrliche 
Preislied auf Attika im Oedipus Col. vortrug und damit die Richter zu 
solchem Enthusiasmus fortriss, dass sie mit Entrüstung die Klage des 
Sohnes abwiesen. 2) Die Sage ging in dieser ausgeschmückten Form auf 
irgend eine Komödie zurück, welche den Handel des lophon auf die Bühne 
gebracht hatte. ^) Aber an der Sache wird doch etwas wahres gewesen 
sein, da auch Aristoteles Rhet. HI, 15 von einem Prozess des Sophokles 
meldet, in dem derselbe sein Zittern mit der Last der 80 Jahre entschul- 
digte. Auffällig ist nur, dass Aristophanes in den Fröschen V. 73 nichts 
von einem Streit des lophon mit seinem Vater weiss, sondern nur abwarten 
will, ob derselbe auch nun, wo er nicht mehr des Vaters Beihilfe habe, etwas 
zu leisten im stände sei. Gestorben ist Sophokles als hochbetagter Greis von 
91 Jahren unter dem Archen Kallias, im Herbste 406.*) Sein Tod war 
ruhig und sanft; Spätere dichteten, dass er bei dem Verschlucken einer 
unreifen Traube, die ihm der Schauspieler Kallipides vom Lande geschickt 
hatte, den Erstickungstod gestorben sei.^) Kurz zuvor hatte er noch um 
den Tod seines Kollegen Euripides Trauerkleider angelegt. ^) An den 
Lenäen des folgenden Jahres (405) beklagten schon die beiden grossen 
Komödien dichter Aristophanes in den Fröschen und Phrynichos in den Musen 
den Hingang der zwei Meister des tragischen Kothurn. Das Grabdenkmal 
in seinem Heimatort an der Strasse nach Dekeleia war mit einer Sirene 
als Symbol der Totenklage geziert.'^) Wie einem Heros wurden ihm dort 
alljährlich nach einem Volksbeschluss Opfer dargebracht.^) Die Sage, dass 
der spartanische Feldherr Lysander erst nachdem er gehört, dass Sophokles 
gestorben sei, den Trauerzug aus der Stadt herausgelassen habe,'-^) lässt 



') CIA. 11, 072, 37. 

^) Satyros in Vita 13; Cic. de sen, 7, 
22 und de fin. V, 1. 3; Plut. an sen. 3; Apul. 
apol. 37; Ps. Lucian Macrob. 24. 

^) Vita 13: x(d nore eV &Qdfxciji etaijyaye 
'locptjivxa. Vermutet wird Aristophanes, der 
eine Komödie jQccfÄaza schrieb, oder Leu- 
kon, von dem ein Stück 4>QdT€Q€g betitelt 
war. 

■*) Marm. Par. aq^ouTog ^J^tjrf]ai KctXXlov, 
ebenso Diodor 13, 103. Die Zeitangabe neQc 
rovg Xoag ist weder mit der p]rzählung von 
der Traube noch mit der Aufführung von 
Aristophanes Fröschen an den Lenäen (Jan. 
Febr.) vereinbar, ausser man denkt an die 
ländlichen Dionysien, die allerdings einmal 
zur Zeit des Demosthenes (or. 18, 160 und 
262) in Kolytos zur Zeit der Weinlese ge- 
feiert wurden. 

') Vit. Soph.; Anth. Vll, 20; Sotades 
bei Stob. 98, 9; Ps. Lucian Macr. 24. Die 
Angabe des Satyros in der Vita, dass er 
beim Vorlesen der Antigone erstickt sei, war 
vielleicht ursprünglich ein Spott auf die 



lange, pausenlose Monodie der Antigone in 
Oed. Col. 243—53, kann sich aber auch auf 
die ßotenrede Ant. 1215 — 8 beziehen. Von 
diesen Todesursachen weiss noch nichts 
Phrynichos, der in seinen Movaca (Argum. 
Oed. Col.) umgekehrt von Soph. sagte: x«- 
X(og cF' ETslevTTja^ ov^sp vno^eirccg xaxov. 
Das Todesjahr und die Fabeln über den Tod 
des Dichters sind neuerdings besprochen von 
Mendelssohn, Acta phil. Lips. 11, 161 ff. 

^) Vita Eur. : Xeyovai (^s xtd 2LocpoxXta 
dxovGccpxa oii hslsvTijaev, aviov ^ev Ifxci- 
TLM cpaiM TJQosX&eh', TOP (fe /oQop xal Tovg 
vnoxQixdg daiecfciVifixovg eiaayayeTv eV rw 
TXQoayüJvL. 

'') Die Grabschrift soll nach dem wenig 
verlässigen Lobon (anders bei Val. Max. 8, 7) 
gelautet haben: 

y.Qimru) nods xdrpM locpoxlrj ttqmxsTcc ?,aß6px(c 
xrj XQccyixrj xe/i'rj G/i]U(c xo OEfAvoxaxov. 

^) Vita und Et. M. 256. 6. 

9) Vita; Plinius H. N.,VII, 109; Paus. 
1, 21. 1. Bergk deutet die Überlieferung auf 
das Todesopfer, welches die Angehörigen im 



19(3 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



sich mit der geschichtlichen Wahrheit nicht vereinigen, da die Einschlies- 
sung Athens erst im folgenden Jahre begann. Das Bild von der Gestalt 
und dem Gesichtsausdruck des grossen Toten können wir uns noch durch 
die Marmorstatue des lateranischen Museums vergegenwärtigen, i) die wohl 
eine Kopie des auf Antrag des Redners Lykurg dem Dichter im Theater 
errichteten Standbildes ist: eine hohe Gestalt von kräftigen Formen mit 
vollem Bart- und Haarwuchs, den Kopf nur wenig nach oben gerichtet, 
voll Klarheit und mildem Ernst. In den Epitheten, welche ihm die Zeit- 
genossen gaben — svxoXoi' nennt ihn Aristoph. Ran. 82, 7Tai6i(66rj naq' 
oivor xal ös^iöv Ion bei Ath. 603 f. — und in dem Beiwort Biene 
[lisXiTTo), welches ihm die Grammatiker und Epigrammatiker mit Vor- 
liebe beilegten,'-^) drückt sich noch mehr als in den Zügen seines Por- 
träts die gewinnende Anmut seiner Umgangsformen und die bezaubernde 
Grazie seiner Rede aus. Der Vorwurf des Geizes, den ihm Aristophanes 
im Frieden V. 696 macht, dass er, alt geworden, wie Simonides nur dem 
Gewinne lebe, stimmt schlecht zu seinem sonstigen Wesen.-) Ein schöner 
Zug von Geselligkeit liegt in der von ihm veranlassten Gründung eines 
Musenvereins von Gebildeten oder Theaterkünstlern. '^) 

150. Gedichtet hat Sophokles nach der Angabe des Grammatikers 
Aristophanes ausser wenigen Elegien und Päanen 123 Dramen.^) Erfolge 
erzielte er im dramatischen Wettkampf mehr als Aischylos und Euripides, 
indem er 18 bis 20 Siege errang,^) oft den 2. Preis davontrug, niemals 
auf die 3. Stelle herabgedrückt wurde. Erhalten haben sich von ihm nur 
7 Tragödien in folgender Ordnung: Äiag, ^HXtxTqa, OiSinovq TVQavvog, 
AvTiyovri, Tga^iviai, <t>iXoxTijTrjg, OiöiTiovg enl KoXmvojJ) Wahrscheinlich 
waren diese die besten Stücke nach dem Urteil des Grammatikers, der 
gegen Ende des Altertums die Auswahl traf.^) Der Ordnung lag vielleicht, 



nächsten Jahr am Sterbetag dem Toten dar- 
brachten. 

^) Siehe Tafel; über die Statue siehe 
Welcker, Denkm. d. alt. Kunst I, 457 ff. 

2) Dio Chrys. or. LH, p. 273; Gramer, 
An. Par. I, 19; Suidas; Schol. zu Ai. 1199, 
Oed. Col. 17; Anth. VIT, 22 u. 36. Aus- 
gegangen sind die Späteren von den Versen 
des Aristophanes: 6 cT' av locpoxXeovg rov 
fithiL xe/QiOf^ei'ov | mgtisq xadiaxov neQie- 
Xsi/s ro öTÖfxa. Ath. 20 e: nQog tw xalög 
ysyevfJGxfai Tr]p wQai' ijr xcd 6Q/7]azixrjv 
dsö'idayfAepog xcd fxovaixijy. Vita: rov ij&ovg 
Toaavrrj yiyovE %«Q(^g, wate ndvxi] xcä TjQog 
icTiiiVTMv aviop aTSQyead^ai,. 

^) Welcker, Gr. Trag. I, 208 u. Bergk, 
Vita Soph. p. XVIII vermuten, dass sich der 
Vorwurf auf die häufigere Dichtung von 
Dramen während des peloponnesischen Krie- 
ges bezogen habe, was bei der Höhe des 
Dichterhonorars (s. § 131) als Gewinnsucht 
gelten konnte. 

^) Istros in der Vita: raTg de Movoaig 
xhiaaop ix tüjp TiSTiaK^evfxei^wy avvayaysTv. 
Vgl. Sauppe, De coUcqio artificuvi scaen. 
Ind. Gott. 1870 p. 4 f. Die ai^odog tlov 
7i€^l Jiopvaoy T6/ytTior will davon getrennt 



wissen Köhler, Rh. M. 39, 293. 

^) Diese Zahl gibt Suidas an, und damit 
stimmt auch die Zahl der echten Stücke der 
Vita, wenn wir mit Bergk lesen: s/si de 
dQiifXttra, vijg (pr]Oiv 'Aqiarocpcivrjg qX , rovTtoi' 
ÖS rspöx^evicii t,' [it,' codd.). Die Zahl kann 
nicht ganz richtig sein, da sie nicht mit 4 
in Tetralogien zerlegbar ist. 

*') 20 Siege gab Antigonos Karystios 
nach der Vita an, 24 Suidas, 18 Diodor 
XIII, 103; 18 Siege an den Dionysien gibt auch 
die didaskalische Urkunde CIA. II, 977; ob er 
auch an den Lenäen gesiegt, wissen wir nicht. 

"') Es haben sich also ebenso viele 
Stücke von Sophokles wie von Aischylos 
erhalten; ebenso wurden von Sophokles in 
der byzantinischen Zeit, wie man aus den 
Schohen sieht, nur 3 Stücke (Aias, El., Oed. R.) 
häufiger gelesen; vgl. § 138 u. 105. 

^) Von Antigone u. Elektra heisst es bei 
Dioskorides Anth. VII, 37 uficpozeQai yuQ 
axQoy, von Oed. R. in der 2. Hypothesis 
i^e/SL 7i((Of]g rry? Zocfoxleovg 7toi7]G€(og und 
ähnlich bei Ps. Longin 33 u. Statilius Anth. 
XI, 98, von Oed. Col. ro dQajucc jiov xhav- 
fuctoTidy, Philoktet erhielt den 1. Preis und 
wird von Dio Chrys. or. 52 bewundert. 



C. Drama. 3. Die Tragödie, c. Sophokles. (§ 150-151.) 



197 



wie Sclineidewin vermutete,') ein chronologisches Prinzip zu gründe, das 
nur ein wenig durch die Voranstellung der drei im Mittelalter am meisten 
gelesenen Stücke (Aias, Elektra, Oed. R.) gestört wurde. Ehe wir aber 
auf die erhaltenen Tragödien im einzelnen eingehen, wollen wir zuvor von 
den Verdiensten des Sophokles um die attische Bühne im allgemeinen handeln. 
151. Unter den Neuerungen, welche Sophokles in der äusseren Gestalt 
des dramatischen Bühnenspiels vornahm, war die augenfälligste die Ver- 
mehrung der Schauspieler von 2 auf SJ) Dieselbe muss von ihm gleich 
bei seinem ersten Auftreten (468) oder doch bald nachher durchgesetzt 
worden sein, da alle seine erhaltenen Tragödien mindestens 3 Schauspieler 
zur Aufführung fordern und auch Aischylos schon in der Orestie (458), 
wahrscheinlich auch schon im Prometheus und in den Sieben (467) von 
3 Schauspielern Gebrauch machte. Denn es ist ja selbstverständlich, dass 
die Gewährung von 3 Schauspielern zu gleicher Zeit allen Dichtern zu 
statten kam. Zur Einführung eines 3. Schauspielers fügte Sophokles die 
Neuerung, dass er sich wegen seiner schwachen Stimme von der Ver- 
pflichtung entheben Hess, selbst die Rolle eines Schauspielers bei Auffüh- 
rung seiner Dramen zu spielen.^) Das geschah wahrscheinlich im J. 456, 
da von diesem Jahre an in den Siegerverzeichnissen neben dem siegenden 
Dichter auch der siegende Schaupieler erwähnt ist.^) An die Einführung 
des 3. Schauspielers knüpft mit Recht Diogenes die Vollendung der griechi- 



Niir von den Tracliinierinnen fehlt ein aus- 
drückliches anerkennendes Zeugnis. 

^) ScHNEiDEWiN, Abhdl. d. Gott. Ges. VI, 
264. Vgl. das Referat von Wecklein, Jahr- 
ber. d. Alt. XIV, 1. 242. Einwendungen 
erhebt Bergk, Vit. Soph. p. XL hauptsäch- 
lich deshalb, weil in der Ordnung der Stücke 
der übrigen Tragiker auf die Chronologie 
keine Rücksicht genommen sei. Aber dass 
es eine Ordnung nach der Zeit gab, beweist 
die Angabe der aristophanischen Hypothesis 
der Antigene, dass dieselbe an 32. Stelle stund. 
Eine ähnliche Angabe findet sich in Argum. 
Eur. Ale. und Aristoph. Aves; s. Böckh, 
Ausg. der Antig. S. 120 An. Der Annahme 
einer chronologischen Ordnung fügen sich 
gut Aias, Philoktet, auch Oed. Col., wenn 
man von der bezeugten (zweiten) Aufführung 
ausgeht. Einige Bedenken erregt die Elektra, 
die indes ebenso wie der Oed, R. vor die 
Antigene nur infolge der Voranstellung der 
3 meist gelesenen Stücke (Aias, El., Oed. R.) 
gekommen war. Von Bedeutung für die 
Erkenntnis der chronologischen Folge ist 
namentlich der Versbau, für die mir mein 
ehemaliger Schüler Probst folgende Tabelle 
zur Verfügung gestellt hat: Auflösungen im 
Trimeter hat El. 3, 16, Ant. 4, 05, Oed. C. 5, 
06, Trach. 5, 9, Oed. R. 5, 93, Phil. 11,00 auf 
1 00 Verse. Versteilung durch Personenwechsel 
Ant. 0, Ai. 4, Trach. 4, Oed. R. 12, El. 27, Phil. 
32, Oed. C. 48, mehr wie einmaligen Per- 
sonenwechsel El. 1, Oed. C. 1, Oed. R. 2, 
Phil. 4. Dazu kommen aber noch Eigen- 



tümlichkeiten der lyrischen Versmasse, wo- 
von unten bei den einzelnen Stücken. 

2) Arist. Poet. 4; Diog. III, 56: (vansQ 
ro nalaiop ep tfj TQayioöia tiqotbqov fxev 
(.lovog 6 /oQog ^iE&Qa^chi^ev, varsQov de 
(^Eonig eva vnoxQit'rjp iievQSv vnsQ rov ccvc(- 
navsodca top ^oqop, xal deiheQOP Aia^vlog, 
TOP ÖS tqLtov liofpoy.Xrjg, xal avven'kiJQioae 
xrjv TQayioöiai'. Vgl. Dikäarch in Vit. Aesch. 
13, Suidas und Vita Soph. 

^) Vita: xcil noXXd exaivovqyrjaap ii^ 
Totg aycoai, tiqmtov fiEv xaralvGag rrjv vno- 
XQiaiv rov nottjrov dt« ryi' idlccf fjLLXQO(p(jiv'iCiv ' 
TJc'iXca yccQ xcd 6 nonjTTJg vttexqli^sto avrog. 

"*) Dieses Jahr ist aus der grossen di- 
daskalischen Inschrift CIA. II, 971 ermittelt 
von Oehmichen, Stzb. d. b. Ak. 1889 II, 145. 
Dass die Zufügung des siegenden Schau- 
spielers auf den Siegerlisten mit der Neue- 
rung des Sophokles oder mit der Abschaffung 
des alten Brauches, nach welchem der Dichter- 
didaskalos zugleich die erste Schauspieler- 
rolle spielte, zusammenhing, ist meine eigene 
Vermutung, die sich leicht auch einem an- 
deren aufgedrängt haben wird. Wenn des 
weiteren nun in dem Leben des Sophokles 
überliefert wird, dass der Dichter selbst in 
der Rolle der ballspielenden Nausikaa und 
des die Laute spielenden Thamyris excelliert 
habe, so müssen wir nach obigem annehmen, 
dass beide Stücke, die Nausikaa und der 
Thamyris, in die Zeit vor 456 oder zwischen 
468 und 456 zu setzen sind. 



198 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



sehen Tragödie; denn über sie gingen die Alten nicht hinaus und mit ihr 
erst hat Sophokles die kunstvolle Durchführung einer verschlungenen Hand- 
lung und die wirksame Gegenüberstellung verschiedener Charaktere, wie 
der Antigene und Ismene, der Elektra und Chrysothemis, ermöglicht. — 
Ebenso wie die Zahl der Schauspieler vermehrte er die der Choreuten, 
und zwar von 12 auf 15.^) Diese Neuerung ist später wie die zuvor be- 
sprochene eingeführt worden, da wir sie noch nicht im Agamemnon des 
Aischylos und selbst noch nicht im Aias unseres Dichters treifen. Wiewohl 
von minder hoher Bedeutung, hat sie doch eine ebenmässigere Aufstellung 
des Chors beim Stand auf der Thymele ermöglicht und ausserdem dem 
Koryphaios eine selbständigere Stelle verschafft, zumal wenn derselbe in 
zwei gegenüberstehende Reihen [avxiTiQoawTioi) auseinandertrat. Darin 
beruht aber auch der Zusammenhang der beiden Neuerungen, indem nun- 
mehr der Chorführer in den Wechselgesprächen gleichsam als 4. Schau- 
spieler den 3 Schauspielern der Bühne gegenübertrat.-) Der Lexikograph 
Suidas erwähnt auch eine eigene, in Prosa geschriebene Schrift des Sophokles 
TtsQi Tov xo^oi5, worin derselbe gegenüber Thespis und Choirilos, den ersten 
Ordnern des Chors, die Vorteile seiner Neuerung auseinandersetzte. — 
Seine weittragendste Neuerung bestand in der Loslösung der einzelnen 
Dramen von ihrem tetralogischen oder trilogischen Zusammenhang, was 
Suidas mit den unklaren Worten ausdrückt: tjq^s tov dgäfjia nqog ^Qocfia 
aycovf^ead^cci, äXXd ixi] rsTQakoysiCi^^ai (v. 1. TSTQaXoytav). Die Erklärung 
der Worte geben uns die Tragödien des Sophokles selbst an die Hand, 
wenn wir es auch schwer empfinden, dass uns gerade von ihm keine 
einzige vollständige Didaskalie und keine Angabe über die mit den ein- 
zelnen 7 Tragödien zugleich gegebenen Stücke erhalten ist. Vor wie nach 1 
aber traten die Tragiker an den grossen Dionysien mit 4, nicht etwa mit ij 
1 Drama in den Wettkampf; vor wie nach auch erhielten die einzelnen i 
Choregen und Dichter nur 1 Preis auf Grund ihrer Gesamtleistung in den ! 
4 Stücken.^) Ob seit Sophokles' Neuerung die 3 Stücke einer Trilogie { 
auf 3 Tage verteilt und das Gesamturteil erst aus dem Urteil über die j 
einzelnen Stücke gewissermassen zusammengerechnet wurde, darüber lassen j; 
sich nur Vermutungen aufstellen.^) Aber was wir aus den erhaltenen , 



^) Vita : rovg de /oQSvrclg noiTJaag avxl 
tß' le, ebenso Suidas. 

^) Darauf ist besonders aufmerksam ge- 
macht von Hense, Der Chor des Sophokles, 
Berl. 1877; vgl. auch meine Metrik, 2. Aufl., 
S. 670. Beachtenswert ist auch, dass gegen- 
über den vielen nach dem Chor benannten 
Stücken des Aischylos fast alle Stücke des 
Sophokles nach der Hauptperson den Namen 
haben. 

^) Die zahlreichen Belege für die beiden 
Sätze sind zusammengestellt von Bergk, Gr. 
Lit. III,.231. 

*) Über diese Vermutungen s. Bergk, 
Vita Soph. p. XXIX. Dindobf, Vita Soph. 
p. XXXV bezweifelt die Echtheit der Über- 
lieferung und will den Absatz in der Fassung 
rov fxrj dQufxa . . dem Artikel 4>{)vri/og zu- 



weisen. Ad. Scholl, Gründlicher Unterricht 
über die Tetralogien des alten Theaters, 
Leipzig 1859, polemisiert ohne Glück gegen 
die im Texte gegebene, wesentlich auf 
Welcker zurückgehende Deutung und er- 
klärt S, 37 den Satz des Suidas für eine 
falsche Vorstellung der Späteren. Schöll's 
Anschauung von einem inneren Zusammen- 
hang der Oedipusstücke sucht geistreich, 
aber ohne Erfolg Vischer, Allg. Zeit. Beil. 
1861 Nr. 186 — 9 zu verteidigen. Die Sache 
ist endgültig zum Austrag gebracht von 
L. Schmidt, Bilden die 3 thebanischen Tra- 
gödien eine Trilogie? in Comm. phil. Bonn. 
219 — 259. Die Annahme einer Verteilung 
der 3 Stücke auf 3 Tage rät allerdings der 
Vi'^ortlaut der Suidasstelle an und wird neuer- 
dings verteidigt von Freericks, Eine Neue- 



D. Drama. 2. Die Tragödie, c. Sophokles. (§ 152.) 



199 



Tragödien sehen, ist, dass Sophokles jede einzelne Tragödie in sich ab- 
rundete, so dass sie auch ohne die beiden andern verstanden und gewürdigt 
werden konnte. Er entschlug sich also der beengenden Notwendigkeit aus 
einem kleinen Mythus, wie es z. B. der des Lykurgos war, 3 Tragödien 
herauszuschlagen und brachte zugleich in die einzelnen Dramen mehr Leben 
und Handlung, indem er aus dem Gesamtmythus den Punkt herausgriff, 
der sich zur lebensvollen dramatischen Handlung am meisten eignete. So 
sind also die 3 Tragödien Oed. Rex, Oed. Col., Antig., welche dem 
Inhalt nach zur trilogischen Zusammenfassung wie gemacht scheinen, jede 
für sich gedichtet und jede zu einer anderen Zeit aufgeführt worden. — 
Bezüglich anderer unbedeutender und bestrittener Neuerungen des Sophokles 
hören wir, dass er den Krummstab der Greise und die weissen Schuhe der 
Schauspieler und Choreuten erfunden, i) die Scenenmalerei vervollkommnet, 2) 
die phrygische Tonart und dithyrambische Weise in die Theatermusik 3) 
eingeführt hat. 

152. Die Neuerungen in der Form des dramatischen Spiels waren 
gute, zum Teil ausgezeichnete Griffe unseres Meisters; aber höher steht 
doch der geistige Gehalt, den er den Schöpfungen seines dichterischen Genius 
einzuatmen verstand.^) Lob verdient da zuerst die Charakterzeichnung so- 
wohl in Bezug auf Naturwahrheit, als auf Idealität der Auffassung. Seine 
Personen sind unserem Herzen und unserer Empfindung näher gerückt als 
die des Aischylos; nicht übermenschliche, gigantische Kräfte lässt er spielen, 
die zarten Regungen der Liebe, die staatsmännische Weisheit des Herr- 
schers, die Gegensätze des Geschlechtes und Alters kommen zum klar 
umrissenen Ausdruck. Aber es fallen deshalb nicht, wenn wir von den 
nebensächlichen, mit Humor nach dem Leben gezeichneten Boten- und 
Wächterrollen absehen, die Personen aus der erhabenen Höhe der Heroen- 
zeit in die platte Trivialität der gemeinen Gegenwart herab. Sophokles 
selbst war sich dieser seiner Vorzüge in der Charakterzeichnung klar be- 
wusst; sagte er doch in einem berühmten Ausspruch, er stelle die Menschen 
dar wie sie sein sollten, Euripides wie sie wirklich seien. ^) Dabei ver- 
stand er es durch scharf markierte Gegensätze in den Charakteren, wie 
der heroischen Antigene und der zartbesaiteten Ismene, des schlauen Odys- 
seus und des offenherzigen Neoptolemos, des starrsinnigen Aias und der 
hingebenden Tekmessa, Konflikte geistiger Mächte in die Tragödie zu bringen. 
Mit Geschick hat er endlich in der Charakterzeichnung auf die Natur und 
Fähigkeiten seiner Schauspieler, von denen uns Apollonios und Tlepolemos 



rung des Sophokles, in Comm. Ribbeckianae 
1888 S. 205-15. 

^) Vita: ^ccrvQog de cprjaiu ort xcd rr]y 
y.ccfxnvXrjy ßaxrrjQiap avrog i7isv6't]Gev ' cprjol 
&6 xcd lazQog rag ?.svxdg XQtjnWag uinov 
i^€VQf]X€yat, äg vnodovvTUi ot t€ vnoxQiTctl 
xccl ol j(0Qsvrai, xat riQog rüg (pvasig avxMv 
yQuxpca T« &Qdfxara. 

'^) Arist. Poet. 4: TQEig (fs vnoxQiTug 
x((i GX7jvoyQttCfiav locpoxlijg TKtQsaxEvaasp. 
Aber schon für Aiscliylos hat Agatharchos 
nach Vitruv VII praef. Dekorationen gemalt. 



^) Vita: (ftpl de 'jQiaxo'^svog wg nQMXog 
Tioy ^AdrjVfjS^Ev 7ion]XO}V xrjv 4>Qvy'Lav fielo- 
noiiav eig xd tdia lia fxaxa naoelaße xcd xov 
dii^j^Qa^ußixov XQOTTov xaxefii^ev. Die dithy- 
rambische Weise scheint sich auf die Frei- 
heit des häufigen Rhythmenwechsels in den 
Gesangspartien zu beziehen. 

■*) 0. Ribbeck, Sophokles und seine 
Tragödien, in Sammlung wiss. Vorträge, 
88. Heft. 

•'') Arist. Poet. 25: locpoxX^g ecprj ctvxog 
fj.ey oi'ovg &£c noiety, EvQinidfjv de oloi eicjiv. 



200 Griechische Litteratiirgeschichte. I. Klassische Periode. 

genannt werden, 1) Rücksicht genommen, wie denn ganz unverkennbar An- 
tigene und Elektra, Ismene und Chrysothemis denselben Schauspielern, wie 
man sagt, auf den Leib geschrieben sind. — Im Aufbau des Dramas hält 
er immer den Blick fest auf die eine Handlung und die in ihr verkörperte 
Idee gerichtet; alles Beiwerk, was den Blick zerstreuen und die Aufmerk- 
samkeit von dem einen Ziele ablenken könnte, wird sorgsam vermieden. 
Mit bewusster Geistesklarheit, nicht nach den Eingebungen eines dunklen 
Gefühles hat er sich den Plan seiner Stücke bis ins Einzelne entworfen 
und ihn in strenger Gesetzmässigkeit so durchgeführt, dass kein Glied 
aus der Reihe fällt. Insbesondere zeigt sich das in den Chorgesängen, 
die stets bei der Sache bleiben und den Gefühlen, welche die Handlung 
auf der Bühne in jeder fühlenden Brust erregen musste, entsprechenden 
Ausdruck leihen. Auch diese Seite der Kunst des Sophokles hat gerechte 
Würdigung bereits bei Aristoteles gefunden, der Poet. 18 die Weise, wie 
er den Chor behandelte, als Muster hinstellt: xal t6v xoqov öt t'va ösT 
imoXaßslv iMv vtioxqitmv xal fxoQioi' sivai, tov oXov xal avvayMvi^eaO^ai^ 
ixi) &(STieQ EvQiTiiSi] ccXX' McfTüfQ 2o(foxXei. Aber nicht die Stelle eines be- 
liebigen Schauspielers nimmt der Chor des Sophokles ein; er vertritt das 
in der Stimme des Volkes zum Ausdruck kommende sittliche Bewusstsein; 
er steht mit seiner ruhigen Klarheit über dem Kampf der Leidenschaften 
und bildet so recht das ideale Element in der sophokleischen Tragödie.'-^) — 
Die Hauptaufgabe der Tragödie, die Erregung und Reinigung von Furcht 
und Mitleid, lässt sich, wie Sophokles richtig erkannte, nicht lösen ohne den 
erschütternden Umschwung {neQmsTeia) des Geschickes der Hauptpersonen. 
Unglück, Tod und Jammerklage bildeten von jeher die Sphäre der Tragödie ; 
aber den Umschwung von der sonnigen Höhe des Glückes zum finsteren 
Todesgrauen den Zuschauern vorzuführen, sie in banger Spannung um ihre 
Helden zittern zu lassen, das verstand er meisterlich. Dazu diente ihm 
der glückliche Griff in der Wahl des Stoffes und das rechte Geschick in 
der Bearbeitung desselben. Einfache Handlungen {änXai tQay(odiai), wie sie 
Aischylos liebte, taugten ihm nicht; selbst im Aias und Oedipus Col. wusste 
er die geradlinige einfache Bewegung durch Zwischenfälle zu unterbrechen 
und zu beleben. Verwickelte Mythen (nenXsy^isvai TgayioSiai) also mit 
grossartiger Peripetie suchte er aus und half durch geschickte Zudichtungen, 
wie von der unglücklichen Liebe des Haimon oder dem Missgeschick des 
Orestes bei den pythischen Spielen, der Dürftigkeit des überlieferten Mythus 
nach, ohne, wie Euripides, den Pfad der Überlieferung gänzlich zu verlassen 
und sich ins Romanhafte zu verlieren. Die Lösung des Knotens (Ivaig) 
führte er durch geschickte Schürzung desselben {nXoxrj) und den in dem 
Charakter der Personen und der ganzen Anlage des Stückes begründeten 
Fortgang der Handlung herbei. Nur einmal, in dem Philoktet, nahm er zu 
dem bequemen Ausweg der Göttermaschine seine Zuflucht. Indem er aber so 
dem sittlichen Willen des Einzelnen erhöhten Einfluss auch auf sein Geschick 
zumass, milderte er die Herbheit der alten Vorstellung von einem blind- 
waltenden Verhängnis. Es ist nicht bloss allegorisches Spiel, wenn er im 

^) Schol. Arist. Nub. 1266, Ran. 791 ; | ^) Auf den sophokleischen Chor passt 

vgl. Vita 6. I Horaz a. p. 193 ff. u. Aristot. Probl. XIX, 48. 



C. Drama. 2. Die Tragödie, c. Sophokles. (§ 153.) 



201 



Oed. Col. lo81 dem Zeus, dem Lenker der Welt, die Dike zur Beisitzerin 
gibt. In diesem Glauben an eine sittliche Weltordnung und in der ehr- 
furchtsvollen Scheu vor den ewigen Gesetzen edler Menschlichkeit, offen- 
bart sich zugleich auch die tiefe Religiosität, welche die Alten an ihm 
rühmten und welche ihn mit demutsvollem Glauben selbst an Seher- und 
Orakelsprüche erfüllte.') — Auch auf die kleineren Hilfsmittel der Span- 
nung und Gemütserregung verstand er sich einzig. Die Wiedererkennungs- 
scene in der Elektra steht an ergreifender Wirkung keiner euripideischen 
nach. Mit besonderem Geschick aber handhabt er die Kunst der tragi- 
schen Ironie in einzelnen Ausdrücken wie in ganzen Scenen.^) Wie musste 
nicht der Zuschauer, der schon den Verlauf und Ausgang der Verwicklung 
voraus wusste, tief von der Nichtigkeit alles menschlichen Witzes durch- 
drungen werden, wenn er den Oedipus die Worte sprechen hörte dXX' 
ovtiot' si{.a Tolg (fvzevaaaiv f ofiov (V. 1007), während er thatsächlich 
schon längst in unseliger Nähe mit seiner eigenen Mutter zusammenlebte. 
153. Edel und erhaben wie die Charakterzeichnung ist auch die 
Sprache des Sophokles. Auch hier hielt er, seinem grossen Zeitgenossen 
Pheidias vergleichbar, das schöne Mass, die rechte Mitte zwischen den 
Extremen : den Schwulst des Aischylos hat er abgestreift, von dem Markt- 
gezänke des Euripides hielt er sich fern.^) In der Anmut der Sprache, nicht 
bloss in dem Anschluss an die Mythen des epischen Kyklos erkannten 
die Alten den homerischen Zug in der sophokleischen Poesie.^) Von dem 
Honigseim, den Aristophanes in seiner Rede fand, war bereits oben die 
Rede; doch vom Süsslichen ist seine Sprach- und Denkweise weit ent- 
fernt, umgekehrt sind für unser Gefühl die Gedanken und Worte der An- 
tigene und Elektra oft zu herb und verstandesmässig.^^) In dem Versbau 
und den Rhythmen entfernte er sich ein wenig von der Strenge und Gesetz- 
mässigkeit des Aischylos. Insbesondere erlaubte er sich im Trimeter des 
Dialoges häufigere Auflösung der Längen und Zerschneidung des Verses 
durch Personenwechsel, ja selbst einigemal den Apostroph am Versschluss.^) 
Die freien Masse seiner Chorgesänge und Monodien haben weder die 
Mannigfaltigkeit noch den einfach durchsichtigen Bau des Aischylos ; doch 
schliessen sich die Rhythmen gut der jedesmaligen Stimmung an, und wenn 
manche Strophen schwerer zu recitieren sind und uns nicht so leicht ins 
Gehör gehen, so ist daran der Verlust der Melodien schuld. Jedenfalls steht 
der rhythmische Formenreichtum des Sophokles weit über dem Leierkasten 
des Euripides und bilden gerade die Chorgesänge wegen der Tiefe und 
Hoheit der Gedanken und der schmiegsamen Schönheit des sprachlichen 
Ausdrucks die schönsten Perlen im Ruhmeskranz unseres Dichters.'') Fassen 



^) Schul, ad El. 831 : rf Aew? dfirj/ai/sr 
6 lofpoidfjg Big rovg S^sovg ß'kaacprjfj.wv ' xal 
yciQ 8ig iju TöiV d^soasßeatchojy. 

^) Thiklwall, On tlie irony of So- 
phodes, Phil, Mus. 11, 483 ff. = Philol. 6, 
81 ff. 

^) Plut. de profectu virt. 7. 

^) Polemon bei Suidas: tXsysp ovv'Ofxr]- 
Qov fAFr Io(foxX£C( 8711x6}/, locfoxXici öaOfxr]- 
Qoy XQayixöv. Vgl. Dionys. de comp. 24; 



Dio Chrys. or. 52 p. 272. 

^) Diog. IV, 20 von Polemon : »yV cTe xtd 
cpiXoaocfox'kfjg xal juccXiara ev ixeivoig . . 
fW« i^v xatcc xov 4>Qi^Pi/oi/ ov yXv^tg ovd^ 
vTTo/vTog aXXd TlQäfxPiog. 

6) Ath. 543 e. Vgl. meine Metrik, 2. 
Aufl., S. 304; man nannte diese Nachlässig- 
keit nach Schol. Heph. p. 143 W. oxrjfxa lo- 
cp6x?:eiop. 

') Schol. ad Ocd. C. GG8: Io(poxXi]g 



202 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

wir alles zusammen, so begreifen wir die Verehrung, welche selbst die 
Komiker dem Sophokles entgegentrugen, und welche die Künstler durch die 
Tänie, die sie ihm ins Haar flochten, zum Ausdruck brachten. i) Das Urteil 
der Zeitgenossen gibt Xenophon wieder, wenn er Mem. I, 4 im Epos dem 
Homer, im Dithyrambus dem Melanippides, in der Tragödie unserem 
Sophokles die Palme reicht. 2) 

154. Der erhaltene Ai'ag ist fxacfTiyocpoQog im Gegensatz zu dem Al'ag 
AoKQog zubenannt von der Geissei, welche Aias über dem Widder, dem 
vermeinten Odysseus, schwingt (V. 110). Der Stoff, schon von Aischylos 
in den OQJjaam behandelt, war der kleinen Ilias des Lesches entnommen,^) 
hatte aber für Athen ein spezielles lokales Interesse, da der Salaminier 
Aias zu den Stamm heroen Attikas gehörte. Im Anschluss an das Epos 
stellt Sophokles im Eingang den Aias dar, wie er rasend über die Tiere der 
gemeinsamen Beute herfällt in dem Wahne, dass diese seine Feinde, die 
Atriden und Odysseus, seien. Die unheimliche Gestalt der feindseligen 
Göttin Athene, die dem Odysseus das schreckliche Bild des rasenden Aias 
zeigt, ist neu, wie der Verfasser der Hypothesis bemerkt; sie ist hinzu- 
gefügt, teils um die Macht der Gottheit über die in ihrem Stolze sich über- 
hebenden Menschen klar vor Augen zu führen (V. 118 — 133), teils um den 
Zuschauern den Anblick der grausen Mordscene zu ersparen. In der alter- 
tümlich gebauten, durch anapästische Systeme eingeleiteten Parodos be- 
jammert sodann der Chor der salaminischen Schiffsmannen die durch der 
Götter furchtbaren Zorn herbeigeführte Sinnesverblendung des geliebten 
Führers. Bald darauf sehen wir den Helden selbst, durch ein Ekkyklema 
auf die Bühne gerollt, in dumpfer Verzweiflung dasitzend. Erweicht durch 
die rührenden Zureden der Tekmessa und den Anblick seines einzigen Kindes 
Eurysakes, scheint er nochmals von Todesgedanken abzustehen und sich 
unterwürfig der Notwendigkeit zu fügen, so dass der Chor in einem Tanz- 
lied an Pan (693 — 718) seiner Freude über die Umstimmung des Führers 
Ausdruck gibt. Aber die Umstimmung war Täuschung; schon am Schlüsse 
des nächsten Epeisodion erblicken wir, nachdem wir durch Kalchas War- 
nungen auf das nahende Geschick vorbereitet worden, den Aias in ein- 
samer Waldesgegend vor dem scharfgeschliffenen Schwert, in das er sich 
nach dem berühmten Monolog (815 — 865) an den bitteren Todesbringer 
stürzt. Mit dem Tode des Helden endigt aber nicht die Tragödie; der 
zweite, über 500 Verse füllende Teil dreht sich um die Bestattung des 
Leichnams, den die Atriden den Hunden vorwerfen wollen, den aber doch 
nach langem Streit der treue Halbbruder Teukros dem Mutterschoss der 
Erde übergibt. Dieser 2. Teil missfällt uns, da wir nach der Katastrophe 

inl To tdiop dnuvTsT ^uQay.xi](iiam6v, x6 j 470 ff. 
y'AaqjvQov xcd loJoxoi^ fis'Aog. Dazu Dio Chrys. '') Ähnlich der Grammatiker der Vita 

or. LH fin.: t« de ^eh] ovx t/SL nolv ro ' Aesch., der die Tragödie unter Sophokles 

yycDjLiixoy ov'ö's itjp TiQog ÜQsrtjy TtciQuxhptr, \ ihren Höhepunkt {Ts'Asiorrjg) erreichen lässt. 



j 



iöaneQ rd EvQinidov, rj&ovrjv de &avjxciax'i]v 
y.al f^eyaXoTiQeneiuy, (oars fxi] slxrj loiavicc 
ttsqI ccinov Tov ^jQiarocpdyi] EiQt]xevca ' 
6 (V civ locpoxXeovg xov /uehTt xe/Qi^fuei^ov 

dioTieQ xad'iay.ov neQulei^e to (jn\ua. j i'eiai x«l eavtdi^ dvai^el 

^) Welckeb, Denkm. d. alt. Kunst. I, 



^) Proklos ehrest, p. 238 W.: ?; rwv 
07iXa)y ygiotg yivezcii xal 'Odvoaevg fisrd 
(3oi'Xf]aii' 'AS^ijydg Xa^ßdvsi. AXag de e^uavvjg 
yevofxepog ri]v ts Xeiav tior 'A^aiaiv Xvjuccl- 



C. Drama. 2. Die Tragödie, c. Sophokles. (§ 154 -155.) 



20: 



nicht noch ein so langes Nachspiel erwarten, und wurde daher von ver- 
schiedenen Seiten auf eine spätere Überarbeitung des Stückes zurück- 
geführte) Aber der Dichter hat ihn deutlich in dem Monologe des Aias 
V. 827 f. angekündigt, und die alten Zuschauer werden ihn bei dem religiösen 
Gewicht, das sie auf die Totenbestattung legten, günstiger beurteilt haben. 
Der lange Streit, zumal des Teukros mit dem übermütigen Agamemnon 
und dem Menelaos, dem Repräsentanten des rohen Spartanertums, war 
überdies Sirenenmusik für die Athener, die gewiss mit lautem Beifall den 
Vers 1102 ^TtdQrrjg dvaaawv rjX&sg, ovx rj^iMv xQaron' aufnahmen. Viel- 
leicht rechtfertigte auch der trilogische Zusammenhang die lange Aus- 
dehnung des Schlussteiles; denn bei dem hohen Alter unseres Stückes ist 
es erlaubt anzunehmen, dass dasselbe noch nach Art der äschylischen 
Tragödien mit dem Teukros und Eurysakes^) zu einem Ganzen verbunden 
war. Dass aber der Aias aus der älteren Periode des Sophokles stamme, 
dafür spricht ausser dem äschylischen Bau der dreigliederigen Parodos 
und der steifen Gestalt der grinsenden Athene auch der Umstand, dass die 
wahrscheinliche Verteilung der Epiparodos 866 — 878 unter Einzelchoreuten 
auf einen Chor von 12, noch nicht von 15 Mann führt. ^) 

155. Die 'AvTiyovr], das gefeierteste Drama der griechischen Litteratur , 
das dem Dichter die Ernennung zum Strategen im samischen Krieg eintrug, 
wurde nach der wahrscheinlichsten Berechnung 442 oder 440 aufgeführt.*) 
Der Mythus ist der alten Thebais entnommen, in welcher der Kampf und Tod 
der feindlichen Brüder Eteokles und Polyneikes und die Übernahme der 
Herrschaft durch Kreon erzählt war. Ob das alte Epos auch schon das 
Verbot der Beerdigung des Vaterlandsverräters Polyneikes und die heim- 
liche Bestattung desselben durch seine heldenmütige Schwester Antigonep) 
kannte, bleibt ungewiss, da Pindar Ol. VI, 15 und Nem. IX, 24 von 7 
Leichenhügeln bei jenem Kampfe spricht.'^) Selbst ob Aischylos in diesem 



') Beegk. Gr. Litt. III, 378 ff. ; 0. Rib- 
beck, Sophokles 19; van Leeuwen, De au- 
thentia et integritate Aiacis Sophoclei, Ut- 
recht 1881. Auch die häufigen Auflösungen 
im Trimeter scheinen die Annahme eines 
späteren Ursprungs oder einer späteren Um- 
arbeitung zu begünstigen. Dass schon die 
Alten ungünstig über diesen zweiten Teil 
des Aias dachten, lehren die Schollen zu 
V. 1123 u. 1126. — Eine lateinische Überse- 
tzung des Aiax lorarius lieferte Jos. Scaliger. 

'^) Über den Inhalt des Eurysakes, den Ac- 
cius übersetzte, s. Welckek, Gr. Trag. II, 197 ff. 

^) So G. WoLFF in der Ausgabe, dem 
Muff, Chorische Technik des Sophokles, bei- 
stimmt. Wendt in seiner Übersetzung S. 12 
macht mit Recht für die frühe Abfassung 
auch den Charakter der Versmasse und den 
Umstand geltend, dass nur an 2 Stellen, im 
Prolog und kurz vor Schluss 3 Schauspieler 
gleichzeitig an der Handlung teilnehmen, 
etwas was auf die Zeit hinweist, in der man 
den Vorteil des 3. Schauspielers erst all- 
mählich auszunützen begann. 

') Vgl. oben S. 193 An. 4; das Jahr 



sucht festzustellen Böckh im ersten Exkurs 
seiner Ausg. Es dreht sich um 442 oder 
440, da ins .1. 441 der erste Sieg des Eu- 
ripides fällt. Bekgk, Gr. Litt. Ill, 415 wollte 
deshalb, um die Antigone 441 setzen zu 
können, in der Hypothesis des Stückes 
schreiben : decUdaxiat de ro dgä/ua tovto 
XQiaxoarov. devrsQog tjv statt XQiaxoaxop dsv- 
TSQov. Eher kann man an den Ausweg 
eines Sieges an den Lenäen denken, da die 
Verschiedenheit der Angaben über die Zahl 
der Siege des Sophokles (s. S. 196 An. 6) 
möglicherweise so zu deuten ist, dass er 
18 Siege an den Dionysien und 2 oder 6 
an den Lenäen davontrug. 

^) Die Vorstellung einer starken, gegen 
Herrschergebot ankämpfenden Jungfrau ging 
offenbar von der Etymologie des Namens 
^ivriyovi] aus. 

*^) Wahrscheinlich gehören die knrc. 
nvQal der Lokalsage an (s. Böckh zu Ol. VI, 
24) und beziehen sich auf die Kämpfe an 
den 7 Thoren, so dass aus ihnen über Poly- 
neikes Bestattung nichts sicheres geschlossen 
werden kann. 



204 



Griochische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Teil des Mythus dem Sophokles vorangegangen sei, ist zweifelhaft, da die 
Echtheit des Schlusses der Sieben, der das Verbot des Kreon und den 
Entschluss der Antigone enthält, starken Zweifeln unterliegt, i) Jedenfalls 
ist ganz neu von Sophokles hinzugedichtet die Bestrafung der Antigone 
durch Einsperrung in ein unterirdisches Grabverlies, wozu dem Dichter die 
Sage der Danae und die alten unterirdischen Grabkammern im Lande der 
Argiver und Minyer die Handhabe boten, 2) und ebenso das Liebesverhältnis 
der Antigone und des Haimon, von dem das alte Epos so wenig etwas 
wusste, dass in ihm vielmehr Haimon ein Raub der Sphinx geworden war.^) 
In diesen beiden Zudichtungen offenbart sich das geniale Erfindungsver- 
mögen des Sophokles: der zarte Liebesbund der Antigone und des Haimon 
lässt einesteils in das Todesgrauen wilder Rachsucht den milden Lichtstrahl 
süsser Empfindungen fallen und reisst anderseits den kaltblütigen Tyrannen 
Kreon durch den Tod seines Sohnes und seiner Gattin mit in den Abgrund 
des Verderbens. Die unterirdische Grabkammer aber war schon an und 
für sich dazu angethan, wie die Heldin selbst, so auch die Zuschauer mit 
Grauen zu erfüllen, ward aber vollends zur Stätte grausigster That, als 
Haimon, indem er sich um den Leichnam der erhängten Geliebten schmiegte, 
das Schwert erst gegen den eigenen Vater zückte und dann sich selbst 
in die Brust stiess. Aber so bewunderungswürdig auch diese beiden Zu- 
dichtungen sind, so hat doch noch mit mehr Glück der Dichter die Per- 
sonen und Züge der alten Sage selbst benützt, um in Antigone, welche an 
die ungeschriebenen, ewigen Gesetze der Natur appellierend die Bestattung 
des geliebten Bruders fordert, und in Kreon, der als Vertreter der Staats- 
weisheit den Leichnam des Verräters den Tieren und Vögeln zum Trasse 
hingeworfen haben will, zwei sittliche Anschauungen^ von denen keiner die 
Berechtigung ganz abgesprochen werden kann, in verhängnisvollen Konflikt 
zu bringen und so eine neue, höhere Gattung tragischer Verwicklung zu 
schaffen. Dabei wiegt er die beiden sittlichen Mächte so gegeneinander 
ab, dass wohl die Wagschale des Kreon sinkt, weil Menschensatzung gegen 
die Heiligkeit ■ ewiger Naturgesetze zurücktreten muss,'') dass aber auch 
Antigone nicht von jeder Schuld frei bleibt, indem sie in hochfahrendem 
Tone die Beihilfe ihrer Schwester Ismene zurückweist und in heftiger Über- 
hebung das Mass der Besonnenheit und Gesetzesschranke überschreitet. 
Den Vorzügen der Ökonomie des Stückes gesellen sich andere der Cha- 
rakterzeichnung und des Stiles zu. Wirkungsvoll sind die Gegensätze der 
heroischen, die Grenzen der Weiblichkeit überschreitenden Antigone und 
der weichen, in jungfräulicher Schüchternheit vor einem Konflikt mit der i| 
Staatsgewalt zurückschreckenden Ismene, und trefflich hat der Dichter in 
dem einzigen Vers ov toi awe^d^siv dXXd avficpi^sTv £(pvv (V. 523) den 



•) Vgl. § 141. 

-) Vermutlich wurden dieselben damals 
noch für Grabkammern und noch nicht, wie 
bei Pausanias, für Schatzhäuser ausgegeben. 

3) Schol. zu Eur. Phoen. 1760. 

■^j Nebenbei, in dem Stasimon V. 594 ff., 
verschmäht Sophokles auch nicht die Wirkung 
des düsteren Hintergrundes eines im Labda- 



kidenhaus sich forterbenden Fluches. 

^) Ph. Mayer, Studien zu Homer und 
Sophokles, Gera 1874, hat in dem schönen 
Aufsatz, Über den Charakter des Kreon, sich 
die richtige Auffassung dadurch erschwert, 
dass er die gleiche Charakterzeichnung des 
Kreon in den 3 Stücken, Ant., Oed. R. und 
Oed. Col, durchzuführen sich abmüht. 



C. Drama. ^. Die Tragödie, c. Sophokles. (§ 150.) 



205 



ganzen Charakter der Heldin und zugleich das geheimste Wesen des weib- 
lichen Herzens enthüllt. ^) Auch die herzlose Staatsklugheit und der trotzige 
Starrsinn des Kreon, der nur auf dem Gipfel des Unglücks und da zu spät 
gebrochen wird (V. 1095 ff.), ist in guten Gegensatz gestellt zur zarten, 
fast weiblichen Liebesempfindung des Haimon. Die Chorlieder der Antigone 
aber sind aufs engste mit der Handlung verknüpft und begleiten mit der 
Klarheit des Gedankens und der Tiefe des Gemütes die Wechsel der Scenen 
von dem ersten Sonnenstrahl des Sieges nach langer Kampfesnot bis zur 
ernsten Schlussmahnung des abziehenden Chors. — Nach einer Notiz bei 
Cramer, An. Ox. IV, 315, gaben einige die Antigone für ein Werk des 
lophon aus, was sich auf eine nochmalige Aufführung und Umarbeitung 
durch lophon beziehen wird. 2) Euripides hat sich an dem gleichen Stoff 
versucht, mit der unglücklichen Abänderung, dass er Haimon und Antigone 
zusammenführte und eine Frucht ihrer heimlichen Liebe erdichtete.^) Accius 
hat das sophokleische Stück für die römische Bühne bearbeitet.*) In unserer 
Zeit wetteifern die humanistischen G3^mnasien aller Länder in Aufführung 
des griechischen Textes der Antigone und hat Böckhs Übersetzung und 
die Komposition der Chöre von Mendelssohn das antike Werk auch in 
unseren Theatern und Konzertsälen populär gemacht. 

156. Die 'HXsxTQa lasse ich hier folgen wegen der Verwandtschaft 
der Anlage. Die Verwandtschaft beruht in der Ähnlichkeit des Gegensatzes 
zwischen der heroischen, vor Rachedurst jede Regung kindlicher Liebe ver- 
leugnenden Elektra und der schüchternen, aus weiblicher Schwäche auch 
gegen die unnatürliche Mutter innerhalb der Schranken kindlicher Ergeben- 
heit verharrenden Chrysothemis. Es hat allen Anschein, dass Sophokles, 
durch den glänzenden Erfolg seiner Antigone bestimmt, sich nach einem 
ähnlichen Stoff in dem Heroenmythus und nach ähnlichen Rollen für seine 
erprobten Schauspieler umsah. Den Stoff und die Rolle der ersten Heldin 
fand er in den Choephoren des Aischylos. Die Schwester gab ihm der 
Vers des Homer / 145 ^) an die Hand. Da aber bei Aischylos die Choe- 
phoren das Mittelstück einer Trilogie gewesen waren, so musste er, um 
seinem Drama eine selbständige Stellung zu geben, die letzte Partie der 
Choephoren, welche das Herannahen der Rachegeister ankündigt, weg- 
schneiden.^) Sodann galt es ebenso wie in der Antigone die weibliche Rolle 
in den Vordergrund zu rücken. Das gelang ihm, indem er den Orestes in 
die zweite Stelle schob und die Elektra nicht bloss selbständig den Plan 
der Ermordung des Buhlen Aigisthos fassen, sondern auch dem Bruder, 



^) Daher das Urteil der alten Kunst- 
richter in der Vita: o/cTf de xcuqop at\u/ns- 
jQrjGui xcd TiQÜyfxmci, wffr' ex fXLXQov rjfxi- 
azi/iov ij Xe^siog fxicig ölov ii]yhonoie?p tjqo- 

GOJTlOy. 

'^) Stelle dazu die Angabe des Satyros 
in der Vita von einer Vorlesung der Anti- 
gene durch den sterbenden Dichter, oben 
S. 195 An. 5. 

^) Vergl. Argum. Soph. Ant. ; Wecklein, 
Sitz. d. b. Ak. 1878 II 186-98; über eine 
Antigone des Astydamas s. Nauck TGF- 
777; Heydemann, Nacheuripideische Antigone, 



1868. 

'*) Ribbeck, Rom. Trag. S. 483, wo un- 
geschickte Abweichungen von dem Original 
nachgewiesen sind. 

•') Auf ihn ist angespielt El. 157: oYu 
XQva6x)^£fXig Ciöet xcd ^Icpiäpaaaa. Ein Unter- 
schied besteht darin, dass die Tragiker die 
ylaoö'ixj] Homers 'fTAexTQa, wie die ^Enixäajij 
Homers 'loxuarr,, entweder nach einer alten 
Textesvariante oder nach einer anderen Sagen- 
quelle, nannten. 

*^) Eine leise Andeutung liegt in dem 
Verse 1425. 



20G Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

als er den tödlichen Streich gegen die Mutter führte, in wildem Rachedurst 
zurufen lässt naiaor ei a&tieig SiTrXr^v (V. 1415). Mit gutem Recht konnte 
er daher auch das neue Drama, wie ehedem die Antigone, nach der weib- 
lichen Hauptrolle benennen. ^) Von dem, was er sonst gegenüber Aischylos 
neuerte, ist das wirkungsvollste die Wiedererkennungsscene, wobei er sich 
die anachronistische Fiktion, dass Orestes bei den pythischen Spielen ge- 
fallen sei, erlaubte. In solchen Dingen hatte man seit Aischylos viel gelernt, 
aber etwas ergreifenderes als die Scene, wo Elektra zuerst die Urne mit 
der vermeintlichen Asche des Bruders von Orestes in die Hände nimmt und 
dann in dem Überreicher der Urne ihren leibhaftigen Bruder erkennt, hat 
das athenische Theater nicht gesehen. 2) Über die Abfassungszeit der 
Elektra gehen die Meinungen der Gelehrten stark auseinander, so dass 
sie z. B. Ribbeck für die älteste, Gruppe und Wilamowitz für eine der 
jüngsten Tragödien unseres Meisters erklärten.^) In Ermangelung be- 
stimmter Zeugnisse hängt die Entscheidung von dem Kunstcharakter des 
Stückes, namentlich seiner metrischen Form und seinem Verhältnis zu ver- 
wandten Stücken ab.^) Die kommatische Form der Parodos, die kurze, 
aus nur 1 System bestehende Exodos, die häufige Verteilung eines Verses 
auf mehrere Personen, endlich das Zurücktreten der Chorgesänge gegenüber 
den Wechselgesängen führen uns in die jüngere Entwicklungsstufe unseres 
Dichters, worauf auch die Anspielung auf das unterirdische Grabgemach 
der Antigone (V. 381) hinweist. Die Elektra des Euripides ist zwar mehr 
gegen Aischylos als Sophokles gerichtet, aber nicht bloss geht der Vor- 
wurf des leichtgläubigen Vertrauens auf eine blosse Haarlocke (Eur. El. 530) 
auf beide, sondern kehrt sich auch der Hinweis auf die Fiktion der pythi- 
schen Spiele (V. 883) speziell gegen Sophokles.'') Also vor 412 und nach 
440 müssen wir unsere Tragödie setzen; unentschieden lasse ich es, ob 
sie vor oder nach dem König Oedipus zu setzen ist,^') und ob Euripides im 
Hippolytos (428) mit der glänzenden Schilderung von den scheu gewordenen 
Pferden des unglücklichen Jünglings (Hipp. 1230 — 48) die Erzählung des 
Sophokles vom Wagenunfall des Orestes (El. 743 — 56) überbieten w^ollte 
oder für Sophokles das nicht ganz erreichte Vorbild war.') 

157. Der OiSitiovq TVQarvog,^) die erschütternde Schicksalstragödie, 



^) Beachte, dass die aeschylische Tra- j eingeführt wurde, der homerh'ebende Dichter 

gödie auch den Namen ^OqtoTsia hatte s. aber hier einfach den homerischen Leichen- 

S. 185 An. 6. \ spielen des Patroklos gefolgt zu sein scheint. 

^) Dabei war Sophokles zu nobel, als dass | ^) Erkannt von 0. Ribbeck, Leipz. Stud. 

er sich, wie Eur. El. 530, über seinen Vor- VIII, 382-6. 

ganger lustig gemacht hätte; umgekehrt lässt ^) Für die erstere Annahme spricht die 

er im Anschluss an Aiscln-los den Orestes ; Stellung des Stückes in den Handschriften; 

eine Locke am Grabe des Agamemnon s. § 150. 

niederlegen (900) und Chrysothemis daraus ') Eine Wechselbeziehung zwischen t^w?;- 

auf die Rückkehr des Bruders schliessen. riov Ihüptmv Hipp. 1245 und T/u7]ToTg luuoi 

^) Flessa, Prioritätsfrage der soph. und El. 747 ist schwer abzuweisen, ebenso wie 

eur. Elektia, Bamb. Progr. 1882, wo über die , zwischen xa&aQjijg /doi'ög Vesp. 1043 und 

frühere Litteratur sorgfältig referiert ist; Rib- xa&c(Qrrjg doj/uarog El. 10. Ausserdem scheint 

BECK, a. 0. 13; Wilamowitz, Herrn. 18. 214jff. j die Bemerkung des Aristoph. Equ. 558 von 

^) Mit dem Gebrauch des Zweigespanns den Unfällen bei den Wagenrennen, und 

(702 und 721 f ) ist für die Zeitbestimmung Nub. 534 von der Locke des Bruders mit 

nichts anzufangen, da dasselbe thatsächlich ' unserm Stücke zusammenzuhängen, 

erst nach dem Tode des Sophokles in Delphi ^) Das Beiwort ist erst später zugesetzt 



C Drama. 2. Die Tragödie, c. Sophokles. (§ 157.) 



207 



wurde vermutlich zur Zeit oder nicht lange nach der Pest im Anfang des 
peloponnesischen Krieges gedichtete) Der alte thehanische Mythus von 
Oedipus, der ohne Wissen seinen Vater erschlug, seine Mutter heiratete, 
und als er nach langen Jahren von seinen Verirrungen Kenntnis erhielt, 
sich in Verzweiflung die Augen ausstach, war zur tragischen Darstellung 
wie geschaffen. 2) Die drei grossen Tragiker haben ihn wetteifernd be- 
arbeitet;'^) Sophokles hat die äschyleischen Stücke Laios und Oedipus ge- 
schickt in der Art zu einem zusammengezogen, dass er die früheren Ge- 
schicke des Oedipus in der Form episodischer Erzählungen den Zuhörern 
vorführte. Die unerreichte Kunst des Sophokles aber besteht darin, dass 
er erst nach und nach den Schleier von der unseligen Vergangenheij: des 
Königs wegzieht, und mit glücklichster Anwendung der tragischen Ironie 
den König selbst das Geheimnis enthüllen lässt. Oedipus sendet seinen 
Schwager Kreon zum delphischen Orakel ab, um von Apoll ein Mittel zur 
Abwendung der Pest zu erfahren: das Orakel befiehlt, die Mörder des 
Laios aufzusuchen und zu bestrafen. Oedipus lässt den Seher Teiresias 
kommen, um von ihm eine Spur des unbekannten Mörders zu erfahren : 
der Seher bezeichnet in dunklen, den Zuschauern aber w^ohl verständlichen 
Worten ihn selbst als den Mörder. Durch den lauten Streit gerufen, kommt 
lokaste aus dem Palaste und erzählt, um den aufgeregten Gatten zu be- 
ruhigen, die Aussetzung des jungen Oedipus und die Ermordung des Laios 
am Dreiweg in Phokis: die Erzählung lässt im Geiste des Oedipus die 
schreckliche Ahnung, dass er selbst der Mörder des Laios sei, aufdämmern. 
Die Hoffnung, dass ihm doch wenigstens das vom Orakel angedrohte Los, 
seinen eigenen Vater zu erschlagen, erspart bleibe, scheint durch die Mel- 
dung vom Tode des Polybos zur Gewissheit zu werden: da verkündet der 
Bote, dass Polybos und Merope nur die Nähreltern des Oedipus waren. 
Vor lokastes Auge zerfliessen bereits die Nebel, Oedipus klammert sich 
noch an einen Hoffnungshalm und verlangt stürmisch, den Diener zu sehen, 
der den kleinen Knaben dem Hirten des Königs Polybos übergeben habe: 
er kommt und löst, von Oedipus selber befragt, die letzten Zweifel, so 
dass nun die ganze schauerliche Wahrheit enthüllt vor den Augen des 
unglücklichen Königs liegt. So ist spannend und erschütternd die Handlung 



worden, so dass er von Andern nach der 
Hypothesis Oid\ TiQorsgog genannt werden 
konnte. In späterer Zeit deutete man nach 
der Hypothesis das Beiwort auf den Vorzug 
des Stückes: /((Qityrojg ö't jvQarpov uTiccvreg 
uvTov enLyqd(povaiv wg i^e/oyTu Tiuar^g rtjg 
^oqjoy.Xtovg 7ioiija6(hg, xciLTiSQ iqxTrj&ivTu vno 
^iXoxXtovg, (jjg (pjöt JixaiuQ/og. P^benso 
der Rhetor Aristides vntQ roiy xeiruQuyp 
p. 334. 

') Auf diese Zeit weist die Schilderung 
der Pest im Eingang der Tragödie. Ob 
Perikles, der im Herbst 429 starb, noch am 
Leben war, steht nicht fest; nach ihm scheint 
die Herrschei macht und der freigeisterische 
Sinn des Oedipus gezeichnet zu sein. Ath. 
l'TGa überliefert, dass Euripides in der Medea 
1.481) und Sophokles in unserem Oedipus die 



grammatische Tragödie des Kallias in der 
Disposition des Chors nachgeahmt habe, 
woraus man jedenfalls so viel entnehmen 
darf, dass das btück des Sophokles nach dem 
des Kallias zur Aufführung kam; aber das 
letztere ist chronologisch nicht fassbar. 

'^) Arist. Poet. 14: cTeT yuQ xul i'iyev rov 
OQÜP ovTOj ovfeGtKyiU rov fxvOov, üjaxe tuv 
ay.ovovxa rd TTQÜyuaxa yiyvofxev« xal cpQLX- 
xeip y.(d iXseiv ex xujy avjußaivovxcov, (ctieq 
äv Tiü^oL xig icxovioy xov xov Oif^ino^og fxv&ov. 

^) Aischylos schrieb einen Laios und 
Oedipus, P]uripides einen Oedipus, worin ev 
wie in Antigone, Elektra, Philoktet die Sage 
stark umgestaltete, so dass Oedipus sich 
nicht selber blendet, sondern von den Kriegs- 
genossen des Laios geblendet wird. 



208 



Griecliische Litter aturgeschichte. 1. Klassische Periode. 



dargestellt, wie es trefflicher kaum geschehen konnte. Fraglich ist nur, 
ob auch das versöhnende Element, die Katharsis, vom Dichter nach Gebühr 
berücksichtigt und die höhere Auffassung vom Schicksal und der sittlichen 
Weltordnung zur Geltung gebracht worden sei. Da wird man nun zugeben 
müssen, dass er gleichsam im Banne des Stoffes die alte Idee von dem 
blinden Walten des Verhängnisses mehr als sonst zur Erregung von Furcht 
und Mitleid verwendet hat. Aber er hat doch auch auf der anderen Seite 
den furchtbaren Eindruck der dämonischen Schicksalsgewalt gemildert, 
einmal durch den versöhnenden Ausgang, indem der schwergekränkte Kreon, 
von Mitleid gerührt, dem geblendeten König seine beiden geliebten Töchter 
zum Tröste schickt, dann durch die Zeichnung des Oedipus selbst, der, 
über die Massen herrschsüchtig, jähzornig und argwöhnisch, nicht ganz 
ohne eigene Schuld dem schweren Geschick verfällt. Die Tragödie fand 
bei ihrer ersten Aufführung in Athen nicht die verdiente Anerkennung; 
Sophokles musste gegen Philokles zurückstehen, vielleicht weil die Athener 
nicht durch die Schilderung der Pest auf dem Theater an dem Feste des 
Dionysos an das Unglück der Wirklichkeit gemahnt werden wollten. Aber 
Aristoteles führt in der Poetik kein Drama so oft als Muster an wie den 
Oedipus, und die Späteren, wie der Verfasser der Hypothesis und Aristides, 
skandalisierten sich über den schlechten Geschmack der Athener, welche 
einen Philokles dem Sophokles vorziehen konnten.^) 

158. Die Tga^iviai haben ihren Namen von dem Chor, der aus 
Jungfrauen von Trachis gebildet ist. Der Chor selbst spielt aber nur eine 
sehr untergeordnete Rolle. Das Interesse der Leser verteilt sich einerseits 
auf die edle Deianeira, die, wiewohl erregt durch die Ankunft ihrer neuen 
Nebenbuhlerin, der schönen lole, doch nur in bester Absicht dem Herakles 
das Nessusgewand schickt und, als sie von Hyllos das angerichtete Unheil 
erfährt, schweigend weggeht, um durch freiwilligen Tod ihre Schuld zu 
büssen, anderseits auf den Heros Herakles, dessen fürchterliche Qualen, 
als das Gift des lodernden Gewandes ihm Mark und Bein verzehrt, den 
Schlussteil des Dramas bilden. Durch den Prolog, in welchem Deianeira 
ihr Missgeschick von der Zeit an, wo Herakles und der Flussgott um ihre 
Hand warben, bis zur Gegenwart, wo sie schon 15 Monate den abwesenden 
Gatten missen muss, in epischer Breite erzählt, und durch den Epilog, in 
dem Herakles, über die Zeit der Handlung hinausgreifend, dem Sohne 
Hyllos die kriegsgefangene lole zu heiraten befiehlt, 2) erinnert das Stück 
stark an euripideische Manier. Ein grosser politischer Hintergrund und 



^) Aus der modernen Litteratur gleicht 
kein Stück dem Oedipus mehr wie Shake- 
speare's König Lear, nur hat der grosse 
Britte nicht bloss den Inhalt der beiden 
Oedipus, Blendung und Tod des Königs, in 
ein Stück zusammengezogen, sondern auch 
die Handlung noch durch Hereinziehung 
eines ähnlichen Geschicks des Hauses Glo- 
cester verwickelter und krasser gestaltet, 

2) Die Schlusspartie 1216—1278 erklärt 
für unecht Bergk, Gr. Litt. ITT, 394 f.; 
Wendt in Übers. S. 7 möchte eher ver- 



zumal dieselbe weniger 
In dem ganzen 



muten, dass der Schluss der Tragödie ver 
loren gegangen sei 
Verse als alle anderen zähle 
Stück wollte Schlegel eine Bearbeitung durch 
lophon finden; mit der Annahme doppelter 
Rezension fand sich Hermann in seiner Aus- 
gabe ab. Gegen jene Hypothese wendet 
sich in übertriebenerßewunderung desStückos 
R. Schreiner, Zur Würdigung der Trachiniai 
des Soph, 1885, Progr. von Znaim; auch 
Weokletn, Bay. Gymn. Bl. XXII (1886). 399 
stellt die Trach. höher als selbst die Elektia. 



C. Drama. 2. Die Tragödie, c. Sophokles. (§ 158 159.) 209 

ein in die Zeitverhältnisse hineingreifendes Hauptmotiv fehlt unserer Tra- 
gödie; dadurch steht sie namentlich der Antigone und den beiden Oedipus 
nach. Der Dichter hat sich hier einfach darauf beschränkt, den Mythus 
in seiner überkommenen Gestalt beizubehalten und aus den gegebenen 
Motiven eine ergreifende Tragödie unglücklicher Gattenliebe zu schaffen. 
Was indes dem Stück an Grossartigkeit abgeht, wird durch die Zartheit 
der Empfindung und die Feinheit psychologischer Zeichnung glücklich er- 
setzt. Über die Zeit der Abfassung fehlen uns bestimmte Angaben. Nach 
dem unverkennbaren Anklang der Verse Trach. 1101 — 4 an Eur. Herc. 
für. 1353—7, und Trach. 416 an Eur. Suppl. 567 fällt das Stück in 
dieselbe Zeit, wie jene euripideischen, also um 420 — 415. Unter den 
Römern hat Seneca im Hercules Oetaeus den Stoff frei behandelt oder 
vielmehr misshandelt. 

159. Der ^iloxTrjTr^g, nach der didaskalischen Überlieferung 409 
aufgeführt und mit dem I.Preis ausgezeichnet, 2) behandelt denselben Stoff, 
wie die gleichnamigen Stücke des Aischylos und Euripides. Der Rhetor 
Dio Chrysostomos, dem noch die 3 Dramen vorlagen, vergleicht dieselben 
und gibt dem Sophokles den Vorzug.'^) Euripides, dessen Philoktet 431 
zusammen mit der Medea auf die Bühne kam, hatte sich noch enger 
an Aischylos angeschlossen und wie jener den Chor aus einheimischen 
Lemniern bestehen lassen; Sophokles, welcher auch noch einen zweiten, früh, 
wie es scheint, verloren gegangenen Philoktet schrieb,^) nahm stärkere 
Veränderungen vor, um aus einem Stoff, der zunächst nur zur Darstellung 
schweren körperlichen Leides {rgayo)6ia rraO^r^Tixrj) geeignet schien, ein 
Intriguenstück (Tgay. TisTrXsyiiu'vrj) mit glücklichem Ausgang zu schaffen. 
Quelle der Fabel waren die kyklischen Epen der Kyprien und der kleinen 
Ilias, worin die Zurücklassung des von einer Schlange gebissenen Philok- 
tetes auf der öden Insel Lemnos und die Abholung desselben nach Troia 
im letzten Jahre des Krieges erzählt war. Nach dem Auszug des Proklos 
und dem Gemälde des Polygnot in der Pinakothek^) war es Diomedes, 
der den Helden, von dessen Bogen die Einnahme der Priamosveste ab- 
hing, von Lemnos zurückholte. Aischylos setzte an dessen Stelle nach 
einer anderen Version der Sage ^) oder nach eigener Erfindung den schlauen 
Odysseus, der sich für die Ausführung eines auf Täuschung berechneten 
Unternehmens ungleich besser eignete. Euripides vereinigte die Darstellung 

^) Darauf macht Wilamowitz, Herrn. I {^ccdeg xal dnXovf lo rov Aio/vXov e^ioi^ 
XVlll. 244 aufmerksam ; auf wessen Seite | oilre rd dxQißeg xal dgi/iv xal noXixixov rov 



das Original, auf wessen die Nachbildung 
stehe, lässt sich nicht mit Sicherheit ent- 
scheiden. Aus den Nachahmungen schliesst 
auf 420 — 415 Schröder, De iteratis aj). trag, 
gr., in Diss. Ärgent. p. 113. Wilamowitz, 
Eur. Herakl. 1, 343: Die Trachinierinnen des 
Sophokles enthalten nicht nur deutliche An- 
klänge an den Herakles, sondern sind ge- 
radezu durch ihn angeregt; vgl. 1, 382 f. 

2) Argum.: Mi^d^x^rj inl TXavxinnov, 
TJQdoTog 7]v Zo(pox'krjg. 

^) Dio Chrys. or. LH, p. 272: 6 :£ocpo- 
xlfjq fAtaog soixep dfU(fo?y eiycti, oiJie ro cw- 

llaudbncb der tlass. Altortuniswissonschaft. VII. 2. Aufl. 14 



Et'Qinldov, ae^vrjp Je nva xccl f^eyccXoTiQenij 
noirjaiv jQccyixiorara xal Evenearccrcc e^ovaay. 
■*) Dieser zweite 4>tXoxTrJTt]g spielte in 
Troia, wie der erhaltene in Lemnos; eine 
klare Idee über ihn sich zu bilden, ist bei 
der Spärlichkeit der Fragmente schwer; s. 
Welcher, Gr. Trag. 1, 138 f. 

5) Paus. 1, 22. 6. 

6) Find. Pyth. I, 53 spricht, vielleicht 
nach Stesichoros, von mehreren Abgesandten. 
Möglicherweise wich auch in diesem Punkte 
Arktinos von Lesches ab. Vgl. § 52. 



210 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



des Lesches mit der des Aischylos, indem er dem Diomedes den Odysseus 
beigesellte. Sophokles warf den steifen Diomedes ganz weg und gab dem 
Odysseus den jungen Sohn des Achill, den Neoptolemos, an die Seite, 
offenbar nach eigener Erfindung. In dieser Veränderung, mit der auch 
die Zusammensetzung des Chors aus Schiffsleuten des Odysseus zusammen- 
hängt, wurzelt die Stärke der neuen Tragödie des fast neunzigjährigen 
Greises, in deren lebensvoller Frische wir nichts von der schwächenden 
Einwirkung des Alters wahrnehmen. Denn die ganze Verwicklung ent- 
springt wie von selbst dem Charaktergegensatz des klugen Odysseus, der 
in seiner Schlauheit ohne jeden Gewissensskrupel Lüge und Hinterlist an- 
wendet, wenn es sich um die Durchführung eines im Interesse des Gemein- 
wohles geplanten Unternehmens handelt, und des offenherzigen, edlen 
Neoptolemos, der sich von vornherein nur widerstrebend dazu hergibt, 
sich durch falsche Vorspiegelung in das Vertrauen des Philoktet zu 
stehlen, und dann, als der unglückliche, von einem neuen Krankheitsanfall 
erfasste Einsiedler ihm treuherzig den Bogen übergibt, Vertrauen mit Ver- 
trauen erwidert und das künstliche Gewebe der Täuschung zerreisst. Damit 
geriet aber auch der ganze Anschlag, dessen Fäden Odysseus aus der Ferne 
gelenkt hatte, so in Verwirrung, dass menschliche Kunst den Knoten zu 
lösen nicht mehr im stände gewesen wäre und nach euripideischer Art ein 
deus ex machina, Herakles, dazwischen treten musste.^) In diesem Aus- 
gang, sowie in den zahlreichen Auflösungen des Trimeters und den ein- 
förmigen Rhythmen der Chorgesänge erkennt man den Einfluss des Euripides.^} 
160. Der OiSinovQ enl KoXmvo) ist in alten Erzählungen, wie wir 
oben sahen, mit dem Greisenalter des Dichters in Verbindung gebracht und 
nach einer didaskalischen Notiz ^) erst nach des Meisters Tod im J.401 von 
dessen Enkel auf die Bühne gebracht worden. Aber sicher war dieses nur 
eine Wiederaufführung ^) und kam das Stück zum erstenmal schon vor den 
Phönissen des Euripides, deren Schluss V. 1705 ff. unverkennbar auf unsere 
Tragödie anspielt,'') wahrscheinlich auch vor dem Philoktet, dessen Versbau 
eine ungleich grössere Laxheit verrät, auf die Bretter, aber ob schon zu 
Anfang des peloponnesischen Krieges, wie K. Lachmann, Rh. M. I, 313 ff. 
und Ad. Scholl, Philol. XXVI, 385 ff. annahmen, oder erst nach dem 
Frieden des Nikias im J. 420, wie Böckh, Ges. Sehr. IV, 228 ff. glaub- 
würdig machte, wage ich nicht zu entscheiden.^) Jedenfalls fällt unser 



^) Doch ist der Gott bei Sophokles keine 
Drahtpuppe, nur gemacht, um dem Stücke 
einen Schluss zu geben; er repräsentiert 
vielmehr die göttliche Stimme der Liebe und 
Versöhnung in der Menschenbrust, welche 
den Starrsinn und den Eigenwillen der Leiden- 
schaft (toiT &v}xoEi4ovg) bricht; man kann 
ihn dem ^ai^oviop des Sokrates vergleichen. 

^) Mein Freund Römer macht mich da- 
rauf aufmerksam, wie wir auch in der Zeich- 
nung der Hauptcharaktere, namentlich in 
der des schlauen Odysseus, die neuere Rich- 
tung der realistischer gewordenen Schau- 
spielerkunst zu erkennen haben. 

") Arg. II: ^^ocfo/.lrjc: 6 vidovg iö'lö'a^ei^ 



vlog loy ^jQiGicopog inl uQ/optog Mixonvog. 
og Eüxv xirciQrog and Ka?/Mov, scp^ ov (faaii- 
ol n'keiovg xöv ^iocpox'kea xelevirjota. 

^) Auch die Wiederaufführung der An- 
tigene war, wie wir oben sahen, in den 
Didaskalien angeführt. Die bezeugte Auffüh- 
rung des Oed. Col. wird für die erste und ein- 
zige gehalten von Müller, Gr. Litt. I^, 582. 

^) Freilich hat man diesen Schluss selbst 
als spätere Zudichtung verdächtigt, worüber 
unten. Auch Aristophanes Av. 1473 ff. scheint 
eine Parodie von dem Hymnus auf Athen 
in Oed. C. 694 ff. zu sein. 

^) Beide Ansichten gehen von den zahl- 
reichen Anspielungen auf das Verhältnis 



C. Drama. 2. Die Tragödie, c. Sophokles. (§ 160-161.) 211 

Oedipus nach dem König Oedipus ^) und hat der Dichter auf das schönste 
mit dem Abendglanz seiner Kunst Athens Vergangenheit und seinen Heimat- 
ort Kolonos verklärt, indem er den geblendeten König im Haine der Eume- 
niden bei Kolonos Ruhe und Erlösung von seiner Mühsal finden lässt. Der 
Gegenstand lud von selbst zu einer ruhigeren, mehr die Seele ergreifenden, 
als die Leidenschaft erregenden Behandlung ein ; dieser Ton ist dem Dichter 
trefflich geglückt, so dass heutzutage noch das Stück mit seiner Majestät 
des Todes selbst auf unser verwöhntes Theaterpublikum den tiefsten Eindruck 
zu machen pflegt.'^) Aber es bemühte sich überdies auch der Dichter mehr 
Verwicklung in die an und für sich übereinfache Handlung zu bringen, 
indem er nicht bloss dem blinden König seine Töchter als Wegführerinnen 
beigibt, sondern denselben auch mit Kreon, der dem armen Greis seine 
einzigen Stützen wegführen will, und mit Polyneikes, der auf dem Zug 
von Argos nach Theben durch Attika kommt, in lebhaft erregten Scenen 
zusammenführt. Die Hereinziehung des Kreon gab zugleich dem Stück, 
ähnlich wie den Herakliden, den Schutzflehenden und dem rasenden Herakles 
des Euripides, eine glanzvolle politische Staffage ; denn wie dort, so erscheinen 
auch hier Athen und sein Herrscher als grossmütige Beschützer der Fremden, 
die auf dem gastlichen Boden Attikas Schutz vor ihren Bedrängern suchen. 
Aber der schönste Schmuck der sophokleischen Tragödie sind doch die er- 
greifenden Chorgesänge und vor allem die Krone derselben, der herrliche 
Hymnus auf Attika {66S — 719), welcher das euripideische Seitenstück in 
der Medea V. 824 — 845 weit hinter sich lässt. 

161. Von den nicht erhaltenen Dramen des Sophokles sind nur sehr 
spärliche Reste auf uns gekommen, die uns in vielen Fällen nicht einmal 
eine sichere Vermutung über ihren Inhalt erlauben.^) Zu einem grossen 
Teile derselben hatte er als Homerfreund den Stoff aus Homer und dem 
epischen Kyklos entnommen;"^) so bezogen sich auf den troianischen Sagen- 
kreis 'Ah'^avdQog, 'EXe'vrjg yäfiog (Satyrdrama), ^xvQim, ^Oövaasvg }jiaiv6i.i€vog, 
^I(fiYi--reia (Opferung in Aulis), 'Axmißv avXXoyog i] ^vvSsittvoi (Satyrdrama), 
Mv(Toi\ TrjXs(fog, noi{.ibveg (Protesilaos Tod, wahrscheinlich Satyrdrama), 
^E?.h'v7]g anaiTY^aig^ Tgooikog, naXaj^irjdrjg, (I>Qvy8g, (Potvi'^, Al^iOTifg rj M^ivmv, 
^ViXoxTYiTVjg SV TQoia, Aäxaivai (Raub des Palladiums), AaoxoMv^ ^ivoov, 
TlQiai,iog^ Al'ag Aoxqög^ AixfJiceXcoTiSfg, JloXv^evrj, ^AvTi^vogidai (Abzug der 
Söhne des Antenor nach der venetischen Hadria), NavnXiog xaranXeMv, 
NavnXiog rrvQxasvg (Schiffbruch an den kaphereischen Felsen), Navaixcca tj 
j JlXvvTQiai (neu entworfen von Göthe), (I>aiaxsg^ 'OSvaasvg dxavO^onXrj^ /y 
NinxQa (Tod des Odysseus durch den Rochenstachel seines Sohnes Tele= 



Athens zu Theben iiHd die Unbesiegbarkeit Stückes am Schlüsse auf die allein uns be- 



Attikas (V. 702) aus, die sicher auf die letzte 
Zeit des peloponnesischen Krieges nicht 
])assen. Scholl nimmt ausserdem starke Um- 
arbeitungen des ursprünglichen Textes an. 
^) Arg. Oed. tyr. : eIol 6e ymI ol ttqo- 
TSQov, ov Tvqarvov imyQdcpoyrsg dicc rovg 
/Qovovg T(op ^i^aoxaliixjp y.cd did tu nQay- 
f^icaa. Indes möchte ich selbst auf diese 

Notiz nicht allzu fest bauen, da sie möglicher- | inixio xvxho, i6q xccl oXa dgdjuaTcc noirjacd 
weise ebenso wie die Stellune unseres : dxo'kovS^iov Ttj ii^' tovtü) uvdoTiotia 



zeugte Aufführung durch den Enkel des So- 
phokles geht. 

'^) Wie günstig die Alten urteilten, sagt 
uns das Argumentum: rö tff (^qc</jc< tmv 

3) Welcker, Griech. Trag, im 1. Band 
und im Nachtrag des dritten. 



"*) Ath. 297 d: e/aige J" 6 ^ocpoy.Xrjg tm 

' ' XT 

14* 



212 Griechische Litteraturgeschichte. 1. Klassische Periode. 

gonos; danach Pacuvius' Niptra), EvQvaXog (Sohn des Odysseys und der 
epirotischen Königstochter Euippe, vom Vater ohne Wissen getötet). Die 
nächstgrösste Aufmerksamkeit wandte Sophokles der einheimischen attischen 
Sage zu ; ausser dem Triptolemos und Oedipus Col. waren aas derselben ge- 
nommen die Stücke Tr^qevg, 'ÜQsid^VKx, KQiovaa^ "icov, ÜQÖxQig^ Aiy^vg, 0afdQa, 
TsvxQog, EvQvadx7jg, JaiSaXog. Endlich finden wir in den Fragmenten des 
Sophokles neben den altberühmten Sagen des Hauses der Tantaliden und 
Labdakiden ^) auch die Argonautenfahrt (A^a/nag, KoX%idsg^ ^xvd^cci, 'Pi^orofxoi), 
den Heraklesmythus und die Sagen des Thamyris, Minos, Meleager, Bel- 
lerophon (loßärrjg), der Niobe, Danae, Tyro, Andromeda vertreten. Gänzlich 
verschmäht hat Sophokles Stoffe aus dem Göttermythus und der Zeit- 
geschichte. 

Codices: das Verhältnis ist das gleiche wie bei Aischylos: Hauptcod. ist Laurentianus 
XXXII, 9 s. XI (L), nachträglich mit Scholien versehen und von verschiedenen Händen 
korrigiert und ergänzt, so dass z. B. Oed. R. 800 von später Hand s. XIII zugefügt ist; 
in phototypischem Druck die ganze Handschrift herausgegeben von Thompson-Jebb, Fac- 
simile of the Laur. man., London 1885. Ausserdem beachtenswert Paris. 2712 s. XIII 
(A mit kurzen Scholien), der nicht aus dem Laurent, abgeschrieben ist, sondern von einem 
gemeinsamen Archetypus abstammt, da er die Verse Oed. R. 800 und Oed, Col. 1130, die 
in L von erster Hand fehlen, sowie das dort fehlende ys'yog locpoxleovg enthält, Vergl. 
A. Seyffert, Quaest. crit, de Soph., Halis 1864, Unbrauchbar sind die jüngeren, aus der 
Rezension des Triklinios stammenden Codd. 

Scholien : die alten aber stark gekürzten gehen auf Didymos zurück, der zu Ant, 45, 
Oed. C. 237 u. a. mit Namen angeführt ist; dazu eine Vita (fehlt in L) und vnod^easig in 
prosaischer und metrischer Form, welche auf Aristophanes (genannt zu Ant. u. Oed, R.) 
und Salustius (genannt zu Antig. u. Oed. C.) zurückzuleiten sind. Jüngere wertlose Scho- 
lien von Moschopulos u. Thomas Magister zu den im Mittelalter zumeist gelesenen 3 Stücken 
Aias, Elektra, Oedipus Rex, von Demetrios Triklinios zu Aias, El,, Oed. R,, Ant.; Ausgabe 
der Scholien von Elmsley-Dindorf, Oxon. 1825 — 52, 2 Bde,; neue Ausg. von Papa georgios 
in Bibl. Teubn. Über die Quellen der Scholien und ihre Bedeutung für die Kritik G. 
WoLFF, De Soph. scholiis Laurentianis, Lips. 1843; über ihr Verhältnis zu Suidas P, Jahn, 
Quaestiones de scholiis Laurentianis, Berl, 1884. 

Ausgaben: ed. princ. bei Aldus Ven. 1502, Mit den Scholien von H. Stephanus, 
Paris 1568, welche Ausg, mit ihrem triklinianischem Text bis in unser Jahrh, die Vulgata 
blieb, Fortschritt in der Versteilung der Cantica von Canter, Antw, 1579, — Eindringende 
Studien wurden dem Soph, später als dem Eur. zu teil ; grundlegend die kritisch-exege- 
tische Bearbeitung von Brunck, Argent. 1786; fruchtbringend die wiederholten Neuauflagen 
der Ausgaben von Erfurdt durch G, Hermann, Lips. 1817 — 48; bedeutend für die Kritik 
durch Zurückgehen auf den Cod, Laur. mit genauem Apparat die Ausg, von Dindorf, 
Oxon, 1860, In der von Jacobs u, Rost geleiteten Biblioth, graec, mit lat. Anmerk, gab 
den Sophokles Wunder heraus; die 4. Neubearbeitung besorgt Wecklein. — Ausgaben 
mit erklärenden Anmerkungen von Schneidewin-Nauck bei Weidmann ; von Wolff-Beller- 
mann bei Teubner; von Wecklein bei Lindauer in München; von Semitelos, Athen 1887, 
im Erscheinen, — Kritisch-berichtigte Textesausgaben von Nauck bei Weidmann; von 
Dindorf-Mekler in Bibl, Teubn,; von Schubert in Bibl, Schenkl, — Einzelausgaben: Aiax 
cum scholiis et commentario j^ß'i'P^t^o ed. Lobeck, ed, II Lips, 1835, - Antigene griech. 
deutsch mit Exkursen von Boeckh, Berl, 1843; cum scholiis et virorum doctorum ciiris 
ed. Wex, Lips, 1831, 2 vol. — Electra in usum scholarum ed. 0, Jahn, mit Vita u. kri- 
tischem Apparat, ed, III cur, Michaelis, Bonnae 1882; dazu Michaelis, Arch. Zeit. 38, 
75 ff. — Oedipus Mex cum annot. ed. tertium Elmsley, Lips, 1821; adnot. van Herwer 
DEN, Trai, 1867, — Oedip)us Col. cmn schol. et suis comment. ed. Reisig, Jenae 1820. 

Lexicon Sophocleum von Ellendt, ed. II cur. Genthe, Berl. 1882, — Brambach, 
Metr. Studien zu Sophokles, Sophokleische Gesänge, Leipz, 1869 u. 1870, — Gleditsch, 
Die Cantica der sophokl, Tragödien, 2, Aufl, Wien 1883, — Chr, Muff, Die chorische 
Technik des Soph,, Halle 1877, - 0, Hense, Der Chor des Soph., Berl, 1877 u, Rh, M. 



1 



^) Aus letzterem waren ausser den oben j welche der römische Tragiker Accius nach- 
bereits genannnten (Oedipus etc.) auch noch i bildete, 
die 'Eniyoroi (oder Eriphyle) genommen, 



C. Drama. 2. Die Tragödie, d. Euripides. § 162.) 



213 



32, 485 ff. — Genthe, Index comment. Soph. 1874; die neuere Litteratur besprochen von 
Wecklein in Bursian-MüUer's Jahrber. d. Alt. 



d. Euripides (480— 406). 

162. Euripides, der jüngere Zeitgenosse des Sophokles, trat schon 
durch seine Abkunft in Gegensatz zu seinen grossen Mitbewerbern um den 
tragischen Kranz; enstammten Aischylos und Sophokles vornehmen und 
reichen Geschlechtern Attikas, so dass sie schon durch die Geburt zu an- 
sehnlicher Stellung unter ihren Mitbürgern berufen schienen, so war hin- 
gegen Euripides, dessen Eltern, Mnesarchides und Kleito, eine Zeit lang 
in der Verbannung in Böotien gelebt hatten und nach ihrer Rückkehr 
Krämersleute in dem Dorfe Phlya^) waren, in bescheidenen Verhältnissen 
aufgewachsen.^) Sein Geburtsjahr fiel nach der einen Version^) mit der 
Seeschlacht von Salamis zusammen, was dann die litterarische Sage so aus- 
schmückte, dass sie den Dichter an dem Tage der Schlacht und auf der 
Insel Salamis ^) geboren sein liess, nach anderen war er ein oder ein paar 
Jahre früher geboren. In der Jugend erhielt er eine sorgfältige Erziehung, 
so dass er an den Götterfesten der Heimat als Tänzer und Fackelträger 
des Apoll mitwirkte*') und im Ring- und Faustkampf sich auszeichnete. 
Der Turnkunst sagte er bald wieder Valet.^) Auch der Malerei, der er 
sich in seiner Jugend widmete, scheint er nicht lange obgelegen zu haben, 
obwohl er stets für das Malerische in der Poesie ein grosses Talent an 
den Tag legte. ^) Es war die Tragödie, in der er das eigentliche Feld 
seines Schaffens fand. Im J. 455^) erhielt er zum erstenmal mit seinen 
Peliades einen Chor, musste aber bei diesem ersten Debüt mit dem dritten, 



^} Aus dem Altertum ein Ttvog Eigi- 
7IL&0V yal ßiog. Dazu ein Artikel des Suidas 
und ein Kapitel bei Gellius XV, 20. Die 
5 Briefe des Eur. sind, weil unecht, ohne 
Wert. — Sämtliche Quellen zusammengestellt 
und verwertet von Nauck, De Eur. vita 
poesi ingenio, in seiner Ausg. Das Leben 
des Dichters mit seinen Werken dargestellt 
von Härtung, Eurip)ides restitutus, Hamb. 
1843, 2 Bde. — 0. Ribbeck, Euripides und 
seine Zeit, Bern 1860. - Wilamowitz, Das 
Leben des Euripides, in Eur. Herakles 1, 1- -42. 

") Suidas und Harpokration u. ^Ivsia. 

^) Vita Eur.; Arist. Ach. 457. 478, Equ. 
19, Thesm. 456, Ran. 840. 947. Anders 
Philochoros bei Suidas : EvQtnldfjg Mi^tjaaQ/ov 
rj MvrjGciQ^i^ov xal KXeitovg, oX cpevyov- 
X€g Eig BoiMxiap fisjMxrjauv^ shf< ey rfj 
'Jttix^ (ähnlich Stob. Flor. 44, 41) • ovx r'cXr}- 
i^eg df tijg Xa^ccvoTKxyXig rju rj fj^tjrt]Q avrov ' 
xkI yuQ TMP a(p6^Qn evysvoJv izvy/avsp, (vg 
d-no^eixvvoi 4>LX6/oQog. Die Witze der Ko- 
miker, welche die Mutter des Dichters zu 
einem Hökerweib machten, mögen nicht viel 
Glauben verdienen, aber mit dem hohen 
Adel, den Philochoros seinem Euripides 
nachrühmt, wird es auch nicht weit her 
gewesen sein; das ncdg ((QovQalag ^sov des 
Arist. Ran. 840 muss seine Richtigkeit haben. 



Daraus, dass nach der Vita und Gellius Euri- 
pides in Salamis eine Grotte mit Ausblick auf 
die See hatte, lässt sich noch nicht auf er- 
erbten Grundbesitz auf jener Insel schliessen. 

4) Vita; Diog. H, 45; Plut. Symp. VIII, 
1. 1. Die Angabe des Eratosthenes in der 
Vita, der den Dichter 75 Jahre alt werden 
lässt, führt auf 481/80. Die parische Chronik 
setzt die Geburt Ol. 83, 4 -= 485/4, was 
Mendelssohn, Acta Lips. II, 161 ff. ver- 
teidigt. 

') Vita; in GIG. 6052 heist Eur. 2VJ«- 
(xlviog. Gellius XV, 20: Philochorus refert 
in insula Salamine speluncam esse taetram 
et horridavi, in qua scriptitarit Euripides. 

^) Ath. 424 e und Vita, vermutlich nach 
Philochoros, der damit den Vorwurf niederer 
Abkunft widerlegen wollte. 

"') Hart ist sein späteres Urteil über die 
Athleten fr. 284: ov^ev xaxiou eaxiv ad^lrjtMu 
yevovg. 

^) Nach der Vita zeigte man von ihm 
Bilder {niväxia) in Megara. Die Kunst in 
der Beschreibung von Bildern tritt in Ion 
190 - 218 glänzend hervor. Vgl. Kinkel zu 
Phoen. 127. 

^) Irrtümlich lässt Gellius XV, 20 den 
Dichter schon im 18. Lebensjahr Tragödien 
schreiben. 



214 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



d. i. letzten Preis vorlieb nehmen. Der Bühne blieb er bis zu seinem Ende 
treu, wiewohl er erst spät mit der Richtung seiner Poesie durchschlug ^ 
und auch dann noch manchen Wandel in der Gunst des Publikums zu 
erfahren hatte. 

163. Fand Euripides in dem tragischen Spiel sein Lebenselement, 
so zeigte er doch auch für andere Geistesrichtungen und insbesondere für 
die Philosophie ein lebhaftes Interesse. Er besass eine auserlesene Biblio- 
thek'^) und war Hörer der Philosophen Anaxagoras, Protagoras und Pro- 
dikos. 3) Dem Sokrates war er befreundet und erfreute sich dessen wohl- 
wollenden Beifalls; Aelian V. H. II, 13 erzählt, Sokrates habe nur selten 
das Theater besucht und nur dann, wenn neue Stücke des Euripides zur 
Aufführung kamen. Dabei ist aber nicht daran zu denken, dass Euripides 
in ein förmliches Schülerverhältnis zu jenen Philosophen getreten sei ; er 
suchte nur im freien Verkehr mit ihnen und im Lesen ihrer Bücher über 
die höchsten Probleme, die damals die Geister bewegten, Aufschluss zu 
erhalten. Und indem er selbst ein eifriger Anhänger des Rationalismus 
und ein Verächter des alten Götterglaubens wurde, trug er durch seine 
Tragödien mehr als jene Philosophen selbst zur Verbreitung der philo- 
sophischen Aufklärung bei.-^) Nicht unverdient war der Ehrentitel eines 
Philosophen der Bühne.'') Hingegen hielt er sich dem thatkräftigen politi- 
schen Leben fern;^) er verriet auch darin im Gegensatz zu Aischylos den 
Dichter der Neuzeit. Nur in seinen Dichtungen nahm er lebhaft an den 
politischen Tagesfragen teil, indem er namentlich in den Tendenztragödien 
aus der ersten Hälfte des peloponnesischen Krieges jede Gelegenheit er- 
griff, um seine Vaterstadt zu Ehren zu bringen und gegen dessen Feinde 
zu Feld zu ziehen.') 



') Erst 441 siegte er nach Marm. Par. 
zum erstenmal. 

2) Ath. 3a; Suidas setzt dafür den jün- 
geren Euripides, über den unten § 174. 

^) Vita: (cxovazTJg yevöfxevog 'Ava^ayoQOv 
xcd JlQodixov xal UQinxayÖQOv xcü ^cjXQchovg 
ETcaQog. Cicero Tusc. IV, 14: fuerat ayditor 
Protagorae, In Versen des Alexander Ätolus 
bei Gellius XV, 20 heisst er 'Jva^ayöqov 
TQÖcpifxog, auf Anaxagoras scheint zu gehen 
Eur. Ale. 903—10. Auch mit Heraklits 
Lehre wurde Eur. bekannt: s. Diog. II, 22 
u. Eur. fr. 639. 830; Arist. Ran. 1082. 

■*) Von Beweisen sind die Stücke des 
Eur. voll. ; besonders sprechend sind Hec. 799, 
Ion 436-51, Iph. Taur. 385-91, Troad. 
884 — 8 (nach Diogenes von Apollonia), Belle- 
rophon fr. 288 u. 294, Chrysippos fr. 836, 
Theseus fr. 392. Peir. fr. 596, fr. ine. 904. 
Dass Eur. die Lehren des Anaxagoras auf 
die Bühne gebracht, deutet Piaton Apol. 26 d 
an. Vgl. Luc. Jup. trag. c. 41. Bei einem 
Prozess bezichtete ihn nach Arist. Rhet. III, 
15 p. 1416 a 29 sein Gegner der Asebie. 
Die Litteratur bei Ueberweg, Grundriss d. 
Gesch. d. Phil. P 81, wozu jetzt Wilamo- 
wiTz, Eur. Herakl. I, 22—30. 

•') Ix7]pix6g cfilöaocfog heisst er bei Ath. 



158 e u. 561a, Vitruv VIII praef. , Sext. 
Empir. I, 288, Clem. Alex, ström. V, 688. 
Vgl. Plat. de rep. VIII p. ^568a: rj rs rfta- 
ycodici oXiog oocpov doxeT sivca xal 6 Evqi- 
Tiidrjg diaq)iQ8iv sv avTrj, 

6) Von Aristoteles Rhet. II, 6 p. 1384b 
16 wird eine EvQinl&ov ctnöxQiaig riQog 2!vq((- 
xoaiovg erwähnt, was der Scholiast auf ein 
sonst nicht bekannte Gesandtschaft bezieht, 



Von einer Klage, 



die dem Dichter ein ge 



wisser Hygiainon durch das Anerbieten des' 
Vermögenstausches anlässig einer zu leisten- 
den Liturgie anhängte, meldete Arist. Rhet. 
III, 15. 

^) So pries er Athen, indem er zum 
Teil die alten Mythen ummodelte, als Schir- 
merin der Verfolgten in Med. Heracl. Herc. 
Suppl. Phoen. Im Menelaos der Andromache 
(s. Schol. zu Andr. 445) und des Orestes 
brandmarkte er die treulose Härte und Geld- 
gier der Lakedämonier. Durch die Heraklideu 
wird das Bündnis mit Argos empfohlen. 
Gegen die Demagogen und Volksschmeichler 
sind gerichtet Hec. 254 if. , Suppl. 232 ff. 
Wegen der im Kresphontes repräsentierten 
Vaterlandsliebe preist den Dichter Lycurg 
adv. Leoer. 100. 



1 



I 



C. Drama. 2. Die Tragödie, d. Euripides. (§ 163-164,) 



215 



164. Eine grosse Rolle spielten in dem Leben und in der Beurteilung 
des Euripides seine häuslichen Verhältnisse. Verheiratet war er zweimal; 
die erste Frau hiess Melito, die zweite Choirine (v. 1. Choirile);i) aber mit 
beiden scheint er schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Die Skandal- 
geschichte wusste namentlich von einem Famulus des Dichters, Kephisophon 
mit Namen, zu erzählen, mit dem die Frau in ehebrecherischem Umgang 
lebte. 2) Die Alten führten auf diese ehelichen Misshelligkeiten den Weiber- 
hass zurück, den Euripides in seinen Tragödien zur Schau trägt und der 
die Frauen in den Thesmophoriazusen zur Verschwörung gegen den Dichter 
bewegt. Aber mit diesem Weiberhass muss es so weit nicht her gewesen 
sein. Witzig entgegnete Sophokles, als einer ihm von dem Weiberhasser 
Euripides sprach: sv ys ratg TQayuiSiaic^ iitsl sv ys T'fj xh'vrj (fiXoyvvrjg. 
Söhne hatte er drei: Mnesarchides, Mnesilochos, Euripides, von denen der 
letzte hinterlassene Stücke des Vaters nach dessen Tod zur Aufführung 
brachte. Die letzte Zeit seines Lebens brachte er an dem Hofe des musen- 
liebenden Königs Archelaos von Makedonien zu,^) der damals die erwähl- 
testen Geister Griechenlands an seine neue Residenz in Pella zu ziehen 
suchte und ausser Euripides auch den Tragiker Agathen zur Übersiedelung 
von Athen nach Makedonien veranlasst hatte. ^ Vielleicht auf dem Wege 
dahin wurde er in Magnesia eine Zeitlang festgehalten und durch öffent- 
liche Auszeichnungen gefeiert.^) Wie Aischylos für Sikilien ein Lokalstück, 
die Aitnaiai, gedichtet hatte, so dichtete auch er zu Ehren seines könig- 
lichen Gönners den Archelaos, in welchem er den regierenden König unter 
der Gestalt des Ahnherrn der makedonischen Dynastie verherrlichte.^) 



^) Vita: yvt^(uxa df yrj^cti tiqwtijp Ms- 
liTWy ö'evrsQay de XoiQLvrjp. Das Verhältnis 
umgekehrt bei Suidas, zu einer Bigamie ge- 
staltet bei Gellius XV, 20. Die Heirat mit 
der Choirile erklärt für eine Fabel Wila- 
MOWiTZ, Anal. Eur. 149 u. Eur. Herakl. 7, 
vielleicht mit Recht. 

-) Dieser Kephisophon gehört mit zum 
Haushalt des Euripides in Arist. Ran. 1408 und 
1452. Vers 944 derselben Komödie wird in 
den Schollen so gedeutet, als ob Kephisophon 
dem Euripides geholfen habe, namentlich 
in den Liedern. Von dem Umgang desselben 
mit der Frau des Dichters erzählt die Vita, 
wohl auch nach W^itzen der Komödie. Eben- 
daher wird die Anekdote von dem Verhältnis 
des Dichters zur Schaffnerin im Hause des 
Königs Archelaos stammen; s. Hermesianax 
bei Ath. 598 d. 

^) Vita; Philodemos de vitiis 10: So- 
linus IX, 16; Lucian de paras. 35; Paus. I, 
2. 2; Syncellus p. 500, 7. Von einem gol- 
denen Becher, den der König beim Mahl 
dem verehrten Dichter schenkte, erzählt 
Plut. Mor. p. 531 d. 

^j Von einer Liebkosung des jüngeren 
liebenswürdigen Dichters Agathon durch Eu- 
ripides erzählen Plut Mor. 770c und Aelian 
V. H. XllI, 4, wahrscheinlich nach einer 
Schrift des Peripatetikers Praxiphanes. Von 



einem Zerwürfnis des Dichters mit einem 
Höfling, der den Dichter wegen des übel- 
riechenden Atems verspottet hatte, erzählen 
Aristot. Polit. V, 10, p. 1311'^ 33 und Sto- 
bäus Floril. 41, 6. 

^) Vita: fiezear?] de iu Mayvrjaia xcd 
TiQo^EVLa sTi/uijO^f] xcil dzalsnc', welches Ma- 
gnesia geraeint sei, ist leider nicht ange- 
geben. Auch an dem Tyrannen Dionysios 
von Syrakus hatte er einen enthusiastischen 
Bewunderer, der aus seinem Nachlass um 
hohes Geld Leier, Griffel und Schreibtafel 
erstund; s. Hermippos in der Vita. Damit 
vergleiche Plut. Nie. 29: evioi xai i)V Evqi- 
nl&i]v eGoi&r]oav. ^aXiara ydq wg eoixe tmv 
ixTog 'EX^tji'coy €n6&t]Cc(f avrov trjv fiovaav 
Ol nsQi Iixsliciv. 

^) Damit steht nicht in absolutem Wider- 
spruch Diomedes p. 488, 20 K: Euripides 
petente Archeiao rege, ut de se tragoediam 
scriberet, ahnuit ac j)recatiis est ne accideret 
Archeiao aliquid tragoediae proprium^ osten- 
dens nihil aliud esse tragoediam quam mi- 
seriarum comprehensionem. Über den histo- 
rischen Hintergrund der Sage, durch welche 
das makedonische Königsgeschlecht auf den 
dorischen Ahnherrn Temenos zurückgeführt 
wurde, siehe Gutschmiü, Die makedonische 
Anagraphe, in Comm. phil. Bonn. p. 118 ff. 



216 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Seine Heimat sah Euripides nicht mehr wieder. In Arethusa bei Amphipolis 
starb er im Frühjahr 406, noch vor dem Feste der grossen Dionysien; 
die Sage erzählte, dass Hunde des Königs den Dichter zerrissen hätten.^) 
Bei Amphipolis, an dem Zusammenfluss zweier Bäche, befand sich auch 
sein Grab, das noch in später Zeit ein Wanderziel der Verehrer des Dichters 
Avar.2) In Athen riss sein Tod eine grosse Lücke, ^) die auch sein bitterer 
Feind Aristophanes bereitwillig anerkannte. Seine Mitbürger ehrten ihn 
durch ein Kenotaph, für welches Thukydides oder Timotheos die Aufschrift 
dichtete.*) Später fügten dieselben auf Antrag des Lykurg die Ehre eines 
ehernen Standbildes im Theater des Dionysos hinzu. Die erhaltenen 
Porträte des Dichters^) zeigen uns den Tragiker in älteren Jahren mit 
spärlichem Haar über der Stirne und mageren Backen; die ganze Physio- 
gnomie verrät mehr den herben Ernst eines grübelnden Moralisten als die 
leichte Schaffenslust eines gottbegnadeten Dichters. 

165. Werke des Euripides. Verfasst wurden von Euripides ausser 
einem Epinikion auf einen Wagensieg des Alkibiades und einer Elegie 
auf die bei Syrakus gefallenen Bürger 92 Dramen oder 23 Tetralogien.^') 
Davon hatten sich in die Zeit der gelehrten Grammatiker 78 Stücke ge- 
rettet,') darunter 8 Satyrspiele ;^) für unecht galten unter "diesen ein Satyr- 
drama und die 3 Tragödien Tervrjg, ^PaSd^avd^vg, IIsiQfd^ooq. Auf uns ge- 
kommen sind 19 Dramen, darunter 1 Satyrspiel KvxlMip und 1 Tragödie 
von zweifelhafter Echtheit ^Prj(fog. Von diesen 19 Stücken wurden im 
byzantinischen Mittelalter am meisten gelesen und allein kommentiert 
die 3 Tragödien 'Ejcäßt], ^OQi'aTrjg, (ItohiaGai, Unter den erhaltenen Dramen 
befinden sich mehrere, wie MijSeicc, ^oiviaaai, 'InnoXviog^ Bäxxcci, ^I(fiyeveia 
SV TavQoig, die sich schon im Altertum eines hohen Ansehens erfreuten; 
aber viele andere sind geringwertig und wurden von den Grammatikern 



^) Älteste Zeugen für diese Sage sind 
Sotades bei Stob. 98, 9 und Diodor 13, 103; 
gegen die Richtigkeit derselben spricht, dass 
Aristophanes von ihr nichts weiss. Nach 
einer anderen bei Suidas und Anth. 7, 51 
erwähnten Fassung waren es Weiber, nicht 
Hunde, die den Dichter zerrissen. 

'^) Ammianus Marcell. XXVII, 4.8: ^jj'o- 
xima Arethusa convallis et statio, in qua 
risitur Euripidis sej)ulcru7n. Vgl. Vitruv 
X, 3; Plinius H. N. 31, 19; Paus. I, 2. 2. 

^) Nach Athen kam nach der Vita die 
Nachricht vor dem Proagon der Dionysien. 

4) Vit. Eur. und Ath. 187 d. 

^) S. die angefügte Tafel. Erhalten sind 
uns von dem meistgefeierten und meist- 
gelesenen Dichter mehrere Hermen und 
Statuen; s. Visconti, Iconogr. gr. I, 5, 3; 
G. Krüger, Arch. Ztg. 1870 Taf. 26 u. 1871 
Taf. 1; Jahrb. d. arch. Inst. 1889, S. 98. Als 
Ergänzung diene die Charakterisierung der 
Vita: ay.v&Qiondq de xal avvvovg xckI aiairj- 
Qog icpaivero xul fxiaoyt'kojg xal fAiaoyvvr]g . . . 
iXsysTo de xcd ßa&vv ntoycova S^Qtxpca xcci 
inl xrjg oxpsoig (paxovg ia/t]X6yai. Von seinem 
übelriechenden Atem spricht die Vita und 



Aristot. Polit. V, 10. 

^) Die Zahl schwankt in der Vita und 
Suidas zwischen 92 und 98 infolge der Ver- 
wechselung der Zahlzeichen ß und t]; die 
nicht geretteten kannten die Grammatiker 
wahrscheinlich nur aus den Didaskalien. 

^) Varro bei Gellius XVII, 4 spricht 
von 75 Stücken; die Abweichung kommt 
wahrscheinlich daher, dass die einen die 
3 unechten Tragödien einrechneten, die an- 
deren dieselben ganz ausser Betracht Hessen. 
Auf der Rückseite der sitzenden Statue des 
Euripides im Louvre ist ein alphabetisches 
Verzeichnis von 37 Stücken bis 'OQsartjg 
geschrieben; s. Welcker, Gr. Trag. 444 f. 
Ein anderes gleichfalls verstümmeltes Ver- 
zeichnis in teilweise alphabetischer Ordnung 
findet sich auf einem Stein des Piräus, bei 
WiLAMOWiTz, Anal. Eur. p. 139. 

^) Wenn trotz23 Tetralogien Euripides nur 
8 Satyrdramen dichtete, so erklärt sich dieses 
daraus, dass, Avie das Beispiel der Alke- 
stis zeigt, für ein Satyrspiel auch eine Tra- 
gödie mit glücklichem Ausgang eintreten 
konnte. 



I 



C. Drama. 2. Die Tragödie, d. Euripides. (§ 165.) 



217 



in zweite Linie gestellt. ^ Dieses scheint damit zusammenzuhängen, dass 
die 19 Dramen, ähnlich wie die Reden des Lysias, aus zwei Sammlungen 
stammen, von denen die eine eine Auswahl der besten Stücke enthielt 
(Hec, Orest., Phoen., Hipp., Med., Ale, Androm., Rhes., Troad., Bacch.), 
die andere sämtliche Stücke in alphabetischer Ordnung umfasste.^) Anklang 
fand Euripides mit seinen Tragödien bei dem athenischen Publikum weniger 
als Aischylos und Sophokles : nach der parischen Marmorchronik errang er 
erst im 39. Lebensjahre unter dem Archon Diphilos (441) den ersten Sieg, 
und im ganzen genommen erhielt er nur 5 mal den ersten Preis. ^) Tn 
das rechte Fahrwasser scheint er erst im Beginne des peloponnesischen 
Kriegs gekommen zu sein, wo der alternde Sophokles allmählich in den 
Hintergrund trat und er selbst durch Anspielungen auf politische Zeit- 
verhältnisse und durch Einflechtung sophistischer Weisheit der bewunderte 
Liebling der jüngeren Generation ward.^) Aber um so heftiger befehdeten 
ihn dann als den Stimmführer des neuen Zeitgeistes die Dichter der Komödie, 
von denen namentlich Aristophanes ihn erbarmungslos hei jeder Gelegen- 
heit, insbesondere in den Acharnern, den Fröschen, den Thesmophoriazusen 
verspottete.^) Aber die Rhetorik und philosophische Aufklärung, sowie die 
Vorliebe für das Pathetische gewann in dem Geistesleben der Griechen 
immer mehr die Oberhand, und so fand auch Euripides nach seinem Tod 
bei Aristoteles gerechte Anerkennung^) und bei den Dichtern der neuen 
Komödie, wie Menander und Philemon, geradezu abgöttische Bewunderung.^) 
Von den Griechen der späteren Zeit ging dann die Bewunderung desselben 
auf die Römer über, so dass Ennius, Pacuvius, Accius, Seneca sich haupt- 
sächlich ihn zum Vorbild nahmen. Auch bei den Philosophen, namentlich 
dem Stoiker Chrysippos und dem Akademiker Krantor stand er in hohen 
Ehren, und auf die Kunst hat er wie kein zweiter Dichter des Altertums 
befruchtend eingewirkt.^) Sein Ansehen erhielt sich im Mittelalter;^) in 
der neueren Zeit ward hinwiederum die Aufmerksamkeit der Gelehrten und 



') Von der Andromache lesen wir in 
der Hypotliesis ro dgäf^a rcou dsvzEQMu. da- 
gegen von dem Hippolytos ro dgufxa ri^v 

TTQWTMV. 

'^) Alphabetische Ordnung gewahrt man 
in der Reihenfolge des Laur. 32, 2; 'EXsv}], 
HkexTQtx, 'HQccxXrj^, 'IlQaxXsidca, Icop, Ixert^sg, 
'icpiyeyeia; darüber Wilamowitz, Anal. Eurip. 
136 ff., der die ähnlich mangelhafte Ordnung 
auf dem Stein des Piräus vergleicht; ich 
erkläre mir die Störung der alphabetischen 
Folge aus der Verlegung der Bände, die 
ursprünglich nach dem Alphabet geordnet, 
und in deren jedem wiederum die darin ent- 
haltenen Stücke alphabetisch geordnet waren. 

^) Gellius XVII, 4: Euripidem quoipie 
M. Varro ait, cum quinque et septuaginta 
tragoedias scripserit, in quinque solis vi- 
cisse, cum cum saepe vincerent aliquot poetue 
ignavissimi. 

'*) aocfojTcaov nennt den Euripides der 
Vertreter der Jugend, Pheidippides, in Ari- 
stoph. Nub. 1370. 

'') Heimgezahlt hat P^uripides den Ko- 



mikern ihren Spott durch die bitteren Verse 
in der zweiten Melanippc fr, 495: 

up^Qoiv ^6 nokXol rov ye'kcozoq ovvexa 
ctaxovat /('cgitag xsQTOfxovg. iyai de mag 
f^iiaui yskolovg, oitiveg aocpöiv nsQi 
(i/c'(Xip^ s^ovai fftofiar« xcX. 

^) Arist. Poet. 13: 6 Evgini^rjg si xtd 
xd alXcc fir) sv oixopojusT, dXXcc rgayixwrccTÖg 
ys Tvov 7T0it]rwi^ cpcävsKa. 

^) Philemon Hess nach der Vita P^urip. 
in einem Lustspiel einen Freund des Eur. 
sagen: st tccTg dXrjd^eicaaty ol tsd^vrjxoteg 
aXa&rjaiy si/oy. äv^gsg, Mg cpaaip riveg, 
dnr]y^('ifit]v dv, a/nr' i^sTt/ Evqmi^yjy. Quintil. 
X, 1. 69: Euripidem admiratus maxime est, 
ut saepe testatur, et secutus Menander. 

^) JüL. Vogel, Scenen euripideischer 
Tragödien in griechischen Vasengemälden, 
Leipz. 1886. 

^) Aus Centonen euripideischer Verse 
ist das mittelalterliche Drama Kgiarng nda- 
/MP zusammengesetzt, was am ausführlich- 
sten von Brambs in der neuen Ausgabe des 
Stückes. Lips. 1884 nachgewiesen ist. 



218 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



Schöngeister, die erst durch den römischen Tragiker Seneca die griechischen 
Meister kennen lernten, zuerst auf Euripides gelenkt, so dass derselbe vor 
Aischylos und Sophokles Eingang in die moderne Litteratur fand.^) 

166. Chronologie der Dramen. Bestimmte, aus den Didaskalien 
geschöpfte Angaben über die Zeit der Aufführung haben wir nur von 
wenigen Tragödien unseres Dichters; nach ihnen wurden aufgeführt die 
Peliades bei dem ersten Auftreten des Dichters im J. 455, 2) Alkestis=^) 
zusammen mit Kressai, Alkmeon aus Psophis und Telephos 438, Medea 
mit Philoktetes, Diktys und Theristai 431, Hippolytos stephanephoros 
428, Troades mit Alexandres, Palamedes und Sisyphos 415, Helena und 
Andromeda 412,^) Orestes 408,'') Iphigenia in Aulis, Bakchen und 
Alkmeon in Korinth nach des Dichters Tod.'^) Im übrigen sind wir zur 
Bestimmung der Abfassungszeit auf Kombinationen, hauptsächlich aus der 
metrischen Form, den politischen Anspielungen und den Parodien bei 
Aristophanes angewiesen. In erster Beziehung ist von Hauptgewicht die 
Beobachtung Hermanns,'^) dass Euripides in seiner letzten Periode von 
Ol. 91 an (um 418) den trochäischen Tetrameter neben dem iambischen 
Trimeter in die Dialogpartien wieder einführte, und in der Auflösung der 
Längen, sowie im Gebrauch des vielgestaltigen (polyschematischen) Gly- 
coneus eine grössere Freiheit walten Hess. Auch in der Wahl der Stoffe 
zeigen sich bemerkenswerte Unterschiede in den verschiedenen Lebensaltern 
des Dichters. Während er anfangs (etwa 455 — 431) vorzugsweise durch 
neue Stoffe (Rhesos, Alkestis, Alkmeon, Medea) Interesse zu gewinnen 
trachtete, versuchte er in der ersten Hälfte des peloponnesischen Krieges 
sein Glück mit nationalen Tragödien, welche zu Anspielungen auf die 
politischen Zeitverhältnisse Gelegenheit boten (Heraclidae, Andromache, 
Hercules, Supplices, Ion), und kehrte in der dritten Periode seines Schaffens, 
als das Interesse am Krieg und an der Politik zu erkalten begonnen hatte, 
wieder zu den alten Mythen zurück, aber in der Art, dass er in der Be- 
handlung derselben teils in Einzelheiten von seinen Vorgängern, nicht ohne 
polemische Seitenhiebe ^) abwich (Elektra, Phoenissae, Orestes), teils eine 
ganz neue Romantik in dieselben brachte (Helena, Andromeda, Iphigenia 
Taurica). Nach diesen und ähnlichen Gesichtspunkten '•^) haben die Ge- 
lehrten die Chronologie der euripideischen Stücke zu fixieren gesucht; ^^) 



') Viele Leser fanden insbesondere die 
lateinischen Übersetzungen der Hecuba und 
der aulischen Iphigenia von Erasmüs (1506) 
und die Excerpta traßtcorum et comicorum 
von Hugo Grotius (1G26). 

•^) Nach der Vita; die folgenden Zeug- 
nisse stehen in den Hypotheseis der betref- 
fenden Stücke. 

^) Es war die Alkestis das 17. Stück, 
was sich wahrscheinlich auf eine chrono- 
logische, schwerlich auf eine alphabetische 
Anordnung der Stücke bezieht; vgl. oben 
S. 197 An. 1. 

4) Schol. ad. Aristoph Thesm. 1021 u. 
1069. 

•^) Schol. ad. Orest. 371. 



^) Schol. ad. Aristoph. Ran. 67. 

"') G. Hermann, Elem. doctr. metr. p. 83 f. 

^) Seitenhiebe gegen Aisch. in Phoen. 
751, gegen Aisch. und Soph. El. 530 und 
872, Antig. fr. 165. 

^) Ein wichtiges Anzeichen sind die 
Wiederholungen, worüber Schröder, De 
iteratis apud tragicos graec, 1882 in Diss. 
phil. Argent. tom. VI. 

^°) ZiRNDORFER, De chvonologia fabu- 
larum Eur., Marburg 1839; Fix, Chron. 
fab. Eur., vor der didotischen Ausg , und 
besonders Wilamowitz, Analecta Eur., p. 
172 ff. Die wahrscheinliche Folge ist: Rhe- 
sus, Alcestis (438), Medea (431), Hippolj^tus 
(428), Hecuba, Cyclops, Heraclidae, Herc. für., 



C. Drama. 2. Die Tragödie, d. Euripides. (§ 166-167.) 



119 



aber die gewonnenen Resultate sind doch nicht so sicher, dass ich dieselbe 
der Ordnung der Dramen zu gründe zu legen wagte. Auf der anderen 
Seite ist die Zahl der erhaltenen Tragödien so gross und ist ihr Gehalt 
so verschieden, dass ich mich begnügen werde, einige hervorragende Stücke 
herauszuheben und die anderen in alphabetischer Ordnung summarisch 
aufzuzählen. 

167. Die Mt'jdsia wurde nach der Hypothesis 431 zusammen mit 
dem Philoktetes, Diktys und dem Satyrspiel Theristai ^) aufgeführt. Die 
Tragödie ist benannt nach der Hauptheldin, der unheimlichen Zauberin 
aus dem Kolcherland. Aus ihrem Mythus hatte Euripides schon zu seiner 
ersten Tragödie, den Peliaden, den Stoff genommen. Aber während er dort 
ebenso wie Sophokles in den '^Pi^oroßoi einfach der Sage folgen konnte, 
musste er hier erst die alte Überlieferung umformen, um den Boden für 
eine Tragödie zu gew^innen. Schon der korinthische Epiker Eumelos (Paus. 
II, 3. 8) hatte von der Herrschaft lason's in Korinth und seiner Entzweiung 
mit Medea erzählt; dem hatte Kreophylos 2) die Sage von der Ermordung 
des Königs Kreon durch Gift und von der Flucht der Medea nach Athen 
zugefügt (Schol. ad. Med. 273). Auch des unglücklichen Loses der Kinder 
war schon in beiden Erzählungen gedacht worden. Aber erst bei den 
Tragikern ermordet die Mutter ihre eigenen Kinder, um sich an dem treu- 
losen Gemahl, welcher der reichen Königstochter zulieb die unglückliche 
Gattin Verstössen hatte, in furchtbarer Weise zu rächen. Diese entsetz- 
liche, von Eifersucht und Rachedurst eingegebene That, die mit den Kindern 
zugleich die von den Geschenken der Nebenbuhlerin bethörte junge Frau 
des lason mit ins Verderben zog, hat Euripides zum Mittelpunkt der 
Tragödie gemacht. Den Ausgang der erschütternden Handlung, die Flucht 
der Medea, nahm er wieder aus dem alten Mythus; er erfand nur die 
spezielle Richtung der Flucht nach Athen und liess zur Vorbereitung der- 
selben schon in der Mitte des Stückes (663 — 758) den König Aigeus auf 
dem Heimweg von Delphi mit Medea zusammenkommen. 3) Damit verband 
er zugleich den Zweck, das ehrliche und bundesfreundliche Verfahren der 
alten Athener gegen Korinth herauszustreichen (723 — 730) und in still- 
schweigenden Gegensatz zur Feindseligkeit der Korinther beim Ausbruch 
des peloponnesischen Krieges zu stellen. Die uns erhaltene Medea ist die 
Umarbeitung einer älteren, von der mehrere, ehemals als Parallelen an den 
Rand geschriebene Verse in den Text unseres Stückes gekommen sind.^) 



Andromache, Supplices, Troades (415), Iph. 
Taur., Ion, Electra, Helena (412), Phoenissae, 
Orestes (408), Bacchae u. Iph. Ad. (407). 

^) Euripides erhielt den 3. Preis; erster 
warEuphorion, zweiter Sophokles. DerPhilok- 
tet war ein bewundertes Stück, über dessen 
Anlage wir durch den Rhetor Dio Chrysost. 
or. 52 u. 59 Aufschluss erhalten. Dass auch 
der Diktys, der in die Perseussage eingriff, 
viel gelesen wurde, zeigen die zahlreichen 
Fragmente. Die &eqiotkI waren nach der 
Didaskalie schon zur Zeit des Grammatikers 
Aristophanes verloren. 

^) Schwerlich der alte Homeride, eher 



der von Ath. 361c erwähnte Verfasser von 
'Eqpsatofcw^ofc, s.WiLAMOWiTZ,Herm.XV,485ff.; 
vgl. Max Groeger, De Argonauticarwm 
fabularum liistoria, Diss. Vratisl. 1889, p. 22 ff. 

^) Unentschieden ist es, ob der Tadel 
des Aristoteles, Poet. 25: oQd^rj de €7jLzl/j.7]ai,g 
xcd aXoyicc xcd /uo/y^ijQia, örav ^rj dvciyxrjc: 
ovG7jg fifjdsp' /Q7Ja7]Tai TM (c'Aoya), wansQ Ev- 
Qini&ijg Tili JiyeT, auf unsere Stelle oder auf 
die Tragödie Aigeus ging. 

^) Der ersten Medea gehörten wohl auch 
die Verse in Schol. Arist. Ach. 119 und 
Ennius Med. bei Cic. ep. ad fam. 7, an. Die 
Dittographien unseres Textes sind V. 723. 



220 



Griechische Litteratnrgeschichte. I. Klassische Periode. 



Ausserdem hatten die alten Grammatiker Kenntnis von der Medea eines 
sonst wenig bekannten Tragikers Neophron,i) aus der uns drei längere 
Fragmente erhalten sind, und die Dikäarch und der Verfasser der dem 
Aristoteles fälschlich zugeschriebenen Hypomnemata für das Original des 
euripideischen Stückes ausgaben. 2) Dass aber Euripides, der erfindungs- 
reiche Kopf, einem obskuren Neophron die herrliche Fabel abgestohlen 
habe, hat gar keine Wahrscheinlichkeit. Auch hätte schwerlich Aristo- 
teles in der Poetik so oft unserer Medea mit besonderer Auszeichnung 
gedacht, wenn er sie für ein blosses Plagiat angesehen hätte. Eher 
haben alte Gelehrte irrtümlich die erste Bearbeitung der euripideischen 
Tragödie dem Neophron zugeschrieben, oder hat Euripides selbst das erste 
Mal das Stück unter fremdem Namen auf die Bühne gebracht.^) 

168. Der ^InnoXvtoq, speziell ^InnöXvTog aTfcpavrjifoQog genannt, hat 
grosse Verwandtschaft mit der Medea und wurde bald nach ihr im J. 428 
mit durchschlagendem Erfolge aufgeführt. 4) Wie dort die grausige Rach- 
sucht eines gekränkten Weibes, so bildet hier die verzehrende Glut unreiner 
Liebe den Angelpunkt der Tragödie. Der StoflP ist der attischen Sage ent- 
nommen unter Anknüpfung an den lokalen Kult eines gleichnamigen Halb- 
gottes in Trözen.'') Der Mythus von der verbrecherischen Liebe der Phaidra, 
der Gemahlin des Theseus, zu ihrem Stiefsohn Hippolytos und von dem 
tragischen Ende des von seinem Vater verfluchten Sohnes hatte bereits 
Sophokles angezogen ^) und war von Euripides selbst schon einmal vor 
428 behandelt worden.'') Der Titel Phaidra, den Sophokles seiner Tragödie 
gab und den mit Recht wieder aus Seneca der grosse französische Tragiker 
Racine aufgriff, zeigt, dass derselbe den Stoff am rechten Zipfel gefasst 
hatte. Denn dadurch, dass Phaidra, als sie, dem Weibe Putiphars vergleichbar, 
ihre Liebe von dem keuschen Jüngling verschmäht sah, den unschuldigen 
Sohn bei dem Vater der Verführung anklagt, wird sie die treibende Kraft 
der ganzen Handlung und büsst in echt tragischer Weise mit ihrem frei- 
willigen Tod die Schuld unseliger Liebe und falscher Scham. Euripides 
hat sein Drama Hippolytos getauft und in Einklang damit auf die edle 
Gestalt des unschuldigen Jünglings und dessen grauses Ende durch den 
Fluch des eigenen Vaters die Hauptaufmerksamkeit der Zuschauer gelenkt. 
Damit wird aber, entgegen einem Hauptgesetz der tragischen Kunst, ^) ein 



724. 729. 730 = 785—8; 798-810 = 819— 
823; 1231 f. = 1233-5. Wilamowitz, Herni. 
15, 488 ff. wil] diese Dittographien auf den Zwie- 
spalt der Textesüberlieferung zurückführen. 

') Suidas u. JSeücfQMp; Diog. II, 137. 

-) Argum.: lo ö^ccfia doxst imoßuXea^ca 
7TciQ(( NeocfQoi'og [TiavcaöcfQovog codd.) ^la- 
(Txei'äaagy oJ? jLxaiuQ^og tisqI tov rijg E'A- 
?A<dog ßiov y.cd ^jQiaTOTeXrjg iv vno^ipjjf^aair. 

^) Die Fragmente des sogenannten Neo- 
phron haben ganz den Versbau der Dittogra- 
phien des älteren Euripides. Vgl. 0. Ribbeck, 
Leipz. Stud. 8, 386 ff. Wecklein schlägt in 
der Einleitung seiner Ausgabe einen Mittel- 
weg ein und setzt die Medea des Neophron zAvi- 
schen die erste und zweite Bearbeitung des Eu- 
ripides. EineScene der Medea auf einem Wand- 



gemälde von Pompeji s. Baumeister n. 1948. 

■*) Argum. sdiö('c/x)t] inl 'Enafxs'ivopog 
uQ^ovrog 6h\UTTidJ'i nC' srei &' . JiQWTog Ev- 
Qinidtjg, &8VT£Qog ^lofpdiv, rgnog ^Imv. 

^) Nähere Nachweise bei Wecklein in 
der Einleitung seiner Ausgabe. 

^) Ob die Phaidra des Sophokles älter 
sei, dafür haben wir freilich keine Zeug- 
nisse; Wilamowitz, Herm. 18, 239 nimmt 
das Gegenteil an. 

^) Der erste Hippolytos wurde zugleich 
mit Aigeus und Theseus gegeben; s, Wila- 
mowitz, Herin. 15, 483. 

^) Arist. Poet. 13: diiXoy ort ovrs rovg 
inisixsTg ar&Qctg dsT fierccßdXXopTag cpaivea^fa 
f| £t'Tv/ic(g eig dvarv^inp — ov yuQ cpoßsQoi' 
ot'Jf i^seiyoi' Toijo. i'.'kla fAictQÖP eariv — 



C. Drama. 2. Die Tragödie, d. Euripides. (§ 1G8 ~1G9.) 221 

Unschuldiger zum Helden der Tragödie. Denn die Weise, nait der Euripides 
dem Hippolytos eine Schuld beimisst, weil er nämlich den Kultus der Aphrodite 
vernachlässigt habe (87 — 105), genügt an und für sich nicht und zieht 
obendrein die Menschen auf die Stufe willenloser Drahtpuppen in der Ge- 
walt widerstreitender Dämone herab. Aber auch sich selbst hat Euripides 
korrigiert und gleichfalls nicht zum Besseren. In dem ersten Hippolytos, 
dem im wesentlichen Seneca und Ovid, Heroid. 4, gefolgt zu sein scheinen,^) 
hatte Phaidra selbst dem schönen Amazonensohn ihre Liebe bekannt und 
dieser sich aus Scham über den sittenlosen Antrag der Stiefmutter das 
Haupt verhüllt, wovon das Stück den Zunamen ^InnöXvTog xaXvnTo^isvoc. 
erhielt.-) Diese Schamlosigkeit der Phaidra hatte nach der Hypothesis 
unseres Stückes bei dem Publikum Anstoss erregt, und der Dichter hat 
deshalb in dem zweiten Hippolytos, der von dem Kranz, den Hippolytos 
der jungfräulichen Göttin Artemis weiht (V. 73 fP.), den Beinamen (iTS(favr- 
(foQog oder acstpaviaq erhielt, das Stück so umgearbeitet, dass Phaidra selbst 
ihre von Aphrodite ihr eingegebene Liebe aus züchtiger Scham in sich zu 
verschliessen sucht, und somit statt ihrer die Amme halb gegen den Willen 
der Herrin das Geheimnis dem Jüngling verrät. Aber während so Phaidra 
in diesem Punkt entschuldbarer und bemitleidenswerter erscheint, wird die 
schwarze That, mit der sie aus falscher Scham in dem zurückgelassenen 
Briefe den unschuldigen Stiefsohn verleumdet und ins Verderben stürzt, 
um so unentschuldbarer. Wenn wir aber auch so in der Ökonomie der 
Tragödie keinen Fortschritt des Euripides gegenüber Sophokles, und des 
älteren Euripides gegenüber dem jüngeren anerkennen können, so begreifen 
wir doch, dass das erhaltene Stück den ersten Preis erhielt und von den 
alten Kunstrichtern zu den besten Werken des Dichters gerechnet wurde. "^) 
Denn mit feinster psychologischer Kunst ist die verzehrende Glut der im 
Liebesgram hinsiechenden Fürstin dargestellt, und tiefergreifend ist die 
Schilderung von dem grausen Geschick des unglücklichen Jünglings, den 
die durch ein Meerungeheuer scheu gewordenen Rosse durch die Felsen 
schleifen. Gut wirkten gewiss auch bei den alten Athenern, die das Un- 
glück des Krieges und der Pest zur Frömmigkeit und Einkehr in sich 
zurückgeführt hatte, die Deklamationen gegen die Rechtsverdrehungen und 
Prahlereien der Rhetoren und Tugendlehrer. ^) Nachgebildet wurde die 
Tragödie von Seneca und Racine.^) 

169. Die 'l(fiy£V£ia iv TavQoig, so benannt im Gegensatz zu der 
in Aulis, wird durch den Versbau (die trochäischen Tetrameter und die 
häufigen Auflösungen) in die Zeit nach Ol. 90 verwiesen. '^) Der Dichter, 

OVIS rovg juo;(07]Qovg e| aiv/iug eig €VTv/iai^. j Gegensatz die ungeschminkte Wahrheitsliebe 
Dagegen Hipp. 1390: tö J" evyevig as riHv des Hippolytos 984 ff.) 921 f. Manche der 



cfQevMV ilnoj'ksosp. 



Sprüche sind heutzutag noch gang und 



') Hiller, De Soph. Phaedra et de Eur. I gäbe, wie V. 430 ccl (yevTSQal nwg cpQopTiiisg 

Hipp, priore, in Über miscell. pJiilol. Bonn. \ oocpoijeQai. 

p. 34 ff.; Kalkmann, De Hippolytis Eiiri- 1 ^) W. Schlegel, Comparaison entre Ja 

pidis quaest. novae 1882. ! Phedre de Eacine et Celle d" Enripide, 



'-) Der Kommentar dazu liegt in dem 
V. 243: XQvxpoy xs(fctXr]P • aiö'ovfus^a yocQ xd 
'^eXeyfxeva juoi. 

'^) Argum.: to ds ö'gccf^a riof TiQohiov. 

*j Besonders V. 436 ff. (dazu steht in 



Paris 1807: neuere Litteratur bei Patin, 
Euripide I, 42 ff. und Wecklein in seiner 
Ausg. S. 21. 

^) Einer bestimmten didaskalischen An- 
gabe entbehren wir. Der Verfolgung des 



222 



Griecliisclie Litter atur geschieh te. I. Klassische Periode. 



iineniiüdlicli in der Aufspürung und Verwendung lokaler Sagen und reli- 
giöser Gebräuche, ging auch in unserem Stück von attischen Tempelsagen 
aus. An der Ostküste Attikas war der Kultus der Artemis-Hekate seit 
alter Zeit heimisch.') In Halai befand sich ein Tempel der Artemis Tauro- 
polos;-) in Brauron zeigte man das Grab der Tempel Wärterin Iphigenia^) und 
ward die Göttin selbst unter dem Zunamen 'Icpiysveia verehrt;^) hier auch 
wurden an dem Feste BQavQMvia junge Mädchen der Göttin als Bärinnen 
(ccQXToi) geweiht, was darauf hindeutet, dass hier wie anderwärts der orien- 
talischen Göttin ehedem Menschen geopfert wurden.^) Nun bekamen die 
Griechen Kunde, dass noch zu ihrer Zeit im taurischen Chersones von den 
Barbaren einer jungfräulichen Göttin, die sie ihrer Artemis verglichen, 
Menschenopfer dargebracht wurden. Daraus wob Euripides die Mythe, dass 
die in Aulis der Artemis dargebrachte, von der Göttin selbst aber nach 
Tauri versetzte Königstochter Iphigenia^) später mit Hilfe ihres in jenes 
ferne Barbarenland verschlagenen Bruders Orestes das heilige Götterbild 
nach Attika gebracht habe. Zu diesem Behufe dichtete er die den Athenern 
geradezu heilig gewordene Darstellung des Aischj^los teilweise um : ein Teil 
der Erinyen steht nach dem freisprechenden Urteil der Pallas Athene von 
weiterer Verfolgung des Muttermörders ab, ein anderer aber setzt dieselbe 
bis zur vollständigen Entsühnung des Orestes fort. Um aber dem Zusammen- 
hang der Iphigeniasage mit dem attischen Kult der Artemis die göttliche 
Weihe zu geben, lässt er gegen Schluss die Göttin Athene selbst auf der 
Göttermaschine erscheinen und feierlich die religiöse Feier Attikas ein- 
setzen. Der meisterhaft erfundene Mythus ist mit nicht minderer Meister- 
schaft durchgeführt. Wahre Muster anschaulicher, fesselnder Erzählung 
sind die beiden langen Botenreden von der Gefangennahme des Orestes 
und Pylades (260 — 339) und von den Wechselfällen ihrer Entweichung 
(1327 — 1419); voll von Leben und Geist sind die wiederholten Stichomy- 
thien, in deren Anwendung sich Euripides in dieser Tragödie besonders 
gefällt; einzig schön aber sind die beiden Wiedererkennungsscenen, von 
denen namentlich die erste, wo Iphigenia dem Pylades den für den Bruder 
bestimmten Brief vorliest und so unwillkürlich das Geheimnis ihrer Her- 
kunft enthüllt (755 — 797) , das volle Lob des Aristoteles Poet. 14 fand. 
Selbst die Chorlieder erheben sich über das gewöhnliche Niveau euripidei- 
scher Melik; namentlich in dem 2. Stasimon (1089 — 1152) ist mit rührender 
Zartheit die Sehnsucht der ins Barbarenland verkauften Jungfrauen nach 
dem Boden und den Götterfesten der geliebten Heimat ausgedrückt.') Für 



Orestes durch die Furien bis nach dem 
TaurerJand wird weder in Electra noch in 
Orestes gedacht. Gleichwohl führt der Um- 
stand, dass die Helena einer schlechten Neu- 
auflage der Iphigenia gleichsieht, auf die 
nächste Zeit vor der Aufführung der Helena 
oder vor 412. 

') Paus. I, 23. 7; 33. 1; HI, 16. 7. 

2) Strab. p. 399; Eur. Iph. Taur. 1457; 
Ilesychius : TuvQonöhcc, ä sig ioQr?]y ayovair 

■^) Iph. T. 1464; Euphorien in Schol. 
Arist. Lys. 645. 



4) Paus. II, 35. 2; I, 43. 1; VII, 26. 3. 
Vgl. WiLAMOWiTz, Herm. 18, 256 ff. 

^) Iph. T. 1458 ff., Arist. Lys. 646 und 
dazu die Schol.; Harpocr. u. ^exareveip. Vgl. 
Schöne in der Ausg. Einl. XVIII sqq. 

^) Procl. arg. Cypr. : 'A^Ts^xig ds ((vrijr 
s^agnaffCiGa sig TavQovg jusTuxo/uiCsi y.c.l 
ud^dvcaov noieT. 

^) In der nächsten Zeit nach Euripides ha- 
ben der Sophist Polyeidos (Arist. Poet. 16 u. 17) 
und der Tragiker Timesitheos (s. Suidas) 
den gleichen Stoff bearbeitet. Dass unter 
den Römern Pacuvius in seinem Dulorestes 



C. Drama. 3. Die Tragödie, d. Euripides. (§ l7Ö.) 



223 



uns Deutsche hat die Tragödie noch einen besonderen Wert, weil sie unseren 
Goethe zu einer seiner schönsten Dichtungen angeregt hat. Derselbe hat 
bekanntlich an der Lüge, mit der Iphigenia den König Thoas hintergeht, 
Anstoss genommen und deshalb eine andere, truglose Lösung des Konfliktes 
erdichtet. Den Griechen, denen Barbaren gegenüber auch List und Betrug 
erlaubt schien, lag jener Anstoss fern; umgekehrt wird bei ihnen die er- 
finderische Klugheit, mit der Iphigenia den Argwohn des Thoas einzu- 
schläfern versteht (1153 — 1233), rauschenden Beifall geerntet haben. ^) 

170. Die ^oiviacrai, benannt nach dem aus Phönikerinnen zusammen- 
gesetzten Chor, gehören gleichfalls der letzten Periode des Dichters an 
und wurden zusammen mit dem Oinomaos und Chrysippos aufgeführt.^) 
Euripides erhielt mit diesen Stücken den 2. Preis, aber die Grammatiker 
erkannten die Phönissen als eine der vollendetsten Schöpfungen des Dichters 
an,^) und dieses mit Recht, wenn auch mehr einzelne Scenen als das Ganze 
Lob verdienen. In 7 Dramen behandelte Euripides die altberühmten Sagen 
des Labdakidenhauses: in den beiden 'AXxiatwvsg, im. XQvcyiTiTvog und in den 
'IxtTiösg gewann er dem alten Mythus neue Stoffe ab; in dem Oedipus, der 
Antigene '') und in unseren Phönissen suchte er durch Neugestaltungen das 
Interesse des Publikums für den alten Stoff zu beleben. Die Phönissen 
haben im allgemeinen denselben Inhalt wie die Sieben des Aischylos, aber 
wie Euripides im Oedipus die Mythen des Oedipus und der Sphinx in eins 
zusammenzog, so hat er auch in den Phönissen nach allen Seiten über den 
engen Rahmen des äschylischen Stückes hinausgegriffen und damit dem 
neuen Drama eine ausserordentliche Mannigfaltigkeit und Ausdehnung (von 
1766 Versen) gegeben. Mehr aber noch hat er in der Ökonomie des 
Dramas geneuert: in den Sieben bestand der Chor aus thebanischen Jung- 
frauen, die angstvoll zu den Altären der Götter flüchteten ; Euripides setzte 
an ihre Stelle phönikische Mädchen, die, vom König Agenor als Beute- 
teil nach Delphi geschickt, auf ihrem Wege Theben berührten. Das war 
keine gute Neuerung, zumal der Seeweg, den sie kamen (V. 210), nicht 
über Theben nach Delphi führte, hatte aber für Euripides den Vorteil, dass 
nun die Chorlieder über Kadmos (638 — 689) und die Sphinx (1019 — 1066), 
die er nach seiner Art einlegte, wenn nicht zur Handlung, so doch zur 
Person des Chors einige Beziehungen gewannen. Aischylos hatte ferner 
in eintöniger und breitgesponnener Weise die 2 mal 7 Führer nach einander 
aufmarschieren lassen; das missfiel dem Euripides, und mit Recht ;^) er er- 
reichte das Gleiche wirkungsvoller teils durch die Teichoskopie, in welcher 
der Pädagoge der x^ntigone ähnlich wie in der Ilias dem Priamos die Helena 



die Handlung der Iph. Taur. behandelthabe, be- 
zweifelt Ribbeck, Römische Tragödie S. 239 ff. 
Auch die Kunst hat sich der dankbaren Mo- 
tive unserer Tragödie mit Vorliebe bemäch- 
tigt, wovon zahlreiche Vasen, Wandgemälde, 
Sarkophage zeugen. 

^) Geistreiche Parallele von Ph. Mayer, 
Die Iphigenien des Euripides, Racine und 
Goethe, in dessen Studien, Gera 1874; 0. 
Jahn, Pop. Aufsätze 353 ff. 

-') Nach dem Argumentum unter dem 



sonst nicht bekannten Archen Nausikrates 
um 409. Schol. Arist, Ran. 53 lässt das Stück 
kurz vor den Fröschen gegeben sein; vgl. 
Schol. Arist. Av. 348. 

^) Argum. und Schol. Arist. Ran. 53. 

■*) Auf die Antigene und ihren Ausgang, 
die Vermählung des Haimon und der Anti- 
gene, bezieht sich Phoen. 1C37 und 1G72 ff. 

^) Phoen. 751 : orofua tf ' kxäaxov (ha- 
TQißrj nol^rj "kiysir ex^QMv vn^ avroTg rel/e- 



224 



Grrieciiische Litteraturgeschiciite. I Klassische Periode 



die einzelnen Helden zeigt (88 — 201), teils durch die effektvollen Sclilachten- 
berichte des Boten (1090—1199, 1217—1269). Bei Aischylos sodann 
blieben lokaste und Oedipus ganz ausser dem Spiel; Euripides lässt sie ent- 
gegen der Darstellung des Sophokles beide noch in Theben am Leben sein 
und versteht es nun, ihre Anwesenheit zu ergreifenden Scenen zu verwerten. 
Denn die ganze Tiefe der Mutterliebe thut sich in dem genial erfundenen 
Versuche der Aussöhnung der feindlichen Brüder auf (355 — 637), und die 
Summe des Jammers zeigt sich am Schluss, wo der blinde Greis durch 
die Weherufe der Antigene aus dem Haus gezogen (1539 ff.) und von dem 
herzlosen Kreon aus dem Lande gestossen wird (1589 ff.) Ganz neu hin- 
zugekommen ist der heldenmütige Opfertod des Menoikeus, des Sohnes des 
Kreon, von dem nach der Weissagung des Teiresias Euripides den Sieg 
abhängen lässt (834 — 1018).^) Versäumt hat es auch Euripides nicht, 
Stellen zur Verherrlichung Athens einzulegen (852 — 857 und 1705—7), 
wenn auch dazu, wie namentlich an der ersten Stelle, die Gelegenheit 
mit den Haaren herbeigezogen werden musste. Man wird zugeben, dass 
der Dichter mit diesen Neuerungen und zugleich durch die Kunst der 
sprachlichen Darstellung 2) das Stück reicher, erschütternder und zugleich 
unserem Geschmack entsprechender gestaltet hat. Wir begreifen, dass 
dasselbe den gelehrten Kenner des Euripides, Valckenaer, zur gelehrten 
Bearbeitung (1754) und Hugo Grotius und Schiller zur Übersetzung reizten. 
Freilich von einer gewissen Breite und zerstreuenden Überfülle ist das 
Stück nicht frei zu sprechen; 3) besonders leidet der Schluss unter dem 
Streben, alles Mögliche in denselben hereinzuziehen, die Heirat des Haimon 
und der Antigene, die Bestattung des Polyneikes durch Antigene, die Be- 
gleitung des verbannten Oedipus durch Antigene.*) 

171. Die übrigen Dramen sind in alphabetischer Ordnung folgende: 
"A?.xrjaTig wurde 438 an vierter Stelle, also anstatt eines Satyrdramas 
aufgeführt. Zu dieser Stellung stimmt die burleske, an Shakespeare er- 
innernde Erzählung des Dieners über die Ungeniertheit und Gefrässigkeit 
des Herakles (747 ff.) und der glückliche Ausgang der Handlung, indem 
Alkestis, die junge Gattin des Admet, die allein für ihren Mann zu sterben 
bereit ist, von Herakles den Armen des Thanatos wieder abgerungen wird. 
Von den Dramen des Euripides war die Alkestis nach der Didaskalie das 
16. (oder 17.) Stück. Bei der Einfachheit der Handlung hatte in ihr der 
3. Schauspieler noch eine sehr untergeordnete Rolle, so dass sie zur Not 
mit 2 Schauspielern und einem Nebensänger gegeben werden konnte.) 



^) Die Gestalt des freiwillig den lodern- 
den Altar besteigenden Menoikeus findet 
sich auf Glaspasten, s. Oberbeck, Her. Gal. 
S. 133. 

'^) Besonderes Lob verdienen die Monodie 
der im Schmerze rasenden Antigene (1485 if.) 
und der Chorgesang auf den Kriegsgott 
Ares, den Stifter des Elends (784 ff.). 

^) Manche Verse kamen aber erst durch 
Interpolation hinein, worüber Zipperer, De 
lEiir. PJioen. rersihiis i^uf^pectis et interpolatis. 
Wirceb. 1875. 



'') Man hat deshalb in der Exodos starke 
Interpolationen angenommen; Böckh, De 
trag. gr. princ. c. 21, und ihm folgend 
Kinkel in seiner Ausg. haben den ganzen 
Schluss von 1746 an verurteilt; aber damit 
wird die andere Schwierigkeit, wie Anti- 
gone zugleich den Vater nach Attika be- 
gleiten und den Bruder in Theben beerdigen 
soll, nicht gehoben. Vgl. § 160. 

5) A. Müller, Bühnenalt. 173, An. 3. 
Vielleicht behalf sich das Satyrdrama länger 
mit 2 Schauspielern. 



C. Drama. 2. Die Tragödie, d. Euripides. (§ 171.) 



225 



Das Stück gehört nicht zu den besten des Euripides; auch durch seine 
Stellung am Schlüsse der Tetralogie werden nicht alle Schwächen desselben, 
weder der Mangel an Einheit noch die jämmerliche Zeichnung des Admet 
entschuldigt. Aber wie wenig trotzdem es ein moderner Dichter und selbst 
ein Wieland mit seinem Gegenstück Alceste dem antiken Tragiker gleich 
thun konnte, hat mit jugendlichem Übermut Goethe in seiner geistreichen 
Farce „Götter, Helden und Wieland" dargethan. ^) 

'AvSqoiiccxri ist ein politisches Intriguenstück, dessen Hauptpersonen, 
Menelaos und Hermione, die Treulosigkeit und Ränkesucht der Spartaner 
repräsentieren. Andromache selbst, die dem Sohne des Achill als Beute- 
anteil zugefallen war, hatte die Eifersucht der Hermione, der rechtmässigen 
Gattin des Neoptolemos, erregt; eingewoben ist die Ermordung des letz- 
teren im Tempel zu Delphi durch die Leute des Orestes, indem Euripides 
sich schon in diesem alten Stück erlaubte, die alte Sage zu seinen Zwecken 
umzugestalten. 2) Schon von den Alten wurde die Andromache zu den 
Dramen zweiten Ranges gestellt; der Hauptfehler des Stückes besteht in dem 
Mangel der Einheit, indem es in zwei ganz lose verbundene Teile aus- 
einanderfällt. ^) 

Die Bdxxcci wurden erst nach dem Tode des Dichters durch dessen 
Sohn zur Aufführung gebracht.^) Sie behandeln einen echt dionysischen 
Stoff, ^) die Feindseligkeit des Königs Pentheus gegen den Dionysoskultus 
und dessen furchtbare Bestrafung durch den Gott, der seine Glieder durch 
seine eigene, in bacchantische Raserei versetzte Mutter Agave zerreissen 
lässt. Die Tragödie ward von Accius ins Lateinische übersetzt; die erschüt- 
ternde Botenrede von der Raserei der Agave ward sogar am parthischen 
Hofe aufgeführt.*^) Manche Mängel, namentlich gegen Schluss, rühren wohl 
daher, dass der jüngere Euripides vor der Aufführung noch manche Er- 
gänzungen vornahm.'^) 

^Exaßrj heisst die von Ennius den Römern nahegebrachte Tragödie, 
die zwar der Einheit entbehrt, aber durch das ergreifende Pathos der un- 
glücklichen Königin und des geblendeten Verräters Polymestor einen grossen 
Erfolg auf den Brettern erzielt haben muss.^) In der philologischen Litteratur 



') Geschrieben 1774 bei einer Flasche 
guten Burgunders in einer Sitzung, auf- 
genommen in Ges. Werke, Bd. 33; vgl. 
Steinberger, Goethe und die Alkestisfrage, 
Bayr. Gymn. Bl. XXV, 24 ff. 

2} Die alte Sage, die von einer Betei- 
ligung des Orestes an der Ermordung des 
Neoptolemos noch nichts weiss, steht bei 
Pindar N. 7, 41 ; die euripideische Fassung 
liegt dem Vasenbild Ann. d' Instit. 1868 
Tav. d'agg. E zu gründe. 

") Nach den Scholien zu V. 445 wurde 
das Stück nicht in Athen, sondern auswärts 
aufgeführt, und zwar unter fremdem Namen 
(Demokrates, wofür Bergk Menekrates ver- 
mutet). Die politischen Anspielungen, na- 
mentlich V. 733, bestimmten Böckh, De 
trag. gr. princ. 189 f. das Stück in d. J. 418 



zu setzen; Zirndorfer und Bergk, Herrn. 18, 
490 treten für Ol. 89, 2 = 423 ein; das zu 
V. 445 angeführte Scholion verlegt mit Recht 
das Stück in den Anfang des Krieges. 

4) Schol. Arist. Ran. 67. 

^) Derselbe war schon von Aischylos im 
Pentheus und von Xenokles in den Hax/ca 
behandelt worden. 

^) Plut. Grass. 33. Eine Partie aus dem 
Schluss übersetzte Goethe, Ges. W. 46, 58 ff. 

^) BoECKH, De trag. gr. princ. c. 24. 

^) Die Parodien in den Wolken (1165 
= Hec. 172; 718 = Hec. 141) weisen auf 
die Zeit vor Ol. 89, 1, etwa 425 hin, so dass 
die durch diis Pathos entfesselter Weiber- 
leidenschaft ausgezeichneten Tragödien Mo- 
dea, Hippolytus, Hecuba auch zeitlich nahe 
aneinander liegen. 



Uauclbnch der klass. Altcrtuiuswissenscliaft. VII. 2. Aufl. 



15 



226 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

spielt das Drama eine Rolle durch die für Erkenntnis der Metrik der 
Tragiker epochemachenden Ausgaben von Person und Hermann. 

^EXtvrj ist neben Ion das Mustereines romantischen Intriguenstückes 
und wurde zugleich mit der verwandten Andromeda 412 aufgeführt.') In 
der Fabel lehnte sich Euripides an Stesichoros Helena an,'-^) erlaubte sich 
aber eine ganz freie Umdichtung der Überlieferung.^) Helena, von der 
Paris nur ein Schattenbild nach Troia entführt hatte, wird in Ägypten von 
dem Königssohn Theoklymenos, der um die Hand der schönen Griechin 
wirbt, bedrängt und sucht an dem Grabe des Proteus Schutz. Von der 
Bedrängnis wird sie durch die Ankunft des Menelaos befreit, mit dem sie 
gemeinsam Flucht und Täuschung des Barbarenkönigs plant und ausführt. 
Das Stück, das in seinem Schluss ganz der taurischen Iphigenia ähnelt, 
fand viele Leser im Altertum und hat daher viele Interpolationen erfahren ; 
Horaz Od. III, 3 scheint die Verse 878 ff. vor Augen gehabt zu haben. 

'HXäxTQa zeigt uns am besten die Manier des Euripides, alte Stoffe 
neu zu gestalten und die Erhabenheit der Heroen weit in die Niedrigkeit 
des Alltagslebens herabzuziehen: Elektra, des Königs Agamemnon Tochter, 
ist an einen gemeinen Bauern verheiratet; Klytämnestra, durch List auf 
das Land gelockt, muss sich, bevor sie den Todesstreich empfängt, noch 
ihr ganzes Sündenregister von ihrer Tochter vorhalten lassen (1004 — 1131); 
aber einzig schön ist die Botenrede (774—858) von der Abschlachtung des 
Buhlen, wobei der Dichter mit genialer Erfindungsgabe den Agisthus selbst 
dem Orestes das Messer in die Hand geben lässt. Verfasst ist das Drama 
413 kurz vor der Helena, die V. 1280 angekündigt ist; auf diese Zeit führt 
auch der Hinweis auf die sikilische Expedition und den Verrat des Alki- 
biades am Schlüsse der Tragödie.^) 

^HQaxXetdai, ein einfaches, mattes Drama ohne spannende Verwick- 
lung, das nur durch die erhabene Scene von dem heldenmütigen Entschluss 
der Makaria, sich dem freiwilligen Opfertod für der Brüder Rettung zu 
weihen, einigermassen gehoben wird. Die politischen Nebenabsichten treten 
zwar nicht so grell wie in der Andromache hervor, sind aber unverkennbar. 
Der Dichter will vor allem Athen verherrlichen, dessen König Demophon 
den nach Attika geflüchteten Kindern des Herakles Schutz bietet und um 
ihretwillen den Kampf nicht scheut; er will aber zugleich den Undank von 
Argos und Sparta (V. 742) brandmarken, welche in der Gegenwart die den 
Herakliden ehedem erwiesenen Wohlthaten mit feindlichem Einfall vergalten. 
BöcKH, de trag. gr. princ. 190, hat die Tragödie auf 417 setzen wollen, 
als die Argiver nach Bruch des Bündnisses mit den Lakedämoniern Frie- 
den machten. Aber die Einfachheit der Handlung und die Strenge des 
Rhythmus, sowie die Voraussagung des Einfalls der Spartaner (V. 1027) 
weisen auf die ersten Jahre des peloponnesischen Krieges.'^) 



') Nach Schol. Arist. Thesm. 1021 und 
1069. ZiELiNSKi, Gliederung der altatt. Koni. 
97 ff. findet in Arist. Eq. 80 ff. eine Parodie 
von Eur. Hei. 835 ff. und setzt demnach 
Helena u. Elektra ins Jahr 425. 

2) Dazu vgl. Od. (1227 u. Herod. II, 112. 



^) Als erwiesen kann gelten die Parodie 
in Arist. Ran. 1317 f., nicht die in Av. 414 
oder Nub. 423. Über das Verhältnis zur 
Elektra des Soph. s. § 156. 

•') Die aus einer didaskalischen Angabo 



^) Aristoph. Thesm. 850 nennt sie y.ca- \ genommene Stelle des Ammianus Marcel- 



C. Drama. 2. Die Tragödie, d. Euripides. (§ 171.) 



227 



'HQaxJ.rjg iLiccivo^is i'og^) erinnert durch das erschütternde Pathos und 
den Mangel der Einheit an die Hekabe. Der erste Teil endet glücklich, 
indem die dem Herakles angetraute thebanische Königstochter Megara mit 
ihren Kindern im Augenblick der Todesgefahr durch die unerwartete Rück- 
kunft des Herakles gerettet wird. Auch der Schrecken des zweiten Teiles, 
in welchem der in Raserei versetzte Vater seine eigenen Kinder mordet, 
erhält einen versöhnenden Abschluss durch die edle Freundschaftsliebe des 
Theseus und die religiöse Sühnung, welche der dankbare Freund seinem 
unglücklichen Genossen auf attischem Boden in Aussicht stellt. Die Tra- 
gödie enthält Stellen grossartiger Tragik, aber daneben auch abschweifende 
Deklamationen, wie 188—203, und alberne Reflexionen, wie 637 — 700. Die 
politischen Anspielungen führen auf die Zeit nach der Schlacht von Delion 
(424), der Hinweis auf das Alter, das den Dichter nicht hindere dem Musen- 
gesang zu huldigen (678), in die späteren Lebensjahre des Dichters. 2) Das 
griechische Original hat Seneca in seinem Herakles frei bearbeitet. 

Die ^Ixäriösg werden in der Hypothesis passend ein iyxw^iov 'A^rjvcov 
genannt; sie sind von dem gleichen Gefühl des Hasses gegen Theben wie 
der Herakles beseelt und scheinen auch um dieselbe Zeit, nur etwas später, 
421 oder 420, gedichtet zu sein.^) Das Drama griff die bereits von Aischylos 
in den Eleusinioi (Flut. Thes. 29) und von Herodot IX, 27 berührte Sage 
auf, wonach Theseus die Bestattung der vor Theben gefallenen argivischen 
Heerführer den hartherzigen Thebanern zum Trotz gewährte. Seinen Namen 
hat dasselbe von dem Chor der Schutzflehenden oder den Müttern der Ge- 
fallenen. 4) Die rührenden, eng an die Handlung sich anschliessenden Chor- 
lieder und die effektvolle Scene der in den Scheiterhaufen ihres Gemahls 
Kapaneus sich stürzenden Euadne werden dem Werke bei der Aufführung 
grossen Erfolg verschafft haben trotz der unpassenden Digressionen V. 
840 — 917, und der leeren, an den rasenden Herakles V. 655 erinnernden 
Reflexionen des Iphis V. 1080 ff. 

'J(fjiy€V€ia rj iv ÄvXidi geht dem Mythus nach der taurischen Iphi- 
genia voraus, fällt aber der Abfassungszeit nach in die letzte Lebenszeit 
des Dichters. Euripides hinterliess dieselbe unvollendet; davon zeugen die 
unverkennbaren Spuren späterer Zusätze in unserem Text, namentlich am 
Schluss und in der Parodos. Einzelne Verse stammen aus noch späterer 
Zeit, aber diese können die Annahme einer vollständigen Überarbeitung in 
römischer oder gar byzantinischer Zeit nicht beweisen.^) 



linus XXVIII, 4. 27 zeigt, dass die Hera- 
kliden zusammen mit Kresphontes und Te- 
menos aufgeführt wurden ; s. Wilamowitz, 
Herrn. 11, 302 u. 17, 337 ff. 

^) Ursprünglich einfach 'UQaxlijg betitelt, 
welchen Titel noch Seneca vorfand. 

2) Wilamowitz, Eur. Herakl. I, 344 
u, 380 setzt demnach den Herakles in das 
vorletzte Jahrzehnt des 5. Jahrhunderts, zwi- 
schen die Hiketiden (421) und die Troades 
(415). Über das Verhältnis zu Soph. Trach. 
s. § 158. 

^) Anspielung auf das argivische Bünd- 
nis in V. 1190 ff. ; auf die Weigerung der 



Thebaner nach der Schlacht von Delion die 
Toten herauszugeben (Thuc. 4, 97 ff.) bezieht 
sich die ganze Fabel der Tragödie. 

^) Über die Zusammensetzung des Chors 
aus 5 Müttern und 10 Dienerinnen, s. Ar- 
NOLDT, Die chorische Technik des Eur. 72 ff. 

^) A. Hennig, De Ii^h. Aul. forma ac 
condidone, Berol. 1870, unterscheidet Inter- 
polationen aus 3 verschiedenen Zeiten. Aus 
einer andern, mit einem deus ex macliina 
schliessenden Ergänzung stammen die Verse 
bei Aelian V. H. VII, 39, wenn nicht hier 
ein schwerer Irrtum des Aelian vorliegt; 
sonst müsste der handschriftlich überlieferte 

15* 



228 Griechische Litteraturgeschichte. 1. Klassische Periode. 

"lot)v, eine verschlungene Tragödie mit glücklichem Ausgang, durch 
spannende Disposition und zarte Empfindung ausgezeichnet. Die Fabel ist 
von Euripides unter Verwertung alter Überlieferungen zur Verherrlichung 
des reinen Geblütes des attischen Stammhauses erfunden. Das Drama spielt 
in Delphi, wo wir den unschuldigen Knaben Ion, den einst Apoll mit 
Kreusa, der Tochter des Erechtheus, erzeugt hatte, im Tempeldienst des 
Gottes treffen, und wohin Kreusa und ihr Gemahl Xuthos gekommen waren, 
um wegen ihrer Kinderlosigkeit das Orakel zu befragen. Die Enthüllung 
der dunklen Abkunft des Ion und die Wiedererkennung von Mutter und 
Sohn spielen sich auf so verschlungenen Wegen ab, dass zur vollen Auf- 
klärung am Schlüsse das Erscheinen eines Dens ex machina nötig war. 
Über die Abfassungszeit des Stückes fehlen zuverlässige Anzeichen; doch 
ist dasselbe jedenfalls nach dem Erechtheus (421) gedichtet worden. ^) Eine 
freie Nachbildung hat in unserer Zeit A. W. Schlegel gedichtet. 

KvkXmxP, das einzige uns erhaltene Satyrdrama, das nicht geeignet 
ist, uns von dieser Dichtungsgattung einen sehr hohen Begriff zu geben, 
das aber doch in neuer Bearbeitung auch heutzutage noch im Wiener Burg- 
theater ausserordentlichen Beifall finden soll. Der Stoff ist der Erzäh- 
lung der Odyssee vom Abenteuer des Odysseus bei dem Unholden Kyklops 
entnommen. 

^ÖQtaTtjg, nach den Schollen zu V. 371 im Jahre 408 aufgeführt, 
zeigt den Verfall der euripideischen Kunst. Die Fabel, die zur Zeit der 
Rückkehr des Menelaos spielt und sich um die Rache dreht, welche der 
zum Tode verurteilte Muttermörder Orestes mit Elektra und Pylades an 
Menelaos und seinem Hause nehmen, ist ganz willkürlich vom Dichter zu- 
sammengebraut. Alle Personen sind ins Gemeine herabgezogen: Menelaos 
ist ein herzloser feiger Egoist, Elektra ein ränkespinnendes Weib, Orestes 
gleicht dem nächtlichen Raufbold undBieh'OQtarrjg ßaiv6i.isvog der Komödie.-) 
Schon Aristoteles' Poet. 15 verurteilt den Menelaos unseres Dramas als 
7TaQ(xd€iy!.ia TTovtjQi'ag rjd^ovg firj dvayxaiag, gleichwohl machte dasselbe wegen 
seiner blendenden Scenerie und des musikalischen Bravourstückes V. 136D 
bis 1502 grossen Effekt, s) 

Die Tqoictdeg wurden nach der erhaltenen Didaskalie 415 zusammen 
mit Alexandros, Palamedes und dem Satyrdrama Sisyphos aufgeführt und 
mit dem 2. Preise bedacht. Die 3 Tragödien sind durch den zusammen- 
hängenden Inhalt zu einer sogenannten Thementrilogie verbunden. Dem 
erhaltenen Stück — und bei den beiden andern wird es nicht viel anders 
gewesen sein — ist der Charakter der epischen Darstellung trotz der 
Dramatisierung des Stoffes geblieben : es sind mehr einzelne, locker an- 



Schluss der Tragödie von V. 1510 an erst 
später im byzantinischen Mittelalter ergänzt 
worden sein. 

^) BöcKH, De ffr. traff. ^^rinc. 191 macht 
die feine Kombination, dass die V. 190 ff, 
beschriebenen Gemälde der Tempelhalle die- 
selben seien, welche Athen infolge des See- 
sieges bei Rhion (429) gelobt hatte (Paus. 
XTI, 5 und Ion 1592); aber deshalb braucht 
das Stück noch nicht bald nach 429 ge- 



dichtet zu sein. Enthoven, De lone fa- 
hiila Euripidea, Bonn 1880 setzt das Stück 
412 auf Grund der häufigen Auflösungen im 
Trimeter und der Bezugnahme auf die Grotte 
des Pan in Arist. Lys. 911. 

2) Vgl. OQeaifjg fj.aiv6^6voq in Arist. 
Ach. 1166 u. Av. 1487. 

^) Argum.: t6 dQäju« rojy sttI axijptiq 
evdoxiuovfiwy. 



C. Drama. 2. Die Tragödie, d. Euripides. (§ 171.) 



229 



einander gereihte Episoden aus der Einnahme der Stadt als Teile einer 
einzigen, straff zusammengefassten Handlung. Die Person der Hekabe 
bildet fast allein das Band, welches die verschiedenen Akte zusammenhält. 
Da hat es der gleichzeitige Toreute Mys, auf dessen Iliupersis der berühmte 
Silberbecher des Münchener Antiquariums zurückgeht, besser verstanden, 
aus den gleichen Scenen eine höhere Einheit zu schaffen. Aber gleichwohl 
müssen wir es unserem Euripides lassen, dass er seinen Athenern, die an 
den regelrechten Tragödien der alten Schule genug hatten, mit diesem 
neuen Versuch einer Tragödie in Bildern eine anziehende Ohren- und 
Augenweide geboten hat. 

^Praog ist nichts anderes als ein Iliadis Carmen didiictimi in actus. 
Die Echtheit der Tragödie ward nach der Hypothesis schon in dem Alter- 
tum angezweifelt,^) indem die alexandrinischen Kunstrichter in ihr mehr 
den sophokleischen Charakter finden wollten. Das kann sich nun kaum 
auf etwas anders als den Mangel an euripideischem Pathos beziehen ; denn 
von der eigentlichen Kunst des Sophokles lässt sich noch weniger etwas 
in der Tragödie finden. Aber dieselbe weicht so sehr von der Art der 
Medea, der Troades und aller erhaltenen Tragödien des Euripides ab, dass 
sie entweder aus einer ganz anderen Kunstperiode unseres Dichters stammt 
oder überhaupt fälschlich demselben zugeschrieben wurde. Für die Unecht- 
heit sprachen sich Valckenaer, Diatribe in Eurip. p. 88 ff., und G. Her- 
MATTN, Opusc. III, 262 ff. aus; aber dass Chorlieder von so kunstvollem und 
reichem Versbau, wie die des Rhesos sind, in der Zeit der alexandrinischen 
Pleias, an welche Hermann dachte, noch gedichtet worden seien, hat 
durchaus keine Wahrscheinlichkeit. Glaubwürdiger ist die Ansicht der 
alten Grammatiker Krates, Dionysodoros und Parmeniskos, denen sich in 
unserer Zeit Vater in seiner Ausgabe (Berl. 1837) und Härtung, Eurip. 
re^it. I, 38 angeschlossen haben, dass der Rhesos ein Jugendstück des 
Euripides sei. 2) In der That hatte Euripides nach den Didaskalien, wie in 
der Hypothesis des Stückes bezeugt ist, einen Rhesos geschrieben, und es 
kann demnach höchstens nur davon die Rede sein, dass der euripideische 
Rhesos durch das gleichnamige Stück eines anderen Tragikers verdrängt 
worden sei.^) Auf die Jugendzeit des Euripides führt auch der politische 
Hintergrund der erhaltenen Tragödie, der mit der Gründung von Amphipolis 
am Strymon (um 453) zusammenzuhängen scheint.^) Der Rhesos ist also, 



^) Dazu ein Scholion zu V. 41: to /, ort 
ovx eaxLv EvQinidov 6 ari^og. 

^) Astronomische Irrtümer des Stückes 
erklärte daraus Krates nach den Scholien 
zu V. 529 (vergl. zu V. 5, 499, 528, 541). 
Sonderbarerweise haben die alexandrinischen 
Grammatiker nicht zur Entscheidung der 
Frage das athenische Staatsexemplar der B 
Tragiker eingesehen. Wilamowitz, De Rhesi 
scholiis, Greifsw. 1877, lässt den Rhesos in 
der Zeit des Demosthenes mit Nachahmung 
des Sophokles und Euripides gedichtet sein. 

■'') Wenn nicht von 2 Tragödien Rhesos, 

so doch von 2 oder vielmehr 3 Prologen 

I eines Rhesos, dem erhaltenen in Anapästen 



und zweien in iambischen Trimetern, haben 
wir durch das Argumentum Kenntnis. Ähn- 
lich haben wir in der Iphig. Aul. Spuren 
von 2 Prologen, einem anapästischen und 
einem iambischen; ebenso gab es 2 Aus- 
gänge derselben Iphigenia und des Arche- 
laos; s. Welcker, Gr. Trag. 700 f. 

^) Wilamowitz, Anal. Eur. 147 f. und 
Eur. Herakl. I, 41 An. 81, führt diese poli- 
tische Bedeutung aus, setzt aber dann un- 
seren Rhesos aus Gründen der Metrik und 
Ökonomie (das Stück erfordert wie Oed. Col. 
4 Schauspieler) nicht in die Zeit der Grün- 
dung von Amphipolis, sondern des zweiten 
Seebundes im 4. Jahrh. 



230 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 



wenn echt, das älteste Stück des Euripides, so dass man aus dem Ver- 
gleich desselben mit der Medea ermessen kann, welche ausserordentliche 
Fortschritte der Dichter in der Darstellung der Leidenschaft und der Er- 
regung tragischer Effekte gemacht haben müsse. 

Ausser den 19 vollständigen Dramen sind noch zahlreiche Fragmente 
des vielgelesenen und wegen seiner schönen Sentenzen vielcitierten Dichters 
auf uns gekommen. Zahlreich sind namentlich die Bruchstücke der beliebten 
Tragödien Antiope, Alkmeon, Andromeda, ^) ßellerophontes, Stheneboia, 
Kresphontes, Melanippe (rj ao(frj und rj deaf-iMrig)^ Palamedes, Philoktetes, 
Protesilaos,2) Telephos. Die umfangreichsten haben wir vom Phaethon,^) die 
unseren Goethe zur Wiederherstellung der Umrisse der ganzen Fabel reizten.^) 
In einem der Codices, dem Palat. 287, findet sich am Schluss auch noch 
der Anfang der Danae, der aber nicht von Euripides, sondern von irgend 
einem Fälscher des Mittelalters oder der Renaissance herrührt. 

172. Kunstcharakter des Euripides. Euripides fand bei seinem 
Auftreten die Tragödie bereits vollständig ausgebildet vor. In ihrer äusseren 
Form verdankt sie daher seinem Eingreifen keine wesentlichen Fortschritte. 
Was hier von ihm neu eingeführt und weiter entwickelt wurde, der Pro- 
log und der Dens ex machina war nicht wesentlich und sicher kein 
Fortschritt. In fast allen Stücken orientiert uns Euripides im Eingang 
durch den von einer handelnden Person oder einem Gott gesprochenen Prolog 
über den Mythus und die auftretenden Personen. Diese Art der Vorrede, 
die öfters auch schon den ganzen Gang der Tragödie vorausverkündet, 
musste die Spannung der Zuhörer schwächen, hatte aber ihren Grund und 
ihre Entschuldigung in der selbständigen, aus dem trilogischen Zusammen- 
hang losgelösten Stellung seiner Dramen und in der dem Euripides eigen- 
tümlichen Freiheit der Umgestaltung des überlieferten Mythus, die eine 
vorausgehende Aufklärung des Publikums fast zur Notwendigkeit machte. 
Aber Euripides gebrauchte dieses Mittel in einförmiger, handwerksmässiger 
Weise, so dass mit Recht dasselbe von Aristophanes verspottet und von 
den Grammatikern getadelt wurde. ^) — Ein Pendant zum Prolog bildete 
der Dens ex machina, mit dem Euripides fast alle seine Stücke schliessen 
lässt,^) den er aber auch nicht selten mitten im Stücke zur Anwendung 



^) Von der grossartigen Wirkung, welche 
die Andromeda noch zu Neros Zeit machte, 
erzählt uns Eunapios p. 54 D und Lukian, 
Quomodo hist. conscr. 2 ; vgl. Arist. Ran. 53. 

2) Mayek, Herm. 20, 101 ff. 

^) Blass, De Phaeth. Eur. fragm. Cla- 
romantanis, Kiel 1885. Restitutionsversuche 
von WiLAMowiTz in Herm. 18, 396 ff. 

^) Goethe, Ges. Werke 46, 33 ff. Die 
zerstreuten Fragmente zu sammeln und zur 
Rekonstruktion der Dramen zu verwerten, 
bildete überhaupt eine die Gelehrtenwelt viel 
beschäftigende Aufgabe. Hauptleistungen von 
Valckenaer, Diatribe in Euripidis perdi- 
forum dramatum rell. LB. 1767; Härtung, 
Euripides restitutus, Hamb. 1843; Welcker, 
Griech. Trag., 2. Bd. Wecklein, Drei ver- 
lorene Tragödien des Euripides (Antiope, 



Antigene, Telephos), Stzb. d. b. Ak. 1878; 
Über den Kresphontes des Eur. 1880 in der 
Festschrift für ürlichs; Über fragmentarisch 
erhaltene Tragödien des Eur. (Andromeda, 
Bellerophon etc.), Stzb. d. b. Ak. 1888. Neue 
Bruchstücke aus den Temeniden (nach Weck- 
lein aus Diktys) aus Pariser Papyri publiziert 
von Weil, Nouveaux fragments d' Eur., Par. 
1879; BLASS, Rh. M. 35, 74 ff.; Wecklein, 
Philol. 39, 406 ff. 

5) Arist. Ran.^ 946 u. 1198 ff. Vgl. Vit. 
Eur.: xal ev roTg TiQoXoyotg de o/XtjQog. 
Übrigens haben namentlich die Prologe viele 
Interpolationen erfahren, worüber Klinken- 
berg, De Euripideorum prologoruni arte 
et interpolatione, Bonn 18"^1. 

^) S. WiLAMowiTz, Anal. Eur. 180. 



C. Drama. 2. Die Tragödie, d. Euripides. (§ 172.) 231 

bringt. Götter hatte schon Aischylos mittelst der Maschine erscheinen 
lassen, aber Euripides benützte dieses Mittel in bequemer und einförmiger 
Weise, um den Knoten durch das Dazwischentreten der Gottheit zu lösen, 
zum Teil auch, um den Blick des Zuhörers über die Grenzen der Hand- 
lung hinaus zu leiten. Manchmal wird so ein Kultusbrauch, wie in Iph. 
Taur. 1450 ff., Med. 1381 ff., Rhes. 962 ff., oder eine politische Einrich- 
tung, wie in Ion 1571 ff. u. Andrem. 1244, vorausverkündet und gewisser- 
massen sanktioniert. In solchen Fällen wird der Deus ex machina seine Wir- 
kung geübt haben und der gespannten Aufmerksamkeit sicher gewesen sein; 
aber meistens verhüllte er nur schlecht die Eilfertigkeit des Dichters und 
die Mängel der Anlage, weshalb mit gutem Takt Seneca denselben in der 
Nachahmung der Medea und des Hippolytus wieder weggelassen hat. 

Wesentlicher und bedeutsamer ist was Euripides in der tragischen 
Kunst innerhalb ihrer alten Formen geneuert und teils gebessert, teils ver- 
schlechtert hat. Beginnen wir mit dem Stoff, so war es natürlich, dass 
das athenische Publikum an der wiederholten Vorführung von Personen 
der alten berühmten Sagenkreise genug hatte. Euripides trug dem Rech- 
nung und da er den von Aischylos angezeigten Weg des historischen 
Dramas verschmähte und politische Stoffe bereits durch die Komiker vorweg 
genommen fand, so suchte er mit erfinderischem Sinne teils neue, ent- 
legene Lokalsagen auf, ^) teils gestaltete er, namentlich in seinem späteren 
Leben, alte Mythen um, teils endlich flocht er, in dieser Beziehung nahe 
an die neue Komödie streifend, aus kleinen Anhaltspunkten ganz neue roman- 
hafte Erzählungen zusammen. Man muss ihm die Anerkennung lassen, 
dass er auf diese Weise neue tragische Figuren, wie die Medea und 
Iphigenia, für die Ewigkeit geschaffen und der neuen Gattung selbst- 
erfundener Dramen in seiner Helena und Andromeda die Wege gebahnt 
hat. — Aber der Stoff an und für sich bedeutet noch wenig; er erhält 
erst Bedeutung durch den dramatischen Funken, der ihm entlockt wird: 
auf die Leidenschaften {Tiä^rj), die auch die Zuschauer mitfortreissen, 
verstand sich Euripides wie kein zweiter. Longin rühmt ihm nach, dass 
er die Liebe und Raserei auf die Bühne gebracht habe;^) als echter Kenner 
der menschlichen Natur hat er die dämonische Gewalt dieser Leidenschaften 
zumeist in Frauen, wie in der Medea und Hekabe, zum Ausdruck ge- 
bracht. Indes auch die zarten Saiten des Herzens weiss er anzuschlagen, 
und von Thränen der Rührung wird der Leser in mehr wie einem Stücke 
übermannt. Diese letztere Wirkung erzielte er hauptsächlich durch einen 
weiteren Vorzug seiner Kunst, durch die Geschicklichkeit in den Wieder- 
erkennungsscenen. In ergreifender Weise hat er dieselben in mehreren 
Stücken mit dem Höhepunkt der Peripetie in Verbindung gebracht. Ausser 
dem Ion und der Iphigenia Taur. war in dieser Beziehung besonders be- 
rühmt der Kresphontes, in welchem Drama Merope in falschem Wahne 



^) Das ist wohl der Nebengedanke von i ^ccvlaq rs xcd jQCorag, ixzQccyM&^aai xdv 

Arist. Ach. 398: o vovg ^ev (sc. EvQinidov) rovroig cog ovx oi&^ ei rig stegog sntTvxsatct- 

e^o) H}.X6y(0P invXXm. | rog. Vgl. Schol. Soph. Oed. R. 264: rmg 

-) Ps. Longin de subl, 15: effr«. fjeu ovf xivijxixwg iyyoiaig TiXsoydCei EvQinid7]g. 

rpiXonovuhajog 6 EvQin'i&y]g dvo lavil nudi], j 



232 



Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode, 



bereits das Beil über dem schlafend daliegenden Jüngling schwang, als der 
Alte in ihm den Sohn der Merope erkannte und die Mutter von der un- 
seligen That zurückzog. Durch die bezeichneten Vorzüge ist Euripides der 
tragischste {TQayixcoTaTog) Dichter i) und der vollendetste Meister der ver- 
schlungenen Tragödie {TQccy. nsnleyiitvi]) geworden. — Aber den Vorzügen 
stehen auch grosse Schattenseiten gegenüber. Euripides entnahm zwar die 
Stoffe der Heroenzeit, aber er entkleidete die Heroen ihrer erhabenen Grösse 
und legte ihnen Gedanken und Handlungen der gemeinen Gegenwart unter. '^) 
Die Vertreter der grossen alten Zeit, wie Aristophanes, entrüsteten sich 
über den Telephos in Lumpen und über den Dichter von Prozessreden, ^) 
und auch wir wenden uns mit Unmut von dem Bauernweib Elektra und 
dem Banditen Orestes ab. Der ganze Versuch, die Politik in die Tragödie 
zu ziehen, war eine Geschmacksverirrung, und auch die philosophischen 
Sprüche und rhetorischen Deklamationen passen nicht in den Mund der 
Heroen oder gar Heroinnen, am wenigsten die Sophismen nach Art von 
Tj ylwaa' oiiw^iox\ i] 6h (fqriv dvwfjioiog (Hipp. 612), oder ti S' alaxQov, rjv 
Hl] loiai %Qw}X6voig doxfj (fr. 19). Es hing aber diese Degradation der 
Tragödie mit dem Streben des Euripides zusammen, sich nicht einzig dem 
Dienste der Musen zu weihen, sondern durch die Muse auch für seine 
politischen und philosophischen Ideen Propaganda zu machen. Vergessen 
aber wollen wir über dem Tadel nicht, dass wir dieser spekulativen Rich- 
tung des Dichters auch die vielen herrlichen Sentenzen [yvw^im) verdanken, 
die wir noch heutzutag so gern in den Mund nehmen. 

173. Die sprachliche Kunst des Euripides zwang selbst seinem 
bitteren Feinde Aristophanes unumwundene Anerkennung ab. ^) Indem 
Euripides den Schwulst des Aischylos wegwarf und die Sprache des Lebens 
durch hübsche Verbindungen veredelte,-^) schuf er eine gemischte Diktion, 
die allen leicht verständlich war und sich doch über die Plattheiten des 
Marktes erhob. ^') Zur Geltung kam selbstverständlich dieser Charakter 
der euripideischen Sprache zumeist in den Dialogpartien, in den pointierten 
Stichomythien und in den sorgfältig nach den Regeln der Symmetrie aus- 
gearbeiteten Monologen und Botenreden {Qr^asig)J) In ihnen zeigte sich zu- 



^) Diesen Ehrennamen gibt ihm Arist. 
Poet. 13; vgl. Quintilian X, 1. 67: Euripides 
in iis quae in miseratione constant facile 
2)raecipuus. Ähnlich urteilt Freytag, Technik 
des Dramas 239: Keiner seiner grossen Vor- 
gänger versteht wie er die epischen Bilder 
mit flammender, markzerfressender Leiden- 
schaft zu füllen ; keiner hat so viele wahre, 
schön empfundene, individuelle Züge in sie 
hineingetragen, keiner so reiches Detail, in 
welchem die Zuschauer das gebildete Em- 
pfinden ihrer Tage wiederfanden. 

^) Arist. Poet. 25: ^orpoxXijg ecprj ccvTog 
neu oXovg &si noisTp, EvQiTiiö'?]^ di olol staiv. 

^) Arist. Ach. 432: Tt]Xs(fov (5«xw^«t«, 
Ran. 850 w nzM^onoLe xal QaxtoavQQKnrddi], 
Pac. 534 noir]Tiqv QijficiTLOir dixccptxiou, Ran. 
943 ^vXdi^ diifotg aTvo^v^fuhcov and ßtßkUoy 
unrjd^ay. Vgl. WoLD. Rtbbeck, Die dramati- 



schen Parodien bei den attischen Komikern, 
im Anhang seiner Ausgabe der Acharn er 
S. 277—316. 

^) Arist. fr. 397 D. : /Qüifxcii ydq avxov 
xov aro^arog xo) axQoyyvlM, xovg vovg &^ 
ayoQcdovg r]xxov ij xsTpog noiw. Vgl. Schol. 
Plat. VI, p. 227 Herrn.: 'JQiaxocpdyrjg ixto- 
jUM^sixo STIL xcp axojnxsip fxev EvQ07il&t]i^, 
fii/neiffS^ca tf' avxoi^. 

^) Arist. Rhet. III, 2: xXenxsxai J" €tK 
euu xig ex xrjg elm&viag diaXexxov ixXeycoy 
Gvvxi&fi, OTTSQ EvQiTTiörjg noiei xal vnedsi^e 
TiQiuxog. 

^') Dion. Hai., Vet. Script, cens. II, 11; 
Diog. IV, 26 ; Alexander Aetolus bei Gellius 
XV, 20. 

') HiRZEL, De Fjuripiclis in componen- 
(Iis diverhiis arte, Lips. 1862. Zu weit geht 
in der Annahme des symmetrischen Baues 



C. Drama. 2. Die Tragödie, d. Euripides. (§ 173.) 



233 



meist die rhetorische Stärke des Dichters, welche seine Dramen auch haupt- 
sächlich zum Studium für angehende Redner empfahl.^) Weit stehen den 
Dialogpartien die Mele, namentlich die Chorlieder nach, die fast wie ein 
unbequemes Vermächtnis aus älterer Zeit erscheinen. In den Vordergrund 
treten die Monodien und Wechselgesänge, was in der ganzen Richtung der 
Musik, welche sich von der Pflege des Chorgesangs den Kraftproben der 
Solosänger in den Arien und Monodien zuwandte, seinen Grund hatte. 
Das Band zwischen den Chorliedern und der Handlung wird zunehmend 
lockerer; selbst in einer so vorzüglichen Tragödie, wie die Phönissen, 
gleichen die meisten Chorgesänge eingelegten Musikstücken {sfjbßohima),^) 
welche das Umkleiden der Schauspieler erleichterten, im übrigen aber, 
unbeschadet des Fortgangs der Handlung, ebensogut wegbleiben konnten. 
Ausserdem löst sich bei Euripides die Strenge der metrischen Form und 
die Gesetzmässigkeit des Rhythmus. Im Trimeter häufen sich namentlich 
seit Ol. 91 die Auflösungen der Längen und die Verteilung eines Verses 
unter mehrere Personen. In den lyrischen Partien überwiegen in den Tra- 
gödien der letzten Periode bis zum Überdruss die frei gebauten Glykoneen.^) 
In den Melodien glaubten die Theaterbesucher die Weisen gemeiner Kneip- 
und Hurenlieder wiederzuhören.*) Ein guter Teil der gerügten Fehler 
scheint indes nicht dem Euripides zur Last zu fallen, sondern dem Kephi- 
sophon und Timokrates, deren Beihilfe er sich in den lyrischen Partien 
bediente.^) Auch in der obersten Anforderung des Stils, in der Gruppie- 
rung zu einem Ganzen, lässt es Euripides in den geringeren Stücken viel- 
fach fehlen. Das Streben nach Reichtum und Mannigfaltigkeit des Inhaltes, 
das dem Dichter wohl halb durch das Publikum aufgenötigt war, that der 
strengen Durchführung einer Idee und einer Handlung Eintrag; wollte 
eine Handlung nicht ausreichen, dann thaten es zwei, wie in Hekabe und 
Herakles, oder löste sich das Drama in eine Reihe von Bildern, wie in 
den Troades, auf. Schliesslich dürfen wir bei der Beurteilung des Euripides 
nicht vergessen, dass wir durch das blosse Lesen seiner Tragödien nur 
eine mangelhafte Vorstellung von ihrer Wirkung im Dionysostheater be- 
kommen. Denn Euripides lebte und schrieb für die Bühne : im axrjvrjg 
8vSoxiiiiH, oXog Tov d^eäxQov sariv urteilten die Alten von ihm, halb lobend 
und halb tadelnd. Für den Effekt auf der Bühne waren die Botenreden 
mit ihrer unübertroffenen Anschaulichkeit, die Abschieds- und Erkennungs- 
scenen mit ihrem ergreifenden Ethos, das erschütternde Pathos des rasenden 



Oeri, mit dem ich über diesen Punkt dis- 
putierte in Verhdl. d. Phil. Vers, in Wies- 
baden 1877, S. 142—161. 

^) Quint. X, 1. 68: illud quidem nemo 
non fateatur necesse est iis, qui se ad agen- 
dum comparcmt, utiUorem longe fore Euri- 
pidem. nmnque is et sermone . . . magis 
accedit oraforio generi et sententiis densus 
etc. Vergl. Die Chrys. or. XVIII, p. 47: 
noXiTiXM ccy^QL Tidvv lorpehfxog ' exi de rjf^t] 
xcct ndS^f] deiyog 7ih]Q(xiocii xcd ypwfxag TfQog 
(cncivTci i6(peXi^ovg y.ciTK^iyvvai roTg Tjoirj- 

'') Tadel bei Aiist. Poet. 18 und Schol. 



Eur. Phoen. 1018. Besonders anstössig ist 
Hei. 1301 ff. ^ 

•^) Das ist das ^M^exafirixcivop bei Ari- 
stoph. Ran. 1327, wozu noch das Anhalten 
einer Silbe durch mehrere Zeiten, das famose 
sleieieiXiaaere (Aristoph. Ran. 1314) kommt. 

^) Aristoph. Ran. 1301: otroc cf' änc 
ndvriop fisv (peget tioqviMioi', (TxoXiMy Mehjtov. 

•'') Vit. Eur.: xd (xilr] ai'X(o cpaat Ktjcpi- 
Gocpiovxa TTOieip rj TifioxQdxT]v \4QysiOP. Dun- 
kel bleibt die Entlehnung der didOeaig fxeXujt' 
der Medea aus der grammatischen Tragödie 
des Kallias, die Ath. p. 4530 bezeugt. 



234 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

Herakles und des geblendeten Polymestor, die Schlagwörter und geistreichen 
Sentenzen, kurz das Schönste und Beste in der Kunst des Euripides berechnet. ') 

Codices: Die Dramen des Eur. sind in 2 Abteilungen auf uns gekommen; die erste, 
9 Stücke (Ale. Androni. Hec. Hipp. Med. Orest. Rhes. Troad. Phoen.) umfassende liegt 
uns in Handsclir. des 12. Jahrh. vor, Vatic. 909, Marc. 471, Paris. 2712, ferner in Marc. 
468, Paris. 2713, Havn. 417; die zweite, sämtliche 19 Stücke umfassende Sammlung findet 
sich nur in jungen Handschriften, nämlich in Laur. 32, 2, ferner in Palat. 287 u. Laurent, 
abb. Flor. 172, welche beide zusammengehören und ursprünglich 1 Handschrift bildeten. 
Ein jetzt in Berlin befindlicher Papyrus aus Fajjum, der Hippol. 242—515 enthält, ist 
bekannt gemacht von Kirchhoff, Monatsber. d. Berl. Ak. 1881 S. 982 ff., ein anderer der 
Rhes. 48 — 96 enthält, von Wilcken, ebenda 1887, 814 und Wilamowitz, Eur. Herakl. I, 
214. — Ausgaben mit kritischem Apparat, in denen das bezeichnete Verhältnis festgestellt 
ist, von KiECHHOFF, (grössere Ausg. v. 1855), Prinz, (bis jetzt. Med. Ale. Hec), Barthold 
(bis jetzt Hipp. Med.). 

Scholien haben wir nur zu den 9 Tragödien der 1. Samml., die reichhaltigsten zu 
Hec. Phoen. Orest. Die imoO^saEig gehen auf Aristophanes und Dikäarch zurück. In den 
Scholien sind uns Reste der kritischen Studien des Aristarch, Kallistratos, Krates, Didymos 
erhalten. Über die letzte Quelle der Scholien unterrichtet die Subscriptio zu Orest: naQa- 
yiyQanTcii ix rov Jiovvolov vno^vijfiarog oXoa/SQwg xal xiop ^vxxmv, und zu Med.: n^og 
(fidcpoQCi civiiyQaq)a Jiouvalov oXoa/SQeg xal ziva xiüv JLdi'juov; s. Barthold, De scholioruvi 
in Eur. veterum fontibus, Bonn 1864. Im Mittelalter kamen zu den 3 gelesensten Stücken 
die breitgetretenen Scholien des Thomas Magister, Moschopulos und Triklinios hinzu. Die 
alten Scholien des Vat. B sind herausgegeben von Cobet hinter den Phoenissen von Geei 
LB. 1846. Gesamtausg. der Scholien von Gu. Dindorf, Ox. 1863, 4 Bde., neue sorgfäl- 
tigere Ausg. von Ed. Schwartz, Berol., im Erscheinen. 

Ausgaben: dieselben wurden erst nach und nach vervollständigt; zuerst bloss 4 Stücke 
in ed. princ. Flor. 1496, weitere in der Aldina 1503, besorgt von dem Kreter Musuros; 
die Elektra kam zuletzt hinzu durch Victorius 1545. - Gesamtausg. mit Scholien und 
Kommentar von Barnes, Cant. 1694; von Musgrave, Ox. 1778. — Epochemachend Valcke- 
naer's Ausg. der Phoenissae 1755 und Diatribe in Em. perd. dram. rell. 1767. — Ein- 
schneidende Kritik geübt von den Engländern Markland (Suppl. Iph. Aul. et Taur. 1771), 
Porson (Hec. Orest. Phoen. Med. 1797), Elmsley (Med. 1818, ed. II Lips. 1822), Monk 
(Hipp. Ale. mit guten Noten), neuerdings Badham (Iph. Taur. Hei. 1851). — Gesamtausg. 
von Matthiae, Lips. 1813- 1836, 10 vol.; fruchtbarer die Separatausgaben der meisten 
Stücke von G. Hermann; für Kritik bahnbrechend durch den ersten kritischen Gesamt- 
apparat die grosse Ausgabe von Kirchhoff, Berol. 1855, 2 Bände. — Textausgabe von 
Nauck in Bibl. Teubn.; Ausgabe mit lateinischen Noten in Bibl. Goth. (11 Stücke) von 
Pflugk und Klotz, neubesorgt von Wecklein. — Spezialausg. mit erklärenden Anm. von 
Wecklein (Bacch. Hipp. Iph. Taur. Med), von Weil (Hipp. Hec. Iph. Taur. et Aul.); 
Phoen. von Geel LB. 1846, von Kinkel, Leipz. 1871; Iph. Taur. von Schöne-Köchly 3. Aufl. 
Berl. 1872; Hippol. von Barthold, Berl, 1880, von Badham 2. Aufl. London 1867, von 
Herwerden, Utr. 1875; Iphig. Aul. von Vitelli, Flor. 1878; Eur. Herakles von Wilamo- 
witz, 2 Bde. Berl. 1889, Hauptwerk mit umfassender, die ganze Litteraturgeschichte be- 
rührender Einleitung. 

Erläuterungsschriften: R. Arnoldt, Die chorische Technik des Eur., Halle 1878. — 
H. BucHHOLTZ, Die Tanzkunst des Eur., Leipz. 1871. — Ein Glossar im 9. Bde. der Glas- 
gower Ausg. 1821. 

e. Die übrigen Tragiker. 

174. Aischylos, Sophokles, Euripides waren die Meister der griechi- 
schen Tragödie, aber nicht die einzigen Tragiker ihrer Zeit: um sie grup- 
pierte sich eine ganze Schar verwandter Dichter, und ihre Kunst dauerte J 
über ihren Tod hinaus im 4. Jahrhundert fort. Neben ihnen haben zunächst 
Achaios und Ion im Kanon der alexandrinischen Kunstrichter Platz ge- 
funden ; aber enger schliessen sich an sie ihre Verwandten und Anhänger an, 
die gleichsam eigene Schulen bildeten. 

') Unter den Schauspielern des Euripides l ix xvfxäxwv yaq avx^ig av yaXrjv' oqm so 
ist durch die "Witze der Komiker (Arist. Ran. \ aussprach, dass man yuXrjv (Wiesel) statt 



303, Strattis fr. 1) Hegel ochos berüchtigt 
geworden, der den Vers des Orestes 279 



yaXrjvä (Windesstille) verstand. 



C. Drama. 2. Die Tragödie, o. Die übrigen Tragiker. (§ 174.) 



235 



Zu der Schule des Aischylos gehörte vor allem sein Sohn Euphorion. 
Derselbe hat 4 mal mit Stücken seines Vaters gesiegt, aber auch eigenes 
gedichtet. Der Schwestersohn des Aischylos, Philokles, erscheint in 
Aristoph. Thesm. noch als lebend; nach Suidas hat er 100 Tragödien ge- 
dichtet, darunter eine Tetralogie Pandionis. Dass er nicht ohne Talent war, 
zeigt sein Sieg über den König Oedipus des Sophokles. Söhne des Philokles 
waren Mors im OS, Tragödiendichter und Augenarzt, und M el an thios, welche 
beide den bitteren Spott des Aristophanes in den Vögeln V. 801 erfuhren. 

Sohn des Sophokles war der Tragiker lophon,^) dem Suidas 50 Dramen 
beilegt. Schon 428 erlangte er neben dem Hippolytos des Euripides den 
2. Preis, aber man kannte sich, wie Aristophanes in den Fröschen V. 79 
boshaft bemerkt, nicht recht aus, inwieweit derselbe auf eigenen Füssen 
stund oder durch die Beihilfe seines Vaters in die Höhe kam. Ob auch 
der uneheliche Sohn des Sophokles, Ariston, Tragödien gedichtet hat, steht 
nicht fest, da Diogenes 7, 164 nur einen ^Agicfrcov Tioirjtrjg TgaymSiag ohne 
Angabe des Vaters erwähnt. Der Enkel des grossen Tragikers, Sophokles 
der Jüngere, trat wieder als Tragödiendichter auf. Wir sahen bereits 
oben, dass er den Oedipus auf Kolonos nach dem Tode des Grossvaters 
auf die Bühne brachte: einen Sieg desselben im Jahre 396 erwähnt Diodor 
XIV, 53. Im ganzen soll er nach dem letzteren 12, nach Suidas aber nur 
7mal gesiegt haben. 

Euripides der Jüngere, Neffe des berühmten Tragikers, 2) brachte 
dessen Iphigenia in Aulis auf die Bühne und dichtete auch drei eigene 
Stücke, Orestes, Medea, Polyxene. Von einem Sieg desselben hören wir 
nichts. Alterer Zeitgenosse des Euripides war Aristarchos aus Tegea,'^) 
der unter andern zum Dank für seine Genesung einen Asklepios schrieb 
(Aelian fr. 101) und nach Suidas die Tragödie auf ihren jetzigen Umfang [dg 
%o vvv civTMv ßrjxog) brachte, das ist von beiläufig 1000 Versen, wie viel des 
Aischylos Perser und des Euripides Alkestis hatten, auf 1300 und darüber. 

Ion aus Chios,^) Zeitgenosse der grossen Tragiker, kam in frühen 
Jahren nach Athen, wo er in den Kreisen des Kimon verkehrte und den 
Aischylos kennen lernte."') Später, während des samischen Krieges, traf 
er in seiner Heimat mit Sophokles zusammen. Der Tod traf ihn vor dem 
Frieden des Aristophanes (421). Mit einer für jene Zeit merkwürdigen 
Vielseitigkeit dichtete er ausser Tragödien noch Elegien, Hymnen, Dithy- 
ramben und schrieb in Prosa Reisememoiren (ETridrj/xim) und ein Geschichts- 
werk über die Gründung von Chios.*^) Den Athenern machte er sich in 



^) Osw. Wolf, De lophonte poeta tra- 
gico,^ Lips. Diss. 1884. Die 6 Titel bei Sui- 
Aas/^/tXXevg, Trj'kB(poq/A7tTc(i(ov,'I'kiov neqaiq, 
Je^afxEvög, Büx/at, kommen bei demselben 
Suidas alle auch unter Klsocpiov ^A&7]vmog 
rqayixog vor, woran Susemihl, Jahrber. d. 
Alt. XI, 1. 18 die Vermutung knüpft, dass 
jener Tragiker Kleophon auf eine Verschrei- 
bung von lophon hinauslaufe. 

^) Nach Schol. ad Aristoph. Ran. 67 u. 
Vita Eurip. war er ein Sohn des grossen 
Tragikers, nach Suidas ein Neffe. 



3) Eusebius zu Ol. 81, 2 -- 454: Ari- 
starchus tragoediographus agnoscitur: vgl. 
Welckek, Gr. Tr. 931 f. 

'^) Eine alte Monographie von Baton, 
angeführt von Ath. 436 b; aus neuerer Zeit 
Bentley, Op. 494 — 510; Köpke, De lonis 
Chii vita et fraqtnentis 1836. Fr. Scholl, 
Rh. M. 32, 1 45 ff. 

5) Plut. Cim. 9 u. 16; de prof. in virt. 8. 

^) Schol. Arist. Pac. 835; die Fragmente 
gesammelt von Müller FHG. 11, 44—51. 



236 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

artiger Freigebigkeit dadurch verbindlich, dass er nach einem Siege jedem 
Bürger einen Krug Chierwein schickte.^) 

Achaios^) aus Eretria, jüngerer Zeitgenosse des Sophokles, den er 
aber, wie man aus den Fröschen des Aristophanes schliessen muss, nicht 
überlebte, brachte 44 Stücke zur Aufführung, erlangte aber nur 1 Sieg; 
einen Namen hatte er im Satyrdrama. ^) 

Neophron aus Sikyon gehört der gleichen Periode an, wenn wirk- 
lich seine Medea Vorbild für Euripides war oder Euripides seine Medea 
unter Neophrons Namen aufführen Hess. Suidas, der im übrigen ihn mit 
Nearchos, einem Tragiker aus der Zeit Alexanders, verwechselt, legt ihm 
120 Tragödien bei und schreibt ihm die Neuerung zu, Pädagogen*) und die 
Folterung von Sklaven in die Tragödie eingeführt zu haben. 

Xenokles trug im Jahre 415 mit der Tetralogie Oldmovg, Avxdon\ 
Bäxxccf, 'A^dfüiag den Sieg über Euripides davon, worüber sich die Freunde 
des Euripides skandalisierten, wohl mit Recht, da ihn und seine Sippe 
Aristophanes, gewiss kein Freund des Euripides, als erbärmliche Dichter 
verspottet.-^) Sein Vater, Karkinos, war von Akragas nach Athen über- 
gesiedelt und trat in Athen als Tragödiendichter und Tänzer auf; sein 
Sohn, Karkinos, gleichfalls Tragödiendichter, ^) stand am Hofe des jüngeren 
Dionysios in Ehren. 

175. Agathon,^) Sohn des Tisamenos^) aus Athen, mehr bekannt 
durch die witzige Charakteristik, welche Aristophanes in den Thesmophoria- 
zusen von ihm entwirft, und die Rolle, welche er in Piatons Gastmahl 
spielt, als durch seine eigenen Werke. Er blühte in den letzten Dezennien 
des 5. Jahrhunderts; 416 gewann er den Sieg an den Lenäen,^) dessen 
Feier Piaton Anlass zu dem erhaltenen Symposion bot. Durch seine feinen 
und eleganten Manieren mehr wie jeder andere zum Hofmann geeignet, 
folgte er bald nachher mit seinem Liebling Pausanias einer Einladung des 
Königs Archelaos nach Makedonien, wo er wieder mit seinem älteren 
Genossen Euripides zusammentraf.^^) Zur Zeit als dieser starb, weilte er 
noch in Pella, was Aristoph. Ran. 82 mit den Worten oi'x^Tai eg fxaxccQayv 
€i>(i)Xiai> andeutet. Aber nach Athen scheint er nicht mehr zurückgekehrt 
zu sein, wie man aus den Worten des Scholiasten zu jener Stelle ent- 
nehmen muss. Die Kunstrichtung des Agathen entsprach ganz seinem I 
geschniegelten und gebügelten Äussern; in der Sprache ahmte er die ge- 
suchten Antithesen des Gorgias nach;i>) in der Musik liebte er die süss- 



^) Ath. 3 f. als Vater des Tragikers Akestor genannt; das 

^) Uelichs, Achaei Eretriensis quae veranlasste Müllee-Stkübing, Aristoph. und 

die bist. Kritik 562 f. zu kühnen Hypothesen. 
^) Ath. 172a; dazu stimmen die langen 
Nächte in Plat. Symp. 223 c. 

^^) Nette Anekdote von Euripides, der den 
schönen, aber schon 40jährigen Agathon beim 
Gelage küssen will, bei Aelian V. H. XIII, 4. 
^') Schol. ad Luc. rhet. praec. 11. Bei 
Aelian V. H. XIV, 13 sagte er witzig zu 
einem, der die Antithesen aus seiner Rede 



super sunt collect n et ülustrata, Bonn 1834 

3) Diog. II, 133. 

^) Ein Pädagoge tritt in der Medea auf. 

■^) Arist. Thesm. 169 u. 441, Ran. 86; 
vgl. Vesp. 1501, Nub. 1261. 

'^) Suidas erwähnt von ihm 160 Dramen, 
aber nur 1 Sieg. 

') RiTSCHL, De Aqathonis tragici aetate, 
1829,' jetzt in Opusc. I, 411 ff.; Welckeb, 



Gr. Trag. 981 ff. ! entfernen wollte: 'AsX7]i)^cig aavrdv rov 'Jyd- 

^) Suid.; Schol. Arist. Ran, 83; Ceamee, j &Mva ix tov l^ydffojrog K(pc<riC(oy. 
Anecd. Oxon. IV, 269. Tisamenos wird auch | 



C. Drama. 2. Die Tragödie, e. Die übrigen Tragiker. (§ 175—176.) 237 



liehen Triller, so dass die 'AyäO^on'oq avXtjaig sprichwörtlich wurde; ^) seine 
Chorgesänge sanken zu einem blossen Ohrenschmaus herab und hatten 
nur noch die Bedeutung von musikalischen Zwischenspielen {si^ißoXiiaajJ) 
Im Inhalt wagte er die grosse Neuerung, zu seiner Tragödie 'JvOog die 
Fabel ganz frei zu erfinden."^) Übrigens fand er mit seiner feinen, geist- 
reichen Art vielen Anklang; insbesondere hat Aristoteles für ihn fast nur 
Worte der Anerkennung. 

176. Mit dem Tode des Euripides und Sophokles verödete die tra- 
gische Bühne. Es lebten zwar noch im 4. Jahrhundert Dichter genug, 
welche für die Bühne schrieben und die Aristoteles der Beachtung wert 
hielt; aber die Trift der tragischen Muse war abgepflückt, und da das 
Hinübergreifen auf historische und rein fingierte Stoffe keinen Anklang fand, 
so bewegten sich die Tragödiendichter wesentlich in dem Geleise der alten 
Fabeln und hatten ihre liebe Not, den vergriffenen Stoffen durch Änderung 
in Kleinigkeiten, wie des Ortes oder der Erkennungsweise, irgend eine 
neue Seite abzugewinnen;'^) nur selten glückte es einem Dichter mit einer 
ganz neuen Tragödie zu debütieren, fand dann aber auch aussergewöhn- 
lichen Beifall, wie Astydamas mit seinem Parthenopaios. Leichte und 
elegante Handhabung der Sprache war damals eine sehr verbreitete Kunst 
und die Tragiker verstanden sich auf dieselbe um so mehr, als sie meist 
aus der Schule von Rhetoren hervorgegangen waren; aber die geschickte 
Mache und die geistreichen Metaphern vermochten nicht den Mangel an 
Naturwahrheit und warmer Empfindung zu ersetzen. Drei Dinge waren 
es insbesondere, welche diese Periode der Nachblüte der tragischen Kunst 
charakterisierten. Erstens wurde es üblich, auch an den grossen Dionysien 
neben neuen Tragödien auch alte zuzulassen; die neuaufgefundenen Didas- 
kalien CIA. II, 973 zeigen uns, dass in den Jahren 341 — 339 regelmässig eine 
alte Tragödie den neuen Tragödien vorausging. Zweitens begann das 
Publikum Aufmerksamkeit und Beifall fast in höherem Grade der Schau- 
spielerkunst als den Dichtern und den Texten zuzuwenden,'') so dass der 
Schauspieler in den Didaskalien genannt und für die Schauspieler ein be- 
sonderer Wettkampf eingerichtet wurde. ^) Drittens kam die Unnatur von 
Dramen, die zum Lesen {ccrayvcoaTixä), nicht zum Spiel auf den Brettern 
[ayu)via%i7ca) bestimmt waren, auf; ') speziell hat, wie wir aus Aristoteles 
Rhet. III, 12 erfahren, Chairemon solche Lesetragödien, wie Likymnios 
derartige Dithyramben gedichtet. Weniger berührte die Kunst und das 
Wesen des Dramas der äusserliche Umstand, dass seit dem 4. Jahrhundert 
Athen aufhörte, einzige Pflegestätte der dramatischen Kunst zu sein, und 



') Suidas und Hesychius unter ^Jydl^M- 
vog avX.; Plut. Symp. III, 1. 

2) Arist. Poet. 18. 

'•") Arist. Poet. 9. 

"*) Arist. Poet. 13: tjqiotov ol TioirjTcu 
Tovq Tv^oi^Tag uvx^ovg ccnriQiS^fxovv, vvv tFf 
tjeqI öllyag otxiag cd TQay(üdica avvxi&evxca, 
oioy ntgl 'JXxfjaioji^a xal Oid'movv xccl Oge- 
ajv.v xcd MeXeaygoi' xcd Qvioiijy xal Tij}.€g)oy. 

^) Arist. Rhet, III, 1 ; fAeiCoy dvyayrai 



VW TODv noi^]Hi)v ov vnoxQiTca, 

®) Plut. Vit. dec. orat. 841 e, Alciphron 
ep. III, 48; vergl. Müller, Gr. Bühn. 321). 
Berühmte Schauspieler waren damals Polos, 
Theodoros, Aristodemos, Neoptolemos, Ai- 
schines. Vgl. Welckek, Gr. Tr. 911 ff. 

') Schon in Aristophanes Fröschen V. T);*. 
liest Dionysos während des Feldzugs auf 
dem Kriegsschiff für sich die Audromeda 
des Euripides. 



238 



Crriechische Litteraturgeschiclite. I. Klassische Periode. 



dass auch in Syrakus, Korinth, Argos, Pherä, Megalopolis und anderen 
Städten Tragödien aufgeführt wurden.^) 

Von Dichtern werden aus der Wende des 5. Jahrhunderts genannt 
Kritias und Theognis, die beide zu den 30 Tyrannen gehört hatten, 
und Meletos. der als Ankläger des Sokrates eine traurige Berühmtheit 
erlangt hat.-) Nur zum Gespötte diente Dionysios der Altere, Tyrann 
von Syrakus, der auch als Dichter glänzen wollte^) und sogar in Athen 
kurz vor seinem Tod (367) mit einer Tragödie ''Emogog Xvtqu den ersten 
Preis gewann.*) Dem 4. Jahrhundert gehörten ferner an: Astydamas, Sohn 
des Tragikers Morsimos, der anfangs den Rhetor Isokrates hörte, sich aber 
dann zur Tragödie wandte. Ein ausserordentlich fruchtbarer Dichter (Suidas 
legt ihm 240 Tragödien bei) erfreute er sich zugleich einer grossen 
Gunst des Publikums; er trug 15 Siege davon ''^) und erhielt ob seines 
Parthenopaios die Ehre einer Statue. Die Kunst des Vaters vererbte sich 
auf seinen Sohn, den jüngeren Astydamas. Theodektes aus Phaseiis in 
Lykien, Schüler des Piaton und Isokrates, war gleich angesehen als Redner 
und Tragiker. Ein schöner und gewandter Mann war er in den Kreisen 
der Platoniker, namentlich von Aristoteles, gern gesehen; auch am Hofe 
der Artemisia stund er in Ehren und ward nach Halikarnass berufen, um 
dem Mausollos die Leichenrede zu halten (352). <^) Gestorben ist er in 
Athen im Alter von 41 Jahren; an der heiligen Strasse nach Eleusis stand 
sein grossartiges Grabdenkmal, auf dem er sich rühmte bei 13 Wettkämpfen 
8 Siegeskränze davongetragen zu haben. '^) Ausser Tragödien hatte er Reden 
und eine berühmte itjvrj ^rjroQixr'j geschrieben.^) Moschion, ein oft auf- 
gezogener Gourmand, griff nochmals zur politischen Tragödie zurück in 
seinem Themistokles und seinen Pheräern,^) von welchen Dramen das erste 
den Tod des Themistokles behandelte, das zweite sich auf den Unter- 
gang des Alexander von Pherä bezogen zu haben scheint. Sonstige 
Tragiker unserer Periode waren Chairemon, Verfasser von Lesetragödien 
und eines aus verschiedenen Versen zusammengesetzten Gedichtes KtvravQog, 
Polyeidos, der nach Arist. Poet. 17 eine neue Lösung der Wiedererkennung 
der Iphigenie ersann, Karkinos der Jüngere, Dikaiogenes, Aphareus, 
Kleainetos, die Kyniker Diogenes von Sinope und Krates, Anti- 
phon, Python u. a. 



') Müller, Gr. Bülm. 376 ff. In Syra- 
kus, wo Epicharmos lebte und Aischylos 
seine Perser aufführen liess, gab es gewiss 
schon früher ein Theater. 

'^) Meletos war Verfasser einer Oidi- 
7i6(^£i((. Der Scholiast zu Plat. Apol. 18b 
nennt ihn TQayMÖ'iag cfccvXoq noiijir/g; vgl. 
Welcker, Gr. Trag. 970 ff. 

^) Nach Suidas hat er Tragödien und 
Komödien gedichtet und demnach die For- 
derung des Sokrates in Plat. Symp. extr. 
erfüllt; aber die Komödien werden bezwei- 
felt, s. Welcker, 1229. 

4) Tzetzes, Chil. V, 180; nach dem- 
selben Chi]. V, 185 spottete er in einem 
Drama über Piaton. Eine Darstellung aus 



der Tragödie von Hektors Lösung findet sich 
auf einem Wandgemälde von Pompeji; s. 
Baumeister n. 1949. 

^) Einen Sieg, vielleicht den ersten, er- 
wähnt die parische Chronik zu 373; vergl. 
Welcher, 1052 ff.; den Sieg mit dem Par- 
thenopaios bezeugt CIA. II, 973. 

^) Gellius X, 18. 7 spricht von einer 
Tragödie Mausolus. 

') Steph. Byz. u. 'f>«ai]kig, und Paus. 
I, 37. 3. 

^) Daher von Cicero Or. 51 artifex ge- 
nannt; auf dieses Handbuch scheinen auch 
die QEo^ixreici des Aristoteles Bezug zu haben ; 
vgl. Spenoel, Artium scrii'tiores p. 108. 

'') RiBBEOK, Rh. Mus. 30, 147 ff. 



C. Drama. 3. Die Komödie, a. Die Anfänge der Komödie. (§ 177--178.) 239 



3. Die Komödie.^ 

a. Die Anfänge der Komödie in Griechenland und Sikilien. 

177. Die Komödie lässt Aristoteles, wie wir oben § 127 sahen, von 
den Vorsängern der Phallosiieder {dito tmv i^aQxovTMV rd (faXhxd) ent- 
standen sein. Solche Aufzüge von Phallosträgern {cfaXXocpoQoi), die mit 
einem grossen Phallos, dem Symbol der Zeugungskraft des Naturgottes, 
umherzogen, fanden an vielen Orten statt. Von ihrem Brauch an den 
ländlichen Dionysien gibt uns Aristophanes in den Acharnern 259 ff. ein 
anschauliches Bild. 2) In Lindos auf Rhodos zog nach Athen, p. 445 schon 
zur Zeit der Sieben Weisen Antheas in bacchischem Anzug, gefolgt von 
phallostragenden Genossen in dem Lande umher, den nachfolgenden Seh warm- 
gesellen lustige Verse vorsingend. Genauer beschreibt uns Semos bei 
Athen, p. 622 aus späterer Zeit solche Aufzüge in Delos: die Phallophoren 
ziehen zuerst im raschen, iambischen Takt in die Orchestra ein; dann laufen 
sie auf die Einzelnen zu und überschütten dieselben mit Spottversen. 
Ähnlich war die von Herodot V, 83 geschilderte, in Aegina heimische 
Feier der Fruchtgöttinnen Damia und Auxesia, von der die Spottverse in 
Aristophanes Fröschen 416 ff. ein Abbild geben. ^) Verwandter Natur waren 
die Spässe der Deikelisten in Sparta, die mit Geberden und Worten bald 
einen fremden Quacksalber, bald einen Krautdieb nachahmten, ^) die Scherze 
der vermummten Hirten in Sparta und Sikilien,^) die komischen Gesänge 
der Hilaröden und Magöden in Unteritalien. ^) 

178. Aus diesen volkstümlichen Schwänken und Neckereien sind die 
verschiedenen Arten der komischen Muse hervorgegangen. Die Komödie 
knüpfte zunächst an die Phallika an; denn sie war und blieb mit dem 



^) Von den Alten handelte Aristoteles 
im 2. Buch der Poetik von der Komödie, 
woraus verzettelte Reste auf uns gekommen 
sind, die J. Bernays, Zwei Abhandlungen i 
über die arist. Theorie des Dramas 133 ff. j 
ins rechte Licht gestellt hat. Ausserdem i 
schrieb der Peripatetiker Chamaileon tisqI ' 
xojfXMMug in mindestens 6 B., und beschäf- 
tigten sich in Alexandria Lykophron, Era- 
tosthenes, Eumelos, Aristophanes Byz., Ari- 
starch mit der Komödie. Der Krateteer Hero- 
dikos schrieb Kw^mögv^aev«, die den 7'^«- 
yMÖovfisi'K des Asklepiades entsprochen zu 
haben scheinen. Erhalten sind uns aus rö- 
mischer Zeit mehrere, den Aiistophanes- 
scholien vorausgeschickte Traktate, nämlich 
Platonios ix tmp 71€qI diacpoQccg xio/xa)diüjp 
(I) und 7J€Qi diacpogag )(aQCiXTr]QO)v (II), ferner 
ein Anonymus tieqI xiOfxoiSiag (III) mit wert- 
voller Charakteristik der Dichter (Neudruck 
von Studemund in Philol. 46, 13), endlich 
Andronikos neQi rd^scog noirjXMv (X). — Aus 
dem Mittelalter stammen die Verse desTzETZES, 
TTSQi xiüf^io&iag und dessen Prolegomena in 
Äristophnnem (ed. Keil in Ritschl, Opusc. 
I, 197 ff.), womit das Scholium Plautinum, 
neu bearbeitet von Studemund, Phil. 46, 



1 — 26, zusammenhängt. — Neuere Bearbei- 
tungen: Bekgk, Commentationes de reliquns 
comoediae atticae antiquae, Lipsiae 1838; 
Aug. Meineke, Historia critica comicorum 
graec, Berol. 1839, 5 vol., Hauptwerk; der 
erste Band enthält die Litteraturgeschichte 
der Komödie, die übrigen die Fragmente; ed. 
minor., Berol. 1847, 2 vol.; Comicorum atii- 
corum fragm. ed. Kock, Lips. 1880 — 8, 3 Bde. ; 
KANNEGIESSER, Die alte kom, Bühne in Athen, 
Bresl. 1817, geistvoll aber antiquiert: Du- 
meril, histoire de la comedie ancienne, Par. 
1869. - 

^) Entartet ist der von Schmeichelei 
überströmende Phallosgesang der Athener zu 
Ehren des vergötterten Demetrios bei Athen, 
p. 253, doch so, dass man auch da noch im 
Rhythmus und Ton die Spuren der alten 
dionysischen Spottverse erkennt. 

^ Von Phallophoren in Sikyon, der alten 
Heimat des Bocksgesangs, spricht Ath. 621. 

4) Ath. 621 d. 

^) Vgl. den Traktat neQL xrjg svQeasojg 
Tvüp ßovxoXixüjy vor den Theokritscholien. 

^) Ath. 621; vgl. Grysar, De Dorien- 
sitim comoedia, Colon. 1828. 



240 Crriecliische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

Kultus des Dionysos und seinen Festen aufs engste verknüpft. Ihre An- 
fänge sucht Aristoteles Poet. 3 bei den dorischen Megarern, den nisäischen 
im griechischen Festland und den hybläischen in Sikilien.O Im fest- 
ländischen Megara gab die Ochlokratie nach dem Sturze des Tyrannen 
Theagenes (um 600) dem Spott der Phallophoren freien Lauf;-) zur kunst- 
v^ollen Entwicklung ist aber der megarische Scherz {MsYaQixov axcofjifia) 
nicht gekommen; man sprach in Athen von ihm nur im Sinne von grober 
Posse und plumpem Einfall.") Eine Hauptfigur desselben war der Maison, 
worunter man sich die stehende Maske eines drolligen Koches zu denken 
hat.^) Nach Attika, und zwar nach dem Demos Ikaria, wo wir auch die 
Wiege der Tragödie fanden, verpflanzte die Komödie Susarion. Es sind 
uns von ihm noch 5 Verse, freilich von zweifelhafter Echtheit erhalten, 
worin er sich als Sohn des Philinos aus Megara einführt und die grosse 
Weisheit verkündet xal yccg t6 yfjfnat xal to /t/y yrjfxai xaxov. Die parische 
Chronik lässt ihn zwischen 581 und 562 in Ikara auftreten und als Sieger 
einen Korb von Feigen und eine Amphora Wein davontragen. Aber die 
Stegreifwitze [amoaxeSiäai-iaTa) dieses alten Lustspiels zogen nicht in glei- 
chem Grade wie die Anfänge der Tragödie die Aufmerksamkeit der Gebil- 
deten und der Stadt auf sich. So blieb, wie Aristoteles sagt,'^) die Komödie 
verborgen, und dauerte es an 100 Jahre, bis in Athen von Staats wegen 
Wettspiele für Komödiendichter eingerichtet wurden. 

179. Inzwischen waren schon in Sikilien die Keime der dorischen 
Komödie aufgegangen und hatte bereits Syrakus neben Phormis und 
Deinolochos ^) den grossen Dichter Epicharmos'') hervorgebracht. Der- 
selbe stammte aus Kos, war aber schon als Knabe nach Megara in Sikilien 
und später nach Syrakus gekommen, wo die Tyrannen Gelon und Hieron 
den Glanz ihrer Herrschaft durch musische und theatralische Festspiele zu 
erhöhen suchten. Seine philosophische Bildung gab sich in vielen weisen 
Sprüchen kund, so dass die Pythagoreer die Fabel aufbrachten, er habe 
ehedem zu ihrem Bunde gehört und sei erst später zur Komödie über- 
getreten.^) Suidas setzt ihn 6 Jahre vor die Persika, d. i. 486, was wohl 



^) Aspasios zu Arist. Eth. Nie. IV, 6 
nennt die Megarer Erfinder der Komödie; 
vgl. Anth. XI, 32. Wilamowitz, Die mega- 
rische Komödie, Herrn. 9, 319 ff. will die 
megarische Komödie auf Witze attischer 
Komödiendichter reduzieren. 

2) Flut. Quaest. gr. p. 295 d; Anth. XI, 
440. 

•') Aristoph. Vesp. 57 ; Eupolis in den 
Scholien z. St.; Ekphantides bei Aspasios a. 0. 

^j Aristophanes Byz. bei Ath. 659; Mei- 
NEKE I, 55 f. 

■') Arist. Poet. 5 : i) de xMfXiodici dia ro 
fxr] anovdd^sa&ca e^ (<QXV^ e^aS^ey ' xcd yuQ 
'/oQw y.üjjutoÖMP otps noT€ 6 ccQ/ioy tdcoxey. 
aXk^ i&eXopTul TJaay ' ijdrj 6s a/TJ/uard nva 
(cvirjg iyovatjg oi 'Asy6fj.svoi (wr^g 7ioit]rtd 
^vrifxovsvovTca. Suidas u. ^Enl/aQ^og nennt 
aus jener älteren Zeit die Namen Euetes. 
E u X e n i d e s , M y 1 1 o s ; der letzte steht auch 



bei Diomedes p. 488, 24 K. 

^) Der von Epicharraos in Logos und 
Logina erwähnte Dichter Aristoxenos war 
wahrscheinlich kein Komiker, sondern ein 
lambograph. 

"') Über Epicharmos ein Artikel dos 
Suidas und Diog. 8, 78. Lorenz, Leben u. 
Schriften des Koers Epicharmos, Berl. 1864; 
Leop. Schmidt, Quaestiones Epicharmene, 
Bonn. 1846. Die Fragmente gesammelt von 
Ahrens, De gr. ling. dial. t. II im Anhang. Ein 
neues Bruckstück aus dem 'Odvaaevg aino- 
IxoXog gefunden von Gomperz, Mitteil, aus 
der Sammlung der Papyrus des Erzherzogs 
Eainer, Bd. V; wozu vgl. Blass, Jahrb. f. 
Phil. 139 (1889) S. 257 ff. 

^) Gedichte des Epicharmos mit pytha- 
goreischer Weisheit hat Euripides benützt, 
nachgewiesen von Wilamowitz, Eur. Herakl. 
I, 29 f. 



C. Drama. 3. Die Komödie, a. Die Anfänge der Komödie. (§ 179 180). 241 



mit seiner Übersiedelung nach Syrakus zusammenhängt. Bei unge- 
schwächter Geisteskraft erreichte er das hohe Alter von 90 Jahren, ^j Das 
Andenken des Dichters ehrten die Syrakusaner durch ein ehernes Stand- 
bild, wozu Theokrit ein Epigramm dichtete. Seine Komödien, deren Zahl 
zwischen 36 und 52 schwankt, waren zum grösseren Teil mythologische 
Travestien, die sich, wie schon die Titel KvxXMifi, ^'A^xvxog, Bovaigig, ITqo- 
fia&svg zeigen, am meisten dem attischen Satyrspiel näherten. Da war 
im Busiris eine Hauptperson Herakles, wie er sich in den Vorratskammern 
des erschlagenen Unholdes gütlich that; da bildete in ''Hßag ycc/^wg den 
Mittelpunkt der Hochzeitsschmaus mit den leckeren Speisen von Fischen, 
Austern, Vögeln, Kuchen; da war in dem ''Hifaiaxog die Fesselung der 
Hera auf dem Throne dargestellt, weil sie aus Eifersucht dem Herakles 
Nachstellungen bereitet hatte. 2) Andere Stücke boten Bilder aus dem 
gewöhnlichen Leben, wie der Bauer {'ÄyqmaTtvog) und die Festbesucher 
(Osagoi), oder witzige Wettkämpfe und philosophischen Wortstreit, wie 
Aöyog xal Aoyiva und Av^avoiievog löyog.^) Geschrieben waren seine Lust- 
spiele im dorischen Dialekt der Syrakusaner; von Versen gebrauchte er 
ausser dem iambischen Trimeter insbesondere den trochäischen und ana- 
pästischen Tetrameter, den letzteren in zwei Komödien, den XoQsvovxsg 
und dem 'Enivixiog, durchweg;^) seine trochäischen Tetrameter hatten durch 
die häufigen Auflösungen der Längen einen ungleich bewegteren Charakter 
als die entsprechenden Verse des attischen Dramas. Mit der Raschheit des 
trochäischen und anapästischen Rhythmus paarte sich die Lebhaftigkeit der 
Aktion, so dass seine Komödien zu den fabulae motoriae gerechnet wurden, 
worauf sich der bekannte Vers des Horaz epist. H, L 58 bezieht: Plautus 
ad exemplar Skull properare Epidiarmi. Einen Hauptanziehungspunkt aber 
in den Gedichten unseres Epicharmos bildete die Fülle treffender Sentenzen,''^) 
weshalb Piaton Theat. 152 e ihn auf eine Linie mit Homer stellt. Ennius 
hat sein philosophisches Lehrgedicht, weil es mit Sentenzen des sikilischen 
Komikers angefüllt war, geradezu Epicharmus überschrieben. Das Stu- 
dium des Dichters erhielt sich noch lange bei Philosophen und Gram- 
matikern, von denen Apollodor aus Athen eine Ausgabe mit Kommentar 
in 10 B. veranstaltete;^) auf uns gekommen ist nur ein Trümmerhaufen 
von Fragmenten. 

180. In demselben Syrakus bildete sich im Anschluss an das volks- 
tümliche Possenspiel der Mimus aus.'^) Die ganze dramatische Dichtkunst 
beruht auf Nachahmung; Mimus aber hiess speziell die Nachahmung einer 
bestimmten Situation oder Person. Er unterschied sich also von der Ko- 
mödie dadurch, dass er des Chors entbehrte und keine Handlung zur 



') Von 90 Jahren nach üiog. 8, 78; 
von 97 nach Luc. Macr. 25. 

'-) Darauf ward ehedem das Vasenbild 
bei Wieseler, Theatergebäude Taf. 9, 14 
bezogen, während Wieseler selbst die Dar- 
stellung auf ein anderes Stück bezieht. 

^) J. Bernays, Epicharmos und der 
Av^avofxevog Xöyog, Ges. Abh. I, 109—117. 
Über die Verspottung des äschylischen Bom- 
bastes durch Epicharm s. Schol. ad. Aesch. 

Haiulbaoh dov klass, Altortiiniswisspuscliaft. VII. 2 



Eum. 626. 

^} Hephaestion c. 8. 

"'') Vielcitiert ist der Vers: racps y.Kt 

^') Porphyrios in Vit. Plotin. 24; wahr- 
scheinlich umfasste jedes Buch, oder rich- 
tiger jeder Tomos eine Tetralogie. 

^) Fuhr, De mimis Graecorum, Berlin 
1860. Im Altertum schrieb Apollodor einen 
Kommentar zu Sophion. 

Aufl. 16 



242 Griechische Litteraturgeschichte. I. Klassische Periode. 

Durchführung brachte. Der berühmteste Vertreter dieser Gattung war 
Sophron, von dem Suidas folgendes überliefert: „Sophron aus Syrakus, 
Sohn des Agathokles und der Damnasyllis, lebte zur Zeit des Xerxes und 
Euripides und schrieb i^iii^iovg ävÖQsiovg (wie ayysXog, ^vvvo^rjQag, y&QovTsg, 
dhsTg) und /iiifxovg yvraixetovg (wie axtargiai, vvix(fon6vog^ nsv^tqa^ ^lad^iiid- 
^ovaai); sie sind in Prosa, in dorischem Dialekt geschrieben; man sagt, 
dass der Philosoph Piaton immer mit ihnen verkehrte, so dass er sogar 
zuweilen auf ihnen schlief." Dem Piaton warfen seine Neider sogar vor, 
dass er in seinen Dialogen nur die Mimen des Sophron kopiert habe; in 
den Idyllen des Theokrit sind uns noch einige Nachahmungen erhalten, 
welche uns für den Verlust der Originale entschädigen müssen, i) Neben 
Sophron wird als Mimendichter sein Sohn Xenarchos aus der Zeit des 
Tyrannen Dionysios genannt. 2) 

b. Die altattische Komödie. 

181. Festen Boden und dauernde Heimstätte gewann die Komödie in 
Attika, dem Lande demokratischer Freiheit und geistreichen Scherzes. Doch 
kam dieselbe hier erst später zur Entfaltung und nahm, da das ältere Satyrspiel 
einen Teil